Schwanensee

„Schwanensee“ ist das berühmteste Ballett von Pjotr Iljitsch Tschaikowsky. Die Uraufführung 1877 am Bolschoi-Theater Moskau in der Choreografie von Julius Reisinger fiel durch; erst die Fassung von Marius Petipa und Lew Iwanow 1895 am Mariinski-Theater St. Petersburg machte das Werk zum Inbegriff des klassischen Balletts. Erzählt wird die tragische Liebe zwischen Prinz Siegfried und der verzauberten Odette.

Fakten zu „Schwanensee“

KomponistPjotr Iljitsch Tschaikowsky (op. 20, komponiert 1875/76)
Choreografie (UA)Julius Reisinger (Uraufführung 1877); maßgebliche Fassung Marius Petipa & Lew Iwanow (1895), Musikrevision Riccardo Drigo
Libretto / VorlageLibretto vermutlich Wladimir Begitschew und Wassili Geltzer; Stoff aus russischen und deutschen Volksmärchen, u. a. „Der geraubte Schleier“ von Johann Karl August Musäus
Uraufführung4. März 1877 (20. Februar jul.), Bolschoi-Theater, Moskau
AufbauVier Akte
Spieldauerca. 2 Std. 30 Min. (mit Pausen)
GattungBallett
BedeutungDer Prototyp des abendfüllenden klassischen Handlungsballetts und das meistgespielte Ballett der Welt.

Handlung

1. Akt

Im Schlosspark feiert der Hofstaat den Geburtstag von Prinz Siegfried, der nun volljährig ist. Sein Freund Benno und die Edelleute tanzen mit ihm, der Hofnarr sorgt für Heiterkeit. Die Königinmutter mahnt Siegfried, am folgenden Ball eine Braut zu wählen; die Aussicht auf eine arrangierte Ehe bedrückt ihn. Während die Festgesellschaft trinkt und tanzt, bleibt der Prinz nachdenklich und sehnt sich nach einer Liebe aus freier Wahl. Als die Dämmerung hereinbricht, zieht ein Schwarm Schwäne über den Himmel. Benno schlägt eine Jagd vor, und Siegfried bricht mit Armbrust und Gefährten auf, um den Vögeln an den nahen See zu folgen. Choreografisch verbindet der Akt höfische Tänze, das Pas de trois und die festlichen Ensembles mit der wachsenden inneren Unruhe des Prinzen und bereitet so den Übergang in die magische Welt des Sees vor.

2. Akt

An einem mondbeschienenen Waldsee trifft Siegfried auf einen Schwarm weißer Schwäne. Eine von ihnen verwandelt sich in die Prinzessin Odette: Der Zauberer von Rothbart hat sie und ihre Gefährtinnen verflucht, sodass sie nur nachts menschliche Gestalt annehmen können. Nur das Treuegelöbnis eines Mannes, der noch nie geliebt hat, kann den Bann brechen. Siegfried, von Odettes Anmut ergriffen, schwört ihr ewige Liebe und verzichtet darauf, die Schwäne zu erlegen. Rothbart erscheint drohend, kann die beiden aber nicht trennen. Dieser „weiße Akt“ gilt als Höhepunkt des romantischen Balletts: Lew Iwanows Choreografie verschmilzt Solo, großes Pas de deux und das berühmte Corps de ballet der Schwäne, darunter den „Tanz der kleinen Schwäne“, zu einer Einheit von Musik und Bewegung. Bei Tagesanbruch muss Odette in Schwanengestalt zurückkehren.

3. Akt

Im Festsaal des Schlosses gibt die Königinmutter den Ball, auf dem Siegfried eine Braut wählen soll. Fürstinnen aus fremden Ländern werden vorgestellt, und Nationaltänze – ungarischer Csárdás, spanischer, neapolitanischer und polnischer Tanz (Mazurka) – beleben die Szene. Da erscheint von Rothbart als Gast und führt seine Tochter Odile ein, die er Odette täuschend ähnlich gemacht hat. Geblendet von dieser Doppelgängerin tanzt Siegfried mit ihr den glanzvollen Schwarzen-Schwan-Pas-de-deux, dessen Coda die 32 Fouettés der Odile-Tänzerin enthält. Im Rausch schwört Siegfried Odile die Treue – und bricht damit den Eid, den er Odette gab. Triumphierend gibt sich Rothbart zu erkennen; am Fenster erscheint die verzweifelte echte Odette. Siegfried erkennt seinen Verrat und stürzt entsetzt aus dem Saal, um zum See zu eilen.

