Münster, Theater Münster, Das Tagebuch der Anne Frank – Grigori Frid, IOCO Kritik, 30.11.2020

November 28, 2020 by  
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Theater Münster © Rüdiger Wölk

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Theater Münster

Das Tagebuch der Anne Frank – Monooper von Grigori Frid

Angst und Lebenshunger in der Isolation
Kathrin Filip ist Anne Frank

>von Hanns Butterhof

Mit der Monooper Das Tagebuch der Anne Frank ist dem russischen Komponisten Grigori Frid (1915 – 2012) gelungen, was kaum vorstellbar ist. Er hat zu einer Handvoll Seiten aus dem Tagebuch des jüdischen, im KZ Bergen-Belsen gestorbenen Mädchens eine unerwartet menschliche Oper geschaffen. In der puristischen Klavierfassung beeindruckt Kathrin Filip tief am Kleinen Haus des Theater Münster.

Das Tagebuch der Anne Frank – Monooper von Grigori Frid
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Aus einem Seiteneingang wie von draußen kommt Kathrin Filip in den Zuschauerraum. Sie kommt in ihrem offenen Mantel und den weißen Schnürschuhen mit dem Rucksack (Bühne und Kostüme: Melanie Walter) wie aus der Schule. Auf der grau verhangenen Bühne stimmt sie wortlos das Publikum zum Mitsummen ein: „Viel Glück und viel Segen…“, denn sie hat als Anne Frank 13. Geburtstag. Zu diesem Anlass hat sie das Tagebuch von ihren Eltern bekommen, das sie bis zu ihrer Deportation im August 1944 führen wird.

Es ist ein besonderes Merkmal der Regie von Jan Holtappels, dass er Anne Frank nicht als heldenhaftes Idol oder mahnendes Opfer inszeniert. Er führt sie kammerspielartig nah an das Publikum, zeigt sie als ein heranwachsendes Mädchen in ihrer langwierigen Isolation mit ihren Ängsten, ihrer Kraft und ihrem Lebenshunger.

Dass dies gelingt ist fast ein Wunder, denn die Musik Grigori Frids ist sperrig. Fabian Liesenfeld am Klavier biedert sich nicht an mit den Klang-Clustern und wuchtig angeschlagenen Einzeltönen auf tiefen Akkorden. Sie halten das Gefühl für die Isolation Anne Franks und ihr schreckliches Ende durchgängig aufrecht. Selten sind Klangmalereien vernehmlich wie der Glockenschlag des Westerturms, den Anne in ihrem Versteck hört, oder der Marschtritt der alliierten Soldaten bei der Invasion Italiens, von der sie aus den BBC-Nachrichten erfährt. Nur bei ihrer Erinnerung an die Zeit der Freiheit klingt ganz kurz Melodisches auf, und wenn sie einfach nur ein heranwachsendes Mädchen ist, das auch Liebes- und Glücksgefühle kennt, dann swingt die Musik, jazzt der Pianist ausgelassen, und Anne tanzt dazu.

Theater Münster / Das Tagebuch der Anne Frank - hier: Kathrin Filip als Anne Frank sieht ihr Ende voraus © Oliver Berg

Theater Münster / Das Tagebuch der Anne Frank – hier: Kathrin Filip als Anne Frank sieht ihr Ende voraus © Oliver Berg

Das Tagebuch, aus dem Frid fast wortgetreu das Libretto verfasst hat, fordert zwingend viel Sprechgesang. Kathrin Filip gestaltet ihn in durchgängig hoher Sopranlage beeindruckend variabel. Sie nimmt das Publikum mit in ihre Ängste und Träume, in ihr Alleinsein trotz der Anwesenheit ihrer Eltern und der Familie Daans, deren Dialoge sie überschäumend in einem Sketch parodiert. Im von vielen schwach glimmenden Lämpchen kaum erhellten Dachboden träumt sie von Liebe, vom Frau-Werden einen ergreifend konservativen Traum von Ausschließlichkeit und lebenslanger Treue. Doch am Ende sieht sie sich selber (Lucia Hasenburg mit Anne Frank – Maske), wie sie ihr Tagebuch liest und Asche aus Eimern auf den Boden schüttet – eine ergreifend vorahnende Geste der Hoffnungslosigkeit.

