Paris, Athénée – Théâtre Louis-Jouvet, Alice Coote - Recital, IOCO

Paris, Athénée – Théâtre Louis-Jouvet, Alice Coote - Recital, IOCO
Alice Coote-copyright Jiyang Chen

 

16.03.2026

THE REBELLIOUS RECITAL…

 It’s a God-awful small affair
To the girl with the mousy hair
But her mummy is yelling, “No”
And her daddy has told her to go

But her friend is nowhere to be seen
Now she walks through her sunken dream
To the seat with the clearest view
And she’s hooked to the silver screen

But the film is a saddening bore
For she’s lived it ten times or more
She could spit in the eyes of fools
As they ask her to focus on

(David Bowie: Life on Mars / Auszug)

 

Julius Drake, der legendäre britische Pianist, der im Rahmen der Serie LES LUNDIS MUSICAUX spielt, bedarf keiner Vorstellung mehr. In dieser Saison kehrt er in Begleitung der britischen Mezzo-Sopranistin Alice Coote zurück, die besonders für ihre Interpretationen von Georg Friedrich Händel (1685-1759), Richard Strauss (1864-1949) und Richard Wagner (1813-1883), sowie für ihren einzigartigen stereotypen Zugang zu Frauen- und Männerrollen bekannt ist.

 

In einem Programm, das vom Wunsch getrieben ist, die Grenzen zwischen den Genres neu zu definieren, schaffen Coote und Drake eine beispiellose Mischung der bekanntesten Lieder, Melodien und Songs der „klassischen“ und „populärer“ Musik, unter anderem von Johann Sebastian Bach (1685-1750) bis Jacques Brel (1929-1978), von Henry Purcell (1659-1695) bis David Bowie (1947-2016)  und von Gustav Mahler (1860-1911) bis Joni Mitchell (*1943)…

 

Was ist „klassische“ Musik…?

Warum ist unser Verhältnis zur Musik so gespalten, dass wir Aufführungen und ihr Publikum so strikt voneinander trennen?

Alice Coote und Julius Drake copyright Peter Michael Peters

 

Während unsere Gesellschaft in Fragen der Gleichstellung von Rasse und Geschlecht Fortschritte erzielen, halten wir weiterhin an der strikten Kategorisierung all der Musik fest, die uns am Herzen liegt. Wenn die wahre „klassische“ Epoche nur von 1750 bis 1820 reicht, warum belegen wir dann so viele Meisterwerke, die nicht dazu gehören, weiterhin mit diesem irreführenden Etikett?

 

Beruhigender als der Titel The Rebellious Recital vermuten lässt, aber im Kern entschieden rebellisch, führt uns unsere Reise durch die Jahrhunderte bis in die Gegenwart, geleitet von unseren Lieblings-Liedern – und Melodien, einschließlich Songs. Die Idee dahinter? Zu zeigen, dass das, was wir „klassische“ Musik nennen, in Wirklichkeit einfach unvergessliche Musik aus unserer gemeinsamen Vergangenheit ist, die ihren Platz auf jeder Bühne verdient, neben all den anderen großen Musikstücken der Menschheits-Geschichte.

 

Programm:

 

Edward Elgar (1857-1934): Speak Music * Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791): An die Freude * Händel: Quando mai spietata sorte * Richard Wagner: Schmerzen * Burt Bacharach (1928-2023) & Elvis Costello (*1954): My Thief * Gabriel Fauré (1845-1924): Fleur Jetée * Kurt Weill (1900-1950): It never was you from * Robert Schumann (1810-1856): Sitz ich allein * Hugo Wolf (1860-1903): Denk‘ es, o Seele! * Bowie: Life on Mars * Mahler: Ich bin der Welt abhanden gekommen * Mitchell: Borderline * Leonard Bernstein (1918-1990): Somewhere * Graham Peel (1877-1937): The Early Morning * Francis Poulenc (1899-1963): Les Chemins de l’amour * Reynaldo Hahn (1874-1947): L’heure exquise * Franz Schubert (1797-1828): Seligkeit * Roger Quilter (1877-1953): Love’s Philosophy * Liza Lehmann (1862-1918): Love if you knew the light * Irving Berlin (1888-1989) arranged by Nina Simone (1933-2003): You Can Have Him from „Miss Liberty“ * Bach: Bist du bei mir * Brel: My Death * Olivia Chaney (*1982): House on a Hill * John Lennon (1940-1980): Imagine (arranged) * Strauss: Morgen!

Alice Coote und Julius Drake copyright Peter Michael Peters

 

 

 

Der rebellische Lieder-Abend im Athénée – Théâtre Louis-Jouvet am 16. März 2026:

 

Eine Diva packt aus: Von Bach bis Bowie…

Mutig, kühn oder tollkühn? Für ihren jüngsten Auftritt im Athénée – Théâtre Louis-Jouvet in Paris wagte die gefeierte britische Mezzo-Sopranistin Coote wahrlich alles. Unter dem Titel The Rebellious Recital präsentierten Coote und ihr stets aufmerksamer Begleiter Drake die unten aufgeführten Lieder, Melodien und Songs – sowie eine Zugabe von Lennon und Paul McCartney (*1942) – und spannten dabei einen Bogen über verschiedene Generationen und, was noch wichtiger ist, vermischten sie die Genres. Wagner stand neben Costello und Bacharach, Bowie zwischen Wolf und Mahler. Auf dem Papier wirkte das Programm, gelinde gesagt: Eklektisch! Doch dank ihrer vollendeten Kunstfertigkeit als grenzenloses Talent und Intellekt gelang es Coote, dieses Kunststück auch zu vollbringen. Es hätte eigentlich nicht funktionieren dürfen – aber es tat es.

