Verona, Arena di Verona, Sommerfestival 2021 – Maria José Siri, IOCO Aktuell, 17.07.2021

Juli 17, 2021 by  
Filed under Arena di Verona, Oper, Personalie

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Arena di Verona

Verona / Arena di Verona Vorplatz © IOCO

Verona / Arena di Verona Vorplatz © IOCO

Sommerfestival Arena di Verona 2021  –  16.7. – 4.9.2021

MARIA JOSÉ SIRI –  Santuzza und Nedda – am Doppelabend Cavalleria rusticana und Pagliacci – 

Die uruguayische Sopranistin MARIA JOSÉ SIRI steht am 22. Juli 2021 sowohl in Cavalleria rusticana als auch in Pagliacci in der weiblichen Hauptrolle auf der Bühne der Arena di Verona. Damit schreibt Maria José Siri ein weiteres kleines Stück Operngeschichte in der traditionsreichen Geschichte der Arena di Verona Santuzza und interpretiert dort als erste Sängerin in Mascagnis Cavalleria rusticana und Nedda in Leoncavallos Pagliacci an einem Abend.

„Sowohl Santuzza als auch Nedda am selben Abend in der Arena di Verona darzustellen wird eine wunderbare Erfahrung sein.“, so Maria José Siri. „Für mich als Sängerdarstellerin ist es ein Traum gleich zwei Rollen an einem Abend zu singen, vor allem wenn es sich um zwei so entgegengesetzte Charaktere handelt. Santuzza wurde von Turiddu verlassen und kämpft um ihn und ihre Würde, während Nedda ihren Mann Canio betrügt und ihn für ihren Liebhaber Silvio verlassen will. In der Inszenierung in der Arena ist Nedda eine Art wiederauferstandene Santuzza: Die beiden Rollen sind miteinander verbunden, als ob Santuzza sich in ihrem nächsten Leben von der Bürde ihrer unterdrückten Weiblichkeit losgelöst hätte.“

Marie José Siri © Michele Monasta

Marie José Siri © Michele Monasta

Der Doppelabend wird in Verona in einer Neuinszenierung von Michele Olcese und unter der musikalischen Leitung Marco Armiliatos gespielt. In Cavalleria rusticana tritt die Sängerin mit Murat Karahan (Turiddu), Sebastian Catana (Alfio), Clarissa Leonardi (Lola) und Agostina Smimmero (Lucia) auf, während sie in Pagliacci mit Fabio Sartori (Canio), Sebastian Catana (Tonio), Riccardo Rados (Peppe) und Mario Cassi (Silvio) auf der Bühne steht.

Maria José Siri lebt seit Jahren in Verona und tritt in diesem Sommer in drei Produktionen in der Arena auf. Neben Cavalleria rusticana / Pagliacci ist die Starsopranistin in einer Gala mit Plácido Domingo und in der Titelrolle von Aida zu erleben. Später dieses Jahr singt sie außerdem unter anderem Leonora di Vargas in einer Neuinszenierung von La forza del destino an der Opéra Royal de Wallonie in Liège und Odabella in Attila an der Oper von Teneriffa.

Die Künstlerin erregte großes internationales Aufsehen in der Titelfigur von Madama Butterfly, mit der sie die Spielzeit 2016/17 der Mailänder Scala eröffnete. Dort war sie außerdem unter anderem in Neuproduktionen von Francesca da Rimini und Manon Lescaut in den Titelpartien zu hören. Weitere internationale Verpflichtungen führten Siri in vielen großen italienischen Opernrollen des 19. und 20. Jahrhunderts an Opernhäuser wie  die Wiener Staatsoper, Bayerische Staatsoper, Deutsche Oper Berlin und Staatsoper Berlin, Staatsoper Hamburg, Semperoper Dresden, Gran Teatre del Liceu Barcelona, Teatro Colón Buenos Aires, Bolschoi-Theater Moskau und das New National Theatre in Tokyo.

