Wien, Theater an der Wien, Euryanthe – Carl Maria von Weber, IOCO Kritik, 11.01.2019

Januar 11, 2019 by  
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Theater an der Wien

Theater an der Wien / Linke Wienzeile © IOCO

Theater an der Wien / Linke Wienzeile © IOCO

Euryanthe – Carl Maria von Weber

Weber und „die Einführung des Übernatürlichen“

von Marcus Haimerl

Häufig findet sich Carl Maria von Webers große heroisch-romantische Oper Euryanthe nicht auf den Spielplänen der Opernhäuser. Als Ursache betrachtet man gerne das Libretto der Schriftstellerin Helmina von Chézy, die Weber aus dem Dresdner „Liederkreis“ kannte, in welchem bereits der Librettist des Freischütz, Johann Friedrich Kind, Mitglied war. Nach dem Erfolg des Freischütz war Weber als Komponist in aller Munde und so war das Auftragswerk des Wiener Kärntnertortheaters auch keine Überraschung.

Allerdings litt er auch unter dem großen Erfolg des Freischütz. Aus gutem Grund musste er annehmen, dass von ihm Wiederauflagen der volkstümlichen Nummern seiner Erfolgsoper erwartet wurden: „Die Erwartungen der Masse sind durch den wunderbaren Erfolg des Freischützen bis zum Unmöglichen ins Blaue hinauf gewirbelt; und nun kommt das einfach ernste Werk, das nichts als Wahrheit des Ausdrucks, der Leidenschaft und Charakterzeichnung sucht, und alle der mannigfachen Abwechslung und Anregungsmittel seines Vorgängers entbehrt.“ (Weber in einem Brief an Franz Danzi, 13.02.1824). Mit diesem einfachen Werk meinte Weber seine Oper Euryanthe.

Theater an der Wien / Euryanthe - hier :  Jacquelyn Wagner als Euryanthe und Theresa Kronthaler als Eglantine © Monika Rittershaus

Theater an der Wien / Euryanthe – hier : Jacquelyn Wagner als Euryanthe und Theresa Kronthaler als Eglantine © Monika Rittershaus

Als Vorlage für das Libretto diente Helmina von Chézy eine altfranzösische Ritterlegende aus dem 12. Jahrhunderts, welche Shakespeare bereits in seiner Cymbeline nach einer Novelle aus Boccaccios Decamerone verwendete. Weber wies den Rat Ludwig Tiecks nach einer realistischen Handlungsführung zurück und bestand gegenüber Helmina von Gézy auf die Einführung des Übernatürlichen.

Die zu Unrecht beschuldigte Euryanthe, Opfer einer Männerwette zwischen ihrem Verlobten Adolar und dem bösen Lysiart, ist der Motor der Handlung. Jedoch ist nicht wie in der Vorlage die Kenntnis eines Körpermals, heimlich im Bade beobachtet, das Beweisstück. Emma, die Schwester Adolars beging einst aus Gram über den Tod ihres Ehemanns Selbstmord. Wegen dieser Todsünde kann ihre Seele keine Ruhe finden, bis nicht ihr tödlicher Giftring mit den Tränen einer verfolgten Unschuld genetzt wird. Dies Geheimnis, an die heimtückische Eglantine verraten, löst das Drama aus. Denn diese stiehlt den Ring aus der Grabkammer und wird von Lysiart beobachtet. Da dieser bei Euryanthe mit seinen Verführungsversuchen gescheitert ist, verbünden sich Eglantine und Lysiart zu einem Liebespaar aus Rache. Da sich Euryanthe gegen die falschen Anschuldigungen Lysiarts nicht wehrt, führt Adolar, nun seiner gesamten Güter und Titel verlustig, seine Verlobte in den Tod. Als diese ihn vor einer Schlange zu retten versucht, lässt er Euryanthe allein im Wald zurück. Der König findet die junge Frau und diese offenbart ihm die zuvor verschwiegene Wahrheit. Während der Vorbereitungen von Lysiarts und Eglantines Hochzeit auf Adolars Schloss, gesteht Eglantine, der in einem Anfall von Wahnsinn Emma erscheint, dem König die Wahrheit. Lysiart ersticht die Wahnsinnige und wird selbst als Mörder verhaftet. Euryanthe und Adolar finden wieder zueinander und weil ihre Tränen den Ring benetzt haben, findet Emmas Seele ihren Frieden.

