Paris, Philharmonie - Saale Pierre Boulez, Matthäus-Passion - J. S. Bach, IOCO
03.04.2026
EIN KLAGELIED FÜR DIE KRANKE WELT…
Erbarm es Gott!
Hier steht der Heiland angebunden.
O Geißelung, o Schläg’, o Wunden!
Ihr Henker, haltet ein!
Erweichet euch der Seelen Schmerz,
Der Anblick solchen Jammers nicht?
Ach ja, ihr habt ein Herz,
Das muss der Martersäule gleich,
Und noch viel härter sein.
Erbarmt euch, haltet ein!
(2. Teil / N° 51 / Rezitativ)
Die Matthäus-Passion ist ein Klassiker der Osterkonzerte…
Der junge französische Dirigent Raphaël Pichon, der das Werk seit Langem kennt und erarbeitet hat, bevor er es 2021 in der Philharmonie de Paris mit seinem Ensemble Pygmalion einspielte, präsentiert seine lichtvolle Interpretation.
Eine dramatische Struktur, die vom Martyrium Christus geprägt ist, eine Architektur aus Arien, Chorälen und vielen Chören, die sich um die Evangeliums-Erzählung winden, eine Partitur, die alle Ausdrucks-Möglichkeiten des Doppelchors ausschöpft: Johann Sebastian Bachs (1685-1750) Matthäus-Passion, BWV 244 (1727) ist ein monumentales Werk, dessen Aufführung im Konzertsaal stets ein tief bewegendes Erlebnis ist. „Indem Bach das menschliche Gewissen herausfordert und tröstet, bietet er uns einen wahren Balsam für die Seele, universell und zeitlos“, schrieb Pichon über seine Einspielung. Mit seinem Ensemble Pygmalion, Chor und Orchestre sowie einer Reihe hochkarätiger Solisten, mit denen er bestens vertraut ist, bietet er eine klare und unmissverständliche, zutiefst menschliche Interpretation, in der hinter der biblischen Tragödie die Freude aller Beteiligten an der Würdigung dieses Schatzes des Repertoires zum Ausdruck kommt.

Eine wahrhaftige räumliche Anordnung
zwischen zwei Gruppen von Musikern:
Eine klangliche und spirituelle Stereophonie….
Es war eine neue Tradition in Leipzig, am Karfreitag zur Vesper ein Passions-Oratorium aufzuführen, abwechselnd in den beiden Hauptkirchen der Stadt: Saint-Nicolas und Saint-Thomas. Dieser Gottesdienst war recht lang, da zwischen den beiden Teilen des Oratoriums eine sehr ausführliche Predigt gehalten wurde und außerdem Motteten aufgeführt und Choräle gesungen wurden. Am Karfreitag, dem 11. April 1727, präsentierte Bach in Saint-Thomas erstmals seine Matthäus-Passion, ein Werk, das er 1729, 1736 und 1742 noch drei weitere Male aufführen sollte. Und stets in der Kirche Saint-Thomas, da ihm dort neben der großen Empore im hinteren Teil der Kirche auch eine kleine Empore mit Orgel über dem Chor zur Verfügung stand. Dies ermöglichte ihm eine echte räumliche Anordnung der beiden Musiker-Gruppen, eine klangvolle und spirituelle Stereophonie herzustellen.
Gemeinsam mit seinem Librettisten, dem Poeten Christian Friedrich Henrici, auch genannt Picander (1700-1764) entschied er sich, die heilige Erzählung mit dem Letzten Abendmahl von Christus mit seinen Jüngern und der Einsetzung der Eucharistie beginnen zu lassen. Der erste Teil endet mit der Verhaftung Jesus in Gethsemane und der Zerstreuung seiner Jünger. Der zweite Teil führt von seiner Erscheinung vor dem Hohenpriester Kaiphas bis zu seiner Grablegung! Wie in den Oratorien jener Zeit, deren Urbild es ist, entspricht die musikalische Struktur der Matthäus-Passion derjenigen der italienische Opera seria jener Epoche. Ein Rezitativ, secco oder begleitet, liefert die historische Erzählung und treibt die Handlung zu jenen Momenten intensiver dramatischer Konzentration voran, in denen Emotionen in Arien Ausdruck finden müssen, wodurch Raum für Kommentare zur Situation und persönliche Reflexion entsteht. Bei genauerer Betrachtung erweist sich diese formale Struktur jedoch als weitaus subtiler und vielfältiger als die der Werke jener Zeit, deren oft banale Form sie bei Weitem übertrifft.
