Münster, GOP Varieté-Theater, „undressed“ – Varieté mit körperbetonter Erotik, IOCO Kritik, 06.07.2021

Juli 6, 2021 by  
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GOP Variete Theater Münster

GOP Varieté-Theater Münster © GOP Münster

GOP Varieté-Theater Münster © GOP Münster

„undresssed“  – Wiederbelebender Varieté-Neustart am GOP Münster
Schöne Frauen, starke Männer und ein Clown, namens RIESLING

Von Hanns Butterhof

Nach achtmonatiger Corona-bedingter Pause gibt es wieder Varieté. Das GOP Münster beginnt mit der Uraufführung von „undressed“, der Show, die 2020 am Tag nach der Generalprobe in Essen dem Lockdown zum Opfer fiel. Die Freude am Neustart ist im Publikum von Beginn an am freigiebig gespendeten Applaus spürbar.

„undressed“ ist eine Co-Produktion des GOP mit dem Cirkus-Theater Bingo aus Kiew. Das elfköpfige Ensemble bietet eine Show voller Dynamik, getragen von kraftvollem Rock, dem zwei tolle Musikerinnen, Yuliia Korolova an der Gitarre und Ganna Kolpakova am Saxofon, das Gefühls-Sahnehäubchen aufsetzen.

undressed- GOP Münster
youtube Trailer des GOP Varieté-Theater
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„undressed kommt mühelos ohne Dressing durch eine Moderation aus, liefert kurztaktig eine artistische Attraktion nach der anderen auf gleichermaßen hohem Niveau, so dass der Eindruck eines völlig homogenen Ensembles entsteht, bei dem Akrobatik, Tanz und Musik stimmig zusammenkommen; absolut begeisternd sind die passgenau zur Musik choreografierten Einzeldarbietungen.

„undressed“ lockt aber auch damit, dass vor allem die schönen Körper der Frauen meist in fleischfarbenen Trikots nahezu unbekleidet wirken, manchmal auch so, als trügen sie filigrane Reizwäsche. Die Männer dagegen prunken gern mit nacktem Oberkörper; für ihre Kostüme wurde weit weniger Aufwand getrieben.

So kennzeichnet „undressed“ eine deutliche Spur von körperbetonter Erotik, die man als Ausdruck unkomplizierter russischer Lebensfreude erleben kann, ohne dass je die Grenze der Familienfreundlichkeit überschritten wird. Schon in der mitreißenden Eröffnungs-Szene räkelt sich Anastasia Shymanska reizend auf einem roten, als Kussmund gestylten Sofa. Dazu entledigen sich einige Tänzerinnen einer Art Nachthemd, ohne das sie dem „undressed“ ziemlich nahekommen.

Bei alldem steht jedoch die Akrobatik im Vordergrund, die in raschem Takt Kunststück an Kunststück reiht. Anastasia Shymanska verbiegt sich schlangengleich, Oleksii Kolomiiets zaubert einen wunderbaren Derwischtanz an den Strapaten und Myroslava Rozhko beeindruckt mit variantenreichem Hula Hoop. Die starken Auftritte von Andrii Nikolaienko und Oleksii Filippov kontrastieren mit der von sanfter Gefälligkeit geprägte Partnerinnen-Akrobatik des Trio Sunrise.Und die Tanznummern von Tetiana Nikolaienko und Oleksandr Sadlivskyi sind von zupackender Erotik.

GOP Münster / Varieté "undressed" :-hier:  vl Ganna Kolpakova, Yuliia Korolova © GOP

GOP Münster / Varieté „undressed“ :-hier: vl Ganna Kolpakova, Yuliia Korolova © GOP

Aber was wäre das alles ohne Herrn Riesling, dessen Geschichte „undressed“ einrahmt. Am Anfang misslingt dem verstrubbelten Clown in dem verrutschten beigefarbenen Anzug sein Rendezvous mit einer der Schönen, die „undressed“ in Überfülle bietet. Am Schluss jedoch gewinnt er sie, zu Recht, wie er auch das Publikum mit seinen kleinen, meist nur durch zaghaftes „Hilfe“-Rufen begleiteten Geschichten gewonnen hat. Sie sind die Ruhepunkte zwischen den artistischen Darbietungen und lösen das Staunen durch Lachen ab; sein Kampf mit dem gasgefüllten Luftballon ist umwerfend komisch.

