Der Vorhang passt nicht ins Hochformat

Auf Instagram begegnet die Oper einem anderen Zeitmaß. Zwischen dem einzelnen Bühnenbild und einem ganzen Abend liegt ein Abstand, der neugierig machen kann.

Blick in den leeren Zuschauerraum der Dresdner Semperoper mit geschwungenen Logenrängen, rotem Gestühl und großem Kronleuchter.
Zuschauerraum der Semperoper in Dresden (2007).

Bildnachweis: „Dresden - Main auditorium Semper Opera House - 2531.jpg“ · © Jorge Royan / www.royan.com.ar / CC BY-SA 3.0. Für die Webdarstellung verkleinert und JPEG-komprimiert; Bildausschnitt unverändert.

Ein Bühnenfoto kann den Augenblick festhalten, in dem sich zwei Figuren voneinander abwenden. Warum sie das tun, bleibt außerhalb des Bildes. In der Oper könnte eine lange musikalische Annäherung vorausgegangen sein; vielleicht widerspricht das Orchester gerade dem sichtbaren Abschied. Auf dem kleinen Bildschirm ist zunächst die Geste da. Der Zusammenhang muss hinzugedacht werden.

Darin liegt eine reizvolle Schwierigkeit, wenn Oper auf Instagram erscheint. Eine Kunst, die ihre Wirkung über Stunden entfalten kann, wird in einzelnen Bildern und kurzen Ausschnitten sichtbar. Das ist ein Wechsel des Maßstabs. Was im Theater einen ganzen Bühnenraum beansprucht, rückt auf dem Telefon dicht an das Auge. Ein Gesicht kann plötzlich mehr Raum bekommen als die Architektur einer Inszenierung.

Diese Nähe hat einen eigenen Wert. Ein Kostümdetail lässt sich betrachten, eine räumliche Anordnung erkennen, eine Haltung genauer lesen. Vorausgesetzt, der jeweilige Ausschnitt zeigt es. Ein Foto vermag den Blick auf etwas zu lenken, das von einem Sitzplatz im Zuschauerraum aus kaum zu unterscheiden wäre. Es verändert damit auch die Frage an die Bühne: Was erzählt schon dieses eine Detail?

Ein solcher Blick bleibt eine Auswahl. Der Bildrand entscheidet, was fehlt. Eine Nahaufnahme kann die Beziehung einer Figur zur Gruppe verdecken; eine Totale lässt möglicherweise den Ausdruck im Gesicht verschwinden. Auch ein kurzer musikalischer Ausschnitt setzt einen Anfang und ein Ende, die das Werk selbst an dieser Stelle nicht kennt. Das muss kein Mangel sein. Es verlangt nur, den Ausschnitt als eigene kleine Form ernst zu nehmen.

Wie viel Abend steckt in einem Moment?

Oper braucht Dauer, weil sich im Hören etwas verändert. Eine wiederkehrende musikalische Wendung trägt die Erinnerung an ihr erstes Auftreten mit. Eine Pause erhält ihr Gewicht durch das, was ihr vorausging. Für die Wirkung einer Stimme zählen neben dem einzelnen Ton auch ein langer Bogen und die Kraftverteilung über den Abend. Ein Clip kann einen Eindruck davon geben. Er kann diese Erfahrung nicht vollständig übernehmen.

Dasselbe gilt für die Regie. Ein starkes Bild mag eine Frage eröffnen, doch die Antwort einer Inszenierung entsteht aus dem Verlauf. Wie eine Szene auf eine andere folgt, wie Körper den Raum besetzen und wieder freigeben: Das erschließt sich erst mit der Zeit. Ein im Ausschnitt rätselhaftes Bild kann im Theater schlüssig werden. Umgekehrt ist eine einprägsame Aufnahme noch kein Beleg für einen gelungenen Abend.

Gerade dieser Abstand bewahrt die Freiheit des Publikums. Man darf sich von einem Bild angezogen fühlen, ohne sich schon ein Urteil zu bilden. Neugier ist eine andere, vorläufigere Beziehung zu einer Aufführung. Sie lässt Raum für Fragen, auch für Widerstand. Welche Vorstellung von einer Figur steckt in diesem Kostüm? Warum bleibt so viel Bühne leer? Das Bild gibt einen Anlass, genauer hinzusehen.

Hinter dem Profil steht zudem ein bestimmtes Haus. Schon die Namen der Profile erzählen von unterschiedlichen Theaterformen. @operdortmund ist der Opernsparte zugeordnet, @theaterbielefeld dem gemeinsamen Theaterbetrieb. Das sagt nichts über die Gestaltung der jeweiligen Beiträge aus. Es erinnert aber daran, dass Oper sowohl ein eigener künstlerischer Bereich als auch Teil eines größeren Theaterzusammenhangs sein kann.

Auf dem Bildschirm begegnet man damit auch einer öffentlichen Institution oder einem freien Produzenten. Das Haus wird unter seinem Namen ansprechbar und unterscheidbar. Welches künstlerische Profil dabei sichtbar wird, entscheidet sich am konkreten Inhalt: an der Auswahl der Werke und Perspektiven, an Bildern, an Sprache. Die bloße Existenz eines Accounts verrät darüber wenig. Eine Liste kann deshalb Zugänge eröffnen, aber kein künstlerisches Urteil ersetzen.


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