Wien, Wiener Staatsoper, BISERKA CVEJIC – 1923 – 2021, 07.01.2021

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Wiener Staatsoper

Wien / Wiener Staatsoper © Starke

Wien / Wiener Staatsoper © Starke

  BISERKA CVEJIC

Die Wiener Staatsoper trauert um ihr langjähriges Ensemblemitglied Biserka Cvejic, die, wie das serbische Fernsehen berichtet, am Donnerstag, 7. Jänner 2021 im Alter von 97 Jahren in Belgrad verstorben ist.

Im Haus am Ring sang die Mezzosopranistin zwischen 1959 und 1978 an 372 Abenden 26 verschiedene Partien. Sie verkörperte zahlreiche große Rollen ihres Faches, so war sie u. a. als Carmen, als Eboli (Don Carlo), Amneris (Aida), Azucena (Il trovatore), Maddalena (Rigoletto), Ulrica (Un ballo in maschera) oder Preziosilla (La forza del destino) zu erleben.
Internationale Auftritte führten sie u. a. an die Mailänder Scala, das Londoner Royal Opera House und die New Yorker Metropolitan Opera sowie nach St. Petersburg, Moskau, Zagreb und Belgrad.

Biserka Cvejic – Carmen G. Bizet
youtube Kanal – Biserka Cvejic
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Nach ihrer Pensionierung widmete sich Biserka Cvejic der Gesangspädagogik. Zu ihren Schülerinnen und Schülern zählten u. a. Starbariton Zeljko Lucic und Staatsopern-Ensemblesängerin Monika Bohinec.

Biserka Cvejic wurde 1979 zur österreichischen Kammersängerin ernannt.

—| Pressemeldung Wiener Staatsoper |—


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Hannover, Staatsoper Hannover, Carmen – Georges Bizet, IOCO Kritik, 04.11.2020

November 3, 2020 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Oper, StaatsOper Hannover

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Staatsoper Hannover

Staatsoper Hannover © Marek Kruszewski

Staatsoper Hannover © Marek Kruszewski

 Carmen  –  George Bizet 1838-1875

– Sevilla bei Nacht und keiner kann schlafen… –

von Karin Hasenstein

Georges Bizet, Paris © IOCO

Georges Bizet, Pere Lachaise, Paris © IOCO

Ob man möchte oder nicht, man kommt momentan nicht umhin, im Rahmen einer Opernrezension auch über Corona bedingte Einschränkungen zu schreiben. Zu präsent, zu einschneidend sind diese Einschränkungen aktuell und beherrschen somit leider die künstlerische Arbeit der Kulturschaffenden genauso wie die Rezeption des Publikums.
Man ist ja schon froh und dankbar, wenn überhaupt große Oper gespielt werden kann. Große Oper? Auch das müssen wir relativieren. Zur Aufführung gelangt Carmen von George Bizet an der Staatsoper Hannover am 24.10.2020 in einer Bearbeitung als Kammerfassung ohne Chor von Marius Felix Lange.

Angepasst an die Corona bedingten Beschränkungen für Orchester hat Lange eine Kammerfassung komponiert, die mit 21 Musikern auskommen muss. So hören wir am Premierenabend eine kleine Streicherbesetzung (3/1/2/2/1), Harfe solo, einfach besetztes Holz, einfach besetztes Blech, doppelte Percussion und Pauke. Neu sind Vibraphon, Marimbaphon, Kontrafagott und Tuba. Gleich zu Beginn erklingt statt der Ouvertüre eine neue Einleitung und es erklingen neu komponierte Übergangsmusiken, die über Kürzungen und gesprochenen Text hinweg die Originalklänge verbinden. So werden gesungener und gesprochener Text organisch in ein Wechselspiel von Bühne und Orchestergraben eingebunden. Lange gelingt es, keine Brüche entstehen zu lassen, sondern ein Stück eindringliches Musiktheater.

