Hamburg, Hochschule für Musik und Theater, Drei Liebeslieder - G. Kampe, 6. Sinfonie - G. Mahler, IOCO

Hamburg, Hochschule für Musik und Theater, Drei Liebeslieder - G. Kampe, 6. Sinfonie - G. Mahler, IOCO
Gordon Kampe, Lini Gong, Symphonieorchester der Hamburger Hochschule für Musik und Theater

13. April 2026

Die Uraufführung von Gordon Kampes „Drei Liebeslieder“ für Sopran und Orchester durch das Symphonieorchester der Hamburger Hochschule für Musik und Theater unter der Leitung des Dirigenten Ulrich Windfuhr, gesungen von der Sopranistin Lini Gong in der Hochschule, entfaltete immense musikalische Wirkung und löste große Begeisterung aus.

Gordon Kampe, der auch Professor an der HfMT ist, hat hier ein eindrucksvolles, mitreißendes Werk geschaffen. Er wurde 1976 in Herne geboren. Seine Berufslaufbahn begann er mit einer Ausbildung als Elektroinstallateur. Dann folgten Studien und eine Promotion über Märchenopern im 20. Jahrhundert. Sein markanter, eigenwilliger Kompositionsstil zeichnet ihn in der deutschen Gegenwartsmusik aus. Seine Werke sind von Expressivität, unmittelbaren und theatralen Eindrücken geprägt. Elemente aus Klassik, Romantik, aber auch Pop, Folklore und Film mischt er zu eigenständigen, humorvollen, mitreißenden, aber auch derben Klängen. Das Musiktheater und experimentelle Stückentwicklungen sind Teil seiner Arbeit. Dies belegen Installationen, Live-Hörspiele, Kinder- und Jugendopern, aber auch Opern. Seine Schöpfungen sind körperlich, gestisch und atmosphärisch zugleich.

Gordon Kampe ©Neda Navae

Sie erzählen Geschichten, die nicht nur illustrieren, sondern unmittelbar packen. Bisherige Werke umfassen High Noon: Moskitos für Orchester (2003/06), Heavy Metal für Flöte solo (2008), Zehn Symphonien für Saxophonquartett (2011), Spione für Orchester (2017), Fat Finger Error für Orchester (2018), die Operette Schummellümmelleichen (2018, Text: Schorsch Kamerun), die Shakespeare-Oper Ich will lächeln, lächeln, lächeln (2019), Dogville (2023, Aalto-Theater Essen) sowie das Kinder- und Jugendmusiktheater immmermeeehr (2024). Viele seiner Stücke wurden bei renommierten Festivals wie den Donaueschinger Musiktagen, Ultraschall Berlin, ECLAT Stuttgart oder den Wittener Tagen für neue Kammermusik aufgeführt und in Häusern wie der Staatsoper Stuttgart, der Bayerischen Staatsoper, der Deutschen Oper Berlin oder der Staatsoper Hamburg gespielt. Kampe ist seit 2019 Mitglied der Freien Akademie der Künste Hamburg und seit 2024 künstlerischer Leiter des Bundeswettbewerbs „Jugend komponiert“.

In den Texten von zwei Liebesliedern aus dem Barock, die die Texte von Martin Opitz und Andreas Gryphius vertonen, geht es um eine Liebe, die – wie fast immer in Zeiten des 30-jährigen Krieges – sich ihrer Endlichkeit stets bewusst ist. Das dritte Lied verwendet nur den Beginn eines Gedichtes von Stefan George. Auf die Worte „Dies ist ein Lied, für dich allein...“, die Anton Webern bereits vertont hat, setzt Kampe seine Komposition. Die Zartheit und Intimität der Liebe wird schon zum Auftakt umgekehrt und emotional umgestülpt. Wuchtig und wie mit Donnerhall oder Kanonenschlägen beginnt das Werk. Wie in einer Apokalypse flutet ein Orchesterschwall den Saal. „Sicher ist in diesen Zeiten nichts, nicht einmal mehr ein Liebeslied.“ schreibt der Komponist in seinem Beitrag zum Werk. So mutet das Werk auch an. Langsam klingt der Sturm aus und wie sich verziehende Rauchschwaden ertönt Lini Gongs obertonreiche Stimme aus dem Getümmel. Das gesamte Stück bleibt aber in der Tonwahl dissonant und verstörend düster. In den letzten Liedern entsteht ein sphärisch entrücktes Bild, das eindringlich berührt, aber dem Tode näher ist als der Liebe.

