Dresden, Semperoper, 9. Symphoniekonzert, IOCO
3. Mai 2026 Semperoper Dresden
Ein Wiedersehen mit Tugan Sokhiev und Yefim Bronfman
Carl Maria von Webers Oberon-Ouvertüre, Robert Schumanns Klavierkonzert a-Moll und Johannes Brahms 2. Symphonie in der Matinee des 9. Symphoniekonzerts der Staatskapelle Dresden
Der Dirigent Tugan Sokhiev und der Pianist Yefim Bronfman bestreiten häufig gemeinsame Konzerte. So ist es auch nicht außergewöhnlich, dass die bewundernswerte Kombination der beiden Musiker gelegentlich in Symphoniekonzerten der Sächsischen Staatskapelle zusammen musizieren. Beide Musiker sind zwar in der ehemaligen Sowjetunion geboren, stammen aber nicht nicht aus dem russischen Kernland. Auch haben beide Künstler unterschiedliche Wege zu ihren Spitzenplätzen in der klassischen Musik beschritten. Tugan Sokhiev kommt aus dem kaukasischen Ossetien, einer iranischen Ethnie. Wir haben in den 1980-Jahren individuell die Kaukasusregion bis nach Georgien bereisen können. Dort erlebten wir ziemlich drastisch im Bereich der Nekropole Dargaws, jenem Ort, wo die Verstorbenen früher in Schiefertürmen mit der trocken-kalten Bergluft mumifizierten, bereits damals Bestrebungen der Osseten, sich wieder von Russland zu lösen. Im Jahre 1977 in der Nord-Ossietischen Hauptstadt Ordschonikidse geboren, lernte Tugan Sokhiev seit dem siebten Lebensjahr das Klavierspiel und bald auch das Dirigieren. In den Folgejahren studierte er am St. Petersburger Konservatorium bei Juri Temirkanow (1938-2023) und dem legendären Maestro Macher Ilja Mussin (1903-1999). So hatte Sokhiev vom Beginn an die Voraussetzungen für seine großen Erfolge in den Konzert- und Opernhäusern Westeuropas. Die frühe Berührung mit sinnlosen gesellschaftlichen Konflikten war möglicherweise ausschlaggebend, dass sich Sokhiev für einen absoluten Frieden zwischen den Kulturen einsetzt und im April des Jahres 2022 seine Tätigkeiten am Moskauer Bolschoi Theater sowie in Toulouse abbrach. Das, obwohl er gerade in der Förderung der historischen, kulturellen, spirituellen sowie musikalischen Verbindung von Russland mit Frankreich eine seiner wichtigsten Aufgaben gesehen hatte.
Völlig anders gestaltete sich die Entwicklung des Pianisten Yefim Bronfman zum Weltstar. Im Jahre 1968 in eine, das musikalische Leben der Stadt Taschkent prägende Familie hineingeboren, erhielt er von seiner Mutter, einer Pianistin, das Rüstzeug für seinen späteren Beruf fast nebenbei. Durch die Verbindungen seiner Eltern, der Vater Naum Bronfman (1911-2007) war Konzertmeister und u. a. mit Emil Gilels (1916-1985) und David Oistrach (1908-1974) befreundet, war Yefim seit Kindesbeinen mit dem Musikleben vertraut. Im Jahre 1973 verließ die Familie Usbekistan und der junge Pianist ging nach einem Zwischenaufenthalt in Tel Aviv nach den Vereinigten Staaten, um sein Klavierspiel unter anderem bei Rudolf Serkin (1903-1991) zu vervollkommnen. Seit dem Jahre 1975 konzertiert er, wurde aber offenbar erst in Europa zum Tastenlöwen.
Nach einer Einstimmung mit Carl-Maria von Webers Ouvertüre zu Oberon betrat mit dem Dirigenten Sokhiev der Pianist Yefim Bronfman die Bühne. Jener Yefim Bronfman, dem der amerikanische Schriftsteller Philip Roth in seinem Roman Der menschliche Makel als einer mit einem Sweatshirt getarnten Naturgewalt ein Denkmal setzte, um unter dem Dirigat Sokhievs mit der Staatskapelle Robert Schumanns Konzert für Klavier und Orchester zu spielen.