Zum Probenbesuch bei CARMEN
youtube Trailer Staatsoper Hannover
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Die zugrundeliegende Kernerzählung erscheint in einer Fassung der Regisseurin Barbora Horáková und des Dramaturgen Martin Mutschler. Es ist eine Fantasie zweier Figuren, Carmen und Don José, die beide von Liebe sprechen, damit aber etwas sehr Unterschiedliches meinen. Carmen hat einen Pakt mit der Freiheit geschlossen, aber welche Freiheit meint sie damit? Welche Ängste und Sehnsüchte treiben sie an? Und welche Sichtweise hat Don José auf Carmen und ihr Freiheitsbestreben? Von Liebe und Begehren

Schon bevor überhaupt Musik erklingt blicken wir auf die offene Bühne. Die Aufbauten formen eine Art Arena, nach hinten im Halbrund begrenzt durch Autobahn-Leitplanken. Die Leitplanken werden rechts und links gesäumt von großen Metallkonstruktionen, die an Hochspannungsmasten erinnern oder Beleuchtungstürme in Stadien. Beide tragen großen Monitore bzw. Leuchtreklamen. Die Neonschrift auf der linken Seite lautet „Toro Power“ und zeigt ein blutendes Herz, das von einem Schwert durchbohrt wird, die wesentlich größere auf der rechten Seite besagt „Feu Vert services“ – eine französische Reifen- und Autoservicefirma.

Neben diesem „Billboard“ erblicken wir etwas nach hinten versetzt aber noch deutlich erkennbar das Modell der amerikanischen Freiheitsstatue, der Lady Liberty, die mit einer spanischen Flagge umhüllt ist und statt einer brennenden Fackel eine Baustellenleuchte in ihrer rechten Hand trägt. Die Metalltonne auf der linken Bühnenseite verstärkt den Ghetto- oder Gang-Charakter der Szenerie. Ein bisschen mutet das Ganze an wie eine Szene aus „Denn sie wissen nicht, was sie tun“.

Die ganze Zeit über ist ein junger Mann mit nacktem Oberkörper auf dem Gerüst am Joggen. Einer der Tänzer, wie sich später herausstellt. Don José erscheint auf der Bühne und joggt. Wir hören einen gesprochenen Text „Sevilla bei Nacht und keiner kann schlafen, weil noch der Sommer in uns steckt und nicht herauswill aus uns. Nur unten am Wasser des Guadalquivir ein Hauch von Erlösung, eine Ahnung von Wind. ...“

Der Text ist poetisch und spricht von Sehnsucht und Verlangen. Zu Don Josés Tagträumen betreten sechs Tänzer die Bühne, drei Männer und drei Frauen. Sie ersetzen in dieser Inszenierung den Chor und bringen zusätzlich Bewegung und Aktion auf die Bühne. Eigentlich hat Bizet an dieser Stelle den Rauchchor der Zigarettenarbeiterinnen vorgesehen. Die Musik erklingt auch, allerdings sehr reduziert auf die Stimmen von Frasquita und Mercedes. Das befremdet schon ein wenig, denn das sind natürlich bekannte Melodien, die eine gewisse Erwartungshaltung wecken, die naturgemäß so nicht erfüllt werden kann.

Die Tänzer vollführen zum Rauchchor einen angedeuteten Stierkampf. Zu den Klängen des Rauchchores waschen sich Mercedes und Frasquita. Eine Filmcrew betritt die Arena. Kameras werden aufgebaut und Carmen singt ihre Habanera, natürlich auch ohne den sonst üblichen Chor. An dieser Stelle greift Marius Felix Lange erneut in die Partitur ein und verändert die Melodie der Habanera. Auf dem Billboard läuft ein Musikvideo von Carmen. Diese erscheint sexy und verführerisch in einem kurzen roten Röckchen und bauchfreien roten Oberteil.

Staatsoper Hannover / Carmen von Georges Bizet © Sandra Then

Staatsoper Hannover / Carmen von Georges Bizet © Sandra Then

Micaela kommt hinzu. Sie stellt schon optisch einen großen Kontrast dar zu Carmen und ihren Freundinnen, die alle sexy, modern und ausgefallen gekleidet sind. Eher bescheiden und unscheinbar berichtet sie Don José von dem Brief seiner Mutter. Diese hat sie aus ihrem baskischen Dorf hergeschickt. Micaela hofft, dass Don José sie heiraten wird, dieser hat jedoch nur Augen für Carmen. Sowohl Micaelas Arie als auch das folgende Duett mit Don José geraten zu einem der vielen großen musikalischen Momente dieses Premierenabends. Barno Ismatullaeva verfügt über eine sehr obertonreiche warme Stimme mit etwas Metall. Sie singt die wunderschöne Melodie, die Bizet für Micaela geschrieben hat, einfühlsam und hingebungsvoll. Rodrigo Porras Garulo nimmt diese Wärme auf in seinem „“Un baiser de ma mère! Ma mère, je la vois!“ Der junge mexikanische Tenor begeisterte das Publikum bereits als Cavaradossi in Tosca in der letzten Spielzeit.

