Apollo
„Apollo“ gilt als Geburtsstunde des neoklassischen Balletts. Der 24-jährige George Balanchine schuf 1928 für Diaghilews Ballets Russes zu Igor Strawinskys diatonisch klarer Streichermusik ein handlungsarmes Werk: Der junge Gott Apollo trifft die drei Musen Terpsichore, Calliope und Polyhymnia. Balanchine selbst nannte es den Wendepunkt seines Schaffens.
Fakten zu „Apollo“
| Komponist | Igor Strawinsky (1927–28); das Werk entstand als Auftrag von Elizabeth Sprague Coolidge |
|---|---|
| Choreografie (UA) | George Balanchine für die Ballets Russes (Sergej Diaghilew) |
| Libretto / Vorlage | Igor Strawinsky nach der griechischen Mythologie (Apollo und die Musen) |
| Uraufführung | 12. Juni 1928, Théâtre Sarah-Bernhardt, Paris (frühere Fassung 27. April 1928, Library of Congress, Washington, Choreografie Adolph Bolm) |
| Aufbau | ein Akt in zwei Bildern |
| Spieldauer | ca. 30 Min. |
| Gattung | Ballett (Neoklassik) |
| Bedeutung | Gilt als Geburtsstunde des neoklassischen Balletts und als Schlüsselwerk der Zusammenarbeit Strawinsky–Balanchine. |
Handlung
Prolog und zwei Bilder
Das Ballett beginnt mit der Geburt des Gottes: Leto bringt auf einem Felsen Apollo zur Welt, der, in Tücher gewickelt, von zwei Dienerinnen befreit wird und seine ersten ungelenken Schritte tut. Aus dem unbeholfenen Knaben wird ein junger Gott, der die Laute ergreift und ihrer Musik mächtig wird. Im Hauptbild erscheinen die drei Musen: Terpsichore, Muse des Tanzes, Calliope, Muse der Dichtung, und Polyhymnia, Muse der Mimik und des stummen Spiels. Apollo überreicht jeder ein Sinnbild ihrer Kunst und prüft sie. Calliope trägt mit einer Schreibtafel die Dichtung vor, Polyhymnia tanzt mit dem Finger auf den Lippen das wortlose Mienenspiel, doch jede überschreitet ihre Grenzen. Allein Terpsichore findet das rechte Maß; ihr widmet Apollo das große Pas de deux, in dem Tanz und Musik zur Einheit werden. Apollo lehrt und führt die Musen, formt mit ihnen die berühmten skulpturalen Bilder. Am Ende ruft ihn der Vater Zeus zum Olymp: In einer feierlichen Apotheose steigen Apollo und die Musen empor, die Frauen gruppieren sich wie Strahlen eines Sonnenwagens hinter dem Gott. Es bleibt kein Drama, sondern reine, geordnete Form.
Hauptrollen
| Rolle | Typ | Bedeutung |
|---|---|---|
| Apollo | Titelrolle, Solist | Junger Gott der Musik; UA: Serge Lifar. Lernt seine göttliche Bestimmung und führt die Musen. |
| Terpsichore | Solistin (Erste Muse) | Muse des Tanzes; ihr gilt das zentrale Pas de deux. UA: Alice Nikitina (alternierend Alexandra Danilowa). |
| Calliope | Solistin (Muse) | Muse der Dichtung; tanzt mit einer Schreibtafel. UA: Lubow Tschernischewa. |
| Polyhymnia | Solistin (Muse) | Muse der Mimik; tanzt das wortlose Mienenspiel, den Finger auf den Lippen. UA: Felia Doubrowska. |
Berühmte Tänze & Höhepunkte
| Tanz / Nummer | Besetzung | Szene |
|---|---|---|
| „Pas de deux Apollo / Terpsichore“ | Apollo und Terpsichore | Höhepunkt des Werks: die berühmte „Schwimm“-Stütze und der Moment, in dem sich ihre Zeigefinger berühren – ein Echo von Michelangelos Schöpfungsgeste. |
| „Apotheose / Sonnenwagen-Pose“ | Apollo und die drei Musen | Schlussbild: Die Musen breiten sich strahlenförmig hinter Apollo aus wie das Gespann des Sonnenwagens; Aufstieg zum Olymp. |
Themen & Kontext
Worum es wirklich geht
„Apollo“ erzählt kaum eine Handlung, sondern zeigt einen Reifungsprozess: aus dem ungelenken neugeborenen Gott wird der Anführer der Musen, der Ordnung und Maß verkörpert. Im Zentrum steht nicht das Mythologische, sondern die Idee der Kunst selbst – Apollo wählt unter den Musen Terpsichore, weil im Tanz Bewegung und Musik zur reinsten Einheit finden. Das Werk feiert Disziplin, Klarheit und Form als höchste künstlerische Werte und setzt damit der überladenen Erzählung des Spätromantischen ein neues, abstraktes Ideal entgegen.
