Wolfsburg, Scharoun Theater, Staatsorchester Braunschweig – „Verklärte Nacht“, IOCO Kritik, 29.09.2020

Theater Wolfburg

Scharoun Theater Wolfsburg © Stadt Wolfsburg / Lars Landmann

Scharoun Theater Wolfsburg © Stadt Wolfsburg / Lars Landmann

Staatsorchester Braunschweig –  Verklärte Nacht

Prachtvolle Streicherklänge schweben im Scharoun Theater

von Christian Biskup

Die Corona-Krise macht den Theatern zu schaffen. So auch dem Scharoun Theater Wolfsburg, welches am 18.09.2020 nach langen Monaten als beliebtes Gastspieltheater wieder geöffnet ist:  offen für Künstler  und Produktionen aus aller Welt. Traditionell finden jährlich in dem Haus zehn Sinfoniekonzerte statt, welche die stets gut verkaufte Konzertreihe des Hauses begründen. Das Staatsorchester Braunschweig eröffnet im Scharoun Theater die Spielzeit 2020/21: ein reich-buntes Kultur-Angebot, zu dem auch Stummfilmkonzerte und hochkarätige Solistenkonzerte gehören.

Dass die Corona-Krise auch eine Chance sein kann, bewies das Staatsorchester Braunschweig am 25.09 bei seinem Gastspiel im Wolfsburger Theater. Denn wann sonst, außer jetzt, hat man in Volkswagen-Stadt Musik nur für Streichorchester gehört?  Es dürfte lange her sein. Und wenn dann auch noch ein unbekanntes wie hochinteressantes Konzert, wie das für Altsaxophon und Streichorchester von Alexander Glasunow auf dem Programm steht, ist der Abend auch in dieser Weise als besonders zu betiteln.

Das Staatsorchester Braunschweig und das Scharoun Theater Wolfsburg verbindet schon eine lange Freundschaft. Ob mit Opernproduktionen oder mit Konzerten – das Braunschweiger Ensemble ist häufig zu Gast im bekannten Scharoun Theater. So auch in dieser Spielzeit 2020/21, wo sie die Konzertsaison mit Werken von Schönberg, Glasunow und Dvorak eröffnen.

 Scharoun-Theater Wolfsburg / Staatsorchester Braunschweig und Verklärte Nacht © Björn Hickmann Stage Picture

Scharoun-Theater Wolfsburg / Staatsorchester Braunschweig und Verklärte Nacht © Björn Hickmann Stage Picture

„Zwei Menschen gehn durch kahlen, kalten Hain; der Mond läuft mit, sie schaun hinein“ – diese berühmten Zeilen des Dehmel-Gedichtes Verklärte Nacht inspirierten Arnold Schönberg zu einem seiner bekanntesten Werke. Das Werk um eine Frau, die ihrem Liebhaber gesteht, dass sie von jemand anderem ein Kind erwartet und dessen Verständnis erhält, war – wie so vieles von Schönberg – am Beginn unverständlich, sinnlos und schlichtweg nicht relevant. Heute ist das Werk längst akzeptiert und eines der meistgespielten Werke des Avandgardisten. So manch einer mag verwirrt fragen warum Schönberg eine Abkehr von der süffigen, expressiven Spätromantik genommen hat, dies sei ja viel verträglicher für die Ohren – doch wenn man genau hinhört stellt man schnell fest, das Schönberg auch schon hier sehr stark an den tonalen Grenzen komponiert. Das Werk, welches wie eine Stummfilmmusik über das Geschehen berichtet, eckt stets an und rüttelt an dem Zuhörer; besonders wenn die Ausführung so expressiv, detailliert und klangvoll wie mit dem Staatsorchester unter der Leitung von Srba Dinic gelingt. Flirrende Soli, irrisierende Klangschichten – es gab Musik in bester Fin de siécle Manier.

