Zürich, Oper Zürich, Weihnachtsgrüße aus dem Opernhaus Zürich, IOCO Aktuell, 26.12.2020

Opernhaus Zürich

Opernhaus Zürich © Dominic Büttner

Opernhaus Zürich © Dominic Büttner

Weihnachstgrüße aus dem Opernhaus Zürich

Buon Natale
Frohe Weihnachten
Joyeux Noël
Bellas festas da Nadal

Ein besonderes Jahr neigt sich dem Ende zu. Im Opernhaus Zürich haben wir viele Sicherheitskonzepte geschrieben, ein neues Spielmodell für die grossen musikalischen Kollektive entwickelt, neue Formate für 50 Zuschauer*innen erfunden und in der letzten Woche dann doch ohne Publikum ausschliesslich für Kameras gespielt. So freuen wir uns, dass wir Ihnen zumindest digital etwas Ablenkung bieten können. Auf unserer Website finden Sie einen Online-Spielplan für die Feiertage.

Weihnachstgrüße aus dem Opernhaus Zürich
youtube Trailer Opernhaus Zürich
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Michael Richter: Musikalische Leitung
Jodok Schweizer: Künstlerische Betreuung


Deniz Uzun

«Fum fum fum»

Traditionelles Weihnachtslied aus Katalanien


Stanislav Vorobyov

«Gori, gori, moya zvezda»

Pyotr Bulakhov, Russland


Omer Kobiljak

«Nevicata»

Ottorino Respighi, Italien


Sandra Hamaoui

«Minuit, chrétiens»

Adolphe Adam, Frankreich


Ensemble

«We wish you a Merry Christmas»

Traditionelles Weihnachtslied aus England


—| Pressemeldung Oper Zürich |—

Zürich, Tonhalle Maag, Tonhalle Orchester – Dvorák, Schostakowitsch, IOCO Kritik, 31.01.2019

Januar 31, 2019 by  
Filed under Hervorheben, Konzert, Kritiken, Tonhalle Zürich

 Zürich Maag / Spielstätte des Tonhalle Orchesters © Hannes Henz

Zürich Maag / Spielstätte des Tonhalle Orchesters © Hannes Henz

Tonhalle Zürich

Tonhalle Orchester- Zürich

Antonin Dvorák, Dmitri Schostakowitsch

von Julian Führer

Innerhalb von zwei Wochen präsentierten sich in Zürich drei Dirigenten mit dem Tonhalle Orchester. Juanjo Mena mit Britten und Bruckner, der künftige Chefdirigent Paavo Järvi mit Messiaen, Mozart und Beethoven (IOCO berichtete jeweils), am 23. Januar 2019  Manfred Honeck mit einem Programm aus dem späten 19. und dem 20. Jahrhundert.

Programm aus dem späten 19. und dem 20. Jahrhundert

Antonin Dvoráks bekanntestes und meistgespieltes Werk ist heute sicherlich die Symphonie Nr. 9 e-Moll mit dem im Laufe der Zeit geläufig gewordenen Titel Aus der Neuen Welt. Der Abend präsentierte jedoch zunächst Ausschnitte aus der Oper Rusalka, die vom Dirigenten Manfred Honeck zu einer Suite zusammengestellt wurden. In Honecks Version übernehmen teilweise Soloinstrumente die Singstimmen (speziell Oboe und Violine). Die ins Phantastische zielende Geschichte von dem verliebten Wasserwesen, der Hexe Ježibaba und der Unmöglichkeit der Liebe zwischen Menschenwelt und Märchenwelt ist von Dvorák zu einer Oper vertont worden, die durchaus gespielt wird, aber die man gern noch häufiger hören würde.

Der Ansatz, sie durch eine solche Suite im Konzertsaal zu etablieren, hat natürlich vieles für sich. Gleichzeitig sitzt das Orchester nun auf dem Podium und nicht in einem Graben, manchmal vermisst man etwas die Bühne. Wie bei jeder Zusammenfassung dieser Art sind die Übergänge heikel – abrupte Wechsel von Stimmungen, Tempi und Tonarten haben oft etwas Gewaltsames. Am problematischsten war an diesem Abend aber einmal mehr der Saal. Das breit aufgestellte Orchester mit einem Respekt einflößenden Bläserapparat spielte präzise (man sah es an den Gesten des Dirigenten und an den Bewegungen der Musiker genau), nur dass das direkt vor einer Holzblende sitzende Blech wie durch eine Klangmuschel verstärkt wirkte. Bei den in der Rusalka-Suite vorkommenden schnellen Läufen auch bei diesen Instrumenten führen dieser verstärkende Effekt und der lange Nachhall dazu, dass das Klangbild ins Diffuse wechselt. Von diesen Problemen bei Fortissimostellen einmal abgesehen, überzeugte das Orchester in diesem ersten Teil mit engagiertem Spiel.