Lange hat auch hier wieder einen eleganten und gelungenen Übergang komponiert zur nächsten Szene. Es kommt zu einem Gerangel zwischen Carmen und Micaela, wobei Micaela sich mit dem Messer verletzt. Carmen singt ihr „Tra la la la – coupe moi“ und der hinzugekommene Escamillo macht seine Ansprüche deutlich mit den Worten „Ich will kein Lied sondern eine Antwort!“ Ein Stier als Projektionsfläche für ein weiteres Video wird auf die Szene geschoben.

Die Séguedille „Près des remparts des Séville“ erklingt. Hier kann die russische Mezzosopranistin Evgenia Asanova ihre enorm wandlungsfähige Stimme perfekt präsentieren. Insbesondere ihre gute tiefe Lage fällt hier angenehm auf. Zu erotischen Szenen auf der Anzeigentafel singt Carmen für sich, „Je chante pour moi-même“. Die Farbe Rot ihrer Kleidung unterstreicht dabei ihre Erotik.

Die Orchestrierung ist an dieser intimen Stelle sehr schön durchsichtig. Die Bühne ist fast völlig dunkel, nur von hinten in fahles Licht getaucht, das den Bühnennebel durchschneidet (Licht: Sascha Zauner). Von hinten treten die Tänzer auf und rollen Autoreifen auf die schräg gestellte Drehbühne. Bierkästen werden zu Sitzmöbeln umfunktioniert, die Toro Power Leuchtreklame erstrahlt hell und lenkt den Blick auf das durchbohrte blutende Herz.
Carmens Sippe, die „Gitanas“ werden als Gang dargestellt, die Arena innerhalb der Leitplanken ist ihr Revier. Alkohol und Kokain werden herumgereicht und konsumiert, man hat offenbar Spaß.

An dieser Stelle hat Bizet nun wieder eine große Chorszene vorgesehen, stattdessen sehen wir eine Choreographie der Tänzer. Der Chorpart wird erneut von den Solisten gesungen. Auch an dieser Stelle wird deutlich, dass die Tänzer den Chor natürlich nicht musikalisch, wohl aber szenisch sehr gut ersetzen können, irgendwie muss ja „Masse“ auf die Bühne kommen. Das moderne Tanztheater drückt die offensichtliche Erotik der nächtlichen Szene sehr gut aus.

Es folgt wieder gesprochener Text: „Wenn das Tier im Dunklen die Augen öffnet…“, parallel dazu sehen wir im Video ein riesiges Raubtierauge, am ehesten ein Wolf oder Werwolf. Carmen tritt auf in einem phantastischen Kostüm (Kostüme: Eva-Maria Van Acker). Sie trägt ein bodenlanges, schwarz-weißes Kleid und einen Stierkopf mit langen spitzen Hörnern. Unter lautem Geknatter fahren zwei Motorräder auf die Bühne und Escamillo erscheint in schwarzer Motorrad-Lederkluft zu den Klängen von „Toréador, en garde...“ nimmt er die Huldigungen seiner Fans entgegen. An dem Gerüst, das die Arena säumt, erstrahlen Leuchtstoffröhren. Durch die gleiche Farbgebung von Carmens und Escamillos Kostümen (beide in schwarz-weiß gehalten) wird nun auch optisch ihre Zusammengehörigkeit unterstrichen. Carmen und ihre Freundinnen betreiben eine Art Kampftrinken.