Robert Schumanns a-Moll-Konzert op. 54 gilt für viele Konzertfreunde als der Inbegriff des romantischen Klavierkonzerts. Seine Entstehung ist mit der Stadt Dresden, insbesondere mit der näheren Umgebung der Semperoper auf das engste verbunden. Zwar hatte Robert Schumann bereits im Jahre 1830 in Heidelberg ein Klavierkonzert F-Dur begonnen, es aber nie vollendet. Auch mit einer Skizze eines d-Moll-Klavierkonzertes fand er nicht die von ihm angestrebte gemäße Form. Es bedurfte einiger Zwischenschritte, so die a-Moll-Phantasie für Klavier und Orchester sowie der Konzertstücke op. 92 oder des op.134, bevor er sich an eine Zwiesprache seines Ursprungsinstrument mit dem Orchester wagte. Im Frühsommer des Jahres 1845 nahm sich Schumann die a-Moll-Klavier-Phantasie wieder vor und arbeitete sie zum Allegro affettuoso, dem leidenschaftlichen Kopfsatz des späteren Klavierkonzertes op. 54 um. Bewusst ignorierte er die traditionellen Formen des vom Orchester begleiteten Solo-Instruments und schuf einen eng miteinander verzahnten Dialog der beiden Partner. Noch im Mai skizzierte Schumann das Andantino als Intermezzo und das Allegro vivace als Finalsatz des a-Moll Konzertes. Die Uraufführung des Klavierkonzertes fand am 4. Dezember des Jahres 1845 am Neumarkt, nur wenige Gehminuten vom Semper-Bau entfernt, im gleichfalls von Gottfried Semper gestalteten Konzertsaal des Hotels de Saxe statt. Ein, heute würden wir sagen Projektorchester, spielte unter Leitung Ferdinand Hillers (1811-1885), des Widmungsträger des Werkes. Clara Schumann (1819-1896) interpretierte den Solopart, den sie im Verlauf ihrer weiteren Konzerttätigkeit über einhundert Mal darbieten sollte. Ob der zweite Kapellmeister der Königlich-Sächsischen Kapelle das Weltereignis mit erlebte oder verpasste, konnte ich leider nicht recherchieren.

Spätestens seit der Saison 2015/2016, als er Capell-Virtuos der Sächsischen Staatskapelle war, ist Yefim Bronfman ein fester Bestandteil des Dresdner Konzertlebens. Damals interpretierte er in den Symphoniekonzerten und auf Tourneen mit dem Orchester sämtliche Beethoven-Klavierkonzerte, das Tripelkonzert C-Dur op. 56, sowie Kammermusik von Robert Schumann.
Yefim Bronfman verlieh der Eröffnung des ersten Satzes zunächst einen kühnen, abwärts gerichteten Schwung und entwickelte das Spiel mit seiner glanzvollen Virtuosität zu einem poetischen Allegro affettuoso. Die Zerteilung der Melodie führte zu einem Dialog des Klaviers mit der Klarinette, bis Klavierstürze zur expressiven Kadenz überleiteten, in der die enorme Musikalität Bronfmans zur Wirkung kam. Kleine dramaturgische Variationen blitzten auf, die bald wieder dem Fluss der Musik Platz machten. Sein vom ersten Takt spürbar perfektes Zusammenwirken mit Tugan Sokhiev schuf eine eindrucksvolle interpretatorische Verzahnung, bei der das Orchester nie zum Begleitapparat degradiert wurde.
Mit prachtvoll elegantem Zusammenspiel des Solisten mit dem Orchester im Intermezzo des Zwischensatzes erfolgte wie eine Selbstverständlichkeit die zügige, aber trotzdem stimmige Überleitung vom langsamen Satz zum Allegro vivace-Finale. Mit viel Mut ließ Bronfman die dahinstürmenden Figuren als einfaches Spielwerk laufen, um dann mit Raffinesse seinen Ablauf in einen rasanten Walzerrhythmus zu wenden. Das eröffnete ihm gemeinsam mit dem Orchester ihre musikalischen Möglichkeiten voll auszukosten.
