Izmir, Devlet Opera de Balesi, Opernhäuser in der Türkei, IOCO Aktuell, 11.06.2019

Juni 11, 2019 by  
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Oper Izmir heute, ein umgebauter Kinosaal © D Zimmermann

Oper Izmir heute, ein umgebauter Kinosaal © D Zimmermann

Devlet Opera de Balesi

Opernhäuser in der Türkei – Izmir, Istanbul, Ephesus

von Daniela Zimmermann

Die westliche Opernwelt hört bisher nicht viel von den Opernproduktionen in der Türkei. Aber das dürfte sich in den kommenden Jahren ändern. Gerade entsteht in Istanbul, am berühmten Taksim Platz, ein Opernhaus mit 2500 Sitzplaetzen, das Istanbul Devlet Opera ve Balesi. Dies Opernhaus wird durch seine extravagante, moderne Architektur zu einer neuen  Attraktion der Stadt werden. Der Entwurf stammt von dem türkischen   Stararchitekten Murat Tabanlioglu. Istanbul erhöht damit seinen Reichtum an Kultur und Architektur. Bereits 2019 soll die neue Istanbul Devlet Opera ve Balesi den Spielbetrieb aufnehmen.

Devlet Opera de Balesi / Aytül Büyüksararaçi - Intendantin der Oper Izmir © Daniela Zimmermann

Devlet Opera de Balesi / Aytül Büyüksararaçi – Intendantin der Oper Izmir © Daniela Zimmermann

Izmir, schönste und grösste Stadt der Türkei an der aegaeischen Küste bekommt nach jahrelanger Planung in den nächsten Jahren ebenfalls ein aufsehenerregend neues Opernhaus mit 1800 Sitzplätzen auf einem 56.000 m² grosses Areal. Intendantin Aytül Büyüksararaçi berichtet über die große  Unterstützung, welche die Stadt von vielen Seiten erhielt, diesen Opernneubau zu realisieren.

1980 wurde das ehemalige Cinema Gebäude aus dem Jahr 1926 vom Ministerium für Kultur angemietet und im Oktober 1982 als Opernhaus Izmir eröffnet.

Aytül Büyüksararaçi, Intendantin der Izmir Devlet Opera de Balesi, der Oper Izmir, leitet derzeit den Opernbetrieb in einem umgebauten Kinosaal. Frau Aytül leitet diesen Opernbetrieb seit 14 Jahren und ist hier zuständig für den Opernbetrieb als auch die Finanzen. Eingebunden ist Aytül zwangsläufig auch in die Errichtung der neuen Oper Izmir. Weiteres Izmir-Highlight ist das gerade eröffnete Konzerthaus mit 3 Konzertsälen. Der grösste Saal des Hauses, wird auch für konzertante Opernaufführungen genutzt werden.

Es gibt zurzeit sechs Opernhäuser in der Türkei, davon ist Izmir das 3.grösste; mit einem eigenem Ensemble, Orchester, Saenger, Chor, Ballett, insgesamt 500 Beschäftigten. Jaehrlich werden etwa Opern-, zwei Ballettproduktionen sowie zwei Kinderopern gespielt. Die Produktionen sind regelmäßig Koproduktionen mit anderen Theatern; Kulissen und Ensemble werden ausgeliehen; international erfahrene SängerInnen sind dagegen nur selten zu hören.

Opern werden grundsätzlich in der Orginalsprache, wie Italienisch, Deutsch oder Französisch, gesungen; mit türkischen Untertiteln. Spannend: Es gibt auch türkische Opern. In Deutschland schon mehrfach aufgeführt  Ali Baba und die 40 Räuber  von Selman Ada (*1953), so siehe unten, 2012 an der Oper Wuppertal.

Ali Baba und die 40 Räuber  –  Selman Ada
youtube Trailer Wuppertaler Bühnen
? Filmproduktion Siegersbusch, Wuppertal, 2012
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Im Rahmen eines Integrationsprogrammes spielte die Frankfurter Oper 2014 Mozarts Entführung aus dem Serail auf Türkisch. Kein Zufall spielt die Handlung doch in der Türkei. Ahmed Adnan Saygun oder Cemal Resit Rey und Ulvi Cemal Erkin sind in der Türkei bekannte Opernkomponisten.

