Mannheim, Nationaltheater, La Cenerentola – Gioacchino Rossini, IOCO Kritik, 07.01.2019

Januar 8, 2019 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Nationaltheater Mannheim, Oper

Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

La Cenerentola – Gioacchino Rossini

– Brautschau mit Hindernissen –

Von Uschi Reifenberg

Es war einmal ein berühmter italienischer Opernkomponist im 19. Jahrhundert mit dem Namen Gioacchino Rossini, der sich entschloss, einen der schönsten Märchenstoffe zu einer Oper zu verarbeiten, nämlich die Geschichte vom Aschenputtel, italienisch La Cenerentola.

La Cenerentola – Als phantastisch-bunte Familienoper 

Für Kinder ab acht Jahren, aber dennoch „Eine Märchenoper für viele Generationen“ wie im Programmheft zu lesen ist, brachte das NTM in einer rundum gelungenen Produktion vom Konzert Theater Bern in der Inszenierung von Cordula Däuper, Neueinstudierung: Claudia Plaßwich, auf die Bühne des Opernhauses ( Premiere: 1.11.17). Wenn man am Ende der Vorstellung glücklich und beschwingt das Theater verlässt, bedauert man in der Tat, dass dies die letzte Aufführung in dieser Spielzeit gewesen ist…

Der komplexe und viel verarbeitete Aschenputtel Stoff hat durch die Jahrhunderte nichts von seiner Faszination und Beliebtheit eingebüßt und bewegt bis heute die Gemüter von Jung und Alt. 1697 erscheint in Frankreich Charles Perraults bedeutende Märchensammlung, in welcher die Geschichte vom Aschenputtel unter dem Titel Cendrillon erstmalig erwähnt ist.

La Cenerentola   –  Gioacchino Rossini
Youtube Trailer des Nationaltheater Mannheim
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

1812 veröffentlichen die Gebrüder Grimm in Deutschland ihre weltberühmte Sammlung, das Märchen vom Aschenputtel weicht bei den Brüdern von der französischen Urfassung lediglich in Details ab, auch Ludwig Bechstein übernahm den Stoff 1845 in sein Deutsches Märchenbuch. Der Walt- Disney Zeichentrickfilm Cinderella gelangte 1950 zu Weltruhm, der 1973 produzierte tschechische Märchenfilm Drei Haselnüsse für Aschenbrödel erlangte ebenfalls Kultstatus.

2015 nahm sich Hollywood noch einmal der Aschenputtel Story an, die Walt- Disney-Studios produzierten unter der Regie von Kenneth Branagh eine vielgelobte Neuverfilmung, besetzt mit hochkarätigen Schauspielern.

Unter den zahlreichen Opern-Bearbeitungen des Aschenputtel Stoffes wie beispielsweise der frühen Vertonung von 1759 durch Jean-Louis Laruette Cendrillon, bis zu Cinderella von Peter Maxwell Davies im Jahre 1980, ist zweifellos Gioacchino Rossinis komische Oper in zwei Akten die bedeutendste und populärste Adaption.

Gioacchino Rossini in Paris © IOCO

Gioacchino Rossini in Paris © IOCO

Gioacchino Rossini ( 1792-1868), einer der produktivsten und flexibelsten Komponisten des italienischen Belcanto und unangefochtener Meister der Opera buffa, erlangte bereits im Alter von 24 Jahren Weltruhm mit einem seiner Meisterwerke, dem Barbier von Sevilla, der ein Jahr vor Cenerentola uraufgeführt wurde. Rossini schuf innerhalb von 19 Jahren 39 Opern, die in ganz Europa gefeiert wurden und führte die Gattung der Opera buffa im 19. Jahrhundert zugleich zum Höhe- und Endpunkt, bevor die Musikdramatiker Wagner und Verdi die führende Rolle in der Opernwelt übernahmen. Ab 1829 zog er sich vom Opernschaffen weitgehend zurück, widmete sich der Lehrtätigkeit sowie auch seiner vielgerühmten Kochleidenschaft und komponierte nur noch vereinzelt Kammermusik.

La Cenerentola ossia la bontà in trionfo, Aschenputtel oder der Triumph der Herzensgüte, wie der komplette Titel lautet, wurde in 24 Tagen komponiert und 1817 in Rom uraufgeführt, die Komposition basiert auf dem Libretto von Jacopo Ferretti nach der Märchenfassung von Charles Perrault. Die Oper verzichtet gegenüber dem Märchen auf Magisches und Mystisches und stellt das Element des Komischen in den Vordergrund. Die gute Fee wird beispielsweise durch den Pädagogen Alidoro ersetzt, es gibt auch keinen Kürbis, der sich in eine Kutsche verwandelt, und der alles entscheidende Ballschuh wird bei Rossini in einen Armreif getauscht, in der Mannheimer Produktion wird er dann allerdings doch wieder zum Schuh…

Nationaltheater Mannheim / La Cenerentola - hier :  Clorinda, Aschenputttel und Tisbe © Hans Joerg Michel

Nationaltheater Mannheim / La Cenerentola – hier : Clorinda, Aschenputttel und Tisbe © Hans Joerg Michel

Die Inszenierung von Cordula Däuper besticht durch eine perfekt ausgefeilte Personenführung, angereichert mit reichlich Comedy und Slapstic und setzt auf herrlich ironisch-groteske Überzeichnung der Figuren im Stil der Commedia dell’ arte. Däuper überrascht mit einer an Walt Disney orientierten Ästhetik, und zitiert beispielsweise das berühmte Schloss aus dem Cinderella Film, für welches Neuschwanstein Pate stand. Nicht Deutung, sondern lustvolle Unterhaltung steht im Vordergrund. Zauber- und Märchen-Requisiten kommen an passenden Stellen zum Einsatz, wo sie für jene magischen Momente sorgen, die vor allem bei den jüngeren Zuschauern für hörbares Vergnügen sorgen: eine fliegende prunkvolle blaue Kutsche mit Zauberpferd, ein Goldesel, ein großer roter Damenschuh oder ein hinreißendes weißes Ballkleid, das vom Himmel direkt in Aschenputtels Arme herabschwebt oder riesige gemalte Tauben, die in die Wolken flattern.

