Mannheim, Rosengarten, 4. AKADEMIEKONZERT – Mahler, Brignoli, IOCO
Ein Grenzerlebnis der Orchestermusik: Das Nationaltheater Orchester Mannheim und Roberto Rizzi Brignoli entfesseln Mahlers „Tragische“ als monumentale Klangvision zwischen Euphorie, Erschütterung und existenzieller Wucht – ein singulärer Konzertabend mit Nachhall.
von Uschi Reifenberg
4. Akademiekonzert der Musikalischen Akademie des Nationaltheater Orchesters Mannheim am 2. Februar im Rosengarten
Gustav Mahler (1860–1911)
Sinfonie Nr. 6 a-Moll
Allegro energico, ma non troppo. Heftig, aber markig
Andante moderato
Scherzo. Wuchtig
Finale. Allegro moderato
Roberto Rizzi Brignoli, Dirigent
Nationaltheater Orchester Mannheim
Über alle Grenzen hinaus
Ergriffenheit, Erschöpfung, aber auch Glück am Ende eines singulären Konzertereignisses beim 4. Mannheimer Akademiekonzert. In gemeinschaftlicher Euphorie durchlebten die 110 Spitzenmusiker des Nationaltheater Orchesters, der gefeierte Dirigent Roberto Rizzi Brignoli, das frenetisch applaudierende Publikum eines der anspruchsvollsten Werke der gesamten Orchesterliteratur: Gustav Mahlers 6. Sinfonie, „Die Tragische“.
Ein Mammutwerk der Superlative, mit fast 90 Minuten Dauer, höchsten Ansprüchen an Ausführende und Zuhörer, einem bis dato überdimensionalen Orchesterapparat, der die Bühne des Mozartsaals bis auf den letzten Platz ausfüllt. Besetzt sind u.a. acht Kontrabässe, acht Hörner, zwei Harfen, Celesta, eine riesige Bläserbesetzung, darunter Kontrafagott, Bassposaune, Basstuba. Vor allem das exotisch bestückte Schlagwerk macht Furore: Xylofon, Glockenspiel, Tam-Tam, Holzklapper, Pauken, große und kleine Trommel, Becken, Tambourin, Rute, Kuhglocken (Herdengeläut) und als besondere Spezialität: der riesige Holzhammer im Finalsatz, der auch den Beinamen „Sinfonie mit dem Hammer“ prägte. Ohne unterlegtes Programm beschreibt Mahler hier in pessimistischer Weltsicht mit rein instrumentalen Mitteln den Kampf des Individuums gegen das unausweichliche Schicksal, symbolisiert durch drei gewaltige Hammerschläge an unterschiedlichen orchestralen Höhepunkten im 4. Satz. Sie besiegeln das Scheitern des „Helden“, Erlösung ist nicht in Sicht, nirgends. Ein erschütternder a-Moll-Akkord steht am Ende der Sinfonie, die Katastrophe wird erschreckend real, kein heller Dur-Klang wie in Mahlers früheren Sinfonien weist auf Versöhnung oder Hoffnung. Komponiert 1903/04, hat diese Musik den Untergang fest im Blick, nicht nur „der Held wird gefällt“ (Mahler), auch der Abgesang auf eine Epoche beschließt endgültig das Ende der „Alten Welt“. Auch wenn Mahler während der Entstehung der Sechsten eine seiner glücklichsten Zeiten erlebte: jung verheiratet mit Alma, Kindersegen, erfolgreich als Dirigent und Komponist, Direktor der Wiener Hofoper, floss aus seiner Feder eine der destruktivsten und rätselhaftesten Sinfonien überhaupt. Seine wenig später einsetzende persönliche Tragödie befeuerte die Deutung, Mahler habe die Schicksalsschläge in seiner Sinfonie prophetisch antizipiert: Tod der ältesten Tochter, Verlust seines Postens als Operndirektor, Diagnose seines schweren Herzleidens. Drei vernichtende Hammerschläge des Schicksals. Alma Mahlers Aphorismus wird nachvollziehbar: „Kein Werk ist ihm so unmittelbar aus dem Herzen geflossen. Die Sechste ist sein allerpersönlichstes Werk und ein prophetisches obendrein.“ Mahler verzichtete später aus Aberglauben auf den dritten Schlag. Er wollte seinen eigenen Tod nicht beschwören. Er schreibt: „Symphonie heißt mir eben: mit allen Mitteln der vorhandenen Technik eine Welt aufbauen.“ Sein universeller Anspruch erwächst aus dem Leiden an ihr und der Utopie, der realen Welt eine transzendente in der Musik entgegenzusetzen. Sinfonie als kosmologische Darstellung, als Abbild von Leben, das hier an der Schnittstelle zwischen Tradition und Moderne balanciert, bis an die Grenzen des Ausdrucks geht und vorausweist auf die Katastrophen des 20. Jahrhunderts und ihren avantgardistischen musikalischen Spiegelungen. In der 6. Sinfonie hat sich Mahler von der „Wunderhorn-Welt“ der vorangegangenen Sinfonien bereits gelöst und findet zurück zur reinen Sinfonik ohne vokale Elemente.