Intendantin Aytül Büyüksararaçi strebt an, die Kooperation der Oper Izmir mit deutschen Theatern zu vertiefen. Nicht nur mit der Oper Wuppertal auch mit Gaertnerplatztheater, gab es durch Ali Baba und die vierzig Räuber neue Formen der Zusammenarbeit.

Neu war 2018 für die Oper Izmir eine Opernaufführung im grossen antiken Theater in Ephesus: zum Ephesus Opera Festival. Der Erfolg war überwältigend. Eine Kooperation mit ausländischen Opernhäusern und internationalen Sängern sollen dieses Festval zukünftig weiter bereichern.

Am Herzen liegt Murat Tabanlioglu auch der jährliche nationale Gesangs-Wettbewerb junger Sänger in Izmir. Seit elf Jahren wird dieser Wettbewerb mit internationalen Juri durchgeführt; so auch im Februar 2019. Krönung ist eine abschließende  Galavorstellung der Gewinner des Wettbewerbes, die dort ihr Können öffentlich demontrieren.

Eine weiterer Wettbewerb für junge Sänger ist der internationale Wettbewerb, Die Neue Stimme, der seit 2 Jahren auch in der Türkei ausgetragen wird. Auch hier finden die Ausscheidungen in Izmir statt; Aytül Büyüksararaçi ist auch hier eingebunden. Brion Dickie, seit 1999 Generaldirektor des Chicagoer Opera Theater, leitet weltweit die Vorauswahl für diesen, alle zwei Jahre stattfindenden Gesangs-Wettbewerb. Initiert und finanziell getragen wird dieser Wettbewerb von der Bertelsmann Stiftung, Gütersloh. wo  die Endausscheidung stattfindet.

Die Saison 2019 /20 der Izmir Devlet Opera de Balesi   bietet Cavalleria Rusticana,  Pagliacci, La  forza del destino, Don Giovanni,  Lucia di Lammermoor. Das Ballett des Theaters gilt als das beste in der Türkei und zeigt 2019 den  Nussknacker von Peter I. Tschaikowsky.

—| IOCO Aktuell Devlet Opera de Balesi |—

Düsseldorf, Deutsche Oper am Rhein, Pique Dame – Peter Iljitsch Tschaikowsky, IOCO Kritik, 01.06.2019

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Deutsche Oper am Rhein

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel - www.foto-drama.de

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel – www.foto-drama.de

PIQUE DAME  –  Peter Iljitsch Tschaikowsky
 Eine Zeitreise  –  Fin de siècle – Rokoko – Hollywood

von Karl-H. Möller

Pique Dame, die 1890 in Sankt Petersburg uraufgeführte Oper, in der die gleichnamige Spielkarte der zentralen Figur des Librettos den Namen gibt und die Katastrophe des zum Spieler werdenden Helden vollendet, soll Peter Iljitsch Tschaikowski selbst als sein wichtigstes musikdramatisches Werk bezeichnet haben. Das Programmheft zur Inszenierung der Deutschen Oper am Rhein widmet einem Zitat Boris Asafjews nahezu programmatisch eine ganze Seite:

„Die genialste von Tschaikowskys Opern überhaupt (…)
Wir erleben Schritt für Schritt das Eintauchen in einen Albtraum
und werden überzeugt, dass das alles real ist“

Über diese Superlative kann man angesichts des Welterfolgs von Eugen Onegin streiten, aber die Dimensionen des Werkes sind allemal gewaltig, sowohl im Anspruch als auch in ihren Anforderungen an die Regie. In der Dramaturgie gehen gewaltige Massenszenen abrupt in sehr einfühlsame Dialoge und Reflexionen der schwer zueinander und zu sich selbst findenden Hauptfiguren über, um sogleich wieder in die nächste wild-ekstatische Ablenkung zu stürzen. Musikalisch schenkt uns Tschaikowsky dabei sowohl berührende kammeropernartige Intimität als auch die späte Opéra Comique zitierende „dekadente“ Gesellschaftsspiele.