Die Sänger- Darsteller agieren virtuos, mit ausgelassener Spielfreude und atemberaubendem Tempo, scheinen selbst in den Sog der Rossini-Musik zu geraten, in welchen sie das amüsierte Publikum gekonnt mit hineinziehen. Während der Ouvertüre sieht man ein überdimensionales Buch, dessen Seiten von Cenerentola und dem „Spiritus rector“ Alidoro aufgeschlagen werden. Eine große, verzierte Texttafel als unverzichtbarer Bestandteil des Bühnenbildes liefert nicht nur den laufenden Text in Deutsch-, gesungen wird in italienischer Sprache-, sondern kommentiert auch in witziger Weise das Bühnengeschehen, die Geschichte kann also beginnen:

Nationaltheater Mannheim / La Cenerentola - hier: Joshua Whitener, Valentin Anikin, Herrenchor des NTM © Hans Joerg Michel

Nationaltheater Mannheim / La Cenerentola – hier: Joshua Whitener, Valentin Anikin, Herrenchor des NTM © Hans Joerg Michel

Die Schwestern Clorinda und Tisbe, zwei zickige Gören, hausen zwischen herumliegenden Holzbrettern und einem herabgefallenen Kronleuchter im abbruchreifen Hause ihres überschuldeten Vaters Don Magnifico (Bühne: Ralph Ziegler) und streiten sich um die Vorzüge ihrer Schönheit und Begabung. Sie haben angesagte Frisuren, schrillen Kopfschmuck und tragen opulente quietschbunt- aufgeblähte Ballkleider (Kostüme: Sophie du Vinage), jederzeit abrufbereit für den potenziellen Prinzen, der sie vom Fleck weg heiratet. Ihre Stiefschwester Cenerentola alias Angelina hingegen, mit üppiger Blondmähne, in Fetzen gewandet, wird als Dienstmagd gehalten und übel gemobbt.

Don Magnifico, ein abgehängter trotteliger Adliger in Unterwäsche und Krawatte, träumt von einem Goldesel, der ihn vor der drohenden Insolvenz rettet und prompt steigt ein Esel aus der Versenkung hinauf in den Bühnenhimmel, aus dessen Hinterteil Goldstücke herabfallen und die Wohnstube überfluten. Schon kündigt sich die Erfüllung des Glückstraumes der sozial Entrechteten an, denn der Prinz des Landes, Don Ramiro, sucht eilig eine Frau und lädt alle Schönen auf einen Ball in sein Schloss. Die Schwestern sind absolut siegessicher, auserwählt zu werden, auch der Vater wähnt sich am Ziel seiner Wünsche. Zuvor aber will der junge Prinz mit Goldkrone auf dem blondgelockten Haupt noch testen, ob die künftige Gefährtin nicht nur Schönheit, sondern auch Herzensbildung besitzt und er nicht nur wegen seines Ranges, sondern um seiner selbst Willen geliebt wird. Also tauscht er mit seinem Diener Dandini die Kleider und den Status und begibt sich in das Haus von Don Magnifico. Dandini ist ein cooler Machotyp mit hippem hochfrisiertem Hairstyling und genießt die Freiheiten, die ihm der Rollentausch erlaubt. Im Hause von Don Magnifico trifft der Prinz in seiner Verkleidung auf die Dienstmagd Aschenputtel und die beiden verlieben sich auf der Stelle. Clorinda und Tisbe machen sich zum Ball bereit, verleugnen aber Aschenputtel und verbieten ihr vehement, sie zu begleiten. Der kluge Strippenzieher Alidoro, ein Intellektueller mit Strickmütze, verspricht ihr zu helfen.

Im Palast des Prinzen angekommen, wird Don Magnifico zugleich zum königlichen Weineinschenker ernannt, da er sich bereits durch den Weinkeller des Prinzen gezecht hat und sein Amt – schwer angeheitert- auf einem überdimensionalen Fass sitzend, fröhlich ausübt. Die beiden Schwestern umwerben heftig den Prinzen alias Dandini, da erscheint auf dem Fest eine unbekannte verschleierte Schönheit in einem traumhaften Ballkleid, deren Ähnlichkeit mit Aschenputtel alle verblüfft und für heillose Verwirrung sorgt.

Der vermeintliche Prinz umwirbt die unbekannte Schöne, diese bekennt jedoch, bereits einen anderen zu lieben. Als Ramiro, der die Situation belauscht hat, ihr einen Heiratsantrag macht, lehnt sie ab. Sie überreicht ihm ihren roten Schuh, und fordert ihn auf, sie zu suchen. Aschenputtel wagt hier den Schritt aus Unterdrückung und Abhängigkeit, der ihr den sozialen Aufstieg ermöglicht kann und sie zur selbstbestimmten, liebenden Frau reifen lässt. Dandini und Ramiro schlüpfen nun wieder in ihre wahren Identitäten, die anderen Familienmitglieder müssen zu ihrem Ärger feststellen, leider die Falschen umworben zu haben.