Zur zweiten Strophe der „Toréador“ Musik vollzieht die Drehbühne eine halbe Drehung und Don José erscheint mit den Worten „Halte là!“. Es folgt wieder gesprochener Text, nämlich die Worte „Kein Morgen, kein Abend ohne Carmen!“. Damit wird unmissverständlich Josés Haltung Carmen gegenüber deutlich. Sie sagt „Nur für dich werde ich tanzen“ und zu einer Bierkisten-Percussion und Kastagnettenklängen tanzt sie, bis José zurück in die Kaserne muss. Carmen ist beleidigt. Die nun folgende berühmte Arie des Don José, „La fleur que tu m’avais jetée“ singt Rodrigo Porras Garulo mit größter Hingabe und großer tenoraler Strahlkraft, den Inhalt absolut glaubwürdig vermittelnd. Parallel läuft wieder ein Video. Carmen hockt währenddessen zusammengekauert am Boden, schluchzend, klagend, ergriffen. Auf Don Josés Beteuerung, dass er sie liebe, erwidert Carmen „Nein, du liebst mich nicht.“ Wenn er sie lieben würde, würde er seine Befehle missachten und ihr in die Berge folgen, wo sie ein Leben in Freiheit leben könnten. Mit „Là-bas, là-bas, dans la montagne“ erklingt ein weiterer „Hit“, den Evgenia Asanova eindringlich und überzeugend präsentiert. Wer dieser Carmen nicht sofort folgen will, hat kein Herz.

Staatsoper Hannover / Carmen von Georges Bizet © Sandra Then

Staatsoper Hannover / Carmen von Georges Bizet © Sandra Then

Hier fallen besonders die Soloflöte sowie die Harfe auf. Das ist vielleicht ein Vorteil der reduzierten Kammerfassung, sie ist in weiten Teilen sehr transparent und gut durchhörbar.
Als José begreift, dass Carmen Fahnenflucht von ihm verlangt, reagiert er mit einem Ausbruch „Adieu pour jamais!“ Zuniga kommt hinzu und provoziert mit der Aussage „Warum den Soldaten nehmen, wenn man den Offizier haben kann?“ (Mit angenehmem Timbre und überzeugendem Spiel, leider in einer Nebenrolle, Yannick Spanier)

In dem nun folgenden Gerangel erschießt Don José Zuniga, es erklingt Carmens „bel officier“ und wir hören den gesprochenen Text „Und so wurde ich durch Carmen zum Mörder.“Frasquita und Mercedes entsorgen die Leiche in einer großen Plastikplane, die Drehbühne dreht wieder in die Ausgangsposition und das Ensemble entschwindet zu den Klängen von „Là-bas, là-bas…“ und endet mit dem Wort „La liberté“ – Freiheit! Auf der nun leeren sparsam ausgeleuchteten Drehbühne erscheint eine nackte (bis auf einen hautfarbenen Slip) Tänzerin und interpretiert das (stark veränderte) Zwischenspiel mit einem erotischen Tanz, der für Carmens Begehren und Don Josés Liebe stehen könnte. Am Ende steht auch hier wieder die Freiheit.

Im nächsten Akt erscheinen Frasquita und Mercedes auf einem Motorrad und legen sich die Karten. Das Duett gestalten Mercedes Arcuri (Frasquita) und Nina van Essen (Mercedes) überzeugend, wobei ihre Stimmen perfekt harmonieren. Carmen kommt hinzu, sieht die Karten und erkennt darin den Tod. Micaela singt eine Art Gebet „Protège-moi, Seigneur“.

Wie auch in anderen Schlüsselszenen die handelnden Personen, so erscheint auch hier Micaela auf der Videoleinwand. Das begleitende Horn erfreut durch weichen Ton und präzisen Ansatz. Es ergänzt perfekt Micaelas verzweifelte Bitte nach göttlichem Schutz. Don José und Escamillo treten auf. Escamillo trägt einen weißen Anzug und ein schwarzes Hemd, es hat was von einem Zuhälter-Outfit, bis hin zur dicken Uhr. Die beiden Männer erkennen sich, sie wissen: sie beide lieben Carmen, oder hegen zumindest Gefühle, die sie für Liebe halten. Bei Escamillo ist es vielleicht eher Begehren und Besitzenwollen, Don José können wir am ehesten echte Gefühle unterstellen. Micaela hegt diese ganz sicher für ihn, was er jedoch nicht erwidert, da er nur Augen für Carmen hat. Diese wiederum ist eigentlich nur auf ihre Freiheit bedacht und hatte nie die Absicht, José in ihre Welt mitzunehmen, in die er gar nicht passen und in der er sich nicht wohlfühlen würde.