Dann verstummt die Musik und das Licht verlöscht. Nach fünfundsiebzig Minuten des in aller Schmerzlichkeit bewegenden Opernabends und einer außerordentlich langen Pause der Betroffenheit langer Beifall für eine fesselnde Kathrin Filip und ihren beeindruckenden Begleiter am Klavier, Fabian Liesenfeld.

Ds Tagebuch der Anne Frank im Theater Münster: angekündigt nächster Termin nach dem November-Lockdown war 13.12.2020; doch auch dieser Termin ist inzwischen nicht mehr aktuell. Bitte informieren Sie sich zu aktuellen Terminen direkt:  Theater Münster


Amsterdam / Das Haus der Anne Frank - Amsterdam Prinsengracht 263  © IOCO

Amsterdam / Das Haus der Anne Frank – Amsterdam Prinsengracht 263  © IOCO

Das Anne-Frank-Haus heute – Amsterdam – Prinsengracht 263

Im Vorderhaus dieses Gebäudes hatten damals mehrere Firmen ihren Sitz; auch Anne Franks Vater, Otto Frank, als Unternehmer. Anne Frank zog mit ihrer Familie und Angestellten in dieses Gebäude, Prinsengracht 263. Das Hinterhaus dieses Gebäudes war von der Strasse her nicht einsichtig; es wurde für mehrere jüdische Personen, so von Vater Otto Frank, Mutter Frau Edith Frank-Holländer und deren Kinder Margot und Anne (Annelies Marie „Anne“ Frank, * 12. Juni 1929 in Frankfurt)  zum „Schutzraum“. Am 4. August 1944 wurden die Otto Frank, Edith Frank-Holländer, Margot, Anne und andere Bewohner verraten,  von der Gestapo verhaftet und zunächst nach Auschwitz deportiert. Anne und Margot starben vermutlich im KZ Bergen-Belsen im Februar 1945. Otto Frank überlebte als einziger der Familie die Grauen der NAZI-Diktatur; er starb 1980. Das Tagebuch der Anne Frank retteten Mitbewohner der Prinsengracht vor Räumung des Gebäudes.

—| IOCO Kritik Theater Münster |—

Osnabrück, Theater am Domhof, Die Konferenz der Tiere – Erich Kästner, IOCO Kritik, 28.11.2020

November 28, 2020 by  
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Theater Osnabrück

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Die Konferenz der Tiere  – nach Erich Kästner – online Premiere

– Grüne Signale der Tiere an die Menschen –

von Hanns Butterhof

Infolge des Lockdowns konnte Die Konferenz der Tiere nach Erich Kästners 1949 erschienenem Roman bisher nicht öffentlich stattfinden. Deshalb wurde die Produktion aufgezeichnet und feierte nun als Digitales Theater seine online-Premiere.

Regisseurin Katharina Birch erzählt mit einer bunten medialen Mischung von Video-Einspielungen bis zu Zeichentrickfilmen von Jan Riesenbeck und eingebettet in die szenisch passende Musik von Lars Ehrhard turbulent eine aktualisierte Fassung der Konferenz der Tiere. Die wird von der Elefantendame Oska (Denise Matthey) im roten Kleid (Bühne und Kostüme: Georg & Paul) einberufen, weil die Menschen offenbar nichts können, als ihre Welt kaputt zu machen.

Die Konferenz der Tiere – nach Erich Kästner
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Als Beleg dient ihnen das Fortdauern von Krieg, Armut und Hunger, obwohl die Menschen reihenweise Konferenzen dazu abhalten; aktuell kommen, von Kästner noch nicht vorhergesehen, Umweltzerstörung und Klimakatastrophe dazu. So kann anders als in der Romanfassung der Eisbär Paul (Lukas Metzinger) den Ort der Konferenz nicht erreichen, denn die Eisscholle, auf der er anreisen wollte, ist schon unter ihm weggeschmolzen.

