Petruschka

„Petruschka“ ist das zweite Ballett, das Igor Strawinsky für Sergej Diaghilews Ballets Russes schuf. Uraufgeführt am 13. Juni 1911 im Pariser Théâtre du Châtelet, erzählt es in vier Bildern die tragische Geschichte dreier vom Gaukler belebter Jahrmarktspuppen. Vor der Kulisse einer Petersburger Butterwoche entfaltet sich das Dreieck aus dem leidenden Petruschka, der kühlen Ballerina und dem brutalen Mohren.

Fakten zu „Petruschka“

KomponistIgor Strawinsky (Fassungen 1911 und revidiert 1947)
Choreografie (UA)Michel Fokine
Libretto / VorlageSzenario von Igor Strawinsky und Alexandre Benois nach der russischen Volkstheaterfigur Petruschka (Kasperl der Maslenitsa-Jahrmärkte)
Uraufführung13. Juni 1911, Théâtre du Châtelet, Paris (Ballets Russes)
AufbauBurleske in 4 Bildern
Spieldauerca. 35 Min.
GattungBallett
BedeutungEin Schlüsselwerk der Moderne, das Volkstheater, Puppenspiel und psychologisches Drama verbindet und die Titelfigur zum Sinnbild des leidenden Außenseiters macht.

Handlung

1. Bild – Jahrmarkt der Butterwoche

St. Petersburg um 1830, während der Butterwoche (Maslenitsa). Auf dem Admiralitätsplatz drängt sich die feiernde Menge zwischen Buden, Karussells und Schaustellern: Drehorgelspieler, Tänzerinnen und Gaukler unterhalten das Volk. Ein geheimnisvoller Gaukler (Scharlatan) öffnet die Vorhänge seines kleinen Theaters und stellt drei Puppen vor – Petruschka, die Ballerina und den Mohren. Mit seiner Flöte erweckt er sie zum Leben, und zur Verblüffung der Zuschauer beginnen die drei einen ruckhaften, mechanischen Tanz, als hätten sie eine Seele. Bereits hier deutet sich das Verhängnis an: Petruschka begehrt die Ballerina, die ihn jedoch übersieht und sich dem prächtigen Mohren zuwendet. Der Gaukler beherrscht die Figuren wie ein Schicksal und gibt den Takt ihres Daseins vor. Strawinskys schillernde Marktmusik mit ihren übereinandergelagerten Melodien zeichnet das bunte Gewimmel und legt den Grund für das nachfolgende Kammerspiel der drei Puppen.

2. Bild – Petruschkas Zimmer

Der Gaukler stößt Petruschka in seine kahle, enge Kammer. Die Wände sind mit groteskem Sternenhimmel bemalt, ein Porträt des Gauklers erinnert an die Gefangenschaft. Petruschka, eine Puppe mit menschlicher Seele, leidet unter seiner Ohnmacht: Er verflucht den Gaukler, der ihn zu einem Leben aus Schmerz und Demütigung erweckt hat, und sehnt sich verzweifelt nach der Ballerina. Als diese tatsächlich kurz hereinkommt, überwältigt ihn seine ungeschickte, eckige Zärtlichkeit so sehr, dass sie erschrocken wieder hinausläuft. Allein zurückgelassen, wirft sich Petruschka gegen die Wände seines Gefängnisses. Die berühmte Bitonalität – zwei gegeneinander gesetzte Akkorde, der „Petruschka-Akkord“ – verkörpert sein zerrissenes Inneres. Dieses Bild ist das psychologische Zentrum des Werks: Hinter der komischen Kasperlmaske wird ein fühlendes, gequältes Wesen sichtbar, das gegen seine Bestimmung als bloße Marionette aufbegehrt und doch chancenlos bleibt.

