Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Götterdämmerung – Richard Wagner, IOCO Kritik, 28.05.2018

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

GÖTTERDÄMMERUNG  –  Richard Wagner

– Der Untergang der Götter – Durch Menschenhand –

Von Ingrid Freiberg

Der Ring des Nibelungen ist die Überforderung der Operngeschichte schlechthin. Es wird erlitten, zerrissen, verflucht, geliebt, bewundert, abgesessen, verehrt und verteufelt.

Scheitern ist das Mantra der Götterdämmerung

Regisseur Uwe Eric Laufenberg hat sich mit der Inszenierung des Rings einen Lebenstraum erfüllt. Seine Götterdämmerung beschreibt den Untergang der Götter mit aktuellen Gegebenheiten und den Entwicklungen in einer realen Welt. Er erzählt von Hoffnung und Enttäuschung, Traum und Wirklichkeit, Utopie, Krieg und Untergang. Szenen von verstörender Intensität kulminieren beständig und enden in der Darstellung eines sich auflösenden Weltalls.

Richard Wagner in Bayreuth © IOCO

Richard Wagner in Bayreuth © IOCO

Die Welt kennt wenige bedeutende Dichterkomponisten. Einzig und allein Richard Wagner ist es gelungen, zehn Bühnenwerke zu schaffen, die zum eisernen Bestandteil des Opernrepertoires gehören und gleichzeitig Sternstunden der Poesie sind.  „Vollendet in Wahnfried am 21. November 1874. Ich sage nichts weiter!“ mit diesen Worten schloss Wagner die Partitur der Götterdämmerung ab. Die Uraufführung fand am 17. August 1876 im Rahmen der Richard-Wagner-Festspiele statt. Wagner übernahm die künstlerische Gesamtleitung, gab täglich neue Anordnungen, seine Regieanweisungen konterkarierend „Die großen Noten kommen von selbst, die kleinen Noten und der Text sind die Hauptsache!“

Feuerzauber in einer Schale

Die drei Nornen spinnen keine goldenen Schicksalsfäden, sondern schießen grüne Laserstrahlen aus ihren mit Präsentationspointern präparierten Handschuhen. Nach ihrer Weissagung, dass Walhall verbrennen wird, sobald die Rheintöchter den Ring wieder besitzen, verlöschen die Strahlen.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Götterdämmerung - hier : die drei Rheintöchter und Siegfried  im Lokal ZUM RHEINGOLd © Karl Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Götterdämmerung – hier : die drei Rheintöchter und Siegfried  im Lokal ZUM RHEINGOLd © Karl Monika Forster

In einem mit Designermöbeln ausgestatteten Glas-Bungalow haben sich Siegfried und Brünnhilde eingerichtet. Die in einer kleinen Schale flackernde Flamme ist eine Reminiszenz an den Feuerzauber auf dem Walkürenfelsen, an dem – laut Libretto – des Nachts die drei Nornen lagern. Siegfried betritt „sein Haus“ sich ausgiebig räkelnd, mit einer Tasse Kaffee in der Hand und einem Elektrorasierer im Gesicht. Kurz darauf erscheint Brünnhilde im Negligé und zieht ihm, ganz fürsorgliche Ehefrau, seine Jacke an, stellt ihm die Schuhe bereit. Die beiden albern herum und küssen sich zärtlich.

Siegfried wird die traute Zweisamkeit langweilig. Er will auf zu neuen Taten. Vorahnend beschwört Brünnhilde ihn Gedenk‘ der Eide, die uns einen; gedenk‘ der Treue, die wir tragen; gedenk‘ der Liebe, der wir leben Brünnhilde brennt dann ewig heilig dir in der Brust!“ Sie übergibt Siegfried ihr Pferd Grane als Liebespfand. Es ist riesig groß, ein Machtsymbol, ein trojanisches Pferd, mit dem die Menschheit in die Vernichtung rast. Siegfried gibt ihr den Ring, den er Alberich vom Finger gezogen hat. Stürmisch nehmen die Liebenden Abschied. Amüsant: Händeringend und kopfschüttelnd kommt Siegfried noch einmal zurück, um sein Schwert zu holen, das er vergessen hat…

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Götterdämmerung - hier : Alberich und Hagen im Zwiegespräch © Karl Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Götterdämmerung – hier : Alberich und Hagen im Zwiegespräch © Karl Monika Forster

Die Halle der Gibichungen am Rhein

Siegfrieds Rheinfahrt endet am Hof von Gunther und Gutrune, dem ledigen Gibichungen-Geschwisterpaar. (Die Fahrt wird durch Videostreifen illustriert – erkennbar die nahegelegene Burg Pfalzgrafenstein bei Kaub.) In der Gibichungenhalle steht der große rechteckige Konferenztisch, der schon Wotans Walküre-Kriegsrat zur Verfügung stand. Haben die Gibichungen diesen von Wotan erworben? Haben die weltlichen Herrscher die Macht bereits übernommen?

Modebewusst und selbstsicher tritt Gunthers Schwester Gutrune auf. Gunther und sie werden als inzestuöses Geschwisterpaar gezeigt. Den machtbesessenen Hagen erkennt das Geschwisterpaar neidlos als Ratgeber an. Hagen hält Siegfried für eine ebenbürtige Partie für seine Halbschwester Gutrune. Dass der „herrlichste Held der Welt“ sie begehren könne, glaubt diese hingegen nicht. Da erinnert sich  Hagen an einen Vergessenstrunk, der einerseits die Vergangenheit auslöscht „dass je ein Weib ihm genaht“, andererseits die Liebe zu einer neuen Frau weckt.

Gunther erzählt Siegfried, er kenne ein starkes Weib und würde es gerne zur Frau nehmen, traue sich aber nicht. Der dem Zauber Verfallene verspricht ihm, für ihn zu werben und drängt „Frisch auf die Fahrt!“ „Um die Rückkehr ist’s mir jach!“.

Siegfried und Gunther schließen Blutsbrüderschaft, die von Hagen an dem langen Konferenztisch zu Papier gebracht und vertraglich besiegelt wird. Ihm geht es ausschließlich um den Ring, den Brünnhilde noch trägt. Seine Träume flackern über die Leinwand, Alberich schleicht sich sichtbar in diese hinein. Die beiden Blutsbrüder eilen davon. Hagen bleibt zurück und bewacht die Halle. In einem Selbstgespräch höhnt er ihnen nach „Ihr freien Söhne, frohe Gesellen, segelt nur lustig dahin! Dünkt er euch niedrig, ihr dient ihm doch, des Niblungen Sohn.“ (überzeugend diabolisch Albert Pesendorfer)

Walkürenfelsen – Ein Glasbungalow

Brünnhilde wartet, modern bekleidet, gelangweilt Magazine lesend, den Ring betrachtend, auf Siegfried. Sie ist beunruhigt und ahnungsvoll. Allein der Ring, Siegfrieds Liebespfand, gibt ihr Halt. Das Feuer in der Schale ist erloschen. Wotan sitzt stumm vor dem Haus. Der Speer, einst das Symbol seiner Macht, für den er ein Auge gegeben hat, ist zerbrochen Er sieht nur noch auf einem Auge, dem der Macht und derer Erhaltung.

Waltraute  beschwört  Brünnhilde

Statt Siegfried kommt Waltraute zu Besuch. Brünnhilde glaubt zunächst an ein Versöhnungsangebot Wotans, der ihr noch immer zürnt. Doch Waltraute beschwört Brünnhilde, den geraubten verfluchten Ring den Rheintöchtern zurückzugeben und

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Götterdämmerung - hier - Catherine Foster als Brünnhilde © Karl Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Götterdämmerung – hier – Catherine Foster als Brünnhilde © Karl Monika Forster

damit auch dem lebensmüden Göttervater Frieden zu verschaffen. (Die beiden Sängerinnen meistern ihre Partien bravourös, obwohl sie bisweilen im Inneren des Bungalows zu singen haben.)