Die Menschen, das sind im Stück vor allem der ordenbeladene General Zornmüller (Johannes Bussler) und der devote Minister (Klaus Fischer). Sie sind nicht nur unwillig, ihre soundsovielten Konferenzen zu einem gedeihlichen Ende zu führen. Bussler gibt, satirisch großartig überspitzt, einen derart ekelhaft aufgeblasenen, menschenverachtenden Politiker, dass man für ihn ein Gefängnis im Hochhaus der Tiere wünscht, gleich neben dem für Tierquäler. Mit der brachialst pauschalen Beschimpfung als unfähige Bürokraten sind sie noch gut bedient.

Theater Osnabrück / Konferenz der Tiere © Kerstin Schomburg

Theater Osnabrück / Konferenz der Tiere © Kerstin Schomburg

Den Menschen gegenüber sind die Tiere echte Humanisten, vor allem Oska, die zusammen mit der Giraffe Lulu (Hannah Hupfauer) aus Oskar und Leopold umgegendert wurde. Denise Matthey als Oska ist stimmlich und darstellerisch selbst unter dem schönen Elefantenkopf gewinnend ausdrucksstark. Partick Bredow als Leopold besticht mit originalem Löwengebrüll, wenn er sich über die Menschen natürlich grün ärgert. Nur sie können, ist sich Oska sicher, mit ihrer Konferenz die Welt in Ordnung bringen – sie sind ja schließlich keine Menschen.

Die Anklage des Stücks ist so aktuell wie eh und je. Doch wenn Oskas Diagnose stimmt, woher sollen dann die Menschen kommen, die sich für Frieden, Umwelt- und Klimaschutz, zu Beseitigung der Grenzen und aller Not einsetzen und ihre Kinder in diesem Sinn erziehen? Da kommt dann wohl das Theater ins Spiel: Im Vertrauen auf seine Kraft als moralische Anstalt sendet Die Konferenz der Tiere dem Publikum jeden Alters ein märchenhaft grünes, oft ausgesprochen witziges Signal, mutig gegen die Trägheit des Herzens anzugehen.

www.theater-osnabrueck.de

Die Premiere auf der Bühne wird zu einem späteren Zeitpunkt nachgeholt. Ab sofort steht die Aufzeichnung als Video on demand (mit Bezahl-Schranke) auf der website des Theater Osnabrück, www.theater-osnabrueck.de zur Verfügung.

—| IOCO Kritik Theater Osnabrück |—

Erfurt, Theater Erfurt, Der Schauspieldirektor – Wolfgang A. Mozart, IOCO Kritik, 25.10.2020

Oktober 24, 2020 by  
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Theater Erfurt

Theater Erfurt @ Lutz Edelhoff

Theater Erfurt @ Lutz Edelhoff

Der Schauspieldirektor – Singspiel von Wolfgang Amadeus Mozart

„Der Schauspieldirektor“ in Erfurt kommt vom Bauhaus in Weimar

von Hanns Butterhof

Wolfgang A Mozart in Salzburg vor dem Festspielhaus © IOCO DZimmermann

Wolfgang A Mozart in Salzburg vor dem Festspielhaus © IOCO DZimmermann

In Corona-Zeiten mit hygienebedingt kurzer Aufführungsdauer schlägt die Stunde für kleinere, sonst eher selten auf der Bühne erlebbarer Stücke. Der Schauspieldirektor, das einaktige Singspiel von Wolfgang Amadeus Mozart von 1786 gehört unbedingt in diese Kategorie. Musikalisch bis auf die Ouvertüre wenig ergiebig, mit nur vier Gesangsnummern von insgesamt zwanzig Minuten und einem von Gottlob Stephanie d.J. erstellten, heute bestenfalls noch museal verwendbaren Text gilt Der Schauspieldirektor als minderes Werk Mozarts und nicht unbedingt als ein Publikumsmagnet. Dass dem nicht notwendig so sein muss, zeigt die glänzende Aufführung am Theater Erfurt. Die Spielfassung durch Regisseur Cristiano Fioravanti und Dramaturgin Larissa Wieczorek spannt zwanglos Corona, Regietheater, die prekäre Lage der Schauspieler sowie Kritik an der Moderne witzig zusammen und hat allen Beifall verdient, den das Premierenpublikum langanhaltend spendete.