Ein Kontrast dazu bildete das Konzert für Altsaxophon und Streichorchester des russischen Komponisten Alexander Glasunow. Zu Lebzeiten einer der berühmtesten Komponisten seines Landes, ist er – wie zum Beispiel auch Anton Rubinstein – fast gänzlich von den Konzertprogrammen verschwunden. Zu unrecht, wie die Ausgrabung des Abends zeigte. Das Saxophonkonzert, ist das letzte größere Werk des Komponisten, der zwei Jahre nach dessen Entstehung 1934 verstarb. Nachdem ein Saxophonquartett als Vorgängerwerk zur Erprobung des, damals in Russland noch relativ unbekannten, Instrumentes gelten kann, sollte dem ein richtiges Konzert folgen. Unverhohlen romantisch, russisch melancholisch, überzeugt das Werk nicht nur durch seine melodischen und rhythmischen Raffinessen, sondern auch durch den wirklich gelungenen Saxophon-Part, den Maike Krullmann (Foto unten) bestens gestalten konnte. Von schwelgenden breiten Phrasen hin zu aberwitzig schnellen Läufen und Tonsprüngen – alles meisterte die Solistin mit Bravour.

 Scharoun-Theater Wolfsburg / Staatsorchester Braunschweig - hier : Altsaxophonistin Maike Krullmann © Michael Jungbluth

Scharoun-Theater Wolfsburg / Staatsorchester Braunschweig – hier : Altsaxophonistin Maike Krullmann © Michael Jungbluth

Besonders beeindruckend gelang der langsame zweite Satz, der zum Teil pianissimo in höchster Lage erfordert und von intimer Schönheit ist. Insgesamt war das Werk ein großes Plädoyer für das Instrument Altsaxophon, welches in seiner ganzen Klangschönheit selten so zu hören ist. Obgleich das Werk mit seinen zahlreichen Rubati sicherlich nicht leicht zu begleiten ist, erwies sich das Staatsorchester unter Srba Dinic jedoch als idealer Partner. Viel Applaus!

Am Schluss des rund 90-minütigen Konzertabends stand die Streicherserenade in E-Dur von Antonin Dvorak. Die Legende berichtet, er habe das Werk innerhalb von nur 12 Tagen komponiert, was angesichts des fruchtbaren Jahres 1875 eventuell gar nicht so weit hergeholt ist. Letztlich ist dies auch nicht relevant, herausgekommen ist jedenfalls ein lebensbejahendes, vitales Werk voller Schönheiten. Herrlich ist der erste Satz mit seinem, aus dem Nichts entstehenden, dahinfließenden Hauptthema, welches sich lyrisch breit entfaltet. Nicht minder schön ist der zweite Satz. Der melancholischer Walzer voll slawischer Schwermut und heiter-volkstümlichen Anklängen ist eine der bekanntesten Melodien Dvoraks und wird elegant wie sehnsuchtsvoll vom Staatsorchester interpretiert. Auch die scheinbar von böhmischen Volkstänzen inspirierten Sätze drei und fünf gelangen äußerst mitreißend und beschlossen den Konzertabend. Obgleich man teils recht deutlich merkte, dass besonders der Glasunow und Schönbergs Verklärte Nacht geprobt wurde, gelang eine musikalische packende Interpretation:

… die dem Wolfsburger Publikum teils auch sichtbar Freude bereitete. Viel Applaus für den gelungenen Auftakt der Konzertsaison.2020/21 im Scharoun Theater

—| IOCO Kritik Scharoun Theater Wolfsburg |—

Wolfsburg, Scharoun-Theater, Intendant Lattemann – Spielplan 2020/21, IOCO Aktuell, 08.07.2020

Juli 8, 2020 by  
Filed under Hervorheben, IOCO Aktuell, Scharoun Theater

Theater Wolfburg

Scharoun Theater Wolfsburg © Stadt Wolfsburg / Lars Landmann

Scharoun Theater Wolfsburg © Stadt Wolfsburg / Lars Landmann

 2020/21: Dido and Aeneas, Schwanensee und viel mehr  ..

