Wien, Volksoper Wien, Hoffmanns Erzählungen – Jacques Offenbach, IOCO Kritik, 15.06.2018

Juni 16, 2018 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Oper, Volksoper Wien

volksoper_wien.JPG

Volksoper Wien

Volksoper Wien © IOCO

Volksoper Wien © IOCO

HOFFMANNS ERZÄHLUNGEN  –  Jacques Offenbach

 Offenbach und Teufel – In ewigem Kampf

Von Viktor Jarosch

Jacques Offenbach © IOCO

Jacques Offenbach in Paris © IOCO

Hoffmanns Erzählungen ist seit 2016 und ab April 2019 wieder auf dem Spielplan der Volksoper Wien. Regisseur und Choreograph Renaud Doucet integriert in Wien in das ohnehin komplexe Handlungsgefüge von Hoffmanns Erzählungen zusätzliche Facetten: Ein vermeintlicher Kampf von Jacques Offenbach mit dem Teufel, der Ausdruck des Bösen und Ursache  damaliger Katastrophen und Theaterbrände ist. Offenbach, so Regisseur Doucet, möchte in dieser Inszenierung den Teufel durch Vollendung seiner Oper Hoffmanns Erzählungen überwinden. So sind in dieser Inszenierung Jacques Offenbach und ein Teufel auf der Bühne stets präsent.

Gioacchino Rossini nannte Jacques Offenbach (1819 – 1888) den „Mozart der Champs-Elysées“; Giacomo Meyerbeer besuchte regelmäßig Offenbachs dessen Theatre des Bouffes Parisiennes. Zahlreiche satirische, modern frivole Operetten französischer Prägung persiflierten meist in Bezügen zur griechischen Antike die Mittelschicht, Neureiche oder Emporkömmlinge. Orpheus in der Unterwelt (1855) oder Die schöne Helena (1864) mit der umworbenen exzentrischen Diva, Hortense Schneider, machten Jacques Offenbach im damaligen französischen Kaiserreich zu einem Star. Der deutsch-französische Krieg 1870-71 und seine nun kritisch gesehene deutsche Herkunft beendeten die Popularität von Jacques Offenbach in Paris; er war nur noch berühmt. Doch schlimmer: In Paris gab es nach 1871 keinen Raum mehr für seine pralle Operetten.

Volksoper Wien / Hoffmanns Erzählungen hier Ensemble © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Volksoper Wien / Hoffmanns Erzählungen hier Ensemble © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

So begann Offenbach 1877 aus dem 1851 in Frankreich entstandenen, fantastischen Drama Les Contes D´Hoffmann (Hoffmanns Erzählungen) eine Oper zu komponieren. Mühsam gestaltete sich die Komposition der Oper. Offenbach war bereits krank, dürr, hinfällig; seinen baldigen Tod ahnend schreibt er Léon Carvalho, Direktor der Opéra-Comique, „Beeilen Sie sich, mein Stück heraus-zubringen; ich habe es eilig und hege nur den einzigen Wunsch, die Premiere zu sehen.“

Die Autoren von Les Contes D´Hoffmann, die Franzosen Jules Barbier und Michel Carré, waren große Bewunderer von E.T.A. Hoffmann (1776 – 1822) und dessen Karikaturen, Erzählungen, Satiren. In ihrem populären Drama Hoffmanns Erzählungen integrieren sie die Person E.T.A. Hoffmann in dessen Erzählungen, u.a. Der Sandmann, Rat Krespel, Die Geschichte vom verlorenen Spiegelbild, Serapionsbrüder.

Volksoper Wien / Hoffmanns Erzählungen hier Olympia und Hoffmann © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Volksoper Wien / Hoffmanns Erzählungen hier Olympia und Hoffmann © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

An der Volksoper  erscheint der lebendige Teufel bereits zur kurzen Ouvertüre; leibhaftig unterbricht er nach wenigen Takten die Musik: „Nein, nicht schon wieder… seit 137 Jahren …. Ich als der Teufel…  nehmen Sie Orpheus in der Unterwelt…. der Offenbach raubt mir den Verstand…“. Der Teufel zündelt hier mit der Partitur von Hoffmanns Erzählungen, dessen Blätter vom Bühnenhimmel regnen. Auch in den folgenden Bildern ist der Teufel sichtbar, so als Doktor Mirakel im Antonia-Akt. Das aufwendige erste Bühnenbild bildet die Ruine eines abgebrannten Theaters, eine Skulptur zeigt Offenbachs Kopf, eine Höllenbar verweist allegorisch auf diesen Kampf des Teufels mit Offenbachs Geist. Offenbach ist als Abbild präsent; der Teufel bleibt in Lindorfs Person beständiger Widersacher Hoffmanns; oder doch Offenbachs?