Der Schauspieldirektor am Theater Erfurt
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Aus dem Einakter ist in Erfurt wie auch schon anderswo ein zweiaktiges Werk geworden. Sein erster Teil besteht aus der Probe zu Der Schauspieldirektor, der dann im zweiten Teil zur Aufführung kommt. Für den Musikanteil des ersten Aktes, für den das Orchester mit Myron Michailidis am Pult den hinteren Bühnenraum einnimmt, werden andere Opernwerke Mozarts bemüht. Düster und überraschend erklingt als Ouvertüre eine Partie aus Don Giovanni, die erste Arie des Baritons (Juri Batukov) ist aus Figaros Hochzeit, wobei er beim „Fünfe, zehne, zwanzig“ -Zählen mit ausgestreckten Armen und ausgeklappten Metermaß-Stäben urkomisch die amtlich vorgeschriebenen Sicherheitsabstände demonstriert. Wenn die Soprane (Leonor Amaral und Daniela Gerstenmeyer) Arien aus Così fan tutte und La finta semplice, der Tenor (Brett Sprague) aus Mitridate singen, ruft das schon keine Verwunderung mehr hervor.

Im Mittelpunkt des ersten Teils steht der titelgebende Schauspieldirektor Frank (Stefan Wey). Wenn er zur Ouvertüre wie ein vom Storch gebrachtes Neugeborenes ganz in Weiß (Ausstattung: Anja Wandt) aus einem großen Wickeltuch steigt, ist von ihm absolut Neues, vielleicht auch etwas an der Grenze zum Unbedarften zu erwarten.

Theater Erfurt / Der Schauspieldirektor - hier - Stefan Wey ist der despotische Schauspieldirektor © Lutz Edelhoff

Theater Erfurt / Der Schauspieldirektor – hier – Stefan Wey ist der despotische Schauspieldirektor © Lutz Edelhoff

Für die Probe räumt die – von der Regie dazuerfundene – Regie-Assistentin Cristina (Bettina Brezinski) zwei gestufte Podest-Gerüste für die Sänger auf die Bühne. Der nun in die existenzialistisch-schwarze Lieblingsuniform des Theaterschaffenden gekleidete Regisseur Frank führt sich am Regiepult davor als mieser Regie-Despot auf. Er versucht dem Ensemble seine Idee vom Theater als Raum-Bewegungs-Musik-und-Licht-Gesamtkunstwerk nahezubringen. Klingt gut, ist allerdings so leer und abstrakt, dass ihn keiner versteht. Vielmehr setzen die Sänger seine Anweisungen umwerfend komisch in puren Unfug um, woraufhin er sie übel als faul und unfähig beschimpft. Schließlich entlässt er rüde die überforderte Cristina, die auch nicht weiß, was seine Ideen meinen oder gar, wie sie dem Ensemble zu vermitteln wären. Dem folgt eine deutlich utopisch-zukunftsweisende Aktion: Alle solidarisieren sich mit der gefeuerten Cristina und brechen die Probe, vielleicht auch die Zusammenarbeit mit Frank ab; er taucht nicht wieder auf.

Die Probe erweist sich als Kritik des real existierenden Theaterbetriebs mit cholerischen Regisseuren, prekären Arbeitsverhältnissen und dadurch angestacheltem Konkurrenzdruck der Künstler. Die eine Sopranistin (Daniela Gerstenmeyer) buhlt mit Anpassung an den Regisseur, die andere (Leonor Amaral) kämpft mit Verve um ihr Engagement; das Terzett „Ich bin die erste Sängerin“, in dem sich die beiden in Stellung bringen, ist psychologisch und mit seiner überschäumenden Flut von Koloraturen das Glanzstück der Aufführung.