 Intendant  Dirk Lattemann, ein Tourneetheater, über 100.000 Besucher

von Christian Biskup

Das modern wirkende Scharoun-Theater Wolfsburg, ein Tourneetheater ohne eigenes Ensemble, wurde 1973 neu eröffnet. Es ist benannt nach seinem Architekten Hans Scharoun. Mit der Spielzeit 2020/21 ändert sich einiges im Scharoun-Theater: Eine Ausstellungseröffnung, die Verabschiedung einer verdienten Mitarbeiterin, ein neuer Intendant und, natürlich, ein spannender Spielplan für 2020/21.

Rainer Steinkamp, Intendant des Wolfsburger Scharoun-Theater seit 2008, gibt zur Spielzeit 2020/21 die Intendanz an Dirk Lattemann (*1976) ab. Als Schauspieler und guter Kenner des Veranstaltungssektors, kennt Lattemann die Gegebenheiten des Theater Wolfsburg gut. Und so liegt mit dem Spielplan 2020/21 (link HIER) auch ein vielversprechendes Programm für die Stadt und den Kreis Wolfsburg vor. Lattemann möchte zukünftig auch außerhalb „seines“ Theaters mehr der Stadt Wolfsburg spürbar sein, plant Veranstaltungen in kleinen Spielstätten und mit dem Wolfsburger Kunstmuseum.zu gemeinsamen „neuen Ufern“ finden.

Scharoun Theater Wolfsburg / hier : Jahrespressekonferenz, Intendant Dirk Lattemann rechts © Marc Angerstein

Scharoun Theater Wolfsburg / hier : Jahrespressekonferenz, Intendant Dirk Lattemann rechts © Marc Angerstein

Steinkamp, der seit 2008 als Nachfolger von Hans Thoenies das Programm quantitativ verkleinerte jedoch qualitativ steigerte, kann auf 12 erfolgreiche Jahre in Wolfsburg zurückblicken. Sein guter Kontakte zu Schulen, sowie eine enge Bindung zu anderen Bildungsinstitutionen in Wolfsburg, machten ihn zu einem gern gesehenen Gast in jeglichen Belangen. Zeitgleich mit Rainer Steinkamp, verlässt auch Marita Stolz das Scharoun-Theater. Über vierundzwanzig Jahre prägte Marita Stolz das Theater hinter der Bühne; zuerst als Veranstaltungsplanerin, dann in der Pressearbeit. Obgleich die Verabschiedung beider durch die Corona-Situation kleiner als geplant ausfallen musste, muss man ihnen für ihre Verdienste danken. Vor dem Abschied verwirklichten sie noch eine Neugestaltung des Theaterfoyers. Fotografien des Wolfburger Fotografen Heinrich Heidersberger zieren nun die Wände; sind als Dauerausstellung für Besucher zugänglich.

Scharoun-Theater Wolfsburg – Der Spielplan 2020/21 und mehr –  HIER

Das Scharoun Theater ist seit jeher ein Tourneetheater und bot schon zahlreichen Künstlern, darunter auch Weltstars wie Nigel Kennedy, Andris Nelsons oder Christian Thielemann eine Bühne. Auffällig: das Konzertprogramm wird weitgehend vom Orchester des nahe gelegenen Staatstheater Braunschweig und dem Staatstheater verbundenen Künstlern bestritten. Highlights des Spielpan 2020/21 dürften das Gastspiel von Albrecht Mayer und I musici di Roma am 9. Oktober 2020 und am 23. Januar 2021 ein Konzert mit der Radiophilharmonie Hannover unter Andrew Manze sein.

Im Musiktheater wird zu Beginn der Spielzeit 2020/21 auf größere Aufführungen verzichtet. Mit Dido and Aeneas von Henry Purcell (13. November 2020) und Der Apotheker von Joseph Haydn (27. Februar 2021) wurden Werke gewählt, die auch unter den Corona-Vorschriften funktionieren sollten. Ab März stehen mit La Traviata (17. März 2021), Jesus Christ Superstar (27. und 28. April 2021) und Puccinis Turandot (27.05.2021) wieder große Werke des Musicals und der Oper mit viel Chor auf der Bühne. Freunde des Tanzes können sich über zwei Gastspiele des Russischen Nationalballett freuen: Giselle von Adolphe Adam wird am 07. Dezember 2020, Schwanensee am  08. Dezember 2020 gespielt.

