Berlin, Staatsoper Unter den Linden, Symphoniekonzert VI - C. Thielemann, IOCO

Berlin, Staatsoper Unter den Linden, Symphoniekonzert VI - C. Thielemann, IOCO
Staatskapelle Berlin (c)Stephan Rabold



13. April 2026

 

Staatskapelle Berlin, Julia Kleiter, Konstantin Krimmel -
Richard Strauss: Orchesterlieder, Ludwig van Beethoven: Sinfonie Nr. 6 F-Dur op. 68 Pastorale, Ouvertüre zu Egmont op. 84

 

Nicht zufällig gilt Richard Strauss (1864-1949) der Musikwelt, lange bevor er sich der Opernkomposition zuwendet, als Lyriker. Die frühen Lieder - Zueignung, Morgen, Cäcilie - und andere werden zu wahren Hits. Doch der Schein trügt: der Liedkomponist Strauss ist nur den Wenigsten wirklich bekannt, obwohl ungefähr 150 Lieder gedruckt vorliegen; 20 von ihnen gehören zum Repertoire in den gängigen Konzertprogrammen, weitere 20 werden gelegentlich aufgeführt. Die kluge Auswahl für das heutige Konzert aus mehr als 40 Orchesterliedern für eine hohe oder eine tiefe Stimme die meisten von Strauss erst später mit aller Raffinesse und individuell instrumentiert, sorgt für einen beglückenden, facettenreichen ersten Teil des Konzerts.

Das in der vergangenen Saison gestartete Vorhaben, in den folgenden Spielzeiten alle Lieder in Orchesterfassung mit ausgezeichneten Solistinnen und Solisten zur Aufführung zu bringen, verspricht für die nächsten Jahre anregende Einblicke in die große Kunst und die weite Spannbreite des Liedschaffens des Komponisten.  

