Wiesbaden, Hessisches Staatsorchester Wiesbaden, Das Lied von der Erde – Gustav Mahler, IOCO Kritik, 07.07.2020

 Kurhaus Wiesbaden / Friedrich von Thiersch Saal © Ingrid Freiberg

Kurhaus Wiesbaden / Friedrich von Thiersch Saal © Ingrid Freiberg

Hessisches Staatsorchester Wiesbaden

Das Lied von der Erde – Gustav Mahler

Symphonischer Liederzyklus für Soli und Kammerorchester

bearbeitet von Arnold Schönberg, vollendet von Rainer Riehn 1983 –  aus dem Chinesischen übertragen  von Hans Bethge

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1. Das Trinklied vom Jammer der Erde – nach Li-Tai-Po (Tenor)

2. Der Einsame im Herbst – nach Chang Tsi (Bariton)

3. Von der Jugend – nach Li-Tai-Po (Tenor)

4. Von der Schönheit – nach Li-Tai-Po (Bariton)

5. Der Trunkene im Frühling – nach Li-Tai-Po (Tenor)

6. Der Abschied – Textneuschöpfung von Gustav Mahler  (Bariton)

von  Ingrid Freiberg

Wehmütige Gedanken im schönsten Kurhaus der Welt

In dem Corona-bedingt schon mit nur wenigen Zuhörer*innen ausverkauften Saal sitzend, das prächtige Ambiente bewundernd und sinnend, dass Kaiser Wilhelm II. im Mai 1907 der Einweihung des Kurhauses Wiesbaden beiwohnte, welches als Nachfolger des 1810 fertiggestellten kleineren Cursaals von Friedrich von Thiersch erbaut wurde, enden in wehmütigen Gedanken. Wenig hilfreich ist dabei, dass der Kaiser das Haus überschwänglich als das „schönste Kurhaus der Welt“ würdigte.

Yin und Yang in Gustav Mahlers Musik

Gustav Mahler Grabstätte in Wien © IOCO

Gustav Mahler Grabmal Wien © IOCO

1907 gelang das Insel-Bändchen Die chinesische Flöte in Gustav Mahlers Hände. Alma Mahler erinnert sich: Die Gedichte entzückten mich so sehr, dass ich sie meinem Ehemann vorlas. Hans Bethge, ein Orientalist, hatte die altchinesische Lyrik – knapp 70 Gedichte – ins Deutsche übertragen. Mahler war emotional sehr berührt und entdeckte sich in ihr wieder. Die Lyrik ist gezeichnet von Yin und Yang: vom Tag, der Nacht, dem Frühling, dem Herbst, von hell und dunkel. Jedes Stück wechselt sich im Charakter ab. Der Tenor singt das Lebensbejahende, das Exzessive, die Freude am Leben, der Bariton den Herbst, die Ruhe, den Frieden und zum Schluss den Abschied.

Der Abschied ist eine Textneuschöpfung Mahlers, der zwei Gedichte verschiedener Autoren mit eigenen Verszeilen kombinierte – in der Verbindung von rezitativischen und ariosen Elementen und der gattungsübergreifenden Formanlage eine Mittelposition einräumte. Die Musik gehört zum Berührendsten was Gustav Mahler geschrieben hat: Es ist ein Abschiednehmen von der Erde, ein Wandern in die Berge, wo das einsame Herz Ruhe findet… Damit hat er seinen Abschied vorbereitet. Der Komponist mag in den von ihm ausgewählten Gedichten des 8. und 9. Jahrhunderts, die die Entfaltung und Neige des menschlichen Lebens durch die Abfolge der Jahreszeiten symbolisieren, manches von der Ursprünglichkeit der Wunderhorn-Lyrik wiedergefunden haben.

Kurhaus Wiesbaden / Friedrich von Thiersch Saal © Ingrid Freiberg

Kurhaus Wiesbaden / Friedrich von Thiersch Saal © Ingrid Freiberg

Schicksalhafte Einrbüche

Das Jahr 1907 brachte dem Komponisten schicksalhafte Einbrüche: beruflich die Aufgabe der Wiener Direktorenposition und der Weggang nach New York, privat der plötzliche Tod seiner Tochter Maria Anna und die Diagnose des eigenen schweren Herzleidens. Alma hielt fest: …jetzt überfielen ihn diese maßlos traurigen Gedichte! Er skizzierte auf weiten einsamen Spaziergängen die Orchesterlieder, aus denen ein Jahr später Das Lied von der Erde werden sollte. Mahler war ein sogenannter Sommerkomponist, der sich in jedem Jahr ein Sommerhaus mietete, ein Klavier hineinstellte, um dort seine Symphonien zu schreiben. Das war ihm in seinem Schicksalsjahr 1907 nicht möglich… Während seiner Hauptarbeitsphase im darauffolgenden Sommer 1908 wandelte sich das ursprüngliche Lied-Konzept. Die Arbeit vergrößerte sich. Mahler verband die einzelnen Texte, komponierte Zwischenspiele. Die Lieder trugen der im Jugendstil verbreiteten Asiatica-Mode Rechnung.

Das außerordentliche Werk ließe sich doppelt definieren: als eine zum Symphonischen hin verdichtete Liederfolge oder als eine großangelegte Symphonie mit Singstimmen. Nach Abschluss der ins Oratorische sich öffnenden Achten und vor dem Entschluss zu weiteren, nun wieder rein instrumentalen Symphonie-Projekten, sah Mahler in der Mischgattung Lied von der Erde eine reizvolle Möglichkeit. Die nachfolgende Neunte konnte er vollenden, während es ihm bei der Zehnten nicht mehr möglich war.