 Brünnhilde, keine Walküre mehr, ist nichts wichtiger als ihre Liebe zu Siegfried. Empört lehnt sie ab, den Ring zu opfern Geh hin zu der Götter heiligem Rat! Von meinem Ringe raune ihnen zu Die Liebe ließe ich nie, mir nähmen nie sie die Liebe, stürzt‘ auch in Trümmern Walhalls strahlende Pracht!“

„Nun, Nothung, zeuge du, dass ich in Züchten warb“

Siegfried betritt den Bungalow. (Wo bleibt hier die Intensität von Wagners genialem Feuerzaubermotiv, in vielen Inszenierungen auch optisch eine Augenweide?) Entsetzt erblickt Brünnhilde einen Fremden „Zur Schande zwingst du mich nicht, so lang’ der Ring mich beschützt.“ Drohend streckt sie ihm den Ring entgegen.

Der vermeintlich Fremde macht kurzen Prozess. Mit einer Latex-Gesichtsmaske verkleidet, die ihn täuschend echt wie Gunther aussehen lässt, überwindet der erinnerungslose? Siegfried seine Frau, um sie für den Schwächling Gunther zu erobern. Er knöpft sich die Hose auf, schiebt verächtlich Brünnhildes Beine auseinander und missbraucht die Ohnmächtige zu den düster schneidenden h-Moll-Klängen. Es ist ein bestürzender Akt. Nothung, sein Schwert, müsste Abscheuliches bezeugen!

„Schläfst du, Hagen, mein Sohn?“

Alberich erscheint seinem Sohn Hagen im Schlaf. Der alte Nibelung wird durch eine Projektion verdoppelt. Hagen sitzt in einem Drehstuhl auf dem langen Konferenztisch, nur von einem Spot erhellt. Neben dem Tisch sitzt Alberich, der in Echtzeit gefilmt überdimensional hinter Hagen projiziert wird. Die Bilder unterstreichen intensiv den Traumcharakter der Szene.

Alberich giert, anders als Wotan, weiter nach Ring und Macht Ich – und du! Wir erben die Welt. Trüg‘ ich mich nicht in deiner Treu‘, teilst du meinen Gram und Grimm“. Alberich schwört Hagen auf den Kampf um die Ring-Welt ein. Schlaftrunken antwortet dieser „Den Ring soll ich haben […] Mir selbst schwör’ ich’s; schweige die Sorge!“ (Das Zwiegespräch ist einer der Höhepunkt des Abends.)

„Du lügst, du bist bereits mit mir vermählt“

Unvermittelt steht Siegfried neben Hagen. Er berichtet von „Gunthers“ erfolgreichem Brautzug und fordert Hagen und Gutrune auf „drum rüstet jetzt den Empfang!“ Die Doppelhochzeit soll endlich gefeiert werden! Auch Gunther und Brünnhilde treffen ein. Feierlich schreitet er mit Brünnhilde „welche bleich und gesenkten Blickes ihm folgt,“ in die Halle. Als Gunther Gutrune und Siegfried als Brautpaar ankündigt, blickt Brünnhilde erschrocken auf „Siegfried – kennt mich nicht?“ Als sie den Ring an Siegfrieds Finger entdeckt, erahnt sie den Betrug. Siegfried erzählt „Den Ring – empfing ich nicht vom ihm, von keinem Weib kam mir der Reif… genau erkenn‘ ich des Kampfes Lohn, den vor der Neidhöhl‘ einst ich bestand, als den starken Wurm ich erwürgt.“ Verzweifelt schreit Brünnhilde ihm entgegen Du lügst, du bist bereits mit mir vermählt“.

Aufgewühlt sitzt Gunther in der Ecke „Betrüger ich – und betrogen! Verräter ich – und verraten! Zermalmt mir das Mark! Zerbrecht mir die Brust! Hilf, Hagen! Hilf meiner Ehre! Hilf deiner Mutter, die mich – auch ja gebar!“ Brünnhildes grenzenlose Liebe zu Siegfried verwandelt sich in Hass. (Das Rachemotiv gehört zu den stärksten Momenten. Catherine Forster elektrisiert das Publikum.) Brünnhilde verrät Hagen und Gunther die einzige Stelle, an der Siegfried verwundbar ist.

Im Wasser wie am Lande lernte nun ich Weiberart…“

Erneut ist das Augenlid-Oval  auf der Bühne zu sehen – diesmal mit gefranstem Glamour-Vorhang und der geschwungenen Leuchtüberschrift „Zum Rheingold“. Die Rheintöchter – in Netzstrümpfen -scheinen sich dem horizontalen Gewerbe verschrieben zu haben. Aufreizend, sich an der Bar rekelnd, becircen sie Siegfried. Wollen sie den Ring oder Bezahlung für gewisse Dienste?

Doch schnell wird klar Die Rheintöchter versuchen, ihm den Ring abzuschmeicheln. Als er das verweigert, warnen sie ihn vor dem Fluch, dem er noch heute zum Opfer fallen werde. Munter entgegnet Siegfried  Im Wasser wie am Lande lernte nun ich Weiberart, wer nicht ihrem Schmeicheln traut, den schrecken sie mit Drohen; wer dem nun kühnlich trotzt, dem kommt dann ihr Keifen dran.“  Die Androhung des baldigen Todes lässt ihn furchtlos trotzig auf den Besitz des Rings beharren.

Hagen träufelt den Saft eines Krautes in sein Trinkhorn

Während die Rheintöchter entschwinden, um Brünnhilde aufzusuchen, trifft die Jagdgesellschaft mit Hagen und Gunther ein. Hagens Mannen haben ordentlich viel Wild erjagt, das stolz auf dem Boden der Bühne präsentiert wird. Ausgelassen prosten sie sich zu. Siegfried versucht, den verunsicherten Gunther mit Berichten seiner Taten zu unterhalten.

Damit Siegfrieds Erinnerung zurückkehrt, mischt Hagen einen Trunk. Schwärmend erzählt Siegfried von seiner Liebesbegegnung mit Brünnhilde und unbekümmert von den Wasservögeln, die ihm seinen heutigen Tod angekündigt hätten „Auf Waldjagd zog ich aus, doch Wasserwild zeigte sich nur. War ich dazu recht beraten, drei wilde Wasservögel hätt‘ ich euch wohl gefangen, die dort auf dem Rhein mir sangen, erschlagen würd‘ ich noch heut.“ (Die „Waldvogel-Höhen“ zitiert Lance Ryan mit bewundernswerter Genauigkeit.)

Siegfrieds Meineid ist aufgedeckt. Hinterlistig stößt Hagen dem Ahnungslosen den Speer in den Rücken. Mit Brünnhilde im Herzen stirbt Siegfried. Hagen greift nach der Hand des „Helden?“, die dieser noch einmal drohend emporstreckt.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Götterdämmerung - hier : Siegfried wird durch Hagen ermordet © Karl Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Götterdämmerung – hier : Siegfried wird durch Hagen ermordet © Karl Monika Forster

Siegfried erhält  eigenes Bühnenbild

Das Geschehen unterstützend erhält Siegfried in seiner letzten Stunde ein eigenes Bühnenbild. Gegenstände als Symbole für Stationen aus Siegfrieds Leben werden ausgestellt Sein Jugendzimmersofa mit den Kopfhörern, Mimes speckiger Kühlschrank, der Tarnhelm, eine Warnlichtsäule aus Fafners Goldlager, der Amboss und die Schmiede mit denen er Nothung schmiedete… Die Szene bekommt etwas Unwirkliches durch ein Video. Man sieht Siegfrieds Bewegungen und das Bühnenbild als Endlos-Lichttunnel. Der tote Siegfried wird zu den toten Tieren gelegt. Der größte Held, der reichste und mächtigste Mann der Welt, ist auch nur ein Kadaver.