Die Männer kämpfen also um Carmen. Micaela hat sich versteckt und bittet José nun „Hab Mitleid mit mir, José!“ Sie berichtet ihm, dass seine Mutter im Sterben liegt. Ein „Schicksalsmotiv“ erklingt im Blech und zeigt eine Wendung an. Escamillos Toréador-Thema erklingt im Hintergrund. Die Bühne dreht erneut, die Szene liegt im Dunkeln, Carmen ist allein. Tänzer kommen hinzu, die drei Männer in schwarzen Hosen, die Frauen in schwarzen langen Röcken. Die Oberkörper sind nackt, sie haben rote Blumen im Haar und bewegen große Fächer.

Im Video sind Flammen zu sehen, Carmen singt ein baskisches Lied a capella, ebenfalls eine Ergänzung durch Marius Felix Lange. In der angedeuteten Arena erscheint ein Stier mit an den Hörnern befestigten Fackeln. Langsam kommt zu dem a capella-Lied das Orchester hinzu. Die besonderen und etwas exotischen Töne von Vibraphon und Marimbaphon erklingen. Erneut erklingt das Toréador-Thema, die sechs Tänzer kommen mit Stühlen hinzu, wieder ein zumindest optischer Ersatz für den fehlenden Chor. Escamillo und Carmenbeschwören ihre Liebe „Si tu m’aimes“ und wieder sind ihre Kostüme in schwarz-weiß aufeinander abgestimmt.

Leider vollziehen die Tänzer mit ihren Stühlen scheinbar unnötige Wege, wodurch gewissen Irritation und überflüssige Störung entstehen. Don José erscheint in Carmens Kleidern und fleht sie an, mit ihm zu kommen. Carmen jedoch liebt ihn nicht mehr, wenn sie das überhaupt je getan hat. José fragt nach „Tu ne m’aimes plus?“, Carmen bestätigt ihm das „Je ne t’aime plus“. An dieser Stelle vermisst die Rezensentin doch das volle Orchester, das dem Drama hier den richtigen Ausdruck verleihen könnte.

Staatsoper Hannover / Carmen von Georges Bizet © Sandra Then

Staatsoper Hannover / Carmen von Georges Bizet © Sandra Then

José fleht Carmenan, sie möge ihn nicht verlassen („Ne me quitte pas!“). Es folgt noch einmal gesprochener Text von José: „Carmen, was wird aus uns?“ Sie antwortet „Ich liebe ihn!“ (gemeint ist Escamillo), was José mit den Worten „Dann sei verdammt!“ quittiert. Er erstickt Carmen mit dem weißen Hemd und verkündet „Ihr könnt mich verhaften.“ Er fängt an zu laufen, Richtung Licht, das von hinten kommt, bis abgeblendet wird. Ende.

Die Kammerfassung dieser Carmen in der Bearbeitung von Marius Felix Lange, die an diesem Premierenabend zur Uraufführung kam, reduziert Bizets Carmen auf kompakte zwei Stunden Aufführungsdauer ohne Pause. Fünfzehn Minuten davon sind komplett neu komponiert, 20 Minuten sind stark bearbeitet, zum Teil neu kombiniert, Melodien wurden verändert oder reharmonisiert. Statt des großen Orchesters hat Lange 21 Instrumente zur Verfügung. Der Komponist musste die Orchesterstimmen neu herstellen und einrichten.
Die Regisseurin Barbora Horáková und der GMD Stephan Zilias haben aus der Not eine Tugend gemacht und eine ganz neue Carmen (in Richtung „La Tragédie de Carmen“ von Peter Brook, 1983) geschaffen.

