Köln, Oper Köln, DIE WALKÜRE - Richard Wagner, IOCO
Der Herbst des Patriarchen
Eine irritierende „Walküre“-Dystopie an der Oper Köln
Besuchte Aufführung am 19.4.
Von Hanns Butterhof
Die Oper Köln setzt im Staatenhaus Richard Wagners Opernzyklus Der Ring des Nibelungen nach Dem Vorabend Das Rheingold mit Die Walküre fort, Dem Ersten Tag des Bühnenfestspiels. In ihr macht sich ein heftiger Zugriff der Regie von Paul-Georg Dittrich kenntlich, der die Handlung in einer Zeit umfassender technischer Überwachung von der Geburt bis zum Tod verortet. Das kollidiert vielfach mit dem Text, irritiert und tut insgesamt der Oper nicht gut, nicht zuletzt, weil durch eine szenisch notwendige Überinformation von der Musik abgelenkt wird, die im Staatenhaus aller Aufmerksamkeit wert ist.
Der erste Aufzug ist weitgehend erwartbar. Zur Ouvertüre zum ersten Aufzug irrlichtert der Strahl einer Lampe durchs Unterholz, offenbar den Weg eines Flüchtenden erhellend. Vor einer Holzhütte in nebligem Wald (Bühne: Pia Dederichs, Lena Schmid) bricht ein erschöpfter Flüchtling zusammen und wird von der Hausfrau freundlich aufgenommen. Er erzählt von seiner Herkunft, von seinem Unglück, der getöteten Mutter, dem Verlust von Schwester und Vater und davon, überall auf Feindseligkeit gestoßen zu sein. Die Frau erzählt ihre Geschichte, von der Tötung ihrer Mutter, ihrer Verschleppung und davon, als Ehefrau gekauft worden zu sein und ohne Liebe hier bei ihrem Mann Hunding zu leben. Während Siegmund (Daniel Johansson) - so wird sie ihn später nennen - eher ein tumber Tor ist, der sich nicht erklären kann, warum ihm immer Feinseligkeit entgegenschlägt, obwohl er eigentlich mitmenschlich handelt, ist Sieglinde (Astrid Kessler) klarsichtig. Sie erkennt ihn rasch als ihren Zwillingsbruder, sie zeigt ihm das Schwert im Baum, das ihn für den Kampf gegen Hunding rüstet. Sie ist es auch, die dem heimkehrenden Hunding (Tijl Faveyts) erst den betäubenden Schlaftrunk bereitet und ihn dann, als er doch noch erwacht, gnadenlos mit einem Ast niederschlägt und mit Fußtritten malträtiert. Und schließlich ergreift sie die Initiative zum Ehebruch und Inzest mit Siegmund, und reißt ihm das Hemd auf zu einer beglückenden Liebe, in der das Wälsungenblut hinter der Szene erblüht. Das alles wird von einer Überwachungskamera erfasst, von der nicht klar ist, wer sie installiert hat, wohl kaum Hunding.

Der zweite Aufzug beginnt dann etwas schwieriger. Bevor es losgeht, zeigt eine Videoprojektion eine zerstörte Stadtlandschaft, als wäre eine ganze Zivilisation ausgelöscht worden. Offenbar geht es jetzt in einer Zeit weiter, deren gesellschaftliche Regeln Gewalt und Zerstörung hervorrufen. Wotan (Jordan Shanahan) sitzt jetzt gestiefelt in einer orange-seidenen Uniform rauchend und trinkend in Walhalls rot ausgeschlagenem Salon. Er weist, ganz der Chef, seine mit einem fernlenkbaren (!) Spielzeugpanzer hereinkommende Lieblingstochter Brünnhilde (Stéphanie Müther) an, sich für eine ihrer üblichen Aufgaben fertigzumachen. Als dann seine Frau Fricka (Bettina Ranch) geschäftsmäßig elegant hereinkommt, ändert sich das Bild rasch. Sie klärt Wotan auf, dass sie seine Umtriebe kennt, dass sie missbilligt, dass seine Kinder Siegmund und Sieglinde Inzucht treiben und er sich gefälligst an seine eigenen Gesetze halten müsse, vornehmlich den Schutz der Heiligkeit der Ehe. Sie nötigt ihm nach einem glänzend kühlen Plädoyer den Schwur ab, Hunding, der sie als Schutzherrin der Ehe um Beistand angerufen hat, zum Sieg über Siegmund zu verhelfen, klappt ihr Köfferchen zu und geht grußlos ab. Wotans Uniform erweist sich als Kostüm einer Macht, die er nicht mehr hat. So verzweifelt er den Herrn herauskehrt, er muss Brünnhilde in Frickas Auftrag losschicken, in Siegmund seinen eigenen geliebten Sohn zu töten; hier erst hat man erfahren, dass Wotan als Welse der Vater der Wälsungen ist.

