Boris Godunow

„Boris Godunow“ ist Modest Mussorgskis großes russisches Volksdrama: Der von Schuld zerfressene Zar Boris hat sich mutmaßlich durch den Mord am Thronfolger Dmitri an die Macht gebracht. Ein falscher Dmitri erhebt sich, und Boris zerbricht an seinem Gewissen. Mit harscher Wahrheit der Deklamation und dem Volk als eigentlichem Helden begründete Mussorgski eine eigenständige russische Operntradition.

Fakten zu „Boris Godunow“

KomponistModest Mussorgski
LibrettoModest Mussorgski, nach Alexander Puschkins gleichnamigem Drama und der „Geschichte des russischen Staates“ von Nikolai Karamsin
Uraufführung8. Februar 1874 (greg.; 27. Januar jul.), Mariinski-Theater, St. Petersburg (revidierte Fassung 1872); Urfassung 1869 von der Zensur abgelehnt
SpracheRussisch
AufbauProlog und 4 Akte
Spieldauerca. 3 Std. 15 Min.
GattungMusikalisches Volksdrama
BedeutungDer Gründungsbau der eigenständigen russischen Oper und eines der einflussreichsten Musikdramen des 19. Jahrhunderts.

Handlung

Prolog

Russland, 1598, am Beginn der „Zeit der Wirren“. Vor dem Nowodewitschi-Kloster treibt die Polizei das müde Volk an, den zurückgezogenen Bojaren Boris Godunow (Bass oder Bassbariton) anzuflehen, die Zarenwürde anzunehmen. Die Menge klagt und betet, doch ihr Jammer wirkt eingeübt und erzwungen – Mussorgski zeigt ein Volk, das von oben gelenkt wird. Boris hat zuvor angeblich den jungen Thronfolger Dmitri ermorden lassen, um den Weg zur Macht freizumachen. Im zweiten Bild wird er auf dem Domplatz des Moskauer Kreml feierlich gekrönt. Glocken läuten, das Volk preist den neuen Herrscher in der berühmten Krönungsszene. Doch Boris empfindet keinen Triumph: In seinem ersten Monolog spürt er bereits Beklemmung und düstere Vorahnung, eine Last auf der Seele, die alle Pracht überschattet. Schon hier deutet sich an, dass seine Herrschaft von Schuld vergiftet ist und kein Glück bringen wird.

1. Akt

In einer Zelle des Tschudow-Klosters schreibt der greise Mönch Pimen (Bass) bei Kerzenlicht an seiner Chronik und vollendet die Aufzeichnung über die Ermordung des Zarewitsch Dmitri. Der junge Novize Grigori (Tenor) erwacht aus unruhigen Träumen, hört Pimens Bericht und erfährt, dass der getötete Knabe heute in seinem Alter wäre. In ihm reift der Plan, sich als der wundersam entkommene Dmitri auszugeben und den Thron zu beanspruchen. Im zweiten Bild, einer Schenke an der litauischen Grenze, trifft der geflohene Grigori auf die trinkfesten Bettelmönche Warlaam (Bass) und Missail. Polizisten suchen nach einem Flüchtling; man verliest einen Steckbrief, doch der schlaue Grigori liest ihn absichtlich falsch und lenkt den Verdacht auf Warlaam. In der allgemeinen Verwirrung springt er aus dem Fenster und entkommt nach Litauen, um sein gefährliches Spiel als falscher Dmitri zu beginnen.

2. Akt

In seinen privaten Gemächern im Kreml erlebt man Boris als Vater und als gequälten Menschen. Er sorgt sich um seine Tochter Xenia (Sopran), die um ihren verstorbenen Bräutigam trauert, und um die Zukunft seines Sohnes Fjodor (Mezzosopran), den er als künftigen Herrscher unterweist. Allein gelassen, bricht in Boris’ großem Monolog die Verzweiflung hervor: Sechs Jahre Herrschaft haben ihm nur Unglück, Hungersnot und Verschwörungen gebracht, und das Gewissen lässt ihn nicht ruhen. Der heuchlerische Fürst Schuiski (Tenor) bringt die Nachricht vom Auftauchen eines Thronprätendenten in Polen und schildert grausam genau den ermordeten Dmitri. Boris, von Schuld und Angst überwältigt, wird von Halluzinationen heimgesucht: In der berühmten Uhrenszene glaubt er, das blutende Kind vor sich zu sehen, und fleht entsetzt um Gnade. Die Macht hat ihn innerlich bereits zerstört.

