Hamburg, Elbphilharmonie, Wiener Symphoniker – Philippe Jordan, IOCO Kritik, 29.11.218

November 30, 2018 by  
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Elbphilharmonie Hamburg

 Elbphilharmonie Hamburg / Prominente Kulturstätte © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Prominente Kulturstätte © Ralph Lehmann

Wiener Symphoniker – Brahms Violinkonzert – Dvoraks 9. Sinfonie

– Wiener Klangrausch mit Philippe Jordan –

Von Michael Stange

Mit dem Debut der Wiener Symphoniker in der Elbphilharmonie unter ihrem scheidenden Chef Philippe Jordan und dem Violinvirtuosen Nikolaj Szeps-Znaider hat ProArte zum Jahresausklang eines der hochkarätigsten europäischen Orchester nach Hamburg gebracht. Dies dürfte für Hamburg die letzte Gelegenheit gewesen sein, Philippe Jordan mit diesem den Wiener Symphonikern zu hören. Ab 2020 ist Jordan zum neuen Musikdirektor der Wiener Staatsoper bestellt; 2021 wird er von Andrés Orozco-Estrada als Chefdirigen der Wiener Symphoniker abgelöst.

Auf dem Programm standen Brahms Violinkonzert und Dvoraks 9. Sinfonie „Aus der Neuen Welt“. Durch das Programm führte der Intendant der Tonhalle Düsseldorf und der Düsseldorfer Symphoniker, Michael Becker.

Jordan und seinen Wiener Symphonikern gelang ein grandioser Konzertabend. Sie hörten einander zu, reagierten aufeinander und brachten gemeinsam die Musik zum Schweben. Beeindruckend das solistische Können und das leidenschaftliche Orchesterspiel. Die Partituren erklangen lebendig frisch. Es wurde emotional tief berührend, spannend und mitreissend musiziert. Die individuellen romantischen Klangfarben des Orchester paarten sich mit einer poetisch romantischen Spielweise, die ihresgleichen sucht.

Die Akustik der Elbphilharmonie brachte jedes Piano und Orchesterdetail zum Blühen und im Forte wurde unvergleichlicher Wirbel entfacht. Wesentlichen Anteil daran hatte der Violinist Nikolaj Szeps-Znaider. Er ist der bei den Wiener Symphonikern Artist in Residence und tritt bei seinen vierzehn „Wiener“ Terminen nicht nur als Violinist in Erscheinung, sondern leitet auch als Dirigent das Orchester.

Johannes Brahms © IOCO

Johannes Brahms © IOCO

Jordan begann die Orchester-einleitung, den 1. Satz von Johannes Brahms Konzert, mit schwebenden Ton; innig, differenziert und verhalten. Die Violinen setzten zart und pastellfarben ein. Virtuos antwortet Szeps-Znaider in schwebend verhaltenem, sich leicht steigerndem Solo auf die Orchesterintroduktion. Seine Farben und Schattierungen waren farblich und klanglich vollendet akzentuiert auf den Orchesterklang abgestimmt. Orchester und Violinist loteten das Violinkonzert poetisch, vergnüglich mit farbenprächtiger Vielfalt aus. Die schwärmerische eigene Melodie des Violinsolos im 2 Satz nahm Szeps-Znaider mit sirrender Klangfreude und schwebte über den Pizzicati des Orchesters.

Das Rondo der Violine des 3. Satzes hat Brahms hat wohl besonders eingedenk der ungarischen Herkunft des Violinisten der Uraufführung Joseph Joachim als derb-volkstümliches Violinthema mit aufjauchzenden Akzenten komponiert. Szeps-Znaider mit seiner gleichsam suchend, tastend meditativen Spielweise und seiner intuitiven Aufnahme der Klangfarben des Orchesters erreicht hier eine berückende, erdenferne Schönheit. Er zeigte erneut, dass er einer der großen heutigen Violinisten ist. Mit klarem, frischen, fein durchstrukturierten, virtuosen Spiel umgarnte er die Zuhörer. Furios meisterte er die dramatischen Momente. Ein ungemein emotional berührender und uneitler Interpret. Auch das Orchester erreichte erdenferne Töne und war im Klang beispielloser Durchsichtigkeit.

Zugabe war gemeinsam mit den Streichern des Orchesters eine Variation von Johann Sebastian Bach des schwedischen Komponisten Anders Hillborg. Auch sie innig, poetisch und leicht melancholisch vorgetragen.

Im zweiten Teil begannen Dirigent und Orchester Dvoraks 9 Sinfonie „Aus der neuen Welt“ mit einer sinnlich sirrenden Einleitung mit prächtigem Streicherklang. Leicht tastend mit steigendem Elan fielen die Bläser ein und das ganze Orchester entwickelten ein Spiel, das die böhmische Erde atmete und im Saal abbildete. Die an amerikanische Spirituals und indianische Naturverbundenheit erinnernden Klangfarben sprühten und blitzten in atemberaubenden Tempo. Im frischen und lebendigen Tanzsatz des 3. Satzes und im 4. Satz mit seiner positiven Grundstimmung trumpften die Wiener Symphoniker mit einer Lebendigkeit, Spielfreude und Klangschönheit auf, die ihresgleichen sucht.

Schon nach dem Brahms Violinkonzert war das Publikum verzaubert. Erstaunlich auch, wie das Orchester bei seinem Debut die Elbphilharmonie nutze, um seine Trümpfe im großen Saal auszuspielen.

