Paris, Philharmonie de Paris, Saal Boulez, Heldinnen der Französischen Oper, IOCO
10.01.2026
Mon coeur s’ouvre à ta voix comme
s’ouvrent les fleurs
Aux baisers de l’aurore !
Mais, ô mon bien-aimé, pour mieux
sécher mes pleurs.
Que ta voix parle encore !
Dis-moi qu’à Dalila tu reviens pour
jamais !
Redis à ma tendresse,
Les serments d’autrefois, ces serments
Que j’aimais !
Ah ! réponds à ma tendresse,
Verse-moi, verse-moi l’ivresse !
Réponds à ma tendresse.
Ah ! verse-moi, verse-moi l’ivresse !
(Arie der Dalila aus Samson et Dalila / 2. Akt / 3. Szene von Camille Saint-Saëns)
Dieser Abend, eine Hommage an die französische Oper, entstand in Zusammenarbeit mit dem Opernhaus von Shanghai. Xu Zhong, ein Pianist und Dirigent, der alle Repertoires beherrscht, verkörpert wie kein anderer in der Gegenwart die Begegnung europäischer und fernöstlicher Tradition. Am Pult des Orchestre de Paris und den dazugehörigen Chören umgibt er sich mit herausragenden Solisten, um auf einer subjektiven Reise die Schätze der französischen Oper zu erkunden. Die französische Opernkunst, insbesondere die große romantische Oper, hat immer wieder unvergessliche Chöre und Arien hervorgebracht. Gounod, Bizet, Berlioz, Saint-Saëns und viele andere verzaubern unsere Ohren und unsere Fantasie.

Im Mittelpunkt die französische Oper…
Eine kühne Zusammenarbeit mit dem Opernhaus von Shanghai und seinem musikalischen Leiter Zhong erlaubt es uns, den Chor des französischen Opernrepertoires neu zu entdecken, gekennzeichnet durch seine unvergesslichen Arien, schimmernden Orchesterfarben, die Bedeutung seiner Chöre und eine Exotik, die zwischen grandiosen Tableaus und intimen Szenen wechseln.
Samson et Dalila von Camille Saint-Saëns (1835-1921) wurde 1877 auf Anregung von Franz Liszt (1811-1886) in deutscher Sprache in Weimar uraufgeführt. Ursprünglich aufgrund seines biblischen Themas als Oratorium konzipiert, ist die Partitur Teil der orientalistischen Welle, die damals die gesamte französische Kunstszene erfasste. Bezeichnend für diese orientalische Inspiration ist das Bacchanale der Philister, mit dem sie ihren Sieg über Samson feiern, während die Arie „Mon coeur s’ouvre à ta voix“ den geschickten Versuch von Dalila ausdrückt, dem Helden das Geheimnis seiner Stärke zu entlocken.
Georges Bizet (1838-1875) war erst 24 Jahre alt, als er 1863 sein Werk Les Pêcheurs de perles uraufführte. Sein melodisches Genie, seine Fähigkeit, Emotionen zu charakterisieren und sein Gespür für Orchester-Farben sind bereits deutlich erkennbar. Die Handlung spielt in Ceylon, im Herzen eines imaginären Orients. In der Arie „Me voilà seule dans la nuit“ vertraut Leïla uns an einem dunklen Strand die Verwirrung ihrer Gefühle und den Schmerz über Nadirs Verrat an.

