Paris, Théâtre de l‘Athénée, Die sieben Todsünden der Kleinbürger – Kurt Weill, IOCO Kritik, 16.06.2021

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Athénée – Théâtre Louis-Jouvet, Paris © Mirco Magliocca

Athénée – Théâtre Louis-Jouvet, Paris © Mirco Magliocca

Athénée – Théâtre Louis-Jouvet

 Die sieben Todsünden der Kleinbürger  – Kurt Weill

Ballett mit Gesang

Drei französischen Chansons von Kurt Weill,  zusätzlich in die Inszenierung integriert: 1. Complainte de la Seine (1934), 2. Je ne t’aime pas (1934), Text: Maurice Magre (1877-1941), Youkali (1934) aus dem Theaterstück 3. Marie Galante (1934-35), Text: Roger Fernay (1905-1983)

DIE GESCHICHTE VON ANNA AUS LOUISIANA

von Peter Michael Peters

Kurt Weill Denkmal in Dessau © Ralf Schueler

Kurt Weill Denkmal in Dessau © Ralf Schueler

Die große Hommage an Kurt Weill im Jahre 2020, IOCO-Essay – link HIER,  ist von einem chinesischen Virus total aufgefressen worden, wie wir leider alle bemerkten! Aber für unser aller Glück hat das Théâtre de l‘Athénée einen klitzekleinen Rest gerettet. Ein kleiner ungeschliffener Diamant von unermesslichem Werte ist da geborgen worden, geschrieben in hastender fliehender Zeit von zwei deutschen Emigranten in Paris:

Der Komponist Kurt Weill (1900-1950) und der Dramatiker Bertolt Brecht (1898-1956), ein Jude und ein Kommunist, beide flohen vor dem gewaltsamen drohenden Aufstieg eines Adolf Hitlers (1889-1945) & Co. Die Geschichte von Anna (die sich innerlich spaltete oder verdoppelte in Anna I und Anna II) und ihrer Schwester Anna  aus Louisiana ist die Geschichte einer Odyssee, einer Emigration, ja man kann sagen, einer Flucht auf der Suche des kapitalistischen Traumparadies. Es ist die ewige Geschichte des unschuldigen jungen Mädchens, das die Gesellschaft korrumpieren wird: Brecht und Weill bieten eine ebenso neue wie knirschenden Variante an. Sie laden uns zu einem Roadtrip auf dem Mississippi ein und der bis heute nichts von seiner Frechheit und seinem beißenden Humor verloren hat. So folgen wir den beiden Schwestern auf ihrem Wege durch sieben große kapitalistische Sündenstädte, die gleichzeitig auch die sieben biblischen Todsünden symbolisieren: Faulheit… Stolz… Zorn… Völlerei… Unzucht… Habsucht… Neid…! Der Dramatiker Brecht kehrt die Sünden gewissermaßen um, indem er mit energischer Kritik und ironischem bitterbösen Humor die sündigen Kirchenväter und gleichzeitig die Mächtigen des unersättlichen Großkapitalismus äußerst schwer angreift und auf die anti-klerikale und anti-kapitalistische Schippe nimmt.

Innerhalb weniger Tage skizzierten Weill und Brecht die Geschichte der jungen Anna, die von ihrer Familie auf einer Reise durch sieben amerikanische Städte geschickt wird, wo sie als Tänzerin und Sängerin das Geld für ein Haus verdienen soll. Zerrieben zwischen dem mörderischen Stress, sich als Tänzerin durchzuschlagen und ihren nur allzu menschlichen Wünschen (den Todsünden – die gegen alle Regeln der Vermehrung des Kapitals verstoßen), ist Anna I, die Sängerin ganz rational und setzt alles daran ihre Ziele zu erreichen. Anna II dagegen, die Tänzerin, gibt ihren Wünschen nach und gefährdet damit das erträumte Haus der Familie. Trotz Annas persönlicher Konflikte gelingt der Plan: Anna I kann Anna II immer wieder unter Kontrolle bringen.