Welch eine Klangpracht, was für ein Abend. Glückliches Wien, das so exzellente Musiker beherbergt. Dank den Künstlern und Pro Arte  verbunden mit der Hoffnung auf baldiges Wiederhören der Wiener Symphoniker in der Elbphilharmonie.

—| IOCO Kritik Elbphilharmonie Hamburg |—

Hamburg, Staatsoper Hamburg, Szenen aus Goethes Faust – Robert Schumann, IOCO Kritik, 28.10.2018

Oktober 30, 2018 by  
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Staatsoper Hamburg

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

 Szenen aus Goethes Faust  –  Robert Schumann

Regie Achim Freyer  – „Wanderer über dem Nebelmeer“

Von Patrik Klein

Dem Hamburger Publikum ist der Berliner Künstler Achim Freyer wohl bekannt u.a. durch eine Inszenierung der Zauberflöte 1982, die erst im vorletzten Jahr abgelöst wurde und einer Produktion des Parsifal im Herbst 2017. Am Sonntag den 28.10.2018 hatte seine Sichtweise zu Szenen aus Goethes Faust von Robert Schumann an der Staatsoper Hamburg Premiere.

Im Zentrum seiner Interpretation steht das Gemälde von Caspar David Friedrich Wanderer über dem Nebelmeer. Dieses Kunstwerk, in der Kunsthalle Hamburg beheimatet, steht mittig auf der Bühne, ohne den Kopf des Wanderers, lässt die Kernpersonen des Stückes wechselnd die Betrachtungsskala ausloten und die Perspektive wechseln. Es verleitet zudem den Betrachter die Schrecklichkeiten und Herausforderungen dieser Welt von einem distanzierten Standpunkt aus mit viel Fantasie zu bewerten. Einen Ausweg sieht Achim Freyer mit visionärer Kraft in mehr Menschlichkeit und einer allumfassenden, heiligen Liebe.

 Szenen aus Goethes Faust  –  Robert Schumann
Youtube Trailer der Staatsoper Hamburg
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Die Szenen aus Goethes Faust von Robert Schumann (8.6.1810 Zwickau – 29.7.1856 Endenich bei Bonn) sind ein umfangreiches, dreiteiliges Werk für Solostimmen, Chor und Orchester mit langwieriger Entstehungsgeschichte, das erst nach dem Tod des Komponisten vollständig zur Uraufführung kam.

Robert Schumanns Faust-Szenen markieren den Höhepunkt seines kompositorischen Schaffens, gelten aber wegen ihrer enormen Ansprüche an Chor, Orchester und Solistenbesetzung als fast unspielbar – und sind entsprechend selten auf der Bühne zu erleben. Eingeleitet durch eine musikalisch gestenreiche, „faustische“ Ouvertüre verknüpft Schumann hier Szenen aus beiden Teilen der Tragödie zu einem Werkganzen – ein Oeuvre zwischen Oratorium und Oper.

Die Szenen aus Goethes Faust von Robert Schumann haben eine langwierige Entstehungsgeschichte. Gedanklich spätestens seit 1837 mit dem Goetheschen Fauststoff beschäftigt, exzerpierte Schumann im Februar 1844 in Dorpat auf einer Konzertreise mit seiner Frau Clara ihm passend scheinende Teile aus dem zweiten Teil, dessen Schlussszene ihn besonders ansprach, und skizzierte erstes musikalisches Material. 1845 äußerte er brieflich gegenüber Felix Mendelssohn Bartholdy jedoch Unsicherheit, die Komposition zu vollenden und überhaupt je zu veröffentlichen.

Gemälde - Der Wanderer über dem Nebelmeer - Caspar David Friedrich

Gemälde – Der Wanderer über dem Nebelmeer – Caspar David Friedrich

Am 25. Juni 1848 erklang im Dresdener Coselpalais vor geladenen Gästen diese zuerst komponierte, spätere 3. Abteilung mit dem Orchester der Königlichen Hofkapelle und dem Chorgesangsverein unter Schumanns Leitung. Trotz erfolgreicher Aufnahme durch die Zuhörer war er mit dem Schlusschor unzufrieden. Anlässlich Goethes 100. Geburtstag kam die 3. Abteilung mit nunmehr umgearbeitetem Schlusschor am 29. August 1849 in drei parallel veranstalteten Konzerten erneut zur Aufführung: In Dresden unter Leitung Schumanns, in Leipzig mit dem Dirigenten Julius Rietz und in Weimar durch Franz Liszt.

Schumann hatte unterdessen Mitte Juli 1849 mit der Komposition weiterer Szenen der späteren 1. und 2. Abteilung begonnen, noch ohne klare Vorstellungen über den endgültigen Gesamtplan zu haben. Franz Liszt empfahl ihm im September 1849, dem Werk eine Ouvertüre voranzustellen. Schumann arbeitete aber zunächst an den Vokalteilen weiter, so im Frühjahr 1850 noch in Dresden, um dann in Düsseldorf, wohin er mittlerweile übersiedelt war, gemeinsam mit seiner Frau einen Klavierauszug zu erstellen. Im August 1853 erfolgte schließlich auch die Komposition der Ouvertüre, die er seiner Frau zum Geburtstag am 13. September 1853 überreichte.