3. Bild – Das Zimmer des Mohren

Im prunkvoll ausgestatteten Raum des Mohren liegt dieser träge auf einem Diwan und spielt mit einer Kokosnuss, die er anbetet. Der Mohr ist prächtig gekleidet, doch dumm und brutal – das Gegenbild zum schmächtigen, geistvollen Petruschka. Die Ballerina tritt ein, kokettiert mit einer kleinen Trompetenmelodie und tanzt einen zierlichen Walzer; sie ist hingerissen von der stattlichen Erscheinung des Mohren. Beide tanzen miteinander, ihre Themen verschlingen sich. In diesem Augenblick stürzt der eifersüchtige Petruschka herein und versucht, die Geliebte dem Rivalen zu entreißen. Der weit stärkere Mohr jedoch jagt den schwächlichen Petruschka unter Drohungen aus dem Zimmer. Die Szene verschärft das Dreieck: Während Petruschka aus echter Empfindung liebt, gilt der Ballerina nur der äußere Glanz, und der Mohr verteidigt sein Revier mit roher Gewalt. Das Unglück Petruschkas erscheint nun unausweichlich.

4. Bild – Jahrmarkt am Abend und Petruschkas Tod

Die Handlung kehrt zum festlichen Jahrmarkt zurück, der im Abendlicht seinem Höhepunkt zustrebt: Ammen, Kutscher, ein Bärenführer, verkleidete Gestalten und Masken tanzen in farbenprächtigen Volksszenen. Plötzlich lässt ein Schrei die Menge zum Puppentheater eilen. Aus den Kulissen stürzt Petruschka, verfolgt vom wütenden Mohren, der ihn vor aller Augen mit einem Säbelhieb erschlägt. Die Menge ist entsetzt; ein herbeigerufener Polizist stellt den Gaukler zur Rede. Dieser hebt den leblosen Körper auf und zeigt, dass es sich nur um eine Puppe aus Sägemehl und Stoff handle – ein Gegenstand, kein Mensch. Beruhigt zerstreut sich die Menge. Doch als der Gaukler die Puppe forttragen will, erscheint hoch über dem Theater Petruschkas Geist, der dem Gaukler drohend-höhnisch zuwinkt. Erschrocken lässt dieser den Körper fallen und flieht. Die rätselhafte Schlussfrage bleibt: Wer war hier wirklich beseelt?

Hauptrollen

RolleTypBedeutung
PetruschkaErster Solist (Charakter-/Pantomimenrolle)Puppe mit menschlicher Seele; liebt die Ballerina unglücklich und wird vom Mohren getötet.
Die BallerinaSolistinKokette Puppe, die Petruschka verschmäht und sich dem Mohren zuwendet.
Der MohrCharakter- / PantomimenrollePrächtig gekleidete, brutale Puppe; tötet Petruschka aus Eifersucht.
Der Gaukler (Scharlatan)PantomimenrolleGeheimnisvoller Puppenspieler, der die drei Figuren mit seiner Flöte zum Leben erweckt und beherrscht.

Berühmte Tänze & Höhepunkte

Tanz / NummerBesetzungSzene
„Russischer Tanz (Danse russe)“Petruschka, Ballerina & Mohr1. Bild
„Petruschkas Klage im Zimmer“Petruschka2. Bild (mit dem „Petruschka-Akkord“)
„Jahrmarktsszenen und Geistererscheinung“Ensemble; Petruschkas Geist4. Bild

Themen & Kontext

Worum es wirklich geht

„Petruschka“ handelt vom Leiden eines Wesens, das fühlt, aber nicht selbst über sein Leben verfügt. Die Titelfigur ist eine Puppe, der man eine Seele eingehaucht hat, ohne ihr Freiheit oder Liebe zu gewähren. Petruschka begehrt die Ballerina, wird verschmäht, vom Rivalen erschlagen – und kehrt doch als Geist zurück, der den allmächtigen Gaukler verhöhnt. Hinter der bunten Jahrmarktsfassade steht so die Frage nach Menschlichkeit, Fremdbestimmung und Auflehnung: Wer ist beseelt, der schöne, aber leere Mohr oder der hässliche, leidende Petruschka? Das Werk macht den Außenseiter, den Verlierer und Gedemütigten, zum tragischen Helden.