 Kurhaus Wiesbaden / vl Klaus Florian Vogt, GMD Patrick Lange, Michael Volle © Ingrid Freiberg,

Kurhaus Wiesbaden / vl Klaus Florian Vogt, GMD Patrick Lange, Michael Volle © Ingrid Freiberg,

Es gelangen mehrere Fassungen des Liedes von der Erde zur Aufführung: neben der großen Orchesterfassung, eine von Mahler selbst stammende Klavierfassung (statt Orchester), die über den Rang eines Klavierauszugs zu Studienzwecken hinausgehend für konzertmäßige Aufführungen gedacht ist, oder die später von Arnold Schönberg und Rainer Riehn erarbeitete kammermusikalische Fassung für 14 Instrumentalisten. Die Idee, in Wiesbaden eine kammermusikalische Fassung zur Aufführung zu bringen, kam von Klaus Florian Vogt. (Juraj Cizmarovic 1. Violine, Maryna Veremeeva, 2. Violine Irene Baiter Viola, Christoph Lambrecht Violoncello, Nicolà von Goetze Kontrabass, Mátyás Bicsák Flöte, André van Daalen Oboe, Franz-Josef Wahle Englischhorn, der sich mit diesem Konzert nach 37 Dienstjahren in den Ruhestand verabschiedet, Adrian Krämer Klarinette, Dörte Sehrer Es-Klarinette, Charlotte Gombert Bassklarinette, Peter Brechtel Fagott, Jens Hentschel Horn, Edzard Locher, Martin Lorenz, Ferdinand Reitberger Schlagwerk, Joachim Enders Klavier, Tim Hawken Harmonium / Celesta).

 Kurhaus Wiesbaden / Klaus Florian Vogt © Ingrid Freiberg,

Kurhaus Wiesbaden / Klaus Florian Vogt © Ingrid Freiberg

Arnold Schönberg und der Verein für musikalische Privataufführungen

Diese Fassung ist hochinteressant und hat eine Vorgeschichte: In Wien gab es in den Jahren 1918 – 1923 einen Verein für musikalische Privataufführungen, den Arnold Schönberg gegründet hat. Ziel des Vereins war es, Musik der Zeit aufzuführen. Damals gab es noch keine Tonträger und damit auch keine Möglichkeit, Musik außerhalb eines Konzertsaales zu hören. So haben Schönberg und Kollegen für Freunde große Stücke klein arrangiert. Leider ist der Verein 1923 Pleite gegangen. Das ist auch der Grund, warum Schönberg Das Lied von der Erde nicht fertig arrangiert hat. Für ein Toblacher Mahler-Festival  im Jahre 1983 führte Riehn Schönbergs Arbeit am Lied von der Erde fort. An der vorgegebenen Besetzung änderte Riehn mit Ausnahme der fakultativen Hinzufügung einer Celesta für den Schluss des Abschieds, die das Ewig… begleitet und deren Kaskaden den Übergang zum Göttlichen herzergreifend beschreiben, nur den Verzicht auf eine 3. Violine. Schönberg hatte bereits die Fülle eines ganzen Orchesters in diese zwei Instrumente mit aufgeteilt und damit einen erstaunlich vollen Klang erreicht. Das ist insofern zu erwähnen, da Mahlers Musik meist als bombastisch gilt. Eine kammermusikalische Fassung kann eigentlich nur eine Essenz von diesem Riesenwerk sein und wird doch durch den höchst virtuosen Klavierpart, ein Harmonium vom Ende des 19. Jahrhunderts, die Celesta und das über die Maßen präzise und mit glühendem Engagement aufspielende Hessische Staatsorchester Wiesbaden zu einem Klangrausch.

Eine bedrückende Zeit wird für Wiesbaden zum Glücksfall

Es ist eine bedrückende Zeit, Corona hat die Kulturszene stark verändert: Die beiden Weltstars Klaus Florian Vogt und Michael Volle wären längst zu Proben in Bayreuth, wo sie als Stolzing und Sachs in der Wiederaufnahme der Meistersinger engagiert waren. Vogt wäre zudem der Siegmund im neuen Ring gewesen. Für Wiesbaden wird dieser für die beiden Künstler schmerzhafte Umstand allerdings zum Glücksfall.

Im Trinklied vom Jammer der Erde begeistert Klaus Florian Vogt mit seinem lyrischen Tenor, indem er wunderbar den Bogen zwischen …einem vollen Becher Weins zur rechten Zeit… und  …dunkel ist das Leben, ist der Tod… spannt. Der Textdichter Li-Tai-Po war, wie sein Übersetzer Hans Bethge schreibt, ein Abenteurer und Trinker. Der Trunkene im Frühling ist auch eine Verbindung mit Mahlers Zeitgenossen Friedrich Nietzsche: Welterkenntnis durch Rauschzustand und Einflüsterungen der Natur. Der Scherzocharakter wird durch die burleske Instrumentation mit Trillern, Pizzicati und lustigen Vorschlägen unterstrichen. Mit Leidenschaft, Seele und Zärtlichkeit verzaubert Vogt mit seiner prachtvollen Stimme das Publikum.

Kurhaus Wiesbaden / Michael Volle © Ingrid Freiberg

Kurhaus Wiesbaden / Michael Volle © Ingrid Freiberg

Mit hingebungsvoller Virtuosität berührt Michael Volle – bis zu Tränen – im Bekenntniswerk über Leben und Tod, über Jugend und Schönheit, über Sehnsucht und Vergänglichkeit. Der Einsame im Herbst ist ein Gleichnis für den Seelenzustand: Der Herbst in meinem Herzen währt zu lange. Der Tod wird als Stätte von Frieden und Heimat herbeigesehnt. Der leidenschaftliche Ausbruch: Sonne der Liebe, willst du nie mehr scheinen ergreift. Einfühlsam gelingt Volle die Interpretation Von der Schönheit der anmutigen jungen Mädchen. Sie wird nur durch einen atemlosen, marschartigen Mittelteil unterbrochen. Der Abschied ist das weitaus längste Lied – ein überwältigender Abgesang, ein zeit- und raumloser Abschied von der Liebe und dem Leben. Ist das überhaupt zum Aushalten? Werden sich die Menschen nicht danach umbringen?, fragte sich Mahler. Alle vorhergehenden Distanzierungen durch Burleske, Ironie oder Exotismus werden aufgehoben. Es ist eine musikalische Erzählung vom Sterben, die sich viel Zeit nimmt. Immer wieder gerät sie ins Stocken, unterbrochen von dem Tam-Tam-Schlägen des Todes: Die Welt schläft ein. Der Komponist fügte Zeilen aus einem eigenen Jugendgedicht ein: Die müden Menschen gehn heimwärts, um im Schlaf vergess‘nes Glück und Jugend neu zu lernen. Die kaum zu ertragende Sehnsucht nach dem Gefährten mündet in einen Trauermarsch. Danach antwortet der Freund sehr weich und ausdrucksvoll. Die erstarrte Trauer weicht einem warm strömenden Gesang, der die Gewissheit des Todes ruhig akzeptiert. Die Farben des Harmoniums und der Celesta kommen hinzu, für Mahler Klangsymbole der Weltentrücktheit. Das mehrfach wiederholte Wort Ewig… steht am Schluss, sich ins Unhörbare auflösend, gänzlich ersterbend. Volle gelingen sensible, privat anmutende Empfindungen.