Der echte Prinz macht sich in einer prunkvollen blauen Pferdekutsche auf, seine Angebetete zu suchen, die Kutsche samt Pferd erhebt sich daraufhin wie von Zauberhand geführt in die Lüfte und entschwebt.

Nationaltheater Mannheim / La Cenerentola - hier :  die Hochzeit  Ensemble © Hans Joerg Michel

Nationaltheater Mannheim / La Cenerentola – hier : die Hochzeit  Ensemble © Hans Joerg Michel

Ein Gewittersturm bricht herein, infolgedessen die Zauberkutsche aus der Flugbahn geraten ist, der Prinz und Alidoro flüchten sich ins Haus von Don Magnifico, um Schutz zu suchen. Dort erkennt Ramiro sofort Aschenputtel wieder und steckt ihr den zweiten roten Schuh an den Fuß. Nun wird Hochzeit gefeiert, das Brautpaar darf – siehe FOTO oben – lilafarben umstrahlt- (Licht: Christian Wurmbach), gefeiert vom Volk, in das rosafarbene Walt Disney Schloss einziehen. Die neidische Verwandtschaft- in schwarzer Trauerkleidung und Sonnenbrille- scheint zunächst dazu verdammt zu sein, den Glanz des Traumpaares nicht nur zu bewundern, sondern auch dafür zu sorgen, dass dieser nicht verblasst. Zähneknirschend polieren und putzen sie nun an der Fassade von Aschenputtels neuer prachtvoller Behausung.

Aber die frisch Vermählte in ihrem Glück, verzichtet auf Rache und verzeiht großmütig ihrem Vater und den Stiefschwestern. Nun gibt es für alle ein rauschendes Happy End und wenn sie nicht gestorben sind …, dann sehen wir sie in der nächsten Spielzeit wieder.

Das Nationaltheater Orchester im erhöhten Graben entfaltet unter seinem Dirigenten Matthew Toogood einen federnden, transparenten und biegsamen Rossini Sound, mit bestechender rhythmischer Präzision, mitreißenden, aber immer kontrollierten Tempi und rauschhaften Steigerungen. Toogood bringt den Farbenreichtum der Rossinischen Partitur zum Blühen, vertraut der üppigen Melodik und zelebriert beglückend schwebende Koloraturen. Er setzt auf wohl dosierte Effekte, und dimmt, wenn nötig, das Orchester zugunsten der Solisten auf das entsprechende Klangniveau. Kleine Unstimmigkeiten zwischen Bühne und Graben sind zu verzeihen.

Als hübsches zierliches Blondpüppchen berührt Sofia Koberidze in der Rolle des Aschenputtel mit innigem Schmelz und glasklaren, akkuraten Koloraturen. Sie vermittelt glaubhaft die Entwicklung vom unscheinbaren Mauerblümchen zur gütigen selbstbewussten Frau.

Ludovica Bello als schlaksige hochgewachsene Tisbe ist eine Intrigantin wie aus dem Bilderbuch, mit ausdrucksstarker Mimik und Körpersprache, ihr flexibler Mezzo funkelt mühelos in allen Lagen. Ihre Schwester Clorinda als quirlige, kichernde Zicke mit albernem ausuferndem Kopfschmuck wird von Ji Yoon mit hauchzarten Silbertönen ausgestattet. Die anspruchsvolle Partie des Prinzen ist bei Christopher Diffey bestens aufgehoben, sein angenehm timbrierter lyrischer Tenor schwingt sich in höchste Höhen, die Koloraturen perlen fast immer locker und klar.

Joachim Goltz zieht als Vater Don Magnifico alle Register seines komödiantischen Talents. Der vielseitige Bariton überzeugt einmal mehr sowohl mit kraftvollen heldischen Ausbrüchen als auch mit spielerischer Leichtigkeit. Die meisten Lacher erntet Ilya Lapich in der Rolle des Dieners Dandini, er beherrscht nicht nur alle Tanzstile von barock bis Luftgitarre, sondern amüsiert auch als buffoneske Figur par excellence mit edlem, weichen Bariton. Der Lehrmeister des Prinzen, Alidoro, wird von Dominic Barberi mit satten Basstiefen überzeugend ausgestattet. Der Herrenchor unter der Leitung von Dani Juris lässt auch diesmal keine Wünsche offen.

Nach dieser umjubelten Vorstellung im ausverkauften Opernhaus am Silvester-Vorabend, blickt man mit Spannung auf weitere Sternstunden am Nationaltheater Mannheim im neuen Jahr 2019!

La Cenerentola:  Zur Zeit keine weiteren Termine am Nationaltheater Mannheim

—| IOCO Kritik Nationaltheater Mannheim |—

Hildesheim, Theater für Niedersachsen, 2019 Neujahrskonzert – Wir können auch anders.., IOCO Kritik, 07.01.2019

TFN_Logo neu.jpg

Theater für Niedersachsen

Theater für Niedersachsen / Stadttheater Hildesheim © Andreas Hartmann

Theater für Niedersachsen / Stadttheater Hildesheim © Andreas Hartmann

Theater für Niedersachsen – 3.1.2019 – Neujahrskonzert

  „Wir können auch anders: Schlager, Schnulzen und Schmonzetten“

Von Randi Dohrin

Musik löst nicht nur Assoziationen aus, Musik hinterlässt Eindrücke, Gefühle und Empfindungen. Sie ist der schattierungsreiche Spiegel eines bunten Lebens, wie am 3. Januar 2019 im Theater für Niedersachsen in Hildesheim zu erleben war.