Wegen Schumanns Rücktritt als Musikdirektor in Düsseldorf Ende 1853 und dem wenige Monate später folgenden Zusammenbruch, der zur Einweisung in die Nervenheilanstalt Endenich führte, kam es zu Schumanns Lebzeiten nicht mehr zu einer Komplettaufführung. Diese erfolgte einschließlich Ouvertüre am 14. Januar 1862 im Kölner Gürzenich-Saal unter dem Dirigat von Ferdinand Hiller. Bereits zuvor gab es allerdings eine Privataufführung im Haus der Sängerin Livia Frege in Leipzig am 30. Januar 1859 mit Johannes Brahms am Klavier.

Schumanns Szenen aus Goethes Faust führten im Konzertbetrieb lange ein Schattendasein, bevor ab den 1970er-Jahren mehrere Einspielungen erfolgten, so unter Benjamin Britten, Pierre Boulez, Bernhard Klee, Claudio Abbado und Philippe Herreweghe. Im Dezember 2017 wurde die für viele Jahre wegen Renovierung geschlossene Berliner Staatsoper Unter den Linden mit diesem Werk wiedereröffnet. Jürgen Flimm führte hier Regie.

Staatsoper Hamburg / Szenen aus Goethes Faust - hier : Faust mit Maske und Wanderstock, Christian Gerhaher als Faust © Monika Rittershaus

Staatsoper Hamburg / Szenen aus Goethes Faust – hier : Faust mit Maske und Wanderstock, Christian Gerhaher als Faust © Monika Rittershaus

 Der Orchestergraben ist überbaut, die Solisten, das Orchester und die Chöre stehen hinter einem Gazevorhang bis tief in die Hinterbühne. Die zuletzt fertiggestellte Ouvertüre Schumanns verzichtet auf eine enge thematische Anbindung an die folgenden Vokalteile des Stückes, welches neben dieser in drei Abteilungen mit insgesamt 13 Musiknummern unterteilt ist. Ganz sanft fließt die Musik und der Betrachter kann in Ruhe das Treiben auf der ovalen Vorbühne anschauen. Caspar David Friedrichs Kunstwerk Der Wanderer im Nebelmeer wird zum zentralen Ausstattungselement. Das Bild ohne Kopf steht mittig auf der Bühne und verdeckt den dahinter positionierten Dirigenten. Vor dem Gazevorhang sind große Rechtecke über der Bühne positioniert, die in wechselnden grellen Farben wie im Himmel schwebend beleuchtet werden. Dunkle, gesichtslose Gestalten bewegen sich in Zeitlupe und wie bei einer „Robert Wilson Inszenierung“ von einer Bühnenseite zur anderen, trinken Kaffee, kleben Streifen auf den Boden oder tragen eine kopflose Schaufensterpuppe herein. Faust erscheint mit riesiger, grotesk wirkender Maske zwischen Tod und Fratze. Mit  Wanderstock schlurft er scheinbar gebrechlich über die Bühne und legt seine Maske ab. Dann kann er plötzlich normal gehen, erscheint freudig mit blauer Blume in der Hand, als seine Maske von den dunklen Gestalten weggetragen wird. Hereingebracht werden weitere Gegenstände wie ein Modell einer Kirche, ein Kreisel, ein weißer Zylinderhut und ein Akkordeon. Faust steigt hinter das Bild des Wanderers  und nimmt damit den Gesichtskreis dieses Kunstwerkes ein. Mittlerweile ist das Vorspiel bewegter und farbiger geworden. Die Wette scheint musikalisch zum Greifen nah. Kent Nagano dirigiert das Philharmonische Staatsorchester Hamburg an diesem Abend mit sicherer Hand und großem Engagement. Es gelingt ihm vorzüglich, eine spannungsgeladene musikalische Ausgewogenheit zwischen Orchester, den vielen Solisten und den beiden Chören herbeizuführen.

Staatsoper Hamburg / Szenen aus Goethes Faust - hier : Christian Gerhaher, Chor und Orchester der Staatsoper © Foto Monika Rittershaus

Staatsoper Hamburg / Szenen aus Goethes Faust – hier : Christian Gerhaher, Chor und Orchester der Staatsoper © Foto Monika Rittershaus

 Die 1. Abteilung ist ganz der Gestalt Gretchens gewidmet, beginnend mit der Szene im Garten als Walzer-artiges Duett, bis Mephistopheles und Marthe dazwischentreten. Gretchen steht an der Rampe mit Blumenkrone im Haar und rosafarbener Handtasche.  „Du kanntest mich, o kleiner Engel“. Faust dreht sich zu Gretchen. Das Mädchen zupft Blütenblätter einer Sternblume ab, um zu erfahren, ob Faust sie wirklich liebt. Mephistopheles erscheint hinter dem Gazevorhang rot angestrahlt mit Blick ins Publikum. Eine Wippe mit zwei Zwergen mit Zipfelmützen wird hereingebracht. Portraits der singenden Figuren sind auf den Gazevorhang projiziert. Faust ist von Gretchens Anmut entzückt, nimmt sie bei der Hand und führt sie zu den höchsten Wonnen der Liebe. Christina Gansch, die in Hamburg bereits viele Rollen verkörpert hat, singt das Gretchen mit feiner Diktion und großer Hingabe. Ihr klarer und leicht dunkel gefärbter Sopran strahlt mit viel Präzision und berührendem Glanz.