Theater an der Wien / Euryanthe - hier :  Jacquelyn Wagner als Euryanthe, Theresa Kronthaler als Eglantine, Andrew Foster-Williams als Lysiart, Norman Reinhardt als Adolar © Monika Rittershaus

Theater an der Wien / Euryanthe – hier : Jacquelyn Wagner als Euryanthe, Theresa Kronthaler als Eglantine, Andrew Foster-Williams als Lysiart, Norman Reinhardt als Adolar © Monika Rittershaus

Das Theater an der Wien holte nunmehr diese kaum gespielte Oper als Neuproduktion zurück in die Stadt der Uraufführung und beweist mit der Besetzung, dass Webers Werk durchaus spielbar ist. Constantin Trinks leitet das ORF Radio-Symphonieorchester Wien facettenreich mit großer Leidenschaft und weiß die Dramatik der Musik von Weber, die an mancher Stelle schon Wagner erahnen lässt, voll auszukosten.

Christof Loy verzichtet in seiner Inszenierung auf Mittelalter, Ritter oder gar Übernatürliches, ebenso auf Romantik und setzt ganz auf zwischenmenschliche Beziehungen und Personenführung. Ein weißer, sich trichterförmig nach hinten verengender Raum, mit einem Klavier, einem Bett und ein paar Stühlen ist die ganze Ausstattung (Bühne: Johannes Leiacker). Der sterile weiße Bühnenraum mit dem Bett am Bühnenrand erinnert dabei schon etwas an eine Heilstätte. Und Heilung sucht nicht nur die Seele der armen Emma. In diesem geschlossenen Bühnenraum reduziert  Loy die Romantik zu einem Kammerspiel zwischen den handelnden Figuren und zeigt, dass die handlungstreibenden Gefühle, enttäuschter Liebe, Rache und Erlösung, Allgemeingültigkeit besitzen.

Theater an der Wien / Euryanthe - hier :  Theresa Kronthaler als Eglantine, Andrew Foster-Williams als Lysiart © Monika Rittershaus

Theater an der Wien / Euryanthe – hier : Theresa Kronthaler als Eglantine, Andrew Foster-Williams als Lysiart © Monika Rittershaus

Jacquelyn Wagner verkörpert die Titelfigur Euryanthe perfekt. Atemberaubend meistert sie die lyrischen Passagen mit ihrem ausdrucksstarken Sopran und überzeugt auch in glaubwürdiger Rollengestaltung.  Mit durchschlagskräftigem Mezzosopran und packender Darstellung beherrscht Theresa Kronthaler die Bühne in der Partie der Eglantine. Mit seinem großen durchwegs dramatischen Bariton beweist Andrew Foster-Williams höchstes musikalisches Können als hinterlistiger Lysiart. Für seinen Körpereinsatz, er singt die Arie „Wo berg‘ ich mich“ zu Beginn des zweiten Aktes völlig unbekleidet, muss man dem Sänger zusätzlich hohen Respekt zollen. Der amerikanischeTenor Norman Reinhardt überzeugt mit strahlendem, höhensicherem Tenor in der Partie des Adolar. Beeindruckend auch Stefan Cerny der mit seinem schönen, dunklen Bass die Partie des Königs glaubhaft gestaltet. Auf höchstem musikalischen Niveau agiert auch der Arnold Schoenberg Chor.

Mit dieser Produktion bewies das Theater an der Wien erneut, dass man sich nicht nur gefahrlos den vergessenen Werken der Opernliteratur widmen, sondern damit auch noch Erfolg haben kann.

