Messa da Requiem
Verdis Messa da Requiem ist eine groß besetzte Vertonung der lateinischen Totenmesse für vier Solisten, Chor und Orchester. Verdi schrieb sie zum Gedenken an den von ihm verehrten Dichter Alessandro Manzoni und dirigierte die Uraufführung am 22. Mai 1874 in der Mailänder Kirche San Marco, am ersten Todestag Manzonis. Das Werk gilt als bedeutendstes geistliches Werk des Opernkomponisten.
Fakten zu „Messa da Requiem“
| Komponist | Giuseppe Verdi (1813–1901) |
|---|---|
| Entstehung | 1873/74, überwiegend in Paris komponiert; das „Libera me“ geht auf einen Satz zurück, den Verdi 1869 für eine geplante Gemeinschaftsmesse zum Tod Gioachino Rossinis geschrieben hatte |
| Uraufführung | 22. Mai 1874, Kirche San Marco, Mailand, unter Verdis Leitung, zum ersten Todestag von Alessandro Manzoni; drei Tage später eine vielbejubelte Aufführung an der Scala |
| Besetzung | vier Vokalsolisten (Sopran, Mezzosopran, Tenor, Bass), großer Chor und großes Orchester mit dreifach besetzten Holzbläsern, vier Hörnern, acht Trompeten (vier davon im Fernklang), Posaunen, Ophikleide/Tuba, Pauken, großer Trommel und Streichern |
| Gattung | Requiem (lateinische Totenmesse) für Soli, Chor und Orchester |
| Dauer | ca. 85–90 Min. |
| Bedeutung | Verdis Hauptwerk außerhalb der Oper und eine der wirkungsmächtigsten Requiem-Vertonungen des 19. Jahrhunderts |
Aufbau & Sätze
Requiem & Kyrie
Das Werk beginnt fast tonlos: gedämpfte Streicher und ein leise murmelnder Chor bitten um die ewige Ruhe der Verstorbenen. Aus dieser verhaltenen Klage löst sich das „Te decet hymnus“ als knapper, a cappella geführter Chorsatz, ehe die Eingangsmusik zurückkehrt. Mit dem „Kyrie eleison“ treten erstmals die vier Solisten hervor, einer nach dem anderen, und verbinden sich mit dem Chor zu einem dichten, schon opernhaft beseelten Ensemble. Verdi setzt hier den Grundton des ganzen Werks: gedämpfte Trauer, die jederzeit in dramatische Steigerung umschlagen kann. Die Dynamik reicht vom kaum hörbaren Pianissimo bis zu kräftigen Aufschwüngen, und schon in diesem ersten Teil zeigt sich, dass Verdi die liturgischen Worte nicht abstrakt, sondern als unmittelbar empfundenes Gebet vertont.
Dies irae
Der zweite, weit ausgedehnte Teil bildet das dramatische Zentrum. Das „Dies irae“ bricht mit hämmernden Akkorden, rasenden Streichern und Schlägen der großen Trommel los – die Vision des Jüngsten Gerichts. Aus dem Fernklang antworten die Trompeten im „Tuba mirum“, ehe der Bass das Erschrecken vor dem Gericht ausspricht. Es folgen lyrische und flehende Abschnitte: das „Liber scriptus“ des Mezzosoprans, das innige Solistenquartett „Quid sum miser“, das machtvolle „Rex tremendae“ und der weiche, kantable Tenorgesang „Ingemisco“. Mehrfach kehrt der Schreckensruf des „Dies irae“ wieder und gliedert den ausgedehnten Teil von innen, sodass Drohung und Bitte einander ablösen. Am Ende steht das „Lacrymosa“, eine absteigende Klagemelodie, die Verdi aus verworfener Opernmusik gewann; Solisten und Chor führen sie zu einem ergreifenden, leise verlöschenden Abschluss.
Offertorio
Im Offertorium tritt der Chor zurück und überlässt das Feld dem Solistenquartett. Das „Domine Jesu Christe“ bittet darum, die Seelen der Verstorbenen vor den Strafen der Hölle und dem tiefen Schlund zu bewahren; die vier Stimmen verflechten sich in beweglicher, kammermusikalisch transparenter Führung. Im Mittelteil hebt der Tenor das „Hostias“ an, ein ruhiges, gebetshaftes Gesangsthema von großer Schlichtheit, das die Aufregung des „Dies irae“ für einen Moment vergessen lässt. Verdi gestaltet diesen Teil als Insel der Verinnerlichung zwischen den großen Chorblöcken. Die Musik bleibt überwiegend zart und gefasst, bevor sie noch einmal aufblüht und gegen Ende beruhigt ausklingt. Gerade die Beschränkung auf die vier Solostimmen verleiht dem Satz eine intime, fast private Gebetshaltung.