Das Werk mit dem Untertitel „Dramatische Szenen für Solisten, Chor und Orchester“, Roméo et Juliette, Op. 17 = H 79 (1839) von Hector Berlioz (1803-1869) ist keine Oper, sondern eine große dramatische sinfonische Dichtung mit Chor und Solisten. Der Komponist war beeindruckt von William Shakespeares (1564-1616) Drama, das in französischer Sprache in Paris von einer Truppe aufgeführt wurde, zu der auch seine spätere Muse Harriet Smithson (1800-1854) gehörte – seine unerschöpfliche Inspiration für die Symphonie fantastique, Op. 14 (1830) -. „Quoi! Roméo de retour“ vermischt die Überraschung und Besorgnis des Chors mit der Nachricht von Roméos Rückkehr aus Verona. „Pauvres enfants que je pleure“ verleiht der Trauer über den Tod der Liebenden Ausdruck und „Jurez donc par l’auguste symbole“ erinnert an ihr Liebesversprechen.
Im Jahr 1867, zwei Jahrzehnte später, bearbeitete Charles Gounod (1818-1893) dasselbe Drama zu einer großen lyrischen Oper. Nach der Ouvertüre und dem Prolog, die den Geist der Teilhabe ankündigen, drückt Juliettes Arie „Je veux vivre dans le rêve“ in virtuoser Form die Heiterkeit der Heldin vor der Offenbarung ihres tragischen Schicksals aus, während das Liebesduett „Ah, ne fuis passt encore“ in der berühmte Balkonszene erklingt.
Das 1846 entstandene Werk La Damnation de Faust von Berlioz ist ein hybrides Werk, inspiriert von Johann Wolfgang von Goethes (1749-1832) berühmten Text. Diese „dramatische Legende“, in deren Zentrum die Themen Schicksal, Sehnsucht und Erlösung stehen, beeinflusste Richard Wagner (1813-1883) und Gustav Mahler (1860-1911) maßgeblich. In „Sur la Terre, dans le Ciel“ drücken Marguerite und der Chor nach dem Tod der Heldin himmlische Seligkeit und die dadurch mögliche gewordene spirituelle Versöhnung aus.
Zum Schluss wenden wir uns der berühmtesten französischen Oper zu, Carmen von Bizet. Bei ihrer Uraufführung 1875 sorgte sie aufgrund ihrer Thematik für grosse Polemik: Die Verführung, Gewalt und Mord miteinander verband und als unmoralisch galt! Sie sorgte für große verbitterte Kontroversen! Die unabhängige und kühne Antiheldin, die sich der zerstörerischen Leidenschaft des Don José widersetzt, schockierte das damalige Publikum. Die Intensität des Themas und der Bezug zu Spanien inspirierten den Komponisten zu atemberaubenden Arien und einer brillanten, farbenreichen Orchestration. Der weltweite Erfolg posthum, da Bizet kurz nach ihrer Uraufführung verstarb und sich des unglaublichen Schicksals seines Meisterwerks nicht bewusst war. Eine Auswahl von Auszügen daraus bildet den Abschluss dieser fesselnden Übersicht, die der Figur der Heldin in der französischen romantischen Oper mit Bravour gewidmet ist.

Zum Konzert in der Philharmonie de Paris / Salle Boulez am 10. Januar 2026:
Außergewöhnliche französische Heldinnen…
Das Orchestre de Paris unter der Leitung von Zgong mit seinen wunderbaren Chören spielten einige der schönsten Opernszenen und Arien des 19. Jahrhunderts. Ein wahrer Genuss!
Denkt man an Roméo et Juliette, Samson et Dalila oder Carmen, stellt man sich ein Repertoire vor, das schon bis zum Erbrechen aufgeführt wurde. Man könnte ebenso gut einwenden, dass diese Vorstellung im Hinblick auf Frankreich nicht ganz zutrifft, denn – abgesehen von dem „Bohemian Girl“, die fast jede Saison an der Opéra National de Paris und der Opéra-Comique aufgeführt wird – ist es manchmal besser, ins Ausland zu reisen, um diese Meisterwerke zu erleben. Wann fand die letzte Inszenierung von Samson et Dalila statt? 2016! Die Oper wird in diesem Frühjahr in London und Berlin aufgeführt!
Gounods Roméo et Juliette kehrte zwar 2023 unter der Regie von Thomas Jolly nach Paris zurück – und war im Februar 2025 auch in Neapel zu sehen -, doch Berlioz‘ Opern fehlten auffällig auf den Pariser Bühnen. Zwar gab es kürzlich eine Inszenierung von La Damnation de Faust im Théâtre des Champs-Élysées. Doch Berlioz‘ Meisterwerk Les Troyens (1863/1890) lief zwar 2022 in München, wurde aber seit 2019 nicht mehr in Paris aufgeführt. Auch Les Pêcheur de perles von Bizet sind weiterhin nur vereinzelt auf französischen Boden zu sehen.
So war es nicht verwunderlich, dass das Publikum eine Auswahl an Arien, Duetten und Chören begeistert aufnahm. Der riesengroße Saal der Philharmonie de Paris war zum bersten übervoll und auch die Wiederholung des Konzerts am nächsten Tag war angekündigt SOLD OUT.

