Eutin, Eutiner Festspiele, Cabaret – Musical von John Kander, Fred Ebb, IOCO Kritik, 16.07.2021

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Eutiner Seebühne © Eutiner Festspiele / C Becker

Eutiner Seebühne © Eutiner Festspiele / C Becker

Eutiner Festspiele 2021

Eutiner Festspiele 2021
Cabaret – Musical von John Kander, Fred Ebb

von  Wolfgang Schmitt

Corona-bedingt mußten die Eutiner Festspiele 2020 komplett ausfallen, umso erfreulicher war es, daß nun aufgrund sehr niedriger Inzidenzwerte in Schleswig-Holstein der Spielbetrieb in diesem Sommer wieder aufgenommen werden konnte. Auch der Wettergott meinte es gut, bei blauem Himmel, Sonnenschein bis in die späten Abendstunden und lauen 25 Grad fand am 2. Juli 2021 auf der Seebühne im Eutiner Schloßpark die Eröffnungspremiere mit Cabaret statt. Eigentlich war die West Side Story vorgesehen, welche jedoch eine sehr große Besetzung erforderte, und so entschied man sich aufgrund der Pandemie-Auflagen für das weniger aufwendig zu besetzende Musical Cabaret, komponiert von John Kander, die Liedtexte schrieb Fred Ebb nach dem Buch von Joe Masterhoff, welcher hierfür ein Schauspiel von John van Druten mit Romanvorlagen von Christopher Isherwood zugrunde legte.

Cabaret – Musical – Eutiner Festspiele 2021
Youtube Trailer Eutiner Festspiele 2021
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Die von Jörg Brombacher konzipierte Bühne – es gilt hier, einerseits den glamourösen Kit.Kat-Club, andererseits eine schlichte, etwas spießige Pension darzustellen, was auf solch einer Freilichtbühne gar nicht so einfach, aber wie man hier sieht, durchaus möglich ist – besteht aus goldgelben Treppenstufen und silbergrauen Versatzstücken, der imposante Bühnenhintergrund besteht aus drei kreisförmigen Bauten, links und rechts mit silbernen Vorhängen verkleidet, aus denen die Solisten die Bühne betreten, im mittleren großen Kreis ist ein kleines, von Christoph Bönecker kompetent geleitetes Orchester platziert, Mitglieder der Kammerphilharmonie Lübeck, die hier eine wahrlich mitreißende Mischung aus Swing, Charleston, Jazz und Ragtime boten und die Solisten gefühlvoll bis kraftvoll in ihren Songs und Ensembles brilliant begleiteten. Das gesamte Ensemble ist in diesem Rahmen als erstklassig zu bezeichnen.

An allererster Stelle muß Jasmin Eberl als lebenslustige, ehrgeizige, etwas naive Sally Bowles genannt werden, eine persönlichkeits- und ausdrucksstarke Darstellerin mit kräftiger Stimme, tänzerischem und akrobatischem Talent, sie zog die Zuschauer vom ersten Moment ihres Auftritts in ihren Bann, und insbesondere ihre Songs „Mein lieber Herr“, „Maybe this Time“ und „Cabaret“, die sie teils gefühlvoll und melancholisch, teils frech, kapriziös und rockig darbietet, waren zu Recht die Höhepunkte des Abends, ebenso wie ihr Duett mit dem Conferencier, „Money makes the World go round“, dieser wurde dargestellt von Oliver Urbanski, Foto unten, der zu Beginn das Publikum mit seiner Auftrittsnummer „Willkommen, Bienvenue, Welcome“ begrüßt. Charmant durch den gesamten Abend leitend, in fast jeder Szene präsent, so singt und tanzt er sich mit einem gewissen Sex-Appeal, Witz und leichter Clownerie durch seine Partie; bei seinen beiden originellen Songs „Two Ladies“ und „Sähet ihr sie mit meinen Augen“ war ihm der donnernde Applaus des dankbaren Publikums gewiß.

