München, Staatstheater am Gärtnerplatz, Ruben Dubrovsky folgt Anthony Bramall, IOCO Personalie, 17.09.2021

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Staatstheater am Gärtnerplatz   München

Staatstheater am Gärtnerplatz zur Lichtwoche 2019 © Raphael Kurig

Staatstheater am Gärtnerplatz zur Lichtwoche 2019 © Raphael Kurig

Rubén Dubrovsky – Chefdirigent ab Spielzeit 2023/24

Rubén Dubrovsky, folgt ab der Spielzeit 2023/24 auf Anthony Bramall als Chefdirigent des Staatstheaters am Gärtnerplatz

Der Bayerische Kunstminister Bernd Sibler betonte bei der Bekanntgabe am 13.9.2021: „Ruben Dubrovsky ist ein  charismatischer Dirigent, der mit seiner musikalischen Vielseitigkeit ganz wunderbar zum  Staatstheater am Gärtnerplatz passt. Ich bin mir sicher, dass das Publikum außergewöhnliche Opern- und Konzertabende mit ihm erleben wird. Dass er sich mit dem Orchester hervorragend versteht, hat er als Gastdirigent schon mehrfach bewiesen. Herzlich willkommen im Kreise der bayerischen Staatstheater“.   Auch Staatsintendant Josef E. Köpplinger freut sich über die Berufung des neuen Chefdirigenten am Gärtnerplatztheater in München ab der Spielzeit 2023/2024.

Staatstheater am Gärtnerplatz / vl Staatsminister Bernd Sibler, designierter Chefdirigent Rubén Dubrovsky, Chefdirigent Anthony Bramall, Intendant Josef Köpplinger © Christian POGO Zach

Staatstheater am Gärtnerplatz / vl Staatsminister Bernd Sibler, designierter Chefdirigent Rubén Dubrovsky, Chefdirigent Anthony Bramall, Intendant Josef Köpplinger © Christian POGO Zach

Anthony Bramall, *1957 in London, aktueller Chefdirigent des Gärtnerplatztheaters, ist seit dem Wiedereinzug in das renovierte Haus im Jahr 2017 am Theater tätig. Sein Vertrag läuft zum Ende der Spielzeit 2022/2023 aus. Er wird dem Gärtnerplatztheater jedoch als 1. Gastdirigent weiterhin eng verbunden bleiben.

Vita Rubén Dubrovsky

Rubén Dubrovsky, *1968 in Buenos Aires geboren. Er ist Gründer und Leiter des Bach Consort Wien, mit dem er u. a. im Wiener Musikverein, im Theater an der Wien, bei den Händelfestspielen Halle, der Mozartwoche Salzburg und auf internationalen Bühnen gastiert. Außerdem ist er künstlerischer Leiter des Instrumental- und Vokalensembles Third Coast Baroque in Chicago.

Dubrovsky war als Gastdirigent u. a. tätig an der Semperoper Dresden, der Oper Köln, dem Aalto-Theater Essen, dem Palau de les Arts Valencia, der Oper Bonn und dem Nationaltheater Mannheim. Seine Konzerte von geistlicher Musik werden regelmäßig von ORF und 3sat übertragenen. Diverse CD-Einspielungen dokumentieren seine Arbeit.


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Bremen, Die Glocke, Musikfest Bremen – Bremer Philharmoniker, IOCO Kritik, 16.09.2021

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Das Musikfest Bremen _ DIE GLOCKE _ öffnet ihre Pforten auf dem Rathausplatz © Nikolai Wolff

Das Musikfest Bremen _ DIE GLOCKE _ öffnet ihre Pforten auf dem Rathausplatz © Nikolai Wolff

Die Glocke Bremen

Musikfest Bremen –  28.8.  –  18.9.2021

 Bremer Philharmoniker  –  Daniel Lozakovich  –  Marco Letonja

von Thomas Birkhahn

Zwei gewichtige Werke des 19. Jahrhunderts standen im Bremer Konzerthaus Die Glocke auf dem Programm, als das städtische Orchester, die Bremer Philharmoniker, ihren Auftritt beim diesjährigen 32. Musikfest Bremen hatten. Unter der Leitung von Chefdirigent Marco Letonja gab zunächst der junge schwedische Geiger Daniel Lozacovich mit Tschaikowskys Violinkonzert sein Debüt in der Hansestadt.