Unter der engagierten Leitung und charmanten Moderation seines Generalmusikdirektors Florian Ziemen, flossen Kompositionen unterschiedlichster Epochen und Genres aus beinahe 200 Jahren harmonisch zu einem Ganzen zusammen.

„Wir können auch anders: Schlager, Schnulzen und Schmonzetten“, so das Motto des diesjährigen Neujahrskonzerts, in welchem der TfN-Philharmonie und seinen Gesangssolisten Meike Hartmann, Neele Kramer, Levente György und Uwe Tobias Hieronimi der Spagat zwischen der sogenannten ernsten und unterhaltenden Musik auf hohem Niveau gelang.

Mitreißend swingend präsentierte sich die Philharmonie in einem nuancenreichen Programm als Tanzorchester sowie die Solisten als Musical- und Schlagersänger stilsicher, wie bei Klängen der großen Oper oder klassischem Konzertsaal.

 TfN Neujahrskonzert 2019 © Randi Dohrin

TfN Neujahrskonzert 2019 © Randi Dohrin

Die glänzend und voller Esprit aufspielende Philharmonie des TfN Hildesheim, eröffnete den vielfältigen musikalischen Reigen mit schwungvollen Rhythmen und gefühlvollen Klängen aus Robin Hood und seine fröhliche Schaar sowie der „Liebesszene“ aus der Robin Hood Suite von Erich Wolfgang Korngold (1897 – 1957).

Mit ihrem warmen klangvollen, in allen Lagen ausgeglichenem Mezzosopran, gestaltete Neele Kramer das geheimnisvolle Liebeslied „Speak low“ von Kurt Weill (1900 – 1950) auf einen Text von Ogden Nash. Sie entführte musikalisch das Publikum in die Welt des Broadway-Musicals One touch of Venus, für das dieser Song komponiert wurde.

Mit der Balletteinlage La danca delle ore von Amilcare Ponchielli (1834 – 1886) setzte die TfN-Philharmonie die Reise durch die epochalen Klangwelten fort und musizierte mit schwebenden Harfenklängen dieses bekannte Werk grazil durchsichtig und tänzerischer Leichtigkeit.

Die Zeit schien still zu stehen, als die Streicher und Harfe des TfN-Orchesters mit dem melodramatischen Adagietto aus der 5. Sinfonie Gustav Mahlers (1860 – 1911) langsam und doch fließend eine völlig andere, in die Tiefe gehende, Stimmung erzeugten.

Aufmunternd, mit wienerischem Verve, sang Meike Hartmann die bekannten Brettl-Lieder mit Unterstützung des Orchesters. In einer spätromantischen Tonsprache des Schöpfers der Zwölftontechnik, Arnold Schönberg (1874 – 1851), erklangen schwelgerisch die „Arie aus dem Spiegel“ auf einen Text von Emanuel Schikaneder und „Der genügsame Liebhaber“, Text von Hugo Salus.

Mit Gioacchino Rossinis Liebesangelegenheit „Katzenduett“, endete fröhlich humorvoll der erste Teil dieser musikalisch abwechslungsreichen Einstimmung auf das neue Jahr. Die Katzen Meike Hartmann und Neele Kramer sowie die Kater Levente György und Uwe Tobias Hieronimi benötigten Noten um ihren komplizierten Text, der nur „MIAU“ umfasste, nicht zu vergessen. Herrlich!

Nach der Pause eröffnete Carmen gleich dreimal den zweiten Teil des Neujahrskonzerts: Rhythmisch temporeich faszinierte Georges Bizets Prélude aus der Oper Carmen. Gleich danach trat Neele Kramer als Carmen in roter Stola und roten Pumps auf die Bühne und sang mit verführerisch geschmeidigem Mezzosopran „Lass mich einmal deine Carmen sein“ von Friedrich Hollaender (1896 – 1976), während Uwe Tobias Hieronimi Carmen flehentlich um einen Tag Ruhe bat mit Max Raabes (1962) Song „Carmen, hab erbarmen, ich bin müde“.

Die Pantöffelchen  –  2019 auf dem TfN Spielplan
Youtube Trailer des Theater für Niedersachsen
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Anregend leicht, zum Mitschwingen und Mittanzen, folgte die Transkription auf den Welthit „Tea for Two“ für großes klassisches Orchester von Dimitri Schostakowitsch (1906 – 1975). Einer Wette folgend, orchestrierte Schostakowitsch in weniger als 60 Minuten das Lied „Tahiti Trot“ op. 16, das am 25.11.1928 in Moskau uraufgeführt wurde.

In letzter Minute erhielt das TfN Hildesheim, die Noten zu Pablo Beltran Ruiz (1915 -2008) Evergreen „Sway“, das im herrlichen Marimba-Rhythmus von Uwe Tobias Hieronimi und dem TfN-Orchester zu Gehör gebracht wurde.

Die Begeisterung des Publikums war fast nicht mehr zu bremsen nach dieser gelungenen Darbietung, dem das entzückende und letzte Werk „Funiculi, Funicula“, oder Seilbahn rauf, Seilbahn runter, op. 63, von Nicolai Rimsky-Korsakow (1844 – 1908) folgte.

