Retz – Niederösterreich, Der Hexer im Erlebniskeller Retz, IOCO Kritik, 12.05.2018

Mai 12, 2018  
Veröffentlicht unter IOCO Aktuell, Schauspiel

Im Erlebniskeller Retz / Der Hexer © Weinfranz

Im Erlebniskeller Retz / Der Hexer © Weinfranz

Erlebniskeller Retz

 Erlebniskeller Retz  in  Niederösterreich

Der Hexer  –  Edgar Wallace

Von Marcus Haimerl

Eine Besonderheit der niederösterreichischen Weinstadt Retz ist der Retzer Erlebniskeller, ein Jahrhunderte altes Bauwerk aus Röhren, Nischen und Stollen. Mit einer Gesamtlänge von 20 km wesentlich dichter und weiter ausgebaut als das oberirdische Straßenverkehrsnetz. Diese Keller sind bis zu 20 Meter tief in reinen Meeressand gegraben und bis zu dreigeschossig angelegt.

Die Stadt Retz wurde Ende des 13. Jhdt. am Kreuzungspunkt zweier mittelalterlicher Handelswege, im Norden Niederösterreichs, drei Kilometer von der Grenze zu Tschechien (Mähren) entfernt, gegründet. Die Stadt wurde 1425 durch Hussiten (Taboriten) eingeäschert. Überbrachte Berichte sagen, daß die Hussiten die südliche Stadtmauer untergruben und so die Stadt eroberten. Das sagt auch, daß damals schon ausgedehnte Kelleranlagen unter der Stadt waren, die bis in die Nähe der Stadtbefestigung reichten. Es muß somit damals auch schon einen weitreichenden Weinhandel gegeben haben.

Seit 2013 dient der Erlebniskeller Retz aber auch als Spielort für Theaterstücke, unter anderem für Der Name der Rose, Jack the Ripper und Führerbunker.

Erlebniskeller Retz / Der Hexer_ hier Regis Mainka_Ursula Leitner ©  Matthias Karasek

Erlebniskeller Retz / Der Hexer_ hier Regis Mainka_Ursula Leitner © Matthias Karasek

Der Hexer von Edgar Wallace, die erste Produktion des Theaterkollektiv handikapped unicorns im Erlebniskeller Retz, schlägt eine neue, humorvolle Richtung ein. Bekannter noch als die Romane des britischen Schriftstellers sind im deutschsprachigen Raum wohl die in Deutschland produzierten Verfilmungen der 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Im Stile dieser Filme begibt sich der Zuschauer in diesem Kellerlabyrinth auf die Straßen Londons der 60er Jahre und wird von den Schauspielern von einem Schauplatz zum nächsten geführt. Der Hexer, ein Meister der Verkleidung, kehrt nach London zurück, um Rache am zwielichtigen Rechtsanwalt Maurice Messer zu nehmen, jenem Mann, dem er seine Schwester anvertraut hatte, die jüngst tot in der Themse gefunden wurde. Inspektor Wembury wird mit der Suche nach dem Hexer betraut und Mary Lenley befindet sich als Sekretärin des Rechtsanwalts mitten in der Gefahrenzone. Bald schon stellt sich der Zuschauer die Frage, wer der Hexer denn nun ist. Der undurchsichtige Hauptkriminalkommissar Bliss oder der allzu freundliche Polizeiarzt Dr. Lomond?  Welche Rollen spielen Cora Ann Milton, die Ehefrau des Hexers oder Marys Bruder Johnny Lenley? Fragen, die erst beim großen Showdown beantwortet werden.

Mit leicht psychedelischen Wandverkleidungen, Straßenlaternen und einigen wenigen Requisiten wird der Besucher in das London der 60er Jahre versetzt. Musik dieser Periode (u.a. „Paint it black“ der Rolling Stones, „As tears go by“ von Marianne Faithfull und „This boots are made for walking“ von Nancy Sinatra) oder beispielsweise die Geräusche einer fahrenden U-Bahn, welche das Publikum am Londoner Embankment – authentische Beschilderung inklusive – für die weitere Reise benutzt, machen diese Krimikomödie zu einem ganz speziellen Erlebnis. Mit dieser unglaublichen Detailverliebtheit sorgt das Produktionsteam (Bühnenbild: Kristof und Florian Kepler, Technik: Martin Kerschbaum, Patrick Wildhofner-Schmidt) für eine unglaubliche Stimmung.

Erlebniskeller Retz / Der Hexer_ hierLeopold Seliger  und Ursula Leitner ©  Matthias Karasek

Erlebniskeller Retz / Der Hexer_ hierLeopold Seliger und Ursula Leitner © Matthias Karasek

Die Regisseure Ursula Leitner und Nikolaus Stich beweisen, dass man auch auf engstem Raum spannendes und überzeugendes Theater zur Aufführung bringen kann, müssen doch die Akteure sich auch immer wieder durch das Publikum kämpfen um auf verschlungenen Gängen an anderen Handlungsorten wieder auftauchen zu können. Neben der hervorragenden Personenführung zeichnen sich die beiden für die vorliegende Fassung verantwortlich und überzeugen außerdem auch als Darsteller. Ursula Leitner überzeugt als an der Schreibmaschine etwas unbeholfene Sekretärin Mary Lenley und überrascht durch raschen Kostümwechsel. Hervorragend aber auch das restliche Ensemble: Großartig Leopold Selinger als Maurice Messer und J-D Schwarzmann als Dr. Lomond. Claudia Marold als respekteinflößende Cora Ann Milton, Régis Mainka (Inspektor Wembury), Johannes Sautner (Johnny Lenley), Max Kolodej (Inspektor Bliss), Matti Melchinger (Sir John) und Daniel Ghidel (Sam Hackitt) komplettieren das mit Leidenschaft und hoher Professionalität agierende Ensemble.

Die spannende Krimikomödie erfreut sich nicht nur bei den Einheimischen größter Beliebtheit und die Leistung aller Darsteller wurde vom Publikum verdient bejubelt.

Der Hexer im Erlebniskeller Retz: Weitere Aufführungen 11., 12., 13., 17.-.21. und 24.-27. Mai 2018 im Erlebniskeller Retz.

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