Sanctus
Mit dem „Sanctus“ kehrt der Chor in voller Stärke zurück, nun geteilt in zwei vierstimmige Chöre, die einander zurufen und ablösen. Eine Trompetenfanfare eröffnet den Satz, dann setzt eine lebhafte Doppelfuge ein: zwei Chöre umkreisen das „Sanctus, sanctus, sanctus“ in raschem, jubelndem Wechsel. Dieser Teil ist der hellste und bewegteste des ganzen Werks, ein Lobpreis von fast tänzerischer Energie, der den Himmel und die Erde erfüllt sieht. Verdi nutzt die doppelchörige Anlage für glänzende Klangwirkungen und einen vorwärtsdrängenden Schwung, der nach der Düsternis der vorangegangenen Teile befreiend wirkt. Das „Hosanna in excelsis“ steigert den Satz zu einem strahlenden Höhepunkt. Mit knapp bemessener Dauer und kontrapunktischer Brillanz bildet das „Sanctus“ den hörbaren Lichtpunkt im Aufbau der Messe.
Agnus Dei
Das „Agnus Dei“ beginnt schlicht und eindringlich: Sopran und Mezzosopran tragen, zunächst ohne Begleitung und in Oktaven geführt, eine schlichte Melodie vor, die Bitte an das Lamm Gottes um Ruhe. Der Chor nimmt die Linie auf und antwortet ihr. In mehreren Strophen wird dieselbe Melodie variiert wiederholt, einmal von den Frauenstimmen, dann vom Chor, in wechselnder Harmonisierung und Instrumentierung – von dunkler Schlichtheit bis zu lichter Erhebung. Verdi gewinnt aus diesem fast volksliedhaften Grundgedanken eine Wirkung von großer Ruhe und Verklärung. Der Satz bildet einen bewussten Gegenpol zur Dramatik des „Dies irae“: hier herrscht Sammlung und Trost. Die schlichte Strophenform und die zarte Stimmführung machen das „Agnus Dei“ zu einem der berührendsten und zugleich kunstvollsten Abschnitte der gesamten Totenmesse.
Lux aeterna
Das „Lux aeterna“ vereint Mezzosopran, Tenor und Bass zu einem Solistenterzett – der Sopran fehlt hier, weil ihm der Schlussteil vorbehalten bleibt. Über flirrenden, geteilten Streichern beschwört der Mezzosopran das ewige Licht, das den Verstorbenen leuchten soll. Tenor und Bass treten hinzu und färben den Satz zwischen lichter Hoffnung und dunkler Bitte um Ruhe. Verdi wechselt mehrfach den Tonfall: schimmernde, fast schwebende Klänge stehen neben gedämpften, ernsten Passagen, in denen die tiefen Stimmen das „requiem aeternam“ wieder aufnehmen. So entsteht ein Schwanken zwischen Trost und fortdauernder Trauer. Der Teil verzichtet auf den Chor und wirkt dadurch verinnerlicht und kammermusikalisch. Mit seiner feinen Instrumentierung bereitet das „Lux aeterna“ die Stimmung für den großen Schlusssatz vor, ohne dessen Spannung vorwegzunehmen.
Libera me
Der Schlussteil gehört der Solo-Sopranistin. Das „Libera me“ ist der älteste Bestandteil des Werks, hervorgegangen aus dem Satz, den Verdi 1869 für eine geplante Gemeinschaftsmesse zum Tod Rossinis geschrieben hatte. Halb gesprochen, halb gesungen ruft die Sopranistin um Errettung vor dem ewigen Tod. Noch einmal bricht das „Dies irae“ mit voller Wucht herein, und noch einmal kehrt, leise und entrückt, die Musik des Anfangs wieder, sodass sich der Bogen über das ganze Werk schließt. Dann setzt eine große Chorfuge über „Libera me, Domine“ ein, in der sich die drängende Bitte verdichtet. Am Ende verklingt die Sopranstimme über kaum hörbarem Chor in einem letzten, gehauchten „Libera me“. Offen, ohne triumphalen Abschluss, lässt Verdi das Werk zwischen Hoffnung und Ungewissheit ausklingen.
