Baden-Baden, Festspielhaus, Orphée et Eurydice – Hamburg Ballett, IOCO Kritik, 03.10.2019

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Festspielhaus Baden – Baden

Festspielhaus Baden-Baden © Festspielhaus Baden-Baden

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Orphée et Eurydice    Ballettoper  –  John Neumeier

Herbstfestspiele – Festspielhaus Baden-Baden

von Peter Schlang

Die Premiere von Christoph Willibald Glucks Oper Orpheus und Eurydice am 27. September 2019 im  Festspielhaus Baden-Baden läutete nicht nur eine neue Ära ein, nämlich jene des (erst) zweiten Intendanten in der Geschichte des  größten Opern- und Konzerthauses Deutschlands. Mit dem offiziellen Amtsantritt von Benedikt Stampa  und der ersten Produktion unter seiner Leitung begannen gleichzeitig die diesjährigen Herbst-Festspiele, die bis zum 6. Oktober 2019 sechs Ballettaufführungen und drei Konzerte für ihre Besucher bereit halten.

Orphée et Eurydice – Christoph Willibald Gluck
youtube Trailer des Hamburg Ballett _ John Neumeier
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Das Thema hätte für den Auftakt einer neuen Direktion kaum besser gewählt werden können, geht es doch in der in Baden-Baden zu sehenden Fassung John Neumeiers von Glucks Oper als Ballettoper um die Kraft und Wirkung von Musik, ja um die Dauerhaftigkeit und Nachhaltigkeit der Kunst. John Neumeier hatte diese auf der französischen Fassung von Glucks Oper basierende Ballettversion vor zwei Jahren als Koproduktion seines eigenen Hauses, der Hamburger Staatsoper, mit der  Lyric-Opera of Chicago, wo die Ballettoper am 23. September 2017 auch ihre Premiere erlebte, und mit der Los Angeles Opera kreiert. Von Hamburg, wo Neumeiers Fassung erstmals am 3. Februar 2019 gezeigt wurde, kam sie nun für drei Aufführungen an die Oos. Neben dem in erster Linie dieses Projekt tragenden Hamburg Ballett John Neumeiers waren für diese Baden-Badener Aufführungen zwei Ensembles aus dem badischen Landesteil engagiert worden, die nicht nur zu den Aushängeschildern der sog. historisch-informierten Aufführungspraxis gehören, sondern auch unbedingt genannt werden müssen, wenn es um den herausragenden musikalischen Ruf  der Gegend am Oberrhein geht: Das Freiburger Barockorchester und das Vocalensemble Rastatt.

John Neumeier, der für seine Schöpfung nicht nur die Choreografie und Inszenierung schuf, sondern auch für Bühnenbilder, Kostüme und Beleuchtung verantwortlich zeichnet, erweiterte die von Glucks Fassungen bekannte Handlung um eine Rahmenhandlung: Orpheus oder Orphée, wie er in der am 2. August 1774 in Paris herausgekommenen Fassung heißt, wird zum Choreografen, der sein neues Ballett Die Toteninsel probt, das von dem gleichnamigen Gemälde Arnold Böcklins inspiriert ist. Die Hauptrolle darin soll Orphées Ehefrau Eurydice übernehmen, die temperamentvolle, aber etwas unzuverlässige Prima Ballerina der Compagnie. Nachdem sie zu spät zur Probe kommt und deswegen von ihrem Mann zur Rede gestellt wird, reagiert sie äußerst angefressen, ohrfeigt gar ihren Mann und verlässt empört die Probe. Kurz darauf kommt Eurydice bei einem Autounfall ums Leben. Ob durch den Streit mit ihrem Mann aus dem Gleichgewicht und um ihre Aufmerksamkeit gebracht oder durch einen tragischen Zufall, bleibt offen.