Staatskapelle Berlin, Julia Kleiter, Christian Thielemann (c)Stephan Rabold

Mit Verführung op. 33/1 eröffnet die Sopranistin Julia Kleiter den Abend. Das Lied sprengt in seiner farbglühenden Instrumentierung in opulenter Besetzung die Grenzen des traditionellen Kunstlieds. Als Nr. 1 der Vier Gesänge op. 33 entstand es1896/97 nach einem Gedicht von John Henry Mackay als originäres Orchesterlied. Ihm folgt Nächtlicher Gang op. 44/2, Teil der 1899 entstandenen Zwei größeren Gesänge für eine tiefe Singstimme mit Orchesterbegleitung, ein dramatisch-wildes Lied nach einem Text von Friedrich Rückert, mit dem Bariton Konstantin Krimmel. Das groß besetzte Orchester untermalt farbenreich den gespenstischen Text und schreckt auch nicht vor einem knochenklappernden Xylophon zurück. Im Jahr 1899 entsteht auch die Muttertändelei op. 43/2 (Julia Kleiter). Die Textvorlage stammt von Gottfried August Bürger. Das kokett, neckische Lied ist Ernestine Schumann-Heink gewidmet und wurde am 8. Juli 1900 erstaufgeführt. Der Text beschreibt leicht ironisch eine auf ihr Kind stolze Mutter, die ihre Frage auch gleich selbst beantwortet: „Leutchen, habt ihr auch so eins? – Leutchen, nein, ihr habt keins.“ Entsprechend ist die Musik leicht und lebhaft, voller überraschender Modulationen und Wechsel der Harmonien. Mit Ruhe, meine Seele op.27/1 (Julia Kleiter) komponiert 1894 nach einem Text von Karl Henkell, folgt dann eines der bekanntesten Lieder von Richard Strauss. Es ist das erste der vier wunderbaren Lieder op. 27, die der Komponist für seine Muse, seine geliebte Frau, die Sängerin Pauline de Ahna als Hochzeitsgeschenk schreibt. Er orchestriert es erst 1948. Die Worte erhalten am gefühlten Ende seines Lebens und in Anbetracht der politischen Ereignisse der vergangenen Jahrzehnte jetzt eine für ihn neue Bedeutung. Die meisterhafte Orchestrierung schafft eine Stimmung düsterer Melancholie. Pilgers Morgenlied op. 33/4 (Konstantin Krimmel) von 1897 basiert auf einem Text von Johann Wolfgang von Goethe. Wie Verführung ist es Teil des am 13. November 1897 in Elberfeld uraufgeführten Zyklus op. 33 und eine der anspruchsvollsten, große sängerische Kraft fordernden Liedkompositionen von Strauss. Morgen op. 27/4 (Julia Kleiter) gehört zu der bereits oben erwähnten, 1894 für Pauline komponierten Gruppe von vier Liedern. Es ist wohl das bekannteste und das am meisten gesungene Lied des Komponisten. 1897 orchestriert, ist es vielleicht auch das schönste. Es schließt sich der als Orchesterlied komponierte Hymnus op.33/3 (Konstantin Krimmel) nach einem Text von Friedrich Gustav Schilling an, eine überschwängliche Liebeserklärung an das Erhabene: „Soll dieser denkende Geist an dein mütterlich Herz in reiner Umarmung sich schließen, bis der Tod sie zerreißt!“. Waldseligkeit op.49/1 (Julia Kleiter) bildet den Abschluss des ersten Konzertteils. Das Lied, die Vertonung eines Gedichts von Richard Dehmel, strahlt eine tiefe innere Ruhe und Verbundenheit aus, wurde 1901 komponiert und später instrumentiert. Es ist seiner geliebten Pauline gewidmet. „Da bin ich ganz mein eigen: ganz nur, ganz nur Dein“ lauten die Schlussworte. Die renommierte deutsche Sopranistin Julia Kleiter, international gefragt als Liedinterpretin und Gast aller bedeutender Opernhäuser wusste mit einer durch alle Register wunderschön klaren Stimme, müheloser Höhe, deutlicher Deklamation, leichten Koloraturen und Spielfreude in Muttertändelei, mit dem ergreifenden Ruhe, meine Seele, dem herrlich intimen, musikalischen Zwiegespräch in Morgen mit dem wunderbaren Konzertmeister Wolfram Brandl das Publikum zu begeistern. Doch der Bariton Konstantin Krimmel stand ihr nicht nach. Seit 2021 Mitglied des Ensembles der Bayerischen Staatsoper, gewann er 2024 den Opus Klassik als Sänger des Jahres und den Grammophone Award für seine CD – Einspielung Die schöne Müllerin. Seine direkte, zupackende Art der Interpretation, seine ausgeglichene Stimme überzeugte mich besonders in den lyrischen Teilen, während ich mir bei den groß besetzten Liedern mehr Präsenz und Durchsetzungskraft gewünscht hätte. Ausgezeichnet gelang der Hymnus. Großer Jubel der Zuhörer forderte eine Zugabe: Herrlich das von Konstantin Krimmel, schlicht, fast kammermusikalisch vorgetragene, 1896 komponierte und von Strauss „meiner geliebten Frau“ gewidmete Ich trage meine Minne op. 32/1 mit dem Text von Karl Friedrich Henkell und Traum durch die Dämmerung op. 29/1, im Sommer 1895 auf einen Text von Otto Julius Bierbaum geschrieben, mit Julia Kleiter bildeten den großartigen Abschluss der ersten Konzerthälfte.

Staatskapelle Berlin, Julia Kleiter, Konstantin Krimmel (c)Stephan Rabold

Im winterlich kalten Saal des Theaters an der Wien findet am 22. Dezember 1808 ein denkwürdiges, von Ludwig van Beethoven (1770-1827) auf eigenes Risiko veranstaltetes Akademiekonzert statt. Neben der Uraufführung der Fünften und Sechsten Sinfonie, damals noch mit vertauschten Opus-Zahlen, stehen die Chorfantasie, eine Arie, beim Publikum so beliebte freie Improvisationen, Teile der C-Dur-Messe und das Vierte Klavierkonzert auf dem Programm, ein Querschnitt seines Schaffens der letzten zweieinhalb Jahre. Ein schlecht vorbereitetes Orchester, deutliche Schnitzer in Beethovens Klavierspiel auf Grund seines zunehmenden Gehörleidens lassen den erhofften Erfolg ausbleiben. Der zeitweilige Königlich- Preußische Hofkapellmeister, Liedkomponist und auch als Musikschriftsteller und -kritiker bekannte Johann Friedrich Reichardt bedauert nach dem vierstündigen Konzertmarathon in „bitterster Kälte“ die „verfehlte Ausführung“ der Werke und schreibt: „dass man auch des Guten – und mehr noch des Starken - leicht zu viel haben kann“. Nur die dringliche Fürsprache und die Zusage einer kontinuierlichen, finanziellen Förderung durch seine Gönner Fürst Franz Joseph Maximilian Lopkowitz und Graf Andreas Kyrillowitsch von Rasumowsky hinderten den Komponisten daran, Wien zu verlassen.