Gustav Mahler HH © IOCO

Gustav Mahler HH © IOCO

Haben Sie eine Ahnung wie man das dirigieren soll? Ich nicht!, fragte der Dirigent und Mahler-Vertraute Bruno Walter den Komponisten, nachdem er die soeben fertiggestellte Partitur von dem mit Der Abschied betitelten letzten Satz studiert hatte. Mahlers Antwort darauf ist nicht überliefert – Walters Reaktion jedoch ist im Hinblick auf die emotionale Tiefe des Werkes nachvollziehbar. GMD Patrick Lange gelingt der enorme Kraftaufwand. Klangzauberisch entlockt er fein ausdifferenziert und nuanciert dem Hessischen Staatsorchester Wiesbaden innigste Soli – zwischen intimen Liebesschmerz und explodierenden Gefühlsausbrüchen verbindend. Die Grenze zwischen Klang und Stille verwischt sich. Leben geht in Tod auf.

Äußerst berührend ist die minutenlange Stille am Schluss – bis sich das Publikum, teilweise mit Tränen in den Augen, spontan zu Standing Ovations erhebt, die fast dreißig Minuten andauern.

—| Pressemeldung Hessisches Staatsorchester Wiesbaden |—

Baden-Baden, Festspielhaus, Die Festspiele En Suite – Sommermusiken und Aha-Effekte, 18.07. – 30.08.2020

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Festspielhaus Baden – Baden

Festspielhaus Baden-Baden © Festspielhaus Baden-Baden

Festspielhaus Baden-Baden © Festspielhaus Baden-Baden

En suite – Die Festspiele Baden-Baden zu Gast in Hotels und dem Museum Frieder Burda

18. Juli bis 30. August 2020 – Beginn des Vorverkaufs am 1. Juli 2020, 10 Uhr unter www.festspielhaus.de

Die Festspiele Baden-Baden finden im Sommer 2020 in Hotels und dem Museum Frieder Burda statt. Unter dem Motto „En suite“ organisiert Intendant Benedikt Stampa mit und für Hotels ein Konzert-Programm mit internationalen Künstlerinnen und Künstlern sowie fest eingeplanten „Aha-Effekten“ vom 18. Juli bis zum 30. August 2020.

„Wer die Begriffe Baden-Baden, Musik und Hotels zusammenfügt, erzeugt angenehme Bilder in den Köpfen der Menschen“, so Stampa. Der Intendant möchte die durch die Corona-Pandemie erzwungene Spielpause auf diese angenehme Weise beenden. „Wir tasten uns langsam wieder an Live-Veranstaltungen heran – derzeit in kleinem Rahmen, der in Baden-Baden aber auch immer die Begriffe Sicherheit und Wohlergehen mitschwingen lässt“.

Festspielhaus Baden - Baden / Antoine Tamestit à Paris en octobre 2016 © Julien Mignot / harmonia-mundi

Festspielhaus Baden – Baden / Antoine Tamestit à Paris en octobre 2016 © Julien Mignot / harmonia-mundi

Das „En suite“-Festival begrüßt Solistinnen und Solisten wie den französischen Ausnahme-Bratschisten Antoine Tamestit, ein Streich-Trio um den gefeierten österreichischen Geiger Emmanuel Tjeknavorian, die in Baden lebende russische Pianistin Anna Zassimova sowie die international gefeierten Ensembles delian::quartett und das Schumann-Quartett.

Spielorte sind der Maler-Saal des Hotels Maison Messmer, die Orangerie des Brenners Park Hotel sowie das Museum Frieder Burda (in Zusammenarbeit mit dem Hotel „Kleiner Prinz“).

Festspielhaus Baden - Baden / SchumannQuartett © Kaupo Kikkas

Festspielhaus Baden – Baden / SchumannQuartett © Kaupo Kikkas

Die etwa einstündigen Konzerte sind immer mit Erläuterungen zur Musik verbunden. Einige Künstler sprechen selbst über ihre Programme. So setzt die Pianistin und Kunsthistorikerin Anna Zassimova bildende Kunst und Musik zueinander in Beziehung. Zu den Konzerten von Antoine Tamestit, des Trios um Emmanuel Tjeknavorian und des Schumann Quartetts hält Festspielhaus-Dozent Dariusz Szymanski Einführungen.

Der Ferrari der Stradivaris

Den Auftakt des „En Suite“ Festivals macht im Malersaal des Hotels Maison Messmer der international als einer der einzigartigsten Bratschisten Antoine Tamestit. In seinen Konzerten am Samstag 18. Juli, 16 Uhr, und Sonntag 19. Juli, 11 Uhr, stellt er auf reizvolle Weise Werke Johann Sebastian Bachs mit denen seines Zeitgenossen Georg Philip Telemann gegenüber. Festspielhausdozent Dariusz Symanzski wird kurz in das Konzert einführen. Sowohl als Solist, Rezitalist und Kammermusiker ist Antoine Tamestist für seine unübertroffene Technik und die vielgerühmte Schönheit seines farbenreichen Bratschentons bekannt und er erhielt zahlreiche Auszeichnungen bei renommierten Instrumentalwettbewerben, wie bei den New Yorker Young Concert Artists Auditions und dem Internationalen Musikwettbewerb der ARD. Auch sein Instrument ist einzigartig: Antoine Tamestist spielt die vielleicht wertvollste Viola der Welt: Er konzertiert auf der 1672 von Stradivari gebaute „Mahler“-Bratsche, die vermutlich erste Viola, die von Stradivari stammt.

