La Fille mal gardée

„La Fille mal gardée“ ist das älteste durchgehend gespielte Handlungsballett, 1789 von Jean Dauberval in Bordeaux geschaffen. Maßgeblich ist heute Frederick Ashtons heitere Fassung für das Royal Ballet, uraufgeführt am 28. Januar 1960 in London zu Ferdinand Hérolds Musik in der Bearbeitung von John Lanchbery. Es erzählt komisch, wie die junge Lise ihren Colas gegen den Willen der Mutter heiratet.

Fakten zu „La Fille mal gardée“

KomponistFerdinand Hérold (Pariser Fassung 1828), für Ashton bearbeitet und ergänzt von John Lanchbery (1960); die Urfassung 1789 nutzte ein Pasticcio französischer Volksmelodien
Choreografie (UA)Jean Dauberval (Bordeaux 1789); maßgebliche Fassung von Frederick Ashton (London 1960)
Libretto / VorlageJean Dauberval; angeregt durch ein Genrebild bäuerlichen Lebens (nach einem Stich von Pierre-Antoine Baudouin)
Uraufführung1. Juli 1789, Grand Théâtre de Bordeaux (Urfassung); Ashton-Fassung: 28. Januar 1960, Royal Opera House Covent Garden, London
Aufbau2 Akte
Spieldauerca. 1 Std. 45 Min. (Ashton-Fassung)
GattungBallett
BedeutungEines der ältesten erhaltenen Ballette und ein Höhepunkt des komischen Genres; Ashtons Fassung gilt als Meisterwerk des englischen Balletts.

Handlung

1. Akt

Auf einem Bauernhof in der französischen Provinz lebt die junge Lise mit ihrer verwitweten Mutter, der herrischen Witwe Simone, die ihren Hof streng führt. Lise liebt den jungen Bauern Colas, doch ihre Mutter hat anderes im Sinn: Sie will die Tochter mit Alain verheiraten, dem einfältigen Sohn des wohlhabenden Weinbergbesitzers Thomas. Im Hof necken sich Lise und Colas, tauschen heimlich Zärtlichkeiten und binden ihre Zuneigung sinnbildlich in den berühmten Bändertanz, bei dem rosa Schleifen die Liebenden umschlingen. Die Witwe Simone – traditionell von einem Mann en travesti als komische Charakterrolle getanzt – versucht, das Paar zu trennen, scheucht das Federvieh, kommandiert die Erntearbeiter und führt selbst einen derben Clog Dance (Holzschuhtanz) auf. Als ein Gewitter aufzieht, suchen alle Schutz. Thomas und der linkische Alain erscheinen, um die geplante Heirat voranzutreiben, während Lise und Colas einander unbeirrt zugetan bleiben.

2. Akt

Im Inneren des Bauernhauses dreschen Witwe Simone und Lise das Korn; die Mutter spinnt und schläft schließlich erschöpft ein. Lise nutzt den Augenblick, träumt von einer Zukunft mit Colas und einer Kinderschar – bis sie bemerkt, dass Colas heimlich im Heu versteckt ist. Erschrocken über die ertappte Vertraulichkeit sperrt die erwachte Simone die Tochter kurzerhand in eine Kammer, um sie für Alain bereitzuhalten. Doch als Thomas und Alain mit dem Notar zur Vermählung eintreffen und die Tür geöffnet wird, kommen Lise und Colas gemeinsam zum Vorschein – ihr heimliches Beisammensein ist offenbar. Angesichts der vollendeten Tatsachen, des Spotts über den unbeholfenen Alain und der Fürsprache der Dorfgemeinschaft gibt Witwe Simone schließlich ihren Widerstand auf und segnet die Verbindung. Alain tröstet sich mit seinem geliebten roten Regenschirm. Das Ballett endet als ländliches Freudenfest mit der Verlobung von Lise und Colas.

Hauptrollen

RolleTypBedeutung
LiseBallerina (Hauptrolle)Junge Bäuerin, die gegen den Willen der Mutter Colas liebt.
ColasErster SolistJunger Bauer und Lises Geliebter.
Witwe SimoneKomische Charakterrolle (oft en travesti)Lises herrische Mutter; will sie reich verheiraten. Berühmt für den Clog Dance.
AlainCharakter-/Demi-Caractère-RolleEinfältiger Sohn des reichen Thomas, als Bräutigam für Lise vorgesehen.
ThomasPantomimenrolleWohlhabender Weinbergbesitzer und Vater Alains.

