Hamburg, Laeiszhalle, Quatuor Ébène – Ludwig van Beethoven, IOCO Kritik, 13.10.2020

Oktober 12, 2020 by  
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Hamburg Laeiszhalle / Telemann Festspiele © IOCO

Hamburg Laeiszhalle / Telemann Festspiele © IOCO

Laeiszhalle Hamburg

Quator Ebène  – Ludwig van Beethoven

Streichquartette:  D-Dur, op.18/3,  f-moll, op.95 „serioso“, e-moll, op.59/2

von Thomas Birkhahn

Ludwig van Beethoven näherte sich dem Streichquartett – dieser Königsdisziplin der Kammermusik – über Umwege. Sein Respekt vor den Leistungen der von ihm bewunderten Vorbilder Haydn und Mozart war so groß, dass er zunächst auf Streichtrios und ein Streichquintett „auswich“, bevor er sich – beauftragt von seinem Förderer Fürst Lobkowitz – im Alter von fast 30 Jahren an die Gattung heranwagte, und nach zwei Jahren intensiver Beschäftigung und teilweiser Umarbeitung sechs Quartette als sein Opus 18 veröffentlichte.

Das Quator Ebène gastierte nun am 10.10.2020 mit dem zweiten Konzert seines Beethoven-Zyklus in der Hamburger Laeiszhalle, der – verteilt auf sechs Abende – Ende November mit der „Großen Fuge“ enden wird.

Laeiszhalle Hamburg / Quatuor Ebene © Julien Mignot

Laeiszhalle Hamburg / Quatuor Ebene © Julien Mignot

Schon nach wenigen Takten wird deutlich, dass das Quator Ebène ein Ensemble auf Weltniveau ist. Das Zusammenspiel und die lupenreine Intonation der vier Musiker sind phänomenal! Alle vier haben dieselbe Klangidee, sie artikulieren wie ein Instrument. Jede musikalische Idee, jede emotionale Geste wird gemeinsam ausgeführt. Feinste Nuancierungen werden gemeinsam „durchlebt“. Dadurch ergibt sich zu jeder Zeit ein klares Bild dessen, was die Musiker durch die Musik vermitteln wollen.
Ob ihr Klangideal immer zur Musik Beethovens passt, ist eine andere Frage. Es ist ein schlanker, vibratoarmer Klang, den das Quator Ebène bevorzugt. Dadurch ergibt sich eine gute Durchhörbarkeit der einzelnen Stimmen. Die Klangfarbe hat auch etwas Metallisches an sich, man könnte sie an manchen Stellen auch als etwas unterkühlt oder fahl bezeichnen.

Dieses Klangideal wirkt am überzeugendsten im zentralen Werk des Abends, dem f-moll Quartett Opus 95, mit dem von Beethoven selber hinzugefügten Beinamen „serioso“. So wird das wütende Hauptthema von den Musikern geradezu herausgeschleudert. Die Musik changiert über weite Strecken zwischen einer tiefen, nach innen gekehrten Ernsthaftigkeit und einer für die Wiener Klassik bis dahin wohl nicht gekannten Aggression. Auch das eher lyrisch angelegte Seitenthema kann die Stimmung nicht aufhellen. Die fast brutale Kürze dieser Musik klingt beinahe wie eine Vorahnung auf Bela Bartok. Beethoven kümmert sich nicht um die Konventionen. Er lässt die Wiederholung der Exposition weg und die Durchführung hat bei ihm gerade mal 22 Takte. Es ist, als habe der Komponist hier mit zusammen gebissenen Zähnen komponiert. Die vier Musiker treffen den erstarrten Schmerz der Musik genau. Hier ist kein Wohlklang gefragt, hier herrscht keine Wärme, sondern eine grimmige Düsterkeit, die Beethoven gegenüber dem englischen Dirigenten George Smart zu der Bemerkung veranlasste, „the quartett is written for a small circle of conoisseurs and is never to be performed in public“ Seine Abkehr vom Publikum, die Beethovens Spätstil kennzeichnen wird, kündigt sich hier schon an. Diese Abkehr macht das Quator Ebène besonders im Allegretto deutlich, das man schon deutlich freundlicher gehört hat. An diesem Abend klingt der Satz erstarrt, wie unter einer Eisschicht. Die Musiker verzichten kompromisslos darauf, ihre Sicht auf das Werk zugunsten einer größeren Publikumsnähe aufzugeben.

Ludwig van Beethoven Wien © IOCO

Ludwig van Beethoven Wien © IOCO

Das erste Werk des Abends ist das D-Dur Quartett op. 18, Nr.3, Beethovens allererste Streichquartettkomposition. Das Quator Ebène betont hier weniger das Heitere und Verspielte dieser Musik als vielmehr die ernsten Zwischentöne, die unzweifelhaft vorhanden sind. Ob diese aber – wie an diesem Abend – das Werk dominieren sollten, ist zumindest fraglich. Für die vier Musiker steht eher das Verhaltene, Zögerliche dieser Musik im Vordergrund. Eine gelöste Stimmung will sich nicht recht einstellen. Es ist dann auch nur konsequent, dass für das Quator Ebène das wunderbare Adagio eher zurückhaltend und unnahbar gespielt wird. Das fügt sich zwar konsequent in ihr Klangideal ein, aber etwas mehr innigen Gesang mit wärmerer Tongebung hätte man sich schon gewünscht.
Der Konzertabend schließt mit Beethovens Quartett in e-moll, Op.59 Nr. 2. Es ist das mittlere der drei nach ihrem Widmungsträger genannten „Rasumovsky-Quartette“. Es ist eine unruhige, zerrissene Musik, die mal aggressiv, mal zögerlich daher kommt und dem Hörer durch häufige „Richtungswechsel“ einiges abverlangt. Die Musiker überzeugen hier durch die Darstellung der unterschiedlichen Emotionen auf engstem Raum. Die Dramatik, die Beethoven vor dem Hörer ausbreitet, wird von diesem Quartett packend inszeniert. Wunderbar filigran gelingt der Beginn des Allegrettos, das den Hörer verzweifelt nach der Eins im Takt suchen lässt. Die Musik ist zunächstvon einer tänzerischen Wehmütigkeit, ganz ohne die Heiterkeit eines Scherzos, das eigentlich an dieser Stelle des Werkes stehen sollte. Im weiteren Verlauf jedoch wird die Musik plötzlich volkstümlich derb. Beethoven tauscht kurz die Ballettschuhe gegen Holzschuhe ein und man hätte sich von den Musikern gewünscht, dass sie ihr phänomenal kontrolliertes Spiel einmal zugunsten einer rustikaleren Spielweise aufgeben.