Festspielhaus Baden - Baden / Schumann Quartett © Kaupo Kikkas

Festspielhaus Baden – Baden / Schumann Quartett © Kaupo Kikkas

Roll over Beethoven

Das darauffolgende Wochenende, 25. und 26. Juli, steht ganz im Zeichen des Jubilars des Musikjahres 2020: Ludwig van Beethoven. Nachdem das Schumann Quartett im Festspielhaus im Januar das Baden-Badener Publikum begeisterte, darf man sich nun auf ihr Konzert im Museum Frieder Burda freuen. Seit ihrer frühesten Kindheit spielen die drei im Rheinland großgewordenen Brüder Mark, Erik und Ken Schumann zusammen. 2012 ist die in Tallinn geborene und in Karlsruhe aufgewachsene Liisa Randalu als Bratschistin dazu gekommen. Die Vier genießen die nonverbale Kommunikation beim Musizieren: Ihre unterschiedlichen Persönlichkeiten treten dabei deutlicher hervor, und gleichzeitig entsteht mit jedem Werk, das sie interpretieren, ein gemeinsamer musikalischer Raum, findet eine geistige Metamorphose statt, zu erleben diesmal im Museum Frieder Burda. Ihre Einspielungen sind mehrfach preisgekrönt, so wurde ihr 2017 erschienenes Album „Landscapes“ mit 5 Diapasons ausgezeichnet, war Editor’s choice beim BBC Music Magazine und gewann den Jahrespreis der deutschen Schallplattenkritik. Ihr aktuelles Album „Intermezzo“ wurde mit dem OPUS Klassik 2019 in der Kategorie „Kammermusikeinspielung des Jahres“ ausgezeichnet.

Festspielhaus Baden - Baden / Anna Zassimova © Victoria Page

Festspielhaus Baden – Baden /
Anna Zassimova © Victoria Page

Terra Ikognita

Im Jahr 2017 debütierte Anna Zassimova beim Klavier-Festival Ruhr und hinterließ einen großartigen Eindruck. Die gebürtige Moskauerin, die zugleich Kunsthistorikerin und promovierte Musikwissenschaftlerin ist, hat sich als Meisterin im Heben pianistischer Schätze erwiesen. Besonders die Wiederentdeckung des russisch-französischen Komponisten Georges Catoire ist eng mit ihrem Namen verknüpft. Anna Zassimova, die inzwischen an der Musikhochschule in Karlsruhe unterrichtet, gilt außerdem als herausragende Chopin-Interpretin. Ihre Konzerte am Samstag 8. und Sonntag 9. August im Rahmen des „En suite“-Festivals in der Orangerie des Brenners Hotel soll die Zuhörer in die ferne „Terra Inkognita“ der Komponisten- und Maler-Bohème des Jugendstil- und Fin de siècle der Russischen Kunst entführen. Dabei wird die Bildende Kunst in einen Dialog mit der Musik eintreten, um den Parallelen dieser Schwesterkünste nachzuspüren. Beispielhaft stehen für diese Entwicklung die moderne atonale Aufbaustruktur und die dichten Harmonien von Nikolai Roslawez oder die Sonate von Nikolaj Medtner, in der die traditionellen harmonischen Prinzipien des Komponierens in erlesenster Form ausgearbeitet sind. In der Bildenden Kunst werden vergleichbare Entwicklungen sowohl in den mystischen Bildern von Michail Wrubel vorgestellt als auch in den märchenhaften Motiven von Alexander Benois oder in den poetisierten Darstellungen der russischen Natur von Isaak Levitan. Eine Veranstaltung, die den Besucher über das Hören und Sehen zu einer außergewöhnlichen Wahrnehmung einlädt.

Festspielhaus Baden - Baden / AUSTRIA - Emmanuel Tjeknavorian / © Julia Wesely

Festspielhaus Baden – Baden /
AUSTRIA – Emmanuel Tjeknavorian / © Julia Wesely

Der „Klassik-Tjek“ hoch Drei

Emmanuel Tjeknavorian gilt als einer der gefragtesten jungen Geiger unserer Zeit. Im Festspielhaus Baden-Baden feierte er einen traumhaften Einstand mit dem Violinkonzert von Jean Sibelius unter der Leitung von Riccardo Chailly. In einer Festspiel-Matinee begeisterte er das Publikum im Museum Frieder Burda. Gemeinsam mit Benedict Mitterbauer (Bratsche) und Jeremias Fliedl (Cello) spielt der Geiger mit der eigenen Radio-Sendung beim ORF („Der Klassik-Tjek“) im Rahmen des Baden-Badener „En-Suite“-Festival im Malersaal des Hotels Maison Messmer am 15. und 16. August das Streichtrio Op. 3 von Ludwig van Beethoven sowie Dohnanyis Serenade für Streichtrio.

Festspielhaus Baden - Baden / Delian Quartett © Julia Wesely

Festspielhaus Baden – Baden /
Delian Quartett © Julia Wesely

Kulturbotschafter bis Afrika

Bereits im Jahr seiner Gründung 2007 öffneten sich dem delian::quartett die Türen der großen Häuser und bedeutenden Festspiele. Das Echo auf jene ersten Konzerte katapultierte es praktisch über Nacht mitten in die internationale Konzertwelt. Das Debüt des delian::quartetts 2009 in der Berliner Philharmonie entfachte wahre Begeisterungsstürme und wurde schon nach dem Eröffnungsstück mit stehenden Ovationen aufgenommen. Seither verzeichnet das Ensemble von Publikum und Presse gleichermaßen gefeierte Auftritte in ganz Europa und – als Kulturbotschafter des Goethe-Instituts – bis nach Afrika. Für das Baden-Badener „En suite-Festival“ bereiten Adrian Pinzaru (Violine), Andreas Moscho (Violine), Lara Albesano (Viola) und Hendrik Blumenroth (Violoncello) zwei verschiedene Programme vor: Am Samstag, 29. August 2020 um 16 Uhr stehen Werke von Schostakowitsch, Schnittke und Haydn auf dem Programm. Am Sonntag, 30. August um 11 Uhr entführen die Musikerinnen und Musiker musikalisch auch nach England, wenn Sie Werke von Byrd und Purcell neben Haydns Streichquartett Op. 33 No. 2 „Der Witz“ stellen und damit das kleine Sommerfestival beenden. Die Mitglieder des delian::quartetts moderieren ihre Konzerte selbst.

