Hamburg, Schmidt's Tivoli, "PETER UND DER WOLF VON ST.PAULI", IOCO
- März 2026, Premiere
Unter dem Motto „Frack off ! Zwei Welten. Eine Bühne“hat der jetzige GMD an der Hamburgischen Staatsoper, Omer Meir Wellber, eine neue Kooperation zwischen dem Philharmonischen Staatsorchester und dem Schmidt's Tivoli ins Leben gerufen.

Schmidt's Tivoli ist ein charmant-plüschiges Variété-Theater, am Spielbudenplatz bei der Reeperbahn im Stadtteil St.Pauli gelegen, direkt neben dem St.Pauli-Theater und in unmittelbarer Nähe zum Operettenhaus. Rot-goldenes Gestühl, vergoldete Säulen, Kronleuchter und wunderschöne Wandmalereien vermitteln dem Besucher hier ein ganz besonderes Flair.

Als erste Zusammenarbeit zwischen dem Schmidt's Tivoli und Omer Meir Wellber mit seinem Philharmonischen Orchester hatte man sich zu den Klängen von Sergej Prokofjews „Peter und der Wolf“ – Klassik trifft Kiez – die Rekonstruktion eines spektakulären Kriminalfalles aus dem St. Pauli-Milieu der 1980er Jahre vorgenommen, nämlich die Geschichte des Kleinganoven Werner „Mucki“ Pinzner, der im damaligen St.Pauli für eine Rotlicht-Größe, nämlich dem Zuhälter „Wiener Peter“, so manche Drecksarbeit erledigte und eine Reihe von unliebsamen Konkurrenten im Zuhälter- und Drogen-Milieu erschossen – ihnen „das Gehirn weggeknallt“ hatte. Einige dieser Morde verübte Pinzner sogar während seines Freigangs, denn er saß gerade wegen Raubmordes eine Strafe von 10 Jahren im Knast ab. Fünf Morde konnten ihm nachgewiesen werden, doch er selbst brüstete sich sich damit, daß mindestens elf Morde auf sein Konto gingen.
Besonders Aufsehen erregend und schockierend war jedoch das Ereignis, welches sich 1986 im Hamburger Polizeipräsidium abspielte. Während eines Verhöres durch den Staatsanwalt in Anwesenheit von Pinzners Ehefrau Jutta hatte er es geschafft, mit einer Pistole, die seine Anwältin für ihn ins Präsidium hineingeschmuggelt hatte, erst den Staatsanwalt, dann seine Ehefrau und zuletzt sich selbst zu erschießen.
Natürlich löste dieser unglaubliche Vorfall in Hamburg einen Justizskandal aus wegen der unzureichenden Sicherheitsvorkehrungen und wegen der offensichtlich überforderten Polizei. In der Folge mußten sowohl der Hamburger Innensenator als auch die Justizsenatorin ihren Hut nehmen. Pinzners Anwältin erhielt wegen Beihilfe zum Mord eine Freiheitsstrafe von 6 ½ Jahren.
Auf der im typischen Rotlicht-Milieu dekorierten Bühne waren die knapp 20 Mitglieder des bestens disponierten Orchesters platziert. Eingebettet in Prokofjews Märchenkomposition fungierte Axel Brüggemann in grüner Polizei-Uniform als Erzähler dieses Pinzner-Dramas. Und die Sängerin und Entertainerin Caroline Spieß als Pinzners Ehefrau Jutta in üppiger weißer gepunkteter Bluse mit heller Stimme in kindlich-naivem Tonfall hielt - quasi aus dem Jenseits - Zwiesprache mit ihrem „Mucki“, ihrem „Geilo“, ihrem Beschützer, der auch sie so einfach „weggemacht“ hatte, und die sich jetzt fragte, ob er sie denn überhaupt wirklich geliebt habe. Sie erzählte, wie sie sich um Biggi kümmerte, Pinzners Tochter aus seiner ersten Ehe mit Elfi, einer Prostituierten. Sie erzählte von seinem „Mandelhörnchen“, von ihrer „Honigfalte“, und wie toll das 'Liebe machen' mit ihm immer gewesen sei.
Nun ist Prokofjews „Peter und der Wolf“ kein abendfüllendes Stück, und diese kleine, kindgerechte Märchenerzählung will eigentlich auch nicht so richtig zu einem St.Pauli-Krimi passen. Und so wurde das Ganze aufgepeppt mit Pop-Klängen aus den 1980er Jahren. Eröffnet wurde der Abend mit „Samba pa ti“ von dem mexikanischen Musiker Carlos Santana, weil Mucki und Jutta den Santana so toll fanden. Einige 1980er Pop-Songs wurden als bombastische Ouvertüre des zweiten Teils gespielt: das „Star Wars“-Thema, Tina Turners „What's Love got to do with it“, Queens „I want to break free“, Van Halens „Jump“, Michael Jacksons „Thriller“. Oder, wo es gerade ins Narrativ paßte, ein Song wie „Touch me“ von Samantha Fox. Auch steuerte Omer Meir Wellber auf dem Akkordeon „Das Herz von St.Pauli“ und „La Paloma“ bei. Aber es gab auch Händel-Passagen, und zu Juttas Monologen erklang Schuberts „Tod und das Mädchen“. Ein Höhepunkt war jedoch der von Caroline Spieß herzzerreißend vorgetragene Song „Jenseits von Eden“.
Das Publikum im ausverkauften Tivoli war begeistert von dieser ersten „Klassik trifft Kiez“-Kooperation und sparte nicht mit donnerndem Applaus fürs Orchester und ganz besonders für die sympathische Caroline Spieß, die bei all' der Tragik dieser Story ihre humoreske Seite aufs köstlichste präsentierte und mit ihrer niedlichen sanften Stimme diesem musikalischen Krimi-Abend eine ganz besondere Note verlieh. Wir dürfen sehr gespannt sein, was das Schmidt's Tivoli und GMD Omer Meir Wellber mit seinem Philharmonischen Orchester in der Zukunft noch so alles bei „Frack off!“ - bei „Klassik trifft Kiez“ - aufbieten wird.