Hagen wird in der Gibichungenhalle ertränkt

Nach verborgener Szenenverwandlung wird Siegfried auf dem symbolträchtigen Konferenztisch der Gibichungenhalle aufgebahrt. Der Schicksalsfaden ist gerissen. Siegfried, Wotans Enkel, der den Ring des Nibelungen am Finger trägt, der die Welt retten sollte, starb im Wald. Hagen brüstet sich trotzig mit dem Mord, weil der Tote „Meineid sprach“. Er macht „Heiliges Beuterecht“ geltend und fordert den Ring. Gunther stellt sich ihm – zum ersten Mal – mutig in den Weg. Obwohl sich die Mannen dazwischen werfen, gelingt es Hagen ihn mit einem Streich zu erschlagen. Die zurückgekehrte Brünnhilde ergreift den Ring und nimmt ihn sinnend betrachtend an sich. In tiefer Erschütterung, mit überwältigender Wehmut, wendet sie sich Siegfried zu und preist  noch einmal den Toten.

Von den Rheintöchtern weiß Brünnhilde um den fluchbeladenen Ring. Sie dankt ihnen für „redlichen Rat“. Inzwischen errichten die Mannen  einen mächtigen Scheiterhaufen. Brünnhilde steckt sich den Ring an und wendet sich dem Scheiterhaufen zu. Auf Siegfrieds Leiche ausgestreckt, entreißt sie einem der Männer seine Fackel und zündet sich an. Aus der Asche sollen die Rheintöchter  den durch Feuer vom Fluch gereinigten Ring an sich nehmen. Hagen versucht die Rheintöchter zu verjagen. Doch sein Bemühen, ihnen den wiedererlangten Ring abzunehmen, scheitert. Die Rheintöchter ertränken ihn in der wasserlosen Gibichungenhalle.

Die Erde entfernt sich aus unserem Sonnensystem

Am Ende gerät die Welt aus den Fugen. Alberichs Ring-Fluch ist wahr geworden. Die Götter sind schutzlos seinem Machtanspruch ausgeliefert. Die Schlussprojektionen entfernen sich von der Erde, unserem Sonnensystem, unserer Galaxie – bis alles wieder ein riesiges Auge bildet, in das Gutrune durch ein Fernrohr sieht. Das Auge ist der Anfang und das Ende. Am Anfang haben die Menschen die Welt, in die sie geworfen wurden, zu betrachten begonnen, nun haben sie sie erobert. Sucht Gutrune jetzt beim Publikum – im hell erleuchteten Theater – Unterstützung für eine bessere Zukunft?

 Ein großer Abend – Schlüssige Inszenierung

Catherine Foster begeistert das Publikum. Es gelingt ihr, Glück und Traurigkeit Brünnhildes mit großer Innigkeit darzustellen. Überragend gestaltet sie den Schlussmonolog, den sie glühend aussingt. Lance Ryan kann seinen starken Tenor wunderbar schattieren und wandeln. Er zeigt glaubhaft die verunsicherten, verletzlichen Seiten des ebenso großen wie tumben Helden Siegfried auf. Das „Bayreuther“ Liebespaar überzeugte auch in Wiesbaden.

Richard Wagner Denkmal im Berliner Tiergarten, zu seinen Füßen Wolfram von Eschenbach © Rainer Maass

Richard Wagner Denkmal im Berliner Tiergarten, zu seinen Füßen Wolfram von Eschenbach © Rainer Maass

Thomas de Vries gibt einen vokal wuchtigen Zwerg Alberich mit überzeugender Intensität. Das Zwiegespräch mit Albert Pesendorfer gehört zu den Spitzenleistungen des Abends. Albert Pesendorfers körperlich und stimmlich überragender Hagen ist in seiner Gefährlichkeit glaubwürdig. Anfangs fast jovial, bald mit bröckelnder Fassade kann er seine Gier kaum verstecken.

Betsy Horn überzeugt gesanglich und darstellerisch mit ihrem klaren Sopran als glitzernd-lässige Gutrune, die zwar den Aufstieg will, aber die Dimensionen der Bosheit, die dazu gehören, nicht erreicht. Ihre Dritte Norn ist wunderbar einfühlsam. Johannes Martin Kränzles Stimme hat Kraft und Fundament. Seine differenzierte Darstellung des Gunther als Weichling wurde zu Recht stark bejubelt. Margarete Joswig sang sich als Waltraute mit ihrem sinnlich satten Mezzo in die Zuschauerherzen. Ihre Warnung an Brünnhilde ist eindrucksvoll.

Die drei Nornen, Margarete Joswig/ Erste Norn, Silvia Hauer/ Zweite Norn, Betsy Horn/ Dritte Norn agieren sehr weiblich, wunderbar kammermusikalisch, stringent und kompakt. Die drei Rheintöchter, gesungen von Heather Engebretson/ Woglinde, Marta Wryk/ Wellgunde, Silvia Hauer/ Flosshilde harmonieren wunderbar. Verrucht verführen sie Siegfried, gesanglich überzeugend gelingt es ihnen sogar, Hagen wasserlos zu ertränken.

Chor- und Extrachor des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden, bestens disponiert von Albert Horne, schenkt den Theaterbesuchern erlesenen Wagnergesang.

Zu Recht gefeiert wird das Staatsorchester unter der Leitung von Alexander Joel. Sein Dirigat ist ausgewogen und transparent. Mit seiner von dramatischen Zuspitzungen geprägten Interpretation leistet das Orchester Bemerkenswertes. Von düsterer Blechgewalt bis hin zu brillanten Violinen gibt es schöne Abstufungen der einzelnen Instrumentengruppen.

Gisbert Jäkel zeigt mit seinem klassisch-modern inspirierten Bühnenbild den Untergang unserer Zivilisation mit Nuklearraketen, Atompilzen und Naturkatastrophen. Ohne die Videos von Falko Sternberg wäre der Abend nicht zu denken. Um von Hoffnung und Enttäuschung, Traum und Wirklichkeit, Utopie und Untergang erzählen zu können, bedient er sich ideologischer digitaler Mittel. Manchmal irritieren sie allerdings durch ihre Beliebigkeit.

Die eleganten Kreationen von Antje Sternberg/Kostüme erweisen sich als echte Hingucker, wie auch die stilistisch passenden Mobiliar-Accessoires. Über die bewaffneten, Fähnchen schwenkende Mannen kann man hinwegsehen; gelungen, die attraktiven halbseidenen Rheintöchter des Etablissements „Zum Rheingold“.

Bravo-Rufe vor allem für Catherine Foster, Albert Pesendorfer, Johannes Martin Kränzle, das Staatsorchester und Alexander Joel. Mit rhythmischem Applaus zwangen die Besucher Dirigent und Sänger immer wieder vor den Vorhang.

—| IOCO Kritik Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—

 

Bayreuth, Bayreuther Festspiele 2018 – Spielplan, IOCO Aktuell, 24.01.2018

Januar 26, 2018 by  
Filed under Bayreuther Festspiele, Hervorheben, IOCO Aktuell, Oper

Festspielhaus Bayreuth © Patrik Klein

Festspielhaus Bayreuth © Patrik Klein

Bayreuther Festspiele

Bayreuther Festspiele 2018

Lohengrin, Parsifal, Tristan und Isolde, Die Meistersinger, Holländer

Von Patrik Klein

Am 25. Juli eines jeden Jahres beginnen auf dem Grünen Hügel in Bayreuth die Bayreuther Festspiele; den Hauptwerken Richard Wagners gewidmet. In Anwesenheit von Kaiser Wilhelm I.  (Wilhelm Friedrich Ludwig von Preußen 1797 – 1888) wurde am 13.8.1876 die erste Festspielsaison in Bayreuth mit Rheingold und höchst prominenten Gästen wie König Karl von Württemberg,  Friedrich Nietzsche, Franz Bruckner, Franz Liszt, Leo Tolstoi, Camille Saint-Saents eröffnet. Der menschenscheue  König Ludwig II. (1845 – 1886), Finanzier und Wagnerverehrer,  fehlte zur Eröffnung; doch hatte er Tage zuvor den Generalproben und später einem Ring-Zyklus beigewohnt. 58.000 Besucher „pilgern“ seither jedes Jahr zu den Bayreuther Festspielen, welche zu den bekanntesten wie meist besprochenen  Festspielen der Welt zählen.

