La Sylphide

„La Sylphide“ markiert den Beginn des romantischen Balletts: Ein schottischer Bauer verlässt am Hochzeitsmorgen seine Braut, um einem unfassbaren Luftgeist zu folgen, und zerstört dabei beide Frauen und sich selbst. Die heute getanzte Fassung schuf August Bournonville 1836 in Kopenhagen zur Musik Herman Severin Løvenskiolds; das Pariser Original von 1832 begründete den Spitzentanz.

Fakten zu „La Sylphide“

KomponistHerman Severin Løvenskiold (Bournonville-Fassung 1836); das Pariser Original von 1832 vertonte Jean-Madeleine Schneitzhoeffer
Choreografie (UA)August Bournonville (1836, erhaltene Fassung); Original Filippo Taglioni (1832, für Marie Taglioni)
Libretto / VorlageAdolphe Nourrit, frei nach Charles Nodiers Erzählung „Trilby, ou Le Lutin d’Argail“
Uraufführung28. November 1836, Königliches Theater, Kopenhagen (Bournonville-Fassung); Original 12. März 1832, Pariser Oper (Salle Le Peletier)
Aufbau2 Akte
Spieldauerca. 1 Std. 40 Min. (inkl. Pause)
GattungBallett
BedeutungErstes vollgültiges „ballet blanc“ und Geburtsstunde des romantischen Spitzentanzes.

Handlung

1. Akt

In einem schottischen Gutshaus schläft James, ein junger Bauer, am Morgen seiner Hochzeit in einem Sessel. Vor ihm kniet die Sylphide, ein geflügelter Luftgeist, der ihn liebt und nur ihm sichtbar ist. Sie küsst ihn und entschwindet durch den Kamin; James erwacht verstört. Seine Braut Effie und die Gäste treffen ein, auch Gurn, der Effie heimlich begehrt und James’ Zerstreutheit misstrauisch beobachtet. Am Herd kauert die Hexe Madge, die James grob vertreibt; aus Rache prophezeit sie beim Handlesen, nicht er, sondern Gurn werde Effie heiraten. Während die Vorbereitungen laufen, erscheint die Sylphide James immer wieder, kokett und unerreichbar, und entzieht sich jedem Zugriff. Im Augenblick, da James Effie den Ring anstecken soll, raubt der Luftgeist ihn und lockt den Schwankenden ins Freie. James läuft der Sylphide in den Wald nach und lässt seine fassungslose Braut, die Gäste und die ganze Ordnung seines Lebens zurück.

2. Akt

Im nebligen Wald rührt die Hexe Madge mit ihren Gefährtinnen einen Zauber an und bereitet James’ Untergang vor. Dann findet James zur Sylphide, die ihn in ein flüchtiges Glück aus Spiel und Tanz hineinzieht: Stets ist sie da und doch nie zu fassen, gleitet ihm zwischen den Fingern hindurch, schwebt en pointe davon und kehrt nur zurück, um erneut zu entweichen. Verzweifelt über diese Unerreichbarkeit nimmt James von Madge einen verhexten Schal an, mit dem er den Luftgeist an sich binden soll. Er legt ihn der Sylphide um die Schultern – doch der Zauber tötet sie: Ihre Flügel fallen ab, sie erblindet und stirbt in seinen Armen, während Schwestern sie davontragen. In der Ferne zieht ein Hochzeitszug vorüber: Effie heiratet Gurn. James bricht gebrochen zusammen, und Madge triumphiert über die vollendete Rache. Beide Lieben, die irdische und die überirdische, sind verloren.

Hauptrollen

RolleTypBedeutung
JamesErster Solist (Hauptrolle)Junger schottischer Bauer, der am Hochzeitstag dem Luftgeist verfällt und alles verliert.
Die SylphideBallerina (Titelrolle)Geflügelter Luftgeist; unerreichbares romantisches Ideal, ganz auf Spitze getanzt.
EffieSolistinJames’ Braut, die am Ende den treuen Gurn heiratet.
MadgeCharakterrolle (Mimik)Verstoßene Hexe; ihre Rache an James treibt die Tragödie voran.
GurnSolist / CharakterrolleBauer, der Effie liebt und sie schließlich gewinnt.