Das erste Cellokonzert Es-Dur op. 107 von Dmitri Schostakowitsch hat sich einen Stammplatz im Konzertrepertoire sichern können. Ursprünglich für Mstislaw Rostropowitsch komponiert und von diesem 1959 zur Uraufführung gebracht, ist es einerseits technisch anspruchsvoll, gleichzeitig aber auch kompositorisch und klanglich reizvoll. Als Solist wählte der erst 1992 geborene Kian Soltani einen sehr zurückhaltenden Einstieg, fast zu leise schien die Einleitung, doch wurde rasch deutlich, dass Dirigent und Solist hier planvoll vorgingen. Manfred Honeck begleitete mit dem Tonhalle Orchester gerade im Kopfsatz erstaunlich leise und stets präzise (etwa bei den Einsätzen der Holzbläser in den ersten Takten).

Dieser Schostakowitsch kam nicht so gepanzert daher wie andere Stücke aus dieser Schaffensperiode, jedenfalls bei manchen Interpretationen. Im ersten Satz ließen auch die Bratschen aufhorchen. Der zweite Satz wurde langsam und besonders elegisch gespielt. Der dritte Satz (die Kadenz) war ein Höhepunkt: die rätselhaften und in manchen Interpretationen etwas eklektisch daherkommenden Pizzicati nahm Kian Soltani als strukturierendes Element mit einem betonten Decrescendo innerhalb ihrer Abfolge. Wie bereits zu Beginn, hörte man im Finalsatz die charakteristische Galligkeit, die Schostakowitsch immer wieder einflicht, wenn seine Musik ins vermeintlich Affirmative übergeht. Der im ersten und letzten Satz intensiv geführte Dialog mit dem Horn wurde, durch die akustischen Verhältnisse nochmals verstärkt, am Schluss dynamisch ins Groteske überhöht. Das Publikum reagierte mit spontanem Jubel insbesondere für den jungen Solisten.

Konzerthaus Maag / Tonhalle Orchester © Paolo Dutto

Konzerthaus Maag / Tonhalle Orchester © Paolo Dutto

Als Zugabe präsentierte Kian Soltani eine weitere Facette Schostakowitschs, nämlich den Komponisten von Filmmusik, hier für The Gadfly von 1955. Dieser Aspekt in dem Werk des sowjetischen Komponisten harrt zum Teil noch seiner Wiederentdeckung, denn anders als die Symphonien 1, 5, 7, 8, 9 und 10, die Oper Lady Macbeth von Mzensk oder die Jazzsuiten werden die Filmmusiken selten aufgeführt (eine CD unter Riccardo Chailly präsentiert glücklicherweise einige Ausschnitte, nicht aber die Musik zu The Gadfly). Soltani hat aus Schostakowitschs Filmmusik ein Arrangement hergestellt, das von der Cellogruppe des Tonhalle Orchesters an diesem Abend uraufgeführt wurde. Es wurde deutlich, dass Schostakowitsch quasi auf Bestellung Musikstücke abliefern konnte, sehr gekonnt und sehr effektvoll. Von Soltani selbst wurde in seiner kurzen Präsentation die Frage aufgeworfen, in welchem Teil seines Werkes wir nun den eigentlichen Dmitri Schostakowitsch erkennen können – eine Frage, die offenbleiben muss.

Die 8. Symphonie in G-Dur von Antonin Dvorák wurde nach der Pause präsentiert. Dieses etwa 40 Minuten dauernde Werk ist ganz klassisch in vier Sätze gegliedert. Breit, teils üppig instrumentiert, enthält es gerade im Finalsatz viele tanzartige Partien, so dass man hier auch den Komponisten der Slawischen Tänze erkennt. Streicherfiguren gemahnen an Tschaikowsky, volksliedhafte Passagen an Bedrich Smetana, und die Behandlung der Hörner ist insbesondere im Schlusssatz (mit nach oben gerichteter Mündung und fast vulgären Trillern) gar nicht weit entfernt von Gustav Mahler in seiner ersten Symphonie. Manfred Honeck, der diese Symphonie auswendig dirigierte, und das Orchester schienen hier im Einklang. Eine der Qualitäten des Tonhalle Orchesters, das beeindruckende technische Niveau, kam bei dieser Symphonie zur Geltung. Das Adagio strahlte große Ruhe aus, und das bekannte Allegretto grazioso des dritten Satzes wurde entsprechend der Anlage der Partitur breit ausmusiziert.