Festspielhaus Baden-Baden / Orphée © Kiran West

Festspielhaus Baden-Baden / Orphée © Kiran West

Gepeinigt von Schmerz und Reue erinnert sich Orphée an seine Hochzeit mit Eurydice, gerät aber darüber so sehr in Verzweiflung, dass er völlig aus der Fassung gerät. Der Liebesgott Amour, bei Neumeier der Choreografie-Assistent Orphées, tröstet seinen Chef, indem er ihn  an die mythische Reise von Orpheus in die Unterwelt erinnert.  Diese bekannte Handlung läuft nun in der Gedankenwelt bzw. inneren Vorstellung Orphées ab, der die gleichen Ängste und Qualen ausstehen muss wie sein mythologisches Vorbild und am Ende seine geliebte Frau zum zweiten Mal verliert. Trost wächst ihm erneut durch Amour zu, der ihn davon überzeugt, dass Eurydice in  seiner Liebe zu ihr und vor allem in dem von ihm zu erschaffenden Ballett, also in der Kunst, weiterleben wird,

Dieser Eingriff in Glucks Opernvorlage gelingt durchaus ohne Brüche und erlaubt ein schlüssiges „Theater auf dem Theater“.  Dies wird nicht nur dadurch möglich, dass die von Neumeier gewählte Pariser Fassung zahlreiche zusätzliche instrumentale Teile enthält, die der Choreograf und Regisseur für seine Ballettszenen geschickt zu nutzen weiß. Auch die Doppelung des Sängerpaares durch die famose Tänzerin Anna Laudere und ihren kongenialen Partner Edvin Revazov verleihen der Handlung Anschauungskraft und dramatische Stringenz. Tänzerisch-dramaturgisch funktioniert dies in den beiden ersten Akten recht gut, im dritten Akt scheinen jedoch Phantasie und Ausdrucksmittel des Choreografen und seiner Compagnie fast aufgebraucht zu sein, so dass sich hier wenig neue Erkenntnisse einstellen und eine gewisse Ermüdung breit macht.

Was die Personenführung der drei Sänger betrifft,  hegt der aufmerksame Beobachter von Anfang an den Verdacht, dass der Regisseur Neumeier nicht so recht zu wissen scheint, was er mit den Darstellern der drei Solorollen anfangen soll. So lässt er diese meist etwas unbeteiligt am Bühnenrand herumstehen oder –sitzen, was zwar die Beobachterrolle von Orphée und Amour in der Binnenhandlung unterstreichen mag, aber kaum zur Verdeutlichung der Handlung oder gar zur packenden Zeichnung der Personen beiträgt. Diese darstellerischen, nicht von ihnen zu verantwortenden Defizite machen zumindest die beiden Sängerinnen ohne jede Einschränkung wett. Die in Rom geborene Arianna Venditelli präsentiert sich von anfänglichen leichten  Schärfen in der Höhe abgesehen als sinnliche, jugendliche Eurydice mit klangschöner, biegsamer und weicher Stimme, der man ihre sorgfältige Ausbildung in der Alten Musik jederzeit anmerkt. Fast noch mehr gilt dies für ihre Sopranistinnen-Kollegin Marie-Sophie Pollak als Amour, welche die beschriebene darstellerische Einschränkung durch ein höchst farbiges, in allen Registern ansprechendes und mühelos in die Höhe zu führendes Organ mehr als ausgleicht.

Festspielhaus Baden-Baden / Orphée et Eurydice © Kiran West

Festspielhaus Baden-Baden / Orphée et Eurydice © Kiran West

Auch in den Trios mit Eurydice und Orphée im dritten Akt und den Duetten mit dem „Sänger-Choreografen“ im ersten und dritten Akt zeigt die Sängerin ihre zu allergrößter Hoffnung Anlass gebenden musikalischen und auch schauspielerischen Anlagen. Als einziger Wehmutstropfen in diesen ausgezeichneten sängerischen Solistenleistungen muss leider der Darsteller Orphées, an diesem Abend ist dies der russische Tenor Dmitry Korchak, angesehen werden. Technisch durchaus begabt, scheint seine Stimme in Klang und Ausdruck eher für größere, dramatische Rollen des italienischen und russischen Fachs  geeignet zu sein. Für die eher lyrischen, kammermusikalischen Passagen des Orpheus bzw. Orphée fehlten ihm zumindest an diesem Baden-Badener Premierenabend Farbigkeit, Wandlungsfähigkeit und Gespür für Stimmungen und Nuancen im Ausdruck. Das erwies sich  gerade auch und vor allem bei den Duetten und Trios mit seinen beiden Partnerinnen als bedauernswertes Defizit.