Euryanthe im Theater an der Wien:  Zur Zeit sind keine weiteren Vorstellungen geplant

—| IOCO Kritik Theater an der Wien |—

Baden bei Wien, Stadttheater Baden, Der Zigeunerbaron – Johann Strauss, IOCO Kritik, 03.01.2019

Januar 4, 2019 by  
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Bühne Baden

Baden bei Wien Stadttheater © IOCO

Baden bei Wien – Das Stadttheater am Abend © IOCO – Kultur im Netz

Der Zigeunerbaron – Johann Strauss Sohn

– Hommage an die ungarische Reichshälfte der k.u.k. Monarchie –

Von Marcus Haimerl

Der Walzerkönig Johann Strauss in Wien © IOCO

Der Walzerkönig Johann Strauss in Wien © IOCO

Eigentlich wollte Johann Strauss Sohn mit dem Zigeunerbaron die Hofoper erobern und obwohl das Werk durchaus Charakteristika einer Spieloper aufweist, fand die Uraufführung 1885 dann doch nur im Theater an der Wien statt. Eine zeitgenössische Karikatur mit der Überschrift „Strauß am Scheidewege“ zeigt den Komponisten mit einer Waage in einem Ballon über den Dächern von Wien. Der Librettist Ignaz Schnitzer und der Autor der zugrunde liegenden Novelle „Sáffi“, Mór Jókai, stehen vor dem Opernhaus, beobachten Strauss und unterhalten sich: „Vor lauter Hin- und Her-Balanciren ist der Waag‘ schon ganz schlecht. Jetzt bin ich nur neugierig, auf welcher Seite wir durchfallen werden.“

Der Zigeunerbaron –  Johann Strauss
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Eine Sorge, welche das Regieduo Volker Wahl und Michaela Ronzoni offensichtlich nicht hatten; geht es doch, wie die beiden im Programmheft verrieten, eher darum zu zeigen, dass „ein Werben für den Krieg gleichsam ein Werben für den Tod“ ist. Ob die von Johann Strauss Sohn komponierte Musik und in Folge auch das Publikum eine solche Interpretation verträgt, schien nicht die erste Sorge von Wahl und Ronzoni gewesen zu sein.

Den „Gedanken eines Regieteams“ im Programmheft ist zu entnehmen, dass beiden auch bekannt ist, dass der Zigeunerbaron aus der Feder des Walzerkönigs ursprünglich nichts anderes war als eine „Hommage an die ungarische Reichshälfte der k.u.k. Monarchie“, in welcher das Militär keineswegs kritisiert wurde, sondern ganz im Gegenteil, eine herausragende Stellung innehatte. Von dieser Stellung blieb in der Badener Inszenierung leider nicht viel übrig.

Bühne Baden / Der Zigeunerbaron - hier: Regina Riel als Zigeunerin Saffi Czipra und Bea Robein als Czipra © Christina Husar

Bühne Baden / Der Zigeunerbaron – hier: Regina Riel als Zigeunerin Saffi Czipra und Bea Robein als Czipra © Christina Husar

Herausragend bleibt hier nur die sowohl stimmliche als auch darstellerisch bestechende Leistung des von Thomas Weinhappel mit großer Akkuratesse verkörperten Grafen Homonay, welcher hier einen Hauch von k.u.k. Monarchie versprühen darf. Mit seinem wohlklingenden Bariton lässt er auch das allzu plakative Totenkopf-Emblem mit Knochen und Skeletten an den Uniformen der Militärs einigermaßen vergessen. Als Indiana Jones des Rokoko“ sieht das Regieteam die Figur Barinkays, den Inhalt als eine Fantasy-Geschichte. Dies erklärt vermutlich auch die sehr eigentümlich anmutende Ausstattung von Stefanie Stuhldreier. Wenn Kostüme und Perücken sich nicht einfach nur mit Geschmacklosigkeit begnügen, erinnern sie an Figuren aus der Film-Serie Pirates of the Caribbean.