Pique Dame – Peter Iljitsch Tschaikowsky
youtube Trailer Deutsche Oper am Rhein
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Nach mehreren abgebrochenen oder verworfenen Versuchen, ein Libretto, das sein Bruder Modest nach Puschkins gleichnamiger Novelle aus dem Jahre 1834 geschrieben hatte, zu vertonen, komponierte Peter Tschaikowsky das Musikdrama drei Jahre vor seinem Tod in nur 4 Monaten – und das unmittelbar nach der Uraufführung seines Balletts Dornröschen und nahezu parallel zum Nussknacker. Vielleicht hat er erst nach und nach die besondere Nähe des Puschkin-Topos zu seiner von Depressionen und Isolationsangst geprägten Lebenssituation begriffen, sie dann aber in seiner letzten Schaffensperiode vehement in ein großes Opus verewigt.

„Tri Karti!“ – diese vielfach wiederholte Aufforderung, drei (Spiel)Karten zu nennen, kann selbst der des Russischen unkundige Opernbesucher in Düsseldorf verstehen, ohne die sehr gut gekürzte Übersetzung der klangvollen Bühnensprache mitzulesen. Tri Karti!  sind in Puschkins Novelle, in Modest Tschaikowskys Libretto und in der Inszenierung der US-amerikanischen Regisseurin Lydia Steier das obskure Objekt der Begierde, das sich letztendlich todbringend vererbt. Tri Karti: das sind Troika, Sedmoika, Tus – die Drei, die Sieben, das Ass, deren Gewinngarantie nur die alte Pique Dame genannte Gräfin kennt, die sich dieses Geheimnis einst durch eine erpresste Liebesnacht erschlief, freilich gebunden an den Fluch, dass ihr der dritte Mann, der ihr der Karten wegen die Liebe anträgt, den Tod bringt. Zwei waren bereits da, als Hermann, ein Deutscher, zunächst als in die Enkelin Lisa verliebter Sonderling in ihr Leben tritt…

Drei, Sieben, Ass: Die Oper besteht aus drei Akten in sieben Bildern. Drei unterschiedliche Ansätze liegen der Inszenierung zugrunde, Puschkins Novelle, die den Leser in die Moskauer Spielerszene führt, in der die seit ihrer Pariser Vergangenheit geheimnisumwobene Gräfin verkehrt. Modest Tschaikowskys Libretto verlegt die Handlung aus dem eher nüchternen Ende des 19. Jahrhunderts um 100 Jahre zurück und lässt die Dekadenz des Rokoko zum Hintergrund einer Oper werden, die am Beginn des „Fin de siècle“ die französische Grand Opera, den italienischen Belcanto und die Tiefsinnigkeit deutscher Musikdramatik zitiert.

Deutsche Oper am Rhein / Pique Dame - hier :  Elisabeth Strid als Lisa, Sergey Polyakov als Hermann, Ensemble © Hans Joerg Michel

Deutsche Oper am Rhein / Pique Dame – hier : Elisabeth Strid als Lisa, Sergey Polyakov als Hermann, Ensemble © Hans Joerg Michel

Die Idee der Regisseurin Lydia Steiner, die Handlung 60 Jahre nach Tschaikowskys Tod im Hollywood Mitte des 20 Jahrhunderts zu spielen, folgt der durchaus faszinierenden Logik, dass ein zur Wirklichkeit werdender Albtraum vor allem dort vorstellbar ist, wo mit aller Macht den Fragen der Realität mit der „Koste es, was es wolle“ Haltung neureicher Eitelkeit und alten Geldes begegnet wird. Und da hat die Zeit Katharinas II durchaus Parallelen zu Hollywood, wo jegliche Träume so gelebt werden als seien sie Realität. Aus der die Rokokoattitüde ihrer Pariser Zeit als „Moskauer Venus“ bewahrenden und zelebrierende Gräfin, die im ursprünglichen Libretto auf einem Maskenball beim Fürsten Potemkin auftaucht, wird bei Lydia Steier eine alternde Stummfilmdiva (vielleicht ähnlich der Norma Desmond in Billy Wilders „Sunset Boulevard“), deren geheimnisvolle, aus der Zeit gefallene Aura die Filmwelt der 50er Jahre amüsiert und irritiert.

Der Dramaturg der Düsseldorfer Inszenierung, Mark Schachtsiek, baut das sehr informative Programmheft rund um die „Sieben“ und begleitet die 7 Bilder der 3 Akte durch 7 Thesen und 7 assoziative Aufsätze, die sehr neugierig machen, wie die frappierende Logik eines Transfers des Inhalts um eineinhalb Jahrhunderte sichtbar werden kann.