Theater Erfurt / Der Schauspieldirektor - hier : Wie im „Triadischen Ballett“ von Oskar Schlemmer, vl Daniela Gerstenmeyer als Sopran, Juri Batukov als Bariton, Brett Sprague als Tenor und Leonor Amaral als Sopran © Lutz Edelhoff

Theater Erfurt / Der Schauspieldirektor – hier : Wie im „Triadischen Ballett“ von Oskar Schlemmer, vl Daniela Gerstenmeyer als Sopran, Juri Batukov als Bariton, Brett Sprague als Tenor und Leonor Amaral als Sopran © Lutz Edelhoff

Der zweite Teil spielt nach fünf Wochen. Überraschend erklingt jetzt das Original der Ouvertüre zu Der Schauspieldirektor, der dann noch die dazugehörigen Gesangsnummern folgen. Erstaunlicher ist aber, dass Frank sein Regiekonzept anscheinend doch durchgesetzt hat. Die beiden abstrakten Bühnenpodeste der Probe sind jetzt weiße Kuben, und das Gesangsensemble ist kostümiert. In den bonbonbunten, geometrischen Figuren wie Kreis, Quadrat oder Dreieck entlehnten Kostümen singen und bewegen sich alle mechanisch wie Spielzeug-Blechfiguren auf geraden Linien oder in rechten Winkeln nach dem Muster des 1928 uraufgeführten Triadischen Balletts von Oskar Schlemmer. Das moderne Neue, das Franks Auftritt versprach, erweist sich als Entseelung und Mechanisierung und findet im Umgang des Regisseurs mit seinen Schauspielern die genaue Entsprechung. Der Schauspieldirektor Frank kommt deutlich vom Bauhaus in Weimar.

Alles passt sauber zusammen als Kritik an einer das Menschliche hintansetzenden Moderne, auf die Corona ein grelles Schlaglicht wirft. Das ist von Cristiano Fioravanti ohne erhobenen Zeigefinger rein sinnlich erlebbar inszeniert, vom Ensemble überzeugend gespielt und gesungen und vom Philharmonischen Orchester Erfurt unter Myron Michailidis in einen gefälligen Mozart -Ton eingebettet. Dieser Schauspieldirektor ist mit seinen siebzig Minuten Spieldauer, in deutscher und italienischer Sprache mit Übertitelung, umfassend sehens- und hörenswert und wurde vom Premierenpublikum ausgiebig und mit Bravos gefeiert.

Der Schauspieldirektor am Theater Erfurt; die weiteren Vorstellungen 24.10.; 20.11.; 13.12.2020 und mehr

—| IOCO Kritik Theater Erfurt |—

Osnabrück, Theater am Domhof, Dido and Aeneas – Henry Purcell, IOCO Kritik, 14.10.2020

Oktober 13, 2020 by  
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Theater Osnabrück

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Dido and Aeneas – Henry Purcell

Abschied von Liebe und Leben  –  Glänzende Spielzeiteröffnung mit Barockoper

von Hanns Butterhof

Im Theater am Domhof startet das Musiktheater glänzend mit der Barockoper Dido and Aeneas von Henry Purcell (etwa 1658 – 1695) und seinem Librettisten Nahum Tate in die neue Spielzeit. Die Regie von Dirk Schmeding holt das selten gespielte Werk aus der antiken Götter- und Heldenwelt stimmig in die Gegenwart, getragen vom feinen Barockklang der Osnabrücker Symphoniker unter Daniel Inbal.

Im Theater am Domhof geht es vor allem um Dido, Königin von Karthago. Sie ringt mit sich, ob sie ihrer wachsenden Liebe zu dem Trojanerhelden Aeneas nachgeben oder ihrem Gatten gemäß der Sitte über dessen Tod hinaus die Treue bewahren soll.