Spielplan 2018 und Hintergründe

Richard Wagner Büste © IOCO

Richard Wagner Büste © IOCO

Am 25. Juli 2018 beginnen die 107. Bayreuther Festspiele mit einer Neuinszenierung des Lohengrin. Die Regie liegt in den Händen von Yuval Sharon (der mit israelischen Wurzeln versehene Regisseur arbeitete unter anderem an der Deutschen Oper Berlin, bei den Bregenzer Festspielen und an der Oper von San Franzisco. Zu seinen neueren Arbeiten zählt Péter Eötvös’ Tri Sestri an der Wiener Staatsoper. Seine Inszenierung der Oper Doctor Atomic von John Adams 2014 am Staatstheater Karlsruhe erhielt den Götz-Friedrich-Preis). Für die Ausstattung zeichnen Neo Rauch und Rosa Loy verantwortlich. Beachtenswert dürfte das Debüt von Roberto Alagna als Lohengrin und die Rückkehr von Waltraud Meier als Ortrud auf den Grünen Hügel sein. Die musikalische Leitung übernimmt Christian Thielemann. Der Musikdirektor der Festspiele wird dann jedes der Hauptwerke Wagners auf dem Grünen Hügel dirigiert haben. Daneben stehen Der fliegende Holländer, Die Meistersinger von Nürnberg, Tristan und Isolde und Parsifal auf dem Spielplan. Um im ersten ringfreien Jahr eine möglichst große Zahl unterschiedlicher Produktionen zeigen zu können, wird zudem Die Walküre aus dem abgespielten Castorf-Ring noch einmal in drei Einzelvorstellungen präsentiert. Am Pult steht hierbei kein geringerer als Plácido Domingo.

IOCO Kultur im Netz berichtete 2017 ausführlich über Produktionen in Bayreuth, wie den Rings des Nibelungen, den sogenannten Castorf-Ring, Parsifal oder Die Meistersinger von Nürnberg. 2018 wird IOCO erneut mit mehreren Korrespondenten leidenschaftlich, mit offenen Augen und „gespitzten“ Ohren den Aufführungen im Festspielhaus beiwohnen und darüber berichten.

Die Bestätigung der im Herbst bestellten Tickets sind mittlerweile erfolgt. Ein weiteres Kontingent an Karten kommt demnächst in den Onlineverkauf. Voraussichtlich am 18. März 2018 um 14 Uhr wird der Verkauf von Eintrittskarten für die Bayreuther Festspiele 2018 im Online-Soforterwerbs-Verfahren beginnen, das heißt, ohne oftmals langjährige und lästige Wartezeiten.

Für sämtliche Aufführungen der Bayreuther Festspiele 2018 sind Eintrittskarten für Online-Bestellungen und schriftliche Bestellungen und für Online-Sofortkauf-Tickets abrufbar unter:  http://www.bayreuther-festspiele.de/tickets-service/agb/

Kartenbestellungen werden nur im Internet (http://ticket.btfs.de) oder in schriftlicher Form (Bestellschein an: Bayreuther Festspiele GmbH · Kartenbüro · Postfach 100 262 · 95402 Bayreuth) angenommen.

 Palast am Canale Grande in Venedig - Richard Wagner wohnte und starb hier © IOCO

Palast am Canale Grande in Venedig – Richard Wagner wohnte und starb hier © IOCO

 Bayreuther Festspiele – Spielplan 2018 

Mit Ausnahme des Lohengrin sind zur Zeit sind die Besetzungen der Produktionen zur Zeit / Stand 25.1.2018) noch   unvollständig.

LOHENGRIN:

Musikalische Leitung                                                  Christian Thielemann
Regie                                                                          Yuval Sharon
Bühne                                                                         Neo Rauch, Rosa Loy
Kostüm                                                                       Rosa Loy, Neo Rauch
Chorleitung                                                                 Eberhard Friedrich
Licht                                                                            Reinhard Traub
Heinrich der Vogler                                                     Georg Zeppenfeld
Lohengrin                                                                    Roberto Alagna
Elsa von Brabant                                                        Anja Harteros
Friedrich von Telramund                                             Tomasz Konieczny
Ortrud                                                                          Waltraud Meier
Der Heerrufer des Königs                                           Egils Silins

  1. Edler Michael Gniffke
  2. Edler Eric Laporte
  3. Edler Raimund Nolte
  4. Edler Timo Riihonen

Termine: Mittwoch, 25. Juli 2018, 16:00 Uhr; Sonntag, 29. Juli 2018, 16:00 Uhr; Donnerstag, 02. August 2018, 16:00 Uhr; Montag, 06. August 2018, 16:00 Uhr; Freitag, 10. August 2018, 16:00 Uhr


PARSIFAL:

Musikalische Leitung                                                  Semyon Bychkov
Regie                                                                          Uwe Eric Laufenberg
Bühne                                                                         Gisbert Jäkel
Kostüm                                                                       Jessica Karfe
Licht                                                                            Reinhard Traub
Video                                                                          Gérard Naziri
Dramaturgie                                                               Richard Lorber
Chorleitung                                                                 Eberhard Friedrich

Termine: Donnerstag, 26. Juli 2018, 16:00 Uhr; Mittwoch, 01. August 2018, 16:00 Uhr; Mittwoch, 08. August 2018, 16:00 Uhr; Dienstag, 14. August 2018, 16:00 Uhr; Sonntag, 19. August 2018, 16:00 Uhr; Samstag, 25. August 2018, 16:00 Uhr


TRISTAN UND ISOLDE:

Musikalische Leitung                                                 Christian Thielemann
Regie                                                                         Katharina Wagner
Bühne                                                                        Schlößmann; Lippert
Kostüm                                                                      Thomas Kaiser
Dramaturgie                                                               Daniel Weber
Licht                                                                            Reinhard Traub
Chorleitung                                                                 Eberhard Friedrich

Termine: Freitag, 27. Juli 2018, 16:00 Uhr; Montag, 13. August 2018, 16:00 Uhr; Donnerstag, 16. August 2018, 16:00 Uhr; Montag, 20. August 2018, 16:00 Uhr; Freitag, 24. August 2018, 16:00 Uhr; Dienstag, 28. August 2018, 16:00 Uhr


DIE MEISTERSINGER VON NÜRNBERG:

Musikalische Leitung                                                 Philippe Jordan
Regie                                                                         Barrie Kosky
Bühne                                                                        Rebecca Ringst
Kostüm                                                                      Klaus Bruns
Chorleitung                                                                Eberhard Friedrich
Dramaturgie                                                              Ulrich Lenz
Licht                                                                           Franck Evin

Termine: Samstag, 28. Juli 2018, 16:00 Uhr; Sonntag, 05. August 2018, 16:00 Uhr; Samstag, 11. August 2018, 16:00 Uhr; Freitag, 17. August 2018, 16:00 Uhr; Dienstag, 21. August 2018, 16:00 Uhr; Montag, 27. August 2018, 16:00 Uhr


DER FLIEGENDE HOLLÄNDER:

Musikalische Leitung                                                 Axel Kober
Regie                                                                         Jan Philipp Gloger
Bühne                                                                        Christof Hetzer
Kostüm                                                                      Karin Jud
Chorleitung                                                                Eberhard Friedrich
Dramaturgie                                                              Sophie Becker
Licht                                                                           Urs Schönebaum

Termine: Montag, 30. Juli 2018, 18:00 Uhr; Freitag, 03. August 2018, 18:00 Uhr; Dienstag, 07. August 2018, 18:00 Uhr; Sonntag, 12. August 2018, 18:00 Uhr; Mittwoch, 22. August 2018, 18:00 Uhr; Sonntag, 26. August 2018, 18:00 Uhr


DIE WALKÜRE:

Musikalische Leitung                                           Plácido Domingo
Regie                                                                   Frank Castorf
Bühne                                                                  Aleksandar Denic
Kostüm                                                                Adriana Braga Peretzki
Licht                                                                     Rainer Casper
Video                                                                   Andreas Deinert, Jens Crull
Technische Einrichtung                                       Karl-Heinz Matitschka

Termine: Dienstag, 31. Juli 2018, 16:00 Uhr; Samstag, 18. August 2018, 16:00 Uhr; Mittwoch, 29. August 2018, 16:00 Uhr


Alle Informationen und weitere Details können auf der Internetseite www.bayreuther-festspiele.de eingesehen werden.

