Cottbus, Staatstheater Cottbus, Premiere L’ELISIR D’AMORE, 22.06.2019

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Staatstheater Cottbus

Staatstheater Cottbus © Marlies Kross

Staatstheater Cottbus © Marlies Kross

L’ELISIR D’AMORE (DER LIEBESTRANK)

Melodramma giocoso in zwei Aufzügen von Gaetano Donizetti
Dichtung von Felice Romani

Premiere am Samstag, 22. Juni 2019, 19.30 Uhr, Großes Haus

In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Musikalische Leitung: Sergey Simakov
Regie: Anthony Pilavachi
Bühne: Markus Meyer
Kostüme: Nicole Lorenz
Choreinstudierung: Christian Möbius

Nach mehr als fünfzig Jahren hebt sich am 22. Juni 2019 am Staatstheater Cottbus wieder der Premierenvorhang zu einer Inszenierung von Donizettis „L’elisir d’amore“.

Als musikalischer Leiter debütiert der junge russische Dirigent Sergey Simakov. Anthony Pilavachi konnte als Regisseur dieser Produktion gewonnen werden. Der national und international gefragte Künstler und Preisträger des Österreichischen Musiktheaterpreises 2018 in der Kategorie „Beste Opernproduktion“ gastiert nach Verdis „Rigoletto“ (2003) und Mozarts „Don Giovanni“ (2005) bereits zum dritten Mal am Staatstheater Cottbus. Erstmalig an diesem Haus entwirft Markus Meyer das Bühnenbild für eine Produktion, während Kostümdirektorin Nicole Lorenz für die Kostüme verantwortlich zeichnet.

Staatstheater Cottbus / DER LIEBESTRANK-  (Bildmitte, im Vordergrund v.l.n.r.): Rahel Brede (Gianetta), Mirjam Miesterfeldt (Adina) und Andrei Danilov (Nemorino) sowie Damen und Herren des Opernchores  ©   Marlies Kross

Staatstheater Cottbus / DER LIEBESTRANK-
(Bildmitte, im Vordergrund v.l.n.r.): Rahel Brede (Gianetta), Mirjam Miesterfeldt (Adina) und Andrei Danilov (Nemorino) sowie Damen und Herren des Opernchores ©
Marlies Kross

Anthony Pilavachi arbeitet in seiner Inszenierung die genrespezifische Mischung von heiter-komischen und romantisch-melodramatischen Elementen, von Esprit und Tiefgang heraus. Nemorino trägt Züge eines Romantikers, der durch seine emotionale Ernsthaftigkeit fast an den harten Realitäten der Welt zugrunde geht. Um die zweite Ration des Liebestrankes bezahlen zu können, nimmt er das Rekrutierungsangebot Belcores an. Als Soldat setzt er sich damit den Gefahren des Krieges aus. Die Cottbuser Inszenierung verstärkt die bedrohliche Situation dadurch, dass die Handlung nicht in romantischen oder pastoralen Vorzeiten, sondern in einer Kleinstadt der 40er Jahre des 20.Jahrhunderts spielt, in der Ära des italienischen Faschismus.

Staatstheater Cottbus / DER LIEBESTRANK-  (Bildmitte, im Vordergrund v.l.n.r.): Nils Stäfe (Belcore), Mirjam Miesterfeldt (Adina) und Andrei Danilov (Nemorino) sowie Damen und Herren des Opernchores  ©  Marlies Kross

Staatstheater Cottbus / DER LIEBESTRANK-
(Bildmitte, im Vordergrund v.l.n.r.): Nils Stäfe (Belcore), Mirjam Miesterfeldt (Adina) und Andrei Danilov (Nemorino) sowie Damen und Herren des Opernchores ©
Marlies Kross

