Dortmund, Ballett Dortmund, Die Göttliche Komödie II – Purgatorio, IOCO Kritik, 18.12.2019

Dezember 19, 2019 by  
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Theater Dortmund

Opernhaus Dortmund © Theater Dortmund

Opernhaus Dortmund © Theater Dortmund

  Die Göttliche Komödie II – Purgatorio – Ballett Dortmund

– Im vierstufigen Reinigungsgang zum Paradies –

von Hanns Butterhof

Dante Alighieris Divina Commedia hat heute einen prominenten Platz in der Liste der am wenigsten gelesenen Weltliteratur neben dem Ulysses von James Joyce oder dem Mann ohne Eigenschaften von Robert Musil. Das liegt nur zum einen an den 15 000 kreuzweise gereimten Terzinen der dreiteiligen Dichtung vom Anfang des 14. Jahrhunderts. Auch der Stoff, eine Wanderung des Dichters zu seiner früh verstorbenen jugendlichen Geliebten Beatrice durch Hölle und Fegefeuer bis zum Paradies, ist sperrig. Er enthält nichts weniger als die Summe des christlichen Wissens am Ausgang des Mittelalters und ist in jedem Vers Enzyklopädie, Predigt und dramatisches Epos zugleich.

So ist es nicht verwunderlich, dass die Göttliche Komödie bislang keinen Choreographen von Rang dazu herausgefordert hat, sie zur Vorlage für ein Tanzstück zu erwählen. Xin Peng Wang, Direktor und Chefchoreograph des Balletts Dortmund, und sein Dramaturg und  Konzeptentwickler Christian Baier wollen alle drei Teile bis zum Dante-Jubiläumsjahr 2020 auf die Bühne bringen. Sie wissen dabei um die Schwierigkeit, gerade den mittleren Teil der Göttlichen Komödie, das Purgatorio, also das Fegefeuer, tänzerisch darzustellen. Denn darin geht es nicht um sensationelle Aktionen, sondern um reuige Kontemplation und Demut.

 Ballett Dortmund / Purgatorio - hier : Amanda Vieira als die Seele © Helena_Maria_Buckley

Ballett Dortmund / Purgatorio – hier : Amanda Vieira als die Seele © Helena_Maria_Buckley

Das Purgatorium findet in der Göttlichen Komödie auf dem Läuterungsberg statt, auf dem die Sünder in sieben Reinigungs-Stufen, für jede Todsünde eine, das Paradies erreichen. Im Opernhaus Dortmund hat Xin Peng Wang den Berg eingeebnet und lässt die Seelenreinigung durch die vier Elemente Erde, Wasser, Luft und Feuer vollziehen.

Der mit etwa fünfundsiebzig Minuten relativ kurze Tanzabend beginnt mit einem spektakulären Bild, das an die 1997er Performance Balkan Baroque von Marina Abramowic angelehnt ist: Eine Frau im weißen Kleid als Anima (Julia Pertuy) sitzt singend vor einem Haufen blutiger Knochen und versucht sie Stück für Stück zu reinigen. Sie versinnbildlicht so die große Frage, was der Mensch ist, letztlich ein Haufen Knochen, an dem sich die Würmer gütlich tun, ein Abkömmling des alttestamentarischen Kains, des Brudermörders, ewig mit Schuld beladen und ewig erlösungsbedürftig.

Im Purgatorio gibt das Tanzensemble des Balletts Dortmund der Erlösungshoffnung Dantes bewegt Ausdruck. Noch in den Kostümen der Göttlichen Komödie I – Inferno, als wäre ihnen die Haut abgezogen und die Sehnen und Muskeln lägen offen (Kostüme: Bernd Skodzig), schlagen sich Einzelne, Paare, alle mit der flachen Hand auf Brust, Arme, den ganzen Körper. Es ist, als wollten sie wie den Staub aus Gewändern die sündigen Erden-Reste aus den Gliedmaßen klopfen. Dann, als wären sie noch in der Erde verwurzelte Bäume, biegen, verbiegen sie sich wie in stürmischem Wind, der die Hände wie feine Zweige in der Luft zittern lässt.

