Paris, Athénée - Théâtre Louis-Jouvet, Die sieben Todsünden - F. Barron, A. Fanyo, J. Drake, IOCO
16.02.2026
Seit ich so viele Weiber sah,
Schlägt mir mein Herz so warm,
Es summt und brummt mir hier und da,
Als wie ein Bienenschwarm.
Und ist ihr Feuer meinem gleich,
Ihr Auge schön und klar,
So schlaget wie der Hammerstreich,
Mein Herzchen immerdar,
Bum, bum, bum, usw.
Ich wünschte tausend Weiber mir,
Wenn’s recht den Göttern wär‘,
Da tanzt‘ ich wie ein Murmeltier,
In’s Kreuz und in die Quer.
Das wär‘ ein Leben auf der Welt,
Da wollt‘ ich lustig sein,
Ich hüpfte wie ein Has‘ durch’s Feld,
Und’s Herz schlüg immer drein;
Bum, bum, bum, usw.
Wer Weiber nicht zu schätzen weiß,
Ist weder kalt noch warm,
Und liegt als wie ein Brocken Eis,
In eines Mädchens Arm.
Da bin ich schon ein andrer Mann,
Ich spring‘ um sie herum;
Mein Herz klopft froh an ihrem an
Und machet bum, bum, bum, usw.
(Aus dem Spiegel von Arkadien der Brettl-Lieder von Schönberg / Text: Emanuel Schikaneder (1751-1812))
Im Rahmen der Lundis musicaux…
Die langjährigen Freundinnen, die britisch-singapurische Mezzo-Sopranistin Fleur Barran und die afro-französische Sopranistin Axelle Fanyo, treten im Athénée-Théâtre Louis-Jouvet zu einem Abend im Zeichen des Kabaretts auf, dessen Thema Die sieben Todsünden sind, in der unsere Niedrigkeit mit äußerst viel Ironie, Zärtlichkeit, Grausamkeit oder Faszination betrachtet wird. Französische Melodien verschmelzen mit deutschen Liedern, der Geist des Kabaretts unterhält sich mit amerikanischen Songs und Musicals. Begleitet werden sie von dem britischen Pianisten Julius Drake, einem regelmäßigen Gast der Lundis musicaux und Interpret der britischen Regisseurin Deborah Warners in Winterreise, D. 911 (1827) von Franz Schubert (1797-1828) (Siehe auch IOCO-Kritik) in dieser Saison. Auf dem Programm stehen unter anderem Werke von Kurt Weill (1900-1950), Francis Poulenc (1899-1963), George Gershwin (1898-1937) und Cole Porter (1891-1964), usw.
Die Todsünden im Spiegel der Zeit…
1 .Stolz
Es ist der Stolz, der diese charmante Liste eröffnet, die im 13. Jahrhundert von Saint Thomas d‘Aquin (1225/1226-1274) theoretisiert wurde, denn er ist wohl die Haupt-Sünde, die alle anderen hervorbringt. Bei Maurice Ravel (1875-1937) voller köstlicher Grausamkeit und so ist es wiederum enttäuschte Eitelkeit bei Gustav Mahler (1860-1911), alles mit einem vernichtenden Urteil. Auf amerikanischer Seite beschreibt Amor (2009) von William Bolcom (*1938) ein von Selbstliebe entflammter Ego, während Anything You Can Do (1946) von Irving Berlin (1888-1989) einem regelrechten Boxkampf gleicht: „Alles, was du kannst, kann ich besser!“ Bei I, Too (1959) von Margaret Bonds (1913-1972), ist Stolz hingegen Ausdruck einer wiedergewonnenen Würde.

2. Zorn
Kalter Zorn für Arnold Schönberg (1874-1951) in Warnung aus den lapidaren Brettl-Liedern (1901), feuriger Zorn für Polo (1922) von Manuel de Falla (1876-1946), ein typisches Beispiel des cante flamenco. Bei Weill in Surabaya Johnny vermischt er sich mit Verzweiflung: Lulu erzählt in der musikalischen Komödie Happy End (1929) von ihrem Schmerz und Leid, von Johnny missbraucht und verlassen worden zu sein, ebenso in Xavier Montsalvatge (1912-2002), der 1945 in Cuba dentro de un piano die Auslöschung der kubanischen Kultur durch amerikanisches Geld beschwört.
3. Neid
Unerwiderte Liebe ist ein fruchtbarer Boden für Neid: Dies trifft auf die vernachlässigte Schwester in dem Duett Die Schwestern, Nr. 1 aus Vier Duette, Op. 61 (1853) von Johannes Brahms (1833-1897) zu, ebenso auf die verzweifelte Erzählerin in Retire ta main, je ne t’aime pas… (1934), geschrieben von Weill im Jahre 1934. Doch Neid kann auch aus sozialen Ungleichheiten entstehen, wie Weill und Bertolt Brecht (1898-1956) in Neid, einem Auszug aus Die sieben Todsünden der Kleinbürger (1933 / Siehe auch IOCO-Kritik), andeuten. Nach einem Treffen mit ihrem Geliebten fürchtet das junge Mädchen in Flickan Kom ifram sin äsklings möte, Op. 37 (1943) von Jean Sibelius (1865-1957) den Neid oder die Missbilligung ihrer Mutter.