4. Akt

Am See warten die trauernden Schwanenmädchen auf Odette. Sie kehrt gebrochen zurück und berichtet vom Verrat; der gebrochene Schwur scheint sie für immer an Rothbarts Fluch zu binden. Siegfried eilt herbei, fleht um Vergebung und beteuert, nur Odile für sie gehalten zu haben. Odette verzeiht ihm, doch der Zauberer entfesselt einen Sturm, um die Liebenden zu vernichten. In der bekanntesten Lesart stürzen sich Odette und Siegfried gemeinsam in die Fluten: Ihr Liebestod bricht Rothbarts Macht, der daran zugrunde geht, und vereint die beiden im Jenseits. Der vierte Akt führt das große Corps der Schwäne und die solistischen Hauptrollen Odette und Prinz Siegfried zu einem elegischen Finale zusammen. Je nach Fassung endet das Ballett tragisch oder mit einem versöhnlichen, „glücklichen“ Schluss, in dem die Liebe den Zauber besiegt und Odette erlöst wird.

Hauptrollen

RolleTypBedeutung
Odette / OdilePrimaballerinaDoppelrolle: der verzauberte weiße Schwan Odette und die schwarze Verführerin Odile, Rothbarts Tochter
Prinz SiegfriedErster SolistDer junge Prinz, der Odette die Treue schwört und sie durch den Verrat fast verliert
Zauberer von RothbartCharakterrolle / SolistBöser Zauberer, der Odette verflucht und Odile als Doppelgängerin einsetzt
BennoSolistFreund und Begleiter Siegfrieds; Partner im Pas de trois des ersten Akts
KöniginmutterCharakterrolle / MimeMutter des Prinzen, die ihn zur Wahl einer Braut drängt

Berühmte Tänze & Höhepunkte

Tanz / NummerBesetzungSzene
„„Tanz der kleinen Schwäne““Vier Schwanenmädchen (Solistinnen)2. Akt – ikonischer Quartett-Tanz mit verschränkten Armen und präzisem Gleichschritt
„Schwarzer-Schwan-Pas-de-deux“Odile & Prinz Siegfried3. Akt – Höhepunkt der Verführungsszene, Coda mit 32 Fouettés der Odile
„Weißes Adagio / Pas de deux am See“Odette & Prinz Siegfried2. Akt – lyrisches Herzstück des „weißen Akts“ in Iwanows Choreografie
„Schwanen-Corps de ballet“Corps der Schwanenmädchen2. und 4. Akt – berühmte synchrone Ensembles als Sinnbild des klassischen Balletts

Themen & Kontext

Worum es wirklich geht

„Schwanensee“ erzählt von Liebe, Treue und Verrat – und von der Sehnsucht nach einem echten Gefühl gegen die Zwänge der Konvention. Siegfried soll standesgemäß heiraten, doch er verliebt sich in die verzauberte Odette und schwört ihr die Treue. Der gebrochene Eid, ausgelöst durch Rothbarts Täuschung mit Odile, wird zur Katastrophe. Die Doppelrolle Odette/Odile verkörpert die zwei Pole Reinheit und Verführung, weißer und schwarzer Schwan, und stellt die Frage, ob der Mensch das Wahre vom täuschend Echten zu unterscheiden vermag. Im Kern ist es ein romantisches Drama über die erlösende und zerstörerische Kraft der Liebe.

