München, Staatsoper, OF ONE BLOOD – Brett Dean, IOCO

Zwei Königinnen, ein erbitterter Machtkampf: Brett Deans Oper „Of One Blood“ zeigt Politik, Intrigen und menschliche Abgründe in packender Düsternis. Claus Guths eindringliche Inszenierung und Vladimir Jurowskis präzises Dirigat machen den Abend zu einem gefeierten Opernereignis.

München, Staatsoper, OF ONE BLOOD – Brett Dean, IOCO
Bayerische Staatsoper München © Wilfried Hösl

von Hans-Günter Melchior

Johanni van Oostrum (Elizabeth Tudor), Vera-Lotte Boecker (Mary Stuart) © Monika Rittershaus

Machtkampf mit Herz

Da gibt es zwei Königinnen. Eine in Schottland, die andere in England. Sie sind – ein wenig unklar, Cousinen, welchen Grades auch immer, oder näher – miteinander verwandt, sind indessen nie einander begegnet. Queen Elizabeth aus England, Maria Stuart aus Schottland. Zwischen ihnen schwelt, offen oder versteckt, ein Machtkampf um die Herrschaft über die Insel. Da muss man ziemlich genau hinschauen, welche wirklichen Absichten zwischen den beiden einen gefährlichen, ständigen politischen Kampf entfachen: Elisabeth Tudor, Queen of England (Johanni von Oostrum), und Mary Stuart, Queen of Scots (Vera-Lotte Boecker). Sie agieren meist gemeinsam auf der Bühne, die eine links vom Zuschauer aus gesehen, die Engländerin, die andere rechts, die Schottin. Zunächst widmet sich die Geschichte freilich der Schottin und den Machtverhältnissen in deren Land. Sie hat so ihre Probleme. Nicht nur politisch, mehr eigentlich aus persönlichen Gründen. Zwischen ihr und ihrem Ehemann, Lord Darnley (Liam Bonthrone), stimmt es nicht so recht. Er ist eifersüchtig auf den Favoriten, Berater der Königin Mary Stuart, Rizzio (Andrew Hamilton), überhaupt will er der eigentliche Herrscher im Land sein, scheint zu glauben, Herrschen sei eigentlich Männersache. Er ersticht Rizzio im Affekt. Es knistert aus persönlichen und machtpolitischen Gründen im Staate. Da ist keine Sicherheit. Keine politische Klarheit, wer eigentlich das Sagen hat und wer sich zurückgesetzt fühlt. Als Mary einen Sohn zur Welt bringt (der übrigens erwachsen und an der Macht, nichts mehr von der Mutter wissen will), ist es offiziell: Sie können nicht miteinander.

Johanni van Oostrum (Elizabeth Tudor), Vera-Lotte Boecker (Mary Stuart) © Monika Rittershaus

Queen Mary willigt ein, dass man dem Gemahl eine Falle stellt und ihn meuchelt. Es war zuviel. Es ist aus mit der Sympathie im Volk. Mary wird von der Bevölkerung gleichsam aus dem Land getrieben und flieht ausgerechnet nach England zu ihrer Widersacherin Elisabeth, die sie prompt festnimmt und in den Kerker wirft. Mord ist nun mal ein Kapitaldelikt, daran ist nicht zu rütteln. Und jetzt entwickelt sich ein spannender Zwist, Diskurs, zwischen den beiden Königinnen, ohne dass diese sich – freilich historisch betrachtet – einander sehen. In der Oper scheint es zumindest zu flüchtigen Begegnungen zu kommen. In einem Raum, der von einer morastischen schwarzen Fläche beherrscht wird. Im abstoßend Düsteren taucht jedenfalls wie aus dem Untergrund Mary zuweilen auf und rührt ans Herz in einer unglücklichen Lage. Jedenfalls wird Mary zum Tode verurteilt und hingerichtet. Wie es eben so seine Ordnung hat im Rechtsstaat. Hier freilich nicht zuletzt auch aus politischem Kalkül, schließlich ist Mary zumindest im Hintergrund und im Bewusstsein des Staatspublikums ein gewisser Machtfaktor. In der Schlussszene sind die beiden Widersacherinnen freilich doch irgendwie vereint. Die beiden Sarkophage stehen in einem Raum.  Das alles ist höchst eindrucksvoll in der Inszenierung von Guth inszeniert. Man friert ein wenig angesichts der Kälte der Macht einerseits und andererseits den Zeugnissen eines Bedürfnisses nach menschlicher Wärme. Über der Szene hängt der Ausschnitt einer gotischen Kirche. Die Skulptur wirft zuweilen Schatten, schreckliche Schatten manchmal. Man kann gefährliche Tiere assoziieren. Zupackende Ungeheuer, böse Verfolger, wild und unerlöst. Höchst eindrucksvoll wird mit diesem Ausschnitt aus einer Kirche gespielt. Sie hängt oft schief oder kommt dem Geschehen auf der Bühne bedrohlich nahe. Nicht zuletzt ein Verdienst der Ehefrau des Komponisten, die an der Gestaltung mitwirkte. Dazu die packende Musik des Komponisten. Manchmal, einmal oder mehr (?), ins klassische Milieu zurückgreifend wie in der Erinnerung an eine längst verlorene Zeit.

Johanni van Oostrum (Elizabeth Tudor), Vera-Lotte Boecker (Mary Stuart) © Geoffroy Schied

Vladimir Jurowski hat sein Orchester und die zuweilen nicht ganz leichte musikalische Gestaltung fest in der Hand. Eine bewundernswerte dirigentische, mitgestalterische, den Stoff ordnende Leistung.  Bei einer nicht einfachen Musik, die freilich dem herben Inhalt des Stücks in jeder Phase gerecht wurde. Was für ein bemerkenswerter Abend. Dabei können die vielen sogenannten Consorts nur am Rand hervorgehoben werden: Weibliche Consorts: Seonwoo Lee, Mirjam Mesak, Lotte Betts-Dean (!), Meg Brilleslyper, Freya Apffelstaedt; männliche Consorts: Liam Bonthrone, Joel Williams, Andrew Hamilton, Armand Rabot und Paweł Horodyski.

Ein hochinteressanter, zu Recht vom Publikum einhellig bejubelter Opernabend. Was ist doch dieses ehemalige Mitglied der Berliner Philharmoniker, Brett Dean, als Komponist für ein Gewinn für die Musikwelt! Man hat Lust auf mehr.

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