Berlin, Deutsche Oper Berlin, Lady Macbeth von Mzensk, IOCO Kritik, 19.04.2018

April 21, 2018 by  
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Deutsche Oper Berlin

Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)

Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)

Lady Macbeth von Mzensk – Dmitri Schostakowitsch

“Warum bleib’ ich ohne Freude?
Warum nimmt man mir jedes Recht zu leben?”   

Von Karin Hasenstein

„Die Hölle auf Erden“

“Warum bleib’ ich ohne Freude? Warum nimmt man mir jedes Recht zu leben?”  fragt sich Katerina Lwowna Ismailova, die Titelheldin in Lady Macbeth von Mzensk, der zweiten Oper von Dmitri Schostakowitsch,

Die Parallele im Titel zu Verdis Oper Macbeth bzw. zur Lady Macbeth ist sicher nicht zufällig gewählt. Dennoch hüte man sich davor, die beiden Damen in eine Schublade zu stecken. Während Verdis Lady Macbeth tatsächlich eine grausame Gestalt ist, wird die sanfte Katerina erst als Opfer der Umstände zur Mörderin. Der Zuschauer identifiziert sich mit ihr und kann jede Gewalttat nachvollziehen. Die Deutsche Oper Berlin zeigt diese Oper in einer Koproduktion mit Den Norske Opera & Ballett, Oslo. Regisseur Ole Anders Tandberg geht bei seiner Inszenierung sehr eng von der Musik aus, was sich als erfreulich erweist. Das hindert ihn nicht daran, die Handlung in ein Fischerdorf auf eine kleine Insel zu verlegen, jedoch ist diese Welt völlig stimmig und schlüssig durchinszeniert. So stellt sich der Wohlstand des Kaufmanns Sinowij Ismailov nicht durch reich gefüllte Kornspeicher dar, sondern durch üppige Fischfänge.

Deutsche Oper Berlin / Lady Macbeth von Mzensk - hier : Evelyn Herlitzius als Katerina Ismailowa © Marcus Lieberenz

Deutsche Oper Berlin / Lady Macbeth von Mzensk – hier : Evelyn Herlitzius als Katerina Ismailowa © Marcus Lieberenz

Bühnenbilder Erlend Birkeland hat sich dabei klar von der norwegischen Landschaft inspirieren lassen und eine Szene erschaffen, die in ihrer Verlassenheit und Trostlosigkeit ebenso gut in den Weiten Russlands liegen könnte. Überhaupt nutzt Tandbergs Inszenierung sehr stark Symbole. Das auffälligste ist wohl die Banda, eine Blaskapelle, die immer an besonders dramatischen Schlüsselszenen auftritt und dabei oft ausgesprochen grotesk wirkt, nicht zuletzt wegen der Tatsache, dass sich die vermeintlichen Damen bei näherem Hinsehen als Herren entpuppen. Ein weiteres sind die Fische, die anstelle von Kornsäcken gehortet werden. An dieser Stelle ein Kompliment an die Werkstätten der DOB für die wunderbar naturgetreuen Fischmodelle, fast glaubt man, den Fischgeruch wahrzunehmen… Im letzten Akt ist es die kahle Insel, die mit ihren nackten Felsen für die Verlorenheit und Ausweglosigkeit der Menschen steht.

I.  Akt: Katerina, die junge Frau des reichen Kaufmanns Sinowij Ismailov, beklagt die Leere in ihrem einsamen, langweiligen Leben: “Ich sterbe noch vor Langeweile…” Ihr Schwiegervater Boris gibt ihr die Schuld an der Kinderlosigkeit der Ehe und klagt sie an, weil sie ihm keinen Erben schenkt. Auf der mit einer kleinen Felseninsel bedeckten Drehbühne stimmt der Chor ein Klagelied an. Katerinas Ehemann wird als Trottel bezeichnet und von der Regie in Kostümierung (Kostüme: Maria Geber) und Personenführung konsequent so dargestellt. Boris schickt seinen Sohn zu einem entfernten Lagerhaus, die Arbeiter singen, Katerina soll ihm treu sein, doch tatsächlich weint sie ihm keine Träne nach, da sie in dieser Ehe keine Erfüllung findet.

Deutsche Oper Berlin / Lady Macbeth von Mzensk - hier : Ensemble © Marcus Lieberenz

Deutsche Oper Berlin / Lady Macbeth von Mzensk – hier : Ensemble © Marcus Lieberenz

Es folgt eine beklemmend intensiv dargestellte Vergewaltigungsszene, in der sich Köchin Aksinja gegen die Übermacht der geilen Arbeiter wehren muss, aber kaum eine Chance gegen die zahlreichen körperlich überlegenen Männer hat. Katerina tritt hinzu und erlöst Aksinja nach quälenden Minuten voller obszöner Beleidigungen und Demütigungen. Boris taucht auf und schickt alle wieder an die Arbeit. Katerina sehnt sich nach Zärtlichkeit und körperlicher Liebe: “Alles paart sich: der Hengst läuft der Stute nach… wer aber kommt denn jemals zu mir? Wer liebt mich, bis ich vor Erschöpfung nicht mehr kann?”