 —| Pressemeldung Bayreuther Festspiele |—

Bayreuth, Markgräfliches Opernhaus, Wiedererstehung in barocker Pracht, IOCO Aktuell, 27.12.2018

Bayerische Schlösserverwaltung

Markgräfliches Opernhaus Bayreuth bei Abend © Bayerische Schlösserverwaltung

Markgräfliches Opernhaus Bayreuth bei Abend © Bayerische Schlösserverwaltung

Markgräfliches Opernhaus in ursprünglicher Pracht

Das Markgräfliche Opernhaus in Bayreuth, eines der schönsten Barocktheater Europas, zeugt noch heute vom Leben und Wirken sowie den künstlerischen Neigungen der Markgräfin Wilhelmine. Die preußische Prinzessin und Lieblingsschwester Friedrichs des Großen, eine der bedeutendsten Frauengestalten im Deutschland des 18. Jahrhunderts, machte aus der Residenzstadt Bayreuth eine strahlende Kulturmetropole. Ihr Lieblingsprojekt und zugleich prächtigster Spielort war das Markgräfliche Opernhaus.
In nur vier Jahren Bauzeit wurde es 1748 fertig gestellt – außen von Joseph Saint-Pierre, innen von Giuseppe und Carlo Galli-Bibiena. Zu seiner Zeit war es in Größe und Prachtfülle nur vergleichbar mit Häusern in Wien, Dresden, Paris oder Venedig. Am 01. Oktober 2012 begannen mehrjährige Sanierungsarbeiten des barocken Kleinods, welche im April 2018 zu einer glanzvollen Wiedereröffnung führen werden.  Das Gebäude sollte    den Beginn eines Zeitalters von Weisheit und Frieden vermitteln, vom Markgrafenpaar Friedrich und Wilhelmine eingeleitet.

Das Opernhaus ist ein Logentheater, ganz aus Holz erbaut, mit drei Logenrängen, welche den drei Ständen der Gesellschaft gewidmet sind. 500 Besucher finden hier normalerweise Platz. Für Richard Wagner war dies Markgräfliche Opernhaus der Anlaß, Bayreuth für sein Festspielhaus zu wählen. So dirigierte er zur Grundsteinlegung des Festspielhauses, am 22. Juli 1872, dort die 9. Sinfonie von Ludwig van Beethoven.

Der Freistaat investiert mit 29,6 Millionen Euro kräftig in die Sanierung des Markgräflichen Opernhauses in Bayreuth. Das UNESCO-Weltkulturerbe ist ein einzigartiges Monument barocker Theaterkultur. Seit etwa fünf Jahren laufen die Instandsetzungs- und Restaurierungsarbeiten an dem Kulturschatz.

Festlicher Zuschauerraum bereits fertiggestellt

Markgräfliches Opernhaus Bayreuth / Der Zuschauerraum nach der Restaurierung, Blick zur Bühne mit neu rekonstruiertem Bühnenbild © Bayerische Schlösserverwaltung

Markgräfliches Opernhaus Bayreuth / Der Zuschauerraum nach der Restaurierung, Blick zur Bühne mit neu rekonstruiertem Bühnenbild © Bayerische Schlösserverwaltung

„Die Investition in das einzigartige Monument barocker Theaterkultur lohnt sich sichtbar. In wenigen Monaten wird das einzige vollständig erhaltene Beispiel der Hofopernarchitektur wieder in seiner ursprünglichen Farbigkeit und Pracht erstrahlen“, teilte Finanz- und Heimatminister Dr. Markus Söder bei einem Ortstermin im Markgräflichen Opernhaus in Bayreuth am Donnerstag (21.12.) mit. Im April 2018 wird das Markgräfliche Opernhaus in Bayreuth mit einem umfangreichen Festprogramm feierlich wiedereröffnet. Unmittelbar im Anschluss an die Wiedereröffnungsfeiern finden die Residenztage Bayreuth 2018 vom 17. bis 29. April unter dem Motto: „Vorhang auf!“ statt. Ein buntes Programm mit Führungen, Workshops, Vorträgen, Theateraufführungen und Mitmachstationen bietet eine Zeitreise mit besonderen Einblicken und Erlebnissen für Groß und Klein. Geboten wird auch ein Blick hinter die Kulissen im frisch sanierten Opernhaus und dem Neuen Schloss Bayreuth.

Neue Bühnenvorhänge vermitteln den authentischen Eindruck der ursprünglichen, barocken Bühnenöffnung

Söder stellte den bereits fertiggestellten Zuschauerraum und den neuen Bühnenvorhang vor. „Der Zuschauerraum gehört zu den spektakulärsten Schöpfungen der europäischen Festarchitektur des Barock. Er strahlt nun wieder in seiner ursprünglichen Farbigkeit und Pracht“, betonte Söder. Die Restauratoren benötigten allein für diese hochwertige Restaurierung ca. 93.000 Arbeitsstunden. Der Heimatminister stellte ferner die neu angefertigten Bühnenvorhänge vor. Die Neuanfertigung war notwendig, da die originale Größe der Bühnenöffnung aus dem 18. Jahrhundert wiederhergestellt wurde. Allein für den Hauptvorhang wurden über 150 qm Stoff verwendet mit einem Material, das auch im 18. Jahrhundert für den bemalten Hauptvorhang verwendet wurde. „Die Vorhänge vermitteln einen authentischen Eindruck der ursprünglichen, barocken Bühnenöffnung“, hob Söder hervor.

Markgräfliches Opernhaus Bayreuth / Fuerstenloge, Baldachin mit den Allegorien des Ruhmes © Bayerische Schlösserverwaltung

Markgräfliches Opernhaus Bayreuth / Fürstenloge mit Baldachin und den Allegorien des Ruhmes © Bayerische Schlösserverwaltung

Söder präsentierte auch den Neuankauf einer sehr seltenen Hochzeitmedaille die im künftigen Opernhausmuseum ausgestellt werden soll. Die Silbermedaille wurde 1748 als Erinnerung an die Hochzeit von Elisabeth Friederike Sophie von Brandenburg Bayreuth mit Herzog Carl Eugen von Württemberg geprägt. Diese Hochzeit war der Anlass für den Bau des Opernhauses.
Anlässlich der Wiedereröffnung bringt die Bayerische Theaterakademie August Everding mit der Bayerischen Schlösserverwaltung am 12. April 2018 die Oper Artaserse von Johann Adolph Hasse auf die Bühne des Markgräflichen Opernhauses. Mit der Aufführung von Artaserse wird an die Eröffnung des Opernhauses in Bayreuth im Jahre 1748 durch Markgräfin Wilhelmine angeknüpft. Die Schwester Friedrichs des Großen wählte dieses Werk für die Einweihungsfeierlichkeiten des von ihr mit Nachdruck betriebenen Neubaus. Realisiert werden kann die Hasse-Oper Artaserse durch die großzügige Unterstützung der Oberfrankenstiftung, der Bayernwerk AG, der BayWa AG, der Hasse-Gesellschaft München e.V und der VR-Bank Bayreuth.