Eutiner Festspiele / Musical Cabaret - hier : Julian Culemann als Cliff Bradshaw © EF / C Landerer

Eutiner Festspiele / Musical Cabaret – hier :Oliver Urbanksi als Conferencier © EF / C Landerer

Julian Culemann war der amerikanische Schriftsteller Cliff Bradshaw, der nach Berlin kommt, um ein Buch zu schreiben, der sich in Fräulein Schneiders Pension einquartiert und der im Kit-Kat-Club die Sängerin Sally Bowles kennen und lieben lernt. Stimmlich mit einem angenehm klingenden lyrischen Bariton ausgestattet, gab er darstellerisch den jungen freundlichen, gut aussehenden, verständnisvollen Liebenden, der sich glaubhaft um Sally sorgt. Auch Mario Zuber als Ernst Ludwig punktete mit adretter, sympathischer Ausstrahlung und angenehmen Stimmklang, er hatte seine stärksten Momente auf der Verlobungsfeier von Fräulein Schneider und Herrn Schulz, dem Gemüsehändler, dem zweiten Liebespaar in diesem Stück. Diese beiden wurden dargestellt von Susanna Panzner und Tilman Madaus, doch die späte Liebe der resoluten Pensionswirtin und dem höflich um ihre Hand anhaltenden jüdischen Mitbewohner ihrer Pension scheitert schließlich an den politischen Realitäten. Beide haben anrührende Momente in ihren Duetten, Herr Schulz noch zusätzlich in seinem witzig vorgetragenen Lied „Miesheit“. Schließlich ist da noch Fräulein Kost, ebenfalls Bewohnerin der Pension, sie liebt die Matrosen, mit ihren Liebesdiensten ist sie in der Lage, ihre Miete zu zahlen, sehr zum Unmut von Fräulein Schneider, die ihre Pension nicht zu einem Stundenhotel verkommen lassen will. Patricia Hodell ist dieses Fräulein Kost, die einige weitere amüsante Noten zur Handlung beisteuert und die ihren großen Moment auf der Verlobungsfeier von Fräulein Schneider und Herrn Schulz hat, wenn sie „Der morgige Tag ist mein“ anstimmt.

Eutiner Festspiele / Musical Cabaret hier Ensemble © EF / C Landerer

Eutiner Festspiele / Musical Cabaret hier Ensemble © EF / C Landerer

Einen großen Anteil an dieser wunderbar gelungenen Inszenierung hatte die ausgefeilte Lichtregie von Rolf Essers, insbesondere als der Abend fortschritt und sich die Dunkelheit über den Schlosspark legte; ebenso die phantasievollen Kostüme von Martina Feldmann, teils bieder wie bei Fräulein Schneider und Herrn Schulz, teils elegant wie bei Cliff Bradshaw und Ernst Ludwig,und sehr sexy bei Sally Bowles, bei Fräulein Kost, beim Conferencier, und beim großartig agierenden, von Vanni Viscusi choreographierten, aus sechs Tänzerinnen und vier Tänzern bestehenden Ballett, prickelnde Erotik, aufregend angedeuteter Sex, humoriger Witz, sprühender Charme und die faszinierende Akrobatik dieser Truppe trugen ganz wesentlich zu dieser gelungenen, erfolgreichen Eröffnung der  Eutiner Festspiele 2021 bei.

Cabaret – Musical, Termine –  Eutiner Festspielen 2021:  22.7., 23.7.; 31.7.; 6.8.; 20.8.; 22.8.2021

—| IOCO Kritik Eutiner Festspiele |—


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Lübeck, Theater Lübeck, Gespentersonate – Aribert Reimann, IOCO Kritik, 05.06.2021

Juni 5, 2021 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Oper, Theater Lübeck