Zu Beginn werden alle Christen, verkörpert durch die Töchter Zions, das heißt die Mitglieder der Kirche, dazu aufgerufen, über die Tragödie des unschuldigen, hingerichteten Mannes zu trauern, gelassen und geduldig wie im Drama vom Lamm: Das wegen der Sünden der Menschen geschlachtet wurde! Von einer Tribüne zur anderen, an beiden Enden des Kirchenschiffs gewissermaßen wie aus den Weiten des Universums, werden die Gläubigen zum Gebet eingeladen, dessen Klang sich über ihren Köpfen erhebt und einen Raum erfüllt, dessen Grenzen plötzlich aufgehoben sind. Und während die Seelen der kirchlichen Gemeinschaft aller Zeiten einander vor demjenigen stehen, der gekreuzigt werden soll, rufen sie mit klagender Stimme und erheben sich in langgezogenen Tönen, selbst über die beiden Vokalensembles hinaus in einer engelsgleichen neunten Stimme, der Choral, der das erlösende Opfer verkündet, das dargebracht werden soll: „O unschuldiges Lamm Gottes“.

„Wahrlich, ich sage euch: Einer von euch wird mich verraten“. Schreckliche Worte! Zeuge, der Evangelist Matthäus berichtet es im Nachwort und interpretiert es einem recitativo secco. Dann spricht Christus mit einer tiefen Bass-Bariton-Stimme, offensichtlich die Stimme Christus in der Barockzeit. Weder prophetisch noch bedrohlich, sondern erfüllt von tiefer Feierlichkeit in dieser schmerzlichen Erfüllung der Schrift und gebadet im Licht langgezogener Töne der Violinen und der Bratsche, ein klangvoller Heiligenschein umgab ihr Gesicht. „Könnte es an mir liegen, Herr?“, riefen die Apostel in fünf Takten eines heftigen, extrem intensiven fugato. Hören wir genau hin: Elfmal brach die verzweifelte Frage hervor, nicht zwölfmal. Nur Judas ist ausgenommen und das aus gutem Grund. Und während wir gespannt auf die Fortsetzung der Geschichte warten, unterbricht Bach, wie es ein versierter Dramatiker gerne tut, die Erzählung, um uns zum Nachdenken einzuladen. In der Sanftheit einer b-Dur Tonart spricht die universelle Kirche in der Melodie des alten Chorals: „Ich bin es“. Der Schuldige bin ich! Die Geschichte kann nun fortgesetzt werden: „Wer mit mir das Gericht geteilt hat, der wird mich verraten“. Judas, entlarvt: „Könnte ich es sein, Herr?“ Die Harmonie bricht zusammen: „Du hast es gesagt“! In einem Moment tiefster Feierlichkeit erwacht die Bewegung zum Leben. Christus spricht die entscheidenden Worte, setzt die Eucharistie ein und beschließt den ersten Teil der Passion. Einige Augenblicke, musikalisch losgelöst von allem anderen, weder Rezitativ noch ein arioso, die von Streichern und Orgel unaufhörlich mit strahlendem Glanz erfüllt werden.
Im Beisein von vielen Schriftgelehrten und Ältesten befragte der Hohepriester Jesus, über dessen unverschämte Behauptung, dass er göttlich sei und was unweigerlich Gotteslästerung hervor rief, so führten sie ihn zu seiner Verurteilung zum Tode. Doch nur der römische Statthalter Pontius Pilatus konnte das Urteil aussprechen! Am nächsten Morgen wurde Jesus vor ihn gebracht, schwieg aber! Tief beunruhigt überließ Pilatus dem Volk die Wahl: Entweder einen berüchtigten Räuber namens Barabbas zu begnadigen oder diesen Jesus, der „Christus“ genannt wird. Und die Menge der Ankläger, die sich noch nicht zu erkennen gegeben hatte, antworteten mit heftigem Geschrei: „Barabbas!“, auf einem verminderten siebenten Akkord. Was soll mit Jesus geschehen? „Er soll gekreuzigt werden!“ In einer nur acht Takte langen Fuge sprechen die beiden Chöre diesen Satz aus. Das Ganze dauert kaum ein paar Dutzend Sekunden!