—| IOCO Aktuell Arena di Verona |—


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Wuppertal, Wuppertal Bühnen, Julia Jones – La Traviata – Abschiedskonzert digital; IOCO Aktuell, 27.06.2021

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Wuppertaler Bühnen

Stadthalle Wuppertal © Lars Langemeier

Stadthalle Wuppertal © Lars Langemeier

Abschied von Julia Jones  – La traviata konzertant  – digital

 Giuseppe Verdis Meisterwerk aus der Historischen Stadthalle Wuppertal

Julia  Jones, *1961,  wurde im Sommer 2016 als Nachfolgerin von Toshiyuki Kamioka neue Generalmusikdirektorin der Wuppertaler Bühnen und damit Chefdirigentin des Sinfonieorchesters Wuppertal wie musikalische Leiterin der Oper Wuppertal. Im Dezember 2019 gab bekannt, dass sie ihren bestehenden Vertrag über die Spielzeit 2020/21 nicht verlängern möchte.  Nachfolger von Julia Jones wird Patrick Hahn, *1995 in Graz; vermutlich jüngster GMD im deutschen Sprachraum.

Als Generalmusikdirektorin erfüllte Julia Jones neben ihrer Konzerttätigkeit auch eine zentrale Rolle in der Oper Wuppertal. Den Abschied vom Opernpublikum nimmt sie mit Verdis Oper über Liebe und Freiheit angesichts erdrückender Doppelmoral und der Kürze des Daseins: La traviata. Dem Publikum stehen drei Streaming-Termine zur Auswahl, um das Werk aus der spektakulären Historischen Stadthalle Wuppertal, Foto oben, digital zu erleben.

Julia Jones erfreute das Publikum, während Ihrer fünfjährigen Tätigkeit in Wuppertal mit ihrer lebendigen Erarbeitung einer Vielzahl von Opern. Hierzu gehören La Bohème (2019/20), Die Hochzeit des Figaro (2018/19), Luisa Miller (2018/19), Carmen  (2017/18) und viele andere. Die Onlinepremiere von La traviata am So. 4. Juli 2021 markiert das Ende einer außergewöhnlichen Spielzeit und Ihren Abschied aus Wuppertal.

Die Violetta des realen Lebens - Alphonsine Marie Duplessis auf Montmartre, Paris © IOCO

Die Violetta des realen Lebens – Alphonsine Marie Duplessis auf Montmartre, Paris © IOCO

Der junge Alfredo Germont und Violetta Valérie, eine Prostituierte der Pariser High Society, richten sich verliebt ein ruhiges Leben zu zweit auf dem Lande ein. Doch Alfredos Vater zwingt Violetta, die Verbindung aufzugeben, obwohl er von ihrer unheilbaren Krankheit weiß. Er fürchtet um den Ruf seiner Familie. Nach verzweifeltem Ringen willigt Violetta ein. Als Alfredos Vater seine fatale Forderung zurückzieht, ist es zu spät: Violetta stirbt in Alfredos Armen.

Eine Kurtisane als Protagonistin? Das war für das Publikum der Uraufführung im Jahre 1853 starker Tobak. Doch schon bald wurde La traviata zu einer der beliebtesten Opern überhaupt.

Zur Probenphase der Produktion ließen die geltenden Pandemiemaßnahmen eine szenische Erarbeitung noch nicht zu. So kommt das Werk zunächst in einer konzertanten Version zur Aufführung. Es ist geplant, die ursprünglich geplante Inszenierung des international gefragten Regisseurs Nigel Lowery in einer der kommenden Spielzeiten nachzuholen.

Der Vorverkauf zum jeweiligen Termin endet eine Stunde vor Beginn. Das Video ist für 45 Stunden ab der gebuchten Uhrzeit verfügbar. Kunden erwerben einen personalisierten Zugang, der auf einem Endgerät eingesetzt werden kann.

La Traviata  –  Oper in drei Akten von Giuseppe Verdi. Libretto von Francesco Maria Piave nach dem Roman  Die Kameliendame  von Alexandre Dumas. In italienischer Sprache mit deutschen Untertiteln.

Historische Stadthalle Wuppertal / La Traviata digital - zum Abschied von Julia Jones © Bettina Stoess

Historische Stadthalle Wuppertal / La Traviata digital – zum Abschied von Julia Jones © Bettina Stoess

Onlinepremiere: So. 4. Juli 2021 18:00 Uhr, im Stream

Im Dezember 2019 gab die amtierende Generalmusikdirektorin Julia Jones bekannt, dass sie ihren seit der Spielzeit 2016/17 bestehenden Vertrag über die Spielzeit 2020/21 nicht verlängern möchte. Auf die zu besetzende Stelle des rund 90 Mitglieder großen Orchesters haben sich rund 100 Dirigentinnen und Dirigenten aus dem Inund Ausland beworben. Nach einem dreistufigen Auswahlverfahren konnte der Aufsichtsrat der Wuppertaler Bühnen und Sinfonieorchester GmbH der einstimmigen Entscheidung der 11-köpfigen Findungskommission zustimmen und Patrick Hahn, *1995, zum General-musikdirektor der Wuppertaler Bühnen und Sinfonieorchester GmbH berufen.