Zentraler Satz dieses Werkes ist das Adagio, das Beethoven laut seinem Schüler Carl Czerny einfiel, „als er einst den gestirnten Himmel betrachtete und an die Harmonie der Sphären dachte“. Wenn man auch mit der Authentizität solcher Zitate vorsichtig sein muss, so scheinen Zeit und Raum in dieser Musik ins Große geweitet. Der weit ausholende Gesang bleibt an diesem Abend recht kühl und distanziert. Für die Musiker scheint auch von dieser Musik keine Wärme auszugehen. Sie halten ihr Klangideal konsequent durch. Das mag man – je nach persönlichem Geschmack – bewundern oder bedauern.

Das Quator Ebène beweist an diesem Abend, dass es zur Weltspitze der Streichquartette gehört – ob man nun immer stilistisch mit ihrem Spiel einverstanden ist oder nicht. Der begeisterte Applaus nach einem fast zweistündigen Konzert ohne Pause ist wohlverdient.

 —| IOCO Kritik Laeiszhalle Hamburg |—

Hamburg, Elbphilharmonie, Spielplan 2020/21: Currentzis, Järvi, Porgy and Bess …, IOCO Aktuell, 02.05.2020

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung der Elphi © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg

Elbphilharmonie – Laeiszhalle : SAISON 2020/21

– Rückkehr zum Ausnahmezustand des Glücks –

Den Komponisten György Kurtag und Thomas Ades sind 2020/21 Schwerpunkte gewidmet. Patricia Kopatchinskaja, Daniil Trifonov, Sir Antonio Pappano, Anoushka Shankar und Max Richter verleihen dem Programm mit Residenzen weiteres Profil. René Jacobs, Zubin Mehta und das Israel Philharmonic Orchestra debütieren. Die Elbphilharmonie, als verkapptem Opernhaus: »Israel in Egypt«, »Porgy and Bess« und mehr.

Corona-Krisenfest: Ticketbuchung durch  „Book Now, Pay Later“  System

Spitzenorchester aus aller Welt, mehrfache Wiederbegegnungen mit Publikumslieblingen von Teodor Currentzis über Patricia Kopatchinskaja bis Paavo Järvi, Komponisten von Weltrang als Residenzkünstler, viele Werke von lgor Strawinsky anlässlich seines 50. Todestags, ein neues Festival für die neueste Musik, dazu ein breit gefächertes Programm aller Spielarten der besten Musik aus allen Zeiten und ein opulentes Angebot der regionalen Musikschaffenden: Das Saisonprogramm 2020/21 von Elbphilharmonie & Laeiszhalle präsentiert sich gewohnt hochkarätig und abwechslungsreich. Generalintendant Christoph Lieben­Seutter gab via Videokonferenz einen Ausblick auf die künstlerischen Pläne beider Konzerthäuser für die Saison 2020/21. Für die Elbphilharmonie ist es bereits die fünfte Spielzeit, und sie beinhaltet mehr Konzerte als je zuvor. Der Aboverkauf beginnt heute, am 29. April 2020. Die Bestellung von Einzeltickets verläuft nach dem Motto »Book now, pay later«, so bleibt der Kartenkauf im Hinblick auf mögliche Pandemie-bedingte Konzertabsagen für die Kunden risikolos. Gebucht werden kann ab 26. Mai, bezahlt wird erst, wenn sichergestellt ist, dass das Konzert auch stattfinden wird – spätestens sechs Wochen vor dem jeweiligen Termin.

Elbphilharmonie Hamburg / Jochen Margedant , Christoph Lieben-Seutter © Michael Zapf

Elbphilharmonie Hamburg / Jochen Margedant , Intendant Christoph Lieben-Seutter © Michael Zapf

Saison startet mit Gästen aus Pittsburgh  –  Elbphilharmonie Sommer entfällt

Den Corona-bedingten Restriktionen, die das Konzertleben in Hamburg bereits seit Mitte März lahmlegen, fällt auch der Elbphilharmonie Sommer 2020 zum Opfer. Davon betroffen sind nicht nur die 16 im August geplanten Konzerte im Großen Saal, sondern auch das Elbphilharmonie Konzertkino.

Zu der am 2./3. September geplanten Saisoneröffnung der HamburgMusik besteht zumindest zum gegenwärtigen Zeitpunkt die Hoffnung, dass das Konzertleben dann wieder Fahrt aufnehmen wird. Die ersten Konzerte nach nahezu halbjähriger Pause würde dann das Pittsburgh Symphony Orchestra geben. Es kehrt unter der Stabführung seines Chefdirigenten Manfred Honeck in die Elbphilharmonie zurück und huldigt mit der Geigerin Anne-Sophie Mutter dem Jubilar Ludwig van Beethoven, dessen Geburtstag sich 2020 zum 250. Mal jährt.