Der den Mephistopheles darstellende Bass Franz-Josef Selig ist erst vor einigen Tagen für den erkrankten Liang Li eingesprungen und hat bei den Endproben sofort Fahrt aufgenommen. Mit seinem abgrundtiefen Bass liefert er mit gewohnter bravoröser Stimmführung und nuancenreicher Artikulation einen Teufel, der einem Angst und Bange werden lässt.

Der folgende Teil, Gretchens Gebet vor der Mater dolorosa (schmerzensreiche Mutter), gipfelt im dramatischen Ausbruch auf die Worte „Hilf, rette mich vor Schmach und Tod“. „Ach neige, du Schmerzenreiche“ . Ein riesiger Strahlenkranz leuchtet über der kompletten Bühne. Statt Faust stehen mittlerweile beleuchtete Teufelshörner auf Wanderers Schopfe. Gegenstände werden in Zeitlupe bewegt. Gretchens Portrait wird hundertfach auf den Gazevorhang projiziert. In tiefster Verzweiflung betet Gretchen zur Mutter Gottes und bittet  sie um Vergebung. Sie ist entehrt, der Morgen bringt Schande.

Blutrote Farben auf der Bühne mit giftgrün angestrahltem Mephistopheles läuten die Szene im Dom ein. Der Wanderer ist wieder kopflos. „Wie anders, Gretchen, war dir’s“ . Gretchen steht allein in der Kathedrale unter der Menge, vom bösen Geist umlauert. Mutter und Bruder sind tot, das ungeborene Kind bewegt sich. Faust verzweifelt auf der Bühne. Während das Volk „Dies irae“ singt, schreit die Seelenpein aus dem verzweifelten Mädchen, das der Böse an ihre Sünden erinnert. Gretchen stürzt ohnmächtig zu Boden. Die Musik besitzt hier besonders dramatisch-theatralischen Charakter, unterstrichen durch den das „Dies irae“ intonierenden bestens disponierten Chor der Staatsoper Hamburg (Einstudierung Eberhard Friedrich) und den Ausklang im vollem, orgelartigen Orchestersatz.

Staatsoper Hamburg / Szenen aus Goethes Faust - hier : Norbert Ernst, Chor der Hamburgischen Staatsoper © Monika Rittershaus

Staatsoper Hamburg / Szenen aus Goethes Faust – hier : Norbert Ernst, Chor der Hamburgischen Staatsoper © Monika Rittershaus

 Christian Gerhaher ist eine Klasse für sich an diesem Abend. Alle Facetten seiner Kunst, alle Verläufe, Verzahnungen, Phrasierungen und klugen Pianos sind tatsächlich hör- und fühlbar. Seine besonders ausgeprägte Kunst in den oberen Bereichen seines Stimmumfanges gerät samtig und cremig, wohltuend und berührend. Mit feinster Stimmführung, meisterlicher Textverständlichkeit bis auf die kleinste Silbe und berührenden Crescendos gestaltet er die anspruchsvolle Partie des Faust.  Man genießt förmlich die glückliche Verbindung von stimmlich eingesetztem Handwerk und dessen Wirkung.

Die 2. Abteilung rückt die Gestalt Fausts ins Zentrum. Ariel erscheint im Sonnenaufgang. Ariel alias Norbert Ernst steht direkt hinter dem Gazevorhang mit einem regenbogenfarbenen Fächer, die Bühne ist weitgehend in die Farbe Grün getaucht. Der Wanderer erscheint kopflos und Faust tanzt verklärt mit der Schaufensterpuppe. Ein blaues Cello wird hereingetragen, Sterne glitzern und ein regenbogenfarbener Schirm erscheint. Norbert Ernst ist als Interpret, insbesondere von Opernpartien Richard Wagners und Richard Strauss, weltweit gefragt. Der gebürtige Wiener singt die Partie des Ariel mit prägnanter heldischer Stimme, seine engelsgleiche Handlungsweise stets unterstreichend.

Faust liegt im Halbschlaf auf einer Blumenwiese, Gretchen hat er zum letzten Mal vor einiger Zeit im Gefängnis gesehen. Ariel bittet die Elfen, Fausts schwere Träume von ihm zu nehmen und ein gutes Gewissen zurückzugeben. Es wird Morgen, Elfen und Ariel verschwinden. Faust erwacht als Betrachter hinter der Fassade des Wanderers. Alle Gegenstände werden angehoben und der komplette Gazevorhang erleuchtet in Regenbogenfarben.

Der heiter-lebensbejahende Anfang der nächsten Szene schlägt in der folgenden Mitternacht in düstere Klänge um. Ein Metronom tickt unaufhörlich. Unheimlich ziehen dunkle Wolken auf. „Ich heiße der Mangel“.  Mangel, Schuld und Not sind hinter dem Gazevorhang positioniert während Sorge (Narea Son) als schwarzer Engel mit Totenmaske im Dialog mit Faust auf der Vorderbühne singt. Die im Ensemble der Staatsoper Hamburg singende Südkoreanerin ist beim Publikum besonders beliebt mit Rollen wie u.a. Pamina und Papagena. Als Sorge wird sie mit ihrem fein geführten klaren Sopran den Anforderungen dieser Partie mühelos gerecht.

Faust versucht, der Zauberwelt zu entkommen, ihm wird klar, dass der Mensch nicht nach mystischen Höhen streben soll. Das Bildnis des Wanderers wird dutzendfach auf den Gazevorhang geworfen. Die Sorge lässt sich nicht abschütteln. Höhnisch lässt sie Faust erblinden, in dem er sich eine Augenbinde aufsetzt und mit seinem Wanderstab, der zum Blindenstab mutiert, wild winkt. Aber in seinem Innern erstrahlt das helle Licht der Erkenntnis.