Die britische Dirigentin Julia Jones ist für Interpretationen bekannt, die durch Klarheit und Frische bestechen, und das Feingefühl ihres Dirigats hallt in zahlreichen Rezensionen wider. Ihr sensibles Gespür beim Kombinieren von traditionellem Kernrepertoire mit selten aufgeführten Werken macht ihre Konzertprogramme unverkennbar. Damit einher geht auch ihre kritische Auseinandersetzung mit der klassischen Form des Sinfoniekonzerts, die sie durch interdisziplinäre Bezüge erweitert.

Enge Beziehungen verbinden Julia Jones unter anderem mit dem Maggio Musicale Fiorentino, wo sie neben Lohengrin und Macbeth vielfach sinfonische Konzerte dirigierte, mit den Bochumer Symphonikern, dem Philharmonischen Orchester Freiburg und mit dem Teatro Carlo Felice, Genua. Sie ist regelmäßig zu Gast bei der Oper Frankfurt, wo sie sich einen Namen mit Opern wie Idomeneo, Die Entführung aus dem Serail, Le Nozze di Figaro, Così fan tutte und La Damnation de Faust gemacht hat. und an der Semperoper Dresden (›Die Entführung‹, ›Idomeneo‹, ›Die Zauberflöte‹).

—| IOCO Aktuell Wuppertaler Bühnen |—


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Wien, Wiener Staatsoper, La Traviata – Giuseppe Verdi – Premiere, IOCO Aktuell, 07.03.2021

März 5, 2021 by  
Filed under Hervorheben, Pressemeldung, Wiener Staatsoper

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Wiener Staatsoper

Wien / Wiener Staatsoper © Starke

Wien / Wiener Staatsoper © Starke

Premiere – La Traviata – Giuseppe Verdi

7. März 2021 18.00 Uhr –  play.wiener-staatsoper.at – Klick HIER!

Giuseppe Verdis La traviata in der Inszenierung von Simon Stone feiert am Sonntag, 7. März 2021 Premiere an der Wiener Staatsoper. Es handelt sich um eine Koproduktion der Wiener Staatsoper mit der Opéra national de Paris, siehe YouTube Trailer unten. Die nach ersten Gesprächen in 2017 gemeinsam mit dem Regisseur entwickelte Arbeit hatte in der vorigen Saison ihre Pariser Premiere und kommt nun in Wien heraus. Die Verfügbarkeit der Inszenierung zwischen den Koproduzenten ist so geregelt, dass sie von beiden Häusern in jeder Spielzeit gezeigt werden kann.

  Premiere 7.3.2021 –  ab 18.00 Uhr –  Live

Gespielt wird, bedingt durch die Fortsetzung des Theater-Lockdowns, weiterhin für Fernseh-, Radio- und Streaming-Publikum. Die Premiere wird ab 18.00 Uhr live auf play.wiener-staatsoper.at sowie ab 20.15 Uhr im ORF III-Hauptabendprogramm im Rahmen von »Wir spielen für Österreich« und auf myfidelio.at ausgestrahlt. ORF III startet bereits um 20.00 Uhr mit den »Kulissengesprächen mit Barbara Rett«. Radio Ö1 sendet die Premierenproduktion von La traviata am 20. März 2021 ab 19.30 Uhr.

ZUR PRODUKTION

Trailer La Traviata – Giuseppe Verdi
youtube Trailer Opera national de Paris
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

»Ich versuche nie, herauszufinden, was dieses Stück einmal war – ich versuche nur herauszufinden, was dieses Stück jetzt für unsere Gesellschaft bedeutet«, so Regisseur Simon Stone zu seiner Inszenierung. In seiner mit riesigen Videowänden und Social Media jonglierenden Produktion zeigt er, wie aktuell und zeitgenössisch große Oper 2021 sein kann:
Violetta ist ein Pariser »It-Girl«, eine sterbenskranke Influencerin, die selbst dann in ihrer Instagram-Blase gefangen bleibt, wenn sie sich mit ihrem Geliebten aufs Land zurückzieht. Ihr Leben ist der virtuellen Präsentations- und Schaulust ausgeliefert. Alles Private ist bei ihr öffentlich, dafür wird der öffentliche urbane Raum zu ihrem einzigen Rückzugsgebiet für Momente der Schwäche.

