Magdeburg, Theater Magdeburg, Premiere Otello, 16.02.2019

Februar 1, 2019 by  
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Theater Magdeburg

Theater Magdeburg © Theater Magdeburg / Hans Ludwig Boehme

Theater Magdeburg © Theater Magdeburg / Hans Ludwig Boehme

»Evviva Otello!«
Giuseppe Verdis Operndrama »Otello« am Theater Magdeburg
Premiere am Sa. 16. 2. 2019, Opernhaus / Bühne

In Giuseppe Verdis »Otello« erliegt einer der bekanntesten Feldherren der Literaturgeschichte den gewissenlosen Intrigen seines Gegenspielers. In der Regie von Olivia Fuchs feiert das Operndrama am Sa. 16. 2. 2019, 19.00 Uhr (!) im Opernhaus Premiere.

Das im Jahr 1887 uraufgeführte Werk »Otello« ist der Ausdruck Verdis lebenslanger Beschäftigung mit der Dramatik William Shakespeares, die mit der Uraufführung von »Macbeth« im Jahr 1847 ihren Anfang nahm. Mit »Otello« schuf Verdi im Alter von 70 Jahren eines seiner besten Opernwerke. Am Theater Magdeburg feiert das Operndrama am 16. 2. 2019, 19.00 Uhr in der Regie von Olivia Fuchs Premiere.

Die Geschichte um den »Mohren von Venedig« – erfolgreicher Feldherr, jedoch wegen seiner fremdländischen Herkunft kritisch beäugt –, dessen Ehe mit Desdemona an gesellschaftlichen Machtverhältnissen und persönlichen Vorbehalten zerbricht, zeigt den Altmeister Verdi auf der Höhe seiner Kunst. 13 Jahre nach »Aida« konzentriert er – jenseits von Hafenszene und Staatsakt – das Geschehen hier noch stärker auf die drei Hauptfiguren Otello, Desdemona und Iago, der mit bösartiger Rachlust die Saat des Misstrauens zwischen den Liebenden sät. Musikalisch äußerst raffiniert und psychologisch genau spürt Verdi der fatalen Mischung aus Eifersucht und Minderwertigkeitsgefühl nach, die Otello zu Fall bringt. Ohne diesen Nährboden, durch den sich das ätzende Gift der Iago’schen Intrige hindurchfrisst, nähme das Drama nicht seinen tragischen Lauf. Iago hat nicht nur den eifersüchtigen Liebhaber überzeugt – Verdi hätte diesen Inbegriff eines Bösewichts fast zur Titelfigur seiner Oper gemacht.

Regisseurin Olivia Fuchs ist an Opernhäusern in ganz Europa und den USA ein gefragter Gast und dem Magdeburger Publikum bereits durch drei Inszenierungen bekannt. Nach »Der Rosenkavalier«, »Madame Butterfly« und Gounods »Faust« kehrt sie nun für »Otello« zurück ans Opernhaus Magdeburg. Die dramatischen Ereignisse rund um den Feldherren Otello siedelt sie am Shakespear’schen Originalschauplatz Zypern an – allerdings einige Jahrhunderte später. Ort des Geschehens, der von Bühnen- und Kostümbildner Yannis Thavoris gestaltet wird, ist das Ledra Palace Hotel in Nikosia, der Hauptstadt Zyperns. Direkt auf der heutigen Demarkationslinie zwischen dem türkischen und dem griechischen Teil Zyperns errichtet, galt das Ledra Palace als luxuriösestes Hotel der Insel bis es 1974 zur Zielscheibe eines militärischen Angriffs wurde. Indem sie die Tragödie in der Zeit des Zypernkonfliktes ansiedelt, übersetzt Olivia Fuchs Verdis vorletztes Werk, mit dem er erstmals ein durchkomponiertes, intensives und packendes Operndrama um die drei Hauptfiguren schrieb, ins Heute. Kimbo Ishii übernimmt letztmals als GMD die musikalische Leitung dieser Neuproduktion.


