Mannheim, Rosengarten, 5. AKADEMIEKONZERT – Smetana, Encke, Dvořák, IOCO

Naturklänge und Virtuosität im Rosengarten Mannheim: Beim 5. Akademiekonzert begeistert Tianwa Yang mit der gefeierten Uraufführung von Thorsten Enckes Violinkonzert. Dirigent Michal Nesterowicz spannt mit Smetanas „Moldau“ und Dvořáks 8. Sinfonie einen farbenreichen Bogen slawischer Klangpoesie.

Mannheim, Rosengarten, 5. AKADEMIEKONZERT – Smetana, Encke, Dvořák, IOCO
Der Rosengarten von Mannheim, Spielstätte der Musikalischen Akademie © Ben van Skyhawk

von Uschi Reifenberg

5. Akademiekonzert des Nationaltheater Orchesters Mannheim am 2. März 2026 im Rosengarten.

Michal Nesterowicz, Dirigent
Tianwa Yang, Violine
Nationaltheater Orchester

BEDRICH SMETANA (1824-1884): Die Moldau, aus: Ma vlast

THORSTEN ENCKE (1966): Konzert für Violine und Orchester
Auftragskomposition der Musikalischen Akademie Mannheim

I.      flight
II.      fright
III.    fringe
IV.  unbridled joy (with a touch of madness)

ANTONIN DVORÂK (1841-1904): Sinfonie Nr. 8  G-Dur

Wenn die Mannheimer Nachtigall singt

Amsel, Drossel, Fink und Star, möchte man gedanklich ergänzen, wenn der Komponist Thorsten Encke im Vorgespräch zum 5. Akademiekonzert über die   Inspirationsquellen zu seinem neuen Violinkonzert spricht, die sich in dieser Komposition vor allem an den mannigfachen Vogellauten in der Natur orientieren. Aber wie ein Kinderlied klingt das Violinkonzert des renommierten Komponisten selbstverständlich nicht. Das Auftragswerk der Musikalischen Akademie des Nationaltheater Orchesters Mannheim erlebte seine gefeierte Uraufführung mit der Violin- Solistin Tianwa Yang und dem Dirigenten Michal Nesterowicz am 2. März im Rosengarten.

Thorsten Encke, geboren in Göttingen, mit Preisen überhäufter Komponist, Cellist und Dirigent, ist mit seinen Werken in den wichtigsten Konzertzentren Europas präsent, wie dem Leipziger Gewandhaus, der Hamburger Elbphilharmonie, dem Konzerthaus Berlin oder der Zürcher Tonhalle. Er erhält zahlreiche Kompositionsaufträge und arbeitet eng mit bedeutenden Musikern und Musikerinnen zusammen, wie Paavo Järvi, Christian Tetzlaff, Sharon Kam oder dem vision string quartett. Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen, die NDR-Radiophilharmonie Hannover sowie viele weitere Orchester, Dirigenten und Solisten bringen regelmäßig seine Werke zur Aufführung.

Aufschluss über Enckes kompositorische Ästhetik gibt auch das Interview im Programmheft. Besonders am Herzen liegen Encke die Themen Natur- und Klimaschutz, Erhalt der Artenvielfalt und nachhaltige Lebensweise. Essenzielle Themen unserer Zeit, die auch Musikerinnen und Musiker zu künstlerischer Stellungnahme heraus-, und einen Perspektivwechsel einfordern. In seinem Violinkonzert kommen ungewohnte Spieltechniken zum Einsatz, die der Cellist Thorsten Encke selbst am Cello demonstriert: Naturnahe Effekte wie Flageolett-Tremolo, geräuschhafter Einsatz am (Cello-)Steg, Glissando in Ganztonschritten, Schnarchen, ausladendes Vibrato sind ein reizvolles Kaleidoskop an Farben und lebendigen Klangmomenten, das die unterschiedlichen Naturerscheinungen verdeutlicht.