Um es vorweg zu nehmen:
Es ist zwar ein sehenswerter Theaterabend geworden, der die nicht ganz einfach zu erzählende Geschichte nachvollziehbar transportiert, ohne die großartige Musik zu stören. Aber meine Erwartung, die Hauptfiguren (Hermann, Lisa und Gräfin) dürften ihre Konflikte, Nöte, Ängste, Wandlungen, Hoffnungen und Verzweiflung in dem außergewöhnlichen und für die „Modernisierung“ der oberflächliche Rokoko-Dekadenz prädestinierten Traumfabrik-Umfeld nachvollziehbar ausleben und vom Publikum – zur Empathie angeregt –nachempfinden lassen, haben sich nur in Ansätzen erfüllt. Das beginnt mit der Poolparty im mondänen reichen Beverly Hills, die ein sich nach wirkungsvollem, noch übersichtlichem Freeze-Bild zur Ouvertüre überfüllendes Minibassin zeigt. In dem proppenvollen Freibad haben die etablierenden Hauptdarsteller Mühe, sich aus dem auf der Szene notwendigen Chor und den zwar sehr engagiert spielenden aber eigentlich überflüssigen Komparsen herauszuschälen. Wenn sich dann noch der gut singende (wie immer von Justine Wanat musikalisch bestens präparierte) cowboykostümierte Kinderchor an den Beckenrand drängelt, um die gelangweilten Superreichen mit patriotischen Liedern zu agitieren, leidet man mit der Poolgesellschaft, die offenbar Schwierigkeiten hat, taktsicher mit dem Dirigenten zu korrespondieren.

Deutsche Oper am Rhein / Pique Dame - hier :  Maria Kataeva als Polina, Alexander Krasnov als Graf Tomski, Ensemble, Ensemble © Hans Joerg Michel

Deutsche Oper am Rhein / Pique Dame – hier : Maria Kataeva als Polina, Alexander Krasnov als Graf Tomski, Ensemble, Ensemble © Hans Joerg Michel

Die mit riesigem roten Hut auf Highheels durch die sich drängenden Massen tänzelnde Drag Queen ist der Eyecatcher, nicht die Solisten, deren Rollen sich in dem Gewimmel nur schwer zu erschließen vermögen. Zudem scheint die übervolle Bühne die Akustik zu schlucken, der musikalische Funke springt erst später über. Mit dem wundervoll gesungenen Quintett, in dem sich die Ausgangsbeziehung der Hauptfiguren musikalisch entwickeln darf, erlebt das Ohr seinen ersten Höhepunkt. In der TomskiBallade, in der die geheimnisumwobene „Vénus moscovite“-Vergangenheit der Gräfin Pique Dame in Paris erzählt wird, zeigt der Bariton Alexander Krasnov beispielhaft, dass die Rheinoper über herausragende Sänger verfügt, die die komplette Breite einer großen Besetzung erstklassig abzudecken vermögen.

Aus dem hellgewandeten Chic der Poolpartyeitelkeit schälen sich die beiden Hauptfiguren durch ihre – sie als Außenseiter kennzeichnenden – Kostüme heraus: Hermann, der existenzialistisch gewandete Intellektuelle (gesungen von dem höhensicheren Tenor Sergey Polyakov), und die als Bühnenfigur wenig attraktiv und unpassend „geschmückte“ Lisa. Er darf mit der ihn hänselnden Gesellschaft fremdeln und die wunderbare schwedische Sopranistin Elisabeth Strid muss als Lisa als hässliches Entlein unter eitlen Schwänen kräftig gegen ihre sonstige Ausstrahlung anspielen. Diese Konsequenz der aus dem Vollen der Dekadenzmöglichkeiten phantasievoll schöpfenden Wiener Kostümbildnerin (Ursuka Kudrna) hilft, sich endlich auf das Wesentliche konzentrieren zu können.