So ist in dieser Inszenierung der gegen den Teufel/Lindorf kämpfende Hoffmann kein leidend, unglücklicher Liebender, kein von Alkohol geschwächter, sinnender Mensch ist. In ungewohnt modernem Anzug, mit kräftiger Stimme ist Hoffmann, Offenbach ein gestaltender, gelegentlich dirigierender, aufrecht wie selbstbewusst mitten im Leben stehender, kämpfender Mensch. Doch die sprachliche Linie der Inszenierung ist gebrochen: Es wird viel Deutsch gesungen, die vier Bösewichter Lindorf, Coppelius, Dr. Mirakel, Dapertutto – als Teufel; doch – man dankt – die großen Partien der Olympia, Guilietta, Antonia erklingen Französisch und unterstreichen das fantastische der Komposition. So steht Hoffmanns Erzählungen an der Volksoper für eine aufwendige, bilderreiche, komplexe Inszenierung, dessen Handlungsstränge, die Bezüge von Teufel und Offenbach sich nur schwer erschließen. Man folgt der Handlung insoweit etwas verloren, genießt jedoch wunderbare Stimmen im Charme der französischen Sprache, eine reiche Choreographie, herrliche Kostüme. Stete Fragen zu Offenbachs unvollendeter Oper, ist es ein romantisches Nachtstück, ein Künstlerdrama, ist es Offenbachs eigenes Lebenstrauma, bietet diese Inszenierung keine Antwort; sie ist nur eine weitere Interpretation.

Volksoper Wien / Hoffmanns Erzählungen hier Antonia und Dr. Mirakel © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Volksoper Wien / Hoffmanns Erzählungen hier Antonia und Dr. Mirakel © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Der Weinkeller  Luther  wird in Wien zur Höllenbar, in welcher Vincent Schirrmacher als Hoffmann nicht betrunken sondern selbstsicher in modernem Einreiher die Unberechenbarkeit seiner ehemaligen Geliebten beklagt; kraftvoll, höhensicher auf Deutsch: „Es war einmal am Hofe von Eisenack“.  Rührung, die im Text liegende, tiefe Melancholie ist nicht spürbar. Josef Wagner beherrscht seine Partien als Teufel respektive der vier Bösewichter ebenfalls stimmlich überzeugend ohne jedoch dämonisch zu wirken; seine Diamantarie verliert auf Deutsch das Beschwörende. Wunderbar und mitreißend dagegen Hoffmanns ehemalige Geliebten, wie Sophia Theodorides als Olympia. Brillierende Koloraturen und wohltimbrierter Mittellage färben  ihre große Arie „Les oiseaux dans la charmille“ (Die Vögel im Laubengesang); „Zusatzbeine“ auf ihrem großen Reifrock, freier Kunstoffbusen sind dabei beständig skurrile wie faszinierendes Spielzeug. Anja-Nina Bahrmann ist eine stimmlich mitnehmende und königlich wirkende Antonia. Ein in Schneemassen gehüllter Wohnraum, Eiszapfen hängen von der Decke. Nach deutsch rauem „Wo ist Antonia?“ erklingt ihr französisches „Lied von der Taube“ in zartem, lyrischem Timbre. Wellenspiegelungen und Tänzerinnen mit Federbüschen und Totenkopfmasken begleiten Kristiane Kaiser als Giulietta zu ihrer sensibel gespielten und hochromantisch gesungenen Barcarole „Belle nuit, ô nuit d’amour„. Gerrit Prießnitz lässt Offenbachs fantastische Oper leuchten, phrasiert dessen tiefe Melancholie, dirigiert sängerfreundlich.