„undressed“ bietet alles, was ein Varieté-Abend für die ganze Familie bieten soll, und wurde vom Publikum nach neunzig Minuten, die coronabedingt ohne Pause durchgespielt wurden, entsprechend lange begeistert gefeiert.

Showtime für „undressed“ im GOP-Varieté-Theater Münster, link HIER!
8.7. 2021 bis 22.8 2021 – von Donnerstag bis Sonntag
Kartentelefon: 0251 4909090 – im Internet unter variete.de

—| IOCO Kritik GOP Variete Theater Münster |—


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Münster, Theater Münster, Die Möve – Anton Tschechow, IOCO Kritik, 26.06.2021

Juni 26, 2021 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Schauspiel, Theater Münster

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Theater Münster © Rüdiger Wölk

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Theater Münster

Die Möve  –  Anton Tschechow

– Spaßgesellschaft der verfehlten Leben –

von Hanns Butterhof

In Anton Tschechows eher tragödienlastiger Komödie „Die Möwe“ aus dem Jahr 1896 geht es vor allem um das Unglück des verfehlten, ungelebten Lebens. Zeit- und ortlos hat Schauspieldirektor Frank Behnke es am Großen Haus des Theater Münster als Parabel auf die Verweigerung verantwortlichen Verhaltens einer Boheme-Spaßgesellschaft inszeniert.

Frank Behnkes programmatische Abschiedsinszenierung in Münster

Auf der sonst kulissenlos leeren Bühne (Ralf Zenger) steht auf drei metallenen Stelzen eine zweite Bühne, auf die wie in einem Auto-Kino auch ein Video projiziert werden kann. Davor bahnt sich gleich zu Beginn des Stücks das erste Unglück an: Mascha (Rose Lohmann), die ganz in Schwarz gekleidete Tochter des Gutsverwalters (Kostüme: Luisa Wandschneider), lässt den sehr blassen Lehrer Semjon (Paul Maximilian Schulze) freundlich, aber entschieden abblitzen. Sie ist hoffnungslos in den angehenden Dichter Kosta Treplew ( Julian Karl Kluge) verliebt. Der liebt jedoch Nina (Marlene Goksch), die Tochter eines nachbarlichen Gutsbesitzers. Ihr hat er die einzige Rolle als Weltgeist in seinem Erstlingsdrama übertragen, das auf der erhöhten Bühne aufgeführt werden soll.

Einführung von Frank Behnke – Die Möve von Anton Tschechow
youtube Trailer Theater Müsnter
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Das Publikum besteht aus der Mutter Kostas, der Schauspielerin Irina (Birte Leest), ihrem hinfälligen Bruder Pjotr (Chistoph Rinke), ihrem Liebhaber und Erfolgsschriftsteller Trigorin (Joachim Foerster) sowie dem Arzt Dorn (in Vertretung von Chistian Bo Salle: Gerhard Mohr), dem Gutsverwalter Schamrajew (Ilja Harjes) und seiner unglücklichen Frau (Regine Andratschke) nebst Mascha und Semjon.

Mit der Aufführung von KostasWeltgeist“, einem Weltuntergangs-Stück mit Nina live und im Video (Inszenierung: Julian Karl Kluge), bahnt sich das Desaster unaufhaltsam an: Nina verliebt sich in Trigorin und folgt ihm nach Moskau. Mascha betäubt mit Alkohol, dass sie den ungeliebten Semjon heiratet, und der Arzt, der ein sexuelles Verhältnis mit der Frau des Gutsverwalters unterhalten hatte, weist sie schnöde zurück, als sie vor ihrem gewalttätigen Mann zu ihm fliehen möchte.