GMD Roberto Rizzi Brignoli feierte sein bewegendes Debüt mit diesem kolossalen Werk. Die Musiker des Nationaltheater Orchesters folgten ihm hochgespannt und leidenschaftlich durch den umfassenden Mahler’schen Klangkosmos. Alle Instrumentengruppen präsentierten sich blendend. In jedem Moment war diese Interpretation von Leidenschaft und Seelentiefe durchdrungen, Klangfarben wurden exzellent ausgeleuchtet, Kontraste und Dissonanzen ungemildert dargestellt, eine dramatische Erzählung in vielgestaltigen Szenen mit allen Höhen und Tiefen. Ins Mark fährt schon der Beginn des 1. Satzes mit dem ruppigen Marschthema der tiefen Streicher, das sich durch die ganze Sinfonie zieht, bedrohlich, ostinat auf den Untergang zusteuernd, von der Militärtrommel unterstützt. Der Einsatz des Schicksalsthemas mit seinem charakteristischen abfallenden Oktavsprung, von den Streichern kompromisslos artikuliert, hält als Konstante das ganze Werk wie eine Klammer zusammen.
Energiegeladen stürzen sich die Musiker ins Klanggewoge, Maestro Rizzi Brignolis elektrisierendes Dirigat startet im dreifachen Forte mit Hochdruck und vorwärtsdrängendem Duktus. Strukturelle Transparenz und Balance stellen sich nach und nach ein. Das Alma-Seitenthema beanspruchen zuerst die Violinen. Es präsentiert sich intensiv und feinagogisch, atmet romantischen Geist, durchläuft vielfache Gestalten, mal schmeichelnd, dann wieder trügerisch, aber immer charismatisch. Holz- und Blechbläser laufen zur Hochform auf, durchweg beeindruckend agiert das Schlagwerk als eines der Hauptakteure auf der Mahler’schen Bühne: brillant, mit differenzierten Klangfarben und dynamischer Bandbreite. Eine Insel der Abkehr und Natursehnsucht leuchtet in den zarten Kuhglocken auf, im Dialog mit der innigen Solovioline. Die Frage der Satz-Anordnung ist umstritten: Wie hält man‘s mit der Reihenfolge? Mahler setzte ursprünglich das Scherzo an zweiter Stelle, das Andante an dritter. Dann änderte er es vor der Premiere, dirigierte fortan immer „Andante“ – „Scherzo“. Sehr häufig entscheiden sich Dirigenten aus dramaturgischen und tonartbezogenen Gründen für die „Scherzo“–„Andante“-Variante. Roberto Rizzi Brignoli wählte die von Mahler favorisierte Reihenfolge mit dem langsamen Satz an zweiter Stelle. Das Andante also nach dem ersten Satz. Eine konkrete Utopie, Stellen purer Schönheit, kurze Momente der Sehnsucht und der Liebeshoffnung: Rizzi Brignoli gestaltet feinsinnig, die Streicher verströmen sich in üppigem Melos, die weiten Intervallsprünge werden hochexpressiv ausgeformt mit nie nachlassender Intensität. Die Soloinstrumente halten kammermusikalisch Zwiesprache. Hell klagt die Oboe, das Englischhorn schmiegt sich mit einem elegischen Thema ruhig in den weiten Klangstrom, das Solohorn spielt zum Niederknien. Herdengeläut erinnert an vergangene paradiesische Zustände, die Zeit scheint stillzustehen. Dann