Die Göttliche Komödie II –  Purgatorio  –  Ballett Dortmund
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Zu einer dunkel blauen, die Bühne überschwemmenden Projektion anbrandenden Wassers werden die Bewegungen sanfter, das Schlagen der Körper geht in feines, streichelndes Waschen über. Dabei wird der Prozess der Häutung widerrufen, die Körper gewinnen ihre menschliche Haut wieder zurück. In einem Schwall von niedergehendem Wolkenbruch werden alle metallen rasselnden Ketten weggeschwemmt, die an das sündige Erdenleben gefesselt haben. Wie befreit genießen alle diesen Zustand der Erleichterung und geben sich ihm, nun in weißen Gewändern, voller Beschwingtheit hin.

Die  letzte Läuterung steht ihnen noch bevor. Um die Tanzenden herum, die wohl noch nicht dafür reif sind, kreisen Projektionen von Leibern, die spektakulär in Brand geraten, als reine Flammen vorüber schweben, um mit allen Erdenresten zu verglühen und sich schließlich in himmlisches Licht aufzulösen – zu dem dann Dante mit seiner Seele auf einem Podest aus den gepressten Ketten der Geläuterten dem Paradies entgegen gehoben werden.

Oper Dortmund / Purgatorio - hier : Guillem Rojo i Gallego als Erzengel, Clara Pertuy als Anima Foto © Helena Maria_Buckley

Oper Dortmund / Purgatorio – hier : Guillem Rojo i Gallego als Erzengel, Clara Pertuy als Anima Foto © Helena Maria_Buckley

Purgatorio ist weit mehr noch als das Inferno ein Ensemblestück und nur bedingt als Handlungsballett anzusehen. Die Protagonisten Dante (Aidos Zakan), Seele (Amanda Vieira), Vergil (Simon Jones) und der Erzengel (Francesco Nigro) haben zwar ihre klassischen Pas de deux oder trois, aber die wirken wie Pflichtübungen, doch noch etwas tänzerisch Spektakuläres zu bringen. Sie stehen ohne spezifische funktionale Bindung wie schmückende Arabesken im Geschehen. Das ist die notwendige Folge der Entscheidung  Xin Peng Wangs und Christian Baiers, sich nur halb an Dantes Purgatorio zu halten, zur anderen Hälfte aber einen ganz eigenen vierstufigen Reinigungsgang zum Paradies zu entwickeln. Welchen Platz die Protagonisten Dantes bei der  Läuterungsdarstellung von Xin Peng Wangs Ensemble einnehmen, ist im Purgatorio nicht zwingend gelöst. Was warum vor sich geht, das erschließt sich kaum aus dem Tanz selber, sondern ist weitgehend auf externe Information angewiesen.

Die Musiken von Kate Moore und Pascal Sevajols haben ein starkes Eigengewicht, und vor allem John Luther Adams‘ Become Ocean trägt die Tänzer nicht. Die minimalistische Komposition ist eine für sich stehende gewaltige Naturschilderung, unter deren Anspruch das Ensemble mitunter wie in einem zu großen Klangraum alleingelassen und bei deren An- und Abschwellen statisch und im Bewegungsrepertoire repetitiv wirkt.

Trotz des langen Schluss-Beifalls für großartige tänzerische Leistungen und die unter der Leitung von Philipp Armbruster beeindruckend aufspielenden Dortmunder Philharmoniker kann dieses Purgatorio nicht als völlig geglückt angesehen werden. Die Lektüre des Mittelteils von Dantes Göttlicher Komödie, das Fegefeuer, ersetzt es in keinem Fall.

Besuchte Vorstellung: 13.12.2019

Die Göttliche Komödie II – Purgatorio an der Oper Dortmund;  Die nächsten Termine: 11., 25., 31.1. und 15.2.2020, jeweils 19.30 Uhr

—| IOCO Kritik Theater Dortmund |—

Osnabrück, Theater am Domhof, Geister – Tanzabend – Ben J. Riepe, IOCO Kritik, 10.12.2019

Dezember 10, 2019 by  
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Theater Osnabrück

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

  Geister  – tanzen auf dem Vulkan

– Spaßgesellschaft auf dem Weg in den Untergang –

von Hanns Butterhof

Der Düsseldorfer Choreograph Ben J. Riepe zeigt mit der Dance Company Theater Osnabrück die Uraufführung des eindringlichen Tanzabends Geister (Say Goodbye). Es ist ein starkes Stück über den Untergang der Welt, wie wir sie kennen, und stellt im Theater am Domhof etwas plakativ unsere Geisteshaltung dar, die daran Schuld ist.