Bei der NDR Opening Night, die ebenfalls an zwei Abenden gefeiert wird, empfängt Alan Gilbert, Chefdirigent des NDR Elbphilharmonie Orchesters, den Geiger Leonidas Kavakos. Er spielt das Concerto en Re von lgor Strawinsky und gibt damit schon mal einen Vorgeschmack auf das im April 2021 stattfindende Festival »Strawinsky in Hamburg«, mit dem das NDR Elbphilharmonie Orchester die intensive Zusammenarbeit mit dem Meisterkomponisten in der Frühzeit der eigenen Orchestergeschichte würdigt.

Heiner Goebbels, dessen »Eislermaterial« mit dem Ensemble Modern im Februar 2020 in der Elbphilharmonie das Publikum begeisterte, kehrt mit dem erweiterten Ensemble Modern Orchestra und der Aufführung seines brandneuen Stücks »A House of Call. My lmaginary Notebook« an den Ort seines Erfolgs zurück. Zu den Auftraggebern des Werks zählt auch die Elbphilharmonie [6.9., Großer Saal].

Ein Wiedersehen und Wiederhören gibt es sodann mit George Benjamin, Composer in Residence der Elbphilharmonie-Saison 2018/19. Er führt das Mahler Chamber Orchestra durch ein Programm mit Musik von Purcell, Ravel und Mozart und sein eigenes Werk »A Mind of Winter«. Solisten sind Pierre-Laurent Aimard [Klavier] und die Sopranistin Jennifer France [7.9., Großer Saal].

Elbphilharmonie Hamburg / NDR - Elbphilharmonie Orchester im Großen Saal © Michael Zapf

Elbphilharmonie Hamburg / NDR – Elbphilharmonie Orchester im Großen Saal © Michael Zapf

Große Interpreten als Dauergäste

Zum Ende der Eröffnungswoche läutet ein Gastspiel des Orchestra e Coro dell’Accademia Nazionale di Santa Cecilia – Roma den Reigen diverser Künstlerresidenzen der Saison ein. Das bedeutendste Sinfonieorchester Italiens bringt unter der Leitung seines Chefdirigenten Sir Antonio Pappano neben Musik von Beethoven und Schönberg auch eine Rarität mit: das Klavierkonzert mit Männerchor von Ferruccio Busoni. Den Solopart übernimmt lgor Levit [9.9., Großer Saal]

Sir Antonio Pappano gehört zu den exponierten Künstlern, die in der kommenden Saison mehrfach in Hamburg konzertieren. Der insbesondere für seine große Expertise als Operndirigent gerühmte kosmopolitische Pult-Star – in England geboren, in den USA aufgewachsen und familiär in Italien verwurzelt – komplettiert  seine Konzertreihe  mit der Accademia Nazionale di Santa Cecilia –  Roma im Mai 2021 mit zwei weiteren Konzerten im Rahmen des Internationalen Musikfests [4./5.5., Großer Saal] und bringt zudem das Chamber Orchestra of Europe zurück nach Hamburg, das unter seiner Stabführung Musik von Bartok und Gershwin spielt, außerdem das Klavierkonzert Nr.  1 von Ravel mit Jean-Yves Thibaudet als Solist [26.2., Großer Saal].

Harbour Front Sounds: Dichterlesungen mit Musik

Bereits in den vergangenen Jahren fanden zahlreiche Lesungen und Autoren-begegnungen im Rahmen des Harbour Front Literaturfestivals auch in den Sälen der Elbphilharmonie statt. In diesem Jahr nun präsentieren die Veranstalter in Kooperation mit HamburgMusik  mit »Harbour  Front Sounds« ein Festival im Festival, das in 14 Veranstaltungen Autoren bzw. aus deren Werk lesende Schauspieler mit Musikern zusammenbringt. Zu den zahlreichen Höhepunkten bei Harbour Front Sounds zählen die Begegnung zwischen dem US-amerikanischen Schriftsteller Richard Ford und dem legendären Singer/Songwriter Jackson Browne [13.9., Großer Saal], die Vorstellung der Autobiografie von Achim Reichel [13.9., Großer Saal] und die in eine veritable Russendisko ausufernde Lesung des Schriftstellers Wladimir Kaminer [12.9., Kleiner Saal].

Orchester aus aller Welt zu Gast in Hamburg

Gastspiele von rund 40 international tätigen Orchestern tragen das Ihre dazu bei, den Ruf Hamburgs als eine der führenden Musikstädte der Welt weiter zu festigen. Die meisten von ihnen kennen den Saal bereits aus den ersten elbphilharmonischen Jahren, aber manches  Debüt  stand  noch  aus. So kommt es endlich zum sehnsüchtig erwarteten ersten Besuch des Israel Philharmonie Orchestra  unter der Leitung seines neuen  Chefdirigenten Lahav Shani in  der  Elbphilharmonie [20.3.,  Großer Saal]. Maestro Zubin Mehta, der das Israel Philharmonie  über  ein  halbes  Jahrhundert  lang prägte, feiert seine Genesung nach langer Krankheit  unter anderem  mit  seinem Debüt  in  der  Elbphilharmonie am Pult des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks [28.1., Großer Saal]. Weitere Debüts werden vom Danish National Symphony Orchestra [15.3., Großer Saal] erwartet, vom BBC Symphony Orchestra [9.4., Großer Saal] und vom Tokyo Symphony Orchestra [31.5., Großer Saal]. Auch das Radio Filharmonisch Orkest [13.5., Großer Saal] sowie das Bolschoi Theater Moskau debütieren in der kommenden Saison in der Elbphilharmonie – Einzelheiten hierzu in den Abschnitten  über  György Kurtag bzw. das Oster-programm.