Weitere Informationen und Tickets (ab 1.Juli): www.festspielhaus.de

Persönliche Beratung und Reservierungen: Tel. 07221 / 30 13 101


En Suite – Sommermusiken und Aha-Effekte

Die Festspiele Baden-Baden zu Gast in den Hotels und Museen der Stadt

18. Juli bis 30. August 2020


Samstag, 18.07.2020, 16 Uhr
Maison Messmer Malersaal
Antoine Tamestit
Telemann, Fantasia Nr. 2 C-Dur (Original für Violine: G-Dur), Bach, Cello-Suite Nr. 2 d-Moll, Telemann, Fantasia Nr. 1 Es-Dur (Original für Violine: B-Dur) und Bach, Cello-Suite Nr. 1 G-Dur


Sonntag, 19.07.2020, 11 Uhr
Maison Messmer Malersaal
Antoine Tamestit
Telemann, Fantasia Nr. 2 C-Dur (Original für Violine: G-Dur); Bach, Cello-Suite Nr. 2 d-Moll, Telemann, Fantasia Nr. 1 Es-Dur (Original für Violine: B-Dur)
Bach, Cello-Suite Nr. 1 G-Dur


Samstag, 25.07.2020, 19:30 Uhr
Museum Frieder Burda  – in Kooperation mit dem Hotel Der Kleine Prinz Schumann Quartett
Beethoven, Streichquartett Nr. 3 D-Dur op. 18/3, Beethoven, Streichquartett Nr. 14 cis-Moll op. 131


Sonntag, 26.07.2020; 19:30 Uhr
Museum Frieder Burda  – in Kooperation mit dem Hotel Der Kleine Prinz
Schumann Quartett
Haydn, Streichquartett B-Dur op.1/1 „La chasse“ (Jagdquartett), Beethoven, Streichquartett Nr. 7 F-Dur op. 59/1 „Rasumowsky“


Samstag, 08.08.2020, 17 Uhr
Brenners Hotel, Orangerie
Anna Zassimova
Wassili Kalinnikow, Elégie, Georgy Catoire, Quatre Préludes op. 17, Alexander Skrjabin, Deux Poèmes op. 32, Nikolai Roslawez, Cinque Préludes, Nikolai Medtner, Sonata-Reminiscenza o (Nr. 1 aus: Vergessene Weisen op. 38)
In Verbindung mit bildender Kunst


Sonntag, 09.08.2020, 11 Uhr
Brenners Hotel, Orangerie
Anna Zassimova
Brahms, Fantasien op. 116 , Robert Schumann, Arabeske op. 18, Clara Schumann, Romanze op. 21/1, Liszt, Consolations Nr. 1-3, Chopin, Polonaise, Fantaisie As-Dur op. 61


Samstag, 15.08.2020, 18 Uhr
Maison Messmer, Malersaal
Emmanuel Tjeknavorian, Benedict Mitterbauer Jeremias Fliedl
Dohnanyi, Serenade C-Dur op. 10 für Streichtrio; Beethoven, Streichtrio Es-Dur op. 3


Sonntag, 16.08.2020, 11 Uhr
Maison Messmer, Malersaal
Emmanuel Tjeknavorian, Benedict Mitterbauer Jeremias Fliedl
Schnittke, Polka (Fassung für Streichquartett), Haydn, Streichquartett G-Dur op. 77/1


Samstag, 29.08. 2020,
Brenners Hotel, Orangerie
delian:.quartett
Schostakowitsch, „Theater-Suite“ für Streichquartett aus den Bühnenmusiken op. 32 zu Shakespeares „Hamlet“ und op. 37 zu „Die menschliche Komödie“ nach Balzac, Schnittke, Polka (Fassung für Streichquartett), Haydn, Streichquartett G-Dur op. 77/1


Sonntag, 30.08.2020, 11 Uhr
Brenners Hotel, Orangerie
delian:.quartett
William Byrd „Sing joyfully“ aus Cathedral Music, Volume 2, p. 34 in der Fassung für Streichquartett, „Ave verum corpus“ aus Gradualia I, no. 37 in der Fassung für Streichquartett, Henry Purcell Fantazias Nr. 6 und Nr. 10, Pavane g-Moll in der Fassung für Streichquartett, Klage der Dido „When I am laid in Earth” aus „Dido und Aeneas” in der Fassung für Streichquartett, Chaconne g-Moll in der Fassung für Streichquartett,Joseph Haydn Streichquartett Es-Dur op. 33 Nr. 2 Hob. III: 38 „Der Witz“


Weitere Informationen und Tickets: www.festspielhaus.de
Persönliche Beratung und Reservierungen: Tel. 07221 / 30 13 101

—| Pressemeldung Festspielhaus Baden-Baden |—

Altenburg, Theater Altenburg Gera, GMD Laurent Wagner verabschiedet sich, IOCO Aktuell, 24.06.2020

 

Theater Altenburg Gera

Theater Altenburg © Ronny Ristok

Theater Altenburg © Ronny Ristok

GMD  Laurent Wagner verabschiedet sich 2020

 im Gespräch mit Konzertdramaturgin Birgit Spörl 

Laurent Wagner, *1960 in Lyon, französischer Staatsbürger, seit 2013 Generalmusikdirektor am Theater Altenburg Gera. war zuvor in gleicher Position am Theater Dortmund und am Saarländischen Staatstheater Saarbrücken, in anderer Funktion an anderen bedeutenden Theatern.

Birgit Spörl  (BS):  Lieber Laurent Wagner, Sie beenden mit dieser Spielzeit Ihr Engagement als Generalmusikdirektor am Theater Altenburg Gera. Damit haben Sie sieben Spielzeiten lang dieses Theater geprägt. Ist diese Zeit rückblickend betrachtet schnell oder langsam vergangen?

Laurent Wagner (LW): Weder schnell noch langsam, sondern rasend! Ich kann mich an meine ersten Schritte hier noch als Bewerber erinnern, als sei es gestern gewesen und diese Zeit ist so intensiv gewesen, ein Projekt hat das andere gejagt und so ist die Zeit rasant vergangen – und so sind sieben Jahre im Nu vorbei.

Theater Altenburg Gera / Serenadenkonzert, GMD Laurent Wagner dirigiert © Ronny Ristok

Theater Altenburg Gera / Serenadenkonzert, GMD Laurent Wagner dirigiert © Ronny Ristok

BS: Bevor Sie nach Altenburg und Gera kamen, haben Sie europaweit in sehr viel größeren und berühmteren Städten gewirkt und gelebt, wie Dortmund, St. Gallen und Dublin. Wie haben Sie die Umstellung auf ein Wirken in den sehr viel kleineren Städten Altenburg und Gera erlebt?

