Stuttgart, Staatsoper, STATION PARADISO - Sara Glojnarić, IOCO

Mit „Station Paradiso“ bringt die Staatsoper Stuttgart eine bildgewaltige „Mixtape-Oper“ über Gastarbeiter, Heimatsehnsucht und Identitätssuche auf die Bühne – musikalisch zwischen Folklore und zeitgenössischem Musiktheater.

Stuttgart, Staatsoper, STATION PARADISO - Sara Glojnarić, IOCO
Staatsoper Stuttgart © Matthias Baus

von Peter Schlang

„Türken oder Italiener in Stuttgart – Schwaben in der Heimat (der Eltern)“
Die Uraufführung der Mixtape-Oper „Station Paradiso“ an der Staatsoper Stuttgart zeigt die Zerrissenheit der Generation der Gastarbeiter und ihre Sehnsucht nach Heimat und Suche nach Identität

Nach Daten aus dem Jahr 2023 besitzen rund 28 % der Einwohnerinnen und Einwohner Stuttgarts einen ausländischen Pass, womit Stuttgart einen der höchsten Ausländeranteile unter den deutschen Großstädten aufweist. Noch eindrucksvollere Zahlen liefert die Statistik, befragt man diese nach den Nationalitäten der Stuttgarterinnen und Stuttgarter: Die hier gemeldeten Menschen kommen aus 180 verschiedenen Staaten; die nationale Diversität der Stadt ist also enorm. Und schaut man gar auf die ursprüngliche Herkunft der in Stuttgart lebenden Menschen und ihrer Familien, stellt man fest, dass fast die Hälfte der Einwohnerschaft der baden-württembergischen Landeshauptstadt, genauer 48 bis 49 %, über einen Migrationshintergrund verfügt. Historisch überraschen diese Zahlen allerdings wenig, sind doch bereits die scheinbaren Ureinwohner Stuttgarts, die Sueben oder heutigen Schwaben, vor 1.800 Jahren als Fremde in das heutige Musterländle eingewandert. Die Migration und das Fremdsein gehören also zur DNA der Stadt von Daimler, Porsche und Bosch und der dort lebenden und vor allem „schaffenden“ Menschen. Eine besonders starke Zuwanderung erlebte die Metropole am Neckar ab Mitte der Fünfzigerjahre des vorigen Jahrhunderts, als das aufkeimende Wirtschaftswunder und dessen Ausweitung bzw. Fortführung zu einem dringenden Bedarf an neuen Arbeitskräften führten. Diese hoffte man vorwiegend in den Ländern Südeuropas und dort wiederum zuallererst in Italien zu finden. Einen ersten sicheren Rahmen für die Rekrutierung von hier fehlenden und somit dringend benötigten Arbeitskräften bildete das 1955 abgeschlossene Anwerbe-Abkommen zwischen Deutschland und Italien, welches das erste einer ganzen Reihe solcher Vereinbarungen mit anderen Ländern war.

Das 70. Jubiläum der Unterzeichnung dieser Vereinbarung und die in den oben genannten Zahlen zum Ausdruck kommende nationale und ethnische Vielfalt Baden-Württembergs im Allgemeinen und Stuttgarts im Besonderen nahm die Staatsoper Stuttgart zum Anlass, vor nunmehr vier Jahren bei der 1991 in Kroatien geborenen und in Stuttgart lebenden Komponistin Sara Glojnarić eine diese Zusammenhänge thematisierende Oper in Auftrag zu geben. Diese „Mixtape-Oper“ „Station Paradiso“ erlebte am Sonntag, dem 10. Mai im Stuttgarter Opernhaus ihre Uraufführung.

STATION PARADISO: Goran Jurić (Busfahrer) © Matthias Baus

Den inhaltlichen und gestalterischen Impuls zu der knapp zweistündigen Aufführung gab eine im Stadtmuseum Stuttgart aufbewahrte Audio-Kassette mit Liedern und anderen Impressionen aus der Heimat, die eine neapolitanische Mutter und Großmutter in den 70er Jahren während einer Familienfeier für ihre in Stuttgart lebenden Kinder und Enkel aufgenommen hatte. Dadurch angeregt, legte Sara Glojnarić vor zwei Jahren in persönlichen Gesprächen und Hörsessions mit 27 Menschen, die oder deren Familien sich seit den 50er Jahren im Stuttgarter Raum angesiedelt hatten, ein Soundarchiv als Materialsammlung für ihre Komposition an. In Zusammenarbeit mit der Autorin Tanja Šljivar und der Regisseurin Anika Rutkofsky, die an der Stuttgarter Staatsoper vor knapp vier Jahren mit ihrer Inszenierung von Donizettis Liebestrank ein erfolgreiches Debüt gefeiert hatte, entstand aus diesen Einwanderungsgeschichten und den von ihren Protagonisten erinnerten und oft auch vorgetragenen Volksliedern, Songs und Schlagern eine poetisch-surreale „Mixtape-Oper“.