Das Publikum der voll besetzten Volksoper feierte Ensemble und Orchester zur letzten Aufführung von Hoffmanns Erzählungen dieser Spielzeit. Wenn auch der unerwartete  Kampf Jacques OffenbachsTeufel und Sprachwechsel eher verwirrten, die Komposition Offenbachs, das aufwendige Bühnenbild, großartige Choreographie und wunderbare Stimmen  machen den Besuch dieser Produktion  empfehlenswert.

—| IOCO Kritik Volksoper Wien |—

Berlin, Deutsche Oper Berlin, Premiere IL VIAGGIO A REIMS, 15.06.2018

Juni 14, 2018 by  
Filed under Deutsche Oper Berlin, Premieren, Pressemeldung

deutscheoperberlin

Deutsche Oper Berlin

Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)

Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)

IL VIAGGIO A REIMS  – Gioacchino Rossini

Premiere am 15. Juni 2018, weitere Vorstellungen am 22., 24. und 30. Juni sowie 5. Juli 2018

Die Uraufführung von Gioacchino Rossinis letzter italienischer Oper am 19. Juni 1825 in Paris war in mehrfacher Hinsicht ein besonderes Ereignis: Zum einen stellte sich der Kompositionsstar Italiens endlich mit einem eigens für Paris komponierten Stück in der Seine-Metropole vor. Seit über einem Jahr schon leitete er das Théâtre royal Italien, in dem zahlreiche seiner Opern gespielt worden waren – das anspruchsvolle und überaus kritische Pariser Publikum verlangte aber nach einem neuen Werk der italienischen Schule und fieberte der Uraufführung entgegen. Zum anderen komponierte Rossini …

Gioacchino Rossini in Paris © IOCO

Gioacchino Rossini in Paris © IOCO

IL VIAGGIO A REIMS für die Krönungsfeierlichkeiten Karl X. Schon 1824 ließ sich der König nach dem Tod seines Bruders Ludwig XVIII. im alten Ritus der vorrevolutionären Monarchen in der Kathedrale zu Reims mit großem Pomp krönen. Im Frühsommer des folgenden Jahres fanden in Paris dann die offiziellen Feierlichkeiten statt, zu denen alle Theater und Opernhäuser Programmpunkte beisteuerten. Rossini und sein Librettist Luigi Balocchi entschieden sich in ihrer Krönungsoper, den Anlass selbst zum Thema zu machen: Aus verschiedenen europäischen Ländern wollen Adelige mit ihren Bediensteten zur Krönung nach Reims fahren, sie stranden aber im Hotel „Zur goldenen Lilie“ und kommen mangels Pferden und Kutschen nicht weiter – kurzerhand entschließen sie sich, nach Paris zu fahren und dort den neuen König zu feiern, nicht ohne zuvor noch ein Festdiner im Hotel selbst zu organisieren. Diese Nicht-Handlung, der äußere Stillstand und das Warten werden garniert mit Flirts, Eifersüchteleien und reichlich nationalen Klischees. Rossini war sich der kurzen Haltbarkeitsdauer der Oper als Anlassstück durchaus bewusst: Einen Großteil der Nummern nutzte er für seine nächste Oper, LE COMTE ORY. Nach wenigen Aufführungen verschwand IL VIAGGIO A REIMS von der Bühne – erst in den 1980er Jahren wurde das Werk wiederentdeckt.

IL VIAGGIO A REIMS ist Rossinis letzte italienische Oper und es scheint fast, als fasse er hier alle Variationen der opera buffa und des dramma giocosa noch einmal lustvoll zusammen: Gleich einer Revue reiht er die unterschiedlichsten Arien- und Ensembleformen der Zeit aneinander. Regisseur Jan Bosse kommt diese Nummerndramaturgie sehr entgegen: „Der Ensemblegedanke dieser Oper scheint mir sehr modern. Eine Gruppe von Menschen sitzt fest – und ergeht sich in absurden Aktionen. Es gibt keine dramatische Story für einige wenige Solisten, sondern eine revueartige Abfolge von kontrastierenden, sehr unterhaltsamen ‚Nummern‘. Diese Nummern arbeiten dann mit klischeehaften Grundsituationen der Oper an sich: der unglücklich Liebende, die leidende Diva, das eifersüchtig sich umkreisende Paar, der komische Kauz. Diese große Nummernshow, aber auch das gemeinsame Erzählen eines Ensembles ist für einen Regisseur, der vom Schauspiel kommt, äußerst reizvoll! Der zunächst äußerliche Stillstand der Handlung ist dabei unsere absurde Triebfeder. Wir sehen einen Schlafsaal: Ist es eine Kurklinik? Ein Sterbehospiz? Das Asyl des todmüden Europäers? Allabendlich schwingen sich die Insassen zur großen Reise auf – um endlich die Krönung des neuen Königs zu feiern – und bleiben in abstrusen Ritualen stecken.“