Das bedeutendste und besterhaltene Beispiel höfischer Opernhausarchitektur wird künftig neben der musealen Nutzung auch in den Sommermonaten von Mai bis Oktober denkmalverträglich bespielbar. Für das Redoutenhaus wird derzeit die Einrichtung eines Welterbe-Informationszentrums mit Besucherserviceeinrichtung und musealer Präsentation geplant. Dadurch wird eine neue zentrale Anlaufstelle für die Besucher geschaffen, die eine optimale Besucherführung ermöglicht und den Anforderungen einer Weltkulturerbestätte gerecht wird.

Das Markgräfliche Opernhaus der damaligen Residenzstadt Bayreuth entstand ab 1744 in nur vier Jahren Bauzeit nach Plänen von Joseph St. Pierre. Es gehört zu den wenigen in Europa erhaltenen Theaterbauten des 18. Jahrhunderts und wurde 2012 in den Rang des UNESCO-Welterbes erhoben. Den Innenraum gestaltete  Giuseppe Galli Bibiena, der wohl berühmteste Theaterarchitekt seiner Zeit. Der heute noch unversehrt erhaltene Theaterraum strahlt eine Atmosphäre von unvergleichlichem Reiz aus.

—| Pressemeldung Bayerische Schlösserverwaltung |—

Bayreuth, Bayreuther Festspiele 2017, Die Meistersinger von Nürnberg – Richard Wagner, IOCO Kritik, 11.09.2017

September 13, 2017 by  
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Festspielhaus Bayreuth © IOCO

Festspielhaus Bayreuth © IOCO

Bayreuther Festspiele

Die Meistersinger von Nürnberg – Richard Wagner

„Die Szene wird zum Tribunal“

Von Albrecht Schneider

Diese Oper repräsentiert unter den sonst bis zum letalen Schluss todernsten Dramen Richard Wagners die Komödie. Deren Komik entsprießt auch dem Mistbeet des Antisemitismus. Manche Blüten, die sie treibt, duften nach Perfidie. Und in das apollinisch auftrumpfende C-Dur fällt die Stimme des Chauvinismus mit ein. Das sind Charakteristika des Werkes, und falls man sie nicht sehen, riechen und hören will, werden die Grundideen des Regisseurs hinter dem burlesken und launigen Allotria der Szene verborgen bleiben.

Neuinszenierung 2017 im Festspielhaus Bayreuth

Barrie Kosky © IOCO

Barrie Kosky © IOCO

Barrie Kosky, Chef der Komischen Oper Berlin, inszeniert weniger die Meistersinger, denn mittels der Meistersinger ihren Komponisten als multiples Subjekt. Richard Wagner, der Anrufer der Mythologie, wird selbst mythologisiert. Dessen fundamentalen ästhetischen Leitmotive interessieren den Australier und Juden Barrie Kosky kaum, und dass ihm die Person R.W., der Fremden­Welschen­verächter und Judenhasser, zuwider ist, wen nimmt es Wunder? Dass er eigentlich einen weiten Bogen um das Festspielhaus, dessen Gebälk für ihn noch immer Reste des ideologischen Miefs der Jahrzehnte von 1890 bis 1945 ausdünstet, zu schlagen gedachte, hat er selbst eingeräumt.

Allein Richard Wagner, das binäre Phänomen, stößt ab als Mensch mit infamen Zügen, provoziert hingegen als ein grandioser Künstler jeden furchtlosen Theatermacher (und keine geringe Menge der Theaterfreunde), seine vieldeutigen Bühnenstücke einzurichten, sich mit ihnen abzuplagen, damit zu verunglücken, was auch immer. Der Ring des Nibelungen ist das erste Objekt der Begierde eines selbstbewussten Regisseurs. Gefällt seine Arbeit der Kritik, glänzt sein Name, wird er von ihr zerrissen, glänzt sein Name ebenfalls. Nur anders. An den Meistersingern freilich kann man sich den Magen verderben. Sind doch in ihrem kunterbunten Treiben aus Liebeshändeln, Philisterparodien und Kunstspinnereien unbekömmliche Ingredienzen aufgelöst, die sich nicht so einfach, wie Alkohol aus dem Bier, herausdestillieren lassen. Bestenfalls kann man deren schlechten Geschmack mit mehr Gehampel und Trara überlagern. Was also hat Barrie Kosky angestellt, dass er heil die Herausforderung des Inszenesetzens dieser drei Aufzüge überstand, die das Publikum freilich als ingeniöses Spektakel derart berauschte, um die Persiflage oder Demaskierung, je nachdem man es sehen will, des verehrten Meisters aus Bayreuth offensichtlich billigend und applaudierend hin- oder gar nicht wahrzunehmen?

Worum geht es? Der Plot hat zig Komponisten, von Pergolesi über Rossini bis Strauss angestiftet, ihn in Musik zu setzen: Ein bereits ergrauter Mann konkurriert mit einem Jüngling um das Girl, das zum lieto fine der Junior kriegt, indessen der Senior als der Gelackmeierte dasteht.

Bayreuther Festspiele / Die Meistersinger von Nürnberg - Musikalische Leitung Philippe Jordan, Inszenierung Barrie Kosky, Bühne Rebecca Riest, Kostüme Klaus Bruns, 3. Aufzug Szene Chor, Solisten , Statisterie © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele / Die Meistersinger von Nürnberg – Musikalische Leitung Philippe Jordan, Inszenierung Barrie Kosky, Bühne Rebecca Riest, Kostüme Klaus Bruns, 3. Aufzug Szene Chor, Solisten , Statisterie © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Allein, was hat er daraus gemacht, der Wagner?

Der ist gewiss kein Romantiker gewesen, aber in der Schule der Romantik, die um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert offenstand, hat er eine gewisse Zeit gesessen. Deren Zöglinge empfanden die eigene Zeit als zu rational, zu prosaisch, und schwärmten von einem christlichen Mittelalter mit Menschen reiner Denkungsart, die sich um den Kirchturm zu Dienst und Fest versammelt haben sollten. Zugleich verkündeten sie, die echte Poesie sei die des Volkgeistes, wie sie im Märchen ( Gebrüder Grimm), im Volkslied (Des Knaben Wunderhorn) und in Mythen (Nibelungenlied) lebendig würde. Der realitätsfernen Projektion einer heileren Zeit bediente sich der Librettist Wagner, indem er seine Geschichte in dem altfränkischen Nürnberg ansiedelte. Die Zünfte pflegten dort von alters her den Meistergesang, eine Form von ´Poeterei’ und ´Melodei’, die nach strengen Regeln gebaut und ebenso vorgetragen werden musste.

Bayreuther Festspiele / Die Meistersinger von Nürnberg - Musikalische Leitung Philippe Jordan, Inszenierung Barrie Kosky, Bühne Rebecca Riest, Kostüme Klaus Bruns, - 2. Aufzug - Hans Sachs und Sixtus Beckmesser © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele / Die Meistersinger von Nürnberg – Musikalische Leitung Philippe Jordan, Inszenierung Barrie Kosky, Bühne Rebecca Riest, Kostüme Klaus Bruns, – 2. Aufzug – Hans Sachs und Sixtus Beckmesser © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Zwei markante Vertreter diese Kunstvereins stellt der Komponist mit den Figuren des Hans Sachs und Sixtus Beckmesser auf die Bühne. Aus ersterem, dem historischen professionellen Schuhmacher und Dichter volksnaher derbdeutlicher Stücke nachgebildet, spricht gemäß Wagners Intention eben der Volksgeist, und der beliebte Poet hat sich kraft seiner Reputation zur grauen Eminenz des altfränkischen Gesangsvereins entwickelt. Der andere ist dessen Chefideologe und von Beruf Stadtschreiber, ein Intellektueller unter den Handwerkern, der als ´Merker’ penibel über die Regeln wacht, und reichlich untalentiert sich aus Liebesgründen gleichwohl in dieser Kunst versucht. Mit anderen Worten: Eine Person, die alle vermeintlichen Widersacher Wagners in sich trägt: Fachkollegen, Kritiker, Juden. Dieser Beckmesser ist zudem ein angejahrter Bewerber um des steinreichen Goldschmieds Veit Pogner Töchterlein Eva, die der Vater als Preis für den Sieger im Gesangswettbewerb anlässlich des morgigen Johannisfestes ausgesetzt hat.