 LW:  Ich bin von Zuhause aus schon ein Großstadtmensch, bin im etwas größeren und schönen Lyon groß geworden, habe dann in Paris und Wien studiert. Aber das war vor langer Zeit und man wird ja nicht jünger – ein bisschen mehr Ruhe, ein bisschen mehr Natur, weniger Hektik ist auch mal  ganz schön. Als so klein kann ich aber auch die Lage in Gera und Altenburg nicht bezeichnen, zumindest was unsere Arbeit angeht. Wir haben  für die theoretische Größe einer Stadt wie Gera, gemessen an der Einwohnerzahl, doch ein sehr großes Orchester. Also konnte ich nie den Eindruck haben, ich sei hier in der kleinen Provinz. Ich hatte ein großes Orchester mit etwa 75 Musiker, mit dem man eigentlich fast das ganze Repertoire spielen kann. Also den Hauch der Provinz habe ich hier nicht gespürt.

BS: Was macht das Altenburger und das Geraer Publikum aus?

LW: Es ist ein sehr, sehr treues Publikum. Wir haben einen harten Kern eines treuen Publikums – viele davon sind Abonnenten – die sind unglaublich treu. Und wenn ich das Publikum vergleiche mit Publikum aus den anderen Städten, in denen ich wirken durfte: Die Länge und Begeisterung des Applauses am Ende einer Opernvorstellung und eines Konzertes ist hier wirklich erstaunlich. Man hat wirklich den Eindruck, man gehört als Musiker richtig dazu, es ist eine richtige Einheit zwischen Publikum und Orchester, das ist wirklich eine schöne Sache. Das habe ich nicht überall in dem Maße so erlebt.

BS: Konnten Sie nicht nur in den Theatern, sondern auch in den Städten Altenburg und Gera heimisch werden? ? Haben Sie beispielsweise den einen oder anderen Lieblingsplatz in der Stadt für sich entdeckt?

LW: Ja, heimisch geworden bin ich längst. Ich habe fünf Jahre in Gera auf der anderen Seite der Elster in der Nähe der Marienkirche gelebt – und das ist eigentlich mein Lieblingsplatz in Gera: Der Weg von der Kirche über die Brücke, durch diese schöne Allee und dann der Küchengarten und der Blick aufs Theater – ich glaube, das ist wirklich die allerschönste Stelle in Gera und das waren immer die Momente auf dem Weg ins Theater, in denen ich wusste, warum ich hier bin. Ich brauche ein schönes Ambiente zum Leben. Ich habe oft in Theatern gearbeitet, die eher Betonklötze waren – natürlich vergisst man das über der Arbeit – aber wenn man hier in so einem schönen Ambiente arbeiten darf, dann ist das doch ein Stückchen schöner. Und was Altenburg angeht: Altenburg war für mich auch deshalb besonders schön, da es die Stadt meines Schwiegervaters ist. Das war für meine Frau und mich also sehr schön, da zu landen. Mein Schwiegervater war einst wohl aus politischen Gründen aus Altenburg weggezogen und nun schloss sich da ein Familienkreis. Einen Lieblingsplatz kann ich in Altenburg gar nicht benennen, sondern die ganze Innenstadt mit ihrem architektonischen Reichtum ist wirklich ein Juwel.

Interview mit Laurent Wagner zum 1. Philharmonischen Konzert 2018
youtube Video des Theater Altenburg Gera
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BS: Als Generalmusikdirektor des Theaters Altenburg Gera waren Sie nicht nur Chefdirigent. Neben der musikalischen Leitung von Opern und Konzerten waren Sie auch mitverantwortlich für die Gestaltung der Spielpläne, für das Engagement von Künstlern und Gästen, für die Planung von Events oder auch die Vergabe von Kompositionsaufträgen. Haben Sie sich in der Vielfältigkeit dieser Aufgaben und der großen Verantwortung zu Hause gefühlt?

LW: Ja durchaus. Es ist auch wirklich gut, wenn man als Dirigent nicht nur ein ausführendes Organ ist, sondern dass man die Sachen wirklich von A bis Z gestalten kann. An manchen Orten gibt es den Trend, dass der Chefdirigent hübsch den Takt schlagen soll zu den Stücken, die man ihm sagt. Ich finde wirklich schön, dass dieser Trend nicht in Altenburg und Gera angekommen ist und ich wünsche dem Orchester sehr, dass das auch so bleibt. Ich habe das Theater zwar nicht als meine persönliche private Spielwiese betrachtet, aber ich hatte die Möglichkeit, hier das zu realisieren, was ich für das Theater und für das Orchester für richtig hielt. Ich war so glücklich, hier das fast blinde Vertrauen unseres Intendanten Kay Kuntze zu genießen – war das blindes Vertrauen oder haben sich unsere Ansichten zufällig gedeckt? – auf jeden Fall hat es im Bereich der Programmatik sowohl für die Opern wie auch für die Konzerte wirklich Harmonie gegeben und so war es gut.

BS: Worin sehen Sie die Vor- und Nachteile, an einem Mehrspartentheater zu wirken?

LW: Die Nachteile sind, dass man sich eine Bühne teilen muss. So ist es sehr oft schwierig, mit der manchmal gewünschten Freiheit zu programmieren. Man muss sich immer diese Bühne teilen, sowohl für die Proben wie auch für die Aufführungen und das führt zu dispositionellen Engpässen. Ein bisschen mehr Luft und Raum würde man sich da schon wünschen. Die Vorteile sind ja evident: dass man das Glück hat, sich nicht im eigenen musikalischen Echoraum zu bewegen, sondern dass man eine größere Perspektive hat und geistig und intellektuell am Leben bleibt. Mehr Miteinander in spartenübergreifenden Projekten hätte ich mir durchaus noch mehr gewünscht, denn manchmal arbeitet man zwar unter einem Dach, aber ein bisschen aneinander vorbei. Es ist klar, jede Sparte hat auch ihre eigene Agenda und bis man dispositionell den richtigen Zeitpunkt für eine Zusammenarbeit findet, das ist oft recht schwierig.

BS: Als künstlerischer Leiter haben Sie sowohl Opern als auch Philharmonische Konzerte sowie Sonderevents, wie das alljährliche Sommer-Open-Air, dirigiert. Was davon haben Sie am liebsten dirigiert?