Geschichte & Choreografie

Die Uraufführung 1877 am Bolschoi-Theater in der Choreografie Julius Reisingers galt als Misserfolg – schlecht einstudiert und ausgestattet, dazu eine Partitur, die als „zu sinfonisch“ empfunden wurde. Erst nach Tschaikowskys Tod entstand 1895 am Mariinski-Theater die maßgebliche Fassung: Marius Petipa schuf die höfischen Akte (1 und 3), Lew Iwanow die poetischen Seeszenen (2 und 4), während Riccardo Drigo die Musik einrichtete. Diese Arbeitsteilung prägt bis heute das Bild des Werks. Iwanows „weißer Akt“ wurde zum Maßstab des sinfonischen Corps-de-ballet, Petipas Ballakt zum Schaustück virtuoser Bravour.

Warum Experten es wichtig finden

„Schwanensee“ markiert die Geburt des sinfonischen Balletts: Tschaikowsky behandelte die Tanzmusik erstmals wie eine durchkomponierte sinfonische Dichtung mit Leitmotivik, was die Gattung dauerhaft veränderte. Die Verbindung von Petipas akademischer Strenge und Iwanows lyrischer Bewegungssprache gilt als idealtypisches Modell des klassischen Handlungsballetts. Das Schwanen-Corps wurde zum Inbegriff der Ensemble-Disziplin, die Odette/Odile-Doppelrolle zur Prüfstein-Partie jeder Primaballerina, an der sich technische und darstellerische Reife messen. Kaum ein anderes Ballett ist so oft gespielt, zitiert und neu gedeutet worden – „Schwanensee“ steht weltweit als Synonym für das klassische Ballett schlechthin.

Aufführungsnoten

Choreografische Fassungen & Traditionen

Maßgeblich ist die Petipa/Iwanow-Tradition von 1895, oft in den Revisionen von Alexander Gorski oder der sowjetischen Mariinski-Linie. Bekannte Neudeutungen stammen u. a. von Rudolf Nurejew, John Cranko (Stuttgart), Wladimir Bourmeister, John Neumeier („Illusionen – wie Schwanensee“) und Matthew Bourne, dessen Fassung das Schwanen-Corps mit Männern besetzt.

Bekannte Companies & Aufnahmen

Berühmte Interpretinnen der Odette/Odile waren Galina Ulanowa, Maja Plissezkaja, Margot Fonteyn (mit Rudolf Nurejew), Natalja Makarowa und Swetlana Sacharowa. Bedeutende Companies sind das Mariinski-Ballett, das Bolschoi-Ballett, das Royal Ballet und das American Ballet Theatre; verbreitete Filmaufnahmen entstanden mit Bolschoi und Mariinski.

Was zwischen Fassungen variiert

Die Fassungen unterscheiden sich vor allem im Schluss: Die zaristisch-romantische und viele westliche Produktionen enden tragisch mit dem gemeinsamen Liebestod, der Rothbarts Bann bricht. Sowjetische Inszenierungen setzten oft ein „glückliches Ende“ durch, in dem die Liebenden den Zauberer besiegen und überleben. Auch Aktzahl (drei oder vier Akte), Szenenfolge und die Tänze des dritten Akts variieren je nach Tradition.

„Schwanensee“ bei IOCO

Häufige Fragen

Wer komponierte die Musik zu „Schwanensee“?

Die Musik stammt von Pjotr Iljitsch Tschaikowsky. Uraufführung: 4. März 1877 (20. Februar jul.), Bolschoi-Theater, Moskau.

Wer schuf die Choreografie von „Schwanensee“?

Julius Reisinger (UA 1877, Misserfolg); maßgebliche Fassung Marius Petipa & Lew Iwanow (1895).

Wovon handelt „Schwanensee“?

„Schwanensee“ ist das berühmteste Ballett von Pjotr Iljitsch Tschaikowsky. Die Uraufführung 1877 am Bolschoi-Theater Moskau in der Choreografie von Julius Reisinger fiel durch; erst die Fassung von Marius Petipa und Lew Iwanow 1895 am Mariinski-Theater St. Petersburg machte das Werk zum Inbegriff des klassischen Balletts. Erzählt wird die tragische Liebe zwischen Prinz Siegfried und der verzauberten Odette.

Welche berühmten Tänze gibt es in „Schwanensee“?

Zu den Höhepunkten zählen „„Tanz der kleinen Schwäne““, „Schwarzer-Schwan-Pas-de-deux“, „Weißes Adagio / Pas de deux am See“.

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