Paris, Salle Gaveau, Philippe Maillard Productions, IOCO

Paris, Salle Gaveau, Philippe Maillard Productions, IOCO
Salle Gaveau; Paris © Wiki commons

12.01.2026

 

Terra Mater – Natur in der Musik…

When daisies pied and violets blue
And lady’s smocks all silver-white,
And cuckoo-buds of yellow hue,

Do paint the meadows with delight.
The cuckoo then on every tree,
Mocks married men,
For thus sings he: “Cuckoo!”
O, word of fear,
Unpleasing to a married ear!

When shepherds pipe on oaten straw,
And merry larks are ploughmen’s clocks,
And turtles tread, and rooks and daws,
And maidens bleach their summer smocks.
The cuckoo then on every tree…


(“When daisies pied” von Thomas Arne)

 

Ein geheimer musikalischer Garten…

Die österreichische Theorben-Spielerin  und Dirigentin Christina Pluhar mit ihrem Barock-Ensemble  L’Arpeggiata, ist schon lange eine Ikone der musikalischen Offenheit, mit ihrer großen und grenzenlosen Erfindungsgabe, konzipierte sie Terra Mater als eine Hymne an die Natur, die den vier Winden offensteht. In diesem wahren künstlerischen Kuriositätenkabinett versammeln sich düstere Ozeane, grollende Stürme, aber auch Kanarienvögel, Kuckucke, Frösche und Nachtigallen: Hier entfaltet sich in der Tat die ganze Schönheit der Natur in ihrer unendlichen Vielfalt!

Leonardo Teruggi, Kontrabass und Céline Scheen, Sopran ® Peter Michael Peters

 

Von Heinrich Ignaz Franz Biber (1644-1704) bis Georg Friedrich Händel (1685-1759), über Tarquinio  Merula (1595-1665) oder Maurizio Cazzati (1616-1678), erstrahlen die Juwelen des Barockrepertoires in einer gewaltigen Darbietung, in die wunderbare traditionelle englische Lieder mit erstaunlicher Klarheit eingefügt sind. Angetrieben von einem einzigartigen und faszinierenden Stil und einer atemberaubenden Virtuosität von L’Arpeggiata, präsentiert sich dieses Konzert als ein Bouquet aus tausend Farben, das unter dem Schutz von Mutter Erde steht, die vom Wahnsinn der Menschen bedroht wird.

 

Der Barock betritt vollends das 21. Jahrhundert:

Subtil, raffiniert, edel, sinnlich, feurig und umwerfend…

Das Konzert überrascht mit seiner Vielfalt an Inhalten und Genres. Es spiegelt die Vielseitigkeit der mitwirkenden Künstler wider! Pluhar und das Ensemble L’Arpeggiata bewegen sich mit Leichtigkeit zwischen Klassik und populärer Musik vom 17. Jahrhundert bis zum Jazz, ohne dabei Grenzen zwischen den verschiedenen Vokal- und Instrumental-Repertoire zu ziehen.

 

Das Programm umfasst Kammermusik und Opernarien, eine rein gesungene Theaterform, die Anfang des 17. Jahrhunderts in Italien entstand. Nach ersten Experimenten an italienischen Höfen bis in die ersten Jahrzehnte des 17. Jahrhunderts erlebte die Oper im 18. Jahrhundert in Venedig ihre Blütezeit. Es entwickelte sich ein Netzwerk von Impresarios, die erfolgreich die besten Sänger und Komponisten der damaligen Zeit anzogen. So präsentierten die venezianischen Theater von 1637 – dem Jahr der Einweihung des weltweit ersten öffentlichen Opernhauses – bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts die bemerkenswertesten neuen Werke. Diese Uraufführungen wurden anschließend in ganz Italien und Europa aufgeführt. Die Verbreitung und Wiederverwendung von Opernwerken ist für das Verständnis der Oper des 17. Und 18. Jahrhunderts von Bedeutung. In den Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts gelangte die italienische Oper über die Alpen und hinterließ ihre Spuren im deutschsprachigen Raum, insbesondere in Wien und auch in England.

Dani Espasa, Orgel, Johanna Rosa Falkinger, Sopran, Christina Pluhar, Theorben-Spielerin und Dirigentin, Benedetta Mazzucato, Alt und Céline Scheen, Sopran

 

Jenseits des Ärmelkanals finden wir ein äußerst heterogenes Repertoire, das sich von traditionellen Vorbildern abwandte. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts gelang es  Händel, in England einen nachhaltigen Geschmack für die italienische Oper zu etablieren. Gleichzeitig wurden jedoch parallel andere Vokalgenres gepflegt, wie zum Beispiel die Buffounerie, eine urkomische und sozialkritische Theaterform, die ballad opera, die mit traditionellen oder populären Melodien abgewechselt wurde, die von den Schauspielern selbst vorgetragen wurden. John Gay (1685-1732), der bedeutendste Vertreter der ballad opera, nimmt in seine Werke auch parodistische Bearbeitungen von Auszügen aus dem „gelehrten“ Repertoire der opera seria auf. So bearbeitete er den Text beispielsweise von Händel-Arien aus Poro, re dell ‘Indie (1751) oder Admeto, re die Tessaglia (1727).