Abgesehen von den oben erwähnten und nicht nur vom schreibenden Beobachter wahrgenommenen leichten Schwächen  der Choreografie gegen Ende der Aufführung zeigt sich die Hamburger Compagnie jederzeit als das, was ihren Ruf rund um die Welt ausmacht: Ein charismatisches, tänzerisch allen Anforderungen gewachsenes, ausdrucksstarkes und mitreißendes  Tanzkollektiv, aus dem neben den bereits erwähnten Darstellern des Protagonistenpaares vor allem das Trio der Höllenhunde von Aleix Martinez, Lizhong Wang und Marcelino Liabao hervorzuheben sind.

Auch als Ausstatter darf man John Neumeier ein großes Kompliment machen. Dies gilt nicht nur schönen und schlüssigen Einfällen wie dem Zitat des Kahnes, mit dem Charon die Toten über den Acheron bringt oder der Zypresse, die Erde und Unterwelt verbindet. Vor allem die von Neumeier konzipierten „halben Quader“ bzw. Dreiecks-Elemente entpuppen sich als hilfreiche wie formschöne Gestaltungselemente. Durch Drehen und Schieben werden sie zu variablen Auftritts- und Hintergrund-Flächen, die zudem durch eine perfekt eingesetzte Beleuchtung interessante und äußerst ästhetische Szenen ermöglichen. Dazu  passen die aufwändigen, die fließenden Bewegungen betonenden, meist weit geschnittenen Gewänder der Tänzerinnen und Tänzer.

Festspielhaus Baden-Baden / Orphée et Eurydice © Kiran West

Festspielhaus Baden-Baden / Orphée et Eurydice © Kiran West

Musikalisch ist die Baden-Badener Aufführung ein großer Genuss, ja, was die beiden erwähnten musikalischen Kollektive betrifft, ein Ereignis allererster Klasse. Das Freiburger Barockorchester, hier unter der Leitung des in Sachen historisch-informierter Aufführungspraxis bestens erprobten italienischen Dirigenten Allesandro De Marchi, wird auch an diesem Abend seinem herausragenden Ruf als eines der weltbesten Originalklangensembles gerecht. Dass es jederzeit in der Lage ist, in allen Stimmungen und inhaltlich-dramatischen Abstufungen einen betörenden, reinen und dennoch aufregenden und mitreißenden Klang zu entfalten, ist bekannt und wird ja auch von Musikbegeisterten in aller Welt geschätzt und gelobt.

Neu war hingegen, wenn es auch so erwartet werden durfte, dass die Freiburger auch als Ballettorchester eine tadellose Figur abgeben und mit allergrößter Präzision und Klangschönheit agieren können. So lieferten sie den Tänzerinnen und Tänzern auf der Bühne die makellose Folie, die den Tanz erst zu dem werden lässt, was sich Komponist und Choreograf erträumt haben mögen.

Kongenial auch das von Holger Speck einstudierte Vocalensemble Rastatt, das seinem Ruf als hochspezialisiertem, mit außergewöhnlicher Klangreinheit und –schönheit singender Chor bei all seinen Einsätzen voll gerecht wurde.

Dies ist umso erstaunlicher, als der Chor bei diesem Projekt hinter dem Orchester ganz statisch im Graben postiert ist. Dass die gut zwei Dutzend Sängerinnen und Sänger dennoch so klangschön und jederzeit verständlich artikulieren, zeugt von ihrer großen Meisterschaft und Professionalität.

So überwiegen am Ende dieser gut zweistündigen Aufführung die Freude über  und Dankbarkeit für ein optisches und musikalisches Ereignis von außerordentlichem Format. Allerdings stehen ihnen die Zweifel darüber entgegen, ob die Tanzfassung einer Oper tatsächlich so viele neue Erkenntnisse bringt, wie es Aufwand und Idee nahe legen und rechtfertigen würden. Der Beobachter entscheidet sich dann doch eher für das Original…

Weitere Aufführungen dieser Produktion nach Erscheinen dieser Besprechung nur noch auf Anfrage in Hamburg und möglicherweise an anderen Orten.