Fausts Tod wird von der Trompete und düsteren Posaunenakkorden eingeleitet, bevor, herbeigerufen von Mephistopheles, die das Grab aushebenden Lemuren einen kindlich-geisterhaften Gesang anstimmen. „Herbei, herein, ihr schlotternden Lemuren“  Ein Kreuz, Dreieck, Spaten, Seil und das tickende Metronom liegen auf der Bühne. Der Chor und der Kinderchor der Hamburger Alsterspatzen  musizieren  wunderbar harmonisch. Fausts Maske wird wieder hereingebracht. „Verweile doch, du bist so schön„. Faust zuckt und stirbt. Das Metronom bleibt stehen. Der Tod steigt auf die Position des Wanderers, der Teufel bleibt alleine zurück und triumphiert. „Es ist vollbracht„.

Staatsoper Hamburg / Szenen aus Goethes Faust - hier : Franz-Joself Selig und Orchester der Staatsoper © Monika Rittershaus

Staatsoper Hamburg / Szenen aus Goethes Faust – hier : Franz-Joself Selig und Orchester der Staatsoper © Monika Rittershaus

Die 3. Abteilung und damit Fausts Verklärung ist der Teil, der mit seinem durch Goethes Dichtung vorgegebenen symbolisch-allegorischen Gehalt auch den Ausgangspunkt von Schumanns Komposition bildete. Dunkel gekleidete Bühnenarbeiter montieren in Zeitlupe an der Aufhängung des Kunstwerkes von Caspar David Friedrich.  Das Bild des Wanderers ist nun deutlich überhöht und erscheint schwarz. Die Menschen gehen mit der Teufelsmaske von der Bühne ab. „Waldung, sie schwankt heran“ beginnt der großartig aufgelegte Chor der Staatsoper Hamburg. Faust liegt währenddessen mit kleiner Totenmaske fast unsichtbar regungslos auf dem Bühnenboden.

„Ewiger Wonnebrand, glühendes Liebesband“  singt Pater Ecstaticus (Norbert Ernst) während dem geometrische Figuren auf dem Gazevorhang projiziert sind. Zwischen ihm und dem nebenstehenden Pater Profundus blinkt ein kleines Herz. Die Symbole auf der Vorderbühne bewegen sich.

Pater Ecstaticus, Pater Profundus, Pater Seraphicus und Engelsgruppen lobpreisen den heiligen Ort. Auf der Hinterbühne erscheint in Blau ein riesiger Kopf des Teufels.  Eine zeigerlose Uhr, ein großer weißer Winkel, Lineal und Geodreieck wandert über die Bühne. Faust ist erlöst worden, denn wer strebend sich bemüht, kann frei werden. Er singt liegend auf der Bühne, sein riesiger Kopf ist falsch herum auf dem Gazevorhang abgebildet.

Beim „Gerettet ist das edle Glied“ stehen die vier weiblichen Engel (Katia Pieweck, Renate Springler, Narea Son und Christina Gansch) direkt hinter dem Gazevorhang, rechts von ihnen wie abgespalten die beiden männlichen beflügelten Engel (Norbert Ernst und der aus dem Ensemble der Staatsoper Hamburg kommende weißrussische Bass Alexander Roslavets, der seine recht kurze Rolle mit prägnanter Stimme unterstreicht). Faust hat sich mittlerweile den schwarzen Mantel abgestreift und den darunter befindlichen weißen Frack zum Vorschein gebracht. Die Augenbinde ist einer weißen Büßermaske gewichen. Der Wanderer im Zentrum erstrahlt nun in grellem Weiß. Auch hier erklingen die beiden Chöre, der Chor der Staatsoper Hamburg und die Mädchen und Knaben der Hamburger Alsterspatzen fein abgestimmt, textverständlich und ausdrucksstark.

Staatsoper Hamburg / Szenen aus Goethes Faust - hier : Solisten und Ensemble © Monika Rittershaus

Staatsoper Hamburg / Szenen aus Goethes Faust – hier : Solisten und Ensemble © Monika Rittershaus

Christian Gerhaher alias Doctor Marianus singt „Hier ist die Aussicht frei “ mit berührender Stimme. Sein weißer Blindenstock stützt ihn auf seiner angenommenen Position hinter dem Kunstgemälde. Vier geometrische Körper liegen illuminiert auf der Spielbühne, die bis auf eine unbeleuchtete Person mit übergroßem Zylinderhut leergeräumt ist. Beim „Dir, der Unberührbaren „bleibt die Szene bestehen. Es entstehen Kreise auf dem Gazevorhang. Das Bild des Wanderers wird in verschiedenen Farben angestrahlt bis hin zu Regenbogenfarben auf alle vorhandenen Elemente.

Der Zuschauerraum erhellt sich. Nebelartige Verklärung setzt ein. Gretchen steht dem vom Bild des Wanderers herabblickenden Faust gegenüber. Im Bühnenhintergrund entstehen konzentrische Kreise, die sich in Strahlen mit Faust im Zentrum verwandeln. Beim abschließenden „Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis“ fallen dem Chor der Staatsoper Hamburg die wichtigsten Aufgaben zu. Der orchesterbegleitete achtstimmige Doppelchor mit allen Solostimmen bestreitet den archaisierenden, motettenartigen Schluss, bei dem Gretchen nunmehr die Position des Wanderers einnimmt mit dem Blumenkranz im Haar. Sie ist in höhere Sphären entrückt. Faust, der neue Kräfte in sich spürt, wird ihr folgen. „Das Ewig Weibliche“  zieht ihn an.