Wenn dieser Abend ein wahrhaft genussvolles Erlebnis war, so war dies vor allem dem Orchestre de Paris mit seinen Chören zu verdanken. Das Orchester wurde von Zhong, dem Musikdirektor der Shanghai Opera, meisterhaft dirigiert. Tag für Tag werden die Qualitäten des Orchesters gepriesen und dass unter allen derzeitigen berühmten Taktstöcken – insbesondere unter seinem jungen finnischen Chefdirigenten Klaus Mäkelä – in allen Repertoires. Auch das Opernrepertoire wurde unter dem chinesischen Dirigenten hervorragend präsentiert, der Berlioz‘ unverwechselbaren rhythmischen Schwung, Gounods beinahe prätentiöse und doch mitreißende Grandiosität sowie Bizets Carmen leuchtende Farben und ihren Schwung zum Ausdruck brachte.
Was die drei Chöre des Orchestre de Paris betrifft – Erwachsene, Jugendliche und Kinder -, so waren sie von solcher Homogenität und Ausdruckskraft, dass man jedes einzelne Wort verstehen konnte, dass man nicht umhin kann, sowohl den französischen Chorleiter Pierre-Louis de Laporte als auch die französischen Assistenzdirigenten Rémi Aguirre Zubiri, Edwin Baudo, Brigitte Coppola und Evann Loget-Raymond zu erwähnen, die vermutlich alle ihren Beitrag zu dieser meisterhaften Interpretation.
Wie bereits erwähnt, wird Berlioz in Paris oft vermisst! Dank des Orchestre de Paris und Zhong erreichte er heute Abend mit zwei Schlussszenen neue Höhen: Roméo et Juliette, meisterhaft interpretiert von dem exzellenten chinesischen Bass-Bariton Shengyang und dem Chor, desgleichen La Damnation de Faust ebenfalls bewundernswert dargeboten vom Chor. Welch eine Leichtigkeit und Kraft wird zusammen in diesen beiden brillanten Partituren verliehen! Das gewaltige und doch feinfühlige Orchester und die Chorsänger hinter der Bühne demonstrierten eindrucksvoll die Stärke: Die die Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen vereinten.
Es war eine kluge Entscheidung an einem Abend zwei verschiedene Roméo et Juliette zu programmieren, zwei bemerkenswerte Werke mit so unterschiedlichen Stilen. Verona diente dabei als Bindeglied zwischen den beiden Auszügen. So wurde die Aufführung nach der Pause mit Gounods Roméo et Juliette fortgesetzt. Nach einer Ouvertüre und einem Prolog, die vom Orchester mit voller Pracht dargeboten wurde, hatte die französische Sopranistin Julie Fuchs in einer leuchtend roten Robe die Ehre, Juliette‘ Walzer zum Leben zu erwecken. Und wäre da nicht ein hoher Ton gewesen, den man sich am Ende etwas länger gewünscht hätte, wenn die Sopranistin ihm ihre gewohnte Energie und die nötige Brillanz verliehen hätte.
Während Fuchs die Aufführung von Gounods Roméo et Juliette eröffnet hatte, übernahm die chinesische Sopranistin Mei Gui Zhang nach einer wunderschönen Arie aus Les Pêcheur de perles von Bizet in der ersten Hälfte mit ihrem warmen Timbre und ihren strahlenden hohen Tönen. Und weiter in einem bezaubernden Duett wurde sie von dem französischen Tenor Thomas Bettinger begleitet, dessen Beginn mit sehr offenen Tönen etwas zu ungestüm wirkte, dessen Schluss „Va repose en paix“ jedoch bewundernswert war, auch hier begleitet von einem perfekt intonierten und sanft spielenden Orchesters.

Sollten an diesem Abend überhaupt Einwände erhoben werden, so beträfen sie der französischen Mezzo-Sopranistin Stéphanie d’Oustracs Darbietung. Obwohl sie nach wie vor eine der führenden Interpretinnen des Barockrepertoires ist, fiel es ihr schwer, die Rolle der Dalila, für die eine kräftigere Stimme erwartet wird, authentisch zu verkörpern. Trotzt unbestreitbarer Musikalität und eleganter Bühnenpräsenz ließ sie oft Phrasenenden aus. Ihre Carmen im Zigeunerkleid – eine Rolle, die sie demnächst an der Opéra National de Paris wieder aufnehmen wird – war respektabel, auch wenn man sich etwas mehr Zurückhaltung gewünscht hätte, da die übertriebenen Effekte in der „Habanera“ beinahe karikaturhaft wirkten.
Auf der anderen Seite schien es, als würden wir mit Fuchs , zugegeben nur in einer Arie „Je dis que“, rien ne m’epouvante“, Michaëla mit dieser leuchtenden Stimme, einer makellosen Gesangslinie, reiner Emotionalität und völliger Abwesenheit von Manierismen, dem genauen Gegenteil dessen, was wir in der Rolle des jungen Mädchens allzu oft hören, wiederentdecken.
Das Konzert endete mit einem fulminanten Finale, in dem prachtvolle Auszüge aus dem dritten und vierten Akt von Carmen dargeboten wurden; und besonders auch wieder dargeboten von einem Orchester und Chor, die an diesem Abend denen der Opéra National de Paris in nichts nachstanden. Es schloss mit einer bezaubernden Zugabe: Dem Duett aus Lakmé (1883) von Léo Delibes (1836-1891) wunderschön interpretiert von d’Oustrac und Fuchs.