Nach zwei Jahren kehrt die enttäuschte Nina, der Trigorin ein Kind gemacht und sie dann sitzen gelassen hat, weil er in seiner Schwachheit nicht von Irina loskommt, an den Ort allen Anfangs zurück. Als sie dort wieder auf Kosta trifft, der inzwischen auch zu einigem schriftstellerischen Erfolg gelangt ist, scheint kurz ein happy end auf, um dann mit Kostas Selbsttötung alle je gehegte Hoffnung zu begraben.

Theater Münster / Die Möve- hier: rechts Marlene Goksch ist die Möwe" © Oliver Berg

Theater Münster / Die Möve- hier: rechts Marlene Goksch ist die Möwe“ © Oliver Berg

So gesehen ist Die Möwe eine giftige Studie Tschechows der abgehobenen Boheme im ausgehenden zaristischen Russland mit reichlich Gelegenheit zu darstellerischem Glanz, an dem es auch in Münster nicht mangelt.

Frank Behnkes Regie fragt jedoch darüber hinaus nach dem auch heute noch aktuellen Grund für das rettungslos unglückliche Ende. Er findet ihn im umfassenden, facettenreichen Geiz dieser um sich selbst kreisenden Gesellschaft. Sie tritt ausdrücklich bei der zentralen Schauspielerin und Mutter Irina zutage. Birte Leest zeigt sie als Diva, die vampirhaft vom Beifall und erpresster Bewunderung selbst ihres Liebhabers zehrt. Sie gibt nichts von sich her, nicht einmal mütterlich-fürsorgliche Gefühle für ihren Sohn; als sie nach einem Selbstmordversuch Kostas dessen Wunde verbinden soll, weicht sie lachend in die spielerische Darstellung von Fürsorge aus.

Auch die meisten anderen Figuren erwarten alles von anderen, statt etwas zu geben. Der ausgebrannte Erfolgsschriftsteller Trigorin, von Joachim Foerster treffend kernlos, wie ohne Bodenhaftung gespielt, erhofft sich von der jungen, begeisterungsfähigen Nina,dass sie seine papieren gewordenen Gefühle in Flammen setzt. In einer hoffnungsvollen Szene wirft er zusammen mit ihr übermütig die Stühle über den Haufen, von denen aus alle die ganze Welt wie Theater anschauen – beide einmal kurz ganz nah am richtigen Leben, das aus den Nähten platzt.

Theater Münster / Die Möve - hier : vl. Birte Leest und Julian Karl Kluge © Oliver Berg

Theater Münster / Die Möve – hier : vl. Birte Leest und Julian Karl Kluge © Oliver Berg

Marlene Goksch ist eine bezaubernde Nina, eine schlanke junge Frau, die mit erwartungsvoll geöffneten Lippen an der Seite Trigorins das große Glück nur naiv erhofft, ohne schon Substanz dafür beisteuern zu können. In ihrer Jugendlichkeit ist sie das tragische Opfer des Geiz-Kartells.

Wenn am Ende auch Kosta tot ist und Irina die Parole ausgibt, „Wir haben kein Problem, wir spielen weiter“, ist die Inszenierung ganz im Heute, im verantwortungslosen Verhältnis der saturierten Spaßgesellschaft zum Rest der Welt, punktgenau angekommen.

Über diese politische Pointierung von Tschechows Die Möwe hinaus legt Behnke, indem er im Stück dem Kunst-Diskurs und dem Boheme-Milieu viel Platz einräumt, seine programmatische Auffassung von der Verantwortung des Theaters dar. Wie Kosta fordert er, substanzielles, nicht nur unterhaltsames Theater zu machen. Es wäre ein Theater, das nicht mit Problemen geizt, nicht von den Vorerwartungen des Publikums zehrt, sondern sich ganz gibt.

Für solches Theater wünscht IOCO Frank Behnke gutes Gelingen auch an seiner künftigen Wirkungsstätte, am  Meininger Staatstheater.