Die Elbphilharmonie in Hamburg
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Jordi Savall und sein Orchester Le Concert des Nations komprimieren ihren ursprünglich auf zwei Spielzeiten verteilten Beethoven-Zyklus in der Laeiszhalle nun auf ein Wochenende im Oktober: Die neun Sinfonien erklingen in vier  Konzerten,  zwei  am  Nachmittag,  zwei  am  Abend  [17./18.10., Laeiszha llel.

Der weltweit gefragte Dirigent Paavo Järvi ist dem Hamburger Publikum nicht zuletzt  durch viele Konzerte am Pult der Deutschen  Kammerphilharmonie  Bremen  bestens  vertraut.  Im  zweiten  Jahr seiner Amtszeit als Chefdirigent und musikalischer Direktor auch des Tonhalle-Orchesters Zürich kommt Järvi im März 2021 mit  den Schweizern  zu  drei  Konzerten  nach  Hamburg.  An den  Abenden sind nacheinander die Solisten Faz1l Say [Klavier]. Kian Soltani [Cello] und Frank Peter Zimmermann [Violine] zu erleben, die dramaturgische Klammer bildet die Fokussierung auf  Werke  der  drei Komponisten Pärt, Schumann und Tschaikowsky.

Freuen kann sich das Publikum außerdem auf ein Wiedersehen mit Top-Orchestern wie dem SWR Symphonieorchester unter Teodor Currentzis [23.9., Großer Saal], den Münchner Philharmonikern unter Valery Gergiev [10.10., Großer Saal]. dem City of Birmingham Symphony Orchestra unter Mirga Grazinyte-Tyla [19.11.] oder den Wiener Philharmonikern unter Franz Welser-Möst [24.4., Großer Saal]. Möst ist auch Chefdirigent des Cleveland  Orchestra  und  steht  bei dessen  zweitägigem  Gastspiel mit Musik von Ades, Bruckner, Strawinsky und Mozart am Pult [14./15.10, Großer Saal].

Elbphilharmonie Hamburg / Münchner Philharmoniker - hier : Valery Gergiev © Daniel Dittus

Elbphilharmonie Hamburg / Münchner Philharmoniker – hier : Valery Gergiev © Daniel Dittus

Spielen und Hören mit Kopf und Herz: Portrait Patricia Kopatchinskaja

Die Geigerin Patricia Kopatchinskaja hat sich in der letzten Dekade den Ruf einer Künstlerin erarbeitet, die nicht nur jedes Werk, das sie spielt, gründlich befragt, sondern die auch das Konzertwesen an sich, wo immer sie kann, aus den Angeln der Routine hebt. Bereits vor Eröffnung des neuen Konzerthauses an der Elbe war sie Residenzkünstlerin der Elbphilharmonie Konzerte. Nun kehrt die moldawisch-österreichisch-schweizerische Musikerin par excellence zu einer Residenz in die Elbphilharmonie zurück, deren sechs Abende es in sich haben, sowohl im Hinblick aufs Repertoire als auch auf die Darreichungsform

Noch im September gastiert sie an der Seite von Teodor Currentzis, einem ihrer erklärten Lieblingsdirigenten, mit Bartoks Violinkonzert Nr. 2, diesmal begleitet vom SWR Sinfonieorchester [23.9., Großer Saal]. In einem inszenierten Konzert,  überschrieben  mit  dem Titel »Dies lrae«, erkundet sie wenig später mit Gastsolisten und Mitgliedern des Ensemble Resonanz Bezüge und Reibungen zwischen Musik der Renaissance-Komponisten Biber und Lotti und jener von Crumb, Scelsi und Ustwolskaja, drei im weiteren Sinne miteinander geistesverwandten Komponisten des 20. Jahrhunderts [1.10., Großer Saal].

Mit dem Orchestre Philharmonique de Radio France unter seinem Chefdirigenten Mikko Franck spielt Kopatchinskaja das selten aufgeführte Violinkonzert Nr. 2 des polnischen Komponisten Karol Szymanowski [23.10., Großer Saal]. Unverkennbar trägt ihre dramaturgische Handschriftauch dann wieder das vorösterliche Programm »Der Tod und das Mädchen«, bei dem die Geigerin mit der Camerata Bern Sterbe- und Todesmusiken von Dowland und Gesualdo über Schubert bis zu Kurtag zu einem bewegenden Reigen verschränkt [31.3., Großer Saal]. Kurtags Kafka-Fragmente, für die sich Patricia Kopatchinskaja die Sopranistin Ah Young Hong als Partnerin holt, bilden den Abschluss ihrer Portrait-Reihe [16.5., Kleiner Saal]. zu der tags zuvor  auch  eine  Filmvorführung mit  Musik  um Kurt Schwitters‘ legendäre »Ursonate« gehört [15.5., Kaistudiol.