1. Faulheit

DIE FAMILIE

Der Herr erleuchte unsre Kinder,
Dass sie den Weg erkennen, der zum Wohlstand führt.
Er gebe ihnen die Kraft und die Freudigkeit,

Dass sie nicht sündigen gegen die Gesetze,
Die da reich und glücklich machen.

Weill gliederte seine Musik in sieben Sätze, die den sieben Stationen von Annas Reise sowie den sieben Todsünden entsprechen. Prolog und Epilog bilden den Rahmen. In jedem Satz finden sich Elemente volkstümlicher Musik wie Walzer, Foxtrott, Marsch, Shimmy und Tarantella, die Weill überzeugender als in seinen früheren Brecht-Projekten symphonisch verarbeitet. Das Eingangsmotiv, das in allen Sätzen wieder auftaucht, ist zugleich musikalisches Bindeglied für das ganze Werk und Leitmotiv für Annas tiefe Traurigkeit. Große emotionale Ausdruckskraft und Intensität kennzeichnen die nachfolgende Musik, die mitunter an eine Symphonie von Gustav Mahler  (1860-1911) erinnert. In scharfem Kontrast dazu steht der eher humoristische Ton, mit dem Annas Familie charakterisiert wird. Für diese Passagen setzt Weill ein Quartett von Männerstimmen in enger Lage ein, das den Stil traditioneller Gesangsvereine, aber auch der Comedian Harmonists (1928-1935) mit ihren extrem hohen Tenorpartien und akzentuierten Basslinien aufgreift. Dieses Vokalensemble, das Weill schon sehr effektvoll in Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny (1930) verwendet hatte, wirkt hier besonders witzig, wenn Annas ständig moralisierende Mutter von einem Bass gesungen wird.

ATHÉNÉE-THÉÂTRE LOUIS-JOUVET / Die 7 Todsünden _ Ballett von Kurt Weill © Pierre Grosbois

ATHÉNÉE-THÉÂTRE LOUIS-JOUVET / Die 7 Todsünden _ Ballett von Kurt Weill © Pierre Grosbois

Anfang 1933 gründeten George Balanchine (1904-1983) und Boris Kochno (1904-1990) in Paris eine Balletttruppe, die ein wohlhabender junger Engländer namens Edward James (1907-1984) finanzierte. James war unter zwei Bedingungen bereit, für die gesamten Kosten des Ballett 1933 aufzukommen: Zum einen sollte seine Frau, die deutsche Tänzerin Tilly Losch (1903-1975), eine Rolle erhalten, zum anderen der deutsche Komponist Weill auf die eine oder andere Weise mitwirken.

Weill sah den Auftrag als ersten Schritt, sich in seiner neuen Heimatstadt Paris einen Namen zu machen. Zunächst schlug er Jean Cocteau (1889-1963) als Librettisten vor. Kurz darauf nannte er Brecht. Das Pariser Publikum kannte dessen 1932 mit großen Erfolg im Salle Gaveau aufgeführten Dreigroschenoper (1928), wusste aber ansonsten nicht viel über ihn.

Bertold Brecht © IOCO_ RMaass

Bertold Brecht vor dem BE in Berlin © IOCO_ RMaass

Am 5. April 1933 bat Weill den künstlerischen Leiter des Ballett 1933, Kochno, dem in Italien weilenden Brecht ein Telegramm zu schicken: Er solle sofort nach Paris kommen und noch in derselben Woche mit der Arbeit zu beginnen. Brecht war einverstanden und die beiden stürzten sich mit Feuereifer in das neue Projekt. Es sollte die letzte Kollaboration zwischen den beiden Künstlern sein!

Das Werk ließ das französische Publikum verwirrt zurück (und zwar nicht nur, weil es vollständig auf Deutsch gesungen wurde). Die in Paris lebenden deutschen Emigranten waren jedoch begeistert und sprachen von einem großen Ereignis. Allerdings war es sicher nicht Weills Ziel gewesen, nur von einer intellektuellen Elite gefeiert zu werden. Er betrachtete Die sieben Todsünden als sein bis dahin gelungenstes Werk, doch die frühen Aufführungen hatten nur bescheidenen Erfolg.