—| IOCO Kritik Theater Münster |—


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Osnabrück, emma-theater, Verbindungsfehler – von Julian Mahid Carly, IOCO Kritik, 23.06.2021

Juni 22, 2021 by  
Filed under emma-theater, Hervorheben, Kritiken, Schauspiel

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emma-theater Osnabrück © Uwe Lewandowski

emma-theater Osnabrück © Uwe Lewandowski

Theater Osnabrück

 VerbindungsfehlerSiegerstück  von Julian Mahid Carly – Digital-Premiere 

– Theater als leerlaufende Selbstreflexion des Produktiosteams –

von Hanns Butterhof

Das emma-theater war in Vor-Corona-Zeiten Osnabrücks Spielort für Modernes und Experimentelles. So sollte es auch der Ort der Uraufführung des Stücks Verbindungsfehler von Julian Mahid Carly sein, das den Osnabrücker Dramatikerpreis 2019 gewonnen hat. Jetzt erblickte Verbindungsfehler als stream im Digitalen Theater in einer Mischung aus digital animierten und realen Film-Szenen das Licht der Welt. In dem Stück verbindet sich eine Vielzahl rücksichtsvoller und feinfühliger Überlegungen zu Migration, Identität, Wirklichkeit und ihrer Darstellung im Theater derart, dass dem breiteren Publikum das Dekodieren kaum fehlerfrei möglich ist.

Regisseurin Rieke Süßkow lässt Verbindungsfehler in einer digitalen Umwelt aus bunten Tetris-Klötzen (Bühne und Kostüme: Mirjam Stängl, einfallsreiche Animation: Jan Riesenbeck / Stephan Q. Eberhard) spielen, die ein Haus sein können, in dem vier unterschiedliche Personen wohnen.

emma-theater Osnabrück / Verbindungsfehler - hier: Viet Anh Alexander Tran spielt ein*e Youtuber*in © Video-Still: Theater Osnabrück

emma-theater Osnabrück / Verbindungsfehler – hier: Viet Anh Alexander Tran spielt ein*e Youtuber*in © Video-Still: Theater Osnabrück

Ayali (Viet Anh Alexander Tran) ist ein*e Youtuber*in, welche*r mit blonder Perücke, blauen Lippen und blauem Kunstpelz am Kragen des Blaumanns das Haus und die Fans mit täglichen Botschaften versorgt. Mitbewohner Tao (Soheil Emanuel Boroumand), der rosa Sportdress zu rosa Turnschuhen trägt, gilt zu Unrecht als Japaner. Er muss sich ständig mit Fragen nach seiner wirklichen Herkunft herumschlagen und mit der, ob er ein Mann oder eine Frau ist; er hat ja so porzellanweiße Haut, dass der Techniker Kaya (Magdalena Kosch), der den titelgebenden Verbindungsfehler im Router reparieren soll, sich in seine süßen Schlitzaugen verguckt.

Aus dem Rahmen dieser diversen Bewohner fällt die Fitnesstrainerin Anette (Andreas Möckel), grauhaarig mit Bart und Ohr-Klunkern. Sie ist ein*e defensiv-aggressive Normal*a, die ihrem Kind (Christina Dom) die Anerkennung seiner Identität aus einer Verbindung mit dem farbigen Vater verweigert. Sie verheimlicht dieses Kind derart vor allen, dass es erst nur als digitaler Bauklotz um ihre Hilfe bitten muss, bevor es als reale Person auftreten kann.

Die Regie zeigt nicht nur mit der (mutmaßlich) paradoxen geschlechtlichen Besetzung, dass es ihr um das Unterbinden unreflektierter Zuschreibungen auf möglichst vielen Ebenen geht. Gut gemeint ist dabei, wenn auch dem Sinn von Theater als Zusammenwirken von Wort und Bild reichlich widersprechend, dass nicht dem Bild getraut werden darf, sondern nur das Gesagte und das dahinterstehendes Gefühl ernst zu nehmen sind. Eher nicht ironisch wird davor gewarnt, dass dabei Worte mit rassistischen, queeren und transgender-feindlichen Diskriminierungen fallen werden, die geeignet sind, auf Zuschauer*innen verletzend oder (re)-traumatisierend zu wirken.