Otello Dramma lirico in vier Akten von Giuseppe Verdi
Libretto von Arrigo Boito nach Shakespeare
In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln
Musikalische Leitung GMD Kimbo Ishii / Pawel Poplawski

Regie Olivia Fuchs
Bühne / Kostüme Yannis Thavoris
Kampfchoreografie Thomas Ziesch
Dramaturgie Hannes Föst
Otello Aldo Di Toro
Iago Gocha Abuladze
Cassio Jonathan Winell
Roderigo Benjamin Lee
Lodovico Johannes Stermann
Montano Paul Sketris
Ein Herold Thomas Matz
Desdemona Raffaela Lintl
Emilia Isabel Stüber Malagamba
Opernchor des Theaters Magdeburg
Magdeburger Singakademie
Opernkinderchor des Konservatoriums »Georg Philipp Telemann«
Magdeburgische Philharmonie

Premiere Samstag, 16. 2. 2019, 19.00 Uhr (!) im Opernhaus / Bühne
Premierenfieber So. 3. 2. 2019, 11.00 Uhr, Opernhaus
Vorstellungen So. 24. 2. / Fr. 8. 3. / Sa. 23. 3. / So. 7. 4. / Fr. 26. 4. / So. 19. 5. / Sa. 1. 6. 2019

Karten Premiere: zwischen 17 € und 36 € / ermäßigt zwischen 12 € und 26 €
Karten weitere Vorstellungen: zwischen 13 € und 32 € / ermäßigt zwischen 8 € und 22 € Reservierung und Kauf an der Theaterkasse telefonisch: (0391) 40 490 490, online

 

—| Pressemeldung Theater Magdeburg |—

Essen, Aalto Theater, Einführungsmatinee zur Premiere Otello, 27.01.2019

Januar 29, 2019 by  
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Aalto Theater Essen

Aalto-Theater-Essen © IOCO

Aalto-Theater-Essen © IOCO

Einführungsmatinee zur Aalto-Premiere „Otello“

Regisseur, Dirigent und Sopranistin am Sonntag, 27. Januar 2019, um 11 Uhr zu Gast Giuseppe Verdis spätes Meisterwerk „Otello“ steht am 2. Februar als nächste Opernpremiere auf dem Spielplan des Aalto-Musiktheaters. Bereits am kommenden Sonntag, 27. Januar 2019, um 11 Uhr lädt Chefdramaturg Christian Schröder zur Einführungsmatinee ein. Auf der Bühne des Aalto-Theaters kann er drei Gäste begrüßen, die in dieser Neuproduktion eine wichtige Rolle spielen: Regisseur Roland Schwab, Dirigent Matteo Beltrami sowie die Aalto-Sopranistin Gabrielle Mouhlen, die einige musikalische Kostproben aus ihrer Partie der Desdemona geben wird.

Aalto Theater Essen / Gabrielle Mouhlen © Volker Wiciok

Aalto Theater Essen / Gabrielle Mouhlen © Volker Wiciok

Verdis „Otello“ basiert auf Shakespeares gleichnamigem Drama und gehört damit sicher zu den bekanntesten Tragödien der Operngeschichte: Nachdem Jago in Otellos Herz den Zweifel an der Treue seiner Frau Desdemona gesät hat, gibt es für den venezianischen Kriegshelden keinen ruhigen Moment mehr. Als schließlich Desdemonas Taschentuch, kostbares Geschenk und Liebesbezeugung Otellos, nicht mehr aufgefunden wird, steht für ihn fest: Nicht verloren hat sie es, nein, sie kann es doch nur seinem Rivalen Cassio überreicht haben! Otello sinnt auf Rache. Manchmal genügt nur sehr wenig, um einen Menschen zu Fall zu bringen. Und niemand scheint dies besser für sich nutzen zu können als Jago, Otellos Fähnrich. Fähnrich – zu seinem Leidwesen aber nicht ranghöherer Hauptmann!

Mit gezielten Bemerkungen trifft Jago die Achillesferse seines Gegners und beschwört ein Eifersuchtsdrama herauf, das sich zunächst allein in Otellos Kopf abspielt, bevor sich schließlich die Gewalt auch in der Wirklichkeit Bahn bricht.
Der Eintritt ist frei.

