Düsseldorf, Rheinoper, MARÍA DE BUENOS AIRES - Astor Piazolla, IOCO

Düsseldorf, Rheinoper, MARÍA DE BUENOS AIRES - Astor Piazolla, IOCO
Die abendlliche Rheinoper in Düsseldorf, Foto: IOCO

Eine rätselhaft-melancholische Opern-Rarität

Von Iris Flender und Uli Rehwald

Es ist ziemlich sicher, dass auch der erfahrene Opernkenner, gestählt durch hunderte von Aufführungen von A bis Z bei diesem Stück passen muss.

Rheinoper, MARÍA DE BUENOS AIRES, Foto: Andreas Etter

Astor wer?

Astor Piazolla?

Nie gehört!

Das ist auch schon allein deswegen klar, weil das Werk äußerst selten aufgeführt wird, zudem in keinem gängigen Opernführen steht und eigentlich auch gar keine richtige Oper ist. Zudem kommt, dass Piazolla eigentlich auch kein Opernkomponist ist. Wer jedoch in Tangokreises die Frage nach Astor Piazolla stellt, bekommt sehr regelmäßig ein Leuchten in den Augen als Antwort. So gut wie jeder Tangotänzer wird schon auf vielen Milongas zu seiner Musik getanzt haben. Und würde antworten:

Ja, der große Piazolla!

Rheinoper, MARÍA DE BUENOS AIRES, Foto: Andreas Etter

Die Rheinoper hat dieses opernähnliches Stück ziemlich wagemutig auf die Bühne gebracht. Und siehe da, es läuft äußerst erfolgreich - tatschlich ist es schwer, an Karten zu kommen. Im Nachhinein kann man dann feststellen, dass der Wagemut diesmal belohnt worden ist.

Es ist also keine richtige Oper, das Stück. Was ist es denn dann. Ein tieferes Nachdenken darüber lohnt unbedingt.

  • Eine Oper ist es schon deswegen nicht, weil die Musikstruktur von Arien und Duetten weitgehend fehlt. Auch ein Blick auf die Besetzung zeigt das: Die im Programm genannten 8 Darsteller bestehen nur aus 3 echten Opernsängern. Dazu kommen heute 3 Profi-Tänzer, ein Tangosänger und eine Bandoneon-Spielerin.
  • Ein reines Stück des Tanztheaters ist es erst recht nicht. Dafür wird viel zu viel gesungen und gesprochen - und vor allem zu wenig getanzt. Nur drei "echte Tangotänzer" tummeln sich immer wieder mal auf der Bühne.
Rheinoper, MARÍA DE BUENOS AIRES, Foto: Andreas Etter
  • Eine Revue oder ein Cabaret ist es auch nicht, obwohl einige Szenen daran erinnern könnten. Dazu fehlt das schillernd-eingängig-unterhaltsame, das leicht in die Ohren geht. Die Melancholie steht hier zeitweise dominant unüberhörbar auf der Bühne.
  • Ein Stück, das den Tango insgesamt darstellt, ist es auch nicht. Dagegen würden schon allein die Tango-Traditionalisten heftig protestieren, denen Piazolla entschieden zu modern ist.
  • Eine erzählte Geschichte ist das Stück auch nicht, wie ausdrücklich bei der Einführung zu hören ist. Es wird noch nicht einmal im Ansatz versucht, eine verständliche Geschichte zu erzählen. Ja, es geht um eine María (dargestellt und gesungen von Maria Kataeva), die aber aus drei Personen bestehen soll. Es bleibt rätselhaft. Zudem tritt auch Marías Schatten auf (Morenike Fadayomi).
Rheinoper, MARÍA DE BUENOS AIRES, Foto: Andreas Etter
  • Auch der Text bringt keine Antwort, was für ein Stück das ist. Horacio Ferrer hat ihn geschrieben und wirkt ebenfalls mehr als rätselhaft, so hybrid-poetisch wie er daherkommt. Nun ja, das kennen wiederum die engagierten Tangotänzer. Diese wissen, dass der Tango große Rätsel stellt - und das Beileibe nicht nur bei den komplexen Bewegungen - und von der Melancholie lebt.

Was ist es dann, was wir heute Abend sehen?