Fünf Mal Klavierkunst in Vollendung: Daniil Trifonov

Elbphilharmonie Hamburg / Daniil Trifinov © Dario Acosta

Elbphilharmonie Hamburg / Daniil Trifinov © Dario Acosta

Der Russe Daniil Trifonov, mit seinen 29 Jahren bereits einer der vollkommensten Pianisten des 21. Jahrhunderts, ist in der Saison 2020/21 gleich fünf Mal in Hamburg zu erleben: solistisch mit Musik ausschließlich des 20.  Jahrhunderts  [16.11.,  Laeiszhalle].  anschließend  zweimal  in  der Elbphilharmonie mit dem Gewandhausorchester Leipzig unter seinem Chefdirigenten Andris Nelsons. Bei den beiden reinen Beethoven-Programmen spielt Trifonov das Klavierkonzert Nr. 5 und tags darauf mit Anne-Sophie Mutter [Violine] und Daniel Müller-Schott [Cello] das Tripelkonzert [17./18.11, Großer Saal]. Im Februar gastiert Trifonov bei zwei Konzerten des NDR Elbphilharmonie Orchesters unter der Leitung seines Chefdirigenten Alan Gilbert [4./7.2., Großer Saal]. im April mit  dem Mahler Chamber Orchestra unter Jakub Hrusa [22.4., Großer Saal].

Die Elbphilharmonie, das verkappte Opernhaus

Zu den beliebtesten Fehlzuschreibungen der Elbphilharmonie gehört, sie sei Hamburgs neues Opernhaus. Doch so grundverkehrt ist das nicht, denn zur allgemeinen Überraschung und Freude erwies sich insbesondere der Große Saal des Hauses rasch als überaus geeignete Location für konzertante und halb-szenische Aufführungen auch von Opern gleich welcher Epoche der Musikgeschichte. Deshalb ziehen sich auch durch die kommende Saison immerhin neun konzertante bis semi-szenische Aufführungen, zudem vielfach Raritäten selbst auf Spielplänen echter Opernhäuser. Den spektakulären Auftakt hierzu liefert der Barock-Spezialist René Jacobs. Er bringt seine vielfach hymnisch besprochene CD-Produktion der »Leonore« von Beethoven, der Urfassung des »Fidelio«, mit dem Freiburger Barockorchester und der Zürcher Sing-Akademie live nach Hamburg und hat für das Gastspiel hervorragende junge Gesangssolisten ausgewählt [16.10., Großer Saal].

Auch die Silvester-Sause in der Elbphilharmonie, nach der »Fledermaus« 2018/19 und »My Fair Lady« 2019/20 fast schon zur Tradition geworden, gestaltet das NDR Elbphilharmonie Orchester wieder mit einer konzertanten Opernaufführung: Die Leitung von Jacques Offenbachs Bühnenhit »Orpheus in der Unterwelt« liegt in den Händen von Marc Minkowski, der im November 2019 mit seinen Musiciens du Louvre und Händels »Ariodante« das Elbphilharmonie-Publikum zu Begeisterungsstürmen hinriss [31.12./1.1., Großer Saal].

Im Rahmen des Internationalen Musikfests 2021 sind gleich drei große Opern zu erleben. Thomas Hengelbrock kehrt mit seinen Balthasar-Neumann-Ensembles und Solisten zu einer konzertanten Aufführung von Händels »Israel in Egypt« in die Elbphilharmonie zurück [12.5., Großer Saal], während sich Alan Gilbert und das NDR Elbphilharmonie Orchester einem der Schlüsselwerke des US-amerikanischen Musiktheaters widmen, George Gershwins »Porgy and Bess«. Einer testamentarischen Verfügung des Komponisten folgend, sind alle Gesangsrollen mit Afroamerikanern besetzt. Die Titelpartien singen Morris Robinson [Porgy] und Elizabeth Llewellyn [Bess] [21./22.5., Großer Saal]. Kurz vor dem Musikfest-Finale bringen das Helsinki Baroque Orchestra und der Arnold Schoenberg Chor aus Wien ein Werk zur Aufführung, das nicht zuletzt der unvergessene Nikolaus Harnoncourt dem Urteil der Unspielbarkeit zu entreißen versuchte: »Genoveva« von Robert Schumann. Die Visualisierung übernimmt die renommierte finnische Regisseurin Kristiina Helin, am Pult steht Aapo Häkkinen. In der Titelpartie ist Carolyn Sampson zu erleben, die ihr Elbphilharmonie-Debüt eigentlich in diesen Tagen beim Internationalen Musikfest Hamburg  2020 hätte feiern sollen. Als Golo steht der Tenor Andrew Staples auf der Bühne, der im vergangenen Jahr zwei bedeutende Aufführungen in der Elbphilharmonie gesungen hat – die Arien bei Bachs »Johannes-Passion« mit Sir Simon Rattle in der Inszenierung von Peter Sellars und als Solist beim »War Requiem« von Benjamin Britten [29.5., Großer Saal].

Zwei weitere Opern erklingen gleich in den ersten Wochen der neuen Saison auch in der Laeiszhalle: Im Rahmen der Reihe »Das Alte Werk«, die insgesamt sechs Konzerte umfasst, führt die Accademia Bizantina Vivaldis »ll Tamerlano« auf [29.9.]. das in London beheimatete junge Ensemble Solomon’s Knot präsentiert bei seinem überfälligen Hamburg-Debüt Auszüge aus Purcells »The Fairy Queen« [26.10.].

Weitere Einzelheiten bitten wir den Spielplan 2020/2021 der Elbphilharmonie – Laeiszhalle zu entnehmen.