Erfüllung naht in Gestalt des neuen Arbeiters Sergej. Auf die leisen Streicher und die sehnsuchtsvolle Klarinette folgt eine krude Beischlafs-Musik, die bereits das Gewalt-Motiv vorstellt und dem Hörer verdeutlicht, dass dieses für Katerina wohl nicht der Weg zum Glück ist. Hier taucht zum ersten Mal die schräge Banda auf, eine ekstatische Musik mit viel Blech und dem für Schostakowitsch so typischen Schlagwerk. Figuren und Musik machen sich lustig über den gehörnten Ehemann, der – kaum aus dem Haus – von seiner Frau betrogen wird, die dem Fremden schenkt, was sie ihrem Mann verwehrt.

II. Akt: Boris schleicht um Katerinas Schlafzimmer herum. Er erinnert sich seiner Jugend und verspricht “Heiße Nächte würde ich dir machen!“ In diesem Walzer fühlt man sich unwillkürlich an den Ochs aus dem Rosenkavalier erinnert, der in der Arie “Mit mir, mit mir… keine Nacht dir zu lang!“ dem Mariandl Ähnliches verspricht. Boris entdeckt, dass Sergej bei Katerina war. Eigentlich wollte er an Katerina erfüllen, was seinem Sohn bisher nicht gelang. Als er entdeckt, dass er zu spät kommt, lässt er Sergej brutal auspeitschen und im Keller einsperren. Auch diese Gewaltszene wird wieder sehr drastisch und detailliert dargestellt, musikalisch illustriert durch Xylophon und Schlagwerk im Rhythmus der Peitschenschläge.

Nun greift auch Katerina zu drastischen Mitteln: sie mischt ihrem Schwiegervater Rattengift unter das Pilzgericht, um Boris den Schlüssel abzunehmen und Sergej zu befreien. Boris fühlt sein letztes Stündlein kommen, man holt den Popen, doch ehe Boris beichten kann, hat das Rattengift seine Wirkung entfaltet. Katerina lenkt den Popen ab und klagt, wer nun für sie sorgen werde. Zur Totenmesse und dem Gebet für Boris’ Seele tritt Banda auf;  lautes schräges Blech führt die ganze Situation ad absurdum.

Katerina schlägt ihr Lager neben Sergejs auf und verspricht, ihn zu heiraten. Aber sie weiß auch “Bald ist unsere letzte Liebesnacht”, denn auch wenn der Schwiegervater beseitigt ist, so weiß sie, dass ihr Mann bald zurückkehren wird. Nun tritt Boris’ Geist auf und verflucht Katerina, seine Mörderin. Sinowij kehrt zurück und wird ebenfalls ermordet. Zu ruhiger Moll-Harmonik küssen sich die Liebenden über der Leiche und Katerina beruhigt Sergej “Jetzt bist du mein Mann!“

III Akt: Hochzeitstag. Der Schäbige, auf der Suche nach Alkohol, riecht den Wodka und findet die Leiche. “Mord! Polizei!” ruft er und wieder wird die Szene untermalt von der Banda. Man schwankt zwischen Faszination und dem Gedanken “Nein, nicht die schon wieder!” Zum komischen Moment an diesem so ernsten Abend wird der Auftritt der Polizei; vor dem Vorhang dargestellt vom Herrenchor in norwegischen Polizei-Uniformen; mit Bügelbrett und Bügeleisen bewaffnet vermitteln sie – hier herrscht Ordnung! – genau das vermittelt die Nummer “Ordnung schafft die Polizei!” Dumm nur, dass man vergessen hat, den Polizeichef zur Hochzeitsfeier einzuladen! So rückt die Polizei eben uneingeladen an, um der Anzeige des Schäbigen auf den Grund zu gehen.

Die Inszenierung der Hochzeitsfeier spielt wird einmal mehr mit Klischees; Wodka fließt in Strömen, wird gar aus Wasserkanistern “genossen”. Katerina versucht noch, Sergej zur Flucht zu überreden, jedoch es ist zu spät und sie werden festgenommen. Auch diese Szene wird von der Banda kommentiert. Um die wahren Machtverhältnisse noch einmal zu demonstrieren, wird Katerina im Brautkleid vom Polizeichef vergewaltigt.