  • Ganz sicher geht es nicht um die Tangomusik allgemein, sondern nur um den Tango, den Piazolla selbst in seinem Kopf hatte: Kein traditioneller Tango mehr, sondern um eine neuen, auch durch die klassische Musik geformten Tango.
  • Und zu dieser Piazolla-Musik zeigen sich geträumte, surreale Tangowelten, wie sie sich im Kopf eines Tangotänzers abspielen könnten. Bestehend aus vielen Einzelszenen, die sich zu einem Handlungsgemenge zusammenfügen ohne dass man einen konkreten Handlungsverlauf hat. Oft mit einem lasziven Beginn und einem gewalttätigen Ende, in endloser neuer Abfolge. Alles zusammengehalten von einem gefühlt steten Monolog des Erzählers (Jorge Espino).
Rheinoper, MARÍA DE BUENOS AIRES, Foto: Andreas Etter
  • Ein Blick in die benachbarten Kunstgattungen könnte hilfreich sein. Auch in der Literatur gibt es eine Folge von zusammenhanglosen Bildern, den Gedankenfluss. Eine solche literarische Erzähltechnik hat z.B. James Joyce in in Ulysses verwendet. Auch da werden scheinbar ungeordnete Bewusstseinsinhalte einer Person wiedergegeben. Nur dass dieser heute auf der Bühne gezeigte Bewusstseinsstrom ausschließlich um den Tango kreist.
  • Ein Blick in die Malerei könnte man von einer Bilderfolge von impressionistischen, abstrakten Bildern sprechen - die allein das zeigen was der Künstler vom Tango träumend gesehen und erlebt hat.
Rheinoper, MARÍA DE BUENOS AIRES, Foto: Andreas Etter

Und so könnte man zur Meinung gelangen, dass die Rheinoper es sich heute erlaubt, den Bewusstseinsstrom von Piazolla und seine Tangomusik auf die Bühne zu bringen. Radikal und kommentarlos in einem Durcheinander schwimmender Bilder. Und uns so gleichzeitig vielleicht eine Reise in dies Seele des Tango Argentino ermöglicht.

Es gibt auf dieser Opern-Reise so viel zu sehen, dass man gar nicht alles verfolgen kann. Es ist ein enormer Überfluss an Eindrücken in aller Breite vorhanden:

  • Ein üppiges Bühnenbild (Katrin Connan) - Nachtclub, Nachtcafe-Ambiente, vielleicht der 30er Jahres des 20. Jahrhunderts. Dazu kommen dramatische Ausleuchtungen (Licht Nicol Hungsberg), gute Videoinstallationen (Bibi Abel), die das Geschehen unterstreichen.
  • Allein schon die vielfältigen, ständig laufenden - oft gleichzeitigen - Miniszenen können gar nicht alle verfolgt werden.
Rheinoper, MARÍA DE BUENOS AIRES, Foto: Andreas Etter
  • Man könnte sich natürlich auch entschließen, einfach mal nur dem Erzähler (Jorge Espino) zuzuhören. Er spricht spanisch - weil das beim Tango nicht anders geht. Wenn man dann auf die deutschen Übertitel schaut, wird man von der gefühlt verw0rrenen Lyrik jedoch eher abgelenkt. Besser ist es vielleicht, sich der Sprachmelodie im Einklang mit der Musik Piazollas hinzugeben.
  • Oder nur die Musik hören. Carmela Delgado, eine der weltweit besten Bandoneon-Spielerinnen, spielt heute für uns. Granz groß im 1. Akt vorne am Bühnenrand sitzend. Wenn man ihr zusieht, sich nicht von dem opulenten Bühnen-Geschehen ablenken lässt, bekommt man eine Ahnung von der Seele des Tango Argentino. Sie lässt ihr Bandoneon stöhnen, ächzen, von den zahllosen Facetten der Liebe erzählen. Dazu kommt dann, dass die Düsseldorfer Symphoniker unter der Leitung von Mariano Chiacchiarini offenbar zum Tango-Orchester mutiert sind.
Rheinoper, MARÍA DE BUENOS AIRES, Foto: Andreas Etter
  • Oder die drei Tänzer studieren. Mariano Agustin Messad, Andrés Sautel und Agostina Tarchini (die Weltmeisterin im Bühnentango) sind atemberaubend in ihrer Präsenz, der Präzision, der Ausstrahlung - zum niederknien die 2 Sequenzen am Beginn des 2. Aktes. Und natürlich spektakulär in den Showeinlagen am Ende des 2. Aktes. Akrobatisch aber eben mehr Show als Tango-Seele. Zu den beeindruckenden Trio der Profi-Tangotänzer kommen dann auch manchmal die Schritte der übrigen Mitwirkenden auf der Bühne, vor allem durch das "Cafe-Personal". Diese typischen gleitenden flachen Tango-Schritte, gemäßigt und präsent bei jedem Schritt.

Und neben diesem Überfluss an äußeren Reizen läuft dann wohl in den meisten Köpfen im Publikum zusätzlich noch drängend die anspruchsvolle Frage:

Was für ein Stück sehen wir hier eigentlich?

Rheinoper, MARÍA DE BUENOS AIRES, Foto: Andreas Etter

Der Applaus am Ende des Abends zeigt dann aber ganz deutlich, wie sehr das Experiment dem Publikum gefallen hat.

Wer keine Karten mehr bekommt, hat die Möglichkeit, das Stück über die Homepage der Rheinoper auch als Video-Stream zu sehen.

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