Scharoun Theater Wolfsburg / hier : Jahrespressekonferenz, hier die Verabschiedung von Marta Stolz © Scharoun Theater / Maedler

Scharoun Theater Wolfsburg / hier : Jahrespressekonferenz, hier die Verabschiedung von Marta Stolz © Scharoun Theater / Maedler

Illustre Gäste erwartet die Besucher des Scharoun Theater im Schauspiel: Der mehrfache Grimme-Preisträger und Tatort-Kommisar Jörg Schüttauf spielt am 26. September 2020 in der Revue Paul Abraham – Operettenkönig von Berlin den von rauschendem Erfolg, Vertreibung und Wahnsinn getriebenen „Titelheld“. In der reizvollen Komödie Monsieur Pierre geht online (24. Oktober 2020) wird der aus Film und Fernsehen bekannte Bürger Lars Dietrich auftreten. Mit Boris Aljinovic steht am 24. November 2020 ein weiterer Tatort-Kommisar in der Komödie Nein zum Geld auf der Wolfsburger Bühne. Ein Angriff auf die Lachmuskeln dürfte auch das Stück Komplexe Väter von René Heinersdorff sein. Mit Hugo Egon Balder und Jochen Busse darf sich das Publikum auf zwei Urgesteine des Humors freuen.

Nicht weniger unterhaltsam werden die Abende mit Götz Alsmann (28. Februar 2021) und Dominique Horwitz (24. März 2021), in welchen Kunst und Komik gleichsam bedienen werden.

Auch die A-Capella-Gesangskunst steht erfreulicherweise unter der neuen Intendanz wieder auf dem Programm. In der Chorstadt Wolfsburg zeigte sich dieses Angebot in den vergangenen Jahren als perfekt zugeschnitten auf die Gäste des Scharoun Theater. Neben Delta Q (30. September 2020) und Voices of the North (05. November 2020), sind auch Stammgäste wie Maybebop (03. Dezember 2020) und Vocaldente (13. Januar 2021) zu erleben.

Die kleine Meerjungfrau – ein Kinderstück aus dem Jahr 2017
youtube Trailer Scharoun Theater Wolfsbrug
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Auch für das junge Publikum bietet das Scharoun-Theater 2020/21 pannendes: So schon am 20. und 21.9.2020:  Zinnober in der grauen Stadt heißt das Stück für Kinder ab 4 Jahren, nach dem Buch von Margret Rettich.  Die Handlung: Alles ist grau in der Stadt des Malers Zinnober: Häuser, Straßen, Spielplätze, Plüschtiere, Erdbeerkuchen, Weihnachtsbäume, Luftballons, Sommerkleider – einfach alles ist immer nur grau. Dabei liebt Zinnober Farben! Zusammen mit den Kindern Paula und Jonas entwirft er einen großen Plan: Die Stadt soll bunt werden, vielfältig, sie soll leuchten! Und siehe da: Es ist ansteckend!

Dirk Lattemann und sein Team haben für die Spielzeit 2020/21 ein vielseitiges und vielversprechendes Programm entworfen. Man muss nun hoffen, dass die Corona-Krise die Spielzeit nicht zu sehr durcheinanderbringt wenn es heißt: Bühne frei!