—| Pressemeldung Elbphilharmonie Hamburg |—

Hamburg, Staatsoper Hamburg, Falstaff – Giuseppe Verdi, 19.01.2020

Januar 10, 2020 by  
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Staatsoper Hamburg

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

Falstaff – Giuseppe Verdi

Calixto Bieito Inszeniert – Axel Kober dirigiert

Premiere am 19.01.2020

Die Neuproduktion der Staatsoper Hamburg hat am 19. Januar 2020. Premiere. Mit Falstaff zeigt die Staatsoper die dritte Neuproduktion der Spielzeit 2019/20. Verdis letzte Oper inszeniert Calixto Bieito unter der musikalischen Leitung von Axel Kober, Generalmusikdirektor der Deutschen Oper am Rhein. Die Titelpartie gestaltet Ambrogio Maestri, international der Falstaff par excellence. Premiere ist am 19. Januar 2020. Zur Neuproduktion gibt ein umfangreiches Rahmenprogramm.

Was für eine Komödie ist Falstaff? Falstaff ist Verdis Testament. Seine Oper ist vielleicht eine schwarze Komödie, auf jeden Fall aber eine menschliche Komödie.“, so Calixto Bieito über den Stoff seiner neusten Arbeit an der Staatsoper Hamburg, an der er bereits die Verdi-Werke Otello (2017) und Messa da Requiem (2018) inszenierte. Über die Titelfigur spricht er weiter: „Falstaff demonstriert der scheinheiligen, verlogenen Gesellschaft alle seine Laster und versucht, sie damit zu verspotten und hinters Licht zu führen. Ich habe viel Sympathie für diesen melancholischen Dicken!“ Als Falstaff steht auf der Großen Bühne der Staatsoper Hamburg ab dem 19. Januar „der Falstaff“: Ambrogio Maestri ist einer der international gefragtesten Baritone und gilt als der Verdi-Interpret par excellence. Bereits sein Falstaff-Debüt 2001 an der Mailänder Scala begeisterte Kritiker und Publikum. Anlässlich der Italienischen Opernwochen wird er wieder an der Staatsoper Hamburg zu erleben sein:  Am 18. und 21. März 2020 als Baron Scarpia in Tosca und am 25. und 28. März nochmals in der Titelpartie in Falstaff.

Staatsoper Hamburg / Falstaff - hier : aus den Proben Ambrogio Maestri als Falstaff © Philip Göbel

Staatsoper Hamburg / Falstaff – hier : aus den Proben Ambrogio Maestri als Falstaff © Philip Göbel

Die Musikalische Leitung dieser Neuproduktion hat Axel Kober, Generalmusikdirektor der Deutschen Oper am Rhein. Für ihn sei Verdis letztes Werk Falstaff eine der perfektesten Opern: „Man spürt die ganze kompositorische und musikalische Erfahrung, die Verdi in seinem Leben gemacht hat – aber auch die menschliche Erfahrung.“

Inhalt: Sir John Falstaff ist ein Anarchist, der sich nur der Herrschaft des eigenen Genusses beugt, ein Egoist, der nur seiner absolutistischen Macht- und Körperfülle frönt und die spießigen Moralvorstellungen seiner Mitmenschen wie die Stadtmauern einer Festung schleifen möchte, indem er gleich zwei Frauen parallel zu verführen gedenkt. Natürlich geht das schief, aber diejenigen, die ihn entlarven möchten, lassen bei dem Verwirrspiel, das sie um ihn herum inszenieren – und das gerade noch der Zuschauer durchschaut –, auch gehörig Federn. „Tutto nel mondo è burla“, doch diese Possen sind nur lustig, weil der Sturz in den Abgrund ein durchaus ernstes Risiko darstellt.

Der Otello-Librettist Arrigo Boito hat mit Raffinement aus der Shakespeare’schen Vorlage ein sprachlich ingeniöses Libretto herausdestilliert, das Verdi in hochkomplexe kompositorische Höhen treibt. Rahmenprogramm Begleitet wird die Neuproduktion Falstaff von einem vielfältigen Rahmenprogramm, das das Publikum auf das Thema einstimmt: ·

13. Januar 2020 – vor der Premiere – werden die Gäste werden von Dramaturgin Bettina Auer in den Stoff eingeführt und besuchen den ersten Teil einer sogenannten Bühnenorchesterprobe, woraufhin im gemeinsamen Anschlussgespräch Fragen gestellt und Eindrücke diskutiert werden können. ·

Beim OpernReport am 14. Januar stellt Musiktheaterdramaturg, Kunsthistoriker und Literaturwissenschaftler Dr. Alexander Meier-Dörzenbach die Neuproduktion anhand von aktuellen und historischen Bild- und Tonaufnahmen vor. Beim Kompaktseminar Opern-Werkstatt von Volker Wacker erhalten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer am 17. und 18. Januar 2020 alle wichtigen Aspekte der Oper. ·

Am 25. Januar findet nach der Vorstellung das OpernForum statt. In Partnerschaft mit der Universität Hamburg treten hier Oper und Wissenschaft in den Dialog. Und: Zu allen Vorstellungen gibt es 40 Minuten vorher eine thematische Einführung.