Beeindruckend ist zum Beispiel das zweite Bild, in dem die Braut von Polina und den Damen des Chores in der Art eines „Junggesellenabschieds“ beschenkt und aufgemuntert wird, bevor die Albernheiten mit einer von der Gräfin jäh als „unpassend“ unterbrochenen russischen Romanze kurzfristig in eine natürliche Freude am normalen Leben münden. Retardierend schön ist die Selbstdemaskierung der Mädels nach dem aristokratischen Ordnungsruf, durch den die großartige Gräfin (Hanna Schwarz) mit raumfüllendem Alt die Befreiung aus verordnetem Sozialverhalten beendet. Ob sie als Rokokogräfin oder Stummfilmdiva die Natürlichkeit bändigend einschreitet, ist hier völlig egal, denn die natürliche Bühnenerscheinung der Pique Dame trifft beides. Die Grandezza der Schwarz lenkt die Aufmerksamkeit der sich sonst nur oberflächliche mit sich selbst beschäftigten Gesellschaft wie auch jene des zeitlosen Außenseiters Hermann auf sich – natürlich auch das von Tomski annoncierte Geheimnisvolle in ihr und ihrer Geschichte verstärkend. Die herausragende Mezzosopranistin Maria Katajeva etabliert sich als Polina mit dem russischen Volkslied und dem berührenden Duett mit der von ihr als „Krasawitsa (die wirklich Schöne) getrösteten Freundin Lisa als ein musikalischer Höhepunkt des Abends, von denen es in den leisen, intimen Szenen zahlreiche gibt – Lisas verzweifelte Arie an die Nacht zum Beispiel.

Wieder wandelt sich die Bühne in den Raum eines Events, eine Art venezianischer Maskenball ist Hintergrund des Auftritts von Lisas Bräutigam Jeletzki (der Bariton Dmitri Lavrov), dessen Liebesarie in der Art eines Popstars mit rosa Mikrofon auf einer Schlager-Showbühne zu singen ist. Das Rokokoschäferspiel, das musikalisch gar nicht zufällig Mozart zitiert, wird so in die Hollywoodwelt eingepasst. Die Darsteller des Tomski, der Polina und Mascha (die Sopranistin Daria Muromskaia) gestalten dieses Spiel im Spiel überzeugend und zwingen schließlich den immer noch fremdelnden Hermann in das Rokoko-Kostüm der zu huldigenden Zarin Katharina II.

Der Spagat zwischen dem „Jetset“ des späten 18. Jahrhunderts in Fürst Potemkins Maskenball und jenem in Hollywood zitierten gelingt in diesem Bild trotz oder auch wegen der die Masken bedienenden Bunnys und der lichtorgelnden Showbühne überzeugender als am Pool. Das Geschehen bleibt zwar optisch dekadent, aber es wird doch so verlangsamt und zeitweise zurückgenommen, dass sich sowohl Lisas Zerrissenheit, Jeletzkis durchaus glaubhafte Liebe und Hermanns Sehnsucht nach der Seelenverwandten erkennbar entwickeln können.

Deutsche Oper am Rhein / Pique Dame - hier : Dmitry Lavrov als Fürst Jeletzki Ensemble, Ensemble © Hans Joerg Michel

Deutsche Oper am Rhein / Pique Dame – hier : Dmitry Lavrov als Fürst Jeletzki Ensemble, Ensemble © Hans Joerg Michel

In den nachfolgenden Bildern konzentriert und verschärft sich die Dramatik auf eine Dreierkonstellation. Hermanns Schwanken zwischen dem plötzlichen Liebesrausch, den er für Lisa empfindet und der magnetischen Faszination, die das Geheimnis ihrer nur durch Liebesversprechen zu dessen Preisgabe zu bewegenden Großmutter ist der zentrale Konflikt der Oper, in dem er die Vorgänge führen muss. Schon Puschkin schloss durch die Namensgebung für den Helden den Kreis zwischen dem „Vater“ des Kartentricks, dem Rokokografen Saint Germain und dem dritten und letzten Opfer der Spielerobsession – Hermann (russ. German). Während aber Elisabeth Strid auch darstellerisch sehr überzeugend agiert und ihrer ästhetisch so extrem benachteiligten Lisa innere Schönheit verleihen kann, hetzt Hermann – als Tenor glänzend – aber eher wenig nachvollziehbar durch die Szenen und schafft es nicht, die intimen Vorgänge so konzentriert zu spielen, dass die vielversprechenden dramaturgischen Linien auch erkennbar bleiben. Die berührende Szene am Kanal vor Lisas (nicht konsequent nachvollziehbarem) Selbstmord böte dazu alle Chancen, weil der Regieansatz, das Duett Hermann – Lisa als großes Missverständnis zu inszenieren, durch Polyakovs Unentschiedenheit oder Ungenauigkeit im Spielen des Vorgangs nicht funktioniert. Lisa meint mit ihrer Liebeserklärung ihn und bezieht bis zur bitteren, todbringenden Erkenntnis seine an die Gräfin gerichteten Liebesschwüre auf sich selbst. Da aber Lisas für Hermann behauptete „Durchsichtigkeit“ aufgeweicht wird, kann sich die Spannung nicht halten. Dabei wird vorab die bedrückende Atmosphäre der Szene unter einer Zugbrücke beeindruckend durch ein phantastisches Motiv der Holzbläser aus dem Graben aufgebaut. Ich werde – selbst akustisch angefröstelt – an die musikalisch eingefrorene Morgenkälte vor den Pariser Toren am Anfang des 3. Akts in Puccinis  La Bohème erinnert.

