Hamburg, Staatsoper, "Frauenliebe und -sterben", Schumann, Bartok, Zemlinsky, IOCO
- April 2026
„Alles was Oper kann“, so lautet das Motto des Regisseurs Tobias Kratzer für seine im Herbst begonnene Intendanz an der Hamburgischen Staatsoper. Oper ist schöne Kunst, sinnliches Erleben, aber auch gesellschaftspolitische Aspekte können in der Gattung 'Oper' erfahrbar gemacht werden.
Drei Neuinszenierungen hat Kratzer während seiner ersten Spielzeit bereits auf die Bühne gebracht und dem Hamburger Opernpublikum gezeigt, was er alles unter „Oper“ versteht und wie vielseitig 'Oper' sein kann, nämlich ein in Szene gesetztes Oratorium, eine relativ neue Märchenoper, und ein recht groteskes Grand Guignol-Auftragswerk.

„Frauenliebe und -sterben“ ist nun seine vierte Regie-Arbeit an der Staatsoper. Unter diesem Titel hat er drei Werke zusammengefasst: Als Prolog Robert Schumanns „Frauenliebe und Leben“, acht Lieder komponiert nach dem Gedichtzyklus von Adalbert von Chamisso. Nahtlos geht dieser Liederzyklus über in Bela Bartoks „Herzog Blaubarts Burg“. Nach der Pause folgt der Einakter „Eine florentinische Tragödie“ von Alexander Zemlinsky nach der gleichnamigen Geschichte von Oscar Wilde. Drei Werke, in denen quasi als 'roter Faden' die unterschiedlichen Aspekte von Liebe und Beziehungen thematisiert werden, vom Beginn des 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart.
Und so beginnt der Abend mit der die acht Schumann-Lieder wunderbar gestaltenden lyrischen Mezzosopranistin Kate Lindsey. Auf einem Biedermeiersofa in hochherrschaftlichem Ambiente sitzend, besingt sie – zur zarten einfühlsamen Klavierbegleitung (Eric Le Sage) – IHN, den Grund ihrer Backfisch-haften Schwärmerei, seit sie ihn gesehen, IHN, den Herrlichsten von allen. Sie kann's nicht fassen, nicht glauben, daß ER sie erwählt und ihr den Ring an ihren Finger steckt. Sie ist glücklich, hat einfach glücklich zu sein als Frau, die ihrem Gatten als 'Heimchen am Herd' ein angenehmes Leben bereitet und auch noch Kinder bekommt.

Als ihr Ehemann (Johan Reuter, hier nur Darsteller, später Blaubart und Simone) nimmt er die Geburt des ersten Kindes zur Kenntnis, eine Tochter. Am Ende hat sie acht Töchter geboren, was der Ehemann so gar nicht goutiert, er hätte lieber Söhne. Anders als bei Chamisso und bei Schumann stirbt in dieser Inszenierung nicht der Ehemann, sondern sie, die Ehefrau bei der Totgeburt der neunten Tochter, was der Ehemann achselzuckend zur Kenntnis nimmt. Die Ehefrau, die Dienerin, die Magd des Herrn, hat ihre Aufgabe nicht erfüllt und ihm keinen Stammhalter geboren. Im Sarg wird sie über die Bühne getragen.
Übrigens war auch Clara Schumann eine fleißig Gebärende, auch sie brachte acht Kinder zur Welt, allerdings waren darunter vier Jungen.

Nahtlos ging der Schumann-Prolog in „Herzog Blaubarts Burg“ über. Das Bühnenbild (von Rainer Sellmaier, ebenso die Kostüme) blieb, nur statt des Biedermeiersofas stand nun eine Psychologen-Liege vorn auf der Bühne, auf die sich Blaubart im Verlauf der Handlung legte, als ob er von Judit therapiert werden sollte.
Die musikalische Leitung des Philharmonischen Staatsorchesters lag in den Händen von Karina Canellakis, einer jungen New Yorkerin, derzeit Chefdirigentin des Netherlands Radio Philharmonic Orchestra und eine ausgewiesene Bartok-Kennerin. Ihr gelang es phantastisch, Bartoks expressive Musik höchst eindrucksvoll umzusetzen und brachte diese mit größter Sorgfalt zum Tragen. In Bartoks Komposition finden sich folkloristisch anmutende Klänge, romantische, symphonische Streicherpassagen, dann wieder unruhige dissonante musikalische Abläufe, die für eine intensive, nie nachlassende Spannung des Ganzen sorgten und bis zum Ende eindrucksvoll umgesetzt wurden.
Als Judith in schlichtem dunkelgrauen Kleid beeindruckte Annika Schlicht mit ihrem dramatischen, farbenreichen Mezzosopran und intensivem, variantenreichen Spiel während der Erkundung der Burg, wobei allerdings der Regisseur seine eigenen Vorstellungen hatte von dem, was sich hinter den Türen verbirgt. Nicht nur die blutverschmierten Waffen, Folterinstrumente und kostbares Geschmeide, auch ein Video mit Sado-Maso-Spielchen wird vorgeführt. Die Mondlandung von 1969 wird angedeutet und von Gästen Blaubarts bestaunt, es werden Drinks serviert von einer jungen Frau im blauen Minirock. Und eine von Blaubarts Frauen, die er beim Liebesspiel mit einer Zofe erwischt, wird mit einem Gewehrschuß niedergestreckt. Beim Tränenmeer schließlich liegt er auf der Psycho-Couch.