Es geht um die Umsetzung der Erzählung von Prosper Mérimée in der Oper. Flamenco, die Figuren werden dem Klischee Oper gemäß gezeigt, nicht wie in Mérimées Erzählung. Das Zigeunerleben, die Gitana, wie sie genannt werden, ist hier nicht wichtig. Bedeutsam ist hier, dass Don Josés Mandolinen-Lied auf Baskisch erklingt. Auch Texte in Caló erklingen. Caló ist die Sprache der Gitanas auf der Iberischen Halbinsel. Sie wird vor allem von den Gitanas im Süden Spaniens gesprochen, die sich selbst als Calé bezeichnen.
Ein weiteres Lied wird originär gesungen, ein Duett von Don José und Micaela, das gewissermaßen die Funktion eines Schutzschildes gegen Carmen bekommt.
Lange hat ein weiteres Gedicht auf Baskisch gefunden, das so klingt, als sei es von Don José. Es steht im 5/8-Takt und verwendet eine bekannte Melodie.
Das von Carmen a capella vorgetragene Lied ist ein „cante jondo“, eine der grundlegenden Gesangsformen des Flamenco. Es bedeutet „tiefer Gesang“. Die Themen des Cante jondo sind von feierlicher Melancholie und Tragik geprägt. Die Tonalität deutet auf orientalische und maurische Wurzeln hin. Es ist ein unbegleiteter, klangvoller Gesang, mit Stimmen voller Ausdruck.
Marius Felix Lange hat eine völlig neue Einleitung komponiert, die an Stelle der bekannten Ouvertüre tritt. Diese erklingt erst weiter hinten in der Oper. Die Texte aus dem Lautsprecher, gesprochen von zwei Mitgliedern des Schauspiel-Ensembles des Staatstheater Hannover (Stella Hilb, Carmen und Torben Kessler, Don José) stellen die inneren Vorgänge der beiden Protagonisten dar.

Leider ist der Opernchor der Coronaschutzverordnung bzw. den Hygienevorschriften zum Opfer gefallen, was nicht laut genug beklagt werden kann. Andere Häuser haben hier andere, sicher finanziell sehr aufwändige Wege beschritten, wie etwa die Deutsche Oper Berlin, die jeden Morgen das gesamte Ensemble hat durchtesten lassen, oder andere Ensembles, die geschlossen in Quarantäne gegangen sind. Die Staatsoper Hannover hat den Chor hier komplett herausgenommen. Als „Ersatz“ fungiert hier ein sechsköpfiges Tanzensemble, das immer an den Stellen auftritt, die normalerweise große Chorszenen sind.

Der Rauchchor (Damenchor) zu Beginn des ersten Aktes wird wie erwähnt von den Solistinnen gesungen. So erklingt wenigstens die vertraute Melodie gesungen, nur eben nicht vom Chor. Die Habanera erklingt ebenfalls nur von Carmen und den Solistinnen ebenso wie die große Chorszene „Toréador, en garde“. Die Rezensentin war sicher nicht die Einzige, die diese große Szene schmerzlich vermisst hat. Bestimmte Hörerwartungen sind einfach da und wenn diese enttäuscht werden, ist das bei allem Verständnis für die Umstände einfach sehr schade.

Die Instrumentierung des Orchesters besteht aus einem Doppel-Streichquartett plus Kontrabass, also neun Streichern, einfachem Holzbläsersatz, einfachem Blech plus Tuba, doppeltem Schlagzeug plus Pauke, Harfe, Marimbaphon und Vibraphon. Der bei Bizet vierstimmige Hornsatz wird hier zum Solohorn. Durch die Reduzierung entsteht ein etwas ruppiger, brutaler Klang, aber auch weiche Farben treten hervor. Vieles klingt direkter als im großen Orchesterapparat. Die Kunst liegt im Erhalt der kompositorischen Substanz, in der Bewahrung der Noten. Die Verwendung der Chorharmonien erfolgt rein orchestral, auf eine andere Weise als im Original. Unter anderem wird das Cajón eingesetzt und gestrichenes Vibraphon. Dieses steht für Carmen und das Freiheitsmotiv. Röhrenglocken wecken die Assoziation an Kirchenglocken, sie stehen für die Heimat.
In der Habanera wurden zum Teil Melodie und Harmonien verändert, was angesichts der Tatsache, dass schon Bizet sich anderweitig bedient hat, vernachlässigt werden kann. Bizet hat seinerzeit ein baskisches Lied verändert, „El Arelito“, was jedoch in Vergessenheit geraten ist.

Bei allem Neuen stand über allem der Respekt vor dem Meisterwerk Bizets. Dieser Respekt ist der Neufassung Langes an jeder Stelle anzumerken. Die baskischen Lieder fügen sich perfekt ein, die Übergänge sind immer organisch und harmonisch. Lange hat sich bestimmter Mittel bedient, die Bizet nicht kannte oder nicht verwendet hat. Wenn Carmen José verspottet, verwendet Lange das Orchester als Echo, versieht die Melodie mit Glissandi und fügt eine Posaune hinzu, wodurch das Ganze noch bösartiger erscheint.
Durch die Neukomposition sind der Staatsoper Hannover Mehrkosten entstanden, die leider nicht durch Eintrittsgelder aufgefangen werden können, da Corona bedingt natürlich deutlich weniger Plätze verkauft werden können.