Das Regiekonzept stellt zwei unterschiedliche Auffassungen von Liebe vor: Die unbedingte, romantische Liebe des Nemorino und Belcores Besitzdenken, das mit echten Gefühlen verwechselt wird. Es arbeitet die Entwicklung einer tiefen Liebesbeziehung zwischen Adina und Nemorino heraus, die am Ende leichtfertige Lebensentwürfe überwindet. Um diese Liebe in den Mittelpunkt der Inszenierung zu stellen, ist die Handlung als eine Rückschau aufgebaut: Während des Préludes erinnert sich Nemorino am Totenbett seiner Frau Adina daran, wie einst alles begann …

Die vier Hauptpartien sind doppelt besetzt:

Als Adina sind Mirjam Miesterfeldt / Debra Stanley, als Nemorino Andrei Danilov / Dirk Kleinke zu erleben. Der russische Tenor Andrei Danilov – ab der Spielzeit 2019/2020 Mitglied des Ensembles der Deutschen Oper Berlin – singt erstmalig am Staatstheater Cottbus. Als Belcore stellen sich Christian Henneberg / Nils Stäfe vor. Die Partie des Dulcamara übernehmen alternierend KS Matthias Henneberg (als Gast von der Semperoper Dresden) und Ulrich Schneider.

Weitere Vorstellungen in dieser Spielzeit:
Dienstag, 2. Juli 2019, 19.30 Uhr
Samstag, 6. Juli 2019, 19.30 Uhr

—| Pressemeldung Staatstheater Cottbus |—

Rostock, Volkstheater, Fidelio – Ludwig van Beethoven, IOCO Kritik, 13.12.2018

Dezember 16, 2018 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Oper, Volkstheater Rostock

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Volkstheater Rostock

Volkstheater Rostock © Dorit Gaetjen

Volkstheater Rostock © Dorit Gaetjen

Fidelio – Ludwig van Beethoven

– Machenschaften, Wertekonflikte, Streitigkeiten – Allgegenwärtig – 

Von Thomas Kunzmann

 Die streitreiche, gebeutelte Rostocker Theaterlandschaft

Zwei Themen beschäftigte die gebeutelte Theaterlandschaft Rostock in den letzten Wochen: Der (Rechts)Streit um den ehemaligen Intendanten Sewan Latchinian ging in die letzte Runde und die Unrechtmäßigkeit der Kündigung steht nun unwiderruflich fest. Statt Abfindung nun also voller Ausgleich der Verdienstausfälle. Was der Verschleiß an Intendanten das Theater bzw. die Stadt in den letzten Jahren gekostet haben mag, spricht niemand aus. „Kosten“ sind auch das nächste Thema: nachdem Mitte des Jahres einmal die SPD kalte Füße beim Gedanken an den notwendigen Theaterneubau und seine Finanzierung bekam und über einen Volksentscheid lediglich halblaut nachdachte, hatte nun die CDU den Vorschlag eingebracht, man könne doch parallel zur Oberbürgermeisterwahl auch gleich über ein maximales Investitionsvolumen abstimmen lassen. Die Bürgerschaft entschied sich mehrheitlich dagegen. Ob damit der Weg für den notwendigen Neubau nun endgültig frei ist, steht dennoch in den Sternen.

John Dew inszeniert Fidelio am Volkstheater

Fidelio von Ludwig van Beethoven
Youtube Trailer Volkstheater Rostock
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Politische Machenschaften, künstlerische Freiheit, Wertediskussionen – was läge näher als nach mehr als 25 Jahren FIDELIO, Beethovens große Freiheitsoper, endlich einmal wieder auf die Rostocker Bühne zu bringen? Zumal nach jahrelanger Angebotsreduzierung tatsächlich nur noch große Titel zu laufen scheinen. Durch den über Jahrzehnte kultivierten Streit um das Theater statt dessen Inhalt scheint erst einmal musikalische Basisarbeit notwendig, bevor man sich wieder in Experimente stürzen kann. Operette und Musical versprechen aktuell eher eine Konsolidierung der Publikumszahlen als „schwere“ Werke der Opernliteratur. Dennoch gibt es ein eng dem Theater verbundenes, treues Publikum, das trotz jahrelanger, schrittweiser Entwöhnung mit Spannung der zweiten (und damit auch schon letzten) Opernneuproduktion der Saison entgegensah.