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Theater Lübeck

Theater Lübeck © Olaf Malzahn

Theater Lübeck © Olaf Malzahn

Gespenstersonate –  Aribert Reimann

  – verwirrendes, verworrenes – voller Morbidität, Mystik, Okkultismus –

von  Wolfgang Schmitt

Nachdem dieser unsägliche Corona-Lockdown aufgrund der jetzt endlich fallenden Inzidenzwerte nunmehr in der zweiten Mai-Hälfte gelockert werden konnte, durften auch die Theater ihren Spielbetrieb wieder aufnehmen. Allerdings gibt es für den interessierten Theaterbesucher etliche Hürden zu überwinden. Im Bundesland Schleswig-Holstein, welches mit einem gewissen Stolz die niedrigsten Inzidenzwerte aufweisen konnte, müssen die Besucher einen negativen Corona-Test vorlegen, der nicht älter als 24 Stunden sein darf. Am Theatereingang muß man sich per „Luca-App“ registrieren, als nächstes muß man an einem weiteren Eingangs-Kontrollpunkt ein mit seinem Namen, Adressen, Telefon- und Handyummern ausgefülltes Formular vorlegen und abgeben, am letzten Kontrollpunkt wird schließlich der Personalausweis mit der personenbezogenen Eintrittskarte verglichen. Nach diesem „Hürdenlauf“ ist man nun endlich drin im Theater und darf sich auf die Vorstellung freuen. Sicherlich wird dieses Verfahren viele Operngänger von einem Theaterbesuch erstmal abschrecken, aber zur Zeit besteht wohl noch immer die Notwendigkeit solcher Maßnahmen, und wir können nur hoffen, daß dieser Corona-Albtraum recht bald vorbei sein wird.

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Theater Lübeck / Gespentersonate - hier : Direktor Hummel, links, und Ensemble © Olaf Malzahn

Theater Lübeck / Gespentersonate – hier : Direktor Hummel, links, und Ensemble © Olaf Malzahn

Die Gespenstersonate von Aribert Reimann (*1936) – nach dem surrealistischen Schauspiel von August Strindberg – ist eine verwirrende, verworrene Geschichte voller Morbidität, Mystik und Okkultismus, eine schwer nacherzählbare Geschichte zweier schicksalhaft miteinander verbundenen Familien. Da ist zunächst der Alte, Direktor Hummel, in seinem Rollstuhl langsam aus dem Bühnenhintergrund nach vorn an die Rampe fahrend, ein Intrigant und Bösewicht, dämonisch deklamierend und intensiv dargestellt von Otto Katzameier mit markantem Bassbariton. Der Oberst ist ein Hochstapler mit geschönter Vergangenheit, ein Betrüger, weder ist er Oberst noch adlig, gesungen von Wolfgang Schwaninger mit heldentenoralen Ausbrüchen, seine Gratwanderung zwischen dem mit Orden dekoriertem Offizier und enttarnter tragisch-bloßgestellter Kreatur großartig darstellend. Karin Goltz ist seine Frau, die – aufgrund ihres damaligen Ehebruchs mit Hummel – traumatisierte Mumie, in diesem Rahmen auch optisch an Martha Mödl erinnernd, ausgestattet mit einem satten, pastosen Alt, während Andrea Stadel, ihre Tochter, das „Fräulein“, die auch die Tochter des Direktors Hummel ist, als Blumenliebhaberin – insbesondere liebt sie Hyazinthen – in ihrem bunten blumenbestrickten Kleid und glockenhellem Sopran eine fröhlich-optimistische Note in das Bühnengeschehen bringt.

Arkenholz, dessen Vater einst von Direktor Hummel in den Ruin getrieben worden ist, beeindruckte mit seinem hellen, kraftvoll eingesetzten lyrischen Tenor und seinen nahezu hybriden Tönen in extremer Höhenlage bis hinauf zum „e“, wie vom Komponisten gefordert. In den weiteren Partien hörten wir Daniel Schliewa als Johanssen, den unterwürfigen Diener des Direktors Hummel, Steffen Kubach als Bengtsson, den bestens über alle Geheimnisse informierten Diener des Oberst, Julia Grote als unheimliche Köchin, Milena Juhl in ihren kurzen Auftritten als „die dunkle Dame“, sowie Iris Meyer als quiekende, gurrende Papageien-Imitation der Mumie.

Theater Lübeck / Gespentersonate von Aribert Reimann © Olaf Malzahn

Theater Lübeck / Gespentersonate von Aribert Reimann © Olaf Malzahn

Julian Pölsler ist mit seiner Ausdeutung der Gespenstersonate ein genialer Coup gelungen, seine stimmungsdichte und präzise Inszenierung zog den Zuschauer vom ersten Moment an in seinen Bann, auch das geschmackvolle Bühnenbild von Roy Spahn, der auch für die Kostüme verantwortlich zeichnete, sowie die ausgefeilte Lichtregie von Falk Hampel hatten hieran einen erheblichen Anteil.