—| Pressemeldung Aalto Theater Essen |—

Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Rigoletto – Giuseppe Verdi, IOCO Kritik, 23.01.2019

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Rigoletto – Giuseppe VERDI

„Der Fluch“ wird „Rigoletto“ – Rigoletto wird ein Welterfolg

von Ingrid Freiberg

Der Uraufführung von Rigoletto, der legendären trilogia popolare 1851 am Teatro La Fenice ging ein penibles Ringen mit der Zensur voraus; war doch Victor Hugos Vorlage Le Roi s’amuse (Der König amüsiert sich) über den zynischen Hedonismus eines Aristokraten ein heißes Eisen. Als sich Giuseppe Verdi, der Komponist des italienischen Risorgimento, anschickte, das Theaterstück zu vertonen, stieß er noch knapp 20 Jahre später auf den Widerstand der Zensurbehörden. Er musste sein Melodramma von La maledizione (Der Fluch) in Rigoletto umtaufen und den Schauplatz an den Hof eines fiktiven Herzogs von Mantua verlegen. Giuseppe Verdi zeichnet in Rigoletto eine groteske Welt, ein menschenverachtendes System. Sein Werk zeigt, was das Gefühl der Rache mit Menschen machen kann, was es heißt, aus der Gesellschaft ausgegrenzt zu sein.

Hessisches Staatstheater / Rigoletto - hier : Ioan Hotea als Herzog von Matua, Frederic Mörth als Graf von Ceprano, Ensemble © Karl Monika Forster

Hessisches Staatstheater / Rigoletto – hier : Ioan Hotea als Herzog von Matua, Frederic Mörth als Graf von Ceprano, Ensemble © Karl Monika Forster

Mit Francesco Maria Piave hatte er einen Librettisten, der unter seiner strengen Anleitung das Drama in einen wirkungsvollen Operntext verknappen konnte. Verdi bezeichnete seine 16. Oper als seine beste, war aber enttäuscht über deren Erfolg, weil er befürchtete, das Publikum erkenne sein tiefes Anliegen nicht. Der Anekdote nach hatte Verdi die Arie La donna è mobile vor der Premiere am 11. März 1851 längst fertig, doch die Noten zu dem Erfolgsstück gab er erst kurz vorher heraus, weil er Angst hatte, dass die Melodie bereits nach den Proben ihre Runden durch die Stadt machen würde und man vermuten könnte, er habe sie auf den Gassen aufgeschnappt.

Die Musik bewegt sich durch eine orgiastische Party mit schicksalhaften Beziehungen zwischen dem Herzog, seinen Höflingen, Rigoletto und Monterone. Schnell und virtuos wird über den Hof berichtet. Zur zynischen Chiffre des Scheiterns wird ausrechnet der Tenorschlager La donna è mobile. In Verdis Werk bedingen sich Triviales wie Groteskes und hohes Pathos gegenseitig. Die Kontraste aus greller Bandamusik und expressiven Kantilenen formen ein kompromissloses Meisterwerk.

Rigoletto – Opfer und Täter

Für die drei fast ebenbürtigen Rollen Vater, Tochter und Liebhaber komponierte Verdi ein Familiendrama, wie er es nie zuvor schrieb. Die tragische Figur des deformierten Hofnarren, der alle Register des Sarkasmus zieht, stellte er dabei in den Brennpunkt. Rigoletto ist ein intelligenter, scharfsinniger Mann mit Sinn für Sarkasmus und Späße, der ihn zum Hofnarren macht. Sein Humor ist grob. Er ist zynisch und bösartig und dabei nicht minder skrupellos als sein absolutistischer Herrscher. Aber er glaubt, wenn er seine frevlerische Narretei säuberlich von seinem privaten Glück trennt, kann er es bewahren. In dieser wahnwitzigen Welt hat er große Angst um seine Tochter, sperrt sie ein, lässt sie bewachen.

Als er von der Liaison seiner Tochter mit dem Herzog erfährt, verliert er den Boden unter den Füßen. Der Narr sieht sein Heiligstes geschändet, schwört Rache und engagiert Sparafucile als Auftragsmörder, um seinen Herrn zu ermorden. Cello und Kontrabass singen dazu eine böse Melodie. Hier zeigen sich die pathologischen Charakterzüge von Rigoletto. Er ist fähig, jemanden töten zu lassen, und ist beides, Opfer und Täter. Vladislav Sulimsky gelingt es eindrucksvoll, die seelischen Abgründe der Figur darzustellen.

