Paris, Athénée Théâtre Louis-Jouvet, LES LUNDIS MUSICAUX, IOCO
24.11.2025
DIE FREUDE AM SINGEN ZU FEIERN…
A vucchella
Si, comm’a nu sciorillo
tu tienne na vucchella
nu poco pocorillo
appassasuliatella.
Meh, dammillo, dammillo,
-è comm’a na rusella –
dammillo nu vasillo,
dammillo, Cannetellal!
Dammillo e pigliatillo,
nu vaso piccerillo
comm’a chesta vucchella.
che pare na rusella
nu poco pocorillo
appassuliatella…
(Tosti / D’Annunzio)
Zwischen Kontinenten und Epochen…
Mit ihrem gemächlichen Tempo lädt die in Oman geborene kanadische Mezzo-Sopranistin Deepa Johnny zu ihrem ersten Liederabend in Paris ein. Ihr Partner am Klavier ist der äußerst talentierte französische Pianist Alphonse Cemin, der auch gleichzeitig die Montags-Serie LES LUNDIS MUSICAUX leitet. In ihren Interpretationen schwingt hin und wieder ein Hauch von Melancholie mit, doch vor allem viel Humor, große Lebensfreude und ungestüme Unbeschwertheit! Eine Reise durch Epochen und Stile, die dem französischen, italienischen und spanischen Repertoire mit oft volkstümlichen Werken Tribut zollt, bevor sie sich Amerika und seinen Musicals zuwendet. Die junge Sängerin zählt zu den meistbeachteten Stimmen ihrer Generation. Ihr Debüt als Carmen (1875) in der gleichnamigen Oper von Georges Bizet (1838-1875) in Romain Gilberts Inszenierung für die Opéra de Rouen Normandie brachte ihr sowohl Publikums- als auch Kritikerlob ein.

Johnny, Absolventin des Young Artist Programme der Opera of Los Angeles, gab ihr Debüt in der Rolle der Penelope aus der Oper Il ritorno d’Ulisse in patria, SV 325 (1640) von Claudio Monteverdi (1543-1643) unter der Leitung des argentinischen Dirigenten Leonardo García Alarcón in einer Inszenierung des libanesisch-französischen Regisseurs Pierre Audi (1957-2025) im Festival d’ Aix-en-Provence 2024.
Sie sang außerdem die Titelrolle in Carmen unter dem britischen Dirigenten Ben Glassberg und den Cherubino aus der Oper Le nozze di Figaro, KV 492 (1786) von Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791) an der Opera Portland und an der Opera San Jose. Sie trat auch im Festival of Manchester, dem Festival von Bregenz und im Southbank Centre in London mit großem Erfolg auf.
Populärer Humor und ein Hauch von Nostalgie…
Während ein ganzer Zweig der musikalischen Gestaltung für Gesang und Klavier zweifellos zu einer Kunstform gehört mit einer vielfältigen komplexen seriösen Tonsprache, fällt aber auch ein bedeutender Teil des Repertoires unter die Kategorie der Romanze oder der Melodie und schöpft aus volkstümlichen Inspirationen. „Plaisir d’amour“ (1784) von Jean Paul Égide Martini (1741-1816) repräsentiert in Frankreich einen einfachen, in Verse gegliederten Stil. Pauline Viardot (1821-1910), einige Jahrzehnte nach Martini, war ebenfalls ein wichtiger Vertreter dieses Stils. „Hai luli!“, VWV 1106“ (1880) ist von einem russischen Volkslied inspiriert, während „Les Filles de Cadix“ (1874) von Léo Delibes (1836-1891) und „Gitarre“ (1859) von Bizet aus derselben Zeit eine brillante Hommage an Spanien darstellen.