3. Akt

Der sogenannte „polnische Akt“ verlagert das Geschehen ins Schloss Sandomierz. Die ehrgeizige polnische Magnatentochter Marina Mnischek (Mezzosopran) will über den falschen Dmitri den Moskauer Thron gewinnen. In ihrem Boudoir, umgeben von schmeichelnden Hofdamen, langweilt sie sich und sinnt auf Macht. Der listige Jesuit Rangoni (Bass) drängt sie, den Prätendenten zu betören und Russland dem katholischen Glauben zuzuführen. Im Garten am Springbrunnen trifft Marina den als Dmitri auftretenden Grigori; in einem glanzvollen Liebesduett, das in eine Polonaise und Mazurka eingebettet ist, spielt sie kühl mit seiner Leidenschaft und stachelt zugleich seinen Ehrgeiz an. Sie verspottet ihn als Träumer, bis er ihr schwört, an der Spitze eines Heeres nach Moskau zu ziehen. Aus Liebe und Machthunger geschmiedet, besiegeln die beiden ihr Bündnis – der Feldzug gegen Boris ist beschlossene Sache.

4. Akt

Im Facettenpalast des Kreml tagt die Bojarenduma über den Prätendenten; der sterbenskranke Pimen erscheint und berichtet von einem Wunder am Grab des toten Dmitri. Boris, halb von Sinnen, ruft seinen Sohn Fjodor zu sich, übergibt ihm in einem ergreifenden Abschied die Herrschaft, mahnt zu Gerechtigkeit und stirbt mit den Worten des Gebets. Im Schlussbild, einer Waldlichtung bei Kromy, hat sich das Volk gegen die Obrigkeit erhoben: Aufständische verhöhnen einen gefangenen Bojaren, Warlaam und Missail hetzen die Menge auf, und der falsche Dmitri zieht mit seinem Heer triumphierend vorüber. Zurück bleibt allein der Gottesnarr (Tenor), der in seinem berühmten Klagelied das künftige Unglück und die dunklen Tage Russlands beweint. Mit dieser düsteren Vision endet die Oper offen – nicht der Herrscher, sondern das leidende Volk hat das letzte Wort.

Rollen & Stimmfächer

RolleStimmfachBedeutung
Boris GodunowBass / BassbaritonZar von Russland; von Schuld am ermordeten Dmitri zerfressen, zerbricht innerlich
Grigori / Der falsche DmitriTenorEntlaufener Mönch; gibt sich als überlebender Zarewitsch aus und beansprucht den Thron
PimenBassGreiser Mönch und Chronist; sein Bericht entfacht Grigoris Ehrgeiz
Marina MnischekMezzosopranEhrgeizige polnische Adlige; will über den Prätendenten an die Macht
Fürst SchuiskiTenorIntriganter Bojar; nährt Boris’ Angst und Schuldgefühle
WarlaamBassTrunkfester Bettelmönch; Episodenfigur mit volkstümlichem Lied
Der Gottesnarr (Jurodiwy)TenorBeweint im Schlussbild das Unglück Russlands

Berühmte Arien

ArieStimmeSzene
„Krönungsszene („Slawa!“)“Boris (Bass/Bassbariton) und ChorProlog – feierliche Krönung auf dem Domplatz mit Glocken und Volksjubel.
„Dostig ja wyschej wlasti (Ich habe die höchste Macht erreicht)“Boris (Bass/Bassbariton)2. Akt – großer Monolog, in dem Boris’ Schuld und Verzweiflung hervorbrechen.
„Uhrenszene / Halluzination“Boris (Bass/Bassbariton)2. Akt – Boris sieht das ermordete Kind und fleht entsetzt um Gnade.
„Klagelied des Gottesnarren“Jurodiwy (Tenor)4. Akt – Schlussgesang über die dunklen Tage Russlands.

Themen & Kontext

Worum es wirklich geht

„Boris Godunow“ ist eine Studie über Macht und Schuld. Boris hat den Thron mutmaßlich durch Mord errungen, doch die Krone bringt ihm kein Glück, sondern ein Gewissen, das ihn langsam zerstört. Mussorgski zeigt Herrschaft als Last, die den Menschen vereinsamt und verzehrt. Zugleich ist das Volk eigentlicher Hauptdarsteller: mal manipulierte Masse, mal aufständische Gewalt, am Ende verkörpert im Klagelied des Gottesnarren. Politik erscheint als ein Spiel von Heuchelei, Verrat und Manipulation, in dem Wahrheit und Lüge – der echte und der falsche Dmitri – kaum zu unterscheiden sind. Die Oper endet ohne Trost, mit dem Bild eines leidenden Landes.