Bühne Baden / Der Zigeunerbaron - hier : Sébastien Soulès als Kálmán Zsupán und Thomas Weinhappel als Graf Homoway © Christina Husar

Bühne Baden / Der Zigeunerbaron – hier : Sébastien Soulès als Kálmán Zsupán und Thomas Weinhappel als Graf Homoway © Christina Husar

Glücklicherweise beweist auch das restliche Ensemble, wie lebendig Operette heute noch sein kann und bietet dem Publikum musikalische Höchstleistungen. Bea Robein ist nicht nur stimmlich herausragend, sondern auch eine hervorragende Darstellerin der Czipra. Als Sándor Barinkay kehrte der ehemalige Hausherr Sebastian Reinthaller mit frischem, höhensicherem Tenor auf die Bühne der Bühne Baden zurück. Regina Schörg, der ihre Mirabella mit viel Witz und leidenschaftlicher Darstellung außerordentlich glückt, weiß das Publikum ebenso zu überzeugen wie Sébastien Soulès als Schweinezüchter Kálmán Zsupán mit schöner, sonorer Stimme. Vor einem Monat reüssierte der französische Bass-Bariton noch als Don Pizzaro in Beethovens Fidelio in Baden, aktuell darf er auch Humor zeigen.

Bühne Baden / Der Zigeunerbaron - hier : Ensemble © Christina Husar

Bühne Baden / Der Zigeunerbaron – hier : Ensemble © Christina Husar

Regina Riel gewinnt mit ihrem kräftigen Sopran und schöner, breiter Mittellage als Zigeunerin Saffi ihren Sándor Barinkay. Als Buffo-Paar bestechen Alice Waginger als Arsena mit wunderbaren Koloraturen und einer besonderen Portion Humor und Mahdi Niakan, als liebenswertes Muttersöhnchen Ottokar. Eine ebenso großartige Leistung erlebt man auch von Thomas Zisterer als königlicher Komissär Conte Carnero. Aufhorchen ließ auch der junge albanische Bariton Branimir Agovi als Zigeuner Pali und Eugen, dem Assistent Conte Carneros.

Das Orchester unter Franz Josef Breznik, der Chor und das Ballett der Bühne Baden liefern sehr gute Leistungen und machen gemeinsam mit dem gesamten Ensemble aus einer halbherzigen Inszenierung mit moralischer Keule des Regieteams, doch noch eine herzeigbare Operette.

Der Zigeunerbaron am Stadttheater Baden; weitere Vorstellungen 4.1.; 5.1.; 12.1.; 13.1.; 26.1.; 27.1.; 31.1.2019

—| IOCO Kritik Bühne Baden |—

Linz, Musiktheater Linz, Ein Amerikaner in Paris – George Gershwin, IOCO Kritik, 15.12.2018

Dezember 16, 2018 by  
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Landestheater Linz

Landestheater Linz / Neues Musiktheater Volksgarten © Sigrid Rauchdobler

Landestheater Linz / Neues Musiktheater Volksgarten © Sigrid Rauchdobler

 Ein Amerikaner in Paris – George Gershwin

Der Charme von Gene Kelly und Leslie Caron scheint im Landestheater

Von Marcus Haimerl

Wieder einmal fand die deutschsprachige Erstaufführung eines Musicals in Linz statt. Diesmal handelte es sich um George Gershwins Ein Amerikaner in Paris nach dem gleichnamigen Film von Vincente Minelli, inspiriert durch die 1928 uraufgeführte, knapp 20-minütige Komposition für Orchester des erst 30-jährigen Komponisten. Neben seiner Rhapsody in Blue zählt Ein Amerikaner in Paris zu den bedeutendsten Werken Gershwins. Die Komposition beschreibt den Spaziergang eines Amerikaners über die Champs-Élysées und berichtet über die Eindrücke des Touristen und den von ihm wahrgenommen Geräuschen der Großstadt (vier Original-Pariser-Taxihupen sind Teil des Orchesters), es ist aber auch ein Stück über Heimweh.