4. Trägheit
Eine gedämpfte Atmosphäre der Trägheit – oder Überdrüssigkeit, also moralischer Faulheit, jener Depression, die durch die Lockerung asketischer Gebote entsteht. Der Erzähler in Schlafen, schlafen… - Aus dem Schmerz sein Recht - aus Vier Gesänge, Op. 2 (1910) von Alban Berg (1885-1935) möchte dem Schmerz im Schlaf entfliehen, während Claude Debussy (1862-1918) und Pierre Louÿs (1870-1925) in C’est l’extase langoureuse aus Ariettes oublées, L. 63a (1885/1887) ein Bild des Vergnügens zeichnen. Auch der/die Erzähler/Erzählerin in The Girls of Summer… (1990) von Steven Sondheim (1930-2021) ist weit von Askese entfernt…
5. Lust
Die Sinnlichkeit erreicht ihren Höhepunkt und der Übergang zur Fantasie vollzieht sich ganz natürlich. Die Nacht bietet die ideale Kulisse, sowohl für Alma Mahler (1879-1964) in Laue Sommernacht aus Fünf Lieder (1910) als auch für Alexander von Zemlinsky (1871-1942) in Entbietung aus Fünf Gesänge, Op. 7 (1901), Freund und Mentor, der auch zeitweise ihr Geliebter war. Porter besessen, träumt davon, Tag und Nacht mit seiner Geliebten zu schlafen in Night and Day aus dem Musical Gay Divorce (1932). Während Bolcom die Spannung genüsslich aufbaut, bevor die Geschichte frustrierend abrupt endet in Over the Piano aus Cabaret Songs (1985).

6. und 7. Gier und Völlerei
Zum Schluss noch Gier und Völlerei, das Verlangen nach immer mehr… Der eine zieht in Bars umher und sucht nach hübschen Jungs im Alabama Song aus Aufstieg und Fall der Stadt Magonny (1927) von Weill, ein anderer kann weder die Flasche noch den Frauen widerstehen in Unüberwindlich, Nr. 5 aus Fünf Lieder, Op. 72 (1876) von Brahms. Der dritte wünscht sich tausend Frauen und noch mehr in Schönbergs: Aus dem Spiegel von Arkadien, ebenfalls ein Auszug aus seinen Brettl-Liedern. Im Gegensatz dazu feiert Gershwin Freude und Zufriedenheit in I Got Rhythm… (1933): Musik, Liebe, „was könnte man sich mehr wünschen?“
Der sündiger Liederabend im Athénée -Théâtre Louis-Jouvet am 16. Februar 2026:
Kann denn Liebe Sünde sein…?
Im Rahmen der Reihe Les Lundis musicaux im Athénée-Théâtre Louis-Jouvet erkunden Fanyo und Barron, begleitet von Drake, das Thema der Sieben Todsünden in einem Liederabend mit mehr als sechsundzwanzig Liedern und Duetten, der französischen Melodie, deutsche Lieder, Kabarett-Lieder und Auszüge aus der musikalischen Komödie und Musicals miteinander verbindet:
Aus dem Werk von Weill und Brecht, auf das der Liederabend-Titel anspielt Die sieben Todsünden, wird lediglich nur ein Song und zwar Neid aufgeführt. Obwohl dieser Auszug, aus dem Kontext gerissen, die politische Dimension des Werkes – seine Kritik an der kapitalistischen Gesellschaft – nicht vollständig vermitteln, fügt es sich dennoch perfekt in das Programm ein, das in sechs Teilen mit sieben Themen gegliedert ist, die den Sieben Todsünden entsprechen: Stolz, Zorn, Neid, Trägheit, Wollust, Geiz und Völlerei werden zu einem zusammengefasst. Jeder Teil wird so zu einer Etappe der Reise-Erzählung, die die kleinen Schwächen der Menschheit mal humorvoll und mal ironisch, mal grausam und sarkastisch schildert. Jeder Bahnhof ist auch ein Ort, an dem Werke von sehr großer Vielfalt zusammenkommen: Wie schon gesagt, französische Melodien, deutsche Lieder von Ravel, Debussy, Poulenc, Brahms, Schönberg, Mahler… Songs im Kabarettstil: Weill, Gershwin, Bonds, Bolcom… und Musicals: Weill, Sondheim, Berlin…