emma-theater Osnabrück / Verbindungsfehler - hier: Digitales Spiel mit Wirklichkeiten. Viet Anh Alexander Tran, Christina Dom, Soheil Emanuel Boroumand © Video-Still: Theater Osnabrück

emma-theater Osnabrück / Verbindungsfehler – hier: Digitales Spiel mit Wirklichkeiten. Viet Anh Alexander Tran, Christina Dom, Soheil Emanuel Boroumand © Video-Still: Theater Osnabrück

Dabei wird viel über Vieles geredet, es geht um Penisgröße, Vaginalpilz oder das Gefühl, nach einem analen Geschlechtsakt eine Abtreibung zu brauchen, weil der Partner nicht genügend Leidenschaft aufgebracht hat.

Eine Geschichte wird nicht erzählt, und die Sprache der Szenen ist expressiv, zerfetzt. Sie besteht oft nur aus der Abfolge einzelner Begriffe, die entweder unmittelbar ein Gefühl treffen oder ins Leere gehen, auch Leere schaffen.

Allenthalben ist die Absicht spürbar, keine möglichen „Opfer“ zu verletzen und jeden Verdacht zu vermeiden, aus einer privilegierten „weißen“ Sicht zu sprechen. Dabei hat das Stück wohl nur dann einen Sinn, wenn es von einem Publikum mit genau dieser privilegierten „weißen“ Sicht zum Zwecke seiner Sensibilisierung und Veränderung aufgenommen wird. An der Verbindung zum Publikum muss noch gearbeitet werden. Sonst degeneriert Theater zur leerlaufenden Selbstreflexion nur derer, die an der Produktion beteiligt sind.

Verbindungsfehler von Julian Mahid Carly ist ab sofort kostenfrei verfügbar im Digitalen Theater auf

www.theater-osnabrueck.de 

—| IOCO Kritik Theater Osnabrück |—


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Osnabrück, Theater am Domhof, Das Waldhaus – Politkrimi – R. Kricheldorf, IOCO Kritik, 29.05.2021

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Theater Osnabrück

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

      Das Waldhaus   –  Tatort im rechten Sumpf

Spannende Stream-Uraufführung von Rebekka Kricheldorfs Politkrimi

von Hanns Butterhof

Mit ihrem Theater-Film Das Waldhaus, einem Auftragswerk der Autorin Rebekka Kricheldorf, mahnt die Schauspiel-Sparte des Theaters Osnabrück erneut wegen der rechten Gefahr. Schon die letzte Produktion, Ron Zimmerings Kriegerinnen, link zur Rezension HIER, beschwor die Gefahr durch Nazi-Frauen herauf, die unbemerkt die Gesellschaft unterwandern. In Rebekka Kricheldorfs Stück tauchen gefährliche Spinner aus dem rechten Sumpf unerkannt auf und greifen aus dem Verborgenen nach der Macht in Deutschland.

Das Waldhaus ist zu einem Teil ein Krimi, den Regisseur Dominique Schnizer  in immerwährendes Dunkel taucht und Ernst Bechert elektrisierend mit musikalischer Spannung auflädt. In ihm geht es um die Hintergründe des Verkehrsunfalls, bei dem die Eltern der Studentin Nadine (Katharina Kessler) ums Leben kamen. Die überraschende Aufklärung ergibt sich bei einem Besuch Nadines mit ihrem Verlobten Marek (Philippe Thelen) bei dessen Eltern Gerhard (Ronald Funke) und Lorna (Cornelia Kempers).