Berühmte Tänze & Höhepunkte

Tanz / NummerBesetzungSzene
„Auftritt der Sylphide am Kamin“Die Sylphide, James1. Akt
„Madges Wahrsageszene“Madge, Effie, Gurn1. Akt
„Pas de deux im Wald“James, Die Sylphide2. Akt
„Tod der Sylphide mit dem verhexten Schal“James, Die Sylphide, Madge2. Akt

Themen & Kontext

Worum es wirklich geht

„La Sylphide“ erzählt vom Konflikt zwischen greifbarem Glück und unerreichbarer Sehnsucht. James besitzt mit Effie eine treue Braut und einen festen Platz in der Dorfgemeinschaft, doch er gibt beides preis, um einem Luftgeist nachzujagen, der sich jeder Berührung entzieht. Genau dieses Ideal lässt sich nicht festhalten: Der Versuch, es zu binden, tötet es. Das Ballett zeigt die romantische Schwärmerei nicht als Erfüllung, sondern als Selbstzerstörung. James verliert die irdische und die überirdische Liebe zugleich und steht am Ende mit leeren Händen, während die Hexe Madge das Maß seiner Verblendung offenlegt.

Geschichte & Choreografie

Das Original entstand 1832 an der Pariser Oper: Filippo Taglioni schuf es für seine Tochter Marie zur Musik Jean-Madeleine Schneitzhoeffers. Hier erhielt der Spitzentanz erstmals eine dramatische Begründung – das Schweben auf den Zehenspitzen versinnbildlichte das körperlose Wesen der Sylphide. Damit gilt das Werk als erstes „ballet blanc“. August Bournonville sah die Pariser Produktion, konnte sie aber für Kopenhagen nicht erwerben und ließ 1836 eine eigene Fassung zur Musik Herman Severin Løvenskiolds choreografieren. Nur diese dänische Version ist vollständig überliefert; sie zählt zu den ältesten erhaltenen Balletten überhaupt.

Warum Experten es wichtig finden

Mit „La Sylphide“ beginnt die romantische Epoche des Balletts: übernatürliche Frauengestalten, weiße Tüllröcke und der Spitzentanz als poetisches Ausdrucksmittel. Marie Taglioni prägte das Bild der ätherischen Ballerina, das bis heute nachwirkt. Bournonvilles Fassung bewahrt darüber hinaus einen eigenen, unverwechselbaren Stil: schnelle, präzise Fußarbeit, geerdete Sprünge, ein zurückhaltend-höflicher Oberkörper und eine starke männliche Rolle in James. Diese „Bournonville-Schule“ wird am Königlich Dänischen Ballett bis heute systematisch gepflegt. Als ältestes durchgehend getanztes Werk des romantischen Repertoires ist „La Sylphide“ ein lebendiges Zeugnis der Tanzgeschichte des 19. Jahrhunderts.

Aufführungsnoten

Choreografische Fassungen & Traditionen

Maßgeblich ist die Bournonville-Fassung von 1836, am Königlich Dänischen Ballett über Generationen weitergegeben und u. a. von Erik Bruhn und Peter Schaufuss für internationale Compagnien eingerichtet.

Bekannte Companies & Aufnahmen

Verfügbar sind Mitschnitte des Königlich Dänischen Balletts sowie die rekonstruierte Taglioni-Choreografie von Pierre Lacotte (1972) für die Pariser Oper mit Ghislaine Thesmar.

Was zwischen Fassungen variiert

Es existieren zwei Werklinien: das Pariser Original (Taglioni/Schneitzhoeffer, 1832) und die erhaltene Kopenhagener Fassung (Bournonville/Løvenskiold, 1836). Inszenierungen unterscheiden sich in Schalszene, Madge-Charakterisierung und Schlussbild.

Häufige Fragen

Wer komponierte die Musik zu „La Sylphide“?

Die Musik stammt von Herman Severin Løvenskiold. Uraufführung: 28. November 1836, Königliches Theater, Kopenhagen (Bournonville-Fassung); Original 12. März 1832, Pariser Oper (Salle Le Peletier).

Wer schuf die Choreografie von „La Sylphide“?

August Bournonville (UA 1836); Original Filippo Taglioni (UA 1832).

Wovon handelt „La Sylphide“?

„La Sylphide“ markiert den Beginn des romantischen Balletts: Ein schottischer Bauer verlässt am Hochzeitsmorgen seine Braut, um einem unfassbaren Luftgeist zu folgen, und zerstört dabei beide Frauen und sich selbst. Die heute getanzte Fassung schuf August Bournonville 1836 in Kopenhagen zur Musik Herman Severin Løvenskiolds; das Pariser Original von 1832 begründete den Spitzentanz.

Welche berühmten Tänze gibt es in „La Sylphide“?

Zu den Höhepunkten zählen „Auftritt der Sylphide am Kamin“, „Madges Wahrsageszene“, „Pas de deux im Wald“.

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