Die in sich geschlossene Interpretation traf beim Publikum auf breite Zustimmung. Das Tonhalle Orchester hat im Monat Januar seine große technische Flexibilität unter Beweis gestellt – der Start ins neue Jahr ist gelungen

—| IOCO Kritik Tonhalle Zürich|—

Zürich, ZKO Opera Box, Don Procopio – Georges Bizet, IOCO Kritik, 25.01.2019,

Januar 25, 2019 by  
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Zürcher Kammerorchester Theater © Zürcher Kammerorchester

Zürcher Kammerorchester Theater © Zürcher Kammerorchester

ZKO – Züricher Kammerorchester

Don Procopio  –  Georges Bizet

– Ein Omelett als musikalische Dreingabe –

von Julian Führer

Georges Bizet Paris © IOCO

Georges Bizet Paris © IOCO

Georges Bizet? Natürlich, der Komponist der Carmen! Vielleicht verbinden manche mit diesem Namen noch die Perlenfischer (Les pêcheurs de perles) oder auch La jolie fille de Perth – aber wer weiß schon, dass Bizet, der keine vierzig Jahre alt wurde, mehr als ein Dutzend Opern und Operetten komponiert hat? Eines seiner frühesten Werke nennt sich Don Procopio. Einmal im Jahr bringt das Zürcher Kammerorchester in seinem Stammhaus (Foto oben, ein ehemaliges Starkstromlabor am Stadtrand Zürichs) im Rahmen der Opera Box auch Musiktheater auf die Bühne. Die räumlichen Verhältnisse bringen es mit sich, dass das Publikum sehr dicht an der Bühne sitzt (und das Orchester sich am Rand befindet). In Zürich, soviel sei von Anfang an verraten, wurde ein musikalischer Leckerbissen serviert.

Worum geht es? Eine junge Frau soll einen alten Mann heiraten, weil ihr Stiefvater diese Ehe aus finanziellen Gründen arrangiert hat. Natürlich will sie diese Ehe nicht, denn sie ist ebenso natürlich in einen feschen jungen Mann verliebt. Was tun? Es wird intrigiert, die schlaue Frau geht zum Schein auf den Handel ein, bedrängt aber ihren Herrn Zukünftigen und malt ihm in leuchtenden Farben aus, wie sie sein Geld durchbringen wird. Am Ende fügt sich alles, und es darf geheiratet werden, aber nur zwischen den jungen Liebenden. Klingt bekannt? In der Tat – der Stoff kombiniert Versatzstücke der Opera buffa, und Gaetano Donizetti hat mit dem 1843 uraufgeführten Don Pasquale ein höchst verwandtes Sujet vertont. Was bewog Bizet, ein so sehr ähnlich gelagertes Stück zu in Musik zu setzen?

ZKO Opera Box / Don Procopio © Thomas Entzeroth

ZKO Opera Box / Don Procopio © Thomas Entzeroth

Bizet befand sich Mitte der 1850er Jahre als zwanzigjähriger Stipendiat, der früh die Aufmerksamkeit Jacques Offenbachs auf sich gezogen hatte, in Rom mit dem Auftrag, eine Messe zu komponieren. Das Ergebnis war dann doch eine im italienischen Stil geschriebene und italienisch gesungene Buffo-Oper, für die er sich an den italienischen Meistern seiner Zeit, darunter Gioacchino Rossini und eben Donizetti, orientierte. Bizet war noch sehr jung und lehnte sich stark an seine Vorbilder an, aber fand doch auch schon zu einer eigenen Klangsprache. Erhalten ist uns eine Stunde Musik, die von Charles Malherbe für die Uraufführung 1906 erweitert wurde. In Zürich gab es Bizet mit den Erweiterungen Malherbes und mit einer delikaten Zugabe.