Volkstheater Rostock / Fidelio © Dorit Gaetjen

Volkstheater Rostock / Fidelio © Dorit Gaetjen

Vor dem Hintergrund einer überhohen Mauer, lediglich mit einem Schreibtisch als Requisite (was auffällig an Mannheim 2010 erinnert), inszeniert John Dew nach seinem Motto „Die Musik trägt das“. Extrem reduziert, den Sängern Freiraum für eigene Entfaltung und Rollenentwicklung gebend. Er verzichtet auf große Gesten und plakative Übertreibungen, auf aktuellen Bezug. – und damit auf eine eigene Geschichte. Es entsteht eine kammerspielartige Atmosphäre, die die Beziehungen zwischen Leonore – alias Fidelio, Marzelline, Rocco und Jaquino eher andeuten als neu ausleuchten. Lediglich Leonores und Roccos Wissen um den eingekerkerten Florestan vermitteln das ungute Gefühl, dass neben der Dreiecksbeziehung eine tiefere Bedeutung, ja, eine Gefahr für die oberflächlich heile Welt wie ein Damokles-Schwert über allen Beteiligten schwebt. Erst Don Pizarros Auftritt, eskortiert von bedrohlich-stummen Wachen, gibt dem Unheil ein Gesicht. Lauernd wie ein Panther, taktierend, böse zischend. Unausweichlich steuert die Geschichte auf die Kerkerszene zu, in der Leonore die Hinrichtung Florestans verhindert und mit Roccos Hilfe Don Pizarro überwältigt. Vor dem opulenten Schlussbild erklingt die Große Leonoren-Ouvertüre in einer unglaublich präzisen, ergreifenden Version und spannt den Bogen zur Schlussszene, in der die Liebespaare vereint sind, sich die Freunde in den Armen liegen und der BöseWicht vertrieben wird.

Einige Erklärungen bleibt die Regie schuldig – wieso zum Beispiel Marzelline wie Liotards Schokoladenmädchen aussieht, warum Pizarro Florestan so lange leiden lässt und Mitwisser riskiert oder weshalb Don Ferrando mit einem bürgerlichen Hofstaat, der für einen Ball statt für eine Gefängniskontrolle gekleidet ist, erscheint.

Das Herzstück dieser Produktion ist jedoch die Norddeutsche Philharmonie mit einer unglaublich überzeugenden Leistung unter ihrem neuen Kapellmeister Martin Hannus. Dieser holt aus dem Orchester einen sauber abgestimmten, durchsichtigen Klang heraus, was angesichts der akustischen Schwierigkeiten des Raumes kaum hoch genug eingeschätzt werden kann.

Volkstheater Rostock / Fidelio - hier : der Gefangenenchor © Dorit Gaetjen

Volkstheater Rostock / Fidelio – hier : der Gefangenenchor © Dorit Gaetjen

Maria Hilmes gibt als Gast ihr Rollendebüt als Fidelio mit feinfühligem Sopran. In ihrer Stimme klingen ihre Selbstzweifel, ob ihre Kraft für ihr Unterfangen reicht, ebenso wie ihre unerschütterliche Entschlossenheit, und dennoch fügt sie sich so nahtlos in die Orchestrierung, als wäre sie ein Teil von ihr. Katharina Kühns Mazelline ist geradlinig, impulsiv und wie immer ein Feuerwerk an Energie auf der Bühne. Leichtfüßig, fast beiläufig gestaltet sie nicht nur mit ihrer Stimme, sondern auch mit ihrer Körpersprache. Oliver Weidinger fühlt sich sichtlich wohl in der grundbösen Rolle des Don Pizarro. Mit hassverzerrten Mundwinkeln intoniert er sauber und gestaltet den Intriganten überzeugend, wenngleich auch allzu leise – zumindest für den Rang. Peter Lobert als Rocco, eine Hüne, beeindruckt mit gewaltigem, dennoch warmen Bass, den er zwar zu zügeln scheint, mitunter allerdings eine Spur zu laut im Verhältnis zum restlichen Ensemble. Kaum zu glauben, dass dieser Baum von einem Kerl im Kerker Hilfe von der zarten Leonore benötigt. James J. Kee ist ein gequälter, dennoch kämpferischer Florestan, auf dem Weg zum Heldentenor. Trotz einiger Ausspracheschwierigkeiten bleibt er ausgezeichnet textverständlich. Gast Václav Vallon, dem Rostocker Publikum bereits aus dem Liebestrank bekannt hätte etwas mehr Regie verdient, sein lyrischer Tenor gerät leider etwas in den Hintergrund. Grzegorz Sobczak als strahlender Minister überzeugt wie gewohnt mit stählernem Bariton.