Die Solisten überzeugen am Premierenabend allesamt mit guten bis sehr guten Leistungen, wobei insbesondere Evgenia Asanova (Carmen), Rodrigo Porras Garulo (Don José) und Barno Ismatullaeva (Micaela) überragend in der Interpretation sind und durch starke Bühnenpräsenz auffallen. Der Kavalierbariton German Olvera gibt einen überzeugend-schillernden Escamillo mit angenehmen Timbre und großer Spielfreude. Mercedes Arcuri und Nina van Essen ist es zu verdanken, dass es so etwas wie das Zitat eines Chores gab, unterstützt durch die drei Damen und drei Herren des Tanztheaters.

GMD Stephan Zilias führt das kleine Orchester sicher durch den Abend und die neugeschmiedete Partitur. Durch die kleine Besetzung sind die Stimmen stets gut durchhörbar und quasi solistisch bzw. tatsächlich solistisch. Besonderer Dank gilt dem Horn und der Percussionsgruppe für große Präzision und neue Klangerlebnisse. Zu überzeugen vermag auch die Umsetzung der Gitanos in eine Art „Denn sie wissen nicht, was sie tun“ James Dean Ambiente der USA. Das Gefühl von Zusammengehörigkeit und Anderssein vermittelt sich durchaus.

Das Premierenpublikum dankt allen Beteiligten mit lang anhaltendem Applaus und großem Jubel. Es bleibt der Staatsoper Hannover und dem ganzen Ensemble zu wünschen, dass das Haus bald wieder öffnen und diese besondere Carmen noch viele Mal vor dankbarem Publikum spielen kann.

 

Carmen an der Staatsoper Hannover; die weiteren Vorstellugnen am 5.12.; 17.12.; 27.12.; 29.12.2020

—| IOCO Kritik Staatsoper Hannover |—


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Schwerin, Mecklenburgisches Staatstheater, Opern-Gala – Diamanten der Oper, 07.10.2020

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Mecklenburgisches Staatstheater

Mecklenburgisches Staatstheater Schwerin © Silke Winkler

Mecklenburgisches Staatstheater Schwerin © Silke Winkler

„Diamanten der Oper“
Große Stimmen präsentieren weltbekannte Arien in glanzvollem Ambiente

Ab 7.10.2020 im Mecklenburgischen Staatstheater

Keine Spielzeit am Mecklenburgischen Staatstheater ohne Operngala! Auch in dieser ungewöhnlichen Saison soll das Publikum in den Genuss weltbekannter Opern-Arien kommen dürfen. Natürlich, wie es sich schon in den Spielzeiten zuvor bewährt hat, mit großartigen Sängerinnen und Sängern, im glanzvollem Ambiente und unter dem berühmten, pompösen Kronleuchter des Großen Hauses. Zusammen mit der Mecklenburgischen Staatskapelle, Mitgliedern des Musiktheaterensembles und hochkarätigen Gästen, präsentiert und moderiert Generalmusikdirektor Mark Rohde ab 7. Oktober 2020 mit „Diamanten der Oper einen klangvollen Gala-Abend mit Highlights aus dem Opernrepertoire. Weitere fünf Vorstellungen sind bis zum 20. Dezember 2020 im Großen Haus des Mecklenburgischen Staatstheater geplant.