Staatsoper Hamburg / Szenen aus Goethes Faust - hier : Ensemble und Solisten zum Schlussapplaus © Patrik Klein

Staatsoper Hamburg / Szenen aus Goethes Faust – hier : Ensemble und Solisten zum Schlussapplaus © Patrik Klein

Das Publikum verfolgt die Premiere an der Staatsoper Hamburg mit großer Aufmerksamkeit und dankt allen Beteiligten mit freundlichem Beifall. Mit großem Jubel werden besonders der Mephistopheles des Franz-Josef Selig und der Faust Christian Gerhahers bedacht. Auch Regisseur Achim Freyer und sein Regieteam werden mit großem Applaus bedacht.

Szenen aus Goethes Faust an der Staatsoper Hamburg: Weitere Vorstellungen: 31.10., 3.11., 6.11., 9.11., 14.11. und 17.11.2018

Besetzung der Premiere an der Staatsoper Hamburg 28.10.18

FAUST (Bariton)                                Christian Gerhaher
GRETCHEN (Sopran)                       Christina Gansch
MEPHISTO (Bass)                            Franz-Josef Selig
ARIEL (Tenor)                                     Norbert Ernst
MARTHE, SORGE (Sopran)             Narea Son
NOT (Alt)                                            Christina Gansch
MANGEL (Sopran)                              Katia Pieweck
SCHULD (Alt)                                      Renate Springler
PATER ECSTATICUS (Tenor)             Norbert Ernst
PATER PROFUNDUS (Bass)             Franz-Josef Selig
PATER SERAPHICUS (Bariton)         Christian Gerhaher
Dr. MARIANUS (Bariton)                     Christian Gerhaher
MAGNA PECCATRIX (Alt)                   Narea Son
MULIER SAMARITANA (Sopran)         Katia Pieweck
MARIA AEGYPTIACA (Alt)                   Renate Springler
MATER GLORIOSA (Sopran)             Renate Springler
ENGEL (Sopran, Alt, Tenor, Bass)      Alexander Roslavets, Norbert Ernst

Inszenierung, Bühne, Kostüm- und Lichtkonzept: Achim Freyer
Kostüme: Amanda Freyer
Dramaturgie: Klaus-Peter Kehr
Chor: Eberhard Friedrich
Video: Jakob Klaffs/Hugo Reis
Licht: Sebastian Alphons
Mitarbeit Regie: Eike Mann
Mitarbeit Bühnenbild: Moritz Nitsche
Mitarbeit Kostüme: Petra Weikert

Chor, Alsterspatzen Hamburg und Orchester der Staatsoper Hamburg

Musikalische Leitung: Kent Nagano

—| IOCO Kritik Staatsoper Hamburg |—

Hamburg, Altonaer Theater, Walter Kempowski – Eine Familienchronik, IOCO Kritik, 23.10.2018

Oktober 24, 2018 by  
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Altonaer Theater © Thomas Huang

Altonaer Theater © Thomas Huang

Aaltonaer Theater

Walter Kempowski –  Eine Familienchronik

– Aus großer Zeit  /  Tadellöser und Wolff –

Von  Rolf Brunckhorst

Mit einem ehrgeizigen Projekt erweckte das Altonaer Theater großes Interesse bei seinen Abonnenten ebenso wie den gelegentlichen Besuchern des Theaters. Besagtes Projekt ist nichts weniger als der Versuch, Walter Kempowskis Familienchronik,  in der er schildert, wie seine Familie die Zeit des 1. Weltkrieges, der Weimarer Republik, des Nationalsozialismus und des 2. Weltkrieges, und schließlich die Gründungsjahre der Deutschen Demokratischen Republik übersteht, auf die Bühne des Altonaer Theater zu bringen

Kempowskis Familie ist zugleich Repräsentant des deutschen Bürgertums, besonders natürlich der Rostocker Gesellschaft. In allen bedrohlichen Situationen gilt für die Familie Kempowski die Reaktion „Augen zu und durch“. So versuchen die Kempowskis, ihre Familienidylle von Wohnung zu Wohnung, von Fliegerbombe zu Fliegerbombe, und stetigen Problemen mit den Behörden, als Scheinwelt für sich aufrecht zu erhalten. Das Altonaer Theater hat im Herbst 2018 die ersten beiden Teile des Projekts auf die Bühne gebracht, die Teile 3 und 4 folgen im Frühjahr 2019. Dabei hält sich Axel Schneider, der das Stück für die Bühne eingerichtet und auch die Regie geführt hat, so präzise wie möglich an die Romanvorlage.