In der Zwischenkriegszeit interessierten sich Federico García Lorca (1898-1936) als auch Fernando Obradors (1897-1945) für die Folklore ihrer Heimat und veröffentlichten jeweils eine Sammlung der Canciones Españolas Antiguas (1928) und der Canciones Clásicas Españolas (1936), in der das gutturale andalusisches Lied, die cante jondo besonders hervorsticht. Was „Bésame mucho“ (1932) betrifft, so ist die Geschichte seiner verschiedenen Formen faszinierend, seit der ersten Adaption einer Melodie von Enrique Granados (1867-1916), die Consuelo Velazquez (1916-2005) inspirierte, bis hin zu den unzähligen Neuinterpretationen.
Auch aus Italien stammende Melodien werden heute Abend von Johnny interpretiert: 1904 vertonte Francesco Paolo Tosti (1845-1916) einen neapolitanischen Text von Gabriele D’Annunzio (1863-1938), der mit den Konventionen der Romanze spielt, während etwa dreißig Jahre später „Non ti scordar“ (1935) von Ernesto de Curtis (1875-1937) opernhafte Lyrik mit dem Charme der populären Melodie verband. Die Arie der Cenerentola „Nacqui all’affano“ aus der gleichnamigen Oper (1817) von Gioachino Rossini (1792-1888) ist ein perfektes Beispiel für den italienischen Belcanto, dessen schillernde Virtuosität ganz im Dienste der Ausdruckskraft steht.
Die englischen Songs , die den letzten Teil dieses „Liederabends“ bilden, gehören alle – oder fast alle – derselben Tradition an, nämlich der amerikanischen populären Musik und der Musikalische Komödie des 20. Jahrhunderts, einem Repertoire, in dem besonders George Gershwin (1898-1937) eine Pionierrolle spielt – oft mit der Komplizenschaft seines Bruders Ira Gershwin (1896-1983), dem Texter zahlreicher Musicals, insbesondere Lady in the Dark (1941) von Kurt Weill (1900-1950), aus dem der humorvolle Song „Saga of Jenny“ stammt. Die 1950er und 1960er Jahre waren eine äußerst fruchtbare Zeit für das Genre, zu der auch Künstler wie Leonard Bernstein (1918-1990), Meredith Willson (1902-1984) und Jule Styne (1905-1994) beitrugen. Diese Songs, die populäre Kunst und musikalische Raffinesse vereinen, verströmen zumeist einen gewaltigen Charme, der Sinnlichkeit und Lebhaftigkeit vereint. Vielleicht ist es der Refrain von „Thank You for the Music“(1983), mit dem Johnny sich in das populäre Repertoire des Schlagers der berühmten schwedischen Gruppe ABBA (1972 bis 2018) wagt, der die besondere Atmosphäre dieses außergewöhnlichen „Liederabends“ am besten zusammenfasst: „Danke für die Musik, die Songs, die ich singe / Danke für all die Freude, die sie bringen“.
Zu dem „Liederabend“ im Athénée – Théâtre Louis Jouvet im Rahmen der Lundis musicaux am 24. November 2025:
Eine tiefgründige melancholische und humorvolle Reise…
Dieser Montag, der 24. November, erstrahlt in besonderem Glanz. Heute Abend im Athénée Théâtre Louis Jouvet scheint das Publikum schon zu lächeln, bevor Johnny und Cemin auch nur einen Ton angeschlagen haben. Ihre Ankunft erzeugt eine spürbare Vorfreude, als ob jeder wüsste, dass sich nun eine Reise durch vielfältige musikalische Welten entfaltet.
Johnny schreitet mit einer fesselnden Gelassenheit voran und schon in den Takten entfaltet sich die Kraft ihrer Stimme mit natürlicher Leichtigkeit. Sie verschmilzt mühelos mit dem Raum, ihr Timbre ist klar und voll. Die Klangfarben entfalten sich fließend und vereinen Süße, Tiefe und Brillanz. Die Nuancen fesseln und die Melodien erstrahlen im Licht einer heiteren und freudigen Präsenz.

Wie immer fesselt Cemin am Klavier sofort den Zuhörer! Sein rasantes, nuancenreiches Spiel zieht den Hörer unmittelbar in seinen Bann. Wir folgen seinen präzisen und fließenden Bewegungen, die unsere Aufmerksamkeit fesseln. Die Übergänge vollziehen sich mit Feingefühl und Agilität, vom sanftesten Anschlag bis zu den kraftvollsten Akzenten. Seine Begleitung ist äußerst harmonisch: Sie unterstreicht die Melodie, ohne sie je zu übertönen und verleiht den Stücken eine Musikalität, die den Moment lebendig werden lässt.