—| IOCO Kritik Festspielhaus Baden-Baden |—

Bremen, Die Glocke, Gustav Mahler – 10. Sinfonie, IOCO Kritik, 29.08.2019

August 29, 2019 by  
Filed under Die Glocke, Hervorheben, Konzert, Kritiken, Theater Bremen

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Die Glocke Bremen

Die Glocke Bremen © Mark Bollhorst

Die Glocke Bremen © Mark Bollhorst

Gustav Mahler – die 10., die letzte, die unvollendete Sinfonie

– Musik am Abgrund –

von Thomas Birkhahn

Wie klingt Musik eines Komponisten, der zuvor schon zweimal seinen Abschied von der Welt komponiert hat? Wie ist die Sicht eines Dirigenten auf ein Werk, das nicht von ihm ist, und doch von ihm? Diese spannenden Fragen stellten sich den Besuchern des Bremer Musikfests am 27.8.19, als im Bremer Konzerthaus Die Glocke Gustav Mahlers vervollständigte 10. Sinfonie erklang.

Der letzte Satz aus Mahlers „Lied von der Erde“ heißt „ Der Abschied“ und ist wie ein großes Loslassen von allem Irdischen. Die danach entstandene 9. Sinfonie wird ebenfalls als (versöhnlicher) Abschied vom Leben gedeutet. Der Dirigent und Mahler-Freund Willem Mengelberg schrieb in seine Partitur der 9. Sinfonie:Sie ist Abschied von allen, die er liebte. Und von der Welt, seiner Kunst, seinem Leben, seiner Musik.

Gustav Mahler Grabstätte in Wien © IOCO

Gustav Mahler Grabstätte in Wien © IOCO

Im Sommer 1910 begann Gustav Mahler (1860 – 1911) mit der Komposition der 10. Sinfonie. Es war eine krisengeschüttelte Zeit für ihn, nach dem er von der Affäre seiner Frau Alma mit dem Architekten Walter Gropius erfahren hatte. Diese niederschmetternde Nachricht, veranlasste ihn dazu, verzweifelte Kommentare an den Rand der Skizzen zu schreiben. Am bekanntesten wurden die direkt an Alma gerichteten Ausrufe am Ende der Sinfonie: „Für dich leben, für dich sterben. Es ist vollbracht.“. und ganz am Schluss nur noch „Almschi!“ Es ist also ein sehr persönliches Werk, von dem Mahler nur den ersten Satz, das Adagio vollenden konnte, bevor er im Mai 1911 starb.  Die restlichen 4 Sätze dieser  Sinfonie sind nur als Skizzen, welche unterschiedlich weit ausgearbeitet sind.

Inzwischen gibt es 7 verschiedene Vervollständigungen der 10. Sinfonie, von denen die des Engländers Deryck Cooke aus den1960er Jahren die bis heute am meisten gespielte ist. Trotzdem haben namhafte Mahler-Dirigenten wie Bernstein, Boulez oder Abbado ihr Leben lang nur das Adagio aufgeführt, und auch heute noch machen viele Dirigenten einen Bogen um eine vervollstädigte Fassung. Um es gleich vorweg zu nehmen: Nach dem Erlebnis dieses Konzerts bleibt zu hoffen, dass die komplette Sinfonie sich im Konzertsaal durchsetzt.

Yoel Gamzou, Generalmusikdirektor des Bremer Theaters, dirigerte an diesem Abend seine eigene, im Alter von 23 Jahren erstellte Fassung. Man durfte also gespannt sein, wie ein junger Musiker des 21. Jahrhunderts (Gamzou ist erst 31 Jahre alt) eine Mahler-Sinfonie dirigierte, die in gewisser Weise auch seine eigene war.

Gustav Mahlers Musik spielt in Gamzous Leben eine einzigartige Rolle. Und gerade die 10. Sinfonie steht seit vielen Jahren im Mittelpunkt seines Lebens. Er behauptet sogar, dass, „wären diese kryptischen, unglaublich apokalyptischen musikalischen Gedanken vor hundert Jahren vervollständigt und aufgeführt worden, sie den gesamten Verlauf der Musikgeschichte und vielleicht der gesamten Kunst des 20. Jahrhunderts verändert [hätten].“

Gamzou geht es in seiner Fassung nicht um Authentizität. Er ist klug genug zu realisieren, dass die 10. Sinfonie nie so klingen wird, wie Mahler sie sich erdacht hat. Trotzdem will er die Botschaft des Stückes erfahrbar machen, in dem er sich „vollständig den Intentionen des Komponisten unterordnet“.

