Hamburg, Staatsoper, "Il Barbiere di Siviglia", G. Rossini, IOCO

Hamburg, Staatsoper, "Il Barbiere di Siviglia", G. Rossini, IOCO
Ensemble ©Tanja Dorendorf
  1. Mai 2026

Die letzte Premiere der Spielzeit 2025/26 an der Hamburgischen Staatsoper war Rossinis komische Oper „Il Babiere di Siviglia“. Im Vorfeld gab es zwei Umbesetzungen: der neue GMD Omer Meir Wellber übernahm die Musikalische Leitung für Teresa Riveiro Böhm, und Lilly Jorstad sang die Rosina für die ursprünglich vorgesehene Raffaella Lupinacci.

Über 40 Opern hat Gioacchino Rossini (1792-1868) geschrieben, darunter Meisterwerke wie „Wilhelm Tell“, „Die Italienerin in Algier“ oder „Der Türke in Italien“. Seine erfolgreichste und am meisten gespielte Oper ist jedoch „Il Babiere di Siviglia“, den er 1816 als 24jähriger komponierte und mit dem ihm bei seiner musikalischen Umsetzung von Beaumarchais' humoresker Schauspiel-Vorlage ein wahrer Geniestreich gelungen ist. Sein Werk gilt als eines der bekanntesten Beispiele des Belcanto-Repertoires und glänzt durch originelle musikalische Ideen, eingängige Melodien, schnelle Arien, virtuose Gesangstechniken und originelle Situationskomik. Trotz ihres humorvollen Charakters enthält die Oper aber auch subtile soziale Anspielungen, etwa auf Macht und Klassenunterschiede.

Dialoge und der Spielfluss bieten hervorragende Möglichkeiten für Regie-Ideen, und davon hatte die Regisseurin Tatjana Gürbaca so einiges auf Lager, wenngleich bei manchen turbulenten Massenszenen die Grenzen zum Klamauk arg überschritten wurden. Aber das Premierenpublikum schien begeistert und sparte nicht mit Applaus und fröhlichem Gelächter.

Der Männerchor mit Jonah Hoskins/Almaviva und William Desbiens/Fiorello ©Tanja Dorendorf

Seinen Anfang nahm das Spektakel fast wie im Stil einer „Commedia dell'arte“, indem die Choristen, in weißer Unterwäsche gekleidet (Kostüme von Barbara Drosihn), hinter dem Vorhang hervorlugten und Graf Almaviva, im weißen Bademantel, durch den Zuschauerraum spazierte und von dort aus die Bühne ansteuerte. Begonnen wurde hier mit der ersten Szene, erst danach setzte die Ouvertüre ein.

Die Spielfläche auf der Bühne bildete ein breites Podest, nach links und rechts etwas abfallend, dahinter die Kulisse eines Treppenhauses, welche mal in Schieflage gerät oder auch heftig rotieren konnte (Bühne und Lichtregie von Klaus Grünberg).

Mit dem Auftritt des Figaro wurden den Solisten riesige weiße Lockenperücken übergestülpt. Der Auftritt Almavivas als Musiklehrer Rosinas im zweiten Teil wurde zur Yoga-Lehrstunde für Don Bartolo auf einer pinkfarbenen Trainingsmatte umgewandelt. Irgendwann suchte sich jeder der Wachsoldaten einen Partner zum Küssen aus, und so jagte ein Gag den nächsten. Manche dieser Capricen waren ganz lustig, andere wieder wirkten eher albern.

Das Ensemble ©Tanja Dorendorf

Als Figaro konnte der junge italienische Bariton Mattia Olivieri gefallen. Mit virilem Bariton meisterte er seine zungenbrecherische Auftrittsarie „Largo al factotum“ und war sichtlich bemüht, die Lebenslust und die Gerissenheit seiner Partie in jeder seiner Szenen temperamentvoll darzustellen und auszukosten.

