Jewels
„Jewels“ gilt als das erste abendfüllende handlungslose Ballett: George Balanchine reiht 1967 drei eigenständige Teile aneinander, jeder nach einem Edelstein benannt. „Emeralds“ (Fauré), „Rubies“ (Strawinsky) und „Diamonds“ (Tschaikowsky) verkörpern drei Tanzstile und Schulen – französische Romantik, amerikanische Moderne und kaiserlich-russischen Klassizismus.
Fakten zu „Jewels“
| Komponist | Gabriel Fauré (Emeralds), Igor Strawinsky (Rubies), Pjotr Iljitsch Tschaikowsky (Diamonds) |
|---|---|
| Choreografie (UA) | George Balanchine |
| Libretto / Vorlage | handlungslos (abstrakt); Anregung durch die Juwelen von Van Cleef & Arpels |
| Uraufführung | 13. April 1967, New York City Ballet, New York State Theater, New York |
| Aufbau | 3 Teile (Emeralds, Rubies, Diamonds) |
| Spieldauer | ca. 1 Std. 45 Min. (mit Pausen) |
| Gattung | Ballett (handlungslos) |
| Bedeutung | Gilt als erstes abendfüllendes abstraktes Ballett und als Schlüsselwerk von Balanchines Neoklassik. |
Handlung
Emeralds (Fauré)
Der erste Teil ist nach Musik von Gabriel Fauré gestaltet – Ausschnitten aus der Bühnenmusik zu „Pelléas et Mélisande“ und „Shylock“. Hier herrscht eine gedämpfte, atmosphärische Stimmung: weiches Streicherkolorit, fließende Linien, kein scharfer Akzent. Balanchine beschwört die französische Romantik des 19. Jahrhunderts, eine Welt aus Parfüm, Höflichkeit und verhaltener Melancholie. Die Tänzerinnen tragen wadenlange, romantische Tüllröcke; ihre Bewegungen wirken kühl und nuanciert, die Arme zeichnen lange, geschmeidige Bögen. Zwei Hauptpaare und ein Damenensemble bestimmen das Bild. Charakteristisch sind ein kreisendes Solo (oft „walking pas de deux“ genannt), in dem die Tänzerin die Hand des Partners wie tastend durch den Raum führt, sowie ein Trio mit raffinierter Beinarbeit. Statt Virtuosität sucht Balanchine hier Stimmung, Linie und einen Hauch von Geheimnis. Der Teil endet nicht triumphal, sondern verklingt leise: Die Herren knien, die Damen entschwinden – ein offenes, beinahe wehmütiges Schlussbild, das den Ton für das Folgende kontrastreich vorbereitet.
Rubies (Strawinsky)
Der mittlere Teil tanzt zu Igor Strawinskys „Capriccio für Klavier und Orchester“ (1929) und bildet den schroffen Gegenpol zur weichen Eröffnung. Hier ist alles Tempo, Witz und Synkope: Das Klavier treibt das Geschehen voran, die Rhythmen sind eckig, jazzig, beinahe übermütig. Balanchine entwirft ein dezidiert amerikanisches Bild – schlank, sportlich, frech. Ein Hauptpaar und eine Solistin führen ein Ensemble; die Bewegungen spielen mit angewinkelten Hüften, ausgestellten Fersen, schnellen Richtungswechseln und einer fast revueartigen Energie. Beine schießen in flache Winkel, Hände werden gespreizt, der Oberkörper kippt keck aus der Achse. Die Solistin wird von vier Herren gehalten und gezogen, ein Spiel mit Spannung und Widerstand. Das zentrale Pas de deux ist pointiert und ironisch, kein Liebesduett, sondern ein flirtendes Kräftemessen. „Rubies“ wirkt wie das Großstadtporträt der Trias: funkelnd, nervös, modern. Es zeigt Balanchines neoklassischen Stil in seiner zugespitzten, an Music-Hall und Jazz geschulten Form – pure Bewegungsfreude ohne Erzählung.
Diamonds (Tschaikowsky)
Der Schlussteil nutzt vier Sätze aus Pjotr Iljitsch Tschaikowskys 3. Sinfonie in D-Dur (der erste Satz bleibt ausgespart) und ist der größte und feierlichste der drei. Hier huldigt Balanchine dem kaiserlichen Russland und der Petersburger Schule, an der er selbst ausgebildet wurde. Ein großes Corps de ballet in strahlendem Weiß rahmt ein Hauptpaar; die Anlage erinnert bewusst an die Grand Ballets des 19. Jahrhunderts, etwa an „Schwanensee“. Das zentrale Pas de deux ist von zeremonieller Würde: ausgedehnte Adagio-Linien, ehrerbietige Verbeugungen, eine kühle, edle Distanz zwischen den Partnern. Darauf folgen brillante Variationen und eine prachtvolle Polonaise, in der sich das gesamte Ensemble zu symmetrischen Formationen ordnet. „Diamonds“ verzichtet auf jede Handlung und feiert stattdessen den klassischen Tanz selbst – Reinheit, Geometrie und Glanz. Mit dem festlichen Finale schließt der dreiteilige Abend in größter Klassizität und bündelt die drei Stile zu einer Hommage an die Tradition des Balletts.