Giacomo Sagripanti übernimmt die musikalische Leitung dieser Neuproduktion. Als veritabler Belcanto- und Rossini-Spezialist gastierte er schon beim Glyndebourne Festival, am Teatro La Fenice, an der Hamburgischen Staatsoper, der Opéra National de Paris und der Bayerischen Staatsoper. Nun studiert er erstmals – nachdem er in der aktuellen Saison schon Verdis IL TROVATORE musikalisch leitete – eine Neuproduktion an der Deutschen Oper Berlin ein.

Das aus Gästen und Ensemblemitgliedern zusammengesetzte junge Sängerensemble wird angeführt von Elena Tsallagova, die in der laufenden Saison u. a. als Berthe in Meyerbeers LE PROPHETE großen Erfolg in Berlin feierte und die Rolle der Corinna schon beim Rossini-Festival in Pesaro interpretierte. Neben ihr sind u. a. Siobhan Stagg, Vasilisa Berzhanskaya, Hulkar Sabirova, Gideon Poppe, David Portillo, Davide Luciano und Mikheil Kiria zu erleben.

Aus dem Hinterhalt: IL VIAGGIO A REIMS
Late-Night-Performance am 7. Juli um 21 Uhr in der Tischlerei der Deutschen Oper Berlin Europa trifft sich auf dem Weg zum gesellschaftlichen Höhepunkt der Saison – und bleibt hängen, weil nichts weitergeht. Das bildet den Rahmen für eine der brillantesten Schöpfungen des Belcanto aus der Feder von dessen Großmeister Gioacchino Rossini. Und es ist zugleich das Material für die beiden Regisseurinnen Julia Lwowski und Franziska Kronfoth – durch ihr Musiktheater-Kollektiv HAUEN UND STECHEN inzwischen einer der Geheimtipps der Berliner Szene – und die Sängerinnen und Sänger des Ensembles für einen verrückten, virtuosen, europäischen Opernabend im Rahmen der Tischlerei-Reihe „Aus dem Hinterhalt“, in der Gastkünstler verschiedenster Sparten mit ihrem Blick „von außen“ auf das jeweilige Werk reagieren und Neues entstehen lassen.

BESETZUNG:  Musikalische Leitung : Giacomo Sagripanti, Inszenierung : Jan Bosse, Bühne : Stéphane Laimé, Kostüme : Kathrin Plath, Licht : Kevin Sock, Video : Meika Dresenkamp, Dramaturgie : Lars Gebhardt

MIT: Corinna : Elena Tsallagova, Marchesa Melibea :Vasilisa Berzhanskaya, Contessa di Folleville : Siobhan Stagg, Madama Cortese :Hulkar Sabirova, Cavaliere Belfiore : Gideon Poppe, Il Conte di Libenskof : David Portillo, Lord Sidney : Mikheil Kiria, Don Profondo : Davide Luciano, Barone di Trombonok : Philipp Jekal, Don Alvaro : Dong-Hwan Lee, Don Prudenzio : Sam Roberts-Smith, Zefirino : Juan de Dios Mateos, Maddalena : Alexandra Ionis, Modestina : Meechot Marrero, Delia : Davia Bouley, Antonio : Byung Gil Kim, Orchester : Orchester der Deutschen Oper Berlin

