Hamburg, Elbphilharmonie, "ECHOES OF CHAGALL", Leon Gurvitch, IOCO

Hamburg, Elbphilharmonie, "ECHOES  OF  CHAGALL", Leon Gurvitch, IOCO
Hamburg, Elbphilharmonie Wolfgang Schmitt
  1. März 2026

Ein vielseitiges Programm bot der Komponist und Pianist Leon Gurvitch bei seinem jüngsten Konzert in der Hamburger Elbphilharmonie am 22. März: „Echoes of Chagall“ - ein Konzert zwischen Traum und Erinnerung“.

Leon Gurvitch ©Wolfgang Radtke

Es handelt sich dabei um eine Gesangs-Suite für Bass und Klavier nach Gedichten von David Simanovich (1932-2014), einem weißrussischen, jüdischstämmigen Dichter und Kulturförderer, der in seiner Heimatstadt Witebsk eine wichtige Rolle bei der Würdigung des jüdischen Malers Marc Chagall (1887-1985) spielte, der ebenfalls aus der Stadt Witebsk stammt, jedoch seit 1910 in Paris lebte und wirkte.

David Simanovich initiierte in Witebsk die jährlich dort stattfindenden Chagall Tage, war Vorsitzender des Chagall Committee, gründete in Witebsk das Chagall Museum, wodurch das kulturelle Erbe in dessen Geburtsstadt bewahrt und schließlich erlebbar gemacht wurde.

Alexander Roslavets und Leon Gurvitch ©Wolfgang Radtke

Den Focus dieses Konzertes bildete die Gesangs-Suite „Echoes of Chagall“, hierfür konnte der Bassist Alexander Roslavets gewonnen werden. Ebenso wie Leon Gurvitch stammt auch er aus Belarus. Roslavets ist an der Hamburger Staatsoper engagiert, gastiert u.a. an der Münchner Staatsoper, am Londoner Royal Opera House Covent Garden, und sang im Dezember 2025 an der Mailänder Scala den Boris Ismailow in der Premiere von Schostakowitschs „Lady Macbeth von Mzensk“.

Leon Gurvitch und Alexander Roslavest ©Wolfgang Radtke

Die vier vertonten Gedichte von David Simanovich ,„Die Ehre habe ich, zu diesem verfolgten Volk zu gehören“, „Ich gehe auf´s Schafott“, „Du selbst versinkst im Dunkel des Vergessens“, sowie „Und Heines Bücher brannten auf den Plätzen“ stellen inhaltlich die starke Identifikation des Dichters, selbst Jude, mit dem auserwählten Volk dar. Eine Mischung aus Stolz, Empathie, Trauer und Wut liegt allen vier Gedichten von der Aussagekraft her zugrunde. Und so gerät gleich das erste Lied mit Roslavets' kraftvoller, bassiger Fülle dramatisch anklagend, begleitet von Gurvitchs melancholischen, in Teilen dissonanten Klavierpassagen.

Alle vier Lieder haben eine düstere Grundstimmung gemeinsam – „Schuf Chagall je ein solches Düstern? Wie bringt er auf eine Leinwand des Volkes Tragik und tiefen Schmerz?“ – Dies ist eine Zeile aus dem ersten Lied, und dieser Schmerz, diese düstere Tragik durchzieht alle vier Lieder, höchst einfühlsam interpretiert von Alexander Roslavets zwischen sanfter Nachdenklichkeit und dramatischem Ausbruch zu dem nuancenreichen, beseelten Spiel von Leon Gurvitch.

Eindringliche Klänge leiteten das vierte Lied ein, anklagend dramatisch setzte Roslavets' markante Bass-Stimme ein und spiegelte den Schrecken des Themas 'Bücherverbrennung' eindrucksvoll wider.

Alexander Roslavets und Leon Gurvitch ©Wolfgang Radtke

Umrahmt wurde der Block dieser vier Lieder durch Leon Gurvitchs Kompositionen für Klavier wie das jazzige „Mein Leben“ (Marcel Reich-Ranicki gewidmet), welches er bereits 2003 komponiert hatte, und das elegische „The Prayer“ (2001 komponiert). Auch „Letters to Mom“, diese melancholische, hoch emotionale Komposition, die er im Gedenken an seine im vergangenen Jahr verstorbene Mutter schrieb und im Dezember 2025 erstmals aufgeführt hatte, war wieder im Programm. Danach folgte seine „Anne Frank Suite“ für Klavier und Violoncello mit dem Cellisten Eloy Medina.

Eine besonders beeindruckende, erhabene Komposition war „To Janusz Korcak“ für Klavier und Streichquartett, mit den flirrenden Geigen voller Trauer und Melancholie, gewidmet dem jüdischen Arzt, Autoren und Pädagogen Janusz Korczak (1878-1942) aus Warschau, der seinerzeit die jüdischen Kinder aus dem von ihm geleiteten Waisenhaus im Warschauer Ghetto bei der Deportation nach Treblinka begleitet hatte, was auch für ihn den sicheren Tod bedeutete.

Fröhlich und stimmungsvoll dagegen erklang die beschwingte und folkloristisch anmutende „Jewish Suite“ ebenfalls für Klavier und Streichquartett, in rasantem Tempo dargeboten.

Um beim jüdischen Thema zu bleiben, spielte Leon Gurvitch auch seine eigenen Variationen über die Filmmusik zu „Schindlers Liste“ von John Williams.

Leon Gurvitch und sein Streicher-Ensemble ©Wolfgang Radtke

Mit der schwelgerischen Komposition „Mein Jiddischer Tango“, komponiert 2009 für Klavier und Streichquartett, ging dieser nachdenklich stimmende, aber angenehm kurzweilige Konzertabend dem Ende entgegen. Mit beschwingtem Tempo und dynamischer Rasanz legte sich Leon Gurvitchs Streicher-Ensemble – Dana Anka und André Böttcher (Violine), Meltem Kandemir (Bratsche) und Eloy Medina (Violoncello) bei dieser mitreißenden Tango-Musik nochmals so richtig ins Zeug und brachte die Stimmung im Saal zum brodeln, so daß es als Zugabe noch den „Satmar Wedding Mitzva Dance“, einen traditionellen jiddischen Hochzeitstanz, als endgültigen Abschluß dieses wunderbaren Konzertabends gab. Der Schlußapplaus für Alexander Roslavets, Leon Gurvitch und sein Streichquartett war überwältigend.