Auf der ausgeräumten, tiefschwarzen Bühne ist das elfköpfige Ensemble in weißen Kostümen (Bühne und Kostüme: Ben J. Riepe und Gwen Wieczorek) ständig präsent. Alle sind einzeln, nie kommt es zu unisono Bewegungen, und uniform sind sie verschieden, ohne dass die Kostümierung sie besonders charakterisieren würde.

Geister – Tanz von Ben J. Riepe
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Eine Figur (Laura Martin Rey) etwa ist mit Flügeln ausgestattet. Ob sie ein Engel ist oder nur sein will, bleibt offen. Vielleicht ist sie auch eine Urlauberin, die mit einem Billigflug die schützende Ozonschicht ruiniert, so wälzt sie sich lächelnd über einen großen Ball, der die Erde sein könnte.

Ähnlich unbestimmt ist die Gestik der Einzelnen. Begleitet von der Musik Misagh Azimis, die mit schmerzenden Streicher-Glissandi beginnt, im Verlauf des Abends elektronischer, lauter und dringlicher wird, exponieren sich die Tänzer wie auf einer Party. Ihre Bewegungen sind grotesk und unharmonisch, einzelne Körperteile werden isoliert. Wer hervortritt und sich als Individuum kenntlich machen will, tut dies in einer fremden Sprache. Zudem wird er vom nächsten übertönt, der ebenso vergeblich seine Besonderheit darstellen möchte. Um diese Figuren herrscht absolute Einsamkeit; sie selber aber tragen ständig ein demonstratives Lachen im Gesicht.

Mehrmals quert eine Polonaise die Bühne von hinten rechts nach vorne links. Wer vorne angekommen ist, reiht sich hinten wieder ein, so dass eine unendliche Menschenkette entsteht, die sich lachend oder mit gierig aufgerissenen Mündern nur an sich selbst erfreut: ein gespenstisches Bild der verantwortungslosen Spaßgesellschaft auf ihrem Weg in den Untergang, der ein Tänzer (Neven Del Campo) auf hohen Plateauschuhen steif und unerbittlich kreisend die verrinnende Zeit abzählt.

Theater am Domhof / Geister - Tanzabend -hier : die Horde lagert in Resten der Zivilisation © Joerg Landsberg

Theater am Domhof / Geister – Tanzabend -hier : die Horde lagert in Resten der Zivilisation © Joerg Landsberg

Als aus dem Schnürboden rote Baumgerippe und drei Monitore herunterfahren, auf denen in Endlosschleife Wälder brennen und Indios vergeblich gegen die Zerstörung ihres Lebensraums protestieren, legen die Tänzer ihre Kostüme ab. Darunter erscheint die nackte Bestialität. Unter schrillem Kreischen beschaut sich ein Menschenaffe (Hampus Larson) Posen schamloser Paarungsbereitschaft der Gruppe, die inzwischen den aufrechten Gang aufgegeben hat. Wenn dann alle schreiend einstimmen, klingt das nicht nach glücklicher Befreiung aus gesellschaftlichem Zwang, sondern wie Wehgeheul.

Am Ende wird das Licht warm, das Ensemble lagert (Foto oben)  in Trümmern der Zivilisation harmonisch wie eine zufriedene Löwenhorde – eine Utopie des Zurück zur Natur oder das, was nach uns übrig bleibt?

Hier hätte Mauro de Candias kurzes Vorspiel Traum im Traume eine Antwort sein können: Die Schatten, die er hinter einem fast blickdichten Vorhang herumgeistern lässt, sind wohl das, was von uns bleiben wird.

Nach gut achtzig Minuten intensiven Tanztheaters langdauernder Beifall des betroffenen, aber kaum ergriffenen Publikums für das Ensemble, das die ihm fremde Tanzsprache Ben J. Riepes bravourös zum Ausdruck gebracht hatte.

Geister, Tanzabend im Theater am Domhof, Osnabrück; die nächsten Termine: 14. und 26.12. jeweils 19.30 Uhr, am 29.12. um 15.00 Uhr.