Dido and Aeneas im Theater Osnabrück
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Die Bühne Martina Segnas ist ein vollendeter Ausdruck dieses Konflikts. In einem Kubus von der Größe einer Gefängniszelle befindet sich Dido (Susann Vent-Wunderlich). In einem zweiten links daneben drängen sie ihre beiden Beraterinnen (Marie-Christine Haase und Gabriella Guilfoil), ihrem Gefühl zu folgen. In einem dritten Kubus rechts mahnt sie ein streng konservatives Quartett (Elena Soares da Cruz, Kathrin Brauer, Mario Lee und Seokwon Oh) zur Treue. Dass alle den gleichen weißen Mantel wie Dido tragen (Kostüme: Frank Lichtenberg), weist sie deutlich als Verkörperungen ihres inneren Konflikts aus.

Schmedings sinniger Verzicht auf Vorgeschichte und Götterwelt zeigt Dido nicht als Opfer übersinnlicher Kräfte. Susann Vent-Wunderlich gibt mit dramatischem Sopran einer Frau Format, die sich zwischen ihrer Sehnsucht nach Liebe und ihrer sie einengenden, verbietenden Moral aufreibt. Dass ihr Aeneas (Jan Friedrich Eggers) nach der ersten gemeinsamen Nacht seine Abreise am anderen Morgen ankündigt, trifft sie zutiefst und verschafft der Moral das Übergewicht gegen ihre Liebe. Mit einer ergreifenden Wehklage nimmt sie von Liebe und Leben Abschied.

 Theater am Domhof / Dido and Aeneas - hier : Dido mit Ratgebern, vl Marie-Christine Haase, Gabriella Guilfoil, Susann Vent-Wunderlich © Jörg Landsberg

Theater am Domhof / Dido and Aeneas – hier : Dido mit Ratgebern, vl Marie-Christine Haase, Gabriella Guilfoil, Susann Vent-Wunderlich © Jörg Landsberg

Der Aeneas von Jan Friedrich Eggers, dessen kräftiger Bariton kühl bleibt, ist eine schwer greifbare Figur, dunkel gekleidet und mit Gepäck als Flüchtender gezeichnet. Er hat im Gegensatz zu Dido keinen inneren Fürsprecher für die Liebe. Der böse Zauberer (Rhys Jenkins mit seinem finstersten Bass) und seine giftig kichernden Hexen in den schwarzen Mänteln, die Dido und die ihr Zugeordnten in Weiß tragen, sind nur Projektionen seiner Fluchtgedanken. Sie geben Aeneas unisono den Befehl zum Abschied.

 Theater am Domhof / Dido and Aeneas - hier : Aeneas wirbt um Dido Äneas wirbt um Dido, Jan Friedrich Eggers und Susann Vent-Wunderlich © Jörg Landsberg

Theater am Domhof / Dido and Aeneas – hier : Aeneas wirbt um Dido Äneas wirbt um Dido, Jan Friedrich Eggers und Susann Vent-Wunderlich © Jörg Landsberg

Die Regie von Dirk Schmeding gibt keine eindeutige Antwort auf seine Motive und die Didos, sondern lässt dankenswert Raum für Mitgefühl und Fragen. Auch die Musik, mit der die Osnabrücker Symphoniker unter Daniel Inbal feinsinnig und mit schönem Barockklang tänzerischem Jubel wie auch tiefer Trauer Ausdruck gegeben haben, beklagt auf den ersten Blick nur Didos Liebes- und Lebensverzicht. Doch wenn im finalen Chor Amor Blumen auf ihr Grab streut, beklagt sie vielleicht auch eine zu männliche und konventionelle Welt, in der Liebe nachrangig ist.

Nach siebzig fesselnden Minuten mit englischem Gesang bei deutschen Übertiteln feierte das Premierenpublikum das Gesangsensemble, den von Sierd Quarré einstudierten Chor, Daniel Inbal mit den Osnabrücker Symphonikern, vor allem die fürs Continuo sorgenden Susanne Peuker an Theorbe und Barockgitarre, Lavinia Reck am Violoncello und Eline Brys am Cembalo, sowie das Regieteam mit langanhaltendem Jubel.

Dido and Aeneas; die nächsten Termine: 13., 14. und 15.10.2020, jeweils 19.30 Uhr im Theater am Domhof 

Karten unter:    karten@theater-osnabrueck.de    oder 0541-7600076

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