IV. Akt:  Das kleine Haus auf der Insel ist verschwunden, wir befinden uns in einem Gefangenlager. Sergej und Katerina sind auf dem Weg in die Verbannung. Der Chor beschreibt die Strapazen des Weges: “Wer hat die Meilen gezählt?” Trauer und Hoffnungslosigkeit in der Musik werden durch eindringliche Bilder auf der Bühne, abgerissene, schmutzige gebrochene Menschen, zum Teil in Unterwäsche, und sensibel eingesetztes Licht, unterstrichen. Die Gefangenen haben jede Hoffnung verloren. Es wird jedoch nicht nur das Einzelschicksal Katerinas und Sergejs beschrieben; das ganze Volk wird durch die Darstellung der zur Zwangsarbeit Verurteilten angesprochen.

Katerina liebt Sergej noch immer. Sie besticht eine Wache, damit sie zu ihm gelangen kann. Dieser klagt sie jedoch an “Du hast mein Leben zerstört!” Er hat inzwischen eine andere Geliebte und bittet Katerina um ihre warmen Strümpfe für Sonjetka. Katerina gibt sie ihm aus Liebe und muss schließlich eine Liebeszene zwischen Sergej und Sonjetka mit ansehen. Das harte Gegenlicht unterstreicht die Kälte, mit der Sergej handelt. Der Chor stimmt ein Klagelied an Irgendwo im Wald liegt ein See. Das Wasser ist so schwer wie ihr Gewissen.“ Katerina muss erkennen, dass Sergej sie nicht mehr liebt; sie verhöhnt. Während die Gefangenen weiterziehen, erwürgt Katarina Sonjetka, reißt sie mit in die Tiefe, beide ertrinken. Ein Klagelied erklingt, da capo.

Der Stoff, den Schostakowitsch hier vertont hat, ist schwere Kost. Die Orchestrierung ist, typisch für Schostakowitsch, stark in den Holzbläsern besetzt, aber auch das schwere Blech setzt starke Akzente. Mit großem Schlagwerk vermittelt sich die Brutalität der Handlung durch eindringliche Rhythmen und große Dynamik.

Deutsche Oper Berlin / Lady Macbeth von Mzensk- hier: Katerina und der Schäbige © Marcus Lieberenz

Deutsche Oper Berlin / Lady Macbeth von Mzensk- hier: Katerina und der Schäbige © Marcus Lieberenz

Donald Runnicles führt das Orchester der Deutschen Oper souverän durch den Abend. Er präsentiert sich einmal mehr als erfahrener Begleiter für die Solisten mit sängerfreundlicher Dynamik und perfekten Tempi. Der Chor sowie die Herren des Extrachores (Einstudierung Jeremy Bines) beeindrucken mit deutlicher Diktion und sauberen Wegnahmen und folgen Runnicles‘ Dirigat präzise. Insbesondere im letzten Akt besticht der Chor durch flexible Dynamik und vermittelt mit großem Ausdruck die Hoffnungslosigkeit der Gefangenen auf ihrem Weg in die Verbannung.

Bei den Solisten sei voran Evelyn Herlitzius als Katerina erwähnt. Die als Strauss-Interpretin bekannte Sopranistin verfügt über einen jugendlich-dramatischen Sopran, der wunderbar zur Rolle der Katerina passt. Im ersten Akt noch mit etwas viel Metall in den Höhen wird ihre Interpretation in den folgenden Akten immer überzeugender und ergreifender. Hinzu kommen ihre starke Bühnenpräsenz und große Glaubwürdigkeit, mit der sie die verzweifelte und zerrissene Persönlichkeit verkörpert. Sergey Poljakow ist ihr ebenbürtiger Partner, der die Rolle des Sergej überzeugend und mit tenoraler Strahlkraft ausfüllt.

Wolfgang Bankls kraftvoller Bass passt gut zur Rolle des plumpen und brutalen Boris. Bankl scheut sich auch nicht vor “schmutzigen” Tönen, die es aber braucht, um diesen Charakter glaubhaft darzustellen. Sehr beeindruckend auch die Szene als Geist, dessen Auftritt fast ein wenig an die Szene des Komturs in Don Giovanni erinnert. Ensemblemitglied Thomas Blondelle gibt den gehörnten Ehemann Sinowij mit lyrischem Tenor und verleiht ihm so viel Tragik, dass er einem fast schon leid tut. Ist es auch eine relativ kleine Rolle, so legt er doch viel Begeisterung hinein und überzeugt das Publikum durch große Spielfreude. Burkhard Ulrich hat als Schäbiger einen kurzen aber eindrucksvollen Auftritt und überzeugt als fieser Verräter. Die Rolle der Sonjetka ist mit der Walter-Sandvoss-Stipendiatin Vasilisa Berzhanskaya perfekt besetzt.

Alles in allem wurde an diesem Abend eine großartige Ensembleleistung präsentiert, die vom begeisterten Publikum mit anhaltendem Applaus und zahlreichen Bravi entsprechend gewürdigt wurde. Die Intensität, mit der vor allem Herlitzius und Poljakow agierten, wirkte lange nach. Ein doppelter Wodka – wie in der Vorstellung – schien auch nach der Vorstellung wahrhaft angebracht.