Die ansprechenden Bühnenbilder zeugen von aparter Ästhetik: Das erste Bild zeigt das Anwesen des Oberst, in welchem er mit seiner Frau – der Mumie – und seiner vermeintlichen Tochter – dem „Fräulein“ – lebt. Ein links angebrachter, von der Decke herunterhängender, bedruckter Vorhang dient als der „Wandschrank“, in dem die Mumie lebt und in dem sie später dem Direktor Hummel befiehlt, sich umzubringen. Im zweiten Bild sehen wir den Salon von schlichter Eleganz mit der Statue seiner Frau, der Mumie, als diese noch jung war, und in dem das alljährliche „Gespenstermahl“ stattfindet. Von der Decke herunter hängen Blumenzwiebeln, die von der Tochter so geliebten Hyazinthen. Im dritten Bild befinden wir uns in dem Zimmer der Tochter, dem Hyazinthenzimmer, in dem sie und Arkenholz sich näher kommen und wo ihr Schicksal seinen unvermeidlichen Lauf nimmt.

Andreas Wolf und die ca, 18 Mitglieder des bestens einstudierten, kammermusikalisch klein besetzten Lübecker Philharmonischen Orchesters begleiteten das Bühnengeschehen unglaublich spannungsreich, die Violinen, die Bratsche, Oboe, Fagott, Bassklarinette, Trompete und Kontrabass, dazu Harfe und Klavier, jedes dieser Soloinstrumente untermalte spannungsreich und präzise die Emotionen, die Konflikte, die Dramatik, die Atmosphäre, die gesamte Psychologie dieser Geschichte auf faszinierende Weise, auch war Andreas Wolf den zehn hochkarätigen Solisten ein sicherer und einfühlsamer Begleiter. Natürlich sind moderne Opern, Zwölftonkompositionen des 20. Jahrhunderts, nicht jedermanns Sache, und so verließen einige wenige Zuschauer bei der ersten sich bietenden Gelegenheit nach dem ersten Bild den Saal, dennoch lohnt sich ein Besuch dieser hervorragenden, spannenden Inszenierung, die das Lübecker Theater auch in der nächsten Spielzeit, wenn der Corona-Albtraum hoffentlich vorüber sein wird, im Spielplan behalten sollte.

—| IOCO Kritik Theater Lübeck |—


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Hamburg, Hamburgische Staatsoper, Manon – Jules Massenet, IOCO Kritik, 23.02.2021

Februar 22, 2021 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Oper, Staatsoper Hamburg

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Staatsoper Hamburg

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

 MANON –  Jules Massenet

„C´est la vie“ : Las-Vegas-Nachtclub  – fliegende Geldscheine – Spielautomaten

von Wolfgang Schmitt

Seit nunmehr drei Monaten befinden wir uns in diesem unsäglichen Lockdown, seit drei Monaten sind die Opernhäuser und die Theater geschlossen, und seit drei Monaten liegt die Kulturszene mehr oder weniger brach. Umso dankenswerter ist es, daß nun auch die Hamburger Staatsoper sich entschlossen hat, die geplante Premiere von Massenets  Manon auf die Bühne zu bringen und dem Publikum per Livestream und im Radio zugänglich zu machen. Massenets Opern werden hierzulande leider nicht so häufig gespielt, mal abgesehen von Werther, und so waren die Hamburger besonders gespannt auf diese Manon, bevor der Lockdown die Vorfreude erstmal zunichte machte. Doch nun hat die Hamburgische Staatsoper sich in die Liste der Opernhäuser eingereiht, die kostenfreie Streaming-Angebote liefern. Die Oper basiert auf dem Roman L’histoire du Chevalier des Grieux et de Manon Lescaut des Abbé Prévost von 1731. Massenet hat sich bei seiner Komposition ziemlich an die Romanvorlage gehalten, während Puccinis Manon Lescaut sich auf die wesentlichen Szenen konzentrierte. Auch Daniel Esprit Auber schrieb 1856 seine Manon Lescaut, die jedoch auf deutschen Opernbühnen nur höchst selten zu finden war. Auch Hans Werner Henze vertonte 1951 diesen Stoff als Boulevard solitude.