Arrangements für die ganz große Oper als Überleitung eines schmissigen Schlager-Medleys rissen das Publikum von ihren Stühlen. „Dein ist mein ganzes Herz“ verschmolz mit dem Schlager „ Marmor, Stein und Eisen bricht“, der die Zuhörer ebenso zum singenden Publikum werden ließ, wie Rossinis Barbier von Sevilla, der nahtlos den „Nippel durch die Lasche“ zog.

Kurzweilig, facettenreich und amüsant, zum Teil unter Einbeziehung eines singenden, pfeifenden und klatschenden Publikums, wurde das Jahr 2019 mit diesem Neujahrskonzert begrüßt.

Zwei Zugaben „Always Look!“ und „Radetzky Marsch“ nach stehenden, nicht enden wollenden Ovationen eines begeisterten Publikums.

Frohes NEUES JAHR 2019 wünscht das TfN

—| IOCO Kritik Theater für Niedersachsen |—

Lüttich, Opéra Royal de Wallonie-Liège, Le Comte Ory – Gioacchino Rossini, IOCO Kritik, 28.12.2018

Opéra Royal de Wallonie-Liège © Opéra Royal de Wallonie-Liège.

Opéra Royal de Wallonie-Liège © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Opéra Royal de Wallonie-Liège

Le Comte Ory Gioacchino Rossini

Ory:  Frauentrost in froh clownesker Tolpatschigkeit

Von Ingo Hamacher

Gioacchino Rossini Monument in Paris © IOCO

Gioacchino Rossini Monument in Paris © IOCO

Nicht jeder schreibt 40 Opern; nicht jeder wird an einem 29. Februar geboren; nicht jedem gelingt es, mit seiner Kunst zu sagenhaftem Ruhm und Reichtum zu gelangen und nicht jeder lehnt sich mit 37 Jahren in seinem Sessel zurück und verkündet, zukünftig auf sein künstlerisches Schaffen zu verzichten und sich (die nächsten 40 Jahre) ausschließlich dem Genuss und dem Kochen zuzuwenden. Nicht jeder?

Eigentlich gibt es nur einen, auf den diese Beschreibung passt: Gioacchino Rossini (1792 – 1868).  Die letzten Opern seines Lebens komponierte Rossini in Paris, wo er sich endgültig niedergelassen hatte und schnell zum wahren Beherrscher der Grande Opéra aufstiegt. Und so schrieb er sowohl den Comte Ory wie auch den Guillaume Tell in französischer Sprache.  Das Textbuch zum Graf Ory stammt vom vielvertonten Librettisten Eugéne Scribe und wurde vom französischen Librettisten Delestre-Poirson für Rossini geschickt zurecht gemacht, wobei nach „Pariser Art“ Frivolitäten vorkommen, die in den italienischen Werken jener Jahren nicht zu finden sind.

Le comte Ory  –  Gioacchino Rossini
Youtube Trailer der  Opéra Royal de Wallonie-Liège
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Zur in Reims stattfindenden Krönung Karls X. im Jahre 1825 hatte Rossini Il viaggio a Reims (Die Reise nach Reims) komponiert. Zu dieser – nie stattfindenden – Reise kommen Reisende aus ganz Europa im „Gasthof zur goldenen Lilie“ zusammen, von wo aus sie die gemeinsame Weiterfahrt zum großen Fest antreten wollen. Da aber keine Pferde aufzutreiben sind bleibt nicht anderes übrig, als das Fest an Ort und Stelle im Gasthof zu feiern, wobei jeder musikalische Grüße aus seinem Land überbringt.

Dieses Werk, voll von Charme, Witz und musikalischer Bedeutung, wollte Rossini als Anlassoper nicht völlig aufgeben, sondern rettete die wichtigsten Einzelnummern anlassunabhängig in den Plan, eine leichte komische Oper über einen gefährlichen Verführer zu schreiben; Le Comte Ory mit Namen.

Die Umarbeitung der bestehenden Partien erwies sich für Rossini als aufwendiger, als die Neukomposition des Fehlenden, da Rossini durch die neu gewonnene Meisterschaft im Umgang mit der französischen Rezitativ- und Ensemblebehandlung nicht hinter seinen Fähigkeiten zurückstehen wollte, bis dass er die Komödie zu einem vollgültigen Meisterstück gestaltet hatte.

Le Comte Ory , eine „opéra comique“, ist eines der vollendetsten Werke Rossinis mit glänzenden Ensembles, geistvollen Nuancen und wunderschöner Melodien, wobei das Terzett „A la faveur de cette nuit obscure“ (Im Schutz dieser dunklen Nacht) den Höhepunkt der Oper als letzte Nummer vor dem Finale bildet, bei dem der Comte Ory sich in den Armen seiner angebeteten Gräfin glaubt, jedoch von dieser und seinem Pagen Isolier genarrt wird. Aus dieser großartigen Vorlage gestalten die Opéra Royal de Wallonie- Liège, die Opéra Comique, Paris, und der Opéra Royal-Château de Versailles Spectacles einen großartigen und äußerst witzigen Opernabend.