 Die Violetta des realen Lebens - Alphonsine Duplessis auf Montmartre, Paris © IOCO

Die Violetta des realen Lebens – Alphonsine Duplessis auf Montmartre, Paris © IOCO

 Besetzung: Unter der musikalischen Leitung von Giacomo Sagripanti – der international gefragte italienische Dirigent gibt sein Debüt am Dirigentenpult des Hauses – ist Pretty Yende in der Titelpartie zu erleben. Sie feierte im Herbst als Adina in L’elisir d’amore ihr erfolgreiches Staatsoperndebüt. Dabei stand sie bereits gemeinsam mit Juan Diego Flórez auf der Bühne, der nun – erstmals in Wien – den Alfredo verkörpert. Ein weiteres Rollendebüt am Haus gibt Igor Golovatenko, der sich schon im Oktober als umjubelter Posa in »Don Carlos« dem Wiener Publikum vorstellen konnte, als Giorgio Germont.

In den weiteren Partien sind die Ensemblemitglieder Margaret Plummer als Flora, Donna Ellen als Annina, Robert Bartneck als Gaston, Attila Mokus als Baron Douphol, Erik van Heyningen als Marquis von Obigny und Ilja Kazakov als Doktor Grenvil zu erleben.

Dirigent Giacomo Sagripanti: »Es ist die größte Ehre für mich, mein Hausdebüt mit einer Premierenproduktion eines solchen Meisterwerks wie der Traviata zu geben. Mein Ziel ist es, die Belcanto-Seite dieses Werkes zu beleuchten, die zusammen mit Rigoletto und Trovatore als das >letzte Belcanto-Kapitel< der Operngeschichte angesehen werden kann. Ich bin froh, mit einem erstklassigen Team zu arbeiten, umgeben von großartigen KünstlerInnen und Freunden. Das ist der beste Weg, um Kunst und magische Momente zu schaffen und um die Bedeutung des Theaters und der Oper zu verdeutlichen.«

LA TRAVIATA (Giuseppe Verdi)

Musikalische Leitung Giacomo Sagripanti
Inszenierung Simon Stone
Bühne Robert Cousins
Kostüme Alice Babidge
Licht James Farncombe
Video Zakk Hein

Violetta Valéry Pretty Yende
Flora Bervoix Margaret Plummer
Annina Donna Ellen
Alfredo Germont Juan Diego Flórez
Giorgio Germont Igor Golovatenko
Gaston von Létorières Robert Bartneck
Baron Douphol Attila Mokus
Marquis von Obigny Erik Van Heyningen
Doktor Grenvil Ilja Kazakov

Eine Koproduktion mit der Opéra national de Paris – siehe Trailer oben

—| IOCO Aktuell Wiener Staatsoper|—


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Die Oper in Zeiten der Seuche – ein lockerer Beitrag, IOCO Aktuell, 14.05.2020

Mai 13, 2020 by  
Filed under Hervorheben, IOCO Aktuell, Oper

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Alphonsine Plessis - Violetta und Kameliendame des realen Lebens - ruht in Montmarte © IOCO

Alphonsine Plessis – Violetta und Kameliendame des realen Lebens – ruht in Montmarte © IOCO

DIE OPER –  IN ZEITEN DER SEUCHE

Ein lockerer Beitrag  –  Albrecht Schneider

Wenn derzeit die Pandemie das äußere Leben weitgehend maßregelt, liegt es nahe, dass ein Musikfreund, an geschlossenen Theatern und Konzertsälen leidend und diese erzwungene Abstinenz anderweitig zu konterkarieren sich abstrampelnd, in der Opernhistorie danach zu blättern beginnt, inwieweit hier Krankheit, gar eine Seuche mitunter zum Sujet von Librettisten und Komponisten geworden sind. Bricht man mithin auf zu einer nicht unbedingt ausgedehnten Besuchsreise, die kreuz und quer hin zu den großen Bühnen Europas führt, lässt sich an deren Ende ohne jeden wissenschaftlichen Anspruch resümieren, nirgendwo ist die Krankheit in der Pose der Primadonna aufgetreten. Doch eine Rolle hat sie wiederkehrend übernommen, weil sie zu der meisten Tonsetzer dramaturgischem Repertoire gehört und ihm, um einen Topos Richard Wagners wieder zu beleben, als ‚Mittel zum Zweck‘ zu dienen hat.