 

Es ist auch bekannt, dass Händel bis 1715 direkt mit Gay zusammenarbeitete. Sein Song: „Twas When  the Seas were Roaring“, (HWV 228/19) war von Gay für eine ballad opera gedacht: The What D’Ye Call It (1715). Ein Jahrzehnt später, im Jahre 1728, parodierte Gay dieses Lied und fügte es in seine berühmte Beggar’s Opera (1728) ein, wobei der Marsch von Händels: Rinaldo (1711) stammte. Der Texte von „Twas When the Seas were Roaring“ greift das Thema der verlassenen Frau auf, die auf ihrem Felsen klagt und an die Ariadne von Catulle (84-54 v. J.C.)  oder Ovide (43 v. J.C. – 17 n. J.C.) erinnert. Händel und Gay schufen letztlich ein Hybriden-Genre, in dem ein klassischer Text, der den Themen der italienischen Oper nahesteht, in eine Farce mit volkstümlichen Ursprungs eingefügt wird. Diese „kulturelle Verfälschung“ führt zu einer Verzerrung der ursprünglichen Textbedeutung, deren Wirkung weitreichend ist.

 

Kitty Clive (1711-1785), war eine der berühmtesten englischen Sänger-Darstellerinnen des 18. Jahrhunderts. Sie begann ihre Karriere in der satirischen und burlesken ballad opera und war hauptsächlich an den Londoner Theatern der Drury Lane engagiert, wo sie von 1728 bis 1769 auftrat. Dort feierte sie bemerkenswerte Erfolge in Love in a Riddle, or Damon and Phillida (1729), The Devil  to Pay (1731) und erlebte 1732 eine Wiederbelebung der Begger’s Opera.

 

Das Programm dieses Konzerts enthielt zwei traditionelle ballads: The Tailor and the Mouse und The Frog and the Mouse, die 1746 in eine musikalische Pantomime von Thomas Arne (1710-1778): Harlequin Incendiary or Colombine Cameron eingefügt wurden, in der Clive die Rolle der Colombine spielte. Diese unterhaltsamen und beliebten Stücke wurden auch häufig in den Theaterstücken des 18. Jahrhunderts in den Theatern der Drury Lane eingefügt.

 

Sie war zudem eine gefeierte William Shakespeare (1564-1616) Interpretin, wie der Song „When Daisies Pied“ beweist, der ebenfalls in diesem Programm enthalten ist. Der Text stammt aus Love’s Labour’s Lost (1595/96). Und wurde 1740 im Drury Lane-Theater in einer Wiederaufnahme von As You Like It (1600) integriert. In dieser Wiederaufnahme spielte die Schauspielerin die Rolle der Celia und sang dazu „When Daisies Pied“ zu der Musik von Arne, genau das, was wir heute Abend hören.

 

Zum Schluss wenden wir uns dem Inhalt der gesammelten Arien zu. Fast alle greifen das wiederkehrende Thema der Natur und ihrer Bewohner auf. Auch Spuren eines weiteren, im italienischen Repertoire des 17. Und 18. Jahrhunderts allgegenwärtigen Themas finden sich in: Die Liebeselegien! Einige greifen auf den Topos des locus amoenus – eines idyllischen Ortes – zurück, wie er beispielsweise in der Zwölften Strophe des XVI. Gesangs von Torquato Tassos (1544-1595): Gerusalemme liberata (1581) zu finden ist, in der der Dichter den Garten der Zauberin Armida beschreibt, in dem Rinaldo von ihrem Zauber gefangen gehalten wird. In diesem Fragment fehlen die kriegerischen Liebhaber und treten in den Hintergrund, überschattet von den Vögeln, die „mit Begeisterung zu verspielten Tönen gurren“. Diese Strophe wurde von Jacques de Wert (1535-1596) in einem berühmten Madrigal vertont, das in seiner Sammlung Huitième Livre de madrigaux à cinq voix in 1586 veröffentlicht wurde. Werts poetische Wahl war durch die Kürze des Textes motiviert, zeigt aber, dass die Hörer der damaligen Zeit mit dem Text von Tasso bestens vertraut waren und die Komposition in ihren erotischen und amourösen Kontext einordnen konnten.