Johan Reuter als Blaubart führt seinen dramatischen Bariton mal sanft vor, wenn er versucht, Judith zu umschmeicheln, oder kräftiger, je mehr Türen geöffnet werden. Womit er nicht gerechnet hat, ist die Stärke Judiths, nachdem die letzte Tür geöffnet ward und vier seiner Ex-Frauen die Freitreppe herunter schritten – es sind die Ehefrau aus dem Schumann-Prolog, die Frau im Sado-Maso-Video, die Frau im blauen Minirock, und die Frau, die erschossen wurde. Hier erkannte Judith nun das Ausmaß ihrer Erkundungen. Hier gab sie ihm einen Tritt dahin, wo es weh tut, besprühte ihn mit Pfefferspray, ergriff den Schlüssel und entfloh. Anders als im Schumann-Prolog ist hier die Frau die Triumphierende, Blaubart der Besiegte.

Die „Florentinische Tragödie“ wurde nach der Pause eingeleitet durch ein amüsantes Video, „The Modern Man“ (von Manuel Braun), welches den „idealen, neuen Mann“ als empathisches Wesen darstellt, der kocht, putzt, die Waschmaschine bedient, dem Baby die Windeln wechselt und beim Sex unten liegt.
Sodann erklingt Zemlinskys herrliche, spätromantische, spät-versistische Musik aus dem Orchestergraben, kontinuierlich ansteigend, voller expressiver Harmonik und durchkomponiertem, dramatischem Fluss. Auch bei diesem Werk hat Karina Canellakis mit dem Philharmonischen Staatsorchester eine klare und wunderbar ausbalancierte Klangqualität geboten.

Die Handlung bei Oscar Wilde spielt im 14. Jahrhundert, Tobias Kratzer versetzt sie in die heutige Zeit. Auf der Bühne steht nun vorn ein Doppelbett, in dem sich Bianca und Guido Bardi, der Sohn des Herzogs von Florenz, miteinander vergnügen. Rechts steht ein Kleiderschrank, in dem sich Guido versteckt und dann herausfällt, dem Tuchhändler Simone genau vor die Füße. Statt sofortiger Eskalation entwickelt sich ein spannungsgeladenes Machtspiel. Simone bleibt äußerlich ruhig, zwingt Guido aber in eine zunehmend bedrohliche Situation, bis es schließlich zum Zweikampf kommt, bei dem Simone den Liebhaber tötet, während Bianca die ganze Zeit in ihrer Reizwäsche dasteht. Auch wenn Bianca ihren Ehemann hasst, vor ihm knien muß und wie eine Dienstmagd behandelt wird, so ist sie am Ende dennoch voll Bewunderung für ihn – „Warum hast du mir nicht gesagt, daß du so stark?“ – und somit revitalisiert dieser Mord die Leidenschaft zwischen Simone und Bianca, die sich versöhnen.
Johan Reuter war hier der darstellerisch intensive Tuchhändler Simone, die dramatische Sopranistin Ambur Braid war in ihrem knappen Outfit eine attraktive Bianca mit etwas unausgeglichener Gesangslinie, und der Tenor Thomas Blondelle war der schöne Liebhaber Prinz Guido Bardi mit Sonnenbrille und leichten Intonations-Unsicherheiten im oberen Bereich.
Das Premierenpublikum spendete am Ende reichlich Beifall, insbesondere für die Dirigentin Karina Canellakis und für Annika Schlichts phänomenale Judith.