Erster Aufzug: In der Katharinenkirche trifft der Stadtbeamte auf Freiersfüßen mit Verdruss auf einen Konkurrenten, den Junker Walter von Stolzing, der in Pogners Haus Tochter Eva begegnet ist, wo sich beide prompt ineinander verliebten. Wissend, dass die Maid als der Hauptgewinn des Wettsingens ausgelobt und nur auf dem Wege zu erobern ist, möchte er ein Meistersinger werden. In deren vertrackte Regelkunde erhält er eine detaillierte Einweisung von David, des Schusters Auszubildendem und obendrein Liebhaber der Magdalene, Evas Zofe. Dank der Fürsprache des Hans Sachs darf der Adelige vorsingen. Der Rivale Beckmesser registriert als Merker jeden Fehler des Vortrags mit einem Kreidestrich, und nach sieben Ankreidungen ist er den Regeln gemäß durchgefallen. ´Ohrge-schinder’ maulen die Meister, er hat ´versungen’. Nichts ist es mit der Meistersingerei.

Die mittelalterliche Singschultagung im gotischen Kirchenrund mit einem weisen populären Poeten, achtbaren Handwerksmeistern, zwei gockelnden Freiern, zwei verliebten Jungfrauen und einem gewitzten Azubi, dieses komische Spiel verlagert Barrie Kosky in den Großen Saal des Hauses Wahnfried. Der, gemacht zum großbürgerlichen Wohnen, wirkt zudem als Resonanzraum eines sich über alles und jedes auslassenden Richard Wagner, einem denkenden, schreibenden, komponierenden und posierenden Universalgenie. Gleichsam seiner überlieferten Fotografie entstiegen, jeweils mit Gehrock und Dürerbarett, tritt er hier mehrfach auf: zuerst als ein Hans Sachs, der dem jüdischen Hausdirigenten Hermann Levi ­ alias Beckmesser ­ beibringt, wie er zu dirigieren und sich christenfrommen Gehabes zu befleißigen hat, und dem Klaviervirtuosen Franz Liszt ­ alias Veit Pogner, wie auf dem Flügel die Meistersingerouvertüre authentisch zu exekutieren ist. Weiterhin agiert er als ein jüngerer Walter von Stolzing, der die Eva ­ alias Gattin Cosima ­ anhimmelt. Zuletzt vermag allein der Lehrling David, wiederum als R.W., dem Kandidaten Stolzing gestenreich darüber ins Bild zu setzen, wie die Meistergesangstabulatur gehandhabt werden muss. Alle Aktionen und Interaktionen des gesamten Personals sind in der Tat, mit Verlaub, saukomisch. Regisseur Kosky gibt zum Entzücken des Publikums dem Affen eine Menge Zucker.

 

Bayreuther Festspiele / Die Meistersinger von Nürnberg - Musikalische Leitung Philippe Jordan, Inszenierung Barrie Kosky, Bühne Rebecca Riest, Kostüme Klaus Bruns, - 3. Aufzug - Michael Volle als Hans Sachs © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele / Die Meistersinger von Nürnberg – Musikalische Leitung Philippe Jordan, Inszenierung Barrie Kosky, Bühne Rebecca Riest, Kostüme Klaus Bruns, – 3. Aufzug – Michael Volle als Hans Sachs © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Der dreifache Wagner agiert wie Rossinis Barbier, mal hier mal dort, mal als solcher und mal als jener. Eine Dreifaltigkeit, die nicht einzig den Herrn Meistersingern vorschreiben will, was sie zu tun haben. Nicht zuletzt aufgrund von Hans Sachs´ Besserwisserei geraten nach Stolzings Falschsingerei die Kollegen über Kunstfragen in handfesten Streit, ausartend in Anrempeleien und Rüpeleien. Eine Antizipation der Prügelei des zweiten Aufzugs, nur keine des Volkes, sondern jetzt eine unter gewöhnlich braven Biedermännern. Ein vielgestaltiger Wagner und ein Beckmesser in Schwarz mit einer Cosima in schwarzer Robe samt „Cul de Paris“ fügen sich neben den anrückenden elf Zunftmeistern, in spätmittelalterliche Prachtgewänder gesteckt, zu einem grandiosen, kontrastreichen Tableau. Auch jetzt versteht der Regisseur viel Spaß, sorgen Gestik sowie die Verrenkungen aller eine Spur überzeichneter Akteure für Heiterkeiten. Pomp und Rasanz der Szenerie sind eine Augenweide. Doch dann zerfällt das Ganze, mit einem Donnerschlag verwandelt sich der Schauplatz der Anarchie in einen von Mensch und Mobiliar entleerten Verhandlungssaal des Nürnberger Gerichtes von 1945. Lediglich die Box des Zeugenstands steht einsam da.

Mit dem Trio Sachs, Stolzing und David dichtet und komponiert – in des Wortes ursprünglicher Bedeutung ­ R.W. sich selber sichtbar zu einem komplexen Helden, und den Herrn Beckmesser zu seinem krassesten Antipoden. Doch der, was sicher nicht die Absicht war, gerät ihm zu einem fast tragikomischen Antihelden. Und der Regisseur betont das. Nahe bei der Tragödie wohnt ja die wahre Komödie, und deren Protagonisten Falstaff oder der Baron von Lerchenau sind Beckmessers Brüder im Geist, sie teilen ein ähnliches Schicksal. Johannes Martin Kränzle ist ein drolliger, lächerlicher, ein leidender Beckmesser, den die anspruchsvolle Tessitura der Partie für keine Sekunde anficht; mit ihm verschmelzen Künstler, Figur und Sänger zu einem kongruenten Subjekt.

Bayreuther Festspiele / Die Meistersinger von Nürnberg - Musikalische Leitung Philippe Jordan, Inszenierung Barrie Kosky, Bühne Rebecca Riest, Kostüme Klaus Bruns, - hier Daniel Behle als David und die Meistersinger © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele / Die Meistersinger von Nürnberg – Musikalische Leitung Philippe Jordan, Inszenierung Barrie Kosky, Bühne Rebecca Riest, Kostüme Klaus Bruns, – hier Daniel Behle als David und die Meistersinger © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Im Zweiten Aufzug sind die holzgetäfelten Wände des Gerichtssaals geblieben, dessen Boden ist ausgelegt mit einem üppigen Rasen. Eine Vorwegnahme der Festwiese des Dritten Aufzugs, die dort fehlen wird. Nunmehr nimmt die Demontage des in die Eva verschossenen Merkers durch Sachs, den guten, weisen Poeten, ihren Anfang. Des Verliebten holprig gereimtes Ständchen zertrümmert der Schuster, diesmal als >Merker< fungierend, statt der Kreidestriche mit Hammerschlägen auf die Sohle der Schuhe, an denen er just werkelt. Die ob Lärm und Gesang um den Schlaf gebrachten Nürnberger rennen herbei, prügeln sich weniger untereinander, dafür desto unerbittlicher ein auf den vermeintlichen Störenfried und Juden Sixtus Beckmesser. Eine Art Pogrom. Wennschon hier der Hochbetrieb auf der Bühne seine grotesken wie burlesken Züge hat, es an verrückten mimischen wie tänzerischen Einfällen nicht mangelt und keine Sekunde Langeweile aufkommt, das Los des mehrfach gepiesackte Stadtschreibers ist fürwahr bejammernswert. Zuletzt hockt er derangiert und gemieden da, übergestülpt ein Schwellkopf von Judenkarikatur. Ein zweites Mal füllt diese Klischeefratze, aufgeblasen zum Ballon, die Bühne, bis die Luft entweicht und er in sich zusammenfällt. Vorhang.