Insgesamt eine großartige Gesangsleistung, die deutlich die Erwartungen an ein Haus Rostocker Größe übertrifft. Nachdem das Parkett mit stehenden Ovationen die Leistung seines Ensembles feierte, wurde im Foyer ausgiebig diskutiert.

Begeisterte Stimmen trafen auf Unverständnis, schon lange wurde in Rostock nicht mehr so intensiv und kontrovers eine Inszenierung seziert. Während die einen die mangelnde Regie bedauern, schwärmen  andere von der Dichte und Fokussiertheit. Beiden Argumentationen kann man folgen. In jedem Fall dürfte dieser Fidelio das Rostocker Konzertpublikum ebenso ansprechen wie Puristen mit modernen Regiearbeiten nichts anzufangen wissen. Und selbstverständlich richtet sich dieses Angebot auch und ganz besonders an Operneinsteiger. Ein Bild sollte man sich in jedem Fall machen. Denn selbst jene, die das Geschehen auf der Bühne nicht ergreift, werden von der Musik beseelt den Abend lange in Erinnerung behalten.

—| IOCO Kritik Volkstheater Rostock |—

Bayreuth, Bayreuther Festspiele 2018, Tristan und Isolde – Richard Wagner, IOCO Kritik, 27.08.2018

August 28, 2018 by  
Filed under Bayreuther Festspiele, Kritiken, Oper

Festspielhaus Bayreuth © Patrik Klein

Festspielhaus Bayreuth © Patrik Klein

Tristan und Isolde  –  Richard Wagner

–  Die Ohn-Macht der Liebe –

Von Hans-Günter Melchior

In Katharina Wagners ereignisreicher, höchst eindrucksvoller, ja streckenweise grandioser Inszenierung von Tristan und Isolde hat die Liebe keine Chance. Sie muss sich in einem technisch durchorganisierten Raum gegen eine Welt von Machthabern und Technokraten behaupten. Der unglückliche Ausgang ist von vornherein absehbar.

Schon der erste Aufzug: Tristans Schiff, auf dem dieser Isolde zu deren ausersehenen Ehemann König Marke (René Pape) führen soll: ein in vieldeutiger Dreiecksform gestaltetes Konstrukt aus von irritierenden Verstrebungen zusammengehaltenen Treppen, die entweder steil nach unten stürzen oder aufwärts strebend im Nichts enden.

Bayreuther Festspiele 2018 / Tristan und Isolde - hier : Tristans Schiff mit Brangäne, Tristan, Isolde, Kurwenal © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2018 / Tristan und Isolde – hier : Tristans Schiff mit Brangäne, Tristan, Isolde, Kurwenal © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Allsehender Gott  ins rücksichtslos Weltliche transponiert

Auch im zweiten Aufzug zeigt das symbolträchtig aufgezeichnete Dreieck die Richtung an: die Assoziation zum allsehenden Gott wird ins rücksichtslos Weltliche transponiert. Nicht etwa ein Gott waltet über der Liebe. Vielmehr die Staatsmacht, die das Liebesversteck zum Gefängnis denaturiert und von einer hoch im Bühnenraum rundlaufenden Galerie die Liebenden fest im Kamera-Blick behält, sich keine Bewegung entgehen lässt. Und dann brutal zugreift.