Ein Amerikaner in Paris – George Gershwin
Youtube Trailer Musiktheater Linz
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Aus dieser Komposition entstand schließlich der Musical-Film Ein Amerikaner in Paris des amerikanischen Regisseurs Vincente Minelli, der sich vor allem durch die Choreografie Gene Kellys auszeichnete.

Anders als bei der Komposition findet die Handlung des Films und des Musicals im Paris zu Kriegsende, nach dem Ende der Nazi-Herrschaft, statt. Der ehemalige US-Soldat Jerry Mulligan begegnet einer jungen Frau, die er auch gleich wieder aus den Augen verliert, und lässt sich in Paris als Maler nieder. Auf seiner Herbergssuche begegnet er ihm Café Dutois dem amerikanischen Komponisten Adam Hochfeld, der gerade für den Unternehmersohn Henri Baurel an einer Gesangsnummer („I Got Rythm“) arbeitet, da dieser gegen den Willen seiner Mutter Sänger werden will.

They Can’t Take That Away From Me“

Adam spielt auch in einer Ballettkompanie Piano. Dort lernt Jerry die reiche Amerikanerin Milo Davenport kennen und trifft beim Vortanzen das Mädchen wieder, die Parfümverkäuferin Lise Dassin. Lise wird die neue Primaballerina. Auf einem Fest im Hause Baurel bei dem Lise als die neue Primaballerina vorgestellt wird, verkündet Madame Baurel auch gleich die Verlobung ihres Sohnes Henri mit der Tänzerin. Aus Rache empfiehlt Jerry Madame Baurel jenen Jazz-Club, in welchem ihr Sohn seinen ersten Auftritt haben wird.

Landestheater Linz / Ein Amerikaner in Paris - hier : Gernot Romic als Jerry Mulligan und Ensemble © Barbara Palffy

Landestheater Linz / Ein Amerikaner in Paris – hier : Gernot Romic als Jerry Mulligan und Ensemble © Barbara Palffy

Vor seinem Auftritt verrät Henri dem Komponisten Adam seine Bindung zu Lise: Während des Krieges versteckte die Familie Baurel die junge Jüdin in ihrem Haus. Nach Henris Auftritt ist die Überraschung perfekt, als Madame Baurel die künstlerischen Ambitionen ihres Sprosses unterstützt. Lise ist jedoch darüber empört, dass Jerry seinen Freund hinterging und lässt ihn stehen. Jerry erfährt von Adam, warum sich Lise den Baurels verpflichtet fühlt.Die drei Freunde rufen sich nochmal die speziellen Momente mit Lise ins Gedächtnis und sagen sich, dass ihnen diese nicht mehr genommen werden können („They Can’t Take That Away From Me“). Aber nur einer wird schließlich mit ihr glücklich sein: Jerry.

Nick Winston bemüht sich als Regisseur und Choreograf intensiv darum, den Charme der filmischen Vorlage mit Gene Kelly und Leslie Caron beizubehalten. Das Bühnenbild (Bühne: Charles Quiggin) besticht durch einzelne Elemente, die auf der Drehbühne schnell umgebaut werden können. Ob ein Ufer im Freien an der Seine, vom Café bis zum Salon schwebt über allem ein Hauch von Nostalgie, der nahe an die Verfilmung heranreicht. Die Handlungsorte werden durch den Bogen des Eifelturms als Rahmen für den Bühnenraum originell symbolisiert.