—| IOCO Aktuell Scharoun Theater Wolfsburg |—

Wolfsburg, Scharoun Theater Wolfsburg, Staatsorchester Braunschweig – Istanbul, IOCO Kritik, 18.02.2020

Theater Wolfburg

Scharoun Theater Wolfsburg © Stadt Wolfsburg / Lars Landmann

Scharoun Theater Wolfsburg © Stadt Wolfsburg / Lars Landmann

 Staatsorchester Braunschweig  –  Christopher Lichtenstein

– eine Reise in den Orient – Istanbul Sinfonie von Fazil Say –

von Christian Biskup

Das Scharoun-Theater Wolfsburg ist eines der bedeutendsten Tourneetheater im deutschen Raum. Künstler wie Nigel Kennedy, Andris Nelsons, Thomas Hampson oder Joan Diego Florez standen schon auf der Bühne des von Hans Scharoun entworfenen Theaterbaus der Volkswagenstadt. In der Konzertreihe war nun das Staatsorchester Braunschweig mit dem „exotisch“ klingenden Programmtitel  Istanbul mit Werken von Joseph Haydn und Fazil Say zu Gast.

Exotismus hat in der Musik schon eine lange Geschichte. Der Begriff des Exotismus bzw. des Exotischen wird erstmals in François Rabelais´ Quart livre des faictz et dictz heroiques du noble Pantagruel verwendet. Mit exotique wird dabei alles nicht-europäische bezeichnet. M. P. G. de Chabanons verwendet den Begriff Ende des 18. Jahrhunderts erstmals in einem musikalischen Kontext, jedoch nicht, um auf fremdländische Elemente der eigenen Kunstmusik hinzuweisen, sondern um die „fremde“ Musikproduktion der eigenen gegenüber abzuwerten.

Als Beginn des intendierten musikalischen Exotismus wird allgemein Jean Baptist Lullys und Molieres Ballett Le Bourgeois gentilhomme (1670) bezeichnet. Entscheidende Hinweise erhielten die Komponisten der Zeit von Orientalisten, die durch authentische Berichte neben alltäglichen Erfahrungen auch Informationen über Instrumente sowie erste Reiseberichte mit orientalischen Melodiebeispielen nach Europa brachten. Anders als Bühnenwerke muss die reine Instrumentalmusik durch ihren musikalischen Gehalt, seien es Instrumente oder Melodien, exotische Atmosphäre vermitteln. In diesem Zusammenhang erwies sich im 18. Jahrhundert die türkische Musik, die als Janitscharenmusik im europäischen Rahmen in der militärischen Musik Verbreitung fand, als besonders inspirierend, so in Mozarts Entführung aus dem Serail.

Staatsorchester Braunschweig © Bettina Stoess

Staatsorchester Braunschweig © Bettina Stoess

Was sich u.a. bei Giacomo Meyerbeer als „Couleur local“ in der französischen Musik niederschlug führte später durch die französische Weltausstellung 1889 mit genuin exotischer Musik auch bei Debussy, Ravel anderen Impressionisten zu Werken mit exotischen Bezügen.

Nach dem 1. Weltkrieg und der folgenden Internationalisierung von Musik, aber auch durch das Ideal einer Weltmusik galt der Exotismus als veraltet, was Komponisten wie Ludolf Nielsen oder Kurt Atterberg dennoch nicht davon abhielt, abendfüllende Bühnenwerke auf Sujets aus Fernost zu vertonen. Heute findet an ihn am ehesten in der Filmmusik.

Kein Exotismus, sondern ein eigenständiges Statement türkischer Musik und Kultur ist hingegen Fazil Says großangelegte Istanbul-Sinfonie. Das 2010 aufgeführte, eher an eine sinfonische Dichtung erinnernde Werk versucht einen Bogen von den Anfängen der Stadt bis zum heutigen Leben in all seinen Facetten zu spannen – und dies mit den Mitteln der türkischen Musik, instrumental wie melodisch traditionell verankert. Fazil Say über das Werk: „Istanbul kann man nicht erzählen mit Clustern, Atonalität und Zwölftontechnik. Istanbul muss man zum Teil romantisch oder nostalgisch erzählen. Es kommt nichts Avantgardistisches vor, aber dennoch Neues, denke ich, um diesem Brückenbau von Ost nach West gerecht zu werden.“