Der Abend beginnt mit einem charmanten französischen Programm. Ein Werk von Delibes sprüht vor Lebendigkeit. Martinis ikonisches „Plaisir d’amour“ weckt zarte Erinnerungen. Eine Komposition von Bizet besticht durch ihre vollendete Lebendigkeit und Viardots erhabenes „Hai Luli“ bezaubert mit einer fast intimen Süsse. In jedem Stück umhüllt das Klavier die Stimme mit wunderbarer Präzision.
Das Programm erkundet anschließend andere musikalische Gefilde. Velázquez‘ populäres „Bésame mucho“ eröffnet den Abend, gefolgt von einer Melodie von Curtis und einer weiteren von Tosti. Johnnys Stimme moduliert die Phrasen mit Klarheit und Freude! Cemin legt die harmonische Tiefe dar und bringt Nuancen mit feiner Sorgfalt zum Ausdruck.
Eine Hommage an Spanien eröffnet neue Perspektiven: Drei wundervolle Kompositionen von Lorca „Los cuatro mulleros“, „Las morillas de Jaén“ und „El café de Chinítas“ aus seinen Canciones Españolas Antiguas bilden ein lebendiges und farbenfrohes Triptychon. Das Ohr folgt den melodischen Wendungen wie einem geschmeidigen Tanz, in dem das Duo die Rhythmen und volkstümlichen Einflüsse auskostet. Eine Melodie von Obradors setzt die Reise mit zartem und leuchtendem Glanz fort.

Das abwechslungsreiche Programm präsentiert das Talent beider Künstler und entführt das Publikum mit der berühmten Arie „Nacqui all’affanno“ aus Rossinis turbulenter Oper in theatralischere Gefilde. Die atemberaubende Virtuosität der Sängerin kommt voll zur Geltung! Nach einer kurzen Pause folgen drei amerikanische Klassiker. Eine Komposition von Gershwin verhüllt den Saal wie mit einem verträumten Märchen. Ein Werk von Bernstein vollzieht musikalische Leichtigkeit in uns! Ein Stück von Terry Shand (1904-1977) „I Double Dare You“ (1931) verleiht dem Ganzen eine unwiderstehliche Note.
Der Abend ging weiter mit einem weltweitem Hit von ABBA, gefolgt von einer Komposition Weills, die eine wunderbare Theatralik entfaltete. Ein Stück von Willson schien die Zeit elegant stillstehen zu lassen und ein Werk von Styne beendete den Abend mit einem letzten, klangvollen Lächeln. Und als Zugabe gab es gewissermaßen ein wunderbares wohlschmeckendes „Sahnehäubchen“. Guten Appetit!: Einem bekannten Song, oft als Duett von den schon mythischen Stars Barbra Streisand (*1942) und Judy Garland (1922-1969) gesungen: Wurde hier teilweise vom Pianisten und seiner Partnerin gesungen. Ein warmes und intimes Finale.
In diesem mitreißenden Lieder (?) - Melodien (?) - Song (?) - Schlagerhits (?) - Abend (! ) bereichern die sich perfekt ergänzenden Talente von Johnny und Cemin in jeden Moment. Das Publikum genießt das gemeinsame Erlebnis in vollen Zügen und die Künstler präsentieren ihre letzten Töne mit derselben Frische wie die ersten. Ein Abend voller Energie und Herzlichkeit hinterlässt ein unkompliziertes, lebendiges und unvergessliches Vergnügen.
Was in unserer Familie schon immer gesagt wurde, beweist sich hier besser als je zuvor: „Wir haben keine Kleine noch Große Musik! Wir haben nur eine Musik… Also lassen wir die blöden kleinkarierten Schubläden verschlossen oder besser noch, werfen wir sie einfach weg. Danke für die Musik!“