wieder folgen Seelenstürme, die sich in gewaltigen Steigerungen entladen. Violinen entsenden flirrende Glissandi, die Celesta steuert silberne Tropfen bei. Mit zwei hingehauchten Pizzicati in den tiefen Streichern endet das Andante als einziger Satz in (Es)-Dur. Größer könnte der Kontrast nicht sein: Harte Paukenschläge leiten das behäbige Scherzo ein, scharfe Rhythmen, klirrende Triller geben dem 3er- Rhythmus einen fratzenhaften Charakter, jede Phrase erklingt mit artikulatorischer Finesse. „Altväterisch“ (Mahler), mit steten Taktwechseln, kommt der Ländler in leicht schwankender Gestalt daher, den Maestro Rizzi Brignoli humorig-gemüthaft, mit Freude an der skurrilen Überzeichnung auskostet. Die motivischen Fetzen fliegen einem nur so um die Ohren: mal „wie gepeitscht“, wuchtig, grell, klezmerartige Klarinetteneinwürfe, abgründige Basstuba, klapperndes Xylofon, verschmelzen zu einer bitterbösen Farce.
Der Finalsatz ist eine 30-minütige Untergangsvision musikalischer Extreme und existenzieller Abgründe. Aufwühlend, zerrissen, zwischen Dekonstruktion und Grauen chargierend, schichtet Rizzi Brignoli die Klangmassen, spannt riesige Bögen, treibt, tanzt, durchlebt Mahlers Klangkosmos und offenbart die Tragik dieser Seelenstürme. Er hat eine besondere Affinität zu Mahlers Weltschmerz-Philosophie, dem umfassenden Anspruch, seiner tiefen Spiritualität. Unerbittlich steigert die Pauke den Marschrhythmus, Themen aus dem Kopfsatz werden vom Dirigenten nun mit Schärfe herausgemeißelt, am Ende dieser Parforce-Tour steht – hinsteuernd auf einen der genialsten Höhepunkte moderner Sinfonik – der mit Spannung erwartete erste Hammerschlag. Wirkungsvoll setzt der Schlagzeuger den riesigen Holzhammer im hintersten Winkel der Bühne in Szene: Gewaltig, präzise, dumpf saust er nieder, endgültig in seiner Aussage. Schmerzhaft, wie zur Bestätigung bäumen sich die Blechbläser auf, grell antwortet das Holz, wütend die Streicher. Die Musik gerät an die Grenze zur Kakophonie, bohrt sich in die Eingeweide. Kurze Momente der Ruhe und Einkehr: „Wie ein Naturlaut“ klingen Herdengeläut und Glocken von Ferne herüber und lassen die nächste riesige Spannungskurve umso gigantischer wirken, die in einen zweiten Hammerschlag mündet. Die ewige Vernichtung scheint besiegelt. Aber es ist noch nicht vorbei: Mit unbändiger Energie, in endlosen, weiten Steigerungslinien, führt Rizzi Brignoli kontrolliert und präzise das sich immer wieder aufbäumende Orchester bis zum bitteren Ende: Nachdem der Paukentriller im Pianissimo verebbt ist, durchbricht subito ein apokalyptischer a-Moll-Akkord wie ein Aufschrei die zum Zerreißen gespannte Stille. Fragend zupfen die Streicher fast unhörbar ein einsames a.
Sehr langes Innehalten nach dem letzten Ton. Das Publikum musste sich sammeln. Dann bricht großer Jubel über die Musiker herein. Überwältigung pur. Ohne Worte.