Bremer Philharmoniker © Marcus Meyer

Bremer Philharmoniker © Marcus Meyer

Und hier ist auch der entscheidende Unterschied zu Deryck Cooke. Cooke bleibt in seiner Fassung eher neutral, und bringt lediglich die Skizzen Mahlers in eine für Konzertgänger hörbare Form. Cooke lässt sogar viele Takte einfach leer, um den fragmentarischen Charakter zu betonen. Gamzou hingegen bezeichnet seine Version als „Weiterentwicklung“, die den Geist von Mahlers Musik vermitteln soll.

Gamzou gliedert die 5 Sätze in zwei Teile, die durch ein Zwischenspiel (das Purgatorio) getrennt werden:

Teil 1:
1. Adagio
2.Scherzo
Interludium – Wendepunkt:
3. Purgatorio
Teil 2:
4. Wild. Der Teufel tanzt es mit mir
5. Finale

Der erste Satz ist der einzige von Mahler vollendete Satz der Sinfonie. Er ist fester Bestandteil der Konzertsäle dieser Welt. Von daher mag es vielleicht überraschen, dass Gamzou auch in diesem Satz Änderungen vornimmt. Wenn man aber bedenkt, dass Mahler jedes seiner Werke nach den ersten Aufführungen überarbeitete, kann man vermuten, dass das Adagio in der von Mahler hinterlassenen Form nicht die endgültige Fassung sein dürfte. Der Dirigent Michael Gielen bezeichnete den ersten Satz als unfertig instrumentiert: „Dass […] über weite Strecken nur die Posaunen und sonst niemand die Harmonie angeben, […] das ist [eine] Skizze, um das harmonische Gerüst zu fixieren. Mahler hätte [den Satz] mit Sicherheit nicht so gelassen, das ist ja undenkbar bei einem so raffinierten Komponisten…“

Gamzou ist derselben Meinung und verändert sehr behutsam den Bläsersatz, macht ihn etwas voller. Sehr stark jedoch greift er in die Tempovorgaben ein. Es gibt kaum eine Partiturseite, in der er nicht das Tempo verändert. Exemplarisch seien hier die Takte 124 – 133 genannt. Alleine in diesen 10 Takten macht Gamzou 6 Tempovorgaben: „Wieder frischer“ – „Wieder etwas breiter“ – „Comodo, mäßig“ – „Bewegter“ – „molto rit.“ – „Sehr zurückhaltend und schwerfällig“.  Die Frage muss erlaubt sein, ob Gamzou es damit nicht etwas übertreibt, ob er anderen Dirigenten damit nicht eine eigene Sicht auf Tempoveränderungen erschwert. Aber wie er im Vorwort seiner Partitur schreibt, ist er in seiner Fassung ein hundertprozentiges Risiko eingegangen. Er scheut sich nicht, seine Sicht auf das Stück bis ins kleinste Detail in die Partitur einfließen zu lassen.

Diese Alles-oder-Nichts-Haltung kommt auch in seinem Dirigat an diesem Abend zum Ausdruck, denn was Gamzou an Intensität und Ausdruck aus dem Orchester herausholt, ist atemberaubend. Die großartig aufspielenden Bremer Philharmoniker folgen ihm anscheinend nur zu gerne auf seinem (und Mahlers) Weg in die Apokalypse und wieder hinaus.

In den großen gesanglichen Passagen des Adagios überzeugt das Orchester mit herrlichem Streicherton und zarten Passagen von berückender Schönheit. Gamzou gelingt es, trotz der immer wiederkehrenden scherzohaften Unterbrechungen, die erwähnten vielen Tempovorgaben absolut organisch in den Satz einzubetten.

Der zweite Satz ist nur dem Namen nach ein Scherzo. Während das Hauptthema einen an sich heiteren Charakter hat, wird diese Heiterkeit durch ständige Taktwechsel untergraben. Der Hörer hat nie festen Boden unter den Füßen. Gamzou inszeniert den Satz als wilden Ritt in den Abgrund, den auch die lieblichen Ländlerpassagen nicht stoppen können. Die Fröhlichkeit kippt immer mehr ins Bedrohliche, aus Heiterkeit wird Panik, aus einem Lächeln wird eine Grimasse. Hier sind vor allem die Blechbläser des Orchesters hervorzuheben, die das Fratzenhafte dieser Musik hervorragend verdeutlichen.