Mecklenburgisches Staatstheater Schwerin / OPERNGALA2016 © Silke Winkler

Mecklenburgisches Staatstheater Schwerin / OPERNGALA2016 © Silke Winkler

Musikalische Höhepunkte unter den zahlreichen Kompositionen der Operngeschichte gibt es fraglos viele – zu viele für einen Gala-Abend von rund 80 Minuten. Das Mecklenburgische Staatstheater präsentiert daher bei „Diamanten der Oper“ nur wahre Juwelen – in musikalischer, wie stimmlicher Hinsicht. Es erklingen beliebte Arien aus Wolfgang Amadeus Mozarts Die Zauberflöte, Le nozze di Figaro und Die Entführung aus dem Serail, aus Carl Maria von Webers Der Freischütz, aus Richard Wagners Lohengrin und Der fliegende Holländer, aus Georges Bizets Carmen, sowie aus Giuseppe Verdis Un ballo in maschera und Nabucco. Dargeboten werden diese Diamanten der Oper von Publikumslieblingen des Mecklenburgischen Staatstheaters wie Karen Leiber (Sopran), Itziar Lesaka (Mezzosopran) und Yoontaek Rhim (Bariton). Als Gäste werden der Bariton Andreas Hörl, der in Schwerin zuletzt als Baron Ochs auf Lerchenau in Richard Strauss Der Rosenkavalier zu sehen war und der Tenor, der bei den Schlossfestspielen Schwerin 2020 als Florestan in Ludwig van Beethovens Fidelio zu erleben gewesen wäre. Begleitet werden diese großen Stimmen von der Mecklenburgischen Staatskapelle Schwerin unter der musikalischen Gesamtleitung des neuen Generalmusikdirektors Mark Rohde.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

—| Pressemeldung Mecklenburgisches Staatstheater |—


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Cottbus , Staatstheater Cottbus, Grußbotschaft des Philharmonischen Orchesters, April 2020

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Staatstheater Cottbus

Staatstheater Cottbus © Marlies Kross

Staatstheater Cottbus © Marlies Kross

 Musiker des Philharmonischen Orchesters

Grußbotschaft jetzt online

Unter dem Motto „Musik verbindet“ hat das Philharmonische Orchesters des Staatstheaters Cottbus ein Video produziert. 27 Musikerinnen und Musiker spielen darin allein und dennoch gemeinsam mit den anderen den ersten Teil der Ouvertüre aus der Oper Carmen von Georges Bizet. Solo-Klarinettist Alexander Muhr hat in 10 Tagen aus den einzelnen Stimmen, die jeder Musiker für sich separat aufgenommen hat, das Video geschnitten. Ab sofort ist es auf der Theater-Webseite unter „News“, in den Sozialen Medien sowie auch auf YouTube zu finden:

Carmen Ouvertüre
youtube Trailer Staatstheater Cottbus
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Stellvertretend für seine KollegInnen sagt Alexander Muhr: „Es ist für ein Orchester herausfordernd, Musik gemeinsam zu machen, wenn man sich nicht treffen darf. Trotzdem sind wir heutzutage in der glücklichen Lage, dank technischer Hilfsmittel unsere Musik in die Wohnungen der Menschen zu bringen. Musik verbindet.“

Im Video wie sonst auch im Konzertsaal sind die Stimmen zu einer einzigen verschmolzen. Die MusikerInnen hoffen, möglichst bald wieder live zusammen für das Publikum spielen zu können.

Die Violinistin Antje Weithaas, dieses Jahr Artist in Residence an der Cottbuser Bühne, wäre zu Ostern in „Beethoven Schwarz Weiß“ mit der Kreutzer-Sonate zu hören gewesen. Sie steuert für den „Digitalen Spielplan“ eine musikalische Grußbotschaft an das Publikum ihrer Heimatstadt bei, die am Ostermontag online gestellt wird. Der „Digitale Spielplan“ folgt den ursprünglich geplanten Vorstellungen an den entsprechenden Veranstaltungstagen.

Aus dem Schauspiel meldete sich Gunnar Golkowski mit Buchempfehlungen zu Orwells 1984 zu Wort Schauspieldirektor Jo Fabian versorgt das Publikum mit visuellen Einblicken z.B. in seinen zuletzt uraufgeführten Antifaust. Die Opernsolistinnen und -solisten proben derzeit zuhause. Sie geben ebenfalls Einblick in ihr „Alltagstheater“, so wie Dirk Kleinke, der einen Ausschnitt aus der Oper Satyagraha von Philip Glass singt und sich dabei am Klavier begleitet.

Die Tänzerinnen und Tänzer des Balletts haben inzwischen ein 2 x 2 Quadratmeter „kleines“ Stück Tanzteppich für tägliche Trainingseinheiten zur Verfügung. Dieses sorgt für den richtigen Halt bei den sogenannten Exercises, die vom Ballettstudio in die eigenen vier Wände verlegt werden mussten. So hält sich das Ensemble derzeit auf kleinster Fläche, auch durch Yoga und Krafttraining, fit.

—| Pressemeldung Staatstheater Cottbus |—


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