LW: Schwere Frage! Wie soll ich das beantworten? In jüngeren Jahren habe ich mich mit Begeisterung auf die Oper konzentriert. Die Oper ist quasi meine Muttersprache, ich habe immer eine große Liebe zur Oper und zum Gesang gehabt, das war wirklich mein Metier. Mit dem Konzert habe ich früher ein bisschen gefremdelt – nicht aufgrund des Repertoires, sondern als Dirigent so auf dem Präsentierteller in der Mitte zu stehen, alle Blicke auf einen konzentriert, war nicht ganz meine Sache. Ich habe mich im Orchestergraben versteckt wohler gefühlt – da ist man unter sich mit dem Orchester und mit den Sängern auf der Bühne und ist nicht immer so beobachtet. Inzwischen – das ist eine gute Entwicklung des Lebens – habe ich gelernt, diese Situation auf dem Konzertpodium für mich zu zähmen und damit zu leben – und inzwischen lebe ich gut damit. Ich hatte dann das Glück hier ungefähr fünzfig-fünfzig beides zu bedienen und gerade diese Abwechslung ist etwas sehr schönes. Ja, die Balance war für mich wirklich schön und ich kann die Frage wirklich nicht beantworten. Fragen Sie eine Mutter, ob sie ihren Sohn oder ihre Tochter lieber hat – das geht nicht!

BS: Als Liebhaber der großen sinfonischen Musik des 20. Jahrhunderts haben Sie sowohl die Kapazitäten des Philharmonischen Orchesters Altenburg Gera als auch die der Räumlichkeiten der beiden Theater hin und wieder gern ausgereizt. Manchmal waren die Bühnen bei den großen Sinfonien von Bruckner, Mahler oder Schostakowitsch fast schon zu voll, die Klangfülle fast zu groß für die Saalakustik und manchmal wurden mehr Musiker benötigt, als das Philharmonische Orchester Altenburg Gera an Mitgliedern aufweisen kann. In diesen Fällen wurden dann viele Hebel in Bewegung gesetzt, um die Konzerte zu realisieren. Sind das ganz normale Randerscheinungen Ihres Konzertspielplanes oder genießen Sie auch ein wenig den Nervenkitzel, das Unmögliche möglich zu machen?

LW: Beides! Der Nervenkitzel ist auf jeden Fall notwendig – man darf in unserem Beruf keine Sekunde in Routine verfallen und wo immer man die Gelegenheit so eines kleinen Nervenkitzels hat, muss man sie am Schopfe packen. Höre ich in Ihrer Frage eine kleine Kritik, dass wir zu oft bombastisches und den Rahmen sprengendes Programm gemacht haben? Ich sehe es nicht so. Ich habe mit der großen Freiheit, die mir in der Programmatik gewährt wurde,  immer versucht, alle musikalischen Epochen und Stile vom Barock bis zur heutigsten Moderne zu bedienen, und selbstverständlich kommen, wenn wir beim spätromantischen und modernen Repertoire sind, auch die immer größeren Besetzungen. Das ist unvermeidlich. Aber das wollen wir ja auch bedienen, das ist ein Teil der Musikgeschichte, den wir auch präsentieren wollen. Sehr wichtig ist auch: Unser Orchester spielt viel im Orchestergraben, wo die Zahl der Musiker reduziert ist. Für ein Orchester ist es aber absolut notwendig, dass es sich in regelmäßigen Abständen komplett versammelt und im Ganzen musiziert. Sonst ginge die Identität, das Gefühl für Zusammenhalt verloren. Man braucht wirklich diese Gelegenheiten, wo alle zusammen dabei sind. Selbstverständlich braucht man zum Beispiel bei Mahler manchmal etwas Aufstockung.

Etwas Wehmut verursacht in mir, dass es noch nicht gelungen ist, etwas an der Akustik der Geraer Konzertsaals zu arbeiten. Selbstverständlich kann man nicht alles gleichzeitig machen, aber ich kann nur wünschen, dass diese Sache einmal in Angriff genommen wird. Wir wissen, was zu tun wäre, ohne an die Optik des Saales zu rühren, aber man könnte erreichen, dass man bei einer etwas größeren Besetzung nicht mehr den Eindruck bekommen muss, dass man von dieser Klangwucht erschlagen wird, denn der Saal ist für meine Begriffe etwas überakustisch.

Theater & Philharmonie Thüringen mit Mahagonny
youtube Video des Theater Altenburg Gera
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BS: Welche waren Ihre persönlichen künstlerischen Höhepunkte in Ihrer Zeit als Generalmusikdirektor?

LW: Da werden Sie sich vielleicht wundern: das sind eben nicht diese großen bombastischen Sachen. An allererster Stelle: dass ich hier die Matthäuspassion von Johann Sebastian Bach machen konnte und durfte war für mich persönlich eine sehr wichtige Sache. Ich bin kein so genannter Spezialist für die historische Aufführunsgspraxis. Man verliert als Allgemeinmusiker heute immer mehr das Recht, Musik von vor 1750 aufzuführen. Mir war es sehr wichtig, einmal in meinem Leben die Matthäuspassion aufzuführen, ein Stück, das mir absolut am Herzen liegt, also bin ich sehr sehr glücklich, das hier realisiert zu haben. Auch alles, was wir im Bereich der Klassik gemacht haben, ob Haydn oder Mozart. Ich kann mich an ein reines Mozart-Konzert vor zwei drei Jahren erinnern, da stand die Jupiter-Sinfonie auf dem Programm, ein Klavierkonzert, ein paar Konzertarien – das war für mich ein Konzert, das eigentlich völlig unspektakulär war, aber uns meiner Meinung nach sehr gut gelungen ist und ich war da sehr glücklich.

BS: Mitteldeutschland hat eine recht reiche Orchesterlandschaft, in der Sie sich auch umgesehen haben. Mit Weimar, Jena, Leipzig, Halle und Dresden in der näheren Umgebung ist das Philharmonische Orchester Altenburg Gera also nicht gerade das einzige Orchester weit und breit. Gibt es trotzdem Besonderheiten, die gerade dieses Orchester von anderen unterscheiden?