Historischer Hintergrund

Der Stoff entstammt Alexander Puschkins Drama von 1825, das auf Karamsins Geschichtswerk fußt, und behandelt die „Zeit der Wirren“ um 1598 bis 1605. Mussorgski schrieb eine erste Fassung 1869, die von der Theaterdirektion abgelehnt wurde, unter anderem weil eine bedeutende Frauenrolle fehlte. Daraufhin ergänzte er den polnischen Akt mit Marina und die Schlussszene bei Kromy. Diese revidierte Fassung wurde am 8. Februar 1874 (27. Januar nach julianischem Kalender) am Mariinski-Theater in St. Petersburg uraufgeführt. Nach Mussorgskis Tod schuf Rimski-Korsakow eine glättende Bearbeitung, die das Werk lange verbreitete; heute setzt sich die Originalfassung zunehmend durch.

Warum Experten es wichtig finden

Fachleute sehen in „Boris Godunow“ den Gründungsbau der eigenständigen russischen Oper und einen Meilenstein des musikalischen Realismus. Mussorgski formte seine Melodik eng am russischen Sprachfall und verzichtete auf glatte Belcanto-Schönheit zugunsten harscher, sprechender Wahrheit. Seine kühne, oft „falsch“ wirkende Harmonik und die Verwendung von Ganztonklängen wiesen weit ins 20. Jahrhundert voraus und beeinflussten Debussy, Janáček und viele andere. Die zentrale Bassrolle gilt als eine der größten Aufgaben des Fachs und prägte Sängerlegenden wie Schaljapin. Die Frage nach der „richtigen“ Fassung – Original, Rimski-Korsakow oder Schostakowitsch – beschäftigt Dirigenten und Wissenschaft bis heute.

Aufführungsnoten

Regie-Ansätze

Inszenierungen pendeln zwischen monumentaler historischer Ausstattung mit Ikonen und Kremlpracht und politisch zugespitzten Deutungen, die Boris als Studie autoritärer Herrschaft lesen. Häufig wird das Verhältnis von Macht und Volk zur Gegenwart in Bezug gesetzt; umstritten bleibt die Reihenfolge der Schlussbilder.

Bekannte Aufnahmen & Produktionen

Referenzcharakter haben Aufnahmen mit Boris Christoff sowie mit Nicolai Ghiaurov; jüngere Maßstäbe setzten Einspielungen unter Claudio Abbado, Valery Gergiev und mit Sängern wie Alexander Wedernikow und René Pape.

Was zwischen Inszenierungen variiert

Variabel sind vor allem die gewählte Fassung (Original 1869/1872, Rimski-Korsakow oder Schostakowitsch), die Anordnung von polnischem Akt und Kromy-Szene sowie die Frage, ob die Oper mit dem Tod des Boris oder dem Klagelied des Gottesnarren endet.

„Boris Godunow“ bei IOCO

Häufige Fragen

Wer hat „Boris Godunow“ komponiert?

„Boris Godunow“ stammt von Modest Mussorgski. Uraufführung: 8. Februar 1874 (greg.; 27. Januar jul.), Mariinski-Theater, St. Petersburg (revidierte Fassung 1872); Urfassung 1869 von der Zensur abgelehnt.

Wovon handelt „Boris Godunow“?

„Boris Godunow“ ist Modest Mussorgskis großes russisches Volksdrama: Der von Schuld zerfressene Zar Boris hat sich mutmaßlich durch den Mord am Thronfolger Dmitri an die Macht gebracht. Ein falscher Dmitri erhebt sich, und Boris zerbricht an seinem Gewissen. Mit harscher Wahrheit der Deklamation und dem Volk als eigentlichem Helden begründete Mussorgski eine eigenständige russische Operntradition.

Welche berühmten Arien gibt es in „Boris Godunow“?

Zu den bekanntesten Arien zählen „Krönungsszene („Slawa!“)“, „Dostig ja wyschej wlasti (Ich habe die höchste Macht erreicht)“, „Uhrenszene / Halluzination“.

Welche Stimmfächer singen die Hauptrollen in „Boris Godunow“?

Boris Godunow (Bass / Bassbariton), Grigori / Der falsche Dmitri (Tenor).

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