Welch eine schwere Beleidigung! Jesus besteigt Golgatha, schwer beladen mit dem schändlichen Folterinstrument. Welch ein Leid erfüllt das arioso für Bratsche, begleitet von zwei Oboen: „Ah! Golgatha, fatales Golgatha!“, während die Cellos im Stil von pizzicatos die Toten-Glocken stilisierend läuten… Und die Erzählung setzt von neuem ein, Dunkelheit bedeckt die Erde, die Worte, der Tod – und der Choral der Passion erklingt erneut. Dann zerreißt der Vorhang des Tempels, die Erde bebt und kracht, die Felsen spalten sich. Das ist Oper in ihrer reinsten Form!
Es ist vollbracht! Der gewaltige Felsbrocken verschließt das Grab. Jesus ist in sein Bett gekommen, von wo er in Herrlichkeit auferstehen wird. Die Evangeliums-Erzählung ist zu Ende! Die gesamte Kirche vollendet nun, was sie gleich mit dem Schlusschor tun wird. Doch zuvor singt er mit einer Geste unendlicher Zärtlichkeit einfach ein süßes und vertrautes „Gute Nacht“ für denjenigen, der am Abend der unsagbaren Tragödie ruht, bevor er wieder aufersteht. Von tief nach hoch, von der Erde zum Himmel, die ganze Schöpfung verkörpernd, erheben sich die vier Stimmen nacheinander. Zuerst der Bass, der an Christus erinnert, der zu seiner Ruhe getragen wird, dann, in einer unwiderstehlichen Aufwärtsbewegung, der Tenor des hoffnungsvollen Sünders, die Altstimme der gequälten Seele und schließlich der Sopran, eine freudige Seele, die dem Erlöser dankt. Nach jedem Einsatz wiederholt der Chor: „Mein Jesus, gute Nacht!“. Die Nacht des Todes, aber ein Tod, von dem jeder Lutheraner weiß, dass es nichts anderes ist als der Schlaf, der dem Erwachen zu einer neuen Geburt vorausgeht, der Geburt zu übernatürlichem und ewigem Leben im Lichte Gottes. Diese Anrufung des nächtlichen Friedens, ist ganz allein Bachs Erfindung, beschließt das Buch mit einem letzten Chorstück. Und anstelle des Dankgesangs, den dieser Chor dargebracht hat, versammelt ein großer Epilog die gesamte christliche Gemeinde zur Trauer. Nach all dem, was gerade geschehen ist, können wir in unserer Trauer und Verzweiflung nur sagen: „Ruhe in Frieden“. Und der zweite Chor kann diesen schmerzlichen Ruf nur wiederholen: „Ruhe sanfte, sanfte Ruh!“.
Die anhaltende Popularität…
Es ist ein seltsames Phänomen! Das das Internet zu unserer Religion geworden ist und das Smartphone hat Gott als Verbindungsglied zu anderen Menschen ersetzt. In einem sich rasant säkularisierenden Europa leeren sich die Kirchen und doch interessieren sich noch immer Menschen für eine der wohl zutiefst religiösen Komposition aller Zeiten: Bachs: Matthäus-Passion.

Die Begeisterung für Passionsspiele beschränkt sich nicht nur auf dieses eine Meisterwerk. Auch andere musikalische Passionen werden regelmäßig im Vorfeld von Ostern aufgeführt, und seit 2011 schalten jedes Jahr Millionen von Fernsehzuschauern ein, um eine komplett modernisierte Version der Passion zu sehen, die teilweise mit Popmusik unterlegt ist. Faith-The Manchester Passion (2006), basiert auf einer in Manchester entwickelten Show und sie wurde fast in ganz Europa aufgeführt.