Bremer Philharmonike / Yoel Gamzou; GMD © Jörg Landsberg

Bremer Philharmonike / Yoel Gamzou; GMD © Jörg Landsberg

Über den 3.Satz (Purgatorio) ist viel gerätselt worden. Denn wer nun erwartet, dass Mahler in einem Satz, den er ‚Fegefeuer‚ nennt, die Scheiben scheppern lässt, der wird – je nach Gefühlslage – enttäuscht oder erleichtert sein. Die Musik ist eher zart, tänzerisch und leicht melancholisch. Auch ist dieser Satz mit einer Spieldauer von 4 Minuten der kürzeste Mahlersche Sinfoniesatz überhaupt. Gamzou löst das Rätsel zumindest teilweise, in dem er das Tempo so extrem langsam nimmt, dass überhaupt kein tänzerischer Charakter aufkommt. Zusätzlich lässt er die Geigen das Hauptthema sehr verzerrt und hässlich spielen. Auch hier zeigt sich wieder seine Identifikation mit Mahlers Werk. Es ist für ihn Ausdruck pur!

Auch sieht er in dem Purgatorio Satz den Wendepunkt der Sinfonie, das Bindeglied zwischen dem ersten und zweiten Teil. Gamzou nennt ihn „ein bewusst unauffälliges ‚Tor zur Hölle’“.

Den 4. Satz (für Gamzou beginnt hier Teil 2) überschrieb Mahler in seinen Skizzen mit folgenden Worten:

„Der Teufel tanzt es mit mir, Wahnsinn fast mich an, Verfluchten!
Vernichte mich, dass ich vergesse, dass ich bin!
Dass ich aufhöre, zu sein“

Während Cooke diesen verbalen Aufschrei ignoriert, und den Satz schlicht „Scherzo“ nennt, druckt Gamzou ihn vollständig in seiner Fassung ab, und nennt den Satz „Wild. Der Teufel tanzt es mit mir“. Was nun folgt, ist ein schauriger Ländler, der unerbittlich in den Abgrund führt. Die bohrende Intensität, mit der Gamzou und seine Philharmoniker diese Musik darbieten, geht so sehr unter die Haut, dass sie beim beim Hörer beinahe körperliche Schmerzen verursacht.

Schließlich ist Mahler am Ende des Satzes am schwärzesten Abgrund angelangt: Ein donnernder Trommelschlag läutet das Finale ein, und was nun folgt, sucht vermutlich in der gesamten sinfonischen Musik seinesgleichen: die Musik kommt völlig zum Stillstand, Mahler stellt eine Art Ur-Zustand her. Die Kontrafagotte spielen sehr langsame Achtelfiguren, in denen es weder ein erkennbares Metrum noch eine erkennbare Tonart gibt. Immer wieder werden sie von den unerbittlichen Schlägen der Großen Trommel unterbrochen.

Gustav Mahler Gedenktafel in Hamburg © IOCO

Gustav Mahler Gedenktafel in Hamburg © IOCO

Es gibt keine Richtung und kein Vorwärtskommen, und Gamzou lässt den Hörer die ganze Hoffnungslosigkeit spüren, die aus dieser Musik spricht. Man fragt sich, ob das überhaupt Musik ist, oder nicht vielmehr ein bloßer Zustand. Schließlich schwingt sich eine Flöte zu einer einsamen Melodie auf, die wie eine Vorausahnung von Schostakowitsch klingt. Das nun einsetzende Adagio ist wie ein großer Abgesang auf das Leben. Doch im Gegensatz zum Adagio aus der 9. Sinfonie wird dieser Abgesang immer wieder unterbrochen. Eine Art Scherzo schiebt sich dazwischen, und auch der berühmte 9-tönige Akkord des ersten Satzes kehrt nochmal zurück, vom Orchester mit schneidiger Schärfe heraus geschleudert. Es geht sogar ganz zum Anfang zurück, denn die rezitativische Einleitung des ersten Satzes kehrt wieder, diesmal aber nicht in den Bratschen, sondern „apokalyptisch“ in den Hörnern. Doch dann kehrt Frieden ein, und das ist für Gamzou von zentraler Bedeutung. Er versteht den versöhnlichen Epilog der Sinfonie als Botschaft Mahlers und schreibt dazu im Vorwort seiner Partitur:

