Hamburg, Opernloft, "ZWISCHEN DEN GLEISEN", IOCO

Hamburg, Opernloft, "ZWISCHEN DEN GLEISEN", IOCO
©Wolfgang Schmitt Archiv
  1. Mai 2026

Bahnhöfe sind mehr als nur Knotenpunkte des Verkehrs, sie sind lebendige Schnittstellen zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Ein Bahnhof erzählt Geschichten. Wer hier wartet, gehört einer kurzen, oft stillen Gemeinschaft an: Reisende mit Koffern, Touristen mit Karten, Stadtplänen in der Hand. Der Bahnhof ist ein Ort der Begegnung: Fremde werden zu Nachbarn, wenn man ein Ticket löst, wenn man gemeinsam auf die Einfahrt des Zuges wartet, die Reise antritt. Eine Reise, die dort beginnt, wo Worte zu Musik werden, wo Abschiede sich in ein Wiedersehen verwandeln, und wo der Bahnhof zu einem stillen Zeugen wird. Und wenn der Zug endlich einrollt, ist es nicht mehr der Halt, sondern die Richtung, die zählt. Bahnhöfe sind auch Orte der Zuversicht, sie versprechen neue Ziele, neue Begegnungen, neue Geschichten, die darauf warten, erzählt zu werden.

Das Ensemble ©Inken Rahardt

Und so hat sich die Regisseurin und Hausherrin des Hamburger Opernlofts, Inken Rahardt, in ihrem neuesten Opern-Pasticcio „Zwischen den Gleisen“ eine eigene Bahnhofsgeschichte ersonnen, eine Geschichte über drei Paare, wie sie unterschiedlicher nicht sein können. Da ist die Schaffnerin Martha, die sich in den Reisenden Bill verliebt. Da ist der Betreiber der Currywurstbude namens Tevje, der sich in eine ankommende Migrantin verliebt, und da sind noch Lily, ein drogenabhängiges Punk-Mädchen, und Victor, ein Kleinkrimineller, der mit großer Geschicklichkeit dem Reisenden Bill und auch der armen Migrantin die Geldbörsen aus den Taschen stiehlt.

Untermalt wird diese phantasievolle Geschichte durch sage und schreibe 40 Opernarien, Liedern und Musical-Songs, einer wunderschönen Zusammenstellung, jeweils durchaus passend zur gerade stattfindenden Bühnenhandlung. Hochinteressant war diese Auswahl der Arien aus Opern, die hierzulande kaum oder gar nicht aufgeführt werden wie Giancarlo Menottis „Der Konsul“ oder „The Saint of Bleeker Street“, aber auch Opern wie Flotows „Martha“, Strawinskys „Rake's Progress“, Kurt Weills Musical „Marie Galante“, und Operetten von Robert Stolz und Leo Fall sucht man derzeit in den Spielplänen der Opernhäuser vergeblich.

Annika Westlund/Lily, Jeffrey Herminghaus/Victor unf Fredrik Essunger/Tevje ©Inken Rahardt

Die breite Bühne, von Claudia Weinhart entworfen, bildet den Bahnsteig mit Sitzbank und Tevjes Currywurstbude, im Hintergrund per Videoprojektion die ständig ein- und auslaufenden Züge. Almut Blanke kreierte die passenden Kostüme – eine Bundesbahn-Uniform für Martha, Punk-Klamotten für Lily, Springerstiefel für Victor. Die sechs Protagonisten traten auch als Durchgangsreisende auf mit Trenchcoats und ins Gesicht gezogenen Hüten, als am Ende des ersten Teils – typisch Bundesbahn – eine Lautsprecherstimme den Zugausfall wegen eines Stellwerkproblems verkündete und sie alle genervt ihre Smartphones zückten und schließlich in „Va pensiero“ aus „Nabucco“ einstimmten.

Claudia Weinhart/Bühne, Almut Blanke/Kostüme, Inken Rahardt/Regie, und Makiko Eguchi/Musikalische Leitung ©Wolfgang Radtke

Eingeleitet wurde der Abend jedoch mit „Music for a While“ aus Henry Purcells „Oedipus“, von Bogil Kim gesungen, gefolgt von der „Christl von der Post“, hier allerdings mit dem neuen originellen Text „Ich bin die Martha von der Bahn“ versehen. Diese quirlige, temperamentvolle Martha war die junge lyrische Sopranistin Marlene Mesa, die im weiteren Verlauf noch u.a. als Freischütz-Ännchen, „Kommt ein schlanker Bursch gegangen“, mit „No Word from Tom“ aus „The Rake`s Progress“, mit dem swingenden Song „Chattanooga Choo Choo“, und schließlich mit dem augenzwinkernden „Bill“ aus Jerome Kerns Musical „Show Boat“ glänzen konnte.