Die Matthäus-Passion wurde inzwischen übersetzt, für Kinder bearbeitet und sogar in einer stark vom Tango beeinflussten Fassung neu interpretiert. Ob in Bachs Originalfassung oder in den Bearbeitungen unzähliger Künstler – die Geschichte der letzten Tage von Jesus berührt und fasziniert uns bis heute.
Entstehung des Kultes der Passion…
Die Uraufführung – wie schon gesagt – fand 1727 in der Thomas-Kirche in Leipzig statt, wo Bach als Kapellmeister wirkte. Es handelt sich um ein Gelegenheitswerk, komponiert für die lange Vesper am Karfreitag. Die Musik wurde mit Lesungen und Predigten durchsetzt, sodass die gesamte Zeremonie leicht vier Stunden und mehr dauerte. Nach Bachs Tod im Jahr 1750 wurde das Werk erst am 11. März 1829 wieder aufgeführt, allerdings in einer gekürzten Fassung, die dem damaligen Geschmack und den Gepflogenheiten angepasst war. Diese Aufführung weckte bei dem jungen Felix Mendelssohn-Bartholdy (1809-1847) ein erneutes Interesse an Bachs Musik.
Fast ein halbes Jahrhundert später, im Jahr 1870, wurde die Matthäus-Passion erstmals wieder in seiner vollen Länge zu hören sein. Diese Aufführungen, die von zahlreichen prominenten Persönlichkeiten und Würdenträger besucht wurden, begründeten die tiefe Verehrung der Passion in ganz Europa und besonders in den von der Lutherischen Kirche verwurzelten Ländern. Wo das Werk weiterhin auf stetig wachsendes Interesse stößt.
Vertraute Themen und kontrastierende Musik…
Der anhaltende Erfolg der Passions-Geschichte nach Matthäus lässt sich auf verschiedene Weise erklären. Zunächst einmal ist uns die Erzählung sehr vertraut. Von allen biblischen Geschichten sind die Geburt und Kreuzigung Jesus wohl die bekanntesten. Selbst den meisten Nichtgläubigen sind die Bedeutung von Begriffen wie dem Letzten Abendmahl, dem Verrat des Judas, dem Krähen des Hahns und dem Kreuzweg Christus geläufig.

Geschichten dieser Art haben unsere westliche Kultur geprägt und beflügeln die Fantasie, auch außerhalb eines liturgischen oder religiösen Kontexts. Bach komponierte seine Matthäus-Passion nach einem Libretto des zeitgenössischen Dichters Picander, das Evangelien-Texte mit Kommentaren abwechselt. Die Geschichte wird nicht einfach nur erzählt, sondern in einer beinahe theatralischen Szenerie lebhaft darstellt.
Ein zweites wichtiges Element ist natürlich die Musik selbst. Wie gelingt es Bach, Musiker und Publikum drei Stunden oder länger - je nach gewähltem Tempo – zu fesseln? Was sofort auffällt, ist der Wechsel zwischen den verschiedenen Gattungen innerhalb der Passion! Es enthält lyrische Arien für Solisten, beschreibende Rezitative, in denen der Evangelist als Erzähler fungiert, lutherische Choräle und kraftvolle Passagen für mehrere Chöre und Orchester. Bachs Musikwelt ist mal grandios und ehrfurchtgebietend, mal zutiefst intim und zart. Doch sie ist auch äußerst bildhaft! Bach lässt Donner und Blitz beinahe greifbar erscheinen; eine Schlange schlängelt sich in Form einer Notenfolge über die Notenzeilen. Der Hahnenschrei ist so ausdrucksstark wie die bitteren Tränen des Petrus nach seiner dreifachen Verleugnung.
Eine „Matthäus-Passion“ von universeller Tragweite…
Die Kombination aus einem sorgfältig ausgearbeiteten Libretto und einer fesselnden musikalischen Welt ermöglicht unterschiedliche Hörebenen und garantiert dabei stets ein ästhetisches Erlebnis von gleicher Intensität. So betrachten viele heutige Hörer die lutherischen Choräle – von denen „O Haupt voll Blut und Wunden“ die bekanntesten sind – als willkommene Momente der Ruhe inmitten der komplexen Musik Bachs. Für die Besucher der Thomas-Kirche in Leipzig im Jahr 1727 waren dies jedoch sehr vertraute Texte und Melodien, die die gesamte Gemeinde gemeinsam sang.