Manon an der Hamburgischen Staatsoper
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Die hier besprochene Aufführung vom 24.1.2021 in der Inszenierung von David Bösch ist aufregend, spannend, intensiv und spielerisch detail-verliebt: Wenn Manon im ersten Bild ihren ersten Versuch macht, eine Zigarette zu rauchen, später mit dem Pfefferspray hantiert, oder der imaginären streunenden Katze, die irgendwie durch alle Szenen und über die Videoprojektionen zwischen den Akten schleicht, die Milchschale hinstellt und sie im Katzenkorb füttert. Später der leuchtende Mini-Eiffelturm als Symbol für die Stadt der Liebe und des Vergnügens, dessen Lichter ausgehen, wenn die erste Verliebtheit und Leidenschaft erloschen ist oder am Ende der Tod wartet.

Manon ist Elsa Dreisig, der man das 16jährige, lebendige, neugierige, lebenshungrige Mädchen durchaus abnimmt, die Freude und Spaß an ihrem

Staatsoper Hamburg / Manon hier Elsa Dreisig als Manon © Brinkhoff / Moegenburg

Staatsoper Hamburg / Manon hier Elsa Dreisig als Manon © Brinkhoff / Moegenburg

Dasein haben will. Als Mädchen vom Lande kostümiert (Kostüme Falko Herold) mit blauer Strickmütze, langem blauem Schal, Ringelpullover und Schlabberkleid, ist sie sogar beeindruckt von der düsteren Spelunke (Bühnenbilder von Patrick Bannwart), in der ihr Cousin Lescaut sie erwartet, um sie ins Kloster zu bringen. Als Manon und Des Grieux einander erblicken, ist es Liebe auf den ersten Blick, und da es auch auf der Bühne aufgrund der Corona-Abstandsregelungen nicht zu Berührungen kommen darf, ist der 3 Meter lange Schal die „intime“ Verbindung der beiden. Düstere Stimmung herrscht auch im nächsten Bild, ein kleines spartanisch eingerichtetes Zimmer mit Bett und „notre petite table“, ein großes Fenster, auf welches Herzen mit „M – G“ projiziert werden. Gleißende Atmosphäre dagegen im folgenden Bild, einem Las-Vegas-Nachtclub mit üppigem Kronleuchter und Spielautomaten, im Bühnenhintergrund prangt groß und neon-beleuchtet der Schriftzug „C’est la vie“.

MANON an der Hamburgische Staatsoper

IOCO bringt Sie LIVE zur Aufführung – Klicken Sie HIER!

 Hier feiert Manon gerade ihren 20. Geburtstag. Großartig präsentiert sich hier der Cousin Lescaut als bekiffter Rock-Star, anschließend Manon als Nachtclubsängerin, nicht unbedingt als Marilyn, sondern eher als eine Kathy-Kirby-Imitation mit blonder Perücke und weißem Pelzmantel. In Des Grieux‘ schlichter Klosterzelle dominiert das übergroße Kruzifix, auch eine Heimorgel ist vorhanden, in diesem Bild haben die noch immer Liebenden Manon und Des Grieux ihre stärksten, eindrücklichsten Momente, so daß er sein Klosterleben aufgibt und ihr in eine ungewisse Zukunft folgt. Im vierten Akt befinden wir uns in der Spielhölle des Transsylvanischen Hotels, hier dominiert der übergroße Roulettetisch, an dem sich Des Grieux nun im Glücksspiel versucht, auch russisches Roulette wird hier in dieser Inszenierung praktiziert, in dessen Verlauf schließlich Manon ihren Gönner, den Lebemann Guillot-Marfontaine erschießt, während im großen Finale des fünften Aktes Manon sich vergiftet und Des Grieux sich die Pulsadern aufschlitzt, um, wie Romeo und Julia, gemeinsam in den Tod zu gehen – ein weiterer, durchaus nicht unpassender Regieeinfall. – „C’est la vie“, „That’s Life“, „So oder so ist das Leben“.