—| IOCO Kritik Deutsche Oper Berlin |—

Wien, Theater an der Wien, Der Ring – In ungewohnter Gestaltung, IOCO Kritik, 09.01.2018

Januar 9, 2018 by  
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Theater an der Wien

Theater an der Wien / Linke Wienzeile © IOCO

Theater an der Wien / Linke Wienzeile © IOCO

Neuartige Ring-Trilogie:    Hagen – Siegfried –  Brünnhilde

Ohne Götter – Ohne Feuerzauber – Ohne Walkürenritt

Von Marcus Haimerl

Im Theater an der Wien wurde, im wahrsten Sinne des Wortes, ein neuer Ring geschmiedet. Richard Wagners Ring des Nibelungen wurde auf drei aufeinander folgende Abende gekürzt, verbliebene Szenen völlig neu zusammengesetzt. Die Schöpfer dieser Ring Fassung – nach Richard Wagner – sind Tatjana Gürbaca (Inszenierung),  Constantin Trinks (musikalische Leitung)  und Bettina Auer (Dramaturgie.  Das Bühnenbild stammt von Henrik Ahr.

Die Idee: nachzuspüren wie es zur Ermordung Siegfrieds kam. Die Spurensuche erfolgt aus der Sicht der drei Beteiligten: Hagen dem Mörder, Siegfried dem Opfer und Brünnhilde der Initiatorin des Mordes.  Ausgehend vom Mord an Siegfried, welcher an jedem der drei Abende zu Beginn der Oper steht, kehrt man zurück in der Erinnerung dieser drei handelnden Personen und hört damit auch Musik aus jeweils zwei Werken des Rings. In Hagen ist dies Götterdämmerung und Rheingold, in Siegfried ist es die Walküre und Siegfried und in Brünnhilde Walküre und Götterdämmerung.

 Theater an der Wien / Ring - Trilogie nach Richard Wagner - hier vl Mirella Hagen - Woglinde, Ann-Beth Solvang - Flosshilde, Raehann Bryce- Davis - Wellgunde, hinten Martin Winkler als Alberich, Niklas Schönhofer als Hagen © Herwig Prammer

Theater an der Wien / Ring – Trilogie nach Richard Wagner – hier vl Mirella Hagen – Woglinde, Ann-Beth Solvang – Flosshilde, Raehann Bryce- Davis – Wellgunde, hinten Martin Winkler als Alberich, Niklas Schönhofer als Hagen © Herwig Prammer

Erster Abend –  Hagen

Ausgehend von Siegfrieds Ermordung kehrt die Handlung zurück an den Beginn von Rheingold. Der kleine Hagen (hier wurde seine Geburt wohl vorverlegt) wird Zeuge der Demütigungen Alberichs in einem Schlammbecken durch die Rheintöchter, in dieser Produktion Prostituierte. Alberich stiehlt das Rheingold. Da es auch kein Walhall, keine Götter oder Riesen gibt, tauchen auch gleich Wotan und Loge in Nibelheim auf. Mit dem Tarnhelm (zwei Kuhhörner) verwandelt er sich in einem Riesenwurm. Hier helfen die als Nibelungen verkleideten Rheintöchter und vollführen gemeinsam mit Alberich eine Stellung, die dem Kamasutra entnommen scheint. Bei der Verwandlung zur Kröte lässt Alberich einfach die Hosen runter und wackelt ein wenig mit dem Gesäß, ein Zusammenhang mit einer Kröte lässt sich hier nicht finden. Da Wotan in seinem Anzug und Auftreten einem Mafioso ähnelt, wird Alberich dann sogleich brutal gefoltert um an den Ring zu gelangen (hier handelt es sich um einen Schlagring) wird kurzerhand Alberichs Arm abgesägt. Schließlich geht es wieder zurück in die Götterdämmerung. Hagen bereitet den Mannen-Chor, offensichtlich Schuljungen in kurzen Hosen, die ständig dumm über die Bühne zappeln, auf die Rückkehr Gunters und Siegfrieds vor. Der erste Abend endet schließlich mit dem zweiten Akt der Götterdämmerung.

Theater an der Wien / Ring - Trilogie nach Richard Wagner - hier Daniel Brenna als Siegfried erschlaegt Mime (Marcel Beekman) © Herwig Prammer

Theater an der Wien / Ring – Trilogie nach Richard Wagner – hier Daniel Brenna als Siegfried erschlaegt Mime (Marcel Beekman) © Herwig Prammer