Zwischen dem rein musikalischen Genuss eines Werkes und dem intensiven Erleben seines Inhalts existiert eine unendliche Anzahl von Abstufungen, zwischen denen der Hörer mühelos wechseln kann. Für manche besitzt die Musik an sich einen beinahe sakralen Charakter, für andere besteht ihre Berufung gerade darin, die religiöse Autorität des Evangeliums zu unterstreichen.

In einer Sendung des beliebten niederländischen Fernsehprogramms: „Die Welt dreht sich“ aus dem Jahr 2016 betonte der Dirigent Reinbert de Leeuw (1938-2020), dass jeder Takt dieser Passion reich an Bedeutung sei. Dies ist zweifellos einer der Gründe für die anhaltende Faszination des Werkes: Bei jeder Aufführung oder jedem Hören offenbaren sich neue Details. Bachs Partitur ist so reichhaltig und komplex, dass sie auch drei Jahrhunderte nach ihrer Entstehung noch nicht alle Geheimnisse preisgegeben hat.
Über die biblische Erzählung und die Musik hinaus zeigen die zahlreichen zeitgenössischen Bearbeitungen, die jedes Jahr um Ostern aus der Kreativität von Künstlern entstehen, dass diese Passion mit all ihren Emotionen einen Großteil der Bevölkerung berührt. Eine Geschichte, die – insbesondere in der Fassung von Bach und Picander – von Liebe, Trauer, Mitleid und Leid erzählt. Alle möglichen Bearbeitungen der Matthäus-Passion und anderer Passions-Erzählungen kreisen um diese zutiefst menschlichen Gefühle. Letztlich spricht die Matthäus-Passion zu uns…
Die Aufführung in der Philharmonie de Paris / Salle Pierre Boulez am 3. April 2026:
Wiederentdeckung der Menschlichkeit…
Die herausragende Qualität von Pichons Interpretation liegt in ihrer Klarheit. Sein Ansatz hat etwas Pädagogisches und er bestand darauf, dass das Libretto die verschiedenen Episoden der Passion nach Matthäus klar darstellt: Die Vorbereitung der Passion, die Gartenszene, die Szene mit Pilatos, die Kreuzigungs-Szene und die Grablegung. Die Verwendung des Wortes „Szene“ ist etwas irreführend, es könnte den Eindruck erwecken, es handele sich um eine Oper. Doch es ist eine spirituelle Erfahrung: Zu fühlen, den Leidensweg Christus nachzuerleben und sich einem anderen, unbeschreiblichen Raum zu öffnen, jenseits der Welt, jenseits der Zeit.
Maßgeschneidert für Saint Thomas…
Bekanntlich nutzte Bach für seine große Passion zwei Chöre und auch die beiden einander gegenüberliegenden Orgeln der Leipziger Thomaskirche: Eine große Orgel auf der Westempore und eine kleinere Orgel auf der sogenannten „Schwalbennest“-Etage, die über dem Triumphbogen zwischen Chor und Kirchenschiff angebracht war.
Auf jeder dieser Emporen platzierte Bach ein Chorensemble. Aus Platzgründen war der Hauptchor offenbar doppelt so groß wie der Nebenchor. Die Solisten der Rezitative gehörten jeweils einem der beiden Ensembles an, mit Ausnahme des Evangelisten und möglicherweise Christus. Die Continuo-Spieler befanden sich auf der Hauptempore, da dort das Rezitativ gesungen wurde. Zweifellos spielten aber auch einige auf der „Schwalbennest“-Etage. Zwischen den beiden Orgelständen lagen 28 Meter, was mögliche Abweichungen erklärt.
Daraus lassen sich mehrere Schlüsse ziehen: Erstens, dass die Anzahl der Chor- und Instrumentalisten vermutlich gering war. Zweitens: Dass die Zuhörer, die größtenteils die Haupttribüne „hinter sich“ wahrnahmen, während die Ensembles, insbesondere die Chöre, vom Klang völlig eingenommen waren.