Landestheater Linz / Ein Amerikaner in Paris - hier : Gernot Romic als Jerry Mulligan und Ensemble © Barbara Palffy

Landestheater Linz / Ein Amerikaner in Paris – hier : Gernot Romic als Jerry Mulligan und Ensemble © Barbara Palffy

Auch in Linz wird die Bühne von großen Tanzensembles dominiert und lange Tanzsequenzen verlangen auch den Protagonisten viel ab. In der Rolle des Jerry Mulligan brilliert Gernot Romic, der nicht nur als Tänzer beeindruckt, sondern ebenso gesanglich zu begeistern weiß. Diese unglaubliche Gesamtleistung bleibt nachhaltig im Gedächtnis des Publikums. Die gebürtige Brasilianerin Myrthes Monteiro wusste bei ihrem Linz-Debüt als Lise Dassin das Publikum mit ihren Tanzeinlagen zu überzeugen. Christian Fröhlich steigert sich in der Rolle des Henri Baurel zunehmend und liefert bei seiner Jazz-Club-Nummer „Stairway To Paradise“ eine grandiose Leistung ab. Sehr verständlich, dass die gestrenge Madame Baurel (großartig Lynsey Thurgar) ihrem Sohn Unterstützung für seine künstlerische Karriere zusichert. Christof Messner als Adam Hochberg (dem Gershwin Alter Ego) und Daniela Dett als Milo Davenport komplettieren die hervorragenden Protagonisten auf ebenso hohem Niveau.

Auch das Linzer Bruckner Orchester sorgte unter der temperamentvollen Leitung des deutschen Musicalexperten Tom Bitterlich für heiter melancholische, manchmal fast schwerelose Klänge, zeigte sich aber auch sehr steppfreudig und manchmal sehr jazzig.
Nach der Uraufführung 2014 im Théâtre du Châtelet in Paris hieß das Publikum den „Amerikaner“ auch mit entsprechendem Jubel in Linz willkommen. Von den Publikumsreaktion ausgehend, wird sich das Musiktheater Linz bis Mai 2019 noch über viele ausverkaufte Vorstellungen freuen können.

Ein Amerikanischer in Paris am Landestheater Linz; die weiteren Termine:  18.12.; 19.12.; 26.12.; 28.12.; 30.12.2018;  1.1.; 9.1.; 10.1.; 17.1.; 20.1.; 15.2.2019 und mehr..

—| IOCO Kritik Landestheater Linz |—

Linz, Landestheater Linz, Musical Lazarus – David Bowie, Enda Walsh, IOCO Kritik, 09.11.2018

November 9, 2018 by  
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Landestheater Linz

Landestheater Linz / Neues Musiktheater Volksgarten © Sigrid Rauchdobler

Landestheater Linz / Neues Musiktheater Volksgarten © Sigrid Rauchdobler

 Lazarus – Musical von David Bowie und Enda Walsh

Von Marcus Haimerl

Mit Lazarus von David Bowie (Musik) und Enda Walsh (Buch) fand die erste Musicalpremiere im Musiktheater Linz statt. Lazarus ist vom Roman „The Man Who Fell To Earth“ von Walter Tevis inspiriert und stellt eine Fortsetzung dar. David Bowie spielte in der Verfilmung des Romans unter der Regie von Nicolas Roeg die Hauptrolle des humoid-reptiloiden Außerirdischen Thomas Jerome Newton, der auf die Erde kommt um Wasser für seinen vor dem ökologischen Ende stehenden Heimatplaneten zu suchen. In menschlicher Gestalt baut Newton ein Wirtschaftsimperium auf, um eine Rakete zu konstruieren, mit der er sein Volk nachholen kann.

Musical Lazarus – David Bowie, Enda Walsh 
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In einer Kleinstadt lernt er Mary-Lou kennen und lieben, zerbricht schlussendlich aber an der Oberflächlichkeit und Rücksichtslosigkeit der menschlichen Zivilisation und endet missbraucht und desillusioniert in einem New Yorker Apartment, gefangen in seinen Erinnerungen an Mary-Lou und seine Familie auf seinem Heimatplaneten. Die Handlung des Musicals setzt Jahre später ein: Newtown sitzt noch immer auf der Erde fest und betäubt seine Depression mit Gin. Erst eine junge Frau, die ebenso am Leben verzweifelt ist wie er, kann ihm neue Hoffnung bringen. Die Uraufführung am 7. Dezember 2015, beim New York Theatre Workshop am Off-Broadway, konnte David Bowie noch miterleben, ehe er am 10. Januar 2016 verstarb.