Zweiter Abend –  Siegfried

Nach der Szene von Siegfrieds Ermordung setzt die Handlung beim ersten Akt Siegfried ein. Wenn Siegfried nach seiner Herkunft fragt, wechselt die Szene zum ersten Akt der Walküre. Hundings Hütte sieht ein wenig nach Neubauwohnung aus, eine Esche sucht man hier vergebens. Vermutlich deshalb, weil Sieglinde erst bei ihrer Erzählung Notung das Brotmesser in das Sofa stößt. Schließlich muss der Zuseher Siegfried noch mitansehen, wie sein Vater Siegmund im Kampf Brotmesser gegen Hundings Holzkeule schließlich von Wotans Speer gefällt wird. Nun kehrt man zurück zur Handlung von Siegfried. Dieser klebt das Brotmesser mit Klebeband zusammen und gemeinsam mit Mime macht er sich zu Fafners Höhle auf, wo auch schon der Waldvogel, eine Obdachlose mit Plastiksäcken auf beide wartet. Fafner, er sieht ebenfalls wie ein betrunkener Obdachloser mit Kuhhörnern am Kopf aus, wird schließlich von Siegfried getötet. Nachdem er sich auch Mimes entledigt hat, trifft sich Siegfried mit Wotan am Picknicktisch, wo ein Modell des Bühnenbilds verbrannt wird, bevor sich Siegfried aufmacht Brünnhilde zu erwecken. Mit dem Finale Siegfried endet auch der zweite Abend.

Theater an der Wien / Ring - Trilogie nach Richard Wagner - hier Daniel Brenna als Siegfried und Brünnhilde © Herwig Prammer

Theater an der Wien / Ring – Trilogie nach Richard Wagner – hier Daniel Brenna als Siegfried und Brünnhilde © Herwig Prammer

Dritter Abend – Brünnhilde

Der dritte Abend beginnt, nach Siegfrieds Ermordung, mit Wotans Abschied von seiner Lieblingstochter Brünnhilde. Auf den Feuerzauber muss man jedoch hier verzichten. Als Übergang zurück zur Götterdämmerung hört man das Vor- und Zwischenspiel. Nachdem Waltraute ihre Schwester warnen konnte, ist auch schon Gunter/Siegfried zur Stelle um Brünnhilde abzuholen. Schließlich erlebt man erneut die Ankunft Gunters und Brünnhildens in der Gibichungenhalle. Der dritte Abend endet schließlich mit dem kompletten dritten Akt der Götterdämmerung. Das vorherrschende Bühnenbild an allen drei Abenden war ein trapezförmiger Kubus in der Mitte der Bühne. Hier wird der erschlagene Siegfried auf einem Seziertisch aufgebahrt, Wotan wird im Rollstuhl hineingeschoben und Gutrune, die Rheintöchter und Brünnhilde versammeln sich. Anstatt des finalen Weltenbrandes dreht sich der Kubus schließlich in die Bühnentiefe und der kleine Hagen und das Mädchen Brünnhilde reichen einander in einem Goldregen die Hand.

Die Idee und das Konzept zu diesem gekürzten und neugestaltetem Ring des Nibelungen auch im Hinblick auf kleinere Theater kann man durchaus als gelungen bezeichnen. Allerdings, wer den Ring nicht kennt, wird Schwierigkeiten haben der Handlung zu folgen und dem Kenner wird sich hier auch nichts Neues erschließen.

Die Regie von Tatjana Gürbaca bedient sich in der Klamottenkiste des Regietheaters. Es finden sich hier immer wieder Zitate aus anderen Regiearbeiten. Dafür wurde bei der Entwicklung der Personen gespart. Vor allem Siegfried bleibt bis zu seinem Tod ein dummer, naiver Junge. Wenn sich aber Brünnhilde während ihres Schlussgesanges, kurz vor dem nicht stattfindenden Weltenbrand, berührend von Wotan verabschiedet, einer Umkehr von Wotans Abschied aus Brünnhilde also, werden auch intensive und berührende Momente dieser Regiearbeit sichtbar.

Theater an der Wien / Ring - Trilogie - hier Brünnhilde nach Richard Wagner © Herwig Prammer

Theater an der Wien / Ring – Trilogie – hier Brünnhilde nach Richard Wagner © Herwig Prammer

Auch für die Sänger ist diese Produktion kein leichtes Unterfangen. Ingela Brimberg steht als Brünnhilde an allen drei aufeinanderfolgenden Abenden auf der Bühne und Daniel Brenna hat innerhalb von 24 Stunden sowohl Jung-Siegfried als auch den Götterdämmerungs-Siegfried zu singen. Trotz dieser Herausforderungen meistern beide ihre Partien tadellos. Ingela Brimberg kann mit ihrem kraftvollen, höhensicheren Sopran als Brünnhilde überzeugen.

Die Neufassung dieses Rings, die weitgehend auf Götter und Riesen verzichtet, macht Wotan leider nur zu einer Randfigur. Umso beeindruckender, was der griechische Bariton Aris Argiris aus dieser Rolle herausholt. Vor allem in seiner großen Abschiedsszene mit Brünnhilde  singt er mit großem, kräftigen Bariton einen intensiven und unglaublich berührenden, sehr eindrucksvollen Göttervater mit sehr schöner Diktion. Eine phänomenale Leistung auch der Alberich Martin Winklers. Er gibt alles und geht an  stimmliche Grenzen um den Alben glaubhaft zu verkörpern.