Schallgeographie…
Eine weitere Folge, die über diese historischen und geografischen Gegebenheiten hinausgeht, ist, dass Bach jeder Gruppe von Sängern und Instrumentalisten unterschiedliche Rollen zuwies. Der Eingangschor, so komplex in seiner Struktur, ist ein Paradebeispiel: Nach der erhabenen instrumentalen Einleitung von beiden Seiten singt der gesamte Chor: „Kommt, meine Töchter, stimmt ein in mein Klagelied, seht…“. „Wer?“, fragt der Nebenchor. „Der Bräutigam… wie ein Lamm“, antwortet der Hauptchor und so weiter…
Hinzu kommt ein Chorus di ripieno – ein zusätzlicher Chor – von etwa fünfzehn Frauenstimmen – manchmal auch Knaben -, der nur zweimal in der Partitur erscheint und einen Choral intoniert: „O unschuldiges Lamm Gottes, geopfert am Kreuz…“, der erstaunlicherweise mit einem strahlenden E-Dur Akkord endet.
Die Struktur ist nicht leicht zu erklären, doch sie offenbart Bachs im wesentlichen didaktisches Ziel: Die Passion nachzuerzählen, indem er Christus und einige der Beteiligten zitiert, wie es die Evangelien tun. Dazu die menschlichen Reaktionen einzufügen: „Lasst ihn gehen! Haltet ihn nicht auf! Fesselt ihn nicht!“ und den Aufruhr und die befreiende Inbrunst der Christen zum Ausdruck zu bringen – die Rolle der Choräle -.
Diese komplexe Strategie mag an eine Form des sakralen Theaters oder Konzert erinnern, doch tatsächlich geht es darum, eine spirituelle Botschaft zu vermitteln und den Zuhörer mitten ins Geschehen der Passion zu versetzen.
Das Licht der Klarheit…
Neben ihrer Klarheit ist diese Passions-Geschichte glücklicherweise von einem wunderbaren Evangelisten, dem deutschen Tenor Julian Pregardien, interpretiert. Seine Stimme strahlt eine Leichtigkeit aus, etwas Unschuldiges, Offenes, fast Aufrichtiges. Hören wir uns den Bericht vom Letzten Abendmahl (N° 9, 10, 11) an, eine bewegende Komposition der Gefühle: Die Zärtlichkeit, die Pregardien in „Aber am ersten Tage des süßen Brotes“ legt, das Pochen auf seinen Lippen in „und huben an, ein jeder unter ihnen“… Dieser fast jugendlichen Frische steht die unerschütterliche Entschlossenheit des französischen Bariton Stéphane Degout gegenüber, ein Jesus von unerwarteter Festigkeit, sein: „Trinket alle daraus, das ist mein Blut“ mit einem edlen Ausdruck, ernst, heiter und tragisch zugleich.
Hinzu kommt die ergreifende Stille nach dem: „Du sagest“ – Du hast gesagt -, der Antwort auf Judas‘ Frage: „Wäre ich es, Rabbi, der dich verraten würde?. Hinzu kommt die Frömmigkeit, die Inbrunst, die schlichte Ergriffenheit des Chorals: „Ich bin’s, ich sollte büßen“, gesungen von den Jüngern. Hierhin liegt die Herangehensweise Pichons und seiner Interpreten in ihrer Essenz: Kein Pathos, eine schlichte Erhabenheit, die Präzision der Chorgesänge, die Ausdruckskraft der Klangfarben. Eine Klarheit wie in einer Radierung!
Gesangliche Genüsse…
Unmittelbar nach dieser eindrucksvollen Sequenz folgt das Rezitativ und die Arie: „Wiewohl mein Herz… Ich will dir mein Herze schenken, mein Herr“, wo auf einem üppigen Klangteppich aus Oboen und fröhlichen Bässen die Stimme der französischen Sopranistin Julie Roset als Uxor Pilati und 1.Sopran in Girlanden aus Vokalisen und trillernden Tönen erklingt, die einerseits nach so viel Spannung das Ohr erfreuen und andererseits die Gewissheit und Freude der Auferstehung verkünden.