In deren Handlung nimmt der namenlose Busfahrer, ein von Goran Jurić, selbst aus Kroatien stammend, äußerst authentisch verkörperter „Gastarbeiter“ aus dem ehemaligen Jugoslawien, eine bunte Reisegesellschaft aus acht Gästen mit auf eine Fahrt entlang der ehemaligen Europastraße 5, der legendären „Gastarbeiterroute“, nach Neapel. Die Fahrt endet aber nicht dort, sondern führt eben auch ins ehemalige Jugoslawien und in die Türkei und zurück ins Schwabenland. An all diesen Zielorten, aber auch „unterwegs“ im Bus, schwelgen die aus zwei Generationen stammenden Reisenden-Paare in Erinnerungen und offenbaren dabei ihre Gefühle und inneren Verbindungen. Als Fahrtberechtigung muss jeder Fahrgast statt eines Fahrscheins einen Song aus der alten Heimat oder jener der Eltern vorzeigen respektive singen. Start- und Zielort ist eine Bushaltestelle, mit der die Oper ihren titelgebenden Namen „Station Paradiso“ hat. Der neben der Haltestellenbezeichnung leuchtende Daimlerstern macht unmissverständlich klar, wo sich dieser Ort befindet.

Die Bühnenbildnerin Christa Schmitt schuf zusammen mit der Video-Designerin Manuela Hartel und dem für die Beleuchtungsdramaturgie verantwortlichen Volker von Schwanenflügel starke, kraftvolle, die Szenen intensiv erlebbar machende Bilder und Symbole.

STATION PARADISO: Joseph Tancredi (Neapolitaner) © Matthias Baus

Das beginnt mit einer raumgreifenden Hallen-Illusion (Produktionsstätte eines der Stuttgarter Traditionsunternehmen oder Werkhalle des Busunternehmens?), in welcher sich der Busfahrer mit Engelsflügeln aus schwarzem Kassettenband-Salat auf seinen anstehenden Arbeitsauftrag vorbereitet, aber auch am musikalischen Mischpult arbeitet. Als späteres Arbeitsgerät dient ihm dabei ein in mehrere Teile zerlegbarer Bus, der mithilfe der Drehbühne, meist aber durch zur Handlung gehörendes, blau gekleidetes Personal über die Bühne bewegt wird. Ein überdimensionierter Sitz dieses Busses dient dabei zeitweise als Bühne auf der Bühne und überhöht die Unterschiede zwischen Herkunftsländern und Zielland. Auf der gesamten imaginierten Reise bildet die Bühnen-Rückwand die Projektionsfläche für die auf der Reisestrecke passierten Orte und Landschaften, von denen exponierte Ausschnitte auf einem wie ein Rückspiegel wirkenden Kreis herangezoomt und hervorgehoben werden. Das ist Videokunst vom Feinsten, die sich zudem bruchlos in die Handlung und deren bildhafte Gestaltung einfügt. Ballettähnliche Einlagen (Choreografie: Janine Grellscheid) illustrieren Gesellschaft, Orte und Epoche an den Polen und Stationen der Reiseroute, etwa wenn die Schwellköpfe Konrad Adenauers und Ludwig Erhards die Fünfziger- und Sechziger-Aufschwung- und Wirtschaftswunderjahre der alten Bundesrepublik oder ein jugoslawisches Traditionsballett samt Machthaber Tito ein wichtiges Herkunftsland der „Aufbauhelfer“ präsentieren. Und eine stattliche, pyramidenähnliche Ansammlung von Waschmaschinen stellt die materielle Alltagsverbindung, aber auch die seinerzeitigen großen Gegensätze zwischen den verschiedenen Regionen Europas dar.

Ein solches dramaturgisches Bindeglied ist auch die dreifache Tante Mari(j)a, Symbolfigur für die die Besucher in der Heimat empfangenden und kulinarisch verwöhnenden Mütter und Tanten. Sie bereitet für die Gäste aus der Fremde nicht nur ein üppiges Gastmahl zu, sondern kocht auch Früchte und Gemüse als Mitbringsel in die „Heimat in der Fremde“ ein. Dabei durchzieht ein veritabler Knoblauchduft das Parkett des Opernhauses und sorgt so für ein mehrdimensionales und vielsinniges, immersives Erlebnis.

STATION PARADISO: Fanie Antonelou (türkische Tochter), Stine Marie Fischer (süditalienische Mutter), Diana Haller (Yugo-Tochter), Joseph Tancredi (Neapolitaner), Martina Mikelić (süditalienische Tochter), Matthias Klink (türkischer Vater), Goran Jurić (Busfahrer) © Matthias Baus

Textlich-sprachlich wird das Ganze durch Zitate aus den Erinnerungen und den von den ProtagonistInnen vorgetragenen Schlagern und Songs gehaltvoll zusammengehalten und betont. Schlusspunkt der Reise und Kulminationspunkt der Aussagen dieser eindrucksvollen und ausstatterisch opulenten Uraufführung ist die Schlussszene, in der sich die gesamte Reisegesellschaft samt der drei Gastgeber-Marien wie in Da Vincis Abendmahlbild an einem großen Tisch und unter einer über allem aufgehenden Sonne versammeln.