Samuel Youn ist ein durchaus beeindruckender Wagner-Bass und singt einen dämonischen Hagen, wie man ihn eher selten zu hören bekommt. Marcel Beekman singt Mime beinahe zu schön und Michael J. Scott als quirliger, hinterhältiger Loge ist eine Klasse für sich. Der junge isländische Bariton Kristján Jóhannesson verfügt über einen starken, durchsetzungsfähigen Bariton und ist ein beeindruckender Gunter. Daniel Johansson singt einen erstklassigen Siegmund ohne Mühe, Liene Kinca war sowohl als Gutrune als auch als Sieglinde zu erleben und meisterte die beiden Partien nahezu problemlos. Als Hunding war Stefan Kocan zu erleben. Krankheitsbedingt stellte der slowakische Bass die Partie auf der Bühne dar, den Gesang übernahm Samuel Youn bravourös, der diese Partie am selben Tag noch einstudiert hatte. Als Rheintöchter agierten Mirella Hagen, Raehann Bryce-Davis und Ann-Beth Solvang. Mirella Hagen war auch als Waldvogel und Ann-Beth Solvang als Waltraute zu erleben. Constantin Trinks trieb, als erfahrener Wagner-Dirigent, das ORF Radio-Symphonieorchester Wien zu  Höchstleistungen an.

Am Ende jedes Abends standen ungeteilter Jubel seitens des Publikums für das Ensemble. Die Umformung von Richard Wagners gewohnt bekanntem Ring des Nibelungen in die andersartige Wiener Ring-Trilogie „nach Richard Wagner“ ist ein in vielen Facetten unerwartetes wie forderndes Abenteuer, auf welche sich der Besucher einstellen muß.

Düsseldorf, Deutsche Oper am Rhein, Trauer um Bruce Rankin, IOCO Aktuell, 15.12.2017

Dezember 20, 2017 by  
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Deutsche Oper am Rhein

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel - www.foto-drama.de

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel – www.foto-drama.de

 Deutsche Oper am Rhein:  Trauer um Bruce Rankin

Die Deutsche Oper am Rhein trauert um ihr langjähriges Ensemblemitglied, den britischen Tenor Bruce Rankin. In der kommenden Spielzeit hätte er sein 20jähriges Jubiläum im Ensemble des Düsseldorf-Duisburger Hauses gefeiert. Bruce Rankin starb am 11.Dezember 2017 im Alter von 65 Jahren.

Bruce Rankin begann 1986 mit den in England so üblichen „reisenden Operngesellschaften“ seine Opernkarriere als Tenor. Es folgten Engagements an der Wales Opera, der Opera Scotland und der Opera Holland Park.

Nach diesen Engagements an britischen Opernhäusern und 1995  am Theater Bremen kam Bruce Rankin 1998 an die Deutsche Oper am Rhein und wurde in den ersten Spielzeiten durch Partien wie Pinkerton in Puccinis Madama Butterfly, Edgardo in Donizettis Lucia di Lammermoor  oder als Lucio Silla in der gleichnamigen Mozart-Oper bekannt. In den letzten Jahren entwickelte er sich zu einem großartigen Charaktertenor und zeigte ein besonderes Talent für skurrile Figuren, denen er ein unverwechselbares Profil gab. Zuletzt begeisterte er in der tragikomischen Rolle des Fürsten Basil Basilowitsch in Lehárs Der Graf von Luxemburg.

Deutsche Oper am Rhein / In Memoriam Bruce Rankin, hier als Valzacchi im Rosenkavalier der Rheinoper © Matthias Jung

Deutsche Oper am Rhein / In Memoriam Bruce Rankin, hier als Valzacchi im Rosenkavalier der Rheinoper © Matthias Jung

Bruce Rankin starb am 11. Dezember 2017in Düsseldorf im Alter von  65 Jahren. „Der plötzliche Tod von Bruce Rankin trifft uns tief im Herzen “, sagt Generalintendant Christoph Meyer. „Wir verlieren einen großartigen Künstler und einen außergewöhnlich beliebten und geschätzten Kollegen, der mit seiner absoluten Professionalität, seiner großen Sensibilität und seinem feinen britischen Humor stets für eine positive Stimmung im Haus gesorgt hat. Er wird uns sehr fehlen.“

—| IOCO Aktuell Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf |—

München, Residenztheater, Mauser von Heiner Müller, IOCO Kritik, 02.12.2017

Dezember 2, 2017 by  
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Residenztheater München

Residenztheater München © Matthias Horn

Residenztheater München © Matthias Horn

 Mauser von Heiner Müller

„Die Menschwerdung des Menschen“

 Von Hans-Günter Melchior

Vielleicht geht es Ihnen ähnlich: Sie besuchen ein Stück, das und dessen Autor Sie einigermaßen zu kennen glauben und dem Sie sich gewachsen fühlen. Und dann geraten Sie in ein Minenfeld von Theorien und Meinungen, von formalen Besonderheiten und Experimenten und es wird ein richtig schwieriger Abend, aus dem Sie nur schwer einen Weg hinaus in eine rationale Erklärung finden.