Für den begeisterten Beifall der Konzertbesucher bedankte sich Yefim Bronfman mit einer außergewöhnlichen Zugabe.
Der zweite Konzertteil gehörte dem Symphoniker Johannes Brahms und dessen Symphonie Nr. 2 D-Dur op. 73.

Das Verhältnis des Komponisten Johannes Brahms (1833-1897) zur Gattung der Orchester-Symphonie war und blieb ein subtiles. Zu mächtig war für ihn der Eindruck des Blockes der neun Symphonien, den Ludwig van Beethoven (1770-1827) der Welt hinterlassen hatte. Selbst als Brahms nach langem Zögern die Zurückhaltung eingeschränkt, damit im Alter von 43 Jahren seine erste Symphonie vorgelegt hatte und einen ordentlichen Erfolg beim Wiener Publikum erreichte, war er offenbar nur begrenzt mit seiner Arbeit zu frieden. Zumindest veröffentlichte er nach der langen Anlaufzeit auf der Suche einer Adäquanz zum machtvollem Vorbild bereits im Folgejahr 1877 sein zweites symphonisches Werk. Mit seinen Symphonien Nummer drei des Jahres 1883 und der vierten Symphonie des Jahres 1885 hatte sich Brahms einen zweifelsfrei eigene Stil für sein symphonisches Schaffen entwickelt. Seine vier Symphonien haben bis in unsere Tage ihre Bedeutung für unseren modernen Konzertbetrieb behalten und bereichern die Repertoires. Trotz des großen Publikumszuspruch beendete Johannes Brahms trotzdem bereits im Alter von nur 52 Jahren seine Entwicklung als Symphoniker und konzentrierte sich in der Folge auf die Komposition vor allem von Kammermusik. Vermutlich war Brahms seiner eigenen Fehleinschätzung erlegen, dass er nie aus Beethovens Schatten treten könne. Dabei hatte er bereits mit seiner zweiten Symphonie in D-Dur nachgewiesen, dass er einen eigenen Weg finden werde. Selbst wenn die Komposition der D-Dur-Symphonie bereits im Folgejahr veröffentlicht worden war, wurde die erste Niederschrift nicht die gültige Fassung des Opus 73. Noch vor dem ersten Konzert feilte Brahms an der Blechbläser-Instrumentation der beiden Ecksätze und gestaltete die Streicherbegleitung des ersten Satzes neu.
Bei Tugan Sokhievs Dirigat der Brahms-Symphonie hatte alles seinen festen Platz. Man ahnte als Hörer stets, welche Entwicklung als nächste kommen werde. Und trotzdem blieb die Wiedergabe der vier Sätze faszinierend und mündete in einen wahren Klangrausch. Der Staatskapelle gelang es, aussagekräftige Töne anzustimmen und mit brillanter Direktheit eine dichte, spannend-einnehmende Interpretation zu zaubern. Deutlich gestaltete Sokhiev die als heiterste Symphonie des Johannes Brahms geltende Zweite vielschichtig zwischen Fröhlichkeit und Weltschmerz. Organisch entfalteten Dirigent und Orchester die Motive und ließen den langen Kopfsatz verhalten ausklingen. Im zweiten Satz adagio non troppo schöpfte Sokhiev erzählerisch aus dem Vollen und schuf mit Dramatik einen großen Bogen der etwas schwerblütigen Partitur. Dem folgte ein idyllisch-zartes und charmantes Allegretto grazioso .Die Musiker des Orchesters konnten mit einer schönen Leichtigkeit in diesem unproblematischsten Satz der Symphonie ihrer Musizierfreude Ausdruck geben. Unterschiedliche Ebenen prägten Sokhievs abschließendes Allegro con spirito , indem er mit Betonung der Zitate aus dem Kopfsatz Struktur schuf und dem Finale mit überschwänglicher Ausgelassenheit einen prachtvollen Klangrausch verschaffte.