Auch hier wird das Technisch-Konstruktive als das Unentrinnbare zitiert, die politische Herrschaft hat es sich dienstbar gemacht: ringförmig verlaufende Röhren legen sich um Isolde (Petra Lang), sie ist eine Gefangene, Tristan (Stephen Gould) muss die Röhren auseinanderbiegen, um die Geliebte zu befreien. Kurwenal und Brangäne irren durch den weiten, nachtdunklen Raum, Gefahr aus allen Richtungen befürchtend. Allseitige Bedrohung von Anfang an – und kein Ausweg. Intimität und Alleinsein sind nichts als eine Illusion im technisch durchorganisierten Überwachungsstaat.
Und Dreiecke auch, ja insbesondere im dritten Aufzug. In ihnen vollziehen sich wie Zwangsvorstellungen die Schreckensvisionen und Fieberträume des tödlich verletzten Helden. In die Szenerie, die Tristan mit seinen Getreuen in die äußerste linke Ecke rückt und aus einem unendlichen Nachtschwarz wie eine pars-pro-toto-Darstellung (die zuweilen immer kleiner im riesigen Bühnenkosmos wird) herausgeschnitten ist, werden Dreiecke aus dem Schwarz herausdringend gleichsam eingezeichnet. In diesen projizieren Untergangsszenen die Verlustängste Tristans ins Bewusstsein der Zuschauer. Isolde ist in den geometrischen Konstruktionen gewissermaßen eingesperrt: bald sinkt sie wie geköpft in sich zusammen, bald löst sie sich geradezu auf und verschwindet.

Bayreuther Festspiele 2018 / Tristan und Isolde © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2018 / Tristan und Isolde © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

So ergreifend verdeutlicht und eindrucksvoll hat man den pathologischen Zustand des dem Tod geweihten Tristans noch nicht gesehen. Flirrender Wahnsinn, irrlichternde Phantasien, ausweglose Trostlosigkeit. Die Dreiecke, das Delta, die Dreieinigkeit –, ein magisches Zeichen, das alle Aufzüge beherrscht. Ein ins Allegorische transponierter Verweis vom Besonderen ins Allgemeine – und umgekehrt wiederum zurück vom Allgemeinen auf das Besondere, Menschliche, das Einzelschicksal, das für das Ganze steht.
Ein Verweis nur, aber keine Zauberformel der Befreiung. Den letzten Schutz versagend. Vergeblich das „Habet-Acht“ Brangänes (begeisternd Christa Mayer) im zweiten Aufzug. Vergeblich auch Tristans (Stephen Gould, im ersten Aufzug kraftvoll, kerniger Tenor) Aufbegehren gegen den Tod. Hier verlässt die Inszenierung bewusst und zur ihrem Vorteil die zuweilen allzu künstlich-kunstvoll ins Literarische und Mythische gesteigerte Textvorlage und schlägt sich auf die Seite des Menschlichen-Allzumenschlichen. Und sie zeigt die Abgründe auf, das kreatürliche Elend zweier Menschen, nicht zweier Götter.

Bayreuther Festspiele 2018 / Tristan und Isolde © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2018 / Tristan und Isolde © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

An Gründen zum Mitleiden mit zwei Menschen besteht kein Mangel:

Katharina Wagner macht aus dem Paar, das bei Wagner alllzu zauberisch Opfer einer Art von Gift, dem Liebestrank, also eines synthetisch vermittelten Rauschzustands ist, wahre, echt Liebende, die zum Mitfühlen und Mitgefühl auffordern. Demonstrativ gießen sie den sogenannten Liebestrank auf den Boden. Ein Bekenntnis zu einer Liebe, die keines Zaubertranks bedarf. Haben sie doch hierzu allen Anlass: Isolde hat Tristan von einer lebensgefährlichen Verwundung geheilt, die der von ihm getötete Morold, einst Isoldes Verlobter, ihm im Kampf zugefügt hatte. Ohne echte Liebe hätte es für diese Heilung an einem glaubwürdigen Motiv gefehlt.
– Im zweiten Aufzug schneiden sich die Liebenden aus Verzweiflung und der Ausweglosigkeit ihrer Situation bewusst die Pulsadern auf. Sie sind im Grunde bereits faktisch tot. Als gleichsam „Untote“ (eine mögliche Deutung?) und über ihre irdische Zeit hinaus untrennbar miteinander Verbundene agieren sie weiter und treiben ihrem Schicksal entgegen, indem sie ihre Geschichte einfach weitererzählen. Oder die Geschichte verselbständigt sich, erzählt sich von selbst zuende.