Zu den stimmlichen Höhepunkten zählt auch der kurze Auftritt des jungen englischen Tenor Laurence Kilsby im zweiten Teil. Es ist ein besonderes Merkmal der Matthäus-Passion, einen weiteren 1. Tenor auf der zweiten Empore einzusetzen, der nur diese eine Zeile singt: „Mein Jesus schweigt… Geduld, Geduld!... Mein Jesus schweigt vor der Verleumdung… Geduld, Geduld“. Mit einem Ausdruck christlicher Trauer und zugleich auch Hoffnung singt Kilsby diese Passage, durchdrungen von italienischen Einflüssen, mit unbeschreiblicher, sinnlicher Sehnsucht und einem so warmen Timbre, vor einem ätherischen Hintergrund aus Continuo, Orgel, Cello und Theorbe.
Stimmlichkeit aber keine Emotionen…
Wir müssen gestehen, dass uns die französische Altistin Lucile Richardots mit ihrer Darbietung der Alt- Arien weniger berührt hat. Im ersten Teil wirkt: „Du lieber Heiland… Büß und Reue“ wie mit einer gewissen Objektivität gesungen aber von Reue und Buße ist kaum etwas zu spüren. Die Wahl scheint hier eher der stimmlichen Virtuosität – die bei einer solchen Künstlerin zweifellos fesselnd ist – als der emotionalen Tiefe geschuldet zu sein. Die Flötenbegleitung ist zwar brillant, doch wirkt ihr bravouröser Moment etwas distanziert.
Im zweiten Teil bestätigt die Arie: „Erbarme dich“, eines der besonders erwarteten Stücke, diesen Eindruck noch mehr. Es ist eine Klage: „Hab‘ Erbarmen mit mir, mein Gott um meiner Tränen willen“, wird hier aber mit sehr großer Distanz gesungen. Man bewundert zwar die Ausführung der Gesangslinie, die Musikalität, die Eleganz ihrer Bewegungen und die Transparenz dieses vibrato-freien Gesangs, doch bleibt ein gewisser Mangel an Emotionen bestehen…
Eine zurückhaltende Dramatisierung…
Hier spielt zweifellos eine interpretatorische Entscheidung Pichons eine Rolle, insbesondere da der Einsatz der zweiten Altstimme mit dem französischen Countertenor Paul-Antoine Bénos-Dijian in der Arie: „Können Tränen meiner Wangen“ ähnliche Aspekte aufweist: Ein souveräner und virtuoser Gesangsstil, aber eine Dramatisierung, die gedämpft, fast gleichgültig wirkt, obwohl der Moment schrecklich ist – Jesus wurde gerade dem Gericht übergeben -.
Wir glauben, dieselbe stimmliche Wahl auch im Rezitativ und Arie: „Er hat uns allen wohlgetan… aus Liebe will mein Heiland sterben“ wieder zu erkennen, die von Rose bewundernswert gesungen wird, deren klare Stimme mit den wunderbaren Holzbläsern harmoniert, wobei die Emotion jedoch bewusst distanziert bleiben.
Bei den kleineren Rollen, denen Bach nicht viel Raum zur Entfaltung gibt, sind der solide deutsche Bass Christian Immler als 2. Bass, als Pilatus und Kaiphas sehr ergreifend, der amerikanische Tenor Zachary Wilder als Testis und 2. Tenor des zweiten Chors mit klaren und sehr ausdrucksstarken Vokalisationen in der Arie: „Ich will bei meinem Jesus wachen“ und die französische Sopranistin Maïlys de Villoutreys als Ancilla und 2. Sopran mit einem leicht säuerlichen Timbre in der Arie: „Blute nur, du liebtes Herz“ hervorzuheben.

Vormund und Ekel im Zustand der Gnade…
Wie wir schon sagten, Pregardien ist umso bewegender, engagierter, einfühlsamer, lebendiger und wie wir wissen, ist es ein großer Passionist und in erster Linie ein noch größerer Evangelist…
Was könnte ergreifender sein als die Kreuzigungsszene? Die Interventionen des Evangelisten werden immer länger und Pregardien scheint jede Stufe der Trauer-Leiter zu erklimmen. Wie könnte man nicht erschauern bei dem Melisma, mit dem er „dass sie ihn kreuzigten“ (N° 55) schmückt, wie könnte man nicht von der Arie in d-Moll: „Komm, süßes Kreuz“ (N° 57) berührt sein, in der Degout, begleitet von Viola da Gamba und Orgel, eine imposante Erhabenheit, Kraft und Zurückhaltung an den Tag legt?