Für Weill wird Paris nicht lange ein Asyl sein geschweige eine neue Heimatstadt! Er wird von Reynaldo Hahn (1874-1947) verhöhnt, der seine Arbeit als Bordell-Musik ansieht, beleidigt von Florent Schmitt (1870-1958), der am Ende eines seiner Konzerte „Heil Hitler!“ schreit, dann von Lucien Rebatet (1903-1972), der in der Action Française sich beklagt hat, „dass wir an vielen Treffpunkten des linken Seine-Ufers zu viele hakennasenförmige und zwielichtige Physiognomien antreffen, frisch aus den intellektuellen Ghettos von Frankfurt oder Berlin geflohen“, und er kommt zum Schluss, „dass es der außergewöhnlichen schöpferischen Armut unserer Zeit bedarf, um in der Lage gewesen zu sein, einen begeisterten oder verunglimpfenden Lärm um einen Kurt Weill zu machen. Es bedarf der erschreckendsten Vergesslichkeit jeglichen kritischen oder ethischen Sinnes, um in dieser Negativformel eine Zukunft voraussehen zu können, die mit der Zersetzung  der Musikkunst enden würde. (L‘Action Française / 2. Dezember 1933). Weill verlässt Paris 1935 und emigriert in die USA, wo er ein großer amerikanischer Komponist wird. Er wird sein Land und dessen Sprache total aus seinem Gedächtnis streichen und er wird niemals wieder deutschen Boden betreten.

9. Epilog

ANNA 1

Darauf kehrten wir zurück nach Louisiana,
Wo die Wasser des Mississippi unterm Monde fliessen.

Sieben Jahre waren wir in den Städten
Unser Glück zu versuchen.

Jetzt haben wir’s geschafft.
Jetzt steht es da, unser kleines Haus in Louisiana.

Jetzt kehren wir zurück in unser kleines Haus
Am Mississippi-Fluss in Louisiana.
Nicht wahr, Anna

ANNA 2

Ja, Anna!

Siehe auch IOCO-Essay: VON DESSAU ZUM BROADWAY – Hommage à Kurt Weill von Peter M. Peters, link HIER!

ATHÉNÉE-THÉÂTRE LOUIS-JOUVET / Die 7 Todsünden _ Ballett von Kurt Weill © Pierre Grosbois

ATHÉNÉE-THÉÂTRE LOUIS-JOUVET / Die 7 Todsünden _ Ballett von Kurt Weill © Pierre Grosbois

Aufführung am 5. Juni 2021 im  Athénée – Théâtre  Louis-Jouvet – Paris

Das Orchestre de Chambre Pelléas mit seinem Chefdirigenten Benjamin Levy hatte gewissermaßen den Weill-Stil total unter der Haut: Dieses Gemisch aus jazzigen Rhythmen,  verrückten Modetänzen, fröhlicher Volksmusik, jubelnden Chorälen und melancholischer Synagogenmusik wurde in der reduzierten Orchesterversion mit nur 15 Musikern von HK Gruber (1943-) hinreißend gespielt. Wir wurden praktisch mitgerissen von dieser außergewöhnlichen Reisebegleitung der Musiker auf unserer langen durstbringenden Reise durch die Wüsten der Städte.

Auch wurden die drei oben genannten Chansons, von Weill in seinem Pariser Exil geschrieben, mit viel Geschmack und Feingefühl in die Musik der Todsünden eingefügt. Besonders Youkali, das in seiner großen Traurigkeit das ganze Elend von Emigranten, Heimatlosen und Verfolgten  erweckt!

Die junge französische Mezzosopranistin Natalie Pérez (Anna I), die schon eine reiche Karriere vorweisen kann, hat ihre Rolle mit viel Einfühlungsvermögen und Sensibilität gestaltet. Auch zeigte sie die nötige Stärke und Willenskraft um ihre zweite Seite (Anna 2) zu beschwichtigen und zur Weisheit zu führen. Die Sängerin kann sich ohne Scheu in die Reihe der großen Weill-Interpretinnen einreihen!