„Der Epilog stellt eine Alternative zur Apokalypse dar, er ist das Licht am Ende des Tunnels, und dieses Licht wird weder durch Kampf noch Zerstörung erreicht: Nur durch Akzeptanz können wir Erlösung erreichen […]: Akzeptanz der Liebe, […] der Demut, des […] Todes, des Schicksals […]. Nur durch Akzeptanz ist eine spirituelle Auferstehung möglich.“

Dieser Konzertabend in der Bremer Glocke war nicht weniger als eine musikalische Sternstunde. Man erlebt es äußerst selten, dass ein Dirigent seine Sicht auf ein Werk („sein Werk“, ist man geneigt zu sagen) so klar und überzeugend vermitteln kann. Einen großen Anteil daran hatten auch die Bremer Philharmoniker, die sich nicht nur die Seele aus dem Leib spielten, sondern auch den technischen Herausforderungen des Werkes absolut gewachsen waren.

Beim ekstatischen Applaus am Ende zeigte sich die Begeisterung des Publikums für einen Abend, der bei vielen noch lange nachklingen wird!

—| IOCO Kritik Die Glocke |—

Hamburg, Staatsoper Hamburg, Die Nase – Dmitri Schostakowitsch, IOCO Aktuell, 21.08.2019

August 21, 2019 by  
Filed under Hervorheben, Oper, Pressemeldung, Staatsoper Hamburg

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Staatsoper Hamburg

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

7. September 2019 – Die Staatsoper Hamburg started in die neue Spielzeit

Die Nase von Dmitri Schostakowitsch  – Open-Air – Mitmachtanzprojekt

Mit der absurden Oper Die Nase von Dmitri Schostakowitsch eröffnet die Staatsoper Hamburg ihre neue Saison. Die Neuproduktion ist eine Inszenierung der Hamburger Schauspielhaus-Intendantin Karin Beier unter Musikalischer Leitung des Hamburgischen Generalmusikdirektors Kent Nagano. Darin geht es um die Nase des Beamten Kowaljow, die sich aus seinem Gesicht entfernt und als Politiker Karriere macht. Die Groteske über Identitätsverlust vereint Komisches und Schreckliches zugleich: Dass eine Nase ein Eigenleben führt, schürt in der Gesellschaft die Furcht vor dem Unbekannten und endet in einer Megahysterie. Zu erleben sind unter anderem: Bo Skovhus als Platon Kusmitsch Kowaljow, Levente Páll als Iwan Jakowlewitsch und Bernhard Berchtold als die Nase, in Gestalt eines Staatsrates, sowie die Ensemblemitglieder Helen Kwon, Renate Spingler, Katja Pieweck und Peter Galliard.

Die Nase – Saisoneröffnung der Staatsoper Hamburg
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Die Nase – Oper für alle: Open-Air-Übertragung

Zeitversetzt wird die Eröffnungspremiere Die Nase am 7. September ab 20.30 Uhr auf Leinwänden an drei Orten für alle Hamburgerinnen und Hamburger übertragen: Traditionell am Jungfernstieg im Rahmen des Binnenalster Filmfestes und in Zusammenarbeit mit dem Filmfest Hamburg, dem City Management Hamburg und dem „Verein lebendiger Jungfernstieg“, bereits zum zweiten Mal am Rathausmarkt Harburg und in diesem Jahr erstmalig auch in Bergedorf auf dem Freideck des Center-Parkhauses in Zusammenarbeit mit dem Marktkauf-Center.

Mittanzen: NaseAhoi!

Mit dem Partizipationsprojekt NaseAhoi! stimmt die Staatsoper Hamburg direkt am Jungfernstieg auf die Eröffnungspremiere ein: Am 7. September ab 20 Uhr können alle Tanzfreudigen zu Schostakowitschs schönsten Walzerklängen, dem Second Waltz, an der Binnenalster tanzen – alle sind willkommen: ob allein, als Paar oder Formation sowie Anfänger oder Profi, oder einfach nur zum Zugucken. Gut zu wissen: Um 19.00 Uhr und 19.30 Uhr gibt es zwei kostenlose Walzer-Auffrischungskurse in der Staatsoper Hamburg.