Manon – hier Werkeinführung – David Bösch, Detlef Giese
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In Zeiten von Corona ist es unumgänglich, sich an die Abstandsregeln zu halten, und so wurde der verkleinerte Chor, wie immer von Eberhard Friedrich auch unter diesen Voraussetzungen perfekt einstudiert, in die Logen und Ränge platziert, kleine Unstimmigkeiten zwischen Bühne, Chor und Orchester blieben daher nicht aus. Auch wurde das Philharmonische Staatsorchester unter der kompetenten Leitung von Sebastien Rouland etwas ausgedünnt – weniger Bläser, weniger Schlaginstrumente, weniger Streicher, dennoch gab es hier keinerlei nennenswerte Einschränkungen, das Orchester spielte fulminant auf, setzte dramatische Akzente oder nahm sich bei den sensiblen, anrührenden Passagen kammermusikalisch zurück, so daß trotz der reduzierten Instrumente hinsichtlich des Orchesterklangs kaum Wünsche offen blieben.

Sängerisch befand sich diese Darbietung auf allerhöchstem Niveau. Natürlich stand im Mittelpunkt eines insgesamt hochkarätigen Ensembles die junge Sopranistin Elsa Dreisig, sensationell in ihrer Darstellung dieses lebenshungrigen jungen Mädchens, ihre wunderschön timbrierte Stimme von berückender Natürlichkeit und Leichtigkeit, absolut perfekt in der Intonation, der Phrasierung und den Intervallsprüngen. Ihr zur Seite und durchaus ebenbürtig stand der junge rumänische Tenor Ioan Hotea als Des Grieux, jung und gut aussehend, etwas unbedarft und naiv, so legt er seine Partie an, sich im Verlaufe der Handlung hineinsteigernd in Stimmungsumschwünge und Gefühlsregungen zwischen Verzweiflung, Ablehnung, bis hin zu unerschütterlicher Leidenschaft und Liebe zu seiner Manon. Seine warm timbrierte Stimme verfügt über zarten Schmelz, dennoch kann er sie kraftvoll bis hin zur heldischen Leidenschaftlichkeit einsetzen.

Staatsoper Hamburg / Manon hier: Björn Bürger als Lescaut © Brinkhoff / Moegenburg

Staatsoper Hamburg / Manon hier: Björn Bürger als Lescaut © Brinkhoff / Moegenburg

Björn Bürger präsentiert eine wahre Palette von Verkommenheit bis hin zum totalen Absturz, als Manons Cousin Lescaut gibt er den Beschützer, den machohaften Zuhälter, den drogenabhängigen Lebemann, und schließlich den hilflosen Junkie. Mit seinem kernigen, kraftvoll eingesetzten Bariton gefiel er insbesondere in seiner Rock-Star-Imitation im Casino-Bild des dritten Aktes. Mit seinem wohlklingenden Kavaliersbariton gab Alexey Bogdanchikov den eleganten, vornehmen Adligen Brétigny, während der Charaktertenor Daniel Kluge seine Partie des reichen Pächters und Lebemanns Guillot-Marfontaine mit Witz und Spielfreude ausstattet. Mit bassiger und gestrenger Autorität sang Dimitry Ivanshchenko den Vater Des Grieux, und auch Martin Summer als optisch Angst einflößender Wirt konnte seinen noblen Bass präsentieren. Das Trio der „leichten Mädchen“ Pousette, Javotte und Rosettein vulgärer Aufmachung mit Glitzer-Minikleidern und pastellfarbenen Perücken wurde von Elbenita Kajtaz, Narea Son und Ida Aldrian ansprechend und schönstimmig gesungen, und die beiden Gardisten Collin André Schöning und Hubert Kovalcyk rundeten dieses ausgezeichnete Ensemble ab.

Diese Manon-Inszenierung dürfte für die Hamburger Staatsoper ein großer Erfolg werden, wenn dieser Corona-Lockdown endlich vorbei sein wird und das geregelte Leben wieder beginnen kann. Wir freuen uns schon wieder auf unsere künftigen Live-Opernbesuche – hoffentlich bald !!!

—| IOCO Kritik Staatsoper Hamburg |—


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