Indem der Regisseur auch im Dritten Aufzug den Gerichtssaal 600 der Nürnberger Prozesse mit der damaligen Einrichtung zum Schauplatz wählt, darf man darin mitnichten Demagogie entdecken. Das Nürnberg des Librettisten Richard Wagners ist eine Phantasmagorie, ist Kulisse. Das Nürnberg als Modell einer urdeutschen Stadt mit Gotik, Fachwerk und Butzenscheiben ging aus bekannten Gründen zugrunde. Sein Gerichtsgebäude indessen blieb unzerstört. Dessen Überleben erlaubt viele Deutungen, einzig die Vernunft liefert die richtige: Ein Zufall.

Bayreuther Festspiele / Die Meistersinger von Nürnberg - Musikalische Leitung Philippe Jordan, Inszenierung Barrie Kosky, Bühne Rebecca Riest, Kostüme Klaus Bruns, - hier Klaus Florian Vogt als Stolzing © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele / Die Meistersinger von Nürnberg – Musikalische Leitung Philippe Jordan, Inszenierung Barrie Kosky, Bühne Rebecca Riest, Kostüme Klaus Bruns, – hier Klaus Florian Vogt als Stolzing © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Wenn in der historischen Umgebung zum Schluss der Oper, nach Stolzings Siegesarie ­ mit dem Titel: Morgentraumdeutweise ­ Hans Sachs-Richard Wagner die Apotheose der Deutschen Kunst anstimmt, und diese in das Heil-Heil Jauchzen des Nürnberger Volkes mündet, dann sollte das von den holzgetäfelten, von Deutscher Geschichte viel wissenden Wänden zurückgeworfene Echo nicht ungehört bleiben. Es könnte eine Warnung vor Hybris enthalten. Eine Deutsche Morgentraumdeutweise endete einmal in einer Alptraumdeutweise.

Zuvor hat Sachs vom Wahn des Weltenlaufs gesungen und danach mit Stolzing dessen Wettbewerbslied erarbeitet. Der unselige Beckmesser bemächtigt sich dessen Partitur in der Hoffnung, sie für die eigene Kandidatur nutzen zu können. Indem der Schuster das billigt, spinnt er eine Intrige: nämlich auf diesem Wege den ungeliebten Vereinsbruder mit der heiklen Lyrik des Liedes auflaufen zu lassen. Dergleichen vermag der ohnehin verstörte Stadtschreiber nicht zu ahnen. Noch mischt er sich unter das paradierende, Fahnen schwenkende, jubelnde, tanzende, turbulente Nürnberg. (Bei solchem Aufmarsch stand dem inszenierenden Barrie Kosky, ­ eine Unterstellung!, ­ womöglich der Sinn nach einer doppelten Parodie: zunächst einer des Gepränges eines Reichsparteitages der Nazis. Dann, bei der Huldigung des Hans Sachs, die zweite, und zwar eine des seinerzeit tausendfach reproduzierten Gemäldes des Anton von Werner der Kaiserproklamation in Versailles von 1871)

Erst nachdem Beckmesser als Contestsänger öffentlich gescheitert ist, wütende Bürgern den Versager durch die Tür ins Draußen verstoßen haben, gilt die Stadt als befreit genug, damit alle gemeinsam und reinen Herzens in den Hymnus auf die Deutsche Kunst, Nürnberg und Hans Sachs, alias Richard Wagner, einfallen können. Mit dem jähen Verschwinden allen Taumels dirigiert am Ende ein Hans Sachs, wieder mehr als Richard Wagner, ein aus dem Bühnenhintergrund heranfahrendes Orchester. Sein Stab zeigt nicht allein der Musik, wie sie zu spielen hat, sondern wohl am liebsten genauso der Welt, wie sie sich zu drehen hätte.

Sofern von der Musik bisher wenig die Rede war, so findet solches Manko eine gewiss ungenügende Erklärung in einer jederzeit und ganz den Blick beanspruchenden Szene. Man muss sich nachgerade zwingen, das erkennende Schauen, das Reflexion verlangt, zugunsten des Hörens einzuschränken, bis man beides synchron wahrzunehmen fähig ist. Allein Bild und Aktion vereinen sich erst mit der Musik zur gelungenen Illusion, und das Geschehen vermag dann und wann sogar unter die Haut zu gehen.

Den wohl- wie hochgestimmten Chor (Ltg. Eberhard Friedrich), einen der allerhöchsten Qualität, zuerst zu nennen, bedeutet keine Herabsetzung der Solisten. Doch als Volk übernimmt er einen gleichwertigen Part, der in überzeugender Weise gemeistert wird.

Michael Volle ist ein barocker saftiger Sachs und ein umtriebiger vollmundiger Wagner, ein Sänger wie Darsteller von Format, der beiden Figuren nichts schuldig bleibt. Von gleicher Qualität präsentiert sich Johannes Martin Kränzle, in Ton, Bewegung, ja Slapstick von der Natur geradezu als Beckmesser orchestriert. Der Tenor des David, sprich des Daniel Behle, schwingt mühelos ein in jede Stimmlage, in der ein gewitzter, vorlauter und ein bisschen frühreifer Schusterbube, mit seiner Umwelt palavern, sich unterhalten, sie eben auch belehren würde. Der Stolzing des Klaus Florian Vogt, von Wagner nicht zuletzt als ironische Kopie eines Belcantotenors, des Primarius der traditionellen italienischen Oper, entworfen, bewirbt und beschwert sich mit  ihm gemäßen Wohllaut, doch zugleich auch so idiomatisch, wie es sich für ein wagnerianisches Helden ziemt.

Bayreuther Festspiele / Die Meistersinger von Nürnberg - Musikalische Leitung Philippe Jordan, Inszenierung Barrie Kosky, Bühne Rebecca Riest, Kostüme Klaus Bruns, - hier Anne Schwanewils als Eva / Cosima Wagner und Klaus Florian Vogt als Stolzing © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele / Die Meistersinger von Nürnberg – Musikalische Leitung Philippe Jordan, Inszenierung Barrie Kosky, Bühne Rebecca Riest, Kostüme Klaus Bruns, – hier Anne Schwanewils als Eva / Cosima Wagner und Klaus Florian Vogt als Stolzing © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Cosima Wagner klingt gleichermaßen kultiviert wie ihr leicht verhuschtes Double Eva. Anne Schwanewils formt beide, die distinguierte Komponistengattin wie das zur Siegesprämie ausgerufene Fräulein, mit sanften Tönen und nur gering aufmüpfig wider das männliche Quartett. Ihre Zofe Magdalene (Wiebke Lehmkuhl) tut ihr gleich. Vielleicht sind sie zusammen von den Musikern eingeschüchtert, die sich ihnen gegenüber unten im Graben etwas vorlaut benehmen. Das Orchester, seinem Rang entsprechend, bewältigt die Partitur bestimmt so, wie vom Komponisten vorgestellt, vermutlich sogar so exzellent wie er es sich überhaupt nicht vorzustellen vermochte. Unter dem Chef Philippe Jordan drängt es sich nicht vor die Solisten oben auf der Bühne, es trumpft angemessen auf, wie es diskret mitspielt, nicht unbedingt glanzvollst, doch ganz und gar nicht glanzlos.

Die Meistersinger von Nürnberg: Mit denen bietet Barrie Kosky eine Aufführung der besonderen Art: dionysisch, sinnlich, humorvoll, traurig, erinnernd und mitunter verstörend. Was will das Herz der Opernfreunde jeder Provenienz denn mehr?

Leidenschaftlicher Applaus für das gesamte Ensemble vorne, hinten, oben und unten. Ein paar verschämte Buhs beim Erscheinen des Regisseurs.

—| IOCO Kritik Bayreuther Festspiele |—

 

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