Noémie Ettlin (Anna II) hat eine Ausbildung im klassischen und modernen Ausdruckstanz in der Schweiz erhalten. Sie arbeitete schon mit vielen bekannten internationalen Choreographen zusammen und verfügt bereits über  eine reichhaltige Erfahrung verschiedener Tanzstile. Hier zeigte sie gewissermaßen ihren eigenen Tanzstil, denn sie war auch für die Choreographie verantwortlich! Ihre Arbeit und ihr Körper integrierte sich völlig in die Inszenierung, jedoch hat es leider bei uns nicht den erwarteten Gänsehauteffekt  ausgelöst.

Les sept péchés capitaux – Die sieben Todsünden Kurt Weill,
Youtube Athénée Théâtre Louis-Jouvet
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Das Männerquartett (Die Familie) war  mit vier jungen Sängern ausgezeichnet zusammengestellt: Florent Baffi, Bass (Die Mutter); Guillaume Andrieux, Bariton (Der Vater); Manuel Nuñez Carmelino, Tenor (Bruder I); Camille Tresmontant, Tenor (Bruder II). Ohne hier weiter in Details zugehen, diese Familie war gewissermaßen  mit Qualität zusammen geschweißt, wie es sich für eine echte  Kleinbürgerfamilie gehört. Es war eine Einheit von Stimmen und Willen, kein Ton wagte da auszubrechen, keine Individualität zerstörte den Willen. Ein Quartett vom Feinsten, das mit viel Musikalität und einer intensiven Interpretation mit viel Dreistigkeit und Willenskraft ihre Ideen durchsetzte frei nach Weill  und Brecht.

Les sept péchés capitaux – Die sieben Todsünden hier PINA BAUSCH,
Youtube TheatreVilleParis
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Das Bühnenbild mit den inzwischen in Mode gekommenen Metallgerüsten stört nicht wirklich, aber wir erhofften eine neue Idee! Dagegen das Video von Yann Chapotel ist recht interessant, indem es uns an die Welt der unmenschlichen Städte vom Quartier de La Défense in Paris bis zur Skyline in Manhattan erinnert. Die Kostüme von Hélène Kritikos sind neutral ohne zu stören, zeigen aber keine besondere Kreativität! Die Bühnenbeleuchtung ist effektvoll eingesetzt von Catherine Verheyde.

Der Regisseur Jacques Osinski hat sich im Laufe vieler Jahre einen guten Namen im Theater und in der Oper gemacht. Auch hier zeigt er eine Arbeit mit viel Ideenreichtum und einem intensiven Eindringen in das Werk. Die etwas statische Sängerbehandlung für ein Anti-Oratorium zeigt sich als äußerst wirkungsvoll! Jedoch der Gesamteindruck hat leider für uns nicht die nötige Stärke: Es fehlt die politische, soziale und klerikale kritische Aussage. Diese Reise von sieben Monaten von einem (oder zwei ?) jungen Mädchen, noch dazu brutal gezwungen von den Eltern, ist kein leichter Spaziergang. Der Regisseur spricht in einem Vorwort von Jim Jarmusch (1953-) oder David Lynch (1946-), etc. Wir sehen in keiner Weise diese harte dürre Atmosphäre in seiner Inszenierung. Ja! Es fehlt die Härte und die Brutalität dieser Welt. Die Todsünden sind niemals für ein schreiendes Kabarett geschrieben worden noch für einen netten Theaterabend und sie sind heute wie Gestern äußerst aktuell und modern.

Wie schon gesagt, wir haben trotz einiger Einwände einen wunderbaren Theaterabend erlebt, natürlich besonders vom der musikalischen Seite…  P.M.P. / 11.06.2021

—| IOCO Kritik Théâtre de l‘Athénée |—

 

 


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