So kann es Ihnen bei dem Stück Mauser von Heiner Müller in der Inszenierung Oliver Frljic´s im Marstalltheater in München widerfahren.

Ein Lehrstück? Vielleicht. Vielleicht auch nur ein Stück zum Nachdenken, das sein aggressives Lehr- und Lernziel, sofern es eines hat, verfehlt. Weil es an Selbstzweifeln leidet. Weil es zwischen Revolution und Evolution schwankt und sich unter diesem großen Fragezeichen duckt. Und damit die Frage offen lässt.

Residenztheater München / Mauser von Heiner Mueller - hier vl Christian Erdt, Nora Buzalka, Franz Paetzold, Alfred Kleinheinz, Marcel Heupermann © Konrad Fersterer

Residenztheater München / Mauser von Heiner Mueller – hier vl Christian Erdt, Nora Buzalka, Franz Paetzold, Alfred Kleinheinz, Marcel Heupermann © Konrad Fersterer

Es handelt vom russischen Bürgerkrieg, der mit der Oktoberrevolution von 1917 begann und mit der Gründung der Sowjetunion 1922 endete. Mauser oder einfach A muss sich vor einem Revolutionstribunal verantworten, weil ihm das Töten zum Selbstzweck wurde, für ihn eine „Arbeit wie jede andere“ ist, die sich vom revolutionären Ziel gelöst hat. Es wird ihm (von einem Chor) angesonnen, geradezu einsichtig in seine Hinrichtung einzuwilligen.

Aber er, der seinen Vorgänger B exekutierte, weil dieser aus Mitleid konterrevolutionäre Bauern laufen ließ, will leben. Er pocht darauf, ein Mensch zu sein. „Ein Mensch – Was ist das?“ fragt widerständig das Stück. Steht der Mensch am Ende der Revolution als dessen Ergebnis? Oder wird er von der Revolution als Humanwesen geopfert? Und: ist dieses Opfer also sinnlos, weil am Ende der Revolution nichts weiter als die Revolution selbst steht, die sich zum einzigen Ziel des Kampfes gemacht hat? Kann man Humanität durch Inhumanität, durch Terror erkämpfen? Heiligt der Zweck die Mittel und bleibt letztlich der Zweck in den Mitteln stecken? Ein Fragengebirge, das den frommen Himmel ideologischer Selbstgewissheiten kratzt.

„Das Gras müssen wir ausreißen, damit es grün bleibt“, heißt es mehrfach im Stück. An diesem inneren Widerspruch leidet die revolutionäre Theorie. Denn durch das Ausreißen verdorrt gerade erst das Gras.

Brecht fand in seinem Stück Die Maßnahme noch eine eindeutige Antwort: der echte Revolutionär stimmt bedingungslos seiner Hinrichtung zu, weil er gegen seinen revolutionären Auftrag verstoßen hat. Heiner Müller zögert hingegen mit der Antwort…

Residenztheater München / Mauser von Heiner Mueller - hier Alfred Kleinheinz © Konrad Fersterer

Residenztheater München / Mauser von Heiner Mueller – hier Alfred Kleinheinz © Konrad Fersterer

In der Regie von Oliver Frljic´ überwiegen indessen die implizierten formalen Elemente des Stücks. Ziel, so Müller in Anlehnung an Brecht, ist es nicht, die Zuschauer zu belehren, diese sind grundsätzlich sogar entbehrlich. Vielmehr sind es die Schauspieler selbst (und im Wesentlichen allein diese), die im Vollzug des Spielereignisses aus dem Stück Erkenntnisse gewinnen. Dieser Absicht dient auch der Umstand, dass die Rollen ständig wechseln. Jeder Schauspieler schlüpft gleichsam im Wechsel in die Rolle eines anderen, um aus der Perspektive des Anderen zusätzlichen Erkenntnisgewinn zu erzielen.

Sofern Zuschauer sich eingefunden haben, zwingt dies freilich zu den erkenntnisvermittelnden Aktionen des sogenannten performativen Theaters. Konkret heißt das, dass Interaktionen zwischen Zuschauern und Schauspielern stattfinden. Die Schauspieler verlassen den künstlerischen Sakralraum der Bühne und wenden sich direkt an einzelne Zuschauer, mit denen sie zumindest symbolisch interagieren. Während auf bzw. hinter Bühne das überdimensionale Gesicht Heiner Müllers (ein bekanntes Foto) mit der obligatorischen Zigarre das Geschehen beobachtet. Auf der Bühne selbst befindet sich außer einigen Utensilien aus der proletarischen Romantik, z.B. ein Holzpflug, nur eine gelegentlich hereingefahrene Pritsche, auf der „lebendige“ oder zum Leben erweckte Leichen liegen und zu spielen anfangen.