Hauptrollen
| Rolle | Typ | Bedeutung |
|---|---|---|
| Solistin in Emeralds | Ballerina (lyrisch) | Eine der beiden weiblichen Hauptpartien des ersten Teils; kühle, fließende Linienführung. |
| Solist in Emeralds | Danseur (lyrisch) | Partner im romantisch-französischen Pas de deux nach Fauré. |
| Solistin in Rubies | Ballerina (demi-caractère) | Frech-virtuose Hauptpartie; Pointenarbeit mit jazzigen, synkopierten Akzenten. |
| Solist in Rubies | Danseur (virtuos) | Partner im pointierten, ironischen Pas de deux nach Strawinsky. |
| Zweite Solistin in Rubies | Solistin | Eigenständige Frauenrolle, von vier Herren geführt und gehalten. |
| Ballerina in Diamonds | Prima ballerina (klassisch) | Zeremonielle Hauptpartie nach Tschaikowsky; ausgedehntes Adagio und brillante Variation. |
| Danseur noble in Diamonds | Danseur noble | Partner im kaiserlich-klassischen Grand Pas de deux des Schlussteils. |
Berühmte Tänze & Höhepunkte
| Tanz / Nummer | Besetzung | Szene |
|---|---|---|
| „Rubies-Pas-de-deux“ | Solistin und Solist in Rubies | Rubies – pointiertes, ironisches Duett zu Strawinskys „Capriccio“; flirtendes Kräftemessen statt Liebesszene. |
| „Diamonds-Pas-de-deux“ | Ballerina und Danseur noble in Diamonds | Diamonds – zeremonielles Adagio nach Tschaikowsky; edle Distanz und große klassische Linie. |
| „Emeralds-„walking“-Pas-de-deux“ | Solistin und Solist in Emeralds | Emeralds – tastend-schreitendes Duett zu Fauré; Inbegriff der gedämpften französischen Romantik. |
| „Diamonds-Polonaise (Finale)“ | Hauptpaar und gesamtes Ensemble | Diamonds – prachtvolles Schlussbild in symmetrischen Formationen, Hommage an das kaiserliche Russland. |
Themen & Kontext
Worum es wirklich geht
„Jewels“ erzählt keine Geschichte. Balanchine selbst sagte, das Ballett habe nichts mit Edelsteinen zu tun – die Tänzer seien nur wie Juwelen gekleidet. Im Zentrum steht der Tanz selbst: Bewegung, Musik, Licht und Farbe. Die drei Edelsteine sind Vorwand und Stimmungsfarbe zugleich. Grün, Rot und Weiß markieren drei kontrastierende Welten, die ohne Handlung allein durch Stil, Tempo und Atmosphäre voneinander abgesetzt werden. Wer eine Erzählung sucht, geht fehl; wer das Funkeln des reinen klassischen Tanzes sehen will, findet hier ein Schlüsselwerk.
Geschichte & Choreografie
Die Idee reifte über Jahre; den letzten Anstoß gab Balanchines Besuch im New Yorker Salon des Juweliers Van Cleef & Arpels. Uraufführung war am 13. April 1967 mit dem New York City Ballet im New York State Theater, Ausstattung Peter Harvey, Kostüme Barbara Karinska. Balanchine vereint drei Komponisten und drei choreografische Idiome zu einem abendfüllenden Ganzen: das lyrische „Emeralds“ nach Fauré, das jazzig-moderne „Rubies“ nach Strawinsky und das klassisch-festliche „Diamonds“ nach Tschaikowsky. Jeder Teil besitzt eigene Hauptpaare und kann auch einzeln getanzt werden.
Warum Experten es wichtig finden
„Jewels“ gilt als erstes abendfüllendes handlungsloses Ballett und beweist, dass ein langer Abend ohne Erzählung tragfähig ist. Das Werk bündelt Balanchines neoklassischen Stil und sein Verhältnis zu drei Schulen des Tanzes: der französischen Romantik, der amerikanischen Moderne und dem russischen Klassizismus seiner Petersburger Ausbildung. Es verbindet Hommage und Erneuerung – Anklänge an „Serenade“ und „Apollo“ ebenso wie an die Grand Ballets des 19. Jahrhunderts. Für viele Compagnien ist „Jewels“ bis heute ein Prüfstein stilistischer Vielseitigkeit und ein Eckpfeiler des Repertoires.
Aufführungsnoten
Choreografische Fassungen & Traditionen
Choreografie George Balanchine (New York City Ballet, 1967); einstudiert nach dem Balanchine Trust, Ausstattung ursprünglich Peter Harvey, Kostüme Barbara Karinska.
Bekannte Companies & Aufnahmen
Es liegen mehrere Videomitschnitte vor, u. a. eine Produktion des Mariinski-Balletts sowie internationale Aufführungen; einzelne Teile, besonders „Rubies“, werden auch separat gezeigt.
Was zwischen Fassungen variiert
Die drei Teile können einzeln oder gemeinsam getanzt werden; Besetzungen und Tempi schwanken zwischen den Compagnien, die Choreografie wird über den Balanchine Trust autorisiert.
Häufige Fragen
Wer komponierte die Musik zu „Jewels“?
Die Musik stammt von Gabriel Fauré, Igor Strawinsky, Pjotr Iljitsch Tschaikowsky. Uraufführung: 13. April 1967, New York City Ballet, New York State Theater, New York.
Wer schuf die Choreografie von „Jewels“?
George Balanchine.
Wovon handelt „Jewels“?
„Jewels“ gilt als das erste abendfüllende handlungslose Ballett: George Balanchine reiht 1967 drei eigenständige Teile aneinander, jeder nach einem Edelstein benannt. „Emeralds“ (Fauré), „Rubies“ (Strawinsky) und „Diamonds“ (Tschaikowsky) verkörpern drei Tanzstile und Schulen – französische Romantik, amerikanische Moderne und kaiserlich-russischen Klassizismus.
Welche berühmten Tänze gibt es in „Jewels“?
Zu den Höhepunkten zählen „Rubies-Pas-de-deux“, „Diamonds-Pas-de-deux“, „Emeralds-„walking“-Pas-de-deux“.
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