Die Fünfte ist noch nicht fertig, noch während seiner Arbeit an der Fünften vollendet er seine Vierte und arbeitet an der Sechsten. Interessanterweise haben die beiden geradzahligen Kompositionen durchaus einen komplementären Charakter zur Fünften Sinfonie. Pastoral-Symphonie, oder: Erinnerung an das Landleben. Mehr Ausdruck der Empfindung als Mahlerey lautet der vollständige Titel des Werks. Diese Relativierung deutet darauf hin, dass der Komponist schon Kritik ahnt: sein Werk wird Grundstein für eine neue Formsprache: die Programm-Musik des 19. Jahrhunderts, die darauffolgende Entwicklung der Symphonischen Dichtung, verbunden mit einer besonders in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts erbittert geführten Kontroverse Programm-Musik versus absolute Musik. Doch schon seit der Antike ist die Darstellung von ländlichen Szenen, vom Hirtenleben, von Naturschilderungen in den Künsten ein beliebtes Sujet. Beethoven führt in seiner Sechsten Sinfonie, sicher auch in Kenntnis der beiden großen Oratorien von Joseph Haydn, diese Tradition fort und setzt in der gedanklichen Tiefe, der kompositorisch meisterhaften Verarbeitung neue Maßstäbe für kommende Generationen. Er ist bemüht, dass die Effekte und Überschriften nicht allzu wörtlich genommen und verstanden werden sollen. „Man überlässt es dem Zuhörer die Situationen auszufinden. Wer auch nur je eine Idee vom Landleben erhalten will, kann sich ohne viele Überschriften selbst denken, was der Autor will“.

Bereits aus den Jahren 1803 und 1804 gibt es erste Skizzen für die Komposition, die er während der Sommeraufenthalte in der ländlichen Umgebung Wiens 1807 und 1808 vollendet. „Kein Mensch kann das Land so lieben wie ich. Geben doch Wälder, Bäume, Felsen den Widerhall, den der Mensch wünscht!“ schreibt er 1810 in einem Brief an seine Freundin Therese Malfatti. Auf einem Skizzenblatt aus dem Jahr 1815 notiert er: „Mein unglückseliges Gehör plagt mich hier nicht“. Bereits am 8.Juni 1808 kündigt Beethoven dem Verleger Breitkopf & Härtel seine Fünfte und auch die Sechste Sinfonie an, obwohl er die Niederschrift des Autographen wohl erst im Juli oder August beenden wird. Die Metronom-Angaben, vom nahezu tauben Komponisten 1817 hinzugefügt, sind bis heute umstritten.

In ihrer Popularität hinkt die Sechste den anderen Sinfonien lange hinterher. Sie passt nicht so recht ins Bild vom ringenden Titanen. Die Rezeption schwankt zwischen Unsicherheit, Kritik und Hochachtung. In Bezug auf die Fagott-Stimmen im zweiten Satz schmäht Claude Debussy das Werk: „Sehen Sie sich die Szene am Bach an. Es ist ein Bach, aus dem allem Anschein nach Kühe trinken“. Für Hector Berlioz hingegen ist die Pastorale die „schönste der Beethovenschen Kompositionen“, weil sie „einen unvergleichlich größeren Eindruck macht als irgendeine andere“.

Christian Thielemann (c)Stephan Rabold

Im Gegensatz zu seinen anderen Sinfonien besteht die Sechste aus fünf Sätzen mit für die Zeit untypischen, sehr konkreten, sprechenden Satzbezeichnungen. Dabei gehen die letzten drei Teile nahtlos ineinander über und führen in ein stilles, hymnisch-inniges Finale, in dem der Mensch den Einklang mit der Natur findet. Der kompositorische Aufbau und die thematische Gestaltung aus kleinsten Motivteilen in kunstvollen Imitationen und kontrapunktischer Verarbeitung lassen ein wundersames Ganzes entstehen. Der Beethoven-Biograph Jan Caeyers schreibt: „Die Zeit verstreicht langsam, die Musik wirkt abgeklärt, wie von einer tiefen inneren Ruhe erfüllt. Kaum eine Themenentwicklung, es fehlt der Sog in eine bestimmte Richtung“.  