Die Rolle des Grafen Almaviva war mit dem lyrischen Tenor Jonah Hoskins besetzt, einem schmächtigem jungen Mann mit einem hübschem Gesicht, jedoch wenig Bühnenpräsenz, einer zwar höhensicheren Stimme, die jedoch recht glanzlos, fahl, uninteressant klang und für ein Haus wie die Hamburger Staatsoper eine Nummer zu klein ist.

Auch für die Rosina der Mezzosopranistin Lilly Jorstad konnte man sich nicht so recht erwärmen. Zwar legte sie die Rosina als selbstbewußte junge Frau an, doch wirkte sie dabei recht uncharmant, und mit ihrer dunklen, durchaus koloraturgewandten Stimme produzierte sie im unteren Bereich unangenehm klingende, kehlige Töne.

Hellen Kwon/Berta, Johannes Martin Kränzle/Bartolo, Ilia Kazakov/Basilio, William Desbiens/Fiorello, und Jonah Hoskins/Almaviva ©Tanja Dorendorf

Johannes Martin Kränzle, der Senior unter den Protagonisten, war ein gar nicht so übertrieben buffonesk wirkender Dr. Bartolo, dem von der Regie zwar auch einige Slapstick-artige Aktionen zugemutet wurden, die er jedoch mit einer gewissen Würde vollzog. Mit ihm stand eine Persönlichkeit auf der Bühne, welche auch gesanglich in seinen Szenen sowohl in der kleinen Arie „Quando mi sei vicina“ als auch bei „A un dottor della mia sorte“ glänzen konnte.

Der Bass Ilia Kazakov ist eigentlich noch in guter Erinnerung als „Ruslan“ (Glinkas „Ruslan und Ludmilla“ im November 2025), als Basilio enttäuschte er an diesem Abend. Der Basilio ist eine Glanzpartie für jeden seriösen Bass, die Verleumdungsarie „La Calunnia“ ist stets eine der Höhepunkte des ersten Akts. Seine Darbietung entsprach nicht dem, was man in der Vergangenheit an der Hamburger Staatsoper als Basilio zu hören bekam. Bleibt zu hoffen, daß er noch in diese Partie „hineinwächst“. Auch optisch mit langen blonden Haaren, Brille und Anzug wirkte er eher wie ein Primaner.

Hellen Kwon ist ein verdientes Ensemblemitglied der Staatsoper, seit nunmehr 40 Jahren ist sie diesem Hause verbunden. Vor 30 Jahren war sie eine exzellente Rosina, sang in all den Jahren Partien von der Königin der Nacht über Butterfly bis Salome, und zuletzt die Knusperhexe. Nun debütierte sie als Berta und präsentierte humorvoll und durchaus eindrucksvoll die Arie vom alten Mann, der eine Frau sucht, „Il vecchiotto cerca moglie“.

Einen positiven Eindruck hinterließ der junge Bariton William Desbiens als schönstimmiger, spielfreudiger Fiorello. Auch der von Alice Meregaglia vorzüglich einstudierte Männerchor in Unterwäsche erfüllte willig seine teils grotesken von der Regie geforderten Aufgaben.

Ensemble, Schlußapplaus ©Wolfgang Radtke

Das Philharmonische Orchester unter der Leitung von GMD Omer Wellber bot „Rossini pur“. Es musizierte differenziert, temporeich im Einklang mit dem turbulenten Bühnengeschehen. Die Ouvertüre setzte mit schnellem, energischen Thema ein und bereitete die humorvolle Atmosphäre vor. In Rossinis genialer Komposition gibt es herrliche Szenen- und Arien-Einleitungen, lebhafte Duette, Terzette, virtuose Passagen und andere raffinierte Feinheiten, dynamische Szenen-Finali. Wellber, der neben seinem Dirigat auch noch zu den Rezitativen auf dem Hammerklavier improvisierte, geleitete das Ensemble umsichtig durch die vielen Klippen dieser anspruchsvollen Partitur.

Trotz einiger Buh-Rufe für Almaviva, Rosina, und auch für den GMD vermutlich wegen seiner Hammerklavier-Improvisationen, war die Zustimmung des fröhlich gestimmten Premieren-Publikums eindeutig.

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