—| Pressemeldung Deutsche Oper Berlin |—

Jennersdorf, J:Opera, DER BARBIER VON SEVILLA – Schloss Tabor, 02.08.2018

Juni 11, 2018 by  
Filed under J:OPERA, Oper, Pressemeldung

jOPERA

jOpera / Der Barbier von Sevilla © jOPERA Jennersdorf Festivalsommer

jOpera / Der Barbier von Sevilla © jOPERA Jennersdorf Festivalsommer

DER BARBIER VON SEVILLA – Gioacchino Rossini

Mit dem Barbier von Sevilla von Gioacchino Rossini bringt jOPERA jennersdorf im Festivaljahr 2018 eine der besten komischen Opern auf die Bühne von Schloss Tabor.
Situationskomik, subtiler Humor und Rossinis Sinn für Brillanz stimmlicher und instrumentaler Klangwirkung ergeben ein Feuerwerk an schwungvollen Melodien und garantieren einen kurzweiligen Abend.

Regie: Peter Pawlik, Musikalische Leitung: Emil Eliasson
Stil: Belcanto in deutscher Sprache, Opera Buffa

Veranstaltungstermine: Premiere: 2. August 2018Weitere Aufführungen: 4./5./8./10./11. und 12. August 2018, Beginn: 20:00 Uhr, Ende: 22:30

Veranstaltungsort (openair)
Schloss Tabor/Neuhaus am Klausenbach

jOPERA jennersdorf festivalsommer
Schloss Tabor
Taborstraße 3
8385 Neuhaus am Klausenbach
Tel.: +43 (0) 3329/43037
office@jopera.at
www.jopera.at

–| Pressemeldung J:Opera Jennersdorf |—

Gelsenkirchen, Musiktheater im Revier, Der Liebestrank – Gaetano Donizetti, IOCO Kritik, 14.05.2018

oper_gelsenkirchen.jpg

Musiktheater im Revier Gelsenkirchen

Musiktheater im Revier Gelsenkirchen © MiR Musiktheater im Revier

Musiktheater im Revier Gelsenkirchen © MiR Musiktheater im Revier

Der Liebestrank – Gaetano Donizetti

 Semperoper und MiR – Vereint im Liebestrank

Von Viktor Jarosch

Gaetano Donizetti (1797–1848) war ein ungewöhnlicher Viel-Komponist: In seiner Schaffenszeit von nur 25 Jahren komponierte er über 70 Opern, Messen, Kantaten, Sonaten. Er formte, in heftiger Konkurrenz mit Vincenco Bellini (1801–1835), eine musikalische Brücke zwischen Gioacchino Rossini und Giuseppe Verdi wie den Weg vom modischen Belcanto zur differenzierenden musikalischen Charakter-Dramatik. Im September 1830, mit seiner 32sten Oper Anna Bolena, Librettist Felice Romani, wurde Donizetti  bekannt. Weitere sechs Opern hatte Donizetti komponiert bis, im Mai 1832, die in drei Wochen entstandene Oper L´Elisir d´amore, Der Liebestrank den wahren Durchbruch brachte. Er wurde weltberühmt. Der Liebestrank gehört seither zu den meist gespielten Werken auf großen wie kleinen Bühnen des Globus. Der große Erfolg überraschte selbst Donizetti.

Musiktheater im Revier / Liebestrank - hier : Nemorino und die Belcores © Pedro Malinowski

Musiktheater im Revier / Liebestrank – hier : Nemorino und die Belcores © Pedro Malinowski

„Meistermacher“ des Liebestrank war wie bei Anna Bolena, Librettist Felice Romani.  Romani suchte beständig nach neuen Sujets für Donizetti und den schon damals schnelllebigen italienischen Opernmarkt. Das spritzige Libretto des französischen Dramaturgen Augustin Eugène Scribe begegnete ihm; Daniel Auber hatte daraus die in Frankreich erfolgreiche Oper Le Philtre geschrieben. Romani übernahm das Libretto nahezu wörtlich ins italienische, füllte es mit „Buffo-Arien“, welche Donizetti filigran komponierte und instrumentierte: Fertig war L´Elisir d´amore! In einem Monat.  Der folgende große Erfolg überraschte selbst Donizetti.