Hessisches Staatstheater / Rigoletto - hier : Vladislav Sulimsky als Rigoletto © Karl Monika Forster

Hessisches Staatstheater / Rigoletto – hier : Vladislav Sulimsky als Rigoletto © Karl Monika Forster

Macht, Geld, Sex oder eine romantische Liebe?

Der Herzog, ein Charmeur und ein Naturtalent im Lügen, trifft despotische Entscheidungen, schart einen Hofstaat von Günstlingen um sich und nimmt sich alle Frauen, die er begehrt. Als bipolarer Charakter wechselt er blitzartig von schwarz auf weiß, kehrt hervor, was der jeweiligen Frau gefällt: Macht, Geld, Sex oder eine romantische Liebe. Für Gilda ist er ein armer Student und entspricht damit den Sehnsüchten der jungen Frau. Unvergleichlich beschreibt Verdi seinen zerstörerischen, manipulativen Charakter und gibt ihm gleichzeitig diese verführerische Musik. Fraglos ein faszinierendes Paradoxon.

Gilda, die Tochter Rigolettos, ist ein unschuldiges Mädchen aus der Vorstadt, auf das der Herzog ein Auge geworfen hat. Ihr Vater behütet sie wie seinen Augapfel. Er schließt sie ein, nur zum Kirchgang darf sie das Haus verlassen. Giovanna, ihre Gesellschafterin, muss sie immer begleiten. Und so wie Gilda aufgewächst – sie erfährt weder den Namen ihrer Mutter noch den ihres Vaters – ist sie empfänglich für die Liebesschwüre des Herzogs. Selbst als Rigoletto seiner Tochter zeigt, dass ihr Verführer sie mit der Hure Maddalena betrügt, ist sie noch voller Liebe. Als Mann verkleidet begeht sie in ihrer Ausweglosigkeit einen „Suicide by Proxy“. Nach ihrer Entehrung sieht sie keine Lebenschance mehr, und die damalige Moral verbietet es ihr, ihr ruiniertes Leben selbst zu beenden. Ohne selbst Hand an sich legen zu müssen, rettet sie damit aufopferungsvoll ihre einzige Liebe. Über Nacht wächst sie zu einem Charakter zwischen Heroismus und Liebe heran.

Leidenschaft und Partiturfreude

Dirigent Will Humburg, Spezialist für italienische Opern des 19. Jahrhunderts, bietet mit dem Hessischen Staatsorchester Wiesbaden einen Rigoletto in allerschönster Prachtentfaltung. Lyrik und Dramatik setzt er kontrastreich voneinander ab. Er ist ein einfühlsamer Begleiter des großartigen Sängerensembles. Seine Leidenschaft und Partiturfreude sind mitreißend. Alles ist da, dynamische Abstufungen, Feinheiten der Phrasierung und nicht zuletzt die rasanten Tempi. Das hervorragende, klangrednerisch geschärfte Orchester ist voller Intensität, durchsetzt von grellen dramatischen Akzenten und fabelhaft gestalteter Klangdramaturgie.

Hessisches Staatstheater / Rigoletto - hier : Ioan Hotea als Herzog von Mantua, Silvia Hauer als Maddalena, Ensemble © Karl Monika Forster

Hessisches Staatstheater / Rigoletto – hier : Ioan Hotea als Herzog von Mantua, Silvia Hauer als Maddalena, Ensemble © Karl Monika Forster