Mauser von Heiner Müller: Weitere Vorstellungen
Marstall – 11.12.2017 – 12.01.2018

In mehr als der Hälfte des Stücks sind die Schauspieler (allesamt großartig und bewundernswert virtuos, sowohl in ihren körperlichen wie auch sprachlichen Aktionen: Nora Buzalka; Christian Erdt; Marcel Heupermann; Alfred Kleinheinz und Franz Pätzold) völlig nackt. Dieser Umstand soll den Lernaspekt, dem sich die Schauspieler (und nicht, wie gesagt, die Zuschauer) unterwerfen verdeutlichen: die Belehrung vermittelt sich nämlich nicht nur unter sprachlichen und argumentativen Gesichtspunkten, sondern vor allem auch in körperlichen Erfahrungen. Wobei die körperliche Erfahrung durchaus eine gewisse Eigenständigkeit behauptet und quer zur Ideologie steht. So ist auch das exzessive Holzhacken zu verstehen, dem sich die Darsteller mit sichtbarer Anstrengung unterziehen. Der Regisseur hierzu im Interview, das im Programmheft abgedruckt ist: „Vielleicht kann man den Kampf der Körper gegen die Ideologien auch als Kampf der Körper mit dem Text beschreiben, also zwischen den Bedeutungen, die vom Text erzeugt, und den Bedeutungen, die die Körper erzeugen.“ Und weiter: „Indem sich die Körper nicht mehr dem Text unterwerfen, behauptet das Theater eine gewisse Autonomie oder Eigenwertigkeit, weil es sich einer zu gängigen, zu einfachen Lesbarkeit wiedersetzt.“ Dabei ist Frljic´ im Gegensatz zu Müller der Auffassung, dass der nackte Körper keineswegs eine nicht mehr hinterfragbare Individualität darstellt, sondern selbst noch Träger einer Ideologie ist.

Verstörend der Schluss: auf einer Grabstele, die den Namen Heiner Müller trägt, steht Müllers Kopf in Eis geformt. Die Frau des Ensembles zerhackt diesen Eiskopf mit wuchtigen Axthieben, bis nur noch Stücke übrig bleiben. Der Älteste aus der Gruppe der Revolutionäre nähert sich mit einem Whiskyglas. Er wirft sakrilegisch einen Eisbrocken aus dem zerhackten Kopf in seinen Whisky. Danach kracht die Hintergrunddekoration mit Müllers Foto in sich zusammen und es wird stockdunkel im Theater. Heiner Müllers Absturz. Der Regisseur glaubt nicht an den von Zweifeln gepeinigten Autor. Und er glaubt nicht an die Veränderungsfähigkeit- und willigkeit einer/unserer Gesellschaft.

Residenztheater München / Mauser von Heiner Mueller - hier vl Nora Buzalka, Christian Erdt, Alfred Kleinheinz, Marcel Heupermann, Franz Paetzold © Konrad Fersterer

Residenztheater München / Mauser von Heiner Mueller – hier vl Nora Buzalka, Christian Erdt, Alfred Kleinheinz, Marcel Heupermann, Franz Paetzold © Konrad Fersterer

Ein Abend auf der Höhe der formalen Diskussion des modernen Theaters. Verwirrend, aber nicht falsch. Mit über Kreuz gezogenen Ideen, aber nicht sinnlos. Historisch und zugleich zeitnah. Die politischen, ideologischen und religiösen Fanatismen unserer Zeit werden geradezu gedanklich-assoziativ aufgewirbelt. Das prinzipielle Problem wird deutlich: ist diese Gesellschaft strukturell und inhaltlich in der Lage, sich selbst zu hinterfragen? Kann eine gesellschaftliche Veränderung hin zur sozialen Gerechtigkeit mit friedlichen (demokratischen) Mitteln erlangt werden? Oder lassen sich Veränderungen nicht ohne Kampf, Gewalt und Terror herbeiführen? Revolution oder Evolution? Kommen wir aus diesen Verwicklungen heil heraus, solange wir noch nicht die Menschen sind, die wir sein sollen?

Keinen Vorwurf an den, der daran zweifelt. Der Kampf steht uns noch bevor. So oder so. Aber die Sehnsucht geht nach dem Frieden.

„Ein Mensch – Was ist das?“ Von der Vollkommenheit besessen in seiner unabänderlichen Unvollkommenheit. Teufel und Engel zugleich.

Eine gewisse angestrengte Ratlosigkeit mischt sich in den freundlichen Beifall. Auf der Straße stolpert man über kleinste Steine, weil der Kopf so schwer geworden ist.

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