Als Brünnhilde dann im Kampf gegen Wotans Befehl, gerührt durch seine Treue zu Sieglinde, Siegmund beschützt, greift der Gott selber ein, lässt Hunding mit dem heiligen Speer, auf dem die Gesetzesrunen verzeichnet sind, Siegmund töten und zwingt Hunding dann magisch dazu, sich eigenhändig die Kehle durchzuschneiden. Die Situation könnte seine Machtlosigkeit nicht deutlicher zeigen: Paradox erfüllt Siegmund mit seiner Weigerung, nach Walhall zu kommen, genau Wotans Programm, alle Gesetzen zu verletzen, und wird von Wotan dafür bestraft wie auch Brünnhilde, die zwar nicht dem Befehl, aber dem erfühlten Willen Wotans gehorchte. Er ist bei allem martialischen Auftreten nicht Herr im eigenen Haus, seine Wut auf Brünnhilde stammt aus der Kränkung, die weit über den aktuellen Anlass hinausgeht.
Der dritte Aufzug ist zumindest unkonventionell. Das Video auf dem Vorhang vor Beginn der Handlung zeigt einen sich heftig im Mutterleib bewegenden, weit entwickelten Fetus. Als der Vorhang fällt, findet man sich in Walhall, Abteilung Kreißsaal. Die Hälfte der dort versammelten Walküren gebärt Kinder, die ihnen von der anderen Hälfte hebammenmäßig aus dem Leib gezogen werden. In dem Saal befinden sich außerdem noch offenbar geklonte Kinder mit wälsungengleichem Blondhaar, die mit leerem Blick auf Schaukelpferdchen wippen, während andere im Hintergrund schlapp am Tropf hängen. Es ist die einzig lustige Szene der Oper, wenn die Walküren zu den Kindern und ihren Pferdchen reden und sie Helden nennen; der Kontrast zwischen dem wilden Gesang und dem Anlass ist krass! Die Firma Walhall, die Wotan einstmals gegründet hat, hat sich offenbar hinter seinem Rücken technisch weiterentwickelt. Anstatt Helden von den Schlachtfeldern einzusammeln, werden sie jetzt geklont, wie und von wem auch immer gezeugt, während Wotan noch immer davon ausgeht, dass seine alte Methode weiterhin praktiziert wird. Als er wutentbrannt, jetzt im weißen Arztkittel, im Kreißsaal ankommt, um Brünnhilde zu bestrafen, droht er ihr zu allererst, dass er sie nicht mehr aus Walhall aussenden wird, um auf den Schlachtfeldern gefallene Helden nach Walhall zu holen. Das droht er auch den anderen Walküren an, sofern sie sich für Brünnhilde einsetzen. Er ist jetzt deutlich desorientiert, nicht der böse alte Mann, der alles in seinem schändlichen Griff hat. So lässt sich Wotan am Ende auch von Brünnhildes nicht am Recht, sondern an der menschlichen Qualität ihres Ungehorsams orientierten Verteidigungsrede erweichen. Er erspart ihr die größte zugedachte Schmach, wenn er sie in eine eigenartige Zeitkapsel einschließt und mit einem elektronischen Firewall umgibt: Sie verliert zwar ihre Göttlichkeit, wird zum Menschen, aber der Mann, der sie einmal finden wird, soll einer sein, der freier ist als er, Wotan, der Patriarch in seinem Herbst.

Die Regie von Paul-Georg Dittrich ist deutlich darauf orientiert, die dem Ring zugrundeliegende Zerstörung der Weltharmonie durch den Machtwahn erst Alberichs, dann Wotans mit seinen Folgen in die Gegenwart fortzuschreiben bis zu einem faschistischen Überwachungsstaat. Das mag eine zutreffende Vorstellung sein, aber sie wird von der Opernhandlung nicht gedeckt. Das führt dazu, dass viele Informationen, die der originalen Handlung äußerlich bleiben, vor allem über das Medium Video von Robi Voigt hinzugefügt werden müssen, um den gewünschten Eindruck zu erzeugen. Die aber sind oft so ungenau gesetzt, dass sie mehr zu abschweifenden Fragen führen als sich erläuternd mit dem Geschehen zu verbinden. Das tut der Oper nicht gut und zerstört sie als Gesamtzusammenhang.
Das Ensemble ist durchgängig gut besetzt. Jordan Shanahan als Wotan konnte mit frischem Heldenbariton die dramatischen Wechsel seiner Stimmungen deutlich machen und der Figur zum Ende das Wohlwollen gewinnen. Tijl Faveyts zeichnete mit gefährlich tiefem Bass einen finsteren Hunding, und Mezzo-Sopranistin Bettina Ranch gab bei ihrem kurzen Auftritt als kühle Fricka ein überzeugendes Rollendebüt. Astrid Kessler verkörpert als Sieglinde mit jugendlich lyrischem Sopran eine starke Frau, die es wie Daniel Johansson als Siegmund nicht leicht hat, gegen das Orchester zu bestehen. Der Heldentenor nahm sich als tumber Tor sogar etwas zurück und überzeugte in den lyrischen Partien; sein Winterstüme-Lied ging unter die Haut. Besondere Erwähnung verdient Stéphanie Müther, die in Vertretung von Trine Møller mit ihrem dramatischen Sopran eine souveräne Brünnhilde und überzeugender Gegenpart zu Wotan war. Das Ensemble der Walküren ließ sich von seiner komischen Rolle nicht irritieren und gefiel durch Kraft und Schönklang.

Eine der Aufgaben des Dirigats von Marc Albrecht bestand darin, dem Gesang über den Klangwall zu helfen, den besonders ein so großes Orchester wie das für die Walküre im Staatenhaus zwischen Bühne und Publikum plazierte darstellt. Das gelang durchwegs richtig gut, ohne dass auf Wagnerschen Pomp verzichtet wurde. Das Gürzenich-Orchester Köln schuf so von kammermusikalischem Feinklang bis zu triumphalen Tutti ein überzeugendes Klangerlebnis, dem man gewünscht hätte, Teil eines stimmigeren inszenatorischen Gesamtkonzepts zu sein.
Marc Albrecht und dem Gürzenich-Orchester Köln galt nach fünf intensiven Stunden wie auch dem Gesangs-Ensemble der erstaunlich einhellige, von Bravorufen und Standing Ovations begleitete Schlussbeifall.
Die nächsten Termine:30.4., 18.00 Uhr, und 3.5., 17.00 Uhr im Staatenhaus, Saal