1. Erwachen heiterer Gefühle bei der Ankunft auf dem Lande. Allegro ma non troppo, in Sonatensatzform, Haupt- und Nebengedanken unbeschwert fließend und heiter, eine hervorstechende Subdominante führt in die Reprise, eine sehnsuchtsvolle Coda beendet den ersten Satz. 2. Szene am Bach. Andante molto mosso, der langsame Satz, ein in den Celli einsetzender sanfter 12/8-Rhythmus verströmt eine lyrisch meditative Stimmung, mit den Rufen von Nachtigall (Flöte), Wachtel (Oboe) und Kuckuck (Klarinette) schließt der Satz. An Breughelsche Bilder erinnert 3. Lustiges Zusammensein der Landleute. Allegro, ein Scherzo, eine Parodie auf dilettierende Dorfmusikanten, die Oboe scheint ihren Einsatz zu verfehlen, Fagotte hinken hinterher, rhythmische Verschiebungen, plötzliche Harmoniewechsel, ein Trio in Form eines Springtanzes, bis sich bereits kommendes Unheil androht. 4. Gewitter, Sturm. Allegro, Grollen der Celli und Kontrabässe, Abwärtsmotive der Geigen, Donnerschlag, scheinbares Chaos der Naturgewalten münden in 5. Hirtengesang – Frohe und dankbare Gefühle nach dem Sturm. Allegretto, eine Mischung aus Rondo und Sonatensatzform führt in eine zuversichtliche Beruhigung. Das Finale endet in einem innigen Dankgesang.

Mit dem Charakter einer Zugabe, Musikanten eilen noch schnell und glücklicherweise rechtzeitig von der Seitenbühne herbei, schließt das Konzert mit der Egmont-Ouvertüre f-Moll op. 84 von Ludwig van Beethoven. Das Werk ist Teil seiner Schauspielmusik zu Johann Wolfgang von Goethes Egmont, im Auftrag des Wiener Hofburgtheaters zwischen Herbst 1809 und Juni 1810 komponiert und dort am 15. Juni 1810 erst zur dritten Aufführung erstmals gespielt. Inzwischen ist die Ouvertüre, in sich geschlossen, losgelöst vom Drama, ein wirkungsvoller Teil vieler Konzertprogramme. Sie nimmt die Handlung des Schauspiels, den Widerstand gegen die spanische Fremdherrschaft Anfang des 16. Jahrhunderts vorweg. Der langsame Beginn in f-Moll kündet von den Leiden der Niederländer, der kämpferische Allegro-Hauptteil in Sonatenform führt in die Coda, die in F-Dur strahlende Vision des Sieges. Goethe äußerte nach der ersten Aufführung der aus insgesamt zehn Teilen bestehenden Musik: „Beethoven ist mit bewundernswertem Genie in meine Intentionen eingegangen“. Für Beethoven war die Arbeit mehr als eine Auftragsarbeit, war doch 1809 Österreich von Napoleon besetzt. Der Freiheitsgedanke war zeitlebens für ihn ein zentrales Anliegen: „Allein Freiheit, Weitergehen ist in der Kunstwelt wie in der ganzen großen Schöpfung Zweck“.

Richard Strauss debütierte als Dirigent 1898 an der Berliner Hofoper mit Tristan, war danach zehn Jahre als Erster Hofkapellmeister tätig und blieb für weitere zehn Jahre Generalmusikdirektor des Hauses Unter den Linden. In Berlin vollendete er seine Elektra, schrieb 1911 den Rosenkavalier, 1912/16 Ariadne und 1919 Frau ohne Schatten. So verwundert es nicht, dass man in der Oper diese Tradition spürt. Christian Thielemann erweist sich einmal mehr als sensibler Klangzauberer. Das Orchester blüht, glitzert und funkelt. Auch Beethoven bekommt bei ihm eine große Leichtigkeit und Durchsichtigkeit. Er schert sich dabei nicht um „historische Aufführungspraxis“ oder Metronom-Angaben, er macht einfach Musik. Er reizt den dynamischen Spielraum des Orchesterklangs vom fast unhörbaren Pianissimo bis zum Fortissimo voll aus. Der dichte, warme Klang der Staatskapelle bleibt dabei immer durchsichtig und klar bis in die kleinsten Details, es gelingen atemberaubende Übergänge. besonders im zweiten Satz der Sinfonie. Ich denke auch an die gewagte, aber lange Pause vor dem Schluss der Egmont-Ouvertüre. Eine großartige Leistung aller Mitwirkenden! Enthusiastischer Beifall des Publikums!

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