Zwielichtig und spannend

Meistens ist in der Oper gerade das Widersprüchlichste am spannendsten, das Unerklärbare und Unwahrscheinliche. Verdi ist darin ein unerreichter Meister. Der Intendant Uwe Eric Laufenberg entschied sich für eine zeitlose, teils burleske Deutung. Zum Farbenreichtum seiner Inszenierung gehört eine Clownspuppe, mit der nicht nur Rigoletto hantiert, sondern auch die Höflinge, die im 2. Akt voyeuristisch vor einem verschlossenen Vorhang sitzen, hinter dem der Herzog Gilda Gewalt antut. Als sie sich nach einer Weile unbefriedigt umdrehen, scheint es, jeder von ihnen säße auf den Schultern eines Clowns, der sie ekstatisch herumwirbelt und die Geilheit der Lüstlinge noch anstachelt. Der Sog des 3. Akts ins Dunkel mit vorübergehendem Zwielicht ist spannend. Der Sturm ist weniger ein Unwetter, sondern etwas, dass die Charaktere durchschüttelt. Die unsichtbaren Chöre steigern noch die Intensität des Geschehens. Gilda wird von Sparafucile nicht gleich gemeuchelt, sie bettelt förmlich um ihren Tod – an einem Laternenmast, ihre Arme ausgebreitet – was an ein Kreuzigungsmotiv erinnert. Nach ihrer Ermordung, in einer Mülltonne entsorgt und kurz vor dem düsteren Fazit Rigolettos, entschwindet sie in ein helles Licht – in den Himmel? Eine überzeugende Inszenierung.

In einem szenisch stimmigen Bühnenbild mit optisch reizvollen Wechseln gelingen Gisbert Jäkel ausdrucksstarke Bilder: Koitusstellungen anstatt Ziffern auf der Palastuhr, die Zeiger bewegen sich nicht… Treibt der Herzog hier zeitlich unbegrenzt Unzucht? Die offenen Fenster von Rigolettos Haus zeigen in Gildas Zimmer eine Tapete mit Vögeln auf Blütenzweigen. Lebt Gilda in einem goldenen (Vogel)Käfig? Ein abschließbares eisernes Scherentor unterstreicht den Käfigcharakter noch. Geschickt die Bühnentechnik nutzend steht ein Wohnwagen in einer verwahrlosten Palastruine, in dem Sparafucile und Maddalena am Rande von Mantua hausen, und wo sich junge Frauen prostituieren. Mit beeindruckenden Lichteffekten beschreibt Andreas Frank das nächtliche Geschehen: Dramatisches Unwetter, Blitze und drohend schwarzer Himmel. Verdi probte das einhundertfünfzigmal mit schaurigen Chorvokalisten im Hintergrund, die das Heulen des Sturms und das Unheilvolle des Geschehens ausdrückten.

Andrea Schmidt-Futterer unterstreicht mit ihren Kostümen die Inszenierung von Eric Uwe Laufenberg: Rigoletto trägt einen unauffälligen schwarzen Mantel, hat keinen Buckel. Seine Deformation ist nicht physischer, sondern psychischer Natur. Kammerkätzchen in schwarzem Lackleder – hübsche Statistinnen – stellen sich in teils akrobatischen Stellungen zur Lustbefriedigung der Höflinge bereit. Die durch die Nacht schlendernden Huren tragen transparente Regenmäntel, die ihre wohlfeilen Körper zeigen. Auffallend, und zweifelsohne schwierig zu kreieren, die Clownskostüme der Günstlinge. Andrea Schmidt-Futterer kann bei dieser Produktion aus dem Vollen schöpfen, da alle Figuren auch optisch ihrer Rolle entsprechen können: Gilda unschuldig, Maddalena sexy und Sparafucile Ghost Dog…

Hessisches Staatstheater / Rigoletto - hier : Cristina Pasaroiu als Gilda © Karl Monika Forster

Hessisches Staatstheater / Rigoletto – hier : Cristina Pasaroiu als Gilda © Karl Monika Forster

Hochkarätig besetzte Aufführung

Vladislav Sulimsky, mittlerweile an allen großen internationalen Opernhäusern zu hören, ist ein umwerfender Rigoletto mit tiefem Bariton und ausdrucksstarker Phrasierung. Er begeistert mit Nuancenreichtum und leidenschaftlicher Hingabe, glänzt mit wütenden Ausbrüchen und verzweifelten Klagen – dramatisch fesselnd. Mit seinem expressiven Wohllaut ist er als zynischer Narr genauso glaubhaft wie als mitfühlender Vater und tief gedemütigtes Opfer.