Altonaer Theater / Aus großer Zeit, Theaterstück nach Walter Kempowskis Roman © G2 Baraniak

Altonaer Theater / Aus großer Zeit, Theaterstück nach Walter Kempowskis Roman © G2 Baraniak

Die Romanvorlage eignet sich mit ihren kurzen inhaltlichen Abrissen perfekt für eine Bühnenversion. So reiht sich auch hier Szenenwechsel an Szenenwechsel, und zwei Minuten nach der Picnic-Szene in der Rostocker Heide befindet sich der Zuschauer im Haus der Familie. Dafür, daß der Abend nicht in allzu viele Einzelteile zerbricht, sorgt die Rolle des Walter Kempowski, der neben seiner Spielrolle auch den Kommentator der Chronik zu sprechen hat. Das bedeutet für den Darsteller eine fast ununterbrochene Bühnenpräsenz. Johan Richter macht das alles ganz ausgezeichnet. Schon rein optisch wirkt er ideal, man weiß auf den ersten Blick, wen man vor sich hat, denn er ähnelt einerseits verblüffend dem originalen Walter Kempowski und kommt wunderbar nahe an die Hauptfigur der Fernsehverfilmung heran – eine ganz gelungene Mischung. Sprachlich ist er überragend, der Zuschauer versteht jedes Wort sowohl in den Chronikauszügen als auch in den komplizierten Ensembleszenen. Laute Bravorufe ließen erahnen, daß Johan Richter sich in dieser Rolle als Publikumsliebling etablieren wird. Ab dem zweiten Abend tritt mit der zweiten Kempowski-Generation auch der sprachliche Kunstgriff Walter Kempowskis in den Vordergrund, seine Hauptpersonen in einem äußerst vergnüglichen Sprach-Mix agieren zu lassen. Anne Schieber als Grete Kempowski hat die bekanntesten und beliebtesten dieser zu Redewendungen gewordenen Redensarten in ihren Sprachgebrauch übernommen. Egal ob gejubelt wird („Kinder wie isses denn nun schön“), oder Verletztheit und Verwunderung („Kinder wie kann es denn nun bloß angehen“), Anne Schieber bringt das differenziert über die Runden und erzielt beim Publikum, das natürlich auf diese sprachlichen Schmankerln gelauert hat, regelmäßige Lacher. Da man keine Grete Kempowski auf dieser Welt mit Edda Seippel (aus der TV-Produktion) vergleichen kann, tut der Rezensent dieses hier natürlich auch nicht.

Altonaer Theater / Aus großer Zeit - Theaterstück nach Walter Kempowskis Roman © G2 Baraniak

Altonaer Theater / Aus großer Zeit – Theaterstück nach Walter Kempowskis Roman © G2 Baraniak

Anne Schieber stehen, wenn sich die Bühnenfassung auch im 3. und 4. Teil eng an das Original hält, noch die heikelsten Szenen bevor, nämlich der Aufenthalt im Frauengefängnis, und das leicht pathetische Finale, nämlich die Abrechnung mit den beiden Söhnen. An ihrer Seite war es Dirk Hoener als Karl Kempowski vorbehalten, die „Gutmannsdörfer“ und ähnliche Formulierungsschoten auf die Bühne zu bringen. Klagend und fragend durchzieht er gleichsam einem roten Faden die Rolle mit dem Zustand seiner Gesichtshaut. Sehr viel ist in der Bühnenversion von den in hohem Tempo abzulaufenden Dialogen zwischen Walter und Robert abhängig; auch Philip Spreen agiert hier ebenso vorbildlich wie sein Bühnenbruder, auch seinem Maskenbildner sei ein besonderes Lob ausgesprochen. Tochter Ulla hat ihren Weg aus dem politischen Dilemma ihrer Heimat gefunden, sie heiratet den Dänen Sörensen.

Altonaer Theater / Tadellöser und Wolff - nach Walter Kempowskis Familienchronik © G2 Baraniak

Altonaer Theater / Tadellöser und Wolff – nach Walter Kempowskis Familienchronik © G2 Baraniak

Ullas Rolle wird im 3. und 4. Teil vor allem daraus bestehen, Versorgungspakete an den Rest der Familie zu verschicken. Nadja Wünsche wertet diese von der Anlage her etwas blasse Rolle durch ihr engagiertes Spiel deutlich auf und profiliert sich auch bei ihren Gesangseinlagen. Tobias Dürr hatte nicht nur Ullas dänischen Ehemann Sörensen darzustellen, sondern hatte ebenso wie Detlef Heydorn (Opa Kempowski u.a.), Katrin Gehrken (u.a. Klavierlehrerin Frl. Schnabel), und Ute Geske (ganz köstlich als Ute, Elke u.a.) zahlreiche kleinere Rollen übernommen. Zum Gelingen der beiden Abende trugen auch das spartanische, aber mit sinnvollen  Symbolen arbeitende Bühnenbild (Ulrike Engelbrecht) sowie die zeitgemäßen Kostüme (Volker Deutschmann, Sabine von Allwörden) bei.

Allen Beteiligten dieser Produktion sei für diese beiden vorbildlichen Theaterabende gedankt, die schon Freude aufs Wiedersehen in den Teilen 3 und 4 im April 2019 aufkommen lassen.

 

—| IOCO Kritik Altonaer Theater |—

Brenda Roberts – Diskographie – Teil 1, 15.10.2018

Oktober 16, 2018 by  
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CD Brenda Roberts in Frao ohne Schatten Brenda Roberts in Elektra 1975 HH © Sebastian Sierke

CD Brenda Roberts in Frau ohne Schatten Brenda Roberts in Elektra 1975 HH © Sebastian Sierke

BRENDA  ROBERTS  –  DISKOGRAPHIE  – Teil 1

 Von Rolf Brunckhorst

Am 11. Januar 2019 ist es soweit: BRENDA ROBERTS präsentiert ihren Soloabend mit Werken von Poulenc, Wagner und Richard Strauss in der Kleinen Laeiszhalle in Hamburg.