—| IOCO Kritik Theater Osnabrück |—

Münster, Museum für Lackkunst, Des japanischen Mannes Zier – Ausstellung, IOCO Aktuell, 04.12.2019

Dezember 3, 2019 by  
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Museum für Lackkunst Münster / Ausstellung : Des japanischen Mannes Zier © Matthias Budde

Museum für Lackkunst Münster / Ausstellung : Des japanischen Mannes Zier © Matthias Budde

Museum für Lackkunst

Des japanischen Mannes Zier – Ausstellung im Lackmuseum

– Männer machen Mode –

von Hanns Butterhof

Das Museum für Lackkunst ist eine der glänzendsten Perlen in der Kette der Münsterschen Museen. Das klassizistische, um die vorletzte Jahrhundertwende errichtete Stadtpalais an der Windthorststraße enthält eine weltweit einzigartige Sammlung von Lackkunst aus zwei Jahrtausenden aus Ostasien, Europa und der islamischen Welt. Unter Lackkunst sollte man sich nicht etwas derart Unspektakuläres wie lackierte Kotflügel vorstellen, wie es die 2015 nicht unproblematisch von dem Künstler Christian Ring angeregte Rot-Lackierung der Freitreppe zum Haupteingang des Museums nahelegt. Vielmehr besteht die Sammlung aus äußerst kunstvoll mit Lack überzogenen Gegenständen, die vom mächtigen Schreibsekretär, den eine Landschaft mit Blumen und Vögeln ziert,  bis zur kleinen Schnupftabakdose mit Schwarzlack reichen.

Über 100 bewundernswerte  „Inro“ im Museum für Lackkunst Münster

Der Grundstock des Museums stammt aus dem ehemaligen Kölner Herbig-Haarhaus-Lackmuseum, das 1968 mit der Übernahme der Lackfabrik Herbig-Haarhaus in den Besitz der BASF überging; 1982 wurde als wertvolle Ergänzung die Lackkunst-Sammlung aus dem Privatbesitz von Dr. Kurt Herberts dazugekauft. Die nun mehr als 2000 Objekte fanden 1993 im Gebäude an der Windthorststraße 26 mit einer Bücherei von über 4500 Büchern zur Lackkunst ihr Zuhause. Träger des Museums ist der Unternehmensbereich Coastings der BASF in Münster.

Museum für Lackkunst Münster / Inro - Japanische Stapelkästchen © Tomasz Samek

Museum für Lackkunst Münster / Inro – Japanische Stapelkästchen © Tomasz Samek

Die aktuelle Ausstellung Männer machen Mode. Inro aus der Sammlung des Museums für Lackkunst, zeigt über 100 Stapelkästchen mit bewundernswerter Lack-Kunst aus Japan.

In sechs Räumen seines Untergeschosses  zeigt das Museum für Lackkunst 108 Inro, meist handygroße lackierte Behältnisse, in denen der bessergestellte japanische Mann voriger Jahrhunderte sein persönliches Siegel und gegebenenfalls Arzneimittel bei sich trug. Es sind Stapelkästchen mit einer unterschiedlichen Zahl von  Fächern, die eine Schnur seitlich miteinander verbindet. Ein kleiner Schieber strafft die Schnur und verhindert so, dass sich das Inro ungewollt öffnet. Ein Knebel an ihrem Ende, das phantasievoll geschnitzte netsuke, liegt oberhalb des Kimono-Gürtels auf, wirkt als Gegengewicht zum Inro und hindert es am Herunterrutschten.

Das Inro war aus der Not geboren, da der traditionelle Kimono keine Taschen hatte, um die Gegenstände des täglichen Gebrauchs zur Hand zu haben. Aus der Not machten die Männer rasch eine modische Tugend, und zwischen dem 16. bis 19. Jahrhundert avancierte das Inro, gut sichtbar am Gürtel des Kimonos getragen, in den gehobenen Kreisen zum Statussymbol.