Es ist unmöglich, alle Farben und Nuancen aufzuzählen, die Pregardien der langen Erzählung des Opfers verleiht – mal heroisch, mal verzweifelt, mal mitfühlend, mal strahlend. Umso befremdlicher wirkt daher die relative Neutralität des Altos im Rezitativ: „Golgatha, unseliges Golgatha!“ und in der Arie mit Chor: „Sehet, Jesus hat die Hand“ an diesem Punkt des Dramas, so schön die Holzbläser mit ihrem unglaublichen Klangreichtum und so klar die Beiträge des zweiten Chors, der die erstaunten einfachen Sterblichen verkörpert, auch sein mögen. Weitere Schönheiten werden folgen von Pregardien und Degout, beide entschieden im Zustand der Gnade, das herzzerreißende „Eli, Eli, lama sabachthanie“ von Christus, der heftige Bericht über das Erdbeben (N° 63a), aber das Außergewöhnlichste ist zweifellos das Rezitativ: „Am Abend da es kühle war“ von Degout, gesungen mit tiefer Stimme und einer lebendigen Innerlichkeit, gefolgt von der Arie: „Mache dir, mein Herz rein“, in der seine Stimme abwechselnd mit Stolz, Frömmigkeit, Schmerz und Zuversicht geschmückt ist, mit all dem Adel, der Sensibilität und der strengen Intensität, die er zu vermitteln vermag.
In dieser Passion beeindrucken die beiden Chöre, mal getrennt, mal gemeinsam, durch ihre Präzision, Lebendigkeit und ihren Klangumfang. Doch am bewegendsten sind sie zweifellos in den Chorälen, insbesondere im erhabenen: „Wenn ich einmal scheiden soll“ (N° 62), das so schwebend, intim, zart und inbrünstig ist. Und was lässt sich erst vom Schlusschor sagen, zugleich demütig und gewaltig, erleuchtet von der berührenden Zärtlichkeit von Picanders Worten: „Wir sitzen an deinem Grab und weinen / Und an deinem Grab sagen wir zu dir: Ruhe in Frieden, ruhe in Frieden!“.
Weniger Zurückhaltung, mehr Ausdruckskraft…
Wir nehmen doch an, das jeder von uns irgendwann einmal von einer bestimmten Matthäus-Passion besonders geprägt ist: Ein Erlebnis, das unvergesslich bleibt! Für den Verfasser dieser Zeilen war es auf dem Verbier Festival 2016: Der deutsche Bariton Thomas Quasthoff (*1959) dirigierte das Werk zum ersten Mal, ein lang gehegter Traum von ihm. Der britische Tenor Mark Padmore (*1961) war ein ergreifender Evangelist, trotz oder vielleicht gerade wegen seiner etwas brüchigen Stimme. Die deutsch-argentinische Mezzo-Sopranistin Bernada Fink (*1955) sang die Alt-Arien und wir zitterten am ganzen Körper, als wir zuhörten. Es regnete heftig auf das Festzelt und wir glaubten sogar, dass der Sturm während der Kreuzigungsszene noch stärker wurde. Wir verließen das Festzelt völlig erschüttert!
Pichons: Matthäus-Passion ist wunderschön, die Chöre sind bewundernswert, der Evangelist ist einfach traumhaft, Jesus ist eindrucksvoll und dazu interpretieren wohl einige der besten Solisten unserer Zeit diese einmalige Passion von Bach, wie man sich sie nur vorstellen kann. Aber wir denken doch, es fehlt ihr etwas… wir denken an Inbrunst, aber nein, sie ist da, besonders in den Chorälen… Vielleicht fehlt nur ein Hauch von mehr Ausdruckskraft und weniger preziöse Einzelheiten à la française.
Karten und Programm: www.philharmoniedeparis.fr; Tel.: +33 (0)1 44 84 44 84