Bogil Kim/Bill und Marlene Mesa/Martha ©Inken Rahardt

Der Sopranistin Tamara Felk, als Migrantin Margarethe im bunten Folklore-Kostüm, war Aidas Arie „Oh patria mia“ zugedacht, auch gefiel sie in der gefühlvollen Arie „Durch die weiten Felder“ aus Franz Lehars Operette „Wo die Lerche singt“, sowie mit der dramatisch angelegten Arie „To this we've come“ aus Menottis „Konsul“, und besonders gegen Ende mit Rachmaninoffs „Vocalise“.

Der lyrische Tenor Bogil Kim setzte Highlights mit den Arien „I know that you all hate me“ aus Menottis „Saint of Bleeker Street“, „Ach so fromm“ aus Flotows „Martha“, und „Pourquoi me reveiller“ aus Massenets „Werther“, ebenso im Duett mit Martha, „Zwei Herzen im Dreivieteltakt“ aus der Robert-Stolz-Operette „Der verlorene Walzer“, während Fredrik Essunger mit hohem Bariton zunächst komödiantisch als Tevje mit „Wenn ich einmal reich wär'“ aus „Anatevka“ das Publikum begeisterte. Später umgarnte er seine Angebetete Margarethe mit dem Pop-Song „Practical Arrangement“ und sang gemeinsam mit ihr das Duett „Weißt du es noch“ aus Kálmáns „Csárdásfürstin“, wobei es leider für diese Beiden kein 'Happy End' gab. Gegen Ende des Abends durfte er dann noch sein „Largo al factotum“ aus Rossinis „Barbier von Sevilla“ mit lustiger Textvariante als ein Hoch auf die Currywurst zum Besten geben.

Fredrik Essunger/Tevje und Tamara Felk/Margarethe ©Wolfgang Radtke

Besonders starke Akzente konnten der Bariton Jeffrey Herminghaus als Kleinkrimineller und später als Soldat, und die Mezzosopranistin Annika Westlund als Lily setzen. Mit ihrem dunklen Stimmtimbre beeindruckte diese gleich zu Beginn in dem Song „Youkali“ aus Kurt Weills Musical „Marie Galante“, später dann mit „Losing my Mind“ aus Stephen Sondheims „Follies“, und dem Protestsong „Bella Ciao“. Besonders anrührend war ihre letzte Arie „When I am laid to Earth“ aus Purcells „Dido und Aeneas“ während ihrer Sterbeszene, nachdem sie eine Überdosis Rauschgift konsumiert hatte. Auch solche Tragik gibt es an Bahnhöfen.

Jeffrey Herminghaus/Victor und Annika Westlund/Lily ©Inken Rahardt

Jeffrey Herminghaus als intensiver Darsteller des Ganoven Victor hatte starke Momente als Alfio mit seiner Arie „Il Cavallo scalpita“ aus „Cavalleria rusticana“, später als einrückender Soldat mit Valentins Arie „Avant de quitter ces lieux“ aus Gounods „Faust“, sowie mit dem durch Marlene Dietrich berühmt gewordenen Pete Seeger-Song „Sag mir wo die Blumen sind“, und schließlich mit dem populären Hit aus dem Film „Love Story“, „Where do I begin“.

Das Ensemble beim Schlußapplaus ©Wolfgang RadtkeWol

Mit dem Schlager „Es fährt ein Zug nach Nirgendwo“, und dem Lied „Irgendwo auf der Welt“ aus dem UFA-Film von 1932, „Ein blonder Traum“ (mit Lilian Harvey und Willy Fritsch) ging dieser unterhaltsame, spannende und musikalisch grandiose Abend zu Ende. Nicht enden wollende Ovationen gab es für die gesanglich hervorragenden sechs Solisten, fürs Regieteam, und besonders auch für die musikalische Leiterin Makiko Eguchi am Flügel, und für ihre beiden Musiker, den Violinisten André Böttcher und den Cellisten Miguel Millanao für deren großartige Leistungen.

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