Der von diesem Chor polyfon und denkbar vielsprachig vorgetragene Text klingt wie eine Verheißung, kann aber auch als Gestaltungsauftrag an uns alle verstanden werden:

Diese Stadt strahlt Versprechen aus.
Diese Stadt existiert in Geschichten und Liedern.
Diese Stadt sind alle unsere Städte,
gestapelt, geschichtet, getürmt,
bis sie die Stadt werden, die nirgendwo existiert.

Ebenso wie die in das Libretto eingeflossenen vielseitigen Erinnerungen und Reflexionen darüber bietet auch die Musik ein vielgestaltiges, collage-ähnliches Geflecht aus ganz unterschiedlichen Elementen, Stilen und Klanggruppen.

Die Komponistin erläutert dazu im Programmheft, dass ihre Musik einen Raum öffnen soll, in dem verschiedene Erfahrungen nebeneinanderstehen können und in dem die Geschichten aus der Perspektive der Diaspora erzählt werden.

Der bisher in der Operngeschichte nicht gebräuchliche Begriff der „Mixtape-Oper“ soll nicht nur an die Quellen dieser in die Fremde mitgebrachten und dort verbreiteten musikalischen Andenken – selbst bespielte Tonbänder und vor allem Audiokassetten – sondern weist auch auf das Kompositionsprinzip dieses Werkes hin: Die Grundlage bildet ein vorproduziertes Tonband, das schon vor dem eigentlichen Beginn der Oper und bei bereits geöffneter Bühne permanent zu hören ist. Dazu kommt die rhythmisch-rasante Livemusik aus dem Graben, die einen Mix aus zeitgenössischer klassischer Musik, modern-experimentellen Elementen, Folklore, Elektronik und charakteristischen Sounds und Instrumenten der Popmusik bietet und oft mehr gesampelt als durchmischt wirkt. Dazu tragen im Orchestergraben nicht nur Mitwirkende des traditionellen Sinfonieorchesters (mehrfach besetzte Streicher und ebenso vielfarbiges Schlagwerk, aber nur einfach besetzte Bläser) bei, sondern auch eine E-Gitarre und gleich drei Synthesizer. Diese bunte, multidimensionierte klangliche Collage wird mit dem Livegesang auf der Bühne technisch perfekt verbunden und synchronisiert. Dafür, dass dieses Kunststück mit Bravour gelingt, sorgt der musikalische Leiter dieser aufwendigen Produktion, Peter Rundel. Mit großer Übersicht, genialem Hörvermögen und großem gestalterischen, organisatorischen und auch technischem Geschick fügt er die vielen Einzelteile zu einem faszinierenden und fesselnden Hör-Erlebnis zusammen.

STATION PARADISO: Loretta Petti (kochende Tante Maria), Martina Mikelić (süditalienische Tochter), Stine Marie Fischer (süditalienische Mutter), Andrew Bogard (Yugo-Vater), Diana Haller (Yugo-Tochter), Goran Jurić (Busfahrer), Fanie Antonelou (türkische Tochter), Matthias Klink (türkischer Vater), Carole Wilson (Singende Tante Maria), Josefin Feiler (Braut), Joseph Tancredi (Neapolitaner), Jenny Sprenger-Müller (Mitkochende Tante Maria) © Matthias Baus

Wichtige Mitgestalter und unersetzliche Helferinnen sind ihm dabei neben dem bereits gewürdigten Bass Goran Jurićs die anderen famosen Sängerinnen und Sänger, allesamt dem Stamm-Ensemble der Stuttgarter Staatsoper angehörend: Neben Josefin Feiler als slawonische Braut treten vom Balkan Andrew Bogard als „Yugo-Vater“ und Diana Haller als dessen Tochter auf. Zwei weitere, eindrucksvoll die Idee des Stückes mit Leben erfüllende Paare, sind der sehr berührend und intensiv spielende Matthias Klink als dementer türkischer Vater und Fanie Antonelou als dessen liebevoll sich kümmernde Tochter, sowie Stine Marie Fischer als süditalienische Mutter und Martina Mikelić als deren manchmal widerstreitende Tochter. Komplettiert wird die migrantische Sängercrew durch Caroline Wilson als singende Tante Mari(j)a und Joseph Tancredi als Neapolitaner.

Zusammen mit etlichen Statistinnen und Statisten und all den unsichtbaren und ungenannten Vorbereitenden und Zuarbeitenden in und hinter den Kulissen liefern sie den eindrucksvollen und mitreißenden Beweis, dass zeitgenössisches Musiktheater durchaus unterhaltsam und gleichzeitig verständlich sein kann und darüber hinaus einen wichtigen Beitrag zu einem aktuellen gesellschaftlichen Diskurs zu liefern vermag. Dafür drückte ein erfreulich jüngeres und bunter als sonst zusammengesetztes Publikum mit lang anhaltendem, ungetrübtem und lautstarkem Beifall seinen Dank und seine Anerkennung aus.

Weitere Aufführungen am 17. und 24. Mai sowie am 01., 06., 11. und 21. Juni

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