Geschichte & Choreografie

Ursprünglich plante Strawinsky ein Konzertstück für Klavier und Orchester, in dem das Instrument wie eine widerspenstige Marionette gegen das Orchester aufbegehrt. Diaghilew erkannte darin den Keim eines Balletts. Gemeinsam mit dem Maler Alexandre Benois entwickelte Strawinsky das Szenario um die russische Jahrmarktsfigur Petruschka; Benois entwarf auch die Ausstattung, Michel Fokine die Choreografie. Bei der Uraufführung am 13. Juni 1911 tanzte Waslaw Nijinsky die Titelrolle – eine seiner berühmtesten Gestaltungen – neben Tamara Karsawina als Ballerina und Enrico Cecchetti als Gaukler. 1947 revidierte Strawinsky die Partitur für kleineres Orchester; diese Fassung ist heute im Konzert weit verbreitet.

Warum Experten es wichtig finden

„Petruschka“ gilt als Meilenstein der musikalischen Moderne. Der „Petruschka-Akkord“ – zwei gleichzeitig erklingende Dur-Dreiklänge im Ganztonabstand – wurde zum Inbegriff der Bitonalität und beeinflusste die Harmonik des 20. Jahrhunderts. Strawinskys Schichtung volkstümlicher Melodien, schroffer Rhythmen und collagenhafter Klangflächen sprengt die romantische Tonsprache. Tänzerisch verlangt die Titelrolle eine völlig neue, anti-klassische Körpersprache: eckige, marionettenhafte Bewegungen, die zugleich tiefe Empfindung ausdrücken müssen. Tanz- und Musikwissenschaft sehen in „Petruschka“ das Bindeglied zwischen dem noch farbig-romantischen „Feuervogel“ und dem radikalen „Sacre du printemps“ – ein Werk, in dem Volkstheater, Puppenspiel und psychologische Tragödie zu etwas Neuem verschmelzen.

Aufführungsnoten

Choreografische Fassungen & Traditionen

Maßgeblich bleibt Michel Fokines Choreografie von 1911 in der Ausstattung von Alexandre Benois; zahlreiche Compagnien (u. a. Royal Ballet, Mariinski) pflegen Rekonstruktionen dieser Urfassung, daneben existieren freiere Neudeutungen.

Bekannte Companies & Aufnahmen

Die Partitur – besonders die revidierte Fassung von 1947 – zählt zum Kernrepertoire der Konzertsäle; szenische Mitschnitte nach Fokine liegen u. a. vom Royal Ballet und vom Mariinski-Theater vor.

Was zwischen Fassungen variiert

Aufführungen unterscheiden sich vor allem in der gewählten Orchesterfassung (1911 oder 1947) sowie darin, ob die historische Fokine/Benois-Inszenierung nachgestaltet oder eine moderne Lesart der Puppentragödie gewählt wird.

„Petruschka“ bei IOCO

Häufige Fragen

Wer komponierte die Musik zu „Petruschka“?

Die Musik stammt von Igor Strawinsky. Uraufführung: 13. Juni 1911, Théâtre du Châtelet, Paris (Ballets Russes).

Wer schuf die Choreografie von „Petruschka“?

Michel Fokine (UA 1911).

Wovon handelt „Petruschka“?

„Petruschka“ ist das zweite Ballett, das Igor Strawinsky für Sergej Diaghilews Ballets Russes schuf. Uraufgeführt am 13. Juni 1911 im Pariser Théâtre du Châtelet, erzählt es in vier Bildern die tragische Geschichte dreier vom Gaukler belebter Jahrmarktspuppen. Vor der Kulisse einer Petersburger Butterwoche entfaltet sich das Dreieck aus dem leidenden Petruschka, der kühlen Ballerina und dem brutalen Mohren.

Welche berühmten Tänze gibt es in „Petruschka“?

Zu den Höhepunkten zählen „Russischer Tanz (Danse russe)“, „Petruschkas Klage im Zimmer“, „Jahrmarktsszenen und Geistererscheinung“.

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