„Die Krankheit ist die Vergeltung der empörten Natur“ –  Theologe Hosea Ballou 1771-1852

Schaut man auf die Werke mit entsprechender Thematik, die unbeschadet ihres Alters oder relativen Jugend in der Gunst des Publikums verharren durften, also gleichsam stets Logenplätze innehatten oder ganz vorn auf den Orchestersesseln hockten, dann trifft der diagnostische Blick auf zwei Menschheitsleiden: die Tuberkulose und insbesondere den Wahnsinn. Sofern man willens ist und das metaphorische Bild der Rangfolge nicht ablehnt, demgemäß auch Opern hinten auf den Stehplätzen für erwähnenswert erachtet, begegnen einem zwei Stücke, in der eine wahre Seuche, die Pest nämlich, am Drama beteiligt ist. So geschehen in Jacques Fromental Halevys still in den Archiven schlummerndem Opus: Guido et Ginevra (oder: Die Pest in Florenz), worin ein mit der Pest infizierter Schleier der Heldin den Scheintod beschert, indessen in Igor Strawinskys quicklebendigem Ödipus Rex der Titelheld die in Theben ausgebrochene Pest durch Selbstaufopferung  austreiben will.

Als ein die Handlung motivierendes Element erlangt demnach die epidemische Seuche in der Operngeschichte so gut wie kein Gewicht, hingegen sind Tuberkulose und der Wahnsinn einem Librettisten geradezu unentbehrlich. Jene amtiert als eine Affektion der Lunge unter dem emphatischeren Namen Schwindsucht in der Literatur und gleichermaßen auf der Bühne, wo sie sich mit einem ihrer Symptome, nämlich dem Husten, zu erkennen gibt. Obschon nichts weiter denn ein kakophones Geräusch und für den Tonsetzer kaum verwertbar, kommt ihm der Misston durchaus gelegen, weil sich mit dessen Hilfe eine Bühnenfigur für alle hörbar stigmatisieren lässt: Dieser Mensch ist krank! Denkbar wäre ohne Frage, horribile dictu, die Syphilis, nur bleibt der eine ähnlich signifikante Äußerung verwehrt. Fernerhin ist die Schwindsucht ein von der Gesellschaft respektiertes und reputierliches Leiden, was freilich von der Lues nun ganz und gar nicht behauptet werden kann.

Jacques Offenbach Grab in Montmartre © IOCO

Jacques Offenbach Grab in Montmartre © IOCO

Die berühmtesten Agentinnen der Husterei sind die Edelkurtisane Violetta Valery aus Giuseppe Verdis La Traviata mitsamt Giacomo Puccinis Midinette Mimi aus La Bohème. Deren pathologisches Symptom signalisiert akustisch dem versierteren Teil des Publikum ein tristes Ende der Heldin und folglich der ganzen Geschichte. Die dritte im Bunde entsprechend malader Damen heißt Antonia und stirbt in Jacques Offenbachs Hoffmanns Erzählungen, indem sie sich selbst zuerst um die Luft und dann leider zu Tode singt. Hier darf mit Fug und Recht von einer operngerechte Fatalität die Rede sein, was wiederum von des genialen Komponisten Theaterinstinkt zeugt.

Augenscheinlich und vernehmbar rafft die Schwindsucht lediglich Soprane und Mezzosoprane dahin. Tenöre, Baritone und Bässe andererseits, ersichtlich das gesamte singende männliche Geschlecht, verschont sie offenkundig. Das zeugt unbedingt von einer zum Himmel schreienden infamen Bevorzugung durch wen auch immer. Zugleich mag die Krankheit eine Chiffre sein dafür, und das bezieht sich gemeinsam auf Sängerin wie Sänger, dass beide aufgrund ihrer Herkunft, Armut oder Tätigkeit kaum oder niemals den Abstand zu einer gesunden, tugendhaften und in geordneten Verhältnissen beheimateten braven Bourgeoisie überwinden werden.

