Mannheim, OPAL, Oper am Luisenpark, NABUCCO – Giuseppe Verdi, IOCO
Mit einer bildgewaltigen und musikalisch packenden Neuinszenierung von Verdis „Nabucco“ überzeugt das Nationaltheater Mannheim. Zwischen Holocaust-Metaphern, Freiheitssehnsucht und überwältigendem „Va, pensiero“ entfaltet sich ein bewegendes Opernerlebnis voller politischer Sprengkraft.
von Uschi Reifenberg
Nationaltheater Mannheim Neuinszenierung NABUCCO in der Oper am Luisenpark, OPAL, Premiere am 25.04.2026
NABUCCO
Dramma lirico in vier Teilen von Giuseppe Verdi (1813-1901)
Libretto von Temistocle Solera (1815-1878)
Der ewige Traum von Frieden und Freiheit
Mit einer musikalisch und szenisch bewegenden Neuinszenierung von Verdis Frühwerk „Nabucco“ überzeugte das Nationaltheater Mannheim und präsentierte eine bildstarke und politisch brisante Produktion mit utopischem Potenzial.
Die alttestamentarische Geschichte um die historische Figur des babylonischen Herrschers Nebukadnezar II. (605–562 v. Chr.) erzählt die Gefangennahme der Hebräer durch die Babylonier, die Zerstörung ihrer Kultur, ihre Befreiung durch Nabucco sowie den Sieg ihres Glaubens.
1842 in Mailand mit großem Erfolg uraufgeführt, bedeutete Nabucco für Verdi nach Jahren persönlicher Niederlagen den Beginn seiner beispiellosen Karriere als italienischer Opernkomponist, Nabucco avancierte zur Befreiungsoper schlechthin. Das Werk stellt die großen Themen von Macht, Krieg, Glauben und Liebe ins Zentrum und zeigt die Läuterung eines zunächst machtgierigen, verblendeten Despoten zum milden und mitfühlenden Herrscher. Verwoben mit dem kriegerischen Geschehen sind die familiären Streitigkeiten von Nabuccos verfeindeten Töchtern, Fenena und Abigaille, die beide um die Liebe von Ismaele kämpfen. Fenena, von Ismaele geliebt, wird von den Hebräern zunächst als Geisel genommen, tritt dann aber zum jüdischen Glauben über. Abigaille, die machtbesessene illegitime Tochter Nabuccos, erkennt ihre Verbrechen und wählt am Ende den Freitod.
Nabucco als Werk der Polaritäten bezieht seine dramatische Kraft aus der Gegenüberstellung extremer politischer Ideologien und Religionen: zwei Völker, zwei Schwestern, ein König, der zwischen Hybris und Wahnsinn changiert, zwei Götter, Jahwe und Baal. Vor allem besticht Verdis Musik durch kontrastreiche Darstellung zwischen hochexpressiver Dramatik und lyrischer Innerlichkeit.
Größter Magnet der Oper bis heute ist der Gefangenenchor „Va, pensiero, sull'ali dorate“ (Flieg, Gedanke, auf goldenen Flügeln), in dem die Sehnsucht der vertriebenen Hebräer nach ihrer Heimat schmerzlichen Ausdruck findet. Dieser Gesang entwickelte sich nach und nach zur heimlichen italienischen Nationalhymne des von den Habsburgern besetzten Italien und stilisierte Verdi zur Identifikationsfigur des „Risorgimento“.