Das Aufregendste am Schluss: die Regie verweigert dem Paar die Vereinigung im Tod. Isolde darf nicht „entseelt“ über dem toten Geliebten zusammensinken. König Marke reißt vielmehr seine Gemahlin wie eine Sklavin, die er in seinen rechtmäßigen Besitz nimmt, von der Leiche des Geliebten weg und zieht sie brutal auf seine Seite, verlässt mit ihr die Bühne. Einem Teil des Publikums missfällt das offenbar. Dennoch ist es die logische Konsequenz einer höchst durchdachten, zuende gedachten Idee. Letztlich siegt die politische Macht über das Pathos, mit beherztem Zugriff macht Marke allen Gefühlen ein Ende und richtet die ins Wanken geratene alte Ordnung wieder ein.

Die glänzend führende Regie verlangt darstellerisch viel von den Protagonisten. Hingabe und Verzicht zugleich, Resignation und Begeisterung. Die sängerischen Anforderungen sind ohnehin enorm hoch.
Die Protagonisten sind den Anforderungen ausnahmslos gewachsen. Stephen Goulds kerniger Tenor überzeugt (im ersten Aufzug) ebenso wie der – dunkle und interessant etwas verschattete – Sopran der Petra Lang. Leider litt Stephen Gould zunehmend an einer Entzündung der Luftwege, die ihn im zweiten Aufzug bereits behinderte, im dritten Aufzug musste er sich stimmlich eines Ersatzes, Vincent Wolfsteiner, bedienen (der eine tadellose Leistung vollbrachte). Großartig René Pape als König Marke, ebenso wie Lain Paterson als Kurwenal. Faszinierend und berückend vor allen anderen die Brangäne der Christa Mayer, eine gesangliche Ausnahmeerscheinung.

Ein Ensemble, das höchste Ansprüche und Erwartungen erfüllte

Bayreuther Festspiele 2018 / Tristan und Isolde © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2018 / Tristan und Isolde © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Thielemann mit stilbildendem Wagner-Verständnis

Die Krone gebührt freilich dem Dirigenten Christian Thielemann, der das wunderbare Orchester zu höchsten Leistungen inspirierte. Wagners Partitur verlangt vom Dirigenten ein Äußerstes an Verständnis, Einfühlung und klanglicher Ausgewogenheit. Über weite Strecken beherrscht das Chromatische bis hin zum an die Moderne heranreichende, es vorbereitende Dissonanten das musikalische Geschehen (s. hierzu ausführlich: Theodor W. Adorno: Versuch über Wagner, Suhrkamp Taschenbuch, S. 62 ff). Thielemann gelingt es, alles Spröde und Akademisch-Hinweisende zu vermeiden. Hinreißend gelingen die lyrischen Passagen des zweiten Aufzugs. Wahre Farb- und Klangwunder, die geradezu ans Impressionistische gemahnen, das Wagner angeblich so zuwiderlief. Und erst die Steigerungen, wahre Aufgipfelungen der Expression, der Verzweiflung, im dritten Aufzug! Man muss an sich halten, nicht einzustimmen oder zu vergessen, dass man ein „Mensch unter Menschen ist“, also in der Menge sitzt und nicht einfach loslassen darf. Thielemanns Wagner-Verständnis setzt Maßstäbe. Es ist längst stilbildend. Und das Orchester versteht ihn, folgt ihm in jeder Nuance.

Am Ende die bekannten Beifallsstürme. Christian Thielemann hätten das Publikum freilich am liebsten auf den Schultern durchs Festspielhaus getragen. Der Rezensent wäre dabei gewesen.