Besetzung
| Stimme / Instrument | Lage | Funktion |
|---|---|---|
| Sopran-Solo | Sopran | Trägt das abschließende „Libera me“ und führt das Solistenquartett in „Dies irae“ und Offertorium |
| Mezzosopran-Solo | Mezzosopran | Eröffnet das „Liber scriptus“ und das „Lux aeterna“, prägt das „Agnus Dei“ im Duett mit dem Sopran |
| Tenor-Solo | Tenor | Stimmt das lyrische „Ingemisco“ und das „Hostias“ an |
| Bass-Solo | Bass | Spricht im „Mors stupebit“ das Erschrecken vor dem Gericht aus, beteiligt am „Lux aeterna“ |
| Chor | gemischter Chor (teils doppelchörig) | Trägt die großen Blöcke von „Requiem“ über „Dies irae“ und „Sanctus“ bis zur Schlussfuge des „Libera me“ |
Bekannte Sätze & Höhepunkte
| Satz / Nummer | Besetzung | Kontext |
|---|---|---|
| „Dies irae“ | Chor | Schonungslose Vision des Jüngsten Gerichts mit hämmerndem Orchester und großer Trommel |
| „Tuba mirum“ | Chor, Fernklang-Trompeten | Räumlich verteilte Trompeten kündigen das Gericht an |
| „Lacrymosa“ | Solisten, Chor | Absteigende Klagemelodie als ergreifender Abschluss des „Dies irae“ |
| „Libera me“ | Sopran-Solo, Chor | Dramatischer Schlusssatz mit Chorfuge, der das Werk offen ausklingen lässt |
Themen & Kontext
Worum es wirklich geht
Die Messa da Requiem vertont die lateinische Totenmesse: die Bitte um ewige Ruhe, das Entsetzen vor dem Jüngsten Gericht und die Hoffnung auf Erbarmen. Verdi spannt einen weiten Bogen von gedämpfter Trauer über die apokalyptische Wucht des „Dies irae“ bis zur verinnerlichten Bitte des „Libera me“. Anders als viele Requien endet das Werk nicht in tröstlicher Gewissheit, sondern offen, zwischen Hoffnung und Angst. Verdi, religiös eher skeptisch, fragt hier weniger nach dogmatischer Erlösung als nach dem menschlichen Erschrecken vor Tod und Vergänglichkeit – und macht den Hörer zum unmittelbaren Zeugen dieser existenziellen Erschütterung.
Entstehung & Hintergrund
Den Anstoß gab der Tod des Dichters Alessandro Manzoni am 22. Mai 1873, den Verdi zeitlebens verehrt hatte. Erschüttert beschloss er, dem Verstorbenen eine eigene Totenmesse zu widmen. Den Kern bildete bereits ein „Libera me“, das Verdi 1869 für eine geplante Gemeinschaftsmesse mehrerer Komponisten zum Tod Rossinis geschrieben, die aber nie aufgeführt worden war. Den Rest komponierte er 1873/74 überwiegend in Paris. Die Uraufführung leitete Verdi selbst am ersten Todestag Manzonis in San Marco zu Mailand; für die Mitwirkung der Sängerinnen war eine kirchliche Sondergenehmigung nötig. Drei Tage später folgte ein triumphaler Abend an der Scala.
Warum Experten es wichtig finden
Das Werk gilt als bedeutendstes geistliches Werk eines Opernkomponisten und als Höhepunkt des italienischen Requiems im 19. Jahrhundert. Schon früh entzündete sich daran ein Streit: Der Dirigent Hans von Bülow verspottete es als Verdis „neueste Oper, wenn auch im Kirchengewand“, ohne es gehört zu haben, während Brahms erwiderte, nur ein Genie habe so etwas schreiben können; Bülow nahm sein Urteil später zurück. Die Debatte berührt die bis heute diskutierte Frage, ob Verdis dramatische, opernhafte Tonsprache der liturgischen Gattung angemessen sei. Unbestritten ist die meisterhafte Chorbehandlung, die kühne Instrumentierung und die psychologische Eindringlichkeit, mit der Verdi die Totenmesse als menschliches Drama deutet.
Aufführungsnoten
Interpretationsansätze
Überwiegend konzertant aufgeführt; vereinzelt szenische Deutungen, etwa in der Choreografie von Christian Spuck, oder Aufführungen im liturgischen Gedenkrahmen
Bekannte Aufnahmen
Referenzaufnahmen leiteten unter anderem Arturo Toscanini, Carlo Maria Giulini, Georg Solti und Claudio Abbado; auch Herbert von Karajan und Riccardo Muti hinterließen viel beachtete Einspielungen
Was zwischen Interpretationen variiert
Klangbild und Wirkung schwanken mit Chor- und Orchestergröße, Tempo und Akustik; manche Dirigenten betonen die opernhafte Dramatik, andere die liturgische Sammlung und die feinen Pianissimo-Schattierungen
„Messa da Requiem“ bei IOCO
Häufige Fragen
Von wem stammt „Messa da Requiem“?
„Messa da Requiem“ stammt von Giuseppe Verdi. Uraufführung: 22. Mai 1874, Kirche San Marco, Mailand, unter Verdis Leitung, zum ersten Todestag von Alessandro Manzoni; drei Tage später eine vielbejubelte Aufführung an der Scala.
Was ist „Messa da Requiem“?
Verdis Messa da Requiem ist eine groß besetzte Vertonung der lateinischen Totenmesse für vier Solisten, Chor und Orchester. Verdi schrieb sie zum Gedenken an den von ihm verehrten Dichter Alessandro Manzoni und dirigierte die Uraufführung am 22. Mai 1874 in der Mailänder Kirche San Marco, am ersten Todestag Manzonis. Das Werk gilt als bedeutendstes geistliches Werk des Opernkomponisten.
Welche Sätze bzw. Höhepunkte hat „Messa da Requiem“?
Bekannt sind unter anderem „Dies irae“, „Tuba mirum“, „Lacrymosa“.
Verwandte Werke
Teil des IOCO Kultur Lexikons — Handlung, Hintergrund und Wissenswertes zu den großen Bühnenwerken.