Der Regisseur Christian von Götz zeigt in „Nabucco“ am Beispiel der jüdischen Bevölkerung eine durch Kriege und Gefangenschaft versehrte Menschheit, ihre immerwährende Sehnsucht nach einem Leben in Frieden und Freiheit, und legt den Fokus auf die 2500-jährige Leidensgeschichte der Juden in Osteuropa, die in unausweichlicher Konsequenz in die Katastrophe des Holocaust mündet. Als Zeugin dieses „größten Verbrechens der Menschheit“ fügt Götz dem Bühnengeschehen eine zusätzliche Figur hinzu, die „Frau mit der Asche“. Sie trägt in einer kleinen Urne die Asche ihres toten Söhnchens mit sich, die ihr immer wieder entweicht und die sie panisch wieder zusammenliest. In herzzerreißender Anklage spricht sie zwischen einzelnen Szenen auf Jiddisch Texte des polnischen jüdischen Tischler-Poeten Mordechai Gebirtig, der 1942 im Krakauer Ghetto ermordet wurde. Sein Buch „Es brennt“ nimmt antizipatorisch Bezug auf den kommenden Horror. Die Flammen der Vernichtung werden von Regisseur Götz leitmotivisch eingesetzt und eröffnen auch das Bühnengeschehen.
Stark beeindrucken die opulenten Bühnenbilder von Lukas Noll, die Lichtregie von Nicole Berry und Florian Arnholt sowie die fantasie- und prunkvollen Kostüme von Sarah Mittenbühler. Das Kollektiv der gefangenen Hebräer befindet sich zu Beginn in einer riesigen Bibliothek, Sinnbild für das geballte jüdische Wissen. Sie lesen und verpacken Bücher in Kisten, die sowohl Trümmer als auch Särge darstellen. Bilder aus dem Warschauer Ghetto flimmern über die Buchreihen, ein Benzinkanister wird von Abigaille bedrohlich geschwungen und als Waffe – am Schluss auch gegen sich selbst – eingesetzt, Rauchschwaden wabern auf, die Bibliothek wird Opfer der Flammen. Den einheitlich orthodox schwarz gekleideten Hebräern, die jüdische Symbole mit sich führen, stehen die in Gold und Weiß gewandeten Babylonier gegenüber, der Auftritt Nabuccos ist an Pomp nicht zu überbieten, er bricht fast zusammen unter der Last seines prunkvollen Ornats, eine treffende Symbolik. In seinem Gefolge umschwärmen ihn futuristisch anmutende, hell gekleidete Schlangenmenschen, die mit Messerkrallen Angst und Schrecken verbreiten. Freddy Krueger lässt grüßen. Baals Götzenbild wacht als riesiges, steinernes Gesicht von Paul Wegener in seiner Stummfilm-Rolle als Golem über der Szene, darunter eine halbrunde Mauer, über der das Postulat prangt: „Glaubt an Baal“. Der Golem zerfällt, wenn Nabucco, nach seiner geistigen Verwirrung hellsichtig geworden, seine Konversion zum Judentum vollzieht, Jahwe als seinen Gott wählt und die Hebräer befreit werden.
Das hochkarätige Sängerensemble, Dirigent, Orchester und Chor sorgten für pures Verdi-Glück: Begeisterten Applaus erhielt zurecht der hervorragende Chor, unter der Leitung von Alistair Lilley, der großformatig und stimmstark seine besondere Klasse bewies und Nabucco als Choroper alle Ehre machte. Mit variabler Dynamik, wunderbar homogen, stimmten die ChorsängerInnen – zunächst auf dem Boden liegend – im Piano den Unisono-Gesang „Va, pensiero“ an und ließen den Klang – sich langsam erhebend – mächtig anschwellen.
Janis Liepinš am Pult des Nationaltheater Orchesters sorgte für eine facettenreiche Ausgestaltung der melodisch reichen Partitur und formte einen idiomatischen Verdi-Klang. Mit sakraler Andacht, bestens balanciert, eröffnete der Posaunen-Choral in der Ouvertüre, kontrastiert von kraftvollen Blechbläser-Attacken, federnden Rhythmen und dem fein phrasierten „Va, pensiero“-Holzbläser-Thema. Die tänzerischen, zündenden Rhythmen steigerten Dirigent und Orchester temperamentvoll mit vorwärtsdrängendem Zug, die dynamischen Kontraste wurden effektvoll, „con brio“ dargestellt, was die brillante Schlusswirkung der Ouvertüre unterstrich. Hervorzuheben sind die besonderen Soli der Celli sowie der Soloflöte.