Möglich wurde das durch ein symbiotisches Zusammenspiel von Kunden und Künstlern. Das Inro bot darauf spezialisierten Künstlern und Werkstätten Gelegenheit, auf seiner kleinen Oberfläche ihr ganzes Können zu zeigen. Die mit großer Virtuosität eingesetzten komplizierten Lack-Ziertechniken trieben nicht nur einen modischen Wettkampf voran. Mit der Wahl des Dekors präsentierte der Träger auch eine Art intellektueller Visitenkarte, die sein Wissen um den nationalen kulturellen Kanon zum Ausdruck brachte; kleinste Hinweise wie die Kopfbedeckung einer Frau oder der Fächer vor einem Gesicht riefen gedanklich ganze Erzählungen hervor. Die künstlerische Umsetzung dieser bekannten Geschichten, der Symbole und die Qualität der Ausführung waren Gegenstand gepflegter Gespräche.

In der Ausstellung Männer machen Mode ergreift noch heute die kulturelle Aura, die um die  Inro herrscht. Die Kunstfertigkeit der Ausführung, die Vielfalt der Motive und ihrer symbolischen Bedeutung, die inspirierende Anregung, die davon  ausgeht, ist einfach bewundernswert. In das Staunen über diesen intakten kulturellen Kosmos mischt sich leise die Trauer um seinen Verlust  wie auch den des europäischen Gedankenkreises durch die aufkommende Moderne im Beginn des 20. Jahrhunderts.

Museum für Lackkunst Münster / Inro Ausstellung - Ein Besucher berührt © Hanns Butterhof

Museum für Lackkunst Münster / Inro Ausstellung – Ein Besucher berührt © Hanns Butterhof

Die Ausstellung zeigt thematisch gruppiert Inro verschiedener Größe, Materialität und Oberflächengestaltung bis hin zu Imitationen von Stein oder Metall. Sie führt zu Dynastien von Kunsthandwerkern und einzelnen Meistern wie Koma Yasutada (+ 1715), die ihre Werke sogar signierten. Und sie zeigt und erläutert umfassend die Bildsprache der  Inro. So steht etwa die häufige Chrysantheme nicht nur für den Herbst, sie ist auch mit Unsterblichkeit und Vollkommenheit verbunden, da sie blüht, wenn die anderen Blumen schon welken; ein Inro mit diesem Motiv wurde gerne verschenkt, um damit dem Träger ein langes Leben zu wünschen. Oder ein alltägliches Gatter beschwört das ganze damals zum kulturellen Bestand gehörende „Gedicht von der Heimkehr“ des chinesischen Dichters Tao Yuanming (365 – 427) herauf. Für die Besucher ist es hilfreich, dass ein kleines Büchlein zur Ausstellung detailliert jedes einzelne Exponat erläutert.

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Die beglückende Ausstellung Männer machen Mode im Museum für Lackkunst Münster dauert noch bis 2. Februar 2020.

Ein reich bebilderter, 232 Seiten starker englischsprachiger Katalog, Japan in miniature, kostet an der Museumskasse 29.00 €.

Öffnungszeiten: Dienstags 12.00 – 20.00 Uhr, mittwochs bis sonntags, sowie an gesetzlichen Feiertagen 12.00 – 18.00 Uhr.

Eintrittspreis: 3,00 €, darin ist die Sonderausstellung enthalten. Dienstags freier Eintritt, der auch den Zutritt zur Sonderausstellung einschließt. Eine Führung durch die Sonderausstellung wird dienstags um 17.30 Uhr zum Preis von 5,00 € angeboten.

—| IOCO Kritik Museum für Lackkunst Münster |—

Münster, Theater Münster, MEDEA – TanzTheater – Thomas Noone, IOCO Kritik, 28.11.2019

November 28, 2019 by  
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Theater Münster

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Theater Münster © Rüdiger Wölk

MEDEA  –  Getanzter Schrecken

 Thomas Noone bleibt dem Thema Fremdheit treu

von Hanns Butterhof

Mehrfach hat sich das TanzTheater Münster mit der Fremdheit befasst und etwa in Unknown Territorries oder der Winterreise intensive Studien dazu gezeigt. Jetzt hat Tanztheater-Chef Hans Henning Paar sein Ensemble zum zweiten Mal Thomas Noone anvertraut. Der britische Choreograph hat mit seiner eigenen, in Barcelona beheimateten ThomasNooneCompany bereits 2014 eine Medea aufgeführt. In einer für Münster überarbeiteten Fassung greift er mit dem Tanzabend Medea einen europäischen Grund-Mythos der Fremdheit und missglückten Integration tänzerisch beeindruckend wieder auf.