Der Wahnsinn verfährt da auf erheblich gerechtere Weise. Für Opernliebhaber/Innen hat unbestritten Gaetanos Donizettis Lucia di Lammermoor sich gewissermaßen zur Mutter aller vom Wahnsinn heimgesuchten Weiber hochgedient, falls die heute despektierliche, vormals respektable Bezeichnung ausnahmsweise erlaubt sei, und bitte keinen weiblichen(!) Shitstorm provozieren möge. Zu ihrer Schwester im Wahn darf man die Elvira in Vincenzo Bellinis I Puritani insofern rechnen, als beiden der Liebesverlust die Sinne verwirrt mit den bekanntlich stark differierenden Folgen. Dergleichen Verhängnis ereilt fairerweise genauso die Männer, allerdings hauptsächlich in Opern aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Dazumal wurden die gleichen mythologischen Stoffe von genialen wie weniger genialen Musikern unzählige Male vertont. Weil sie heute kaum Zuschauer hinter den Monitoren der Notebooks und TV Geräte hervorzulocken imstande sind, vergilben sie größtenteils in den hintersten Regalen der Staatsbibliotheken. Allenfalls gelegentlich entsinnt sich ihrer ein Regisseur und setzt sie mal mehr, mal weniger einfallsreich in Szene. Auf CD können Interessierte einige vortrefflich musizierte und die Kunst jenes Zeitalters repräsentierende Werke kennenlernen.

Igor Starvinksky auf der Toteninsel von Venedig © IOCO

Igor Stravinksky auf der Toteninsel von Venedig © IOCO

In schummrigen Magazinen stößt man auf einige kraft des Liebesverlustes ebenfalls dem Wahnsinn verfallene Leidensgenossen oben genannter Frauen, als da sind der König Iarba aus Francesco Cavallis Didone und der Kollege König namens Atys aus Jean-Baptiste Lullys Atys. Manche auf dem Sachgebiet sehr beschlagene Leute vertreten die diskutierbare These, mit William Shakespeares umnachteter Ophelia sei die Ära der irren Frauen eingeläutet worden und die der irren Männer zu Ende gegangen. Das mag man so sehen, oder auch nicht. Hernach im 19. und 20. Jahrhundert behaupten sich neben den vorgenannten weiblichen Protagonisten der Verrücktheit durchaus die mit ihr geschlagenen Männer: Giuseppe Verdis Nabucco, salopp gesagt, schnappt über, da er wähnt, Gott zu sein, normalisiert sich aber wieder, und in Igor Strawinskys The Rake’s Progress ist Mister Tom zweitweise nicht minder wirr im Kopf.

Die Worte ‚Verrücktheit‘ und ‚Wahnsinn‘ klingen schrill, sie wecken alsbald die Vorstellung von wie wahnsinnig durch die Räume rasenden Figuren, die sich durch Verrücktheiten unterschiedlicher Qualität drastisch von der Umgebung abheben. Das Substantiv ‚Geisteskrankheit‘ stattdessen kommt weniger plakativ daher und impliziert ihre differierenden Erscheinungsformen und ebenso deren oft weniger spektakulären Wirkungen. ­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­Beachtet werden sollte dabei, dass Sinnesverwirrung auf der Bühne nicht aus einer klinischen Krankheit, einer sich einschleichenden pathologischen Veränderung des Cerebrums herrührt, vielmehr verschulden ein Schock, ein hysterischen Anfall oder eine von den Göttern verhängten Strafe das rätselhaft groteske Betragen. An dem sind bisweilen Furien beteiligt, die mittels einer plötzlichen Geistesumnachtung dem in ihren Augen kriminellen Sterblichen seine Untat heimzahlen wollen. Bei alledem sollte niemandem entgehen, wie der Wahn nach dem Stande blinzelt; kann doch in der Regel das Personal, vorwiegend das der Opera buffa, all die Doktoren, Ehefrauen, Bräute, Mündel, Soldaten, Bauersleute und Dienerschaft, abermals sehr salopp formuliert, sich keinen Dachschaden leisten. Womöglich wähnt eine hierfür verantwortliche höhere Instanz, voreingenommen und hochnäsig wie sie sich gibt, deren Hirnsubstanz sei für derlei nicht geeignet oder, noch denunzierender, sie seien eines gehörigen Wahnwitzes schlichtweg nicht wert.