—| IOCO Kritik Bayreuther Festspiele |—

Rostock, Volkstheater Rostock, Spielplan September 2018

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Volkstheater Rostock

 

 

Volkstheater Rostock © Dorit Gaetjen

Volkstheater Rostock © Dorit Gaetjen     


Spielplan September 2018


Sa. 01.09.2018           20:00 Uhr / Kleine Komödie Warnemünde / Gastspiel
Da Capo
Leipziger Pfeffermühle / Mit Burkhard Damrau und Dieter Richter


So. 02.09.2018           10:30 Uhr / Treffpunkt Friedenseiche am Steintor
Theaterhistorischer Stadtrundgang
Mit Ingrid und Angela Schlabinger

20:00 Uhr / Kleine Komödie Warnemünde / Gastspiel
Da Capo
Leipziger Pfeffermühle / Mit Burkhard Damrau und Dieter Richter


Di. 04.09.2018           17:30 + 20:00 Uhr / Kleine Komödie Warnemünde
Li.Wu. in Warnemünde
„Über Leben in Demmin“
Ro-cine e.V.


Fr. 07.09.2018           19:00 + 21:00 Uhr / Halle 207 + RSAG-Straßenbahnwerkstatt
Wandelkonzert zum großen Stadtjubiläum
Konzert der Festspiele MV
Nikolai Rimski-Korsakow: Scheherazade, 4. Satz
Astor Piazzolla: 4 Estaciones Porteñas
Richard Wagner: Ouvertüre zu „Der fliegende Holländer“ u. a.
Martynas Levickis, Akkordeon / Jarkko Riihimäki, Klavier
Leitung: Marcus Bosch
„Mercy Seat – Charly Hübners Winterreise“
Lesung mit Charly Hübner & Ensemble Resonanz


So. 09.09.2018           18:00 Uhr / Halle 207
Debütkonzert Tutti Orchester 800
„Die glorreichen Sieben“
Georges Bizet: Carmen-Ouvertüre
Wolfgang Amadeus Mozart: Papageno-Arie aus „Die Zauberflöte“
Edvard Grieg: „In der Halle des Bergkönigs“ aus „Peer Gynt“
Giacomo Puccini: „O mio babbino caro“ aus „Gianni Schicchi”
Pablo de Sarasate: Carmen-Fantasie
Johannes Brahms: Ungarischer Tanz Nr. 5
Elmer Bernstein: „Die glorreichen Sieben“
Katharina Kühn, Sopran / Grzegorz Sobczak, Bariton / Carolin Lindner, Violine /
Leitung: Marcus Bosch


Do. 13.09.2018           19:30 Uhr / Halle 207
Ein Abend mit dem Dresdner Kreuzchor
Konzert der Festspiele MV
Johann Sebastian Bach: Motette „Unser Leben ist ein Schatten“
Johann Schelle: Motette „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt“
Sven-David Sandström: „Es ist genug“
Giovanni Gabrieli: Motette „Jubilate Deo“
Felix Mendelssohn Bartholdy: „O Täler weit, o Höhen tief“ u. a.
Dresdner Kreuzchor / DoubleBeats, Percussion-Duo / Leitung: Roderich Kreile


Fr. 14.09.2018           19:30 Uhr / Halle 207
800 Jahre Rostock meets 15 Jahre Jazzclub Rostock
Rudolf Maza?‘ Jazz Bridge gemeinsam mit dem Syrian Expat Philharmonic Orchestra


So. 16.09.2018           11:00 Uhr / Großes Haus / Eintritt frei
Matinee zu „Der Liebestrank“
Einführung in die Oper von Gaetano Donizetti

11:00 Uhr / Ateliertheater / Gastspiel
Puppenatelier
Der gestiefelte Kater
Dorftheater Siemitz / Ab 4 Jahren