Berühmte Tänze & Höhepunkte

Tanz / NummerBesetzungSzene
„Bändertanz (Ribbon Dance / Pas de ruban)“Lise & Colas1. Akt
„Clog Dance (Holzschuhtanz)“Witwe Simone1. Akt
„Lises Pantomimenszene „Wenn wir verheiratet sind““Lise2. Akt

Themen & Kontext

Worum es wirklich geht

„La Fille mal gardée“ ist eine heitere Liebeskomödie aus dem Landleben: Die junge Lise will den armen, aber geliebten Colas heiraten, während ihre Mutter sie aus Standes- und Geldgründen mit dem tölpelhaften Alain verkuppeln möchte. Am Ende setzt sich die natürliche Zuneigung gegen elterliche Berechnung durch. Das Werk feiert eine bäuerliche, ungekünstelte Welt und stellt das einfache Glück über Besitz und Konvention – ein bewusster Gegenentwurf zum höfischen Märchenballett. Die komische Mutterfigur, der verlachte Nebenbuhler und das unbeschwerte Dorffest geben dem Stoff seinen warmen, menschlichen Humor, der ohne Bösewichte und Tragik auskommt.

Geschichte & Choreografie

Jean Dauberval schuf das Ballett 1789 in Bordeaux, kurz vor der Französischen Revolution, zunächst unter dem Titel „Le ballet de la paille“. Es gilt als ältestes Handlungsballett, das ununterbrochen im Repertoire blieb, wenn auch in vielen Bearbeitungen und mit wechselnder Musik. Frederick Ashton schuf 1960 für das Royal Ballet die heute maßgebliche Fassung: Auf Anregung des Tanzhistorikers Ivor Guest wählte er Ferdinand Hérolds Pariser Partitur von 1828, die John Lanchbery neu einrichtete und ergänzte. Bei der Premiere tanzten Nadia Nerina (Lise), David Blair (Colas), Stanley Holden (Witwe Simone) und Alexander Grant (Alain).

Warum Experten es wichtig finden

Ashtons „Fille“ gilt als ein Höhepunkt des englischen Balletts und als Musterbeispiel für erzählerische Klarheit im komischen Genre. Sie verbindet brillante klassische Technik – etwa im Bändertanz und in Lises Variationen – mit liebevoll beobachtetem pastoralem Charme und englischer Folklore-Elementen wie dem Maibaumtanz. Die Travestie-Rolle der Witwe Simone mit ihrem Holzschuhtanz steht in der Tradition der dame des englischen Theaters. Tanzhistorisch ist das Werk doppelt bedeutsam: als seltenes Überbleibsel des vorromantischen Ballets d’action Daubervals und als Beleg für Ashtons Fähigkeit, Tradition in eine zeitlos wirkende, musikalisch durchdachte Komödie zu verwandeln.

Aufführungsnoten

Choreografische Fassungen & Traditionen

Maßgeblich ist Frederick Ashtons Fassung von 1960 für das Royal Ballet (Musik Hérold/Lanchbery, Ausstattung Osbert Lancaster). Daneben existieren ältere Traditionslinien, u. a. die russische Fassung in der Nachfolge von Marius Petipa und Lew Iwanow zu Musik von Peter Ludwig Hertel.

Bekannte Companies & Aufnahmen

Vom Royal Ballet liegt Ashtons Fassung mehrfach als Mitschnitt vor (u. a. mit Lesley Collier/Michael Coleman sowie späteren Besetzungen); auch andere Compagnien haben sie filmisch dokumentiert.

Was zwischen Fassungen variiert

Aufführungen unterscheiden sich vor allem in der gewählten Tradition: Ashtons englische Fassung (Hérold/Lanchbery) gegenüber der osteuropäischen Hertel-Tradition; Witwe Simone kann en travesti oder von einer Frau getanzt werden.

Häufige Fragen

Wer komponierte die Musik zu „La Fille mal gardée“?

Die Musik stammt von Ferdinand Hérold (Bearb. John Lanchbery). Uraufführung: 1. Juli 1789, Grand Théâtre de Bordeaux (Urfassung); Ashton-Fassung: 28. Januar 1960, Royal Opera House Covent Garden, London.

Wer schuf die Choreografie von „La Fille mal gardée“?

Jean Dauberval (UA 1789) / Frederick Ashton (maßgebliche Fassung 1960).

Wovon handelt „La Fille mal gardée“?

„La Fille mal gardée“ ist das älteste durchgehend gespielte Handlungsballett, 1789 von Jean Dauberval in Bordeaux geschaffen. Maßgeblich ist heute Frederick Ashtons heitere Fassung für das Royal Ballet, uraufgeführt am 28. Januar 1960 in London zu Ferdinand Hérolds Musik in der Bearbeitung von John Lanchbery. Es erzählt komisch, wie die junge Lise ihren Colas gegen den Willen der Mutter heiratet.

Welche berühmten Tänze gibt es in „La Fille mal gardée“?

Zu den Höhepunkten zählen „Bändertanz (Ribbon Dance / Pas de ruban)“, „Clog Dance (Holzschuhtanz)“, „Lises Pantomimenszene „Wenn wir verheiratet sind““.

Verwandte Werke

Teil des IOCO Kultur Lexikons — Handlung, Hintergrund und Wissenswertes zu den großen Bühnenwerken.