 Giuseppe Verdi –  Falstaff

Musikalische Leitung: Axel Kober Inszenierung: Calixto Bieito, Bühnenbild: Susanne Gschwender, Kostüme: Anja Rabes, Dramaturgie: Bettina Auer, Licht: Michael Bauer

Mit: Falstaff Ambrogio Maestri, Ford Markus Brück, Fenton Oleksiy Palchykov (Rollendebüt), Dr. Cajus Ks. Jürgen Sacher, Bardolfo Daniel Kluge (Rollendebüt), Pistola Tigran Martirossian (Rollendebüt), Alice Ford Maija Kovalevska, Nannetta Elbenita Kajtazi (Rollendebüt), Mrs. Quickly Nadezhda Karyazina (Rollendebüt), Meg Page Ida Aldrian (Rollendebüt), Chor der Hamburgischen Staatsoper, Philharmonisches Staatsorchester Hamburg

Premiere 19. Januar 2020 18.00 Uhr (Einführung um 17.20 Uhr); weitere Vorstellungen  22., 25., 28. Januar, 4. und 8. Februar sowie 25. und 28. März 2020, jeweils 19.30 Uhr (Einführungen jeweils 18.50 Uhr),

Rahmenprogramm: Vor der Premiere 13. Januar – 18.00 bis 21.00 Uhr | Großes Haus OpernReport 14. Januar 19.30 Uhr | opera stabile Opern-Werkstatt 17. Januar 18.00 bis 21 Uhr; Fortsetzung 18. Januar 11.00 bis 17.00 Uhr | Probebühne 3 OpernForum  25. Januar 22.00 Uhr | Parkett-

—| Pressemeldung Staatsoper Hamburg |—

Hamburg, Staatsoper Hamburg, Lohengrin – Richard Wagner, IOCO Kritik, 01.01.2020

Dezember 31, 2019 by  
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Staatsoper Hamburg

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

Lohengrin – Staatsoper Hamburg

Kultinszenierung – Seit 21 Jahren an der Staatsoper

von Christian Biskup

Lohengrin im Klassenzimmer? Was Traditionalisten vehement verneinen würden, läuft in Hamburg seit nun 21 Jahren und hat Kultstatus. Kein Wunder also, dass das Werk in der Inszenierung von Peter Konwitschny auch am zweiten Weihnachtstag für ein fast ausverkauftes Haus sorgt, wozu auch sicher Klaus Florian Vogts Engagement für die Titelrolle in der diesjährigen Wiederaufnahme maßgeblich beiträgt.

Die Handlung: Friedrich von Telramund bezichtigt Elsa von Brabant, ihren Bruder Gottfried um die Ecke gebracht zu haben. Im Gottesgericht soll vor König Heinrich ihre Schuld festgestellt werden. Ein Ritter erscheint, von einem Schwan gezogen, an Elsas Seite. Er – eigentlich ein Traumobjekt Elsas – kämpft für sie, gewinnt, und verschont doch Telramunds Leben. Elsa soll als Dank seine Frau werden, jedoch nie nach seiner Herkunft fragen. Doch Telramund und seine Frau Ortrud, die letzte eines heidnischen Fürstengeschlechts, intrigieren. Sie weckt in Elsa das Gift der Neugierde und des Misstrauens, sodass diese in der Brautnacht schließlich die entscheidende Frage stellt. Der Ritter versucht sich zu winden, doch als Telramund ihn in der Nacht überfällt, der dabei getötet wird, ist der Moment der Offenbarung gekommen. Als Lohengrin, Sohn des Gralskönigs Parsifal, gibt er sich zu erkennen. Das Wissen um seinen Namen zwingt ihn jedoch zur Rückkehr nach Montsalvat. Während er geht, kehrt Gottfried zurück. Er war Lohengrins Schwan, von Ortrud verzaubert. Elsa stirbt, doch der Weg für den neuen Herrscher ist frei.

Staatsoper Hamburg / Lohengrin - Kultinszenierung der Staatsoper © Arno Declair

Staatsoper Hamburg / Lohengrin – Kultinszenierung der Staatsoper © Arno Declair

Richard Wagners Werk, entstanden im Vormärz der Revolution, ist nicht nur der Mythos. Es thematisiert Auflehnung, Auflehnung gegen Staaten, gegen Gebote, gegen Autoritäten. Dies findet man in Telramund und Ortrud, aber natürlich auch in Elsas Misstrauen in das mächtige Frageverbot. In der Auflehnung sieht Regisseur Peter Konwitschny etwas typisch Pubertäres, typisch jugendlichen Widerstandsgeist. Deshalb verlegt er die Handlung vom sagenhaften Brabant in ein Klassenzimmer zur Zeit des letzten Kaisers (Bühne und Kostüme: Helmut Brade) – was erstaunlich gut funktioniert. Hier haben Träume Platz und werden lebendig. Der Klassenbeste darf die Königskrone tragen, sein Kumpan wird dessen Heerrufer und Elsas Traum vom starken Ritter wird ebenfalls zur Wirklichkeit. In dieser jugendlichen Schuldimension werden die Träume greifbarer, alltäglich, etwas, was ein jeder im Publikum noch nachspüren kann. Welche Frau träumt denn nicht von einem großen, starken Mann (der auch noch gut singen kann…)?