Der Bühnenraum, unmittelbar an die erste Parkettreihe grenzend, bietet wenig mehr als eine Couchgarnitur, die stilistisch in die Zeit um 1900 weist, und, etwas erhöht, eine Anrichte (Bühne: Myriam Kirschke). Dies genügt aber schon, die schnellen Auf- und Abgänge zu arrangieren. Die Übergänge zwischen den einzelnen musikalischen Passagen werden von einem Conférencier (Samuel C. Zinsli) zusammengefasst (eine Übertitelung hat die Opera Box nicht). Die Regie lag bei Paul Suter, der das komische Potential des Buffo-Stoffes voll ausschöpfte. Auch ein Stück, das aufgrund seiner Handlung und seiner perlenden Musik ein Selbstläufer sein könnte, benötigt ein gekonntes Arrangement, damit das Timing der Partitur ihr Pendant auf der Bühnenfläche hat.

Von Suter angeleitet, hatten die einzelnen Charaktere Gelegenheit, ihre Figuren zu präsentieren. Jeanne-Pascale Künzli war Donna Eufemia, die zweite Ehefrau des Stiefvaters Don Andronico (Martin Weidmann). Beide zeigten viel komödiantisches Talent und sehr ansprechende Stimmen. Donna Eufemia (wörtlich: die Dinge auf schöne Weise Sagende!) war vor allem damit beschäftigt, ihrem Ehemann diverse Szenen zu machen; insgeheim war sie stets auf der Seite der Stieftochter Bettina, die von Christa Fleischmann dargestellt wurde. Bei ihrem ersten gemeinsamen Auftritt war die Stiefmutter noch deutlich lauter und schärfer timbriert als die Stieftochter (durchaus zu den Rollen passend), alsbald hatten sie aber zu stimmlicher Balance gefunden.

ZKO Opera Box / Don Procopio © Thomas Entzeroth

ZKO Opera Box / Don Procopio © Thomas Entzeroth

Die Partie der Bettina hat Bizet nicht leicht komponiert, teilweise geht es sehr schnell, dann weit nach oben, dann wieder nach unten. Nicht jede Sängerin wäre dieser Partie so gewachsen. Bettina hat noch einen Bruder, der die Intrige wesentlich vorantreibt: Ernesto, hier von Bojidar Vassilev stimmlich souverän und manchmal bewusst leicht schmierig dargestellt. Um Don Procopio zur Flucht zu bringen, droht er sogar mit einem Duell; man ahnt, welche musikalischen Möglichkeiten die Partitur hier birgt. Und Don Procopio selbst? Er wird vom operettenerfahrenen Erich Bieri verkörpert, der die Partie stimmlich wie szenisch voll und ganz ausfüllt und dem man mit viel Vergnügen zusieht, wie er etwas tölpelhaft in die Intrige hineinstolpert, die Ernesto zugunsten von Bettina gewoben hat. Bei den Hauptrollen fehlt nur noch der jugendliche Liebhaber der Bettina, Odoardo. Luca Bernard, der soeben erst als Student seinen Master absolviert hat, sieht jugendlich aus, hört sich jugendlich an und ist auch fast noch jugendlich. Seine Tenorstimme ist schlicht schön, technisch auf der Höhe, flexibel, und er harmoniert mit den anderen Stimmen auf der Bühne. Man will mehr von ihm hören, auch auf anderen Bühnen, und zwar möglichst bald!

Das sehr reduzierte Zürcher Kammerorchester (Streicher einfach besetzt, Flöte, Oboe, Klarinette, Fagott, Horn, Pauke) entwickelte unter Andres Joho eine erstaunliche Breite an Klangfarben. Aus der Not eine Tugend machend, setzte sich der Dirigent mitunter selbst ans Klavier, um die einer romantischen Nachtszene geziemenden Harfenklänge beizusteuern (Orchesterarrangement: Wolfgang Drechsler).

ZKO Opera Box / Don Procopio  - hier :  viele Köche richten das Hochzeitsessen © Thomas Entzeroth

ZKO Opera Box / Don Procopio  – hier : viele Köche richten das Hochzeitsessen © Thomas Entzeroth

Und die delikate Beilage? Nun: Zur Vorbereitung der Hochzeitsfeierlichkeiten zwischen dem alten Don Procopio und der jungen Bettina ist eine ganze Heerschar Köche angetreten. Die steht zwar so nicht in Bizets Partitur, ist aber in seinem Einakter Le docteur Miracle enthalten, den er als Achtzehnjähriger schrieb. In dem hinreißend albernen Quartett (natürlich todernst vorgetragen) „Voici l’omelette“ wird in diesem Arrangement das Hochzeitsmahl vorbereitet. Zwei Köche und zwei Köchinnen bereiten zu höchst kultiviertem Gesang ein Omelett zu – und servieren es (denn das Omelett ist echt!) ……  dem Publikum im Parkett!