 

Auch die Melodien und Arien dieses Programms enthalten süße elegische Akzente, die mit dem Thema Natur und den darin lebenden Tieren in Verbindung stehen…

Benedetta Mazzucato, Alt, Luciana Mancini, Mezzo-Sopran, Johanna Rosa Falkinger, Sopran und Céline Scheen, Sopran © Peter Michael Peters

Zum Konzert im Saal Gaveau / Paris am 12. Januar 2026:

 

Das Lied von Mutter Erde…

Strahlend vor Lächeln und ansteckender Fröhlichkeit verzauberte die belgische Sopranistin Celine Scheen das Publikum mit ihrer süßen, fein phrasierten Stimme, ihrer zarten Intonation und ihrer klaren Projektion. Obwohl ihre sorgfältige Artikulation mitunter die vollkommende Verständlichkeit des Textes beeinträchtigte, blieb ihr Vortrag berührend  und wurde vom Pariser Publikum, insbesondere in ihrer letzten Arie „When I am laid in earth“, aus Dido and Aeneas (1689) von Henry Purcell (1659-1695) begeistert aufgenommen.

 

Die österreichische Sopranistin Johanna Rosa Falkinger verkörpert eine der drei Hexen aus Dido and Aeneas von Purcell mit Souveränität und Präzision und besticht durch ihre strahlende Höhe. Händels Arie „Tu del ciel“ aus dem Oratorium Il Trionfo del Tempo e del Disinganno, HWV 46a (1707) interpretiert sie mit Feingefühl, nuancierter, klarer und klangvoller Stimme.

 

Mit ihrem vollen und flexiblen Stimmvolumen, ihrer satten Tiefe und der äußerst klaren Aussprache prägte die italienische Altistin Benedetta Isabel Mazzucato den Abend mit einer ausdrucksstarken und bewegenden Interpretation der berühmten Arie „Ombra mai fu“ aus Serse, HWV 40 (1738) von Händel. Die chilenisch-schwedische Mezzo-Sopranistin Luciana Mancini beeindruckte mit einer großen, breiten, resonanten und klangvollen Stimme, deren kraftvolle Ausdrucksstärke den gesamten Saal Gaveau erfüllte. Ganz in ihrer Rolle als eine der Hexen aus Dido and Aeneas von Purcell versunken, mit durchdringendem Blick und feurig funkelnden Augen, beherrschte sie Stimme und Körper mit bemerkenswerter Leichtigkeit und tanzte zum traditionellen mexikanischen Rhythmus von La Bruja dem Höhepunkt und wahren Triumph des Abends.

 

Die Musiker von L’Arpeggiata beweisen einmal mehr ihr bemerkenswertes Zusammenspiel, ihre Musikalität und ihre Vorliebe für Improvisation. Ihre Barock-Arrangements kokettieren oft mit Jazz, insbesondere dank der ungewöhnlichen Rhythmen und Klänge des spanischen Perkussionisten David Mayoral und des italienischen Bassisten Leonardo Teruggi, die die Orchesterlinie flexibel begleiten. Die italienische Geigerin Margherita Pupulin besticht durch einen virtuosen und theatralischen Stil, der von charmantem Humor durchzogen ist. An der Orgel entwirft die spanische Organistin Dani Espaso diese Klanglandschaft mit ebenso einfallsreichen wie fantasievollen Improvisationen, während der englische Kornettist Daron Sherwin, ein wahrer Jazzmusiker, Schauspieler und sogar Sänger, das Publikum mit seinem vokalen Duell zwischen Frosch und Maus mit Scheen zum Lachen bringt.

Solisten und Ensemble L'Arpeggiato © Peter Michael Peters

 

Trotz der unerwarteten Programmänderung aus Gründen der plötzlichen Erkrankung der schwedischen Mezzo-Sopranistin Malena Ernmann, die Mutter der berühmten Aktivisten Greta Thunberg‚ wurde das zahlreiche Publikum mit zwei Zugaben belohnt und spendete allen Künstlern von L’Arpeggiata mit seiner Gründerin und Leiterin, der österreichischen Theorben-Spielerin Christina Pluhar großen Applaus!

 

 Wichtige Anmerkung: Das Pariser Publikum genoss das Konzert, sie lachten, applaudierten und riefen „Bravo!“ In ihren großen Limousinen verließen die Zuschauer den Saal zufrieden. Sie hatten die Auseinandersetzung mit dem Klimawechsel und der Barockmusik sehr geschätzt. Aber haben sie etwas von der musikalischen Botschaft verstanden? Fragen Sie Terra Mater – unsere Mutter Erde…!

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