Medea TanzTheater in Münster
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Die Bühne des Kleinen Hauses ist leer bis auf eine leicht gebogene Wand, die die Tanzfläche nach hinten abgrenzt. Ihre Beleuchtung, einmal warmes Rotgelb, dann grellkaltes Weiß (Bühne: Hubertus Reuters, Lichtdesign: Peter Lundin), unterstützt die emotionale Färbung der einzelnen Szenen. Wenn die Wand die Mauern der Stadt Theben bedeutet, dann findet die Handlung sinnigerweise vor ihr statt: Medea bleibt eine nie in der europäischen Stadt integrierte Fremde.

Das Stück beginnt nach Medeas Flucht aus ihrer „barbarischen“ Heimat Kolchis mit dem griechischen Abenteurer Jason. Ihm hatte sie aus Liebe geholfen, das ihr als Priesterin anvertraute Stammes-Heiligtum zu rauben, das Goldene Vlies. Es geht Noone mehr um Atmosphäre und Spannung aus den unaufgelösten Gegensätzen vor Theben als darum, die Handlung vollständig zu vertanzen.

Medea (Elizabeth Towles) tritt, wie alle in düsteres Blaugrau gekleidet (Kostüme: Marc Udina Duran), mit entschlossenem Schritt auf. Mit eckigen, exotischen Bewegungen und fliegenden Händen vergegenwärtigt sie sich ihre Situation; die wellenförmig wiederkehrende elektronische Musik Jim Pinchens erzählt von ihrer Erinnerung an die lange Fahrt auf dem Schiff und von Jasons verflossener Liebe.

 Theater Münster / Medea TanzTheater - hier : Elizabeth Towlles als Medea  kämpft um ihre Kinder © Oliver Berg

Theater Münster / Medea TanzTheater – hier : Elizabeth Towlles als Medea  kämpft um ihre Kinder © Oliver Berg

In krassem Gegensatz zu Medea zeigen der König von Theben, Kreon (Keelan Whitmore), und seine Tochter Glauke (Tarah Malaika Pfeiffer) geschmeidige Eleganz und fließende, kulturell gebändigte Bewegungen.Kreon will den weichen Jason (Leander Veizi) als Mann für Glauke. In einer Art Schattenboxen misst Kreon dessen Fähigkeit, seine königlichen Herrschergesten zu imitierten, für Jason eine erfolgreiche Initiation, einst König in Theben zu werden. Glauke gibt mit schwächelndem Einknicken ihr Einverständnis zum Plan der Männer. Vor den Augen des hilflosen, sich unisono bewegenden Chors der Korinther (Fátima López García, Kana Mabuchi, Matteo Mersi, Adrián Plá Cerdán, Charla Tuncdoruk) beginnt dann der verzweifelte, zu Herzen gehende Kampf Medeas um ihren Mann. Jason greift nicht mehr nach ihr, sie muss seine Hände mit letztlich vergeblicher Kraft selber an ihren Körper drücken. Ihr folgendes Ringen mit Jason um die beiden gemeinsamen, in unschuldiges Weiß gekleideten Kinder (Maria Bayarri Pérez und Raffaele Scicchitano) ist atemberaubend, ein Höhepunkt des Tanzabends. Die Glieder aller Vier verschlingen sich in großer Dynamik und Präzision. Als rotiere ein endloses Band mit nicht nachlassender Kraft, werden die Kinder zwischen den Eltern hin- und hergerissen.

Als Medea die Aussichtslosigkeit ihrer Hoffnungen erkennt, tötet sie in getanztem Schrecken alle außer Jason. Hier hätte durchaus deutlicher werden können, dass seine Strafe ist, den Tod der Kinder zu überleben, die er Medea hatte entziehen wollen.
Medea ist ein eindringlicher Beitrag zum Thema Fremdheit und eine tänzerisch beeindruckende Leistung des Ensembles zur anspruchsvollen, viel Dynamik und Athletik fordernden Choreographie von Thomas Noone.

Medea – TanzTheater am Theater Münster; die nächsten Termine: 5., 13., 20.12.2019, jeweils um 19.30 Uhr, am 25.12. um 18.00 Uhr

 

—| Pressemeldung Theater Münster |—

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