Beeindruckend auch der Operalia-Gewinner Ioan Hotea als Herzog von Mantua mit seiner auf Hochglanz polierten Stimme. Souverän die zärtlich-intimen Töne im Duett mit Gilda und die Arie Ella mi fu rapita!… Parmi veder le lagrime. Im Machogestus mühelos agierend brilliert er mit lockerer, farbenreicher Höhe und feinfühliger Phrasierung.

Eine hinreißende Gilda gibt Cristina Pasaroiu. Bei ihr vereinigen sich mädchenhafte Ausstrahlung, Leichtigkeit und eine silbrig timbrierte Stimme mit müheloser Höhe und scharf gestochenen Koloraturen. Sie findet wunderschöne Farben der Sehnsucht. Die schwierigen Höhen und die filigranen Raffinessen in den drei Duetten mit dem besitzergreifenden Vater meistert sie mit Bravour. Eine stimmlich wie darstellerisch gleichermaßen beglückende Leistung.

Young Doo Park überzeugt als Sparafucile. Er gibt der Partie beeindruckende Intensität. Die optische Anlehnung an Ghost Dog, ein mysteriöser Auftragsmörder im gleichnamigen Film, unterstreicht seine Rolle: Er differenziert darstellerisch wie stimmlich und besticht in der Rolle des gewissenlosen Mörders durch seine Unverfrorenheit. Bei ihm finden die Figuren ihre Ruhe, und sei es die letzte.

Erregend Silvia Hauer als verführerische Maddalena, die nicht nur mit ihrem warmen Mezzosopran, sondern auch als liebende Frau mitreißt. Die attraktive Verführerin begegnet dem Herzog auf Augenhöhe. Mit ihrer prachtvollen Stimme verzaubert sie das Publikum. Über allem steht der Fluch Ah, la maledizione... des Grafen von Monterone, gewaltig und eindrucksvoll Kammersänger Thomas de Vries. Zur Vollendung dieses Opernabends – mit Suchtcharakter – tragen Daniel Carison als Marullo, Erik Biegel als Borsa, Frederic Mörth als Graf von Ceprano, Isolde Ehinger als Gräfin Ceprano, Elisabeth Bert als Giovanna, Aldomir Mollov als Gerichtsdiener und Izumi Shibata als  Page des Herzogs bei. Ein besonders großes Lob verdient der stimmkräftige perfide Chor des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden, der von Albert Horne meisterhaft einstudiert ist: Povero Rigoletto! Er hat erheblichen Anteil am Gelingen des Abends.

Diesen Abend wird man in Erinnerung behalten. Für Sänger und Orchester gibt es stürmischen Beifall und Bravi.

Die bezaubernde Cristina Pasaroiu stürzte am Ende des 2. Aktes. Trotz verletztem Fuß begeisterte sie bis zum großen Ende. Wir wünschen Ihr gute Besserung!

Rigoletto am Hessischen Staatstheater Wiesbaden; die folgenden Vorstellungen 23.1.; 26.1.; 1.2.; 6.2.; 9.2.; 17.2.2019;  Zu den Internationalen Maifestspielen am 31.5.2019

—| IOCO Kritik Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—

Darmstadt, Staatstheater Darmstadt, Ein Maskenball – Giuseppe Verdi, IOCO Kritik, 05.01.2019

Januar 7, 2019 by  
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Staatstheater Darmstadt

Staatstheater Darmstadt © IOCO

Staatstheater Darmstadt © IOCO

Un ballo in maschera – Giuseppe Verdi

 –  Die Tragödie wandelt sich zur Komödie –

Von Ljerka Oreskovic Herrmann

Was für ein Abend! Keine noch so gelungene und „perfekte“ Einspielung eines musikalischen Werkes kann so ein Live-Erlebnis aufbieten, das sich zwar als Amüsements und Gesprächsthema für das Publikum eignet, aber einem Theater zu schaffen macht. Es kommt gelegentlich vor, dass ein Intendant am Premierenabend vor den Vorhang tritt und erklärt, ein Sänger oder eine Sängerin sei krank und eine andere Person werde an diesem Abend singen. Dass aber gleich zwei Tenöre hintereinander erkranken, ist dann eher die Ausnahme. Ein dritter Tenor musste her, und so wurde er eigens aus Italien eingeflogen. Bravourös hat Leonardo Caimi die Vorstellung gemeistert.