Opéra Royal de Wallonie-Liège / Le comte Ory - hier : A. Siragusa als Graf Ory  und J. Devos als Adèle  © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Opéra Royal de Wallonie-Liège / Le comte Ory – hier : A. Siragusa als Graf Ory  und J. Devos als Adèle  © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Die Welt steht Kopf. Es ist Krieg. Heiliger Krieg. Seit 5 Jahren sind die Männer fern der Heimat in Israel, um Jerusalem von den Sarazenen zu befreien. Bilder von Ölgemälden, die Schlachten der Soldaten darstellend, werden zur Ouvertüre auf den Vorhang projiziert. Den daheim gebliebenen, einsamen Frauen, fehlt es an Unterstützung, Zuspruch und weiteren Freuden, die sie mit den Männern erleben könnten. Aber auch die Kirche bietet keinen Halt. Die Priester sind ebenfalls im Feld; die Kirchen sind aufgelöst.

Musikalische Leitung des Abends: Jordi Bernàcer, der den Abend temperamentvoll gestaltet. Der Spanier ist seit 2015 Dirigent an der San Francisco Oper.

ERSTER AKT

Der sich öffnende Vorhang gibt den Blick frei auf eine betongraue, remisenhafte Halle, in der das Inventar einer aufgelassenen Kirche eingelagert ist: Ein Konvolut aus Kanzel, Beichtstuhl, Kreuz und Sakristeischränken; Figuren, Betstühlen und allem erdenklichen Zubehör. Hierhin hat sich Graf Ory, gesungen von Tenor Antonino Siragusa, zurück gezogen, um in Begleitung seines treuen Gefährten Raimbaud (Bass) als Einsiedler verkleidet den Frauen und Mädchen des Dorfes die Beichte abzunehmen, Trost zu spenden und ihnen neue Lebenslust zu vermitteln.

Der international tätige italienische Tenor Antonio Siragusa hat sich mit seinem umfangreichen Repertoire besonders auf die Interpretation von Rossini-Opern spezialisiert, und so singt und plappert er die rossinischen Dialoge mit einer Begeisterung und Perfektion, dass es eine Freude ist. Im Frauentrost ist Ory trotz seiner clownesken Tolpatschigkeit offensichtlich so gut, dass die Dorfbewohnerinnen in Scharen zu ihm strömen, um sich von den verschiedensten Nöten befreien zu lassen.

Opéra Royal de Wallonie-Liège / Le comte Ory -  hier :  das Ensemble © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Opéra Royal de Wallonie-Liège / Le comte Ory – hier : das Ensemble © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Leicht zerzaust, aber sichtlich glücklich, verlassen nicht weniger als 15 Frauen nacheinander seine Klause. Dabei ist es kaum das gute Aussehen, dass die Damen anlockt: Mit Knubbelnase und Umschnallbauch, die sich Ory als Tarnung zugelegt hat, ist er mit seinen verschiedenfarbigen Handschuhen eher eine eselhafte Erscheinung, als ein attraktiver Herzensbrecher.

Aber über seinen zarten tenoralen Schmelz in der Stimme hinaus scheint er auch noch gewisse weitere Begabungen und Fähigkeiten zu haben, die die Begeisterung der Frauenwelt erklärt… Schließlich hat der Graf Ory einen so furchtbar schlechten Ruf bei anständigen Damen, dass er bei weniger sittsamen Vertreterinnen des schönen Geschlechts großen Anklang findet. Die Aufseherin des nahegelegenen Schlosses Formoutier (Dame Ragonde: Alexise Yerna, belgischer Mezzosopran, in Rüschenkostüm und Hochfrisur unter beeindruckendem Hut) bittet den Eremiten, die junge, schöne, verwitwete Gräfin Adèle wegen eines unbekannten Leidens zu empfangen.

Auch ein junger Mann, Isolier (Hosenrolle, Josè Maria Lo Monaco, vielversprechender französischer Mezzosopran, ebenfalls auf Rossini-Opern spezialisiert), der Page von Graf Ory, sucht den Einsiedler auf, um sich dem Gottesmann (seinen Herrn erkennt er in der Verkleidung nicht) mit seinen Nöten anzuvertrauen. In Liebe zu der jungen Gräfin entbrannt, möchte der Knabe sich als Nonne verkleidet Zutritt zum Schloss verschaffen. Zudem bittet er den Eremiten, der Gräfin als Heilmittel die Liebe zu empfehlen. Ory segnet den Burschen und beschliesst, all dies selbst anzuwenden.

Adèle (Jodie Devos, dreißigjähriger belgischer Sopran, in der Zartheit und Schönheit des Gesangs fraglos die Stimme des Abends) kommt und berichtet dem Eremiten von dem Gelübde, den Rest ihres Lebens in keuscher Witwenschaft zu verbringen. Rasch entbindet sie Ory von diesem Schwur, doch weiter kommt er nicht; sein Erzieher nämlich hat Verdacht geschöpft und entlarvt den falschen Eremiten. Ein Bote meldet die baldige Heimkehr der Kreuzritter.

Opéra Royal de Wallonie-Liège / Le comte Ory -  hier :  Ensemble und Alexise Yerna als Dame Ragonde © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Opéra Royal de Wallonie-Liège / Le comte Ory – hier : Ensemble und Alexise Yerna als Dame Ragonde © Opéra Royal de Wallonie-Liège

ZWEITER AKT

Die nur in wenigen Akzenten veränderte schmucklose Halle des ersten Aktes, jedoch vollständig vom Kirchenzubehör geräumt, repräsentiert das Innere des Schlosses, in das sich Frauen zum Schutze ihrer Strohwitwenschaft verschanzt haben. Den berüchtigten Grafen Ory in der Nähe zu wissen, hat allgemeines Entsetzen ausgelöst.