Die beiden Sängerinnen singen mehrmals gemeinsam bezaubernde Duette, die das Publikum begeistern. In Bolcoms: Amor erinnern ihre übersteigerten Egos an so manche Diva und Berlins Anything You Can Do aus dem Musical Annie Get Your Gun behaupten beide scherzhaft, alles besser zu können als die jeweils andere.
Obwohl eine enge Verbundenheit zwischen den beiden Künstlerinnen offensichtlich ist, scheint jede von ihnen ihren bevorzugten Schwerpunkt zu haben. Die Sopranistin vereint eine lyrische Stimme mit erzählerischem Talent und macht ihre Darbietungen so fesselnd. Ihre Stimme ist unendlich nuanciert und folgt dem Text, den sie mit so viel Freude vorträgt. Sie lässt einen Pfau in Ravels Melodie Le Paon aus Histoires naturelle, M. 50 (1907) erscheinen: Der Pfau zittert mit kräftigen, rollenden Rs, ihre volle und lebendige Stimme begleitet den übertrieben majestätischen Gang des Vogels und eine bewusst gewählte, humorvolle Nasalität evoziert seinen Ruf: „Léon!“
Obwohl ihre deutsche Diktion in Zemlinskys Lied Entbietung noch verbesserungswürdig ist, bringt sie dessen leidenschaftliche Sinnlichkeit mit ihrer hellen, kraftvollen Stimme zum Ausdruck. Weills Melodien verleiht sie ihre ganze Sensibilität, ihr kontrastierender Gesangsstil berührt das Publikum tief. Mit eindringlicher Bruststimme verflucht sie den untreuen und gewalttätigen Johnny und flüstert die Verzweiflung der verlassenen Frau in Je ne t’aime pas…
Als Opernsängerin ist sie auch im Genre der Musical-Komödie ganz in ihrem Element, wo sie ihr Vibrato in makellosem Englisch und mit einer funkelnden Bühnenpräsenz moduliert.

Das Repertoire an Liedern scheint für die Mezzo-Sopranistin keine Geheimnisse zu bergen. Sie schildert eindrücklich die Wette zwischen Kuckuck und Nachtigall in Mahlers: 10. Lob des hohen Verstandes (1896) aus Das Knaben Wunderhorn (1899) und kommt schelmisch zu dem Schluss, dass eine schöne Stimme allein nicht genügt. Man müsse auch Rhythmus- und Harmoniegefühl besitzen. Ihr warmes Timbre vermittelt die ganze Sinnlichkeit von Sommernächten in Alma Mahlers: Laue Sommernacht. Und in De Fallas: Polo entfacht sie mit kraftvoller Bruststimme, typisch für den Flamenco, ein wahres Feuerwerk der Gefühle. Diese Bruststimme setzt sie ausgiebig ein, insbesondere in den Songs der musikalischen Komödie, was mitunter zu einem etwas gedämpften Klang führt. Dieser Verlust an Präsenz ist jedoch schnell vergessen, sobald die Sängerin zu ihrer brillanten, obertonreichen Kopfstimme wechselt. Ihre Stimme offenbart zudem eine gewisse Zerbrechlichkeit in Bezug auf die Homogenität, wenn einige Vokale aus ihrer Ausgangsposition fallen, wodurch eine unverwechselbare Diktion entsteht.
Der Pianist, der wohl eine ungerührte Haltung einnimmt, ist dennoch ein sehr unterstützender Partner und sein offenes und perkussives Spiel passt ideal zu Weills Songs.
Die beiden Sängerinnen vereinigten sich schließlich wieder, um Gershwins Song wie ein Credo zu interpretieren I Got Rhythm… „was will man mehr?“
Das Publikum wurde für seinen herzlichen Applaus mit einer wunderbaren Zugabe, Poulencs: Les Chemins de l’amour, FP. 106-Ia aus dem Stück Leocadia (1940), belohnt. „Was wollen wir mehr?“