Der erste Satz „Nostalgie“ beginnt mit Meeresrauschen. Klänge der Endkantenflöte Ney (virtuos gespielt von Valentina Ballanova) mischen sich mit dem Streicherteppich und lassen den Orient direkt klanglich hörbar werden. Furios führt Say das Orchester zu den Erinnerungen an die Stadteroberung durch die Osmanen 1453. Im zweite Satz „Der Orden“ führt der bekennende Atheist Say die negativen Aspekte des Islams vor. Monoton stechend rhythmische Floskeln hämmern auf den Hörer ein, bis im dritten Satz „Die blaue Moschee“ ein Gegenbild gezeichnet wird. Wunderbar lichte lyrische Motive gipfeln in einem prächtigen Höhepunkt, das Wahrzeichen der Stadt darstellend. Als quasi Scherzo fungiert der vierte Satz „Hübsch gekleidete junge Mädchen auf dem Schiff zu den Prinzeninseln“. Leichte, tanzende Motive, Walzersequenzen und die wirbelnde Rhythmen der Darbuka (gespielt von Sebastian Flaig) lassen die Vorfreude und Feierstimmung der jungen Damen erahnen. Einzelne Tubaeinwürfe erklingen als Schiffshorn bevor der fünfte Satz „Über die reisenden auf dem Weg vom Bahnhof Haydarpasa nach Anatolien“ mit ratterndem Percussion-Ostinato eine Zugfahrt beschreibt. Ein langes, äußerst virtuoses Kanun-Solo (gespielt von Hesen Kanjo) leitet in den Höhepunkt ein – die „Orientalische Nacht“. Wild, furios, mitreißend zeichnet Say eine ausladende Festnacht, die mit mächtigen Paukenschlägen in das Finale münden, welches die nostalgische Anfangsstimmung wieder aufnimmt und mit Wellenrauschen die Reise in den Orient beendet.

Dirigent Christopher Lichtenstein © Björn Hickmann

Dirigent Christopher Lichtenstein © Björn Hickmann

Say bedient sich im dem bemerkenswerten Werk der modernen Palette westlicher Orchesterkultur und zeigt sich als fabelhafter Orchestrierer. Tonarten, Rhythmik, Instrumentation lassen die westliche Tradition mit der des Ostens reizvoll verschmelzen. Mit sichtlicher Spielfreude nahm sich das Staatsorchester unter der versierten Leitung des ersten Kapellmeisters Christopher Lichtenstein des Werkes an. Die zahlreichen Taktwechsel und rhythmisch ungewöhnlichen Strukturen meisterte das Orchester mit Bravour, lyrische Momente kostete Lichtenstein genussvoll aus. Das Wolfsburger Theater landete mit dem Werk im Programm einen Volltreffer beim Publikum. Standing Ovations, Bravo-Rufe und viel Beifall.

Nach dieser musikalisch breit gefächerten Farbpalette gingen die Eindrücke der Sinfonie Nr. 96 D-Dur von Joseph Haydn, die vor der Pause gespielt wurde, doch etwas verloren – was jedoch nicht an der Aufführungsqualität lag. Die erste von Haydns Londoner Sinfonien trägt den Beinamen „The Miracle“, der wie so oft in der Musikgeschichte nicht vom Komponisten selbst stammt. Die Begebenheit: Bei der Uraufführung der Sinfonie fiel wohl der Kronleuchter in den Hannover Square Rooms herunter. Weil jedoch das Publikum zum Komponisten huldigend an die Bühne strömte, kam niemand zu Schaden und der Beiname wurde geboren. Ob Legende oder nicht – die Sinfonie hält einige Überraschungen parat, so der harmonisch Moll-Ausbruch in der Schlussgruppe des ersten Satzes, das walzerartige Oboensolo im Menuett oder das Perpetuum mobile im Finale – Papa Haydn weiß, wie er die Spannung aufrecht halten kann und zeigt dabei seinen überlieferten Humor. Duftig leicht, die Soli auskostend, stets den großen Bogen im Blick, gestaltet Lichtenstein die Sinfonie geistvoll und spritzig – viel Beifall!

—| IOCO Kritik Scharoun Theater Wolfsburg |—

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