Deutsche Oper am Rhein / Pique Dame - hier :  Dmitry Lavrov als Fürst Jeletzki, Andrés Sulbáran als Tschaplitzki, Johannes Preißinger als Tschekalinski, Beniamin Pop als Surin, Sergey Polyakov als Hermann, © Hans Joerg Michel

Deutsche Oper am Rhein / Pique Dame – hier : Dmitry Lavrov als Fürst Jeletzki, Andrés Sulbáran als Tschaplitzki, Johannes Preißinger als Tschekalinski, Beniamin Pop als Surin, Sergey Polyakov als Hermann, © Hans Joerg Michel

Das Schlussbild ist wiederum opulent ausgestattetes Massentheater im Spielsalon. Tomskis Arie: „Wenn die Mädchen Vögel wären, flögen sie (…) immer auf den dicksten Ast“ wird „nicht enden wollend“ durch zwei Corsage-Dominas mit SM-Vogelköpfen illustriert, die den Sänger ausweiden und statt der Innereien Schmuck finden. Es ist wieder ein interessantes Milieu-Bild das allerdings allzu lang ablenkt und so die Spannung des Geschehens erst spät auf die Tri Karti lenkt. Hermann will seinen garantierten Sieg erzwingen, scheitert aber aufgrund einer plötzlichen Abkehr von der Prophezeiung. Den so entscheidenden Impuls, warum er als dritte Karte statt des gewinnbringenden Tus (Ass) die Pique Dame wählt, habe ich trotz der lokal prominenten Vorderbühnen-Anwesenheit des diese freud’sche Fehlleistung offenbar auslösenden Geistes der Gräfin nicht gesehen. Da hätte ich mir – wie in manch anderer Szene – die meine Aufmerksamkeit manipulierende Hilfe der Regie gewünscht, die ein großes Konzept weniger überzeugend als versprochen umgesetzt hat.

Der musikalische Leiter, Aziz Shokhakimov war in den Massenszenen ob der sicher auch objektiv kaum zu vermeidenden Hindernisse des Bühnenbildes (Bärbl Hohmann) nicht zu beneiden, vielleicht auch nicht so gut beraten, die Dynamik des Geschehens selten differenziert interpretierend zu bedienen und die Tempi sehr hoch zu halten, damit jedoch einige Probleme zwischen Bühne und Graben zu riskieren. Die Düsseldorfer Symphoniker durften trotz manch akustischer Probleme im schallschluckenden ersten Bild an vielen Stellen glänzen und waren mit dem vorzüglichen Sängerensemble und dem diszipliniert agierenden, ein durchaus verständliches Russisch (sowieso auf hohem klanglichen Niveau) singenden Chor Garant eines guten, soliden, die Erwartungen bedienenden Opernabends.

Pique Dame an der Deutschen Oper am Rhein, Düsseldorf; die weiteren Vorstellungen 5.6.; 9.6.; 25.6.; 27.6.; 6.7.2019 und mehr

—| IOCO Kritik Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf |—

Gelsenkirchen, Musiktheater im Revier, Spielplan Oktober 2018

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Musiktheater im Revier Gelsenkirchen

Musiktheater im Revier Gelsenkirchen © MiR Musiktheater im Revier

Musiktheater im Revier Gelsenkirchen © MiR Musiktheater im Revier


Großes Haus / Großes Haus Foyer     


Sa, 06.10.     19.30 Uhr
Premiere Mass
von Leonard Bernstein
Inszenierung und Choreografie
von Richard Siegal
Karten 13,- bis 50,- €
Anschließend Premierenfeier im Foyer