Geschichte & Choreografie
Strawinsky komponierte die Musik 1927–28 im Auftrag von Elizabeth Sprague Coolidge; eine erste Fassung tanzte Adolph Bolm am 27. April 1928 in Washington. Berühmt wurde jedoch Balanchines Choreografie für Diaghilews Ballets Russes, uraufgeführt am 12. Juni 1928 im Théâtre Sarah-Bernhardt in Paris, mit Serge Lifar als Apollo. Der 24-jährige Balanchine reduzierte das klassische Vokabular auf das Wesentliche: zurückgenommene Linien, gemeißelte Gruppen, eine strenge, fast skulpturale Klarheit. Strawinsky leitete die Premiere. Balanchine nannte das Werk den Wendepunkt seines Schaffens.
Warum Experten es wichtig finden
„Apollo“ gilt als Geburtsstunde des neoklassischen Balletts. Strawinskys bewusst auf Streicher beschränkte, diatonisch klare Partitur und Balanchines Verzicht auf erzählerischen Ballast bilden eine Einheit: Beide setzten gegen Üppigkeit das Prinzip der Reduktion. Balanchine erkannte hier, dass er wie ein Komponist auch in der Choreografie weglassen, ordnen und konzentrieren konnte. Das Werk eröffnete die jahrzehntelange Zusammenarbeit von Strawinsky und Balanchine und prägte die handlungslose, musikbezogene Ästhetik des 20. Jahrhunderts – ein direkter Vorläufer von Werken wie „Jewels“ und „Agon“.
Aufführungsnoten
Choreografische Fassungen & Traditionen
Balanchines Choreografie wird heute weltweit nach dem Standard des New York City Ballet und der Balanchine-Stiftung getanzt; Bühne und Kostüme der UA stammten von André Bauchant, 1929 schuf Coco Chanel neue Kostüme.
Bekannte Companies & Aufnahmen
Verbreitet sind Aufzeichnungen mit dem New York City Ballet; ikonische Apollo-Interpreten waren Jacques d’Amboise, Peter Martins und Mikhail Baryschnikow.
Was zwischen Fassungen variiert
Balanchine kürzte das Werk später um den Geburts-Prolog und das Finale auf dem Felsen; je nach Compagnie wird die vollständige oder die gestraffte Fassung gegeben.
„Apollo“ bei IOCO
Häufige Fragen
Wer komponierte die Musik zu „Apollo“?
Die Musik stammt von Igor Strawinsky. Uraufführung: 12. Juni 1928, Théâtre Sarah-Bernhardt, Paris (frühere Fassung 27. April 1928, Library of Congress, Washington, Choreografie Adolph Bolm).
Wer schuf die Choreografie von „Apollo“?
George Balanchine.
Wovon handelt „Apollo“?
„Apollo“ gilt als Geburtsstunde des neoklassischen Balletts. Der 24-jährige George Balanchine schuf 1928 für Diaghilews Ballets Russes zu Igor Strawinskys diatonisch klarer Streichermusik ein handlungsarmes Werk: Der junge Gott Apollo trifft die drei Musen Terpsichore, Calliope und Polyhymnia. Balanchine selbst nannte es den Wendepunkt seines Schaffens.
Welche berühmten Tänze gibt es in „Apollo“?
Zu den Höhepunkten zählen „Pas de deux Apollo / Terpsichore“, „Apotheose / Sonnenwagen-Pose“.
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