LW: Die Frage kann ich schlecht beantworten, da ich die verschiedenen Orchester nicht von innen kenne. Es ist eine Sache, ob man einmal ein Orchester im Konzert hört oder ob man mit dem Orchester arbeitet. Eines aber kann ich sagen: Im Vergleich der Orchester in der ehemaligen DDR zu den westdeutschen Orchestern, höre ich hier nach wie vor noch heute eine ganz besondere Farbe, möglicherweise aufgrund der politischen Abschottung, die hier so lange geherrscht hat. Dadurch sind die Orchester hier nicht so schnell globalisiert worden. Ich finde die Globalisation im Bereich der Kunst und Musik auch nicht so gut, denn es ist schade, wenn Orchester in Washington, Paris und Berlin alle gleich klingen und das ist ein bisschen der Trend. Und von dieser Entwicklung ist der östliche Teil Deutschlands aus politischen Gründen lange verschont geblieben. Und das hört man noch 30 Jahre danach – man hört, dass sich eine gewisse alte deutsche Tradition hier noch erhalten hat – im Klang, in der Art Phrasen zu artikulieren und und und. Das habe ich hier sehr genossen.

BS: Was nehmen Sie aus Ihrer Zeit in Altenburg und Gera mit?

LW: Dankbarkeit.

BS: Vielen Dank, Herr Wagner, für das Gespräch. Vielen Dank für sieben prägende Jahre als Generalmusikdirektor! Einmal dürfen wir Sie noch erleben und zwar in unserer Sommertheaterreihe in einem wunderbaren Serenadenkonzert. Darauf freuen wir uns und wünschen Ihnen alles Gute!

Darauf freue ich mich auch schon sehr! Vielen Dank!

—| IOCO Aktuell Theater Altenburg Gera |—

Berlin, Staatsoper Unter den Linden, Livestream Konzerte – online ab 22.05.2020

Staatsoper unter den Linden

Staatsoper Unter den Linden - Im Traum © Max Lautenschläger

Staatsoper Unter den Linden – Im Traum © Max Lautenschläger

Auf der Bühne der Staatsoper wird bald wieder gespielt !

Am 22.5. starten Konzert-Streams mit Mitgliedern der Staatskapelle Berlin

Auf der Bühne der derzeit geschlossenen Staatsoper Unter den Linden wird wieder gespielt! Ab dem 22. Mai werden immer freitags um 19.00 Uhr spartenübergreifende Konzertprogramme mit Musikerinnen und Musikern der Staatskapelle Berlin, Daniel Barenboim, Sängerinnen und Sängern des Solistenensembles, Pianisten des Hauses sowie einer Reihe von befreundeten Künstlerinnen und Künstlern auf der Staatsopern-Website ausgestrahlt. Hinzu kommen einige Sonderprogramme, die an ausgewählten Samstagen präsentiert werden. Die aufgezeichneten Programme bleiben immer einige Tage auf www.staatsoper-berlin.de verfügbar.

Auf dem Programm der insgesamt zehn Termine stehen u.a. Camille Saint-Saëns: Le carnaval des animaux unter der musikalischen Leitung von Daniel Barenboim, mit Polina Semionova als Schwan und Christoph Waltz als Sprecher (Freitag, 12. Juni), eine Operngala mit u. a.
Olga Peretyatko, Anna Prohaska, Elsa Dreisig, René Pape und Charles Castronovo (Samstag, 20. Juni), Liederabende, Konzerte mit Werken von u. a. Beethoven, Mozart, Schumann, Strauss und Widmann in kammermusikalischer Besetzung sowie Jazz und brasilianische Lieder. Für Kinder wird es außerdem ein moderiertes Konzert mit Vivaldis Die vier Jahreszeiten geben.


Online-Spielplan – Staatsoper Unter den Linden


Freitag, 22. Mai: Beethoven
Ludwig van Beethoven: Sextett op. 81b für zwei Hörner und Streicher
Ludwig van Beethoven: Drei schottische Lieder für Tenor und Klaviertrio
Mit Stephan Rügamer und Mitgliedern der Staatskapelle Berlin

Freitag, 29. Mai: Brasilianische Lieder
Heitor Villa-Lobos: Suite für Sopran und Violine
Heitor Villa-Lobos und Waldemar Henrique: Stücke von für Sopran und sechs Kontrabässe sowie argentinische und finnische Tangos für vier Kontrabässe
Mit Adriane Queiroz, David Delgado und den Kontrabassisten der Staatskapelle Berlin

Freitag, 5. Juni: Musik von Mozart bis Jazz
Wolfgang Amadeus Mozart: Harmoniemusik zu »Così fan tutte«
sowie Musik von Richard Wagner, Richard Strauss und Frank Raschke
Mit Bläsern der Staatskapelle Berlin

Samstag, 6. Juni: Die vier Jahreszeiten (Kinderkonzert)
Antonio Vivaldi: »Le quattro stagioni« für Streicherensemble und Cembalo
Mit Mitgliedern der Staatskapelle Berlin
Moderation: Nadine Grenzendörfer und Anja Fürstenberg

Freitag, 12. Juni 2020: Karneval der Tiere
Camille Saint-Saëns: »Le carnaval des animaux« für Flöte, Klarinette, Streichquintett, Xylophon und zwei Klaviere
Mit Polina Semionova (Schwan)
Christoph Waltz (Sprecher)
Daniel Barenboim und Thomas Guggeis (Klavier)
und Mitgliedern der Staatskapelle Berlin

Freitag, 19. Juni: Liederabend
Musik von u. a. Mahler, Wolf, Schönberg, Tschaikowsky, Rachmaninow, Dvo?ák
Die Besetzung wird noch bekannt gegeben.

Samstag, 20. Juni: Opern-Gala
Arien von Mozart bis Puccini
Die Besetzung wird noch bekannt gegeben.

Freitag, 26. Juni: Mendelssohn
Felix Mendelssohn Bartholdy: Oktett für Streicher Es-Dur op. 20
Mit Mitgliedern der Staatskapelle Berlin

Samstag, 27. Juni: Solostücke von Elliott Carter für verschiedene Instrumente
Mit Mitgliedern der Staatskapelle Berlin

Freitag, 3. Juli: Schumann, Widmann, Strauss
Robert Schumann: 1. Satz aus der Violinsonate a-Moll op. 105
Widmann: »Fieberphantasie« für Klarinette, Streichquartett und Klavier
Richard Strauss: Violinsonate Es-Dur op. 18
Mit Mitgliedern der Staatskapelle Berlin

Änderungen vorbehalten. Alle aktuellen Informationen und Besetzungen finden Sie unter: www.staatsoper-berlin.de

—| Pressemeldung Staatsoper unter den Linden |—

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