Do, 11.10.     19.00 Uhr
Einführung
19.30 Uhr
Mass
von Leonard Bernstein
Inszenierung und Choreografie
von Richard Siegal
Karten 13,- bis 50,- €


Sa, 13.10.     19.30 Uhr
Nefes singt Sezen Aksu
Geliebte und vergessene Lieder
Konzert des Nefes-Chor und Ensemble
und der Neuen Philharmonie Westfalen
Karten 13,- bis 23,- €


So, 14.10.     14.30 Uhr
Einführung
15.00 Uhr
Mass
von Leonard Bernstein
Inszenierung und Choreografie
von Richard Siegal
Karten 13,- bis 50,- €


Mo, 15.10.     19.00 Uhr
Einführung
19.30 Uhr
2. Sinfoniekonzert
D-Moll
Werke von Johannes Brahms, Wolfgang Amadeus Mozart, Jean Sibelius
Karten 11,- bis 32,- €


 Do, 18.10.     20.00 Uhr
Gastspiel
Krimilesung
Mord am Hellweg
Karten/Info: Stadtbibliothek Gelsenkirchen
Tel. 0209.1692819


Fr, 19.10.      17.00 Uhr – 1.00 Uhr
Lange Filmnacht
Rote Erde I
Die Bergarbeiter-Saga aus dem Ruhrgebiet von Peter Stripp und Klaus Emmerich
Karten 17,50 € / Kombiticket 30,- €


Sa, 20.10.     10.00 Uhr – 16.00 Uhr
Lange Filmnacht
Rote Erde II
Die Bergarbeiter-Saga aus dem Ruhrgebiet von Peter Stripp und Klaus Emmerich
Karten 17,50 € / Kombiticket 30,- €

19.30 Uhr
MiR Goes Pop:
Back to the 70s
Karten 11,- bis 42,- €


So, 21.10.     11.00 Uhr
Musikbrunch
Karten 28,- €

17.30 Uhr
Einführung

18.00 Uhr – 20.30 Uhr
Nabucco
Oper von Giuseppe Verdi
Hör.Oper (Audiodeskription)
Karten 11,- bis 42,- €


 Fr, 26.10.      19.00 Uhr Einführung

19.30 Uhr – 22.00 Uhr
Nabucco
Oper von Giuseppe Verdi
Hör.Oper (Audiodeskription)
Karten 11,- bis 42,- €


 So, 28.10.     11.15 Uhr
Foyerkonzert Drei, Vier, Fünf
Werke von Claude Debussy, Ludwig van Beethoven, Antonín Dvo?ák
Karten 12,50 €

18.00 Uhr
MiR Goes Pop:
Back to the 70s
Karten 11,- bis 42,- €


Kleines Haus / Kleines Haus Foyer


Fr, 12.10.      18.30 Uhr
Foyer Kleines Haus
Feierabendsingen
Singen Sie mit!
Karten 8,- €


Sa, 13.10.     10.00 Uhr
Ballett.Hautnah
Öffentliches Training im Ballettsaal
mit dem Ballett im Revier
Karten 8,- € / ermäßigt 4,- €
Treffpunkt Bühneneingang 9.50 Uhr

19.30 Uhr – 20.55 Uhr
Die Sternstunde des Josef Bieder
von Eberhard Streul
mit Joachim Gabriel Maaß
Karten 24,50 €


So, 21.10.     Hans-Sachs-Haus
11.15 Uhr
1.Sonntagskonzert
Mozart mit Humor
Werke von W.A. Mozart, Morton Gould und Joseph Haydn
Karten 17,50 €


18.00 Uhr – 20.15 Uhr
Wiederaufnahme
Der Rest ist Tanz
Ballettabend mit Choreografien von Pontus Lidberg, Renato Paroni de Castro und Marguerite Donlon
Karten 24,50 €


Fr, 26.10.      19.30 Uhr – 20.55 Uhr
Die Sternstunde des Josef Bieder
von Eberhard Streul
mit Joachim Gabriel Maaß
Karten 24,50 €


Sa, 27.10.     19.30 Uhr – 21.45 Uhr
Der Rest ist Tanz
Ballettabend mit Choreografien von Pontus Lidberg, Renato Paroni de Castro und Marguerite Donlon
Karten 24,50 €