Thorsten Encke, Komponist © Zuzanna Jagodzinska-Specjal

Thorsten Encke erläutert: „Ein Bewusstsein für die Phänomene des Lebens zu schaffen, ist für mich eine entscheidende Funktion der Kunst in der heutigen Zeit. Wir müssen den Fragen der Zeit ins Auge blicken und es wagen, diese Räume zu betreten. Das Weiter-wie-gehabt manifestiert letztlich die Mechanismen, die unseren Planeten an den Rand des Abgrunds geführt haben. Musik bringt Schönheit, Gemeinschaft, und unendlich viel Gutes in die Welt – sie hat auch die Kraft, uns aufzurütteln. Nutzen wir sie!“ Das vermag das Violinkonzert zweifellos. Es wühlt auf, reißt die Zuhörerinnen und Zuhörer in einem atemlosen 4-sätzigen Parforceritt und einer immensen Ausdruckspalette mit, Funken sprühend, manchmal verstörend, mit der „ungezügelten Freude am Rande des Wahnsinns“, wie der vierte Satz lautet. Die „Umwandlung der Inspiration aus der Natur in musikalische Strukturen“ wird spürbar, zeigt die Nähe auf zwischen Natur und musikalischem Ausdruck, wirkt dadurch auch vertraut und nachvollziehbar. Der Violin-Solistin Tianwa Yang stehen sämtliche Spieltechniken und Klangfarben zur Verfügung, mit der sie in aberwitziger Virtuosität und hinreißender Intensität das Publikum fesselt. Rasende Läufe, Arpeggien, Doppelgriffe in allen Lagen, dann wieder inniges Melos, weitgespannte Kantilenen, introspektiv und klangsinnlich. Ein beeindruckender Vortrag! Der Dirigent Michal Nesterowicz leitet das schwierige Werk unaufgeregt, mit Souveränität und Weitblick, hält Solistin und Orchester mit sicherer Hand zusammen. 

Die Musik des Violinkonzerts ist in ihrer Komplexität nur unvollständig beschreibbar. Sie dringt in Grenzbereiche vor, bewegt sich zwischen geräuschhaften Klangballungen in großer Lautstärke bis fast zur Unhörbarkeit, die komplizierten rhythmischen Strukturen sind schwer zu verfolgen. Dialoge zwischen Solovioline und Orchester kristallisieren sich heraus, faszinierende und ungewohnte Klangkombinationen, Naturlaute und -geräusche wie Knarzen, Rasseln und Rauschen lassen vielfältige Naturräume entstehen. Die Soloinstrumente des Orchesters werden exponiert eingesetzt, kontrastieren oder verschränken sich. Dann löst sich eine einsame Kantilene aus dem polyfonen Geflecht, singt sehnsuchtsvoll und klagend vom fragilen Zustand unseres Planeten. Es ist „die Lebendigkeit des Klangs“, von der Encke schwärmt, „… In vielen spielerischen Verästelungen und evolutionären Entwicklungen – um Bewegung, Dialog, Raum, Struktur und emotionale Tiefe.

Tianwa Yang, Violine © Tianwa Yang, Violine

Zu Beginn des 1. Satzes, der mit „flight“ (Flug) überschrieben ist, erklingt das Thema der Amsel als Leitmotiv, das der Vogel dem Komponisten quasi in die Feder diktiert hat: Encke erinnert sich: „Das Konzert beginnt mit einem Motiv der Solovioline, das mir eine Amsel … förmlich eingetrichtert hat … als wollte sie mir sagen: Hör hin! Was willst du mehr? Hier ist dein Motiv. Ich konnte nicht anders, als es zu nehmen.“ Auch die Stare kommen bei Thorsten Encke gleich im ersten Satz zu Ehren: „… Die verrückten Starenschwärme, die immer wieder neue Formationen am Himmel bilden, in aberwitziger Schnelligkeit von einer Seite zur anderen rasen …“ Auch eine Mannheimer Nachtigall ist im Konzert verewigt, deren zauberhafter Gesang Encke bei einem seiner Besuche in der „Mannheimer Alten Schildkrötfabrik“ so nachhaltig inspirierte, dass dieser nun in Gestalt der Sologeige mit Trillern und Jauchzen wieder aufersteht. Das Orchester steuert weitere Naturklänge und Vogellaute bei, im zweiten Satz „fright“ (Furcht) trübt ein Dialog mit Pauke und Violine die Atmosphäre, zarte Cluster wirken wie ein Echo, Vibrafon und Englischhorn lassen eine melancholische Stimmung entstehen. Im dritten Satz, der mit „fringe“ (Randbereich) übertitelt ist, formiert sich das „Bild eines schattigen Ortes, an dem es scharrt und raschelt, Lichtreflexe durch die Blätter blitzen oder ein ohrenknackendes ‚Zikadenkonzert‘ vorbeizieht“. Auch wenn die Bedrohung unseres Ökosystems real ist, bleibt doch im letzten Satz mit „unbridled joy - with a touch of madness“ (ungezügelte Freude am Rande des Wahnsinns) die Hoffnung auf den verantwortungsvollen Umgang des Menschen mit der Natur über alle Zeiten hinweg. Das Publikum ließ sich mit bemerkenswerter Aufmerksamkeit auf das Werk ein, man hätte eine Stecknadel fallen hören.