15:00 – 18:00 Uhr / Theatervorplatz + Großes Haus / Eintritt frei
Tag der offenen Tür
Mit
16:00 Uhr / Ateliertheater / Premiere
Steh auf, wenn du für Hansa bist
Von Jörg Menke-Peitzmeyer / Rostocker Fassung von Juri Sternburg / Ab 12 Jahren

18:00 Uhr / Großes Haus
Gala der Stiftung für Kultur und Theater
Rostocker Kulturpartner gemeinsam erleben – mit Ausschnitten aus aktuellen und zukünftigen Projekten, vereint auf der Großen Bühne des Volkstheaters

18:00 Uhr / Halle 207
1. Philharmonisches Konzert
Sergej Prokofjew: Symphonisches Konzert für Violoncello und Orchester e-Moll op. 125
Gustav Mahler: Symphonie Nr. 1 (1885 – 1888)
Camille Thomas, Violoncello / Leitung: Marcus Bosch


Mo. 17.09.2018           09:00 Uhr / Ateliertheater / Gastspiel
Puppenatelier
Der gestiefelte Kater
Dorftheater Siemitz / Ab 4 Jahren

19:30 Uhr / Halle 207
1. Philharmonisches Konzert Konzer
Sergej Prokofjew: Symphonisches Konzert für Violoncello und Orchester e-Moll op. 125
Gustav Mahler: Symphonie Nr. 1 (1885 – 1888)
Camille Thomas, Violoncello / Leitung: Marcus Bosch


Di. 18.09.2018           19:30 Uhr / Halle 207
1. Philharmonisches Konzert Konzer
Sergej Prokofjew: Symphonisches Konzert für Violoncello und Orchester e-Moll op. 125
Gustav Mahler: Symphonie Nr. 1 (1885 – 1888)
Camille Thomas, Violoncello / Leitung: Marcus Bosch


Mi. 19.09.2018           14:00 Uhr / Ship of Tolerance
Ganzgroßraus
Kinderstück von Anna Langhoff / Ab 7 Jahren

Do. 20.09.2018           20:00 Uhr / Kleine Komödie Warnemünde / Wiederaufnahme
Kleine Eheverbrechen
Komödie von Éric-Emmanuel Schmitt


Fr. 21.09.2018           20:00 Uhr / Kleine Komödie Warnemünde
Kleine Eheverbrechen
Komödie von Éric-Emmanuel Schmitt


Sa. 22.09.2018           20:00 Uhr / Kleine Komödie Warnemünde / Wiederaufnahme
Sechs Tanzstunden in sechs Wochen
Richard Alfieri


So. 23.09.2018           20:00 Uhr / Kleine Komödie Warnemünde
Sechs Tanzstunden in sechs Wochen
Richard Alfieri


Do. 27.09.2018           20:00 Uhr / Kleine Komödie Warnemünde / Wiederaufnahme
Besuch beim Alten
Schwarze Komödie von John McManus


Fr. 28.09.2018           19:30 Uhr / Großes Haus / Premiere
Der Liebestrank
Oper von Gaetano Donizetti

20:00 Uhr / Kleine Komödie Warnemünde
Besuch beim Alten
Schwarze Komödie von John McManus


Sa. 29.09.2018           19:30 Uhr / Großes Haus / Wiederaufnahme
Fame
Musical von David De Silva / Koproduktion mit dem Tanzland Rostock e.V.

20:00 Uhr / Kleine Komödie Warnemünde / Gastspiel
Tony Ireland
Scottish, Irish and contemporary folk


So. 30.09.2018           15:00 Uhr / Großes Haus
Der Liebestrank
Oper von Gaetano Donizetti

16:00 Uhr / Ateliertheater
Puppenatelier
Ratzenspatz
Nach dem Buch von Rudolf Herfurtner / Tandera Figurentheater / Ab 4 Jahren

20:00 Uhr / Kleine Komödie Warnemünde / Gastspiel
Rabenschwarzer Humor & Jazz vom Feinsten
Mit Dr. Klaus Koch und Andreas Pasternack

Stand: 18.07.2018
Änderungen vorbehalten!

—| Pressemeldung Volkstheater Rostock |–

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