Belcore, Dulcamara – Bereiter von Lebensvielfalt

Michael Schulz, Regisseur des Liebestrank (NB: Schulz ist auch Intendant des Musiktheater im Revier, MiR) schuf diese Inszenierung zuvor für die Semperoper Dresden; mit Dirk Becker (Bühne) und Renée Listerdal. Schulz´ Paradigma der Inszenierung: Die Befreiung richtungsloser, mental gefangener Menschen, Charaktere aus der Einfalt des Lebens, aus selbst-gewählter Beschränkung in eine lebende, farbige, sich zum Besseren ändernde Welt. Nemorino, Belcore, Dulcamara sind in Schulz‘ Inszenierung die Katalysatoren der Veränderung: Facettenreichtum und farbige Kreativität in Choreographie, Bühnenbild und Kostümen schaffen eine mitreißende Inszenierung. Liebestrank in Gelsenkirchen ist so mehr als pausbackige Komische Oper, keine biedere  Opera Buffa, wenn ihn auch Belcanto und Frohsinn prägen.

Musiktheater im Revier / Liebestrank - hier : Dulcamara und sein Rotwein alias Liebestrank © Pedro Malinowski

Musiktheater im Revier / Liebestrank – hier : Dulcamara und sein Rotwein alias Liebestrank © Pedro Malinowski

Dem Besucher begegnet zur Ouvertüre der der alt-keltischen Sage um Tristan und Isolde entstammende Liebestrank:  Mit wagnerianischen Alliterationen, projiziert auf dem Bühnen-vorhang: „Und Tristan trank den trüben Trunk…..“  , welche mit einem irritierenden „Ha?“ endeten. Das erste Bühnenbild beginnt verhalten; es zeigt einen etwas herunter gekommenen Ballsaal, Tische mit Nummernlämpchen, verriegelte Türen und Fenstern: Eine bunte aber richtungslose Gemeinschaft, tanzt, küsst, stolpert, fällt darin, doch merkwürdig ziellos. Es ist eine Gesellschaft, der Freude am Leben, an partnerschaftlichen Beziehungen, an der Farbe in ihrem Leben verloren ging.  Nur der schüchterne, wie verloren wirkende Nemorino wird noch von Gefühlen, Liebe geleitet und betet in seiner ersten  Arie Quanto è bella, quanto è cara !  Più la vedo, e più mi piace ..Welche Schönheit, welche Reize…“,  die  ebenfalls teilnahmslos, abwesend wirkende Adina an: Die gefühlsarme Gemeinschaft dreht Nemorino den Rücken zu, ignoriert ihn, buht ihn aus. Auch Adina nimmt Nemorino nicht wahr, erzählt stattdessen über den Liebestrank:  „Della crudele Isotta, il bel Tristano ardea…. Tief von Isoldens Reizen  war Tristans Herz getroffen“. Man lebt blutlos, freudlos, wie in Trance.

Musiktheater im Revier / Liebestrank - hier : die Belcores feiern Adina © Pedro Malinowski

Musiktheater im Revier / Liebestrank – hier : die Belcores feiern Adina © Pedro Malinowski

Ein wunderbarer Regie-Clou leitet den Wandel der Gemeinschaft zu lebensfrohem, farbigem Leben sichtbar ein: Von magischer Hand geführt schneidet eine Säge eine Öffnung in den Boden. Dieser Öffnung entsteigen, noch in farbloser Malerkluft, Belcore (Michael Dahmen) und acht weiteren Belcores. Auf der Bühne reißen die Belcores ihre Kluft herunter, um mit Helmbusch, prachtvollen Uniformen und mitreißenden Choreographien  (Sebastian Schiller)   reales Leben im Farbe und Sprache zu zeigen: „Keine Frau widersteht dem Anblick eines Helmbusches!“. Ein verloren einsam wirkender Klavierspieler (Askan Geisler) schlurft immer wieder zur Bühnenmitte, um dort Träume in Form eines Luftballons in den Himmel steigen lässt, der kurz darauf zerplatzt auf die Bühne zurück fällt. Doch frohes, neues Leben ist unwiderruflich in die Gemeinschaft zurückgekehrt:  Die Belcores ziehen sich zur Ruhe in ein winziges Zelt zurück, welches beständig verräterisch schaukelt, aus welchem Hände Adinas Bein begrapschen.  Spektakulär verformt sich sodann das Bühnenbild mit dem Erscheinen des Quacksalbers Dulcamara:  Trommelwirbel; der riesige Bug eines Schiffes bricht sich durch die Seitenwand auf die Bühne; aus einer mit glitzernden Lichtern behangenen Türe am Boden des Bugs erscheint Dulcamara: „Kauft meine Medizin….Wollt ihr glatte Haut haben…“. Die noch seelenarme Gemeinschaft horcht…, Nemorino bittet Dulcamara um Tristan und Isoldes Liebestrank.., Belcore erhält einen Marschbefehl..  Ein spektakulär durch die Bühnendecke brechender riesiger Kronleuchter beendet den ersten Akt und zeigt auch, warum diese Produktion in Dresden erfolgreich war.