Das Waldhaus – Polikrimi von R Kricheldorf
youtube Trailer Theater Osnabrück
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Die beiden wohnen in einem düsteren Haus im Wald, an den Wohnzimmerwänden neben Tierschädeln, Bildern von athletisch Freikörperkultur-Treibenden auch Portraits spiritueller Führer wie Bernhard von Clairvaux (1090 – 1153), dem Paten der Tempelritter, und Jörg Lanz von Liebenfels (1874 – 1954), dem Propagandisten arischer Reinzucht; welchen Führers Portrait vor Nadines Ankunft wohl kurzfristig abgehängt wurde, darf erraten werden. Gerhard und Lorna tragen weiße, an mittelalterliche oder mönchische Tracht erinnernde Kleidung (Ausstattung: Christin Treunert), und Gerhard, ein nach eigener Aussage zwangspensionierter Professor für  Kulturgeschichte, entfaltet gegenüber Nadine rasch seine umfassend geschlossene Weltanschauung. Die ist zunächst ganz sympathisch von etwas verschrobener Naturverbundenheit, weckt aber zunehmend Nadines Skepsis, die sich bei Gerhards Rassismus zu Widerspruch steigert.

Seine Frau Lorna, die eine enttäuschende linke Biografie hinter sich hat, ist geerdeter und bremst ihn, wenn seine Thesen zu offensichtlich faschistisch sind, doch nicht, weil sie weniger fanatisch als ihr selbstgefälliger Gatte wäre. Vielmehr will sie Nadine nicht verschrecken.

Die breit geführte Konversation der Eltern mit dem Ziel, Nadine zu missionieren, ist nicht ohne Komik. Zu der trägt vor allem Ronald Funke bei, der den Gerhard als schrulligen Wirrkopf mit Hang zum Alkohol, mittelhochdeutschem Liedgut und Ritterordens-Träumen von der Rettung des Abendlandes hinreißend spielt.

Als die Missionierung jedoch scheitert, ist es vorbei mit lustig und der Elternbesuch schlägt in reinen Horror um. Nadine erfährt die Ursachen des elterlichen Unfalls und wird mit Gewalt in die Rolle gezwungen, die sie im Plan des geheimen Ordens einnimmt, dem neben seinen Eltern auch Marek angehört, der sich als Lockvogel für Nadine erweist. Die Übermacht ist groß, Rettung scheint nur durch Mareks behinderten, mild blickenden Bruder Udo (Mick Riesbeck) oder ihre übers Händy herbeigerufene Freundin Susa (Magdalena Kosch) möglich – das Ende bleibt, wohl symbolisch für die politische Zukunft Deutschlands, offen.

Theater Osnabrück / Das Waldhaus, ein Politkrimi © Maria Koltschin

Theater Osnabrück / Das Waldhaus, ein Politkrimi © Maria Koltschin

Das alles ist vom Ensemble sehr überzeugend gespielt und als Theaterfilm mit seiner Steigerung von sympathisch skurril über menschenfeindlich hin zu gefährlich auch fesselnd gemacht. Wenn man sich auf einige Unwahrscheinlichkeiten in der Vorgeschichte einlässt, hat Das Waldhaus in der Regie Dominique Schnizers sehenswert unterhaltsames „Tatort“- Format.

Auf dem Altar der Unterhaltsamkeit opfert das Stück viel von seiner politischen Botschaft, indem es mit seiner Warnung vor der rechten Gefahr weit offene Türen einrennt. Die Gerhards und Lornas in ihrer  Rettet-das-christliche-Abendland-Spinnerei sind eine obskure, aber wahrscheinlich ungefährliche Blüte im rechten Sumpf. Gegen die kann sich das Publikum umstandslos mit der von Katharina Kessler sympathisch als junge Frau von heute gezeichneten Nadine solidarisch fühlen, ohne dass sie ihre Lebenseinstellung wesentlich rechtfertigen muss. Wenn Susa dann in einem etwas angehängten Monolog Nadine vorhält, dass sie und ihresgleichen durch abgehobene Diskurse und elitäre Besserwisserei das Volk den Rechten in die Arme treiben, spricht sie wohl eine größere Gefahr an, von der auch manche gut gemeinte Warnung im Kulturbetrieb nicht frei ist.

Ab sofort steht der Theater-Film „Das Waldhaus“ als Video on demand (mit Bezahl-Schranke) auf der website des Theaters www.theater-osnabrueck.de zur Verfügung.

—| IOCO Kritik Theater am Domhof |—


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