Lini Gong ©

Die Interpretin der Lieder, Lini Gong, hat ihre Interpretation so erlebt:
„In diesem Werk erlebe ich den vokalen Part als eine große technische und zugleich expressive Herausforderung. Die Klangvorstellung erinnert mich stark an die barocke Ästhetik: eine leidenschaftliche, fast überschäumende Ausdruckskraft, die dennoch von einer klaren und reinen Tongebung getragen wird. Eine Balance, die beim Singen nicht leicht zu erreichen ist. Besonders faszinierend finde ich die harmonische Struktur der Komposition. Die weit gespannten Intervallbeziehungen lassen für mich einen sehr offenen, fast grenzenlosen Klangraum entstehen. Gleichzeitig fordert mich genau das in der Intonation auf höchstem Niveau heraus, da jeder Einsatz äußerste Präzision verlangt. So ist für mich ein reich gefächertes Spannungsfeld entstanden, das hoffentlich das Publikum mit einer besonderen, farbenreichen und intensiven Klangerfahrung beglückt hat.“

Mit seinen Drei Liebesliedern (2026) hat Kampe ein Werk geschaffen, das die große, gefährliche Emotion der Liebe in nur drei Sätzen verdichtet: Ekstase, Verletzlichkeit und leise Ahnung von Vergänglichkeit. Die Uraufführung gelang hervorragend – plastisch, farbenreich und von einer direkten Expressivität, die Kampes theaternahe, körperliche Klangsprache ideal zur Geltung brachte.

Sopran Lini Gong erfüllte die anspruchsvollen Kompositionen mit einer elektrifizierenden, glockenklaren Stimme. Kampe hat ein volltönendes Orchesterwerk geschaffen, für das man neben einer voluminösen, durchschlagskräftigen Stimme kräftige silberne Obertöne, aber auch eine warme Mittellage benötigt. Lini Gong setzte ihre Koloraturen virtuos mit starker Ausdrucks- und Wandlungsfähigkeit ein. Sie gestaltete die Lieder nuanciert. Sowohl die zerbrechlichen, lyrischen Momente als auch die leidenschaftlich aufbrausenden Passagen gelangen ihr mit Inbrunst und Feuer. Lini Gong erzählte ihre Geschichte und übertrug die Seele der Musik mit starken Emotionen unmittelbar aufs Publikum. Sie machte die Liebeslieder auch dadurch zu einem echten, lebendigen Dialog, dass sie stimmlich über so immense Reserven verfügte, dass sie nie in der Musik ertrank, sondern ihr Sopran immer wie ein Schiff auf den stürmenden Wogen der Musik tanzte, statt im Orchesterschwall unterzugehen.

Als Fortsetzung erklang Mahlers Sechste Sinfonie. Entstanden in einer vermeintlich glücklichen Lebensphase, atmet sie dennoch eine unerbittliche Tragik. Mit ihrem militärisch-marschierenden Hauptthema, dem sehnsuchtsvollen zweiten Thema, das seine Frau Alma porträtieren soll, sticht diese Sinfonie in Mahlers Schaffen durch ihre eindringlichen Rhythmen besonders hervor. Mit den lyrischen Kuhglocken-Inseln im Andante, dem bedrohlichen Scherzo und dem finalen, von Hammerschlägen unterbrochenen Untergang ist sie Mahlers konsequentestes und düsterstes Werk.

Ulrich Windfuhr © Alexander Basta

Ulrich Windfuhr und das Symphonieorchester der HfMT meisterten diese monumentale Herausforderung mit bemerkenswerter Reife und Intensität. Windfuhr führte das Orchester mit klarer, energischer Geste und einem feinen Gespür für die dramaturgische Architektur: Der erste Satz zeichnete sich durch rasche, markante Tempi aus. Ausgezeichnet gelang die Präzision des Zusammenspiels. Das Scherzo kam bedrohlich daher und die Fortentwicklung des fatalistischen Finales war auch emotional mitreißend und urwüchsig. Die berühmten Hammerschläge erklangen wie finale, unentrinnbare Schicksalshiebe. Das junge Orchester zeigte beeindruckende technische Sicherheit. Bei steter klanglicher Transparenz und Fülle steigerte sich stetig, insbesondere in den letzten beiden Sätzen, die emotionale Involviertheit. Die Streicher bestachen durch Weichheit und Kantabilität. Holzbläser und Hörner rissen in den solistischen Passagen mit. Das Schlagzeug ließ den Saal mit Präzision und Wucht erbeben. Auch die polyphone Komplexität Mahlers kam gut zur Geltung, was dem involvierten Spiel und dem präzisen Schlag Ulrich Windfuhrs geschuldet war.

Ein Abend, der von konzentrierter, sinnlicher Lyrik in die monumentale, schicksalhafte Welt der Spätromantik führte und die enge Verbindung zwischen zeitgenössischem Schaffen und großer Tradition eindrucksvoll hörbar machte. Liebe, Schicksal und menschliche Grenzerfahrung in zwei starken Werken. Ein Konzert, das zeigte, warum die HfMT Hamburg zu den führenden Ausbildungsstätten für Orchestermusiker, Dirigenten und Komponisten in Deutschland gehört.