So, 28.10.     11.00 Uhr
Ballettmatinee
Ein Nussknacker-Traum
Karten 8,- €


—| Pressemeldung Musiktheater im Revier |—

München, Staatstheater am Gärtnerplatz, Saison 2017/18: Rekorde – Highlights, IOCO Aktuell


Staatstheater am Gärtnerplatz München

Gärtnerplatztheater © Christian POGO Zach

Gärtnerplatztheater © Christian POGO Zach

 Erfolreiche Saison 2017|2018 – Highlights

Theater am Gärtnerplatz – Erste Spielzeit voller Rekorde

  • Über 4 ½ Mio. EUR Einnahmen aus dem Kartenverkauf
  • Auslastung 96%
  • 148.659  Zuschauern, die 221 Vorstellungen besuchten – davon 23.029 Schüler- und Studentenkarten
  • Abo-Steigerung von 96,90% zum Vorjahr
  • 3.200 Besucher kamen bereits am ersten Tag, dem 8. Oktober 2017 ins Gärtnerplatztheater zum Tag des offenen Zuschauerraums und zur Premierenmatinee DIE LUSTIGE WITWE.
  • Das Gärtnerplatztheater hat sich im europäischen Raum als Uraufführungshaus positioniert.
Gärtnerplatztheater © Christian POGO Zach

Gärtnerplatztheater © Christian POGO Zach

In allen Sparten konnte das Gärtnerplatztheater Zuwachs verzeichnen. Besonders gefragt waren wunderbare Opern-Klassiker wie DIE ZAUBERFLÖTE oder HÄNSEL UND GRETEL, aber auch die Jugendoper WEISSE ROSE. Ein Höhepunkt war zweifellos Donizettis Oper MARIA STUARDA. Die Operette DIE LUSTIGE WITWE wurde als Eröffnungspremiere stürmisch gefeiert, ein Operetten-Highlight war in diesem Jahr Peter Konwitschnys Inszenierung DER TAPFERE SOLDAT. Die Sing-Along-Vorstellung IM WEISSEN RÖSSL war ein so großer Erfolg, dass wir sie in der kommenden Spielzeit wiederholen werden. Das Musical PRISCILLA – KÖNIGIN DER WÜSTE als deutsche Erstaufführung landete mit immer ausverkauften Vorstellungen und einem unglaublich begeisterten Publikum einen Hit, nicht zu vergessen die legendäre MY FAIR LADY, ebenfalls vom Publikum unendlich gefeiert. Für die Uraufführung des Musicals PUMUCKL konnte es wohl kaum einen passenderen Ort als das Gärtnerplatztheater geben. Alt und Jung ließen sich gleichermaßen von dem Kobold mit den roten Haaren verzaubern. Ballett-Höhepunkte waren ein experimentierfreudiger NUSSKNACKER, Marco Goeckes umwerfende Choreographie LA STRADA und die kultige Dance Soap MINUTEMADE. Und nicht zuletzt konnte das Junge Gärtnerplatztheater mit dem stets ausverkauften mobilen Musiktheater RITTER ODILO in zahlreichen Grundschulen in und um München Schüler und Lehrer beglücken, und die Gärtnerplatz Jugend zeigte ihr Können mit dem Musiktheaterstück JE SUIS FAUST.

Gärtnerplatztheater © Christian POGO Zach

Gärtnerplatztheater © Christian POGO Zach

Zum Saisonendspurt präsentieren wir bis 27. Juli die legendäre Rockoper JESUS CHRIST SUPERSTAR in der Inszenierung von Staatsintendant Josef E. Köpplinger und am 28. Juli die Abschlusspräsentation »Frei zur Uraufführung!« des MUT-Autorenwettbewerbs 2018.

Die Saison 2018|2019 startet mit Mozarts Oper DIE ZAUBERFLÖTE am 16. September. Als Eröffnungspremiere zeigt das Gärtnerplatztheater die Oper DANTONS TOD von Gottfried von Einem in der Inszenierung von Günter Krämer und unter der musikalischen Leitung von Chefdirigent Anthony Bramall am 11. Oktober. Der Vorverkauf läuft.

—| Pressemeldung Staatstheater am Gärtnerplatz |—

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