Verdis, der Zensur zum Opfer gefallene ursprüngliche Konzeption, die Geschichte von Schwedens König Gustav III., wird in Darmstadt präsentiert. Doch der Königsmord endet ohne Blut, nur der Stein gewordene König wird vom Sockel gestoßen oder besser verschwindet oben im Schnürboden – getreu dem Lied im Spottfinale des 2. Aktes: „ve’, la tragedia mutò in commedia“. Die dunkle Stimmung der Oper wird zugunsten des Grotesken und noch mehr Komödiantischen aufgegeben und verlagert. In der Tat kann man den Mord Gustavos III. durch seinen Freund und Getreuen Graf Renato als außerordentliche Ironie sehen, denn er tötet den König angeblich wie die Verschwörer, vor denen er zuvor noch den König gewarnt hat, aus politischen Motiven, doch mitnichten ist das der wahre Grund: Es geht um Rache, weil der König der Geliebte seiner Frau sein soll. Es ist der Anschein, der ihn antreibt, nicht die tatsächliche Beweislage oder gar politische Beweggründe.

Staatstheater Darmstadt / Ein Maskenball © Stephan Ernst

Staatstheater Darmstadt / Ein Maskenball © Stephan Ernst

Überhaupt ist in dieser Inszenierung das Politische zugunsten des Privaten zurückgedrängt. Es sind die Liebeswirrungen, die das dramatische Element der Inszenierung ausmachen. Dass dieses ausgerechnet am meisten Amelia zugewiesen wird – sie als vom falschen Manne schwangere Frau und damit in einer moralischen Zwicklage –, ist ein Regieeinfall, der wenig bewirkt, letztlich auch keine Bedeutung hat. Loyalitäten zum Freund und dessen Politik oder in ihrem Fall zum Ehemann sind doch die eigentlichen Konflikte, welche verhandelt und ausgetragen werden, sich aber in eine Farce auflösen. Insbesondere bei der Figur des Pagen, der in dieser Inszenierung enorme akrobatische Einlagen zu vollführen hat, verdichtet sich diese Verschiebung. Er zeigt komödiantische Züge, Witz im Spiel wie Gesang, wirkt durch sein schwarzes Kostüm wie ein Joker, wird aber zur tragisch-komischen Figur, weil er unwissend den König verrät und doch nichts hätte verhindern können: Cathrin Lange als Oscar gelingt eine beeindruckende Leistung in musikalisch wie darstellerischer Hinsicht. Und ihre Figur wird zum heimlichen Zentrum der Inszenierung, weil sie, Vergangenheit (die historischen Ereignisse um König Gustav III.) und Gegenwart (Chor) verbindet.

Staatstheater Darmstadt / Ein Maskenball © Stephan Ernst

Staatstheater Darmstadt / Ein Maskenball © Stephan Ernst

Der Chor ist in heutige Kostüme gekleidet, seine Mitglieder stellen eine Art Publikum bzw. Touristen dar, die den König auf dem Sockel oder wie zu Beginn seine Totenmaske im Museum bestaunen und seine Geschichte belustig interessiert verfolgen. Die Solisten tragen dagegen Kostüme aus der Zeit Gustavs III. (1746-1792), und sie wirkt wie eine ferne Zeitkapsel, aus der die Protagonisten nicht mehr herausfinden können und für den „Touristen-Chor“ eher Unterhaltungswert als tatsächliche historische Relevanz verspricht. In dieser Hinsicht hat Valentin Schwarz, der junge Österreichische Regisseur, einen gelungenen Kontrast herausgearbeitet und hier erklärt sich seine Reduktion auf das Persönliche der Protagonisten: „Die traurige Wahrheit ist, dass selbst an diesem historisch relevanten Ort zukünftige Generationen weder Gustavos Liebesverzicht noch der Ermordung des einstigen Königs von Schweden Bedeutung beimessen. Es ist der tragische Abgesang auf ein nicht gelebtes Leben.“ Letztlich nur noch eine historische Figur auf einem Sockel zu sein, wäre aber auch im Verdischen Sinne bedeutungslos, und so fügt sich Gustavo, der lebenszugewandte König, als einziger farbenfroh gekleidet, in sein Schicksal ohne Larmoyanz und Wehleidigkeit. Er bleibt Teil des Geschehens auf der Bühne und „nur“ sein historisches Abbild verschwindet. Es lebe Verdi und seine Musik!