Der witzige Abend mit Musik voller schöner Einfälle und mitunter fast dreisten Entlehnungen bei der italienischen Buffo-Tradition wurde vom Publikum einhellig gefeiert. Szenisch gekonnt umgesetzt und mit reduziertem Orchester gut durchhörbar aufgeführt – eine Entdeckung!

—| IOCO Kritik Züricher Kammerorchester |—

Zürich, Tonhalle Maag, Beethoven, Schumann, Brahms, IOCO Kritik, 27.06.2018

Juni 27, 2018 by  
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 Zürich Maag / Spielstätte des Tonhalle Orchesters © Hannes Henz

Zürich Maag / Spielstätte des Tonhalle Orchesters  © Hannes Henz

Tonhalle Zürich

Beethoven – Schumann – Brahms

– Manfred Honeck – Frank Peter Zimmermann –

Von Julian Führer

Die 1895 vollendete Tonhalle in Zürich gilt zu Recht als architektonisches und akustisches Juwel. Der komplexe Bau am Zürichseeufer mit dem Konzertsaal und dem unmittelbar anschließenden Kongresshaus von 1939 wird derzeit saniert, so dass die Konzerte des Tonhalle-Orchesters in einem Ausweichsaal stattfinden, der Tonhalle Maag im Zürcher Industriequartier. Innerhalb weniger Monate wurde dort aus einer Fabrikhalle ein Konzertsaal für gut 1200 Besucher geschaffen. Der Saal wirkt hell, der Zuschauer sieht das Orchester auf einem Podium in einem schlicht wirkenden Raum, der mit Fichtenholz verkleidet ist.

Das Orchester seinerseits befindet sich in einer Umbruchphase. Nach dem Ende der fast 20 Jahre währenden Arbeit mit dem Chefdirigenten David Zinman, der den Klangkörper unbestritten auf ein neues Niveau gehoben hatte, stand in den Jahren 2014-2018 Lionel Bringuier an der Spitze. Ab der Saison 2019/2020 wird Paavo Järvi das Orchester leiten, bis dahin wird das Orchester keinen Chef haben. Das letzte Konzert unter Bringuier ist bereits Geschichte. In welchem Zustand befindet sich Zürichs bekanntestes Orchester nun?

Tonhalle Orchester Zuerich © Paolo Dutto

Tonhalle Orchester Zuerich © Paolo Dutto

Eine langjährige Zusammenarbeit verbindet das Orchester mit Bernard Haitink. Leider musste er seinen geplanten Auftritt in Zürich absagen. Dankenswerterweise erklärte sich Manfred Honeck bereit, kurzfristig einzuspringen. Das Programm blieb fast unverändert: Auf Beethovens Egmont-Ouvertüre op. 84 folgte sein Violinkonzert in D-Dur op. 61. Bernard Haitink hatte mit Schumanns zweiter Symphonie in C-Dur ein anderes opus 61 angekündigt, das nun durch die vierte Symphonie in e-Moll von Johannes Brahms op. 98 ersetzt wurde.

Bei der Egmont-Ouvertüre spielte das Orchester in großer Besetzung, unter anderem mit nicht weniger als sechs Kontrabässen, die der dramatischen Grundstimmung in f-Moll ein breites Fundament verliehen. Diese ersten Minuten des Konzerts zeigten einige Irritationen bei den Einsätzen und der Klangbalance, letztere vielleicht der Saalakustik geschuldet: Beethovens teilweise schroffe Komposition mit scharfen Ausbrüchen und folgenden kurzen Generalpausen passen nicht zum Klangbild des Saales mit langem Nachhall, zumal Manfred Honeck die Hörner- und Paukeneinsätze mit echt Beethovenscher Dramatik herausstrich. Während der komponierten Viertelnote Pause liefen immer noch die Schallwellen um, so dass der nächste Einsatz nicht in eine erwartungsvolle Stille, sondern in einen Resthall erfolgte – dieses Problem zeigte sich mehrfach. Hinzu kamen kleinere Abstimmungsprobleme in der Klangbalance und auch bei den Einsätzen. Zu Zeiten David Zinmans war das Orchester präziser! Am besten gelang die Coda mit der Wendung zu C-Dur und gut aufgebauten Trompeteneinsätzen im Crescendo. Gänzlich befriedigend war dieser Auftakt dennoch nicht.