Der zweite Akt wird dann endgültig zum Stimmenfest, zur herrlichen Opera Buffa: Ein langer gedeckter Tisch mit viel Spaghetti und Rotwein, an welchem die neun Belcores italienisch ausgelassen Hochzeit feiern während sich Adina sichtbar unwohl fühlt; Nemorino bettelt in seinen Liebesnöten Dulcamara erneut um den Liebestrank; verdingt sich bei den Belcores (abermals mit starker Choreographie)  als Soldat;  nebenan feiern die Frauen Nemorina als reichen Heiratskandidaten: „Ist eine gute Partie“. Pralles wie vielseitiges Leben wird allgegenwärtig, ist sichtbar, spürbar, bis zum allseits bekannt guten Ende: der Hochzeit von Nemorina und Adina.

Musiktheater im Revier / Liebestrank - hier : Nemorino wird ob der Erbschaft von Frauen umschwärmt © Pedro Malinowski

Musiktheater im Revier / Liebestrank – hier : Nemorino wird ob der Erbschaft von Frauen umschwärmt © Pedro Malinowski

Das MiR überrascht erneut: Selbst höchst anspruchsvolle  Opern „stemmt“ das inmitten des Ruhrgebietes liegende, finanziell beschränkte MiR meist mit dem eigenen Ensemble; so auch diesen Liebestrank. Die Koreanerin Dongmin Lee kokettiert als Adina spielerisch mit perlenden, lyrisch sanften wie dramatischen Koloraturen; ist  stimmlicher Höhepunkt des Abends. Mit bleibend ungestresster Natürlichkeit in ihren anspruchsvollen Arien vermittelt Dongmin Lee farbiges italienischen Belcanto voller Menschlichkeit und Charme. Ibrahim Yesilay als Nemorino füllte seine große Partie – schüchtern oder mutig weil voll des Liebestranks – darstellerisch und mit wohl timbrierten lyrischem Tenor; einschließlich der großen romantischen Arie Una furtiva lagrima. Auch Michael Dahmen als Belcore wie Joachim Maaß als Dulcamara überzeugen in ihren Partien darstellerisch wie stimmlich. Lina Hoffmann ist in ihrer stimmlich eher kleinen Partie als Gianetta szenisch wie auffällig präsent. Der große wie viel beschäftigte Chor (Alexander Eberle) klingt stets homogen. Thomas Rimes führt die Neue Philharmonie Westfalen lebendig und mit den differenzierenden Pianos sehr sängerfreundlich.

Musiktheater im Revier / Liebestrank - hier : Premierenapplaus © ioco

Musiktheater im Revier / Liebestrank – hier : Premierenapplaus hier von links Belcore, Adina, Nemorino, Dulcamara und Gianetta © ioco

Das Gelsenkirchener MiR-Publikum feierte Darsteller wie Inszenierung mit großem Beifall: Zum Ende der Vorstellung ohnehin; doch viel umfangreicher in der folgenden MiR-traditionellen Premierenfeier. Zu später Stunde beklatschten dort mehrere hundert Besucher die Ausführungen von Intendant / Regisseur Michael Schulz zu Darstellern und Inszenierung, bei Essen und guten Getränken. Es war deutlich spürbar: Die Besucher feierten nicht nur Darsteller und Inszenierung; sie feierten auch „ihr“ MiR.

Der Liebestrank im Musiktheater im Revier: weitere Vorstellungen 19.5.; 27.5.; 1.6.; 3.6.; 23.6.; 24.6.; 7.7.2018

—| IOCO Kritik Musiktheater im Revier |—

Nächste Seite »