Die Auftragskomposition der Musikalischen Akademie wurde ermöglicht durch die großzügige Unterstützung der Firma Lochbühler Aufzüge GmbH, Frau Dr. Maike-Tjarda Müller/Kanzlei Dr. Müller, Herrn Peter Römer sowie durch eine anonyme Spende. 

Eingerahmt wurde das Violinkonzert von zwei tschechischen Komponisten, denen die Natur zeitlebens wichtige Impulse für ihr musikalisches Schaffen lieferte: Bedřich Smetana und Antonín Dvořák.

Mit Smetanas Nationalkomposition „Die Moldau“ aus dem Zyklus „Má vlast“ (Mein Vaterland), einem absoluten Klassik-Hit und Paradebeispiel für Programm-Musik, nahmen Michal Nesterowicz und das Nationaltheater Orchester das Publikum mit auf die Reise durch die Schönheiten der böhmischen Landschaft, die entlangführt am Fluss Moldau, Symbol für die tschechische Natur und Identität. Der Flusslauf mäandert in steten Wellenbewegungen, vom zarten Ursprung der Quellen bis zum reißenden Strom, die Nesterowicz mit viel Musizierfreude als spannendes Crescendo vom fein phrasierten Spiel der Flöten und Klarinetten zu Beginn bis zum schwelgerischen Hauptmotiv entwickelte. Vorbei am malerischen Ufer rücken einzelne Schlaglichter in den Fokus: Strahlende Hörner und Trompeten blasen zur Jagd, eine Bauernhochzeit ruft zur ausgelassenen Feier mit Polka-Tanz, die Stromschnellen bilden den dramatischen Höhepunkt, vom Berg prangt prächtig die Burg ins Tal. Das Orchester bewies seine Spielkultur mit Farbigkeit und Intensität.

Dvořáks 8. Sinfonie, uraufgeführt 1890, zählt gemeinsam mit der 9. Sinfonie „Aus der Neuen Welt“ zu den Höhepunkten in seinem sinfonischen Schaffen. Sie besticht mit melodischem Reichtum, Optimismus und freier Formgestaltung, rückt neben vielen volksliedhaften Elementen die Natur ins Zentrum mit Vogelrufen, Fanfaren, Naturklängen und traditionellen Tänzen. Manche der typisch böhmischen Themen und Melodien sind wahre Ohrwürmer und begleiten einen noch lange nach dem Konzert.

Michal Nesterowicz, Dirigent © Lukasz Rajchert

Nesterowicz setzte auf ein transparentes Klangbild mit klaren Konturen, deutlichen Farbwechseln und feiner dynamischer Abstufung. Die elastische Agogik unterstrich die episodenhafte Form der Sinfonie, die der Dirigent gekonnt einsetzte. Eindrucksvoll der hochgespannte und intensive Streichersound, den zu Beginn des ersten Satzes die Celli mit sattem Klang in der Moll-Einleitung demonstrierten. Der Einsatz des Vogelmotivs in der Flöte klang ein wenig zu blass, hingegen gelang das idiomatisch eingefärbte Seitenthema in den Holzbläsern überzeugend. Triumphal, mit viel Sinn für Dvořáks Dramatik, führte der Dirigent die Musiker zum Höhepunkt mit strahlendem Tutti-fortissimo der Blechbläser. Das Adagio als sinfonisches Stimmungsbild entfaltet Naturidylle in pastoraler Anmutung, mit bedrohlicher Gewitter- und Sturmsteigerung, geschärften Kontrasten, ruhigen und belebten Abschnitten, Dur- und Mollwechseln. Melancholische Schleier legen sich über die bukolische Landschaft, Dialoge von Streichern und Holzbläsern erzeugen große Spannung, ebenso die Subito-Einwürfe der Hörner. Jauchzend schließt der Satz in hellem C-Dur. Der dritte Satz, das Scherzo, ist ein „slawischer Walzer“ in positiv gestimmter Melancholie. Weit ausschwingende Bögen blühen in den brillanten Violinen auf, rustikaler das Trio mit seinem böhmischen Tanzthema in den Holzbläsern, das mit rhythmischer Energie lebendig dargestellt wird. Eine strahlende Trompetenfanfare leitet den letzten Satz ein, den Nesterowicz in pastosen Klangfarben auslotet. Zwischen kontrastierenden Tempi wechseln die Themen und Motive mit kraftvollem Ausdruck, die sich mit orchestraler Leuchtkraft zu einer Feier der Natur und des Lebens in einem mitreißenden Finale vereinen.

Großer Jubel und Bravorufe!

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