Allen voran Csilla Boross in der halsbrecherischen Rolle der Abigaille, berüchtigt als schwierigste Sopranpartie Verdis. Gefordert wird ein dramatischer Sopran mit einem Umfang von über zwei Oktaven. Die Partie ist gespickt mit allen nur denkbaren Herausforderungen: weite Intervallsprünge, Geläufigkeit, dramatische Spitzentöne, Leichtigkeit, innige Pianokultur. Csilla Boross bewältigte diese Partie ohne Mühe, teilte sich ihre Kräfte klug ein und überzeugte mit vollendeter Belcanto-Perfektion in Phrasierung und Ausdruck. Ihre gleißenden dramatischen Spitzentöne gingen unter die Haut. Mit ihrer großen Bühnenpräsenz, gehüllt in goldfarbene Gewänder, gab sie eine zwischen Minderwertigkeitsgefühlen, und Macht- und Liebesanspruch zerrissene Frau. Als geborene Sklavin und verschmähte Liebende bleibt ihr nur noch der unbedingte Wille zur Macht, der sie mit obsessiver Stringenz zu verbrecherischem Handeln treibt. Als einzigen Ausweg wählt sie am Ende den Flammentod. Besonders in ihrer großen Szene und Arie „Ben io t'invenni“ beeindruckte die Sopranistin mit einer schillernden Ausdruckspalette, aufblühenden Kantilenen und beseelten Pianissimi. Evez Abdulla als tragischer Herrscher Nabucco hatte seine starken Momente als gebrochener König und Vater, der die unerwartete Entwicklung vom König und selbst ernannten Gott nach seinem psychotischen Bruch zum reumütigen und empathischen Anführer mit feinen Zwischentönen darstellte.
Die Bürde seines Amtes lastet schwer auf ihm. Klang sein edler Verdi-Bariton zu Beginn noch verhalten, sang sich Abdulla im Laufe seiner Metamorphose zunehmend frei, gab seinen widerstreitenden Gefühlen mit warm timbrierter Stimme und klangvollen Höhen viel Raum und offenbarte zunehmend seine Verletzlichkeit und Einsamkeit. Sung Ha begeisterte als würdevoller Hohepriester Zaccaria mit sakraler Aura und noblem, großformatigem Bass. Seine Arie „Tu sul labbro“ im zweiten Akt mit der ergreifenden Cello-Einleitung, gestaltete er mit weit geschwungener Linienführung und viel Intensität, gab der Hoffnung auf göttlichen Beistand mit dunkel-samtigen Farbschattierungen und voluminöser Tiefe Nachdruck. Julia Faylenbogen als Nabuccos legitime Tochter Fenena, auffallend gekleidet im silbernen Glitzergewand, verlieh der Konvertitin schöne Mezzo-Farben und sang ihr Gebet im letzten Akt mit anrührender Wärme und Innerlichkeit. Die kurze Partie des Ismaele wurde von Sung Min Song mit glanzvollem, höhensicherem Tenor, stilsicher und leidenschaftlich, dargestellt und fesselte in den Duetten mit seiner Geliebten Fenena. Renatus Mészár wartete mit viel Charisma und sonorem Bass als Il Gran Sacerdote auf, Veronika Loy als Anna und Dominic Lee als Abdallo, sangen auf hohem Niveau und komplettierten das hervorragende Ensemble. Großartig die Darstellung von Verena Hierholzer als „Frau mit der Asche“, die nonstop das Bühnengeschehen begleitete.
Das Publikum spendete immer wieder Zwischenapplaus, am Ende viele Bravos für Chor, Sänger, Dirigent und Orchester.