Landestheater Linz / Lazarus © Robert Josipovic

Landestheater Linz / Lazarus © Robert Josipovic

Bowie schuf neue Figuren um den gestrandeten Alien und 17 seiner Songs bilden die musikalische Grundlage des Musicals. Die österreichische Uraufführung fand im Volkstheater Wien statt, für die Produktion in Linz übernahm Johannes von Matuschka die Regie. Er lässt die Handlung in der Pathologie stattfinden. Thomas Jerome Newtown entsteigt nackt dem Leichensack, vielleicht auch als Hinweis auf den biblischen Lazarus. Der Rest der Handlung bleibt dann eher vage, verliert sich in Traum und Realität. Ihm erscheint ein Mädchen, es existiert offensichtlich nur in seiner Einbildung. Gemeinsam wollen sie eine Rakete bauen, mit der er wieder nach Hause fliegen kann. Der Massenmörder Valentine überredet Newtown schließlich, dem Mädchen dabei zu helfen, aus dem fiktiven Leben zu scheiden. Gemeinsam reisen Newton und das Mädchen zu den Sternen. Daneben tauchen auch andere Figuren auf: Elly, die von Newtown als Assistentin engagiert wird und ihr Ehemann Zach; Michael, Newtons ehemaliger Mitarbeiter und Ben, welche beide von Valentine ermordet werden.

Leider hilft die Regiearbeit von Johannes von Matuschka nicht, die ohnehin verwirrende Handlung dem Zuschauer verständlicher zu machen, dennoch finden sich immer wieder einzelne starke Bilder, die in Verbindung mit Bowies Musik den Abend zu einem Erlebnis machen.

Landestheater Linz / Musical Lazarus - hier : Ariana Schirasi-Fard als Elly und Riccardo Greco als Newton © Reinhard Winkler

Landestheater Linz / Musical Lazarus – hier : Ariana Schirasi-Fard als Elly und Riccardo Greco als Newton © Reinhard Winkler

Die Partie des Newton gestaltet Riccardo Greco, der sich zunehmend steigernd am Ende zum Höhepunkt aufläuft. Hoch anzurechnen ist ihm, dass er nie versucht David Bowie gesanglich zu imitieren. Ariana Schirarsi-Fard als seine im 70er Jahre Look gestylte Assistentin Elly, beeindruckte erneut mit ihrer erstklassigen Gesangskunst. Als das Mädchen kann Hanna Kastner nicht ganz so überzeugen, aber auch ihr gelang es, sich zunehmend gesanglich zu steigern. Carsten Lepper gestaltete den Mörder Valentin sehr intensiv. Aber auch das restliche Ensemble, darunter Christian Fröhlich als Michael, Christof Messner als Zach und Ben, oder aber die Mädchen Aoi Yoshida, Daniela Dett und Lynsey Thurgar lieferten hervorragende Leistungen ab.

Unter der musikalischen Leitung von Christopher Mundy interpretiert eine kleine Band aus Keyboards, Posaune, E-Bass, Saxophon, Schlagzeug und Gitarren neue Arrangements von Bowie-Hits wie „Lazarus“, „This is not America“, „Changes“, „Absolute Beginners“ oder „Heroes“. Grundsätzlich kann man Lazarus wahrscheinlich nicht direkt als Musical bezeichnen. Es ist eher ein musikalisches Vermächtnis des Künstlers David Bowie und davon zeigte sich das Publikum auch dementsprechend begeistert.

 

—| IOCO Kritik Landestheater Linz |—

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