Wer sich ein bisschen auf diesen Abend vorbereiten will, kann sich anhand einer kleinen Diskographie, die in mehreren Teilen erscheinen wird, über das Wirken von Brenda Roberts informieren.

Beginnen wir mit drei absoluten „must have recordings“ von Brenda Roberts:  Da ist natürlich zuerst ihr Bayreuther Debüt im Jahre 1974 als SIEGFRIED“ – Brünnhilde zu nennen. Man höre sich die letzte halbe Stunde mit dem Duett Siegfried-Brünnhilde an. Nach einem „Heil dir Sonne“, strahlend und ohne jeden Wackler gesungen, zieht Brenda Roberts sich in die Rolle eines scheuen keuschen Mädchens zurück und findet wunderbar innige Töne z.B. in „Ewig war ich“. Dann zeigt Brenda Roberts, dass sie auch für die Schlusspassagen über hochdramatischen Schneid verfügt, und krönt die Szene mit einem sicheren hohen C. Diese Aufnahme zeigt auch sonst „Bayreuth at its best“: Jean Cox ist als Siegfried schon lange geradezu eine Legende, Donald McIntyre beherrscht den Wotan in allen Facetten, Heinz Zednik war ein einzigartiger Mime, Franz Mazura als Alberich ein exzellenter Charakterbass, Marga Höffgen war eine pastose Erda, Heinz Feldhoff ein röhrender Fafner, und als Waldvogel grüßt Yoko Kawahara ihre Hamburger Fangeminde. Dazu das Bayreuther Festspielorchester unter Horst Stein, das Ganze in brillanter Qualität – was will man mehr !

Bayreuther Festspiele 1974 / Siegfried © OperaDepot

Bayreuther Festspiele 1974 / Siegfried © OperaDepot

 Wie auch die SIEGFRIED-Aufnahme, galt auch die Hamburger ELEKTRA jahrzehntelang als verschollen. Gottseidank ist sie wieder in den Umlauf gekommen, und man kann hören, warum so lange nach dieser Aufnahme gefahndet worden ist. Brenda Roberts‘ Gestaltung der Titelpartie ist einzigartig, große Teile der Partie werden von ihr ganz lyrisch gesungen, besonders ergreifend gestaltet sie die Totenklage und dasn Wiedersehen mit Orest. Besonders in der letzteren Szene gibt es Passagen, die zum niederknien schön klingen. Dass Brenda Roberts aber auch einer Martha Mödl (Klytämnestra) Paroli bieten kann, und in dem Finale zu einer wahrlich hochdramatischen Elektra wird, ist ein beeindruckender Beweis für diese singuläre Gestaltung der Titelpartie. Ihr gegenüber steht Martha Mödl als unglaublich differenziert singende und dramatisch unfassbar präsente Klytämnestra. Ebenso einzigartig auf ihre Art gestaltete Arlene Saunders eine etwas naive, mädchenhafte und schließlich emphatisch-freudig agierende Chrysothemis. Die Aufnahme erklärt, warum die Saunders fast zwei Jahrzehnte lang Hamburgs Publikumsliebling im jugendlich-dramatischen Fach gewesen ist. Die Hauptrollen runden der prächtig klingende Tom Krause als Orest und der herrlich hysterische Richard Cassilly als Aegisth ab. Die weiteren Rollen zeugen von dem hohen Standard des Hamburger Ensembles der Ära Horst Stein, der mit dem Hamburger Orchester auch diese Vorstellung mit der nötigen Balance zwischen lyrischem Empfinden und brachialer Wucht gestaltet.

Brenda Roberts in Elektra 1975 HH © OperaDepot

Brenda Roberts in Elektra 1975 HH © OperaDepot

 Schließlich gilt es noch, das New Yorker MET-Debüt von Brenda Roberts als Färbersfrau in der „Frau ohne Schatten“ zu würdigen. Wie in den beiden bisher besprochenen Mitschnitten fällt auch hier auf, wie hell und jugendlich die Stimme der Roberts klingt. Aber zur Gestaltung der Färbersfrau gibt es auch scharfe, schnippische, und sogar keifende Töne, wenn es gilt, die Färbersfrau der ersten beiden Akte zu charakterisieren. Wie schön und strahlend sie aber ihre Stimme einsetzen kann, zeigt sie im Duett des 3. Aktes mit Barak, dem Höhepunkt dieser Aufführung. Kein Wunder, dass das MET-Publikum und die Kritiker begeistert waren. Ihr zur Seite gestaltete Eva Marton eine kühle Kaiserin mit faszinierenden Spitzentönen und nimmer versiegendem dramatischen Fluss. Dazu gesellte sich Gwynn Cornell als Amme, die in dieser Partie ungewohnt hellstimmig wirkte. Franz-Ferdinand Nentwig als Barak führte seinen kernigem Bass-Bariton mit leichten Schwierigkeiten in der Höhe vor, während Gerd Brenneis als Kaiser die Partie zwar brav durchhält, aber etwas eindimensional bleibt. Das MET-Orchester unter Erich Leinsdorf spielt auf gewohnt hohem Standard, was auch für die vielen ungenannten kleinen Rollenträger gilt.

Teil 2 der Diskographie über Brenda Roberts folgt in Kürze.

—| IOCO CD-Rezension |—

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