 

Wenn Opernsängerinnen- und Sänger von ihrem ursprünglichen Repertoire abweichen, besteht immer die Gefahr, dass das Ergebnis in eine Parodie abgleitet. Wer erinnert sich nicht an die Mezzo-Sopranistin Sarah Welkers (*1943) urkomische Interpretation von Kylie Minogues (*1968): I Should Be So Lucky in der French-and-Saunders-Show Ende der 1980er-Jahre? Wir wollen damit nicht andeuten, dass Coote in dieselbe Falle getappt ist, ganz im Gegenteil. Doch wenn klangvolle, klassisch ausgebildete Sänger populäre Lieder in ihr Programm aufnehmen, die für eine ganz andere Stimmlage geschrieben wurden, ist der Grat zwischen einer gelungenen Interpretation und einer unbeabsichtigten Persiflage schmal.

 

Coote ist eine viel zu versierte Künstlerin, um in diese Falle zu tappen. Und obwohl sich die Ohren erst an die abrupten Stilwechsel zwischen den Songs gewöhnen mussten – von Wolfs: Denk‘ es, o Seele! zu Bowies: Life on Mars ist beispielsweise ein ziemlicher Sprung -, so wirkte aber der programmatische Fluss nach einer Weile völlig natürlich.

 

Die drei Lieder des Programms, die besonders berührten, waren allesamt deutsche Lieder, mit denen Coote seit Langem vertraut ist. Mahlers: Ich bin der Welt abhanden gekommen aus den Rückert-Liedern war in seiner schlichten Schönheit schmerzlich schön. Coote schöpfte aus einem schier unerschöpflichen Spektrum an Stimm-Farben und interpretierte den Text mit viel Liebe und Sorgfalt. Jede Silbe zählte – die Gesamtwirkung war wahrhaft ergreifend. Auch Wagners: Schmerzen aus den Wesendonck-Liedern war von Leidenschaft und einer Ahnung von Verlassenheit durchdrungen. Die herbstliche Stimmung des Programms wurde durch das letzte Lied – Strauss‘ Morgen aus den Vier letzten Liedern noch verstärkt. Erneut lotete Coote die emotionalen Tiefen auf exquisite Weise aus und webte Strauss‘ lange Gesangslinien zu vollkommener Perfektion auf einem feinen Ton-Faden.

Alice Coote und Julius Drake copyright Peter Michael Peters

 

Und wie schnitten die Crossover-Nummern ab? Überraschend gut! Coote verzichtete größtenteils auf übertriebene Manierismen, die bei Stücken wie Berlins: You Can Have Him fatal hätten sein können. Sie trug den Song mit Selbstbewusstsein und einem Augenzwinkern vor, während die bedingungslose Hingabe in Costellos: My Thief perfekt eingefangen wurde. Nicht zuletzt dank Ben Dawsons (*1985) feinfühligen Arrangements, die Drake mit seiner gewohnten Souveränität umsetzte. In Bowies: Life on Mars zeigten sich die beiden Künstler in ihrer kommunikativen Höchstform – Coote genoss die Worte sichtlich, während Drake die gekonnte Begleitung lieferte.

 

Der Abend nahm mit einer mitreißenden Interpretation von Brels: My Death eine kabarettistische Wendung, deren subtiler subversiver Humor wunderbar zur Geltung kam. Auch in Mitchells: Borderline zeigte sich Coote mit dem musikalischen Stil bestens vertraut. Einzig Lennons: Imagine zündete nicht so recht! Von allen bekannten Stücken, die Coote und Drake interpretierten, gelang es ihnen nicht, den einzigartigen Charakter dieses Songs zu erfassen. Fairerweise muss man aber sagen, dass es nach Lennon nur wenige Sänger gibt, die ihm wirklich gerecht werden könnten.

 

Von Anfang an hatte Coote deutlich gemacht, dass sie ein Programm mit Lieder, Melodien und Songs zusammenstellen wollte, die sie selbst gerne sang: „Wir haben versucht, Musikstücke einander gegenüberzustellen, die Gefühle ausdrücken, die wir alle möglicherweise empfinden, unabhängig vom Genre. Stilistisch ist das vielleicht eine ungewöhnliche Herausforderung, da wir es gewohnt sind, dass Musik strikt Kategorien zugeordnet ist, von denen jede ihre eigenen Aufführungsnormen hat. Die aber als letztendlich weniger wichtig ist, als diese Musik hier und jetzt gemeinsam zu erleben?“

 

Da Coote eine Künstlerin auf dem Höhepunkt ihres Schaffens ist, hat sie sich das Recht redlich verdient, zu singen, was sie möchte. Und dieser Auftritt hat gezeigt, dass sich Risikobereitschaft auszahlen kann:  Und zwar überreichlich!

 

Für Musikreisende: www.athenee-theatre.com   Telefon: +33/(1) 53 05 19 19

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