Und diese lebt bei Daniel Cohen, dem neuen GMD in Darmstadt, richtig auf und dafür gebührt ihm große Anerkennung. Er hat sich seinen Operneinstand vielleicht anders vorgestellt, und deshalb darf er als die andere Zentralperson des Abends bezeichnet werden. Sein Dirigat war vollkommen klar, transparent – und er brachte die Verdischen Orchesterfarben zum Blühen. Er behielt das musikalische Geschehen – ob Arien, Duette, Terzette oder Chorpassagen – sicher in seinen Händen, setzte die Dramatik, die Zuspitzung im Finale, von Verdi vor allem voller Leidenschaft gewünscht, konsequent um.

Staatstheater Darmstadt / Ein Maskenball © Stephan Ernst

Staatstheater Darmstadt / Ein Maskenball © Stephan Ernst

Der gefeierte Held des Premierenabends ist ohne Zweifel Leonardo Caimi als Gustavo. Er spielte und sang mit einer Verve, die vom Publikum mit großem Applaus belohnt wurde. Sein Gegenspieler Graf Renato Anckarström, Sergio Vitale zeigt ihn als zaghaften, verzweifelten Mann trotz aller wuchtigen Körperlichkeit, wirkt in jeder Hinsicht wie ein Kontrast: Streng in schwarz gekleidet, hin- und hergerissen zwischen seinen Gefühlen für seinen Freund und der Eifersucht auf ihn. Keri Alkema als Amelia, das weibliche Zentrum der Männer und der Inszenierung, fordert ihrer Figur stimmlich wie darstellerisch alles ab. Ulrica Arvidson, die Hexe, ist ihr Gegenpart – stimmlich (mit schöner Tiefe) und auch äußerlich in ihrem zerfledderten Hexenkostüm. Kammersängerin Katrin Gerstenberger verleiht ihr eine Präsenz und Souveränität, aber auch Würde.

Weitere Mitwirkende, die ebenfalls begeisterten, sind: David Pichlmaier (Cristiano), Georg Festl (Graf Ribbing), Johannes Seokhoon Moon (Graf Horn), Jaroslaw Kwasniewski (Erster Richter), Andreas Donner, Myong-Yong Eom und John Dalke sind 1., 2. und 3. Verschwörer. Die Leitung des exzellenten Chores wie Extrachores des Staatstheaters hat Sören Eckhoff.

Das Bühnenbild von Andrea Cozzi, am Anfang wahlweise ein Mausoleum, ein Museum oder ein Gefängnis für Ulrica, fordert der technischen Abteilung viel ab. Insbesondere im dritten Akt, wenn die Bühne hochgefahren wird, der Raum sich weitet und am Ende nur noch der Sockel für König Gustav übrigbleibt, zeugt von der enormen Leistung der Technik, die nicht unerwähnt bleiben sollte. Für die Kostüme zeichnet ebenfalls Andrea Cozzi verantwortlich. Masken allerdings haben bei der Ausstattung keine bedeutende Rolle gespielt. Warum auch, Beziehungen zwischen Menschen sind auch ohne diese kompliziert genug und um ihre politische Dimension wusste Verdi nur zugut Bescheid.

Viel Applaus für alle Beteiligten, die sich beim dritten Vorhang bereits in den Armen lagen, froh diesen Abend gemeistert zu haben, und vom Publikum dabei „erwischt“ wurden, was zur Erheiterung auf beiden Seiten führte. Ein schöner Ausklang.

Ein Maskenball am Staatstheater Darmstadt, weitere Vorstellungen am 11.1.; 19.1.; 7.2.; 14.2.; 24.2.; 9.3.; 17.3.; 29.3.; 13.4.; 28.4.2019

—| IOCO Kritik Staatstheater Darmstadt |—

 

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