Während eines schweren Gewitters hören sie von außerhalb Hilferufe: Pilgerinnen bitten um Einlass zum Schutz vor dem Wetter und den Nachstellungen des Grafen Ory, dessen Opfer sie angeblich geworden seien. Die Gräfin zögert nicht, die Ordensfrauen einzulassen und bis zum erwarteten Eintreffen ihres Bruders und der weiteren Männer am nächsten Tag zu beschützen.

Natürlich handelt es sich bei den frommen Schwestern um den verkleideten Grafen Ory und seine Mannen, die teilweise mit Vollbärten, hühnenhaften Gestalten und tölpelhaftesten Benehmen unter Beobachtung ihre ewigen Gebete murmeln, unbeobachtet jedoch über den Weinkeller des Schlosses herfallen und Saufgelage veranstalten. Ory nutzt jede Gelegenheit, um sich der Gräfin zu nähern.

Isolier hat sich inzwischen Zutritt zur Gräfin verschafft: er klärt sie auf, um wen es sich bei den Pilgerinnen handelt, und bietet sich an, ihr gegen Orys Nachstellungen Hilfe zu leisten. Dieser zögert nicht, im nächtlichen Dunkel die Gräfin aufzusuchen und sie zu hofieren. In dieser 10. Szene des zweiten Aktes kommt es – wie bereits gesagt – zum Höhepunkt der Oper: Isolier und die Gräfin verstecken sich vor Ory gemeinsam im Bett.

Ory tritt hinzu und antwortet auf die Frage, wer da sei: „Schwester Colette“. Er nimmt die Hand Isoliers, in der Meinung, es sei die Gräfin, presst sie an sein Herz, fällt auf die Knie und erklärt ihr seine Liebe. (Terzett: „A la faveur de cette nuit obscure“ (Für diese dunkle Nacht). Zu spät merkt Ory, dass er die ganze Zeit statt mit der Gräfin mit seinem Pagen gescherzt hat, als Trompeten die Rückkehr des Grafen und seiner Krieger melden. Ory und seine Kumpanen fliehen, Isolier aber bleibt im Schloss.

Langanhaltender, verdienter Applaus für eine großartige musikalische und gesangliche Leistung; großer Jubel für die drei Hauptrollen: Ory, Adèle und Isolier und großes Lob für das Produktionsteam.

Der englische Musikkritiker Henry F. Corley (1808-1872) urteilt: „In Le Comte Ory gibt es keine einzige schlechte Melodie und keinen einzigen anzweifelbaren Takt.“ und so kann man in dieserwunderbaren Inszenierung einen äußerst gelungenen Opernabend genießen, mit viel Witz, Klamauk und wunderschöner Musik. Äußerst lohnend!

Opéra Royal de Wallonie-Liège / Le comte Ory - hier : L. Kubla als Le gouverneur © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Opéra Royal de Wallonie-Liège / Le comte Ory – hier : L. Kubla als Le gouverneur © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Eine Produktion der:  Opéra Royal de Wallonie-Liège,  Opéra Royal-Château de Versailles Spectacles

Musikalische Leitung: Jordi Bernàcer, Regie: Denis Podalydès, Bühne: Eric Ruf, Kostüme: Christian Lacroix, Licht: Stéphanie Daniel, Bewegungsmitarbeit: Cécile Bon, Chorleitung: Pierre Iodice, Orchester der Opéra Royal de Wallonie-Liège

Besetzung: Le Gouverneur: Laurent Kubla, Dame Ragonde: Alexise Yerna, Alice: Julie Mossay, Komödianten: Laurent Podalydès und Léo Reynaud;  In weiteren Rollen: Stefano de Rosa, Xavier Petithan, Benoît Delvaux, Alexei Gorbatchev, Ludivine Scheers und Réjane Soldano

Le comte Ory an derOpéra Royal de Wallonie-Liège:  weitere Aufführungen in Lüttich:  ; 27.12.; 29.12.; 31.12.2018 und 02.01.2019;  Charleroi:  05.01.2019

Wie immer sind die Übertitel dreisprachig, so daß auch der deutschsprachige Besucher dem Text problemlos folgen kann.

—| IOCO Kritik Opéra Royal de Wallonie-Liège |—

Wien, Theater an der Wien, Guillaume Tell – Gioacchino Rossini, IOCO Kritk, 01.11.2019

November 2, 2018 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Oper, Theater an der Wien

theater_an_der_wien.jpg

Theater an der Wien

Theater an der Wien / Linke Wienzeile © IOCO

Theater an der Wien / Linke Wienzeile © IOCO

 Guillaume Tell  –  Gioacchino Rossini

Von Elisabeth König

Guillaume Tell ist Rossinis letztes Bühnenwerk und wurde 1829 als französische Grande Opéra in Paris zur Uraufführung gebracht. Die Ouvertüre ist wohl eine der berühmtesten Melodien Rossinis, und das gewaltige, gut vierstündige Werk hält sich auf den Spielplänen der Opernwelt nicht zuletzt aufgrund seiner unglaublichen Lyrik, die über Rossinis Zeit hinausweist. Auch die Thematisierung eines Freiheitskampfes gegen eine unterdrückende Herrschaft trug gewiss immer schon zur Beliebtheit der Oper bei.