Beethovens Violinkonzert wurde von Frank Peter Zimmermann interpretiert. Der Zugriff von Dirigent und Solist kann insgesamt als eher zügig, eher technisch und im Gegenzug wenig emotional beschrieben werden. Die fünf Viertelschläge der Pauke in der Introduktion waren fast verhuscht; Zimmermann spielte die Tutti-Passagen mit, so dass das Soloinstrument nicht erst bei Takt 89 mit einem A einsetzt, sondern diese Stimme sich aus der Tuttigruppe zu lösen schien. Ab der Durchführung des ersten Satzes hatten sich Dirigent, Orchester und Solist endgültig gefunden, auch wenn abermals in den Übergängen, etwa vom zweiten Satz zum Rondo, nicht alle Stimmen gleich in Rhythmus und Tempo ganz ‚zusammen‘ waren.

Man wird dem Dirigenten als Einspringer da kaum einen Vorwurf machen können, die Probenzeit wird wahrscheinlich knapp gewesen sein, doch scheint es, als würde das Orchester einen strengen Erzieher in Zukunft (wieder) gut gebrauchen können. Zimmermann nun verfügt über eine stupende Technik und Brillanz und meisterte scheinbar mühelos alle Schwierigkeiten. Nach dem ersten Satz, in dem er die Kreisler-Kadenz spielte, gab es spontanen Applaus. Bei dieser Interpretation, die Beethovens Komposition eher zerklüftet als kantabel deutete, kam der ruhigere Mittelsatz weniger zur Geltung. Die straffen Tempi im Rondo und ein wirklich brillanter Schluss ließen das Publikum stark applaudieren; Zimmermann revanchierte sich mit einem Präludium von Rachmaninow als Zugabe.

Johannes Brahms in Wien © IOCO

Johannes Brahms in Wien © IOCO

Die vierte Symphonie von Johannes Brahms wurde in Zürich 2017 mit der Philharmonia Zürich unter Fabio Luisi gegeben und war im Mai 2018 schon im keine 50 Kilometer entfernten Luzern mit der Sächsischen Staatskapelle unter Christian Thielemann zu hören. Das Stück, jetzt kurzfristig aufs Programm gesetzt, konnte in der Interpretation Manfred Honecks dem Vergleich standhalten. Die vor der Pause bei Beethoven problematischen Eigenschaften des Saales erwiesen sich jetzt als Vorteil: Der lange Nachhall und die (zumindest vom Platz des Rezensenten) gedämpften Holzbläser passten zu Brahms und dem verfolgten Klangbild, das eher flächig (im positiven Sinn) und breit angelegt war. Auch war jetzt die vorher nicht immer gegebene Präzision da (die Pizzicati in den Violinen in den Takten 80-90 des Kopfsatzes waren buchstäblich auf die Hundertstelsekunde genau). Brahms arbeitet in dieser Symphonie weniger mit ganzen Motiven als mit kurzen Phrasen und Variationen; ein Dirigent muss hier klug disponieren, um vor allem den ersten und vierten Satz nicht als amorphe Blöcke erscheinen zu lassen. Dies ist in diesem Fall geglückt. Im zweiten Satz (Andante moderato) wurde das zarte E-Dur mit großer Ruhe zur Geltung gebracht. Auch das Allegro giocoso im dritten Satz gelang. Im vierten Satz (Allegro energico e passionato) setzen dann die bis dahin stummen drei Posaunen ein, von Manfred Honeck mit gehöriger Schärfe versehen. Eine überzeugende Interpretation, von abermals sechs Kontrabässen grundiert, mit fehlerlosen und perfekt legato spielenden Hörnern und vielen starken Einzelleistungen (etwa Simon Fuchs an der Oboe und Sabine Poyé Morel an der Flöte).

Am Ende gab es viel Applaus für Dirigent, Orchester und einzelne Musikerinnen und Musiker. Ein nicht ganz einheitlicher Konzertabend, bei dem das Positive überwog. Dem Orchester ist zu wünschen, dass es gut durch die kommende Spielzeit ohne Chefdirigent und ohne den angestammten Saal kommen wird. Das Potential, der Abend hat es gezeigt, ist weiterhin vorhanden.

—| IOCO Kritik Tonhalle Zürich|—

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