—| Pressemeldung Staatsoper Hamburg |—

Hamburg, Museum für Kunst und Gewerbe, Chopin Festival Hamburg, IOCO Aktuell, 20. – 25.6.2019

Juni 8, 2019 by  
Filed under Konzert, Pressemeldung

Pere Lachaise / Frederic Chopin Grabstätte © IOCO

Pere Lachaise / Frederic Chopin Grabstätte © IOCO

Chopin Festival

Chopin-Festival Hamburg : 20. – 25.06.2019

– Klaviermusik neu erleben –

Geschichte und Gegenwart, Romantik und Neuzeit – das Programm des 2. Chopin Festivals Hamburg verbindet vom 20.06. bis 25.06.2019 die Klangwelten moderner und historischer Flügel zu einem außergewöhnlichen Musikerlebnis. International renommierte Pianisten wie Ragna Schirmer, Janusz Olejniczak, Tomasz Ritter, Hélène Tysman, Tobias Koch spielen im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg und in der Hamburger Kunsthalle das Œuvre von Fryderyk Chopin sowie Kompositionen von Ludwig van Beethoven, Robert Schumann, Sergei Rachmaninow und Sergei Prokofiew. Andreas Staier, einer der bedeutendsten Interpreten historisch informierter Aufführungspraxis, bestreitet mit Werken von Joseph Haydn, Wolfgang Amadeus Mozart und Franz Schubert das Abschlusskonzert des Festivals. Dabei wird er von dem Geiger Daniel Sepec und dem Cellisten Roel Dieltiens begleitet.

Chopin Festival/ Pianistin Ragna Schirmer © Maike Helbig

Chopin Festival/ Pianistin Ragna Schirmer © Maike Helbig

Jeder Künstler wirft einen anderen Blick auf die Musik Chopins und der anderen Komponisten, und das gleich in doppelter Hinsicht, nämlich in der Auswahl des Werks und in der des Instruments. Im ersten Teil der Konzerte werden die Interpretationen von vergangener Klangfülle der original-historischen Klaviere aus der weltberühmten Musikinstrumente-Sammlung des Museums für Kunst und Gewerbe wie „Broadwood“, „Pleyel“, „Brodmann“ oder historischem „Steinway“ geprägt. Als Kontrapunkt zu den Instrumenten des 19. Jahrhunderts erklingen dann im zweiten Teil der Konzerte moderne Flügel von „Shigeru Kawai“ und „Steingraeber“. Dieser Klang-Vergleich sorgt für neue intensive Hörerlebnisse.

Der Intendant des Chopin-Festivals Prof. Hubert Rutkowski: „Beim 2. Chopin-Festival Hamburg 2019 treten brillante Pianistinnen und Pianisten auf. Einzigartig an diesem Klassik-Festival ist, dass sie Werke auf original historischen Instrumenten spielen und dazu im Vergleich – und in derselben Vorstellung – auch auf einem Flügel der Gegenwart. Es ist ein klanglicher Wettbewerb zwischen Historie und Moderne mit Abendkonzerten, Meisterkursen und Künstlergesprächen.“

Das Chopin-Festival Hamburg ist das erste und einzige Festival, das die Klangwelten historischer und moderner Flügel gegenüber stellt. An fünf Konzertabenden und in fünf Meisterkursen hat das Publikum die Gelegenheit, die kontrastierenden Klänge der originalgetreuen und zeitgenössischen Wiedergabe der Werke von Fryderyk Chopin zu erleben.

Das 2. Chopin Festival Hamburg wird von der Chopin-Gesellschaft Hamburg & Sachsenwald e.V. mit freundlicher Unterstützung des Museums für Kunst und Gewerbe Hamburg und der Hamburger Kunsthalle sowie in Zusammenarbeit mit der Hochschule für Musik und Theater Hamburg organisiert.

Einzelpreise bis 4 Personen, pro Abendkonzert: 45€, für jedes weitere Konzert: 40 €
Gruppen ab 5 Personen, pro Abendkonzert: 40 €, für jedes weitere Konzert: 35 €
Studierende: 10 Euro €, Freier Eintritt zu den Meisterkursen, E-Mail: karten@chopin-hamburg.de, Konzertkasse Gerdes und alle bekannten Vorverkaufsstellen

Weitere Informationen zum Festival unter: www.chopin-festival.de

—| IOCO Aktuell Chopin Festival |—

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