Zur Warnung der Betroffenen sei darauf aufmerksam gemacht, wie die Melancholie vor Jahrhunderten als Agens, als Auslöser einer allerdings ‚heiligen‘ Gemütskrankheit eingeschätzt wurde

Nicht ausgespart bleiben sollen Szenarien, in denen der Wahnsinn, um den veralteten Begriff definitiv letztmalig zu benutzen, keineswegs in einem das Beziehungsgeflecht einer Oper befördernden oder lähmenden, zumindest seriösen Sinne, sondern er ganz im Gegenteil in einer eher ziemlich profanen, erheiternden Absicht gebraucht ­ missbraucht? ­ wird.

Als Modelle dafür herhalten können zum Beispiel Donizettis Farsa I Pazzi per Progetto, die von Vornherein im ‚Irrenhaus‘ angesiedelt ist, und desgleichen hat Strawinsky die letzte Szene des dritten Aktes seines The Rake’s Progress dorthin verlegt. Letztlich aber zählen Schwindsucht und Geisteskrankheit zu jenen Gestaltungsmitteln, derer sich Künstlern aller Provenienzen ohne jede Sorge vor Abmahnungen aus Advokatenzirkeln bedienen dürfen.

Nach dieser unvollständigen wie oberflächlichen Recherche, wie tiefgreifend und tonangebend zwei typische Leiden das Schicksal von Opernfiguren zu beeinflussen vermögen, muss am Ende der Blick noch auf ein Musikdrama gerichtet sein, in dem die Krankheit zwar keine Hauptrolle innehat, sie gleichwohl für das vom Komponisten so getaufte ‚Bühnenweihfestspiel‘ absolut konstitutiv ist. Unschwer zu erraten: Richard Wagners Parsifal ist gemeint.

Richard Wagner Denkmal in Berlin © IOCO _ Rainer Maass

Richard Wagner Denkmal in Berlin © IOCO _ Rainer Maass

Des Amfortas Krankheit ist weder eine Affektion der Atemorgane noch eine Geistesumnachtung, sie ist wesentlich delikaterer Natur. Bei seinem Antipoden, dem Zauberkönig Klingsor, lässt sich zumindest von einem Anfall von Sinnestrübung sprechen, will man sie für die von eigener Hand besorgte Dezimierung seiner Fortpflanzungsorgane haftbar machen. Der Fall des Gralskönig ist von anderem Aufbau. Im Kontext seiner intensiven Liebesbeziehung zu und seiner Liebesausübung mit der Dame Kundry geht des Grals Heiliger Speer verloren, und mit selbigem wird ihm eine unheilbare Verletzung zugefügt. Es soll sich um eine Seitenwunde handeln. Jedoch gehen die Spekulation dahin, dass der Meister von Bayreuth sie aus Gründen der Schicklichkeit nicht an die wahre Stelle platziert hat, nämlich den Intimbereich. Ganz kühne und abseitige Mutmaßungen laufen darauf hinaus, die schwärende Blessur sei nur Symbol für, anstandskonform umschrieben, eine Lustseuche. Indem jetzt neuerlich eine Seuche ins Spiel kommt, und zwar eine allenthalben verruchte, würde ein ganz heikles Motiv auf der Opernbühne Einzug halten. Dem ist aber zu unser aller Glück nicht so; die unsittliche Unterstellung entbehrt gewiss jeder Grundlage und findet nirgendwo Resonanz. Ohne Mühe hat man sie als ein von den fanatischsten Wagnergegnern in die Musikwelt gesetztes Gerücht, als Fakenews entlarvt.

Jedenfalls erfüllt des Gralkönigs Amfortas chronisches körperliches wie seelisches Leiden dramaturgische und musikalische Funktionen in Wagners ‚Weltabschiedswerk‘. Die Krankheit schlechthin als ein essentielles Element dürfte anderswo in Oper und Musikdrama so leicht nicht zu entdecken sein.

Die von der derzeitigen Krise provozierte Inspektion der Krankenakten von Bühnenhelden/Innen soll mit einem bedenkenswerten Satz ausklingen. Man mag ihn an dieser Stelle vielleicht für unpassend empfinden, allein das Zitat lässt sich nicht verhindern. Es schließt zwei Kategorien ein, ohne die, und das gilt insbesondere für die erstere, die Liebe, jedes Spiel auf dem Theater überhaupt nicht vorstellbar ist. Und die zweite, die Krankheit, hat immerhin eine Zeitlang hier das Thema bestimmt.

Das an irgendeine Wand gekritzelte Graffito lautet:
„Liebe ist eine Krankheit, die ins Bett gehört!“

—| IOCO Aktuell |—


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