Theater an der Wien / Guillaume Tell - hier :  Ensemble © Moritz Schell

Theater an der Wien / Guillaume Tell – hier : Ensemble © Moritz Schell

Die Geschichte des Wilhelm Tell, seines Apfelschusses und seines Kampfes gegen Geßler kennen wir alle aus Friedrich Schillers gleichnamigem Drama. Auf diesem baut die Oper auf und fügt sich hiermit in die Reihe der Opernstoffe, mit denen das Theater an der Wien in dieser Saison den Fokus auf Schiller als Libretto-Quelle legt.

Der Vorhang eröffnet den Blick auf eine nebelschwadenverhangene Winterlandschaft, in deren eisiger Atmosphäre während der sehr zurückhaltenden Ouvertüre der Guerillakampf im unwirtlichen Schnee inmitten alptraumhaft wiedererwachter Toter gezeigt wird.

Die kühle, etwas sterile Inszenierung von Torsten Fischer erzählt nicht unbedingt nur die Geschichte eines Volkes, das seine Freiheit zurückfordert, sondern schildert einen Bürgerkrieg in einer blanken, geradezu anonymisierten Welt, die nahezu überall stattfinden könnte. Dabei gelingen ihm regelmäßig bemerkenswerte Bilder, die sich aus dem grauen Hintergrund abheben.

Theater an der Wien / Guillaume Tell  - hier : Mathilde und Arnold Melcthal © Moritz Schell

Theater an der Wien / Guillaume Tell – hier : Mathilde und Arnold Melcthal © Moritz Schell

Dem Regisseur gelang es in Kombination mit der Choreographie von Karl Alfred Schreiner, unter regem Einsatz der Drehbühne ein bewegte Chorregie zu schaffen, die vor allem in den Marschszenen Eindruck hinterlässt. Der Einsatz greller Videoeinspielungen von Jan Frankl gelang als vielfach bewährte Methode, Realitätsebenen zu kombinieren und diente als emotionales Reizmittel.

Die blanke Kargheit des Bühnenbildes von Herbert Schäfer und Vasilis Triantafillopoulos mit seiner industriellen Knappheit vermochte es, die Aufmerksamkeit bei den Sängern zu behalten und gleichzeitig starke Momente einprägsam zu vermitteln. So wird die Hebebühne einerseits zu einem zweiten Handlungsspielraum, andererseits jedoch zum Symbol der Unterdrückung, unter dem das Volk symbolträchtig zermalmt wird. Ausstattung und Kostüme waren der Schlichtheit der Bühne angepasst und spiegelten die Schmucklosigkeit und Häuslichkeit auf der einen Seite wieder, während auf der anderen Seite Uniformen und allgegenwärtige Maschinengewehre die Diktatur und ihre Handlanger kennzeichneten.

Musikalisch war es ein Abend der feinen Zwischentöne und soliden Gestaltung. Die Wiener Symphoniker unter der musikalischen Leitung von Diego Matheuz spielten sicher und genau, der Schönberg-Chor war wie immer fantastisch einstudiert und motiviert.

Die SolistInnen waren – wie immer am Theater an der Wien- mit Bedacht gewählt und überzeugten mit durchwegs tollen Leistungen. Als väterliche Hauptfigur des Guillaume Tell zeigte Christoph Pohl große Eleganz in seiner Darstellung und wusste mit seinem weichen Bariton ausdrucksvoll zu überzeugen. An seiner Seite ist Marie-Claude Chappuis eine Hedwige mit emotionaler Tiefe und kampfesmutiger Stärke.

Theater an der Wien / Guillaume Tell - hier :  Ensemble © Moritz Schell

Theater an der Wien / Guillaume Tell – hier : Ensemble © Moritz Schell

Eine der berührendsten Leistungen des Abends war Anita Rosati als Tells rebellischer Sohn Jemmy. Mit einer emotionalen Stimmigkeit und ungebrochener Leidenschaft, sowie einem glockenhellen Sopran kaufte man ihr den jungen Knaben in jedem Moment ab.

John Osborn als Arnold Melcthal war eine weitere beeindruckende Performance des Abends. Mit dramatischen Höhenflügen und strahlender Tenorstimme weiß er die halsbrecherische Partie des zwischen Liebe und Vaterland zerrissenen Arnold mit Bravour zu meistern.

Ihm ebenbürtig war Jane Archibald als Habsburger-Prinzessin Mathilde zu hören, deren Mitleid mit ihrem Volk und Liebe zu Arnold für ergreifende Momente sorgte. Sie beeindruckte mit ihrer ersten Arie und im Liebesduett mit Arnold ebenso wie durch eine glasklare Höhe und berührende Piani.

Als diktatorischer Gesler (Französisch: mit nur einem S) zeigte Ante Jerkunica einen profunden, volltönenden Bass. Edwin Crossley-Mercier gibt einen elegant zurückhaltenden Walter Fürst, dessen Rolle als Spion am Ende die Fortführung der Unterdrückung mit anderen Mitteln symbolisiert. Jérôme Varnier gibt den Melcthal mit feurigem Eifer und patriotischer Intensität. Sam Furness war ein Rudolphe, der überzeugend zwischen Gewissensbissen und Schmierigkeit schwankte, Lukas Jakobski als Leuthold von beeindruckender Bühnenpräsenz und Stimmgewalt.

Alles in allem war es ein Abend voller großartiger künstlerischer Leistungen, der trotz vieler interessanter Regieeinfälle nicht immer die Spannung brachte, die das Werk durchaus bietet

—| IOCO Kritik Theater an der Wien |—

Nächste Seite »