Richard Wagner Denkmal in Berlin © IOCO _ Rainer Maass

Richard Wagner Denkmal in Berlin © IOCO _ Rainer Maass

Konwitschnys Inszenierung besticht durch eine enorm vielfältige und detailreiche Personenführung. Häufig neigt der Lohengrin-Chor ja eher zur Steh-Rum-Staffage – nicht jedoch bei Konwitschny. Tische werden beklettert, Schwämme und Papierflieger geworfen, es wird gerangelt, gekämpft, aber auch individuell mit den Protagonisten agiert, so wunderbar lebendig bei Elsas Brautzug. Der strahlend helle Auftritt Lohengrins – er wird samt mit den Armen wedelnden Schwan/Gottfried aus dem Bühnenboden hochgefahren – ist die Erfüllung von Elsas Traum. Das Klassenzimmer wird allgemein zum Ort des Träumens. Bahnt sich der Kampf an, ordnen die Teenies ihre überdimensionalen Tische zur Arena an. Ist die Hochzeit angesetzt, wird wieder neu formatiert und romantisch eingedeckt. Fantasiewelten sind schnell geschaffen. Wie poetisch es dabei im Klassenzimmer zugehen kann, zeigt der Brautgang, eingebettet in eine Unterrichtsstunde über den Aufbau eines Münsters. Jubelnde Klassenkameraden, frisches Grün und bunte Papierschnipsel statt Reis und Rosenblüten erfüllen den Saal – ein wirklich schönes Bild. Genauso ästhetisch gelingt der Sonnenaufgang im zweiten Akt, der sich durch die Fenster zeigt. Was zu Zeiten Meyerbeers eine Theaterrevolution war, überzeugt auch noch heute und beendet das scheinbar nächtliche Nachsitzen Ortruds und Telramunds. Die Brautnacht Elsas und Lohengrins wird in den Sexualkundeunterricht eingebettet. Doch in diesem endet der Traum. Nach Telramunds Tod schließt die Oper auf offener Fläche. Der Hintergrund ist schwarz, Lohengrin muss gehen, die Teenie-Klamotte ist vorbei.

Was sich nach oberflächlichen Theaterspaß anhört, geht doch auch in die Tiefe. Gerade durch die Nahbarkeit der Inszenierung entstehen anrührende, intime Momente. Die Gralserzählung wird zu einem Moment der Trostlosigkeit. Übermenschliches und Menschliches kann nicht zusammen kommen, zumal Lohengrin als Gralsritter keusch zu leben hat. Gottfried gibt – stark gerüstet – nun zurückverwandelt – zumindest Hoffnung für Brabant.

Musikalisch war der Abend sehr gut bis durchwachsen. Am meisten konnte Andrzej Dobber in der Rolle des Heerrufers überzeugen. Kraftvoll strotzend, durchdringend und in allen Lagen sicher sowie spielerisch hervorragend, ist er eine Luxusbesetzung für die Rolle. Auch Tanja Ariane Baumgartners Ortrud konnte sich hören lassen. Sehr textverständlich und stets zwischen Dämonie und heuchlerischer Freundlichkeit spielt und lebt sie die – im Schulkontext – Klassenzicke. Ihre Stimme hat Durchschlagskraft, ihre dunkle Tiefe wie auch die gewaltigen Spitzentöne beeindrucken. Da hatte es ihr Partner Wolfgang Koch als Telramund schon schwerer. Schauspielerisch absolut glaubhaft, konnte er stimmlich mit seinen männlichen Kollegen nicht mithalten. Teilweise überforcierend und mehr sprechend als singend versucht er zwar expressiv die Verzweiflung darzustellen, was jedoch zu Lasten der Musik und Noten geht.

Staatsoper Hamburg / Lohengrin - Kultinszenierung der Staatsoper © Arno Declair

Staatsoper Hamburg / Lohengrin – Kultinszenierung der Staatsoper © Arno Declair

Christof Fischesser als König Heinrich hingegen gelingt der Spagat zwischen größtmöglichem Ausdruck und getreuer Musikgestaltung. Sein flexibler Bass hat nicht das größte Volumen, kann sich aber doch stets dem Orchester gegenüber behaupten. Besonders seine leisen Stellen wie „Gott laß mich weise sein“ gelingen wunderbar sanft und sind hervorragend geführt. Simone Schneider legt ihre Elsa eher lyrisch an. Ihr runder Sopran neigt nicht so sehr zu dramatischen Ausbrüchen, sondern kann mit Schönklang punkten. Spielerisch bleibt sie eher blass. Bleibt noch Klaus Florian Vogt. An seinem Gesang scheiden sich die Geister. Sein sehr kopfiger Tenor ist purer Schönklang, strahlend hell, ideal für die Rolle des Parsifal, die er auch in Bayreuth schon mehrfach gesungen hat. Sein Lohengrin ist ebenfalls sehr lyrisch gehalten. Dramatische Ausbrüche fehlen fast völlig, auch macht sich die fehlende Tiefe teils bemerkbar. Ein paar Phrasen gestaltet er glaubhaft expressiv, doch ist er mehr lichte Traumgestalt als ein krafttrotzender Held, was aber im Zusammenhang der Inszenierung nicht stört, sondern gut passt. Seine Gralserzählung wird zum Gänsehautmoment obgleich einige Phrasen unglücklich gestaltet wurden.

Das Orchester unter Kent Nagano ist der Schwachpunkt der Produktion. Nagano hält das Orchester stets neutral, kostet nicht den Klang aus, Pathos wird ausgelassen wo es geht. Dies ist gerade auf dem Höhepunkt des Vorspiels zum ersten Akt schade, welches dymanisch zudem sehr eigenwillig gestaltet ist. Während die Geigen zu Beginn wunderbar aus dem Nichts erklingen, entwickelt sich einfach zu wenig, auf dem Höhepunkt nimmt Nagano den Klang gar zurück. Auch das geniale Vorspiel zum dritten Akt vermisst jeglichen Überschwang. Die ganz leisen Stellen sind am stärksten, aber das ist bei Lohengrin einfach zu wenig. Das Zusammenspiel zwischen Bühne und Graben ist einwandfrei, die Chöre agieren mit großer Spielfreude und guter Textverständlichkeit.

Das Publikum spendet besonders Klaus Florian Vogt und Tanja Ariane Baumgartner viel Applaus, der in seiner Begeisterung Bayreuth-Ähnliche Ausmaße zeigte!

Besuchte Vorstellung – 26.12.2019 – 16.00 Uhr

Lohengrin an der Staatsoper Hamburg, letzte Vorstellung der Spielzeit 03.01.2020

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