Das Konzert beginnt eher verhalten mit einem von den Streichern intonierten Thema, das – sehr ungewöhnlich für ein Solokonzert – im gesamten Stück nicht mehr wiederkehren wird. Die einsetzende Solovioline scheint zunächst in einer nachdenklichen Kadenz das Hauptthema des ersten Satzes zu suchen, aber schon hier zieht der Solist die Zuhörer in seinen Bann. Der Ton seiner Stradivari ist warm, singend und in den höheren Lagen von bestechender Klarheit. Er spielt jede Phrase hingebungsvoll und musikalisch überzeugend. Er kann wunderbar zart intonieren wie im lyrischen Seitenthema, aber auch zupackend die Dramatik der Musik ausdrücken. Die technischen Schwierigkeiten des Werkes scheint Lozakovich kaum wahrzunehmen. Mit Feuereifer stürzt er sich in die rasenden Läufe, die Doppelgriffe schüttelt er mühelos aus dem Ärmel und behält auch in der Kadenz immer einen kühlen Kopf.

Bremer Philharmoniker © Caspar Sessler

Bremer Philharmoniker © Caspar Sessler

Obwohl erst 20 Jahre alt, verfügt Lozakovich schon über eine erstaunliche große Bühnenpräsenz. Er sucht sowohl den Kontakt zum Publikum als auch zum Orchester, das für ihn nicht eine reine Begleitfunktion hat. Er sieht es als gleichwertigen Partner an und wendet sich den Musikern oftmals zu. Die greifen mit engagiertem Spiel ins Geschehen ein. Besonders hervorzuheben sind die Holzbläser, die im zweiten Satz die sehnsuchtsvolle Klage der Violine sehr einfühlsam umspielen. Das ist Kammermusik vom Allerfeinsten!

Daniel Lozakovich © Johan Sandberg

Daniel Lozakovich © Johan Sandberg

Aber wie reich Lozakovichs Palette an Klangfarben ist, zeigt sich spätestens im dritten Satz. Als die Musik zu tanzen beginnt, schreckt er auch vor rustikalen Klängen nicht zurück und wir meinen, Gäste einer russischen Bauernhochzeit zu sein.

Überzeugender kann man dieses Konzert kaum spielen und es ist zu hoffen, dass dieser junge Geiger schon bald erneut den Weg nach Bremen finden wird.

Dass große Musik mehrere Emotionen gleichzeitig ausdrücken kann, beweist schon der Beginn der 4. Sinfonie von Johannes Brahms. Wie aus dem Nichts beginnen die Geigen das klagende Hauptthema, welches aber gleichzeitig in seiner wiegenden Melodik auch etwas Tröstliches hat. Es ist ein Werk des Abschieds, die letzte Sinfonie des Komponisten, der sich als legitimer Nachfolger Beethovens sah und gleichzeitig ein Leben lang unter diesem Anspruch litt.

Wie bei aller großen sinfonischen Musik geht es auch in diesem Werk um Entwicklung. Es beginnt ein Seelendrama, ein Kampf der Elemente, den man nach dem lyrischen Beginn nicht für möglich gehalten hätte. Und Brahms‘ Erfindungsreichtum ist schier unerschöpflich. Themen werden ständig weiter entwickelt, miteinander kombiniert, ändern ihre Geste oder erscheinen in anderer Gestalt. Letonja macht dieses Drama in all seiner Tragik lebendig. Er zeichnet die großen Bögen dieser Musik nach, er lässt die Streicher mit großem Ton klagen und die Bläser wunderbar seufzen. Eine Pizzicato-Passage klingt bei ihm so bedrohlich, dass der Zuhörer die Schmerzen dieser Musik mitempfindet. Dieser erste Satz gelingt sehr überzeugend, nur in einigen Passagen hätte man sich in den Violinen etwas mehr Präzision im Zusammenspiel gewünscht.

Das Thema des zweiten Satzes ist seltsam richtungslos, als hätte der Komponist die Orientierung verloren. Die Wogen des ersten Satzes haben sich geglättet und Letonja nimmt die Satzbezeichnung ‚Andante moderato‘ sehr wörtlich. Er widersteht der Versuchung, durch zu langsames Tempo die Musik in eine Art Trauermarsch zu verwandeln. Die Musik ist wehmütig, aber noch herrscht nicht die komplette Dunkelheit des letzten Satzes. Dennoch liegt ein ernster Schleier über dieser Musik. In einem misteriösen Moment scheint Beethovens 5. Sinfonie wie eine ferne Erinnerung vorüber zu ziehen, bevor Brahms noch einmal alle Energie zusammen nimmt um ein letztes Mal ausgelassene Freude zu empfinden. Aber Letonja und seine Musiker zeigen, dass auch hier die Freude nicht ungetrübt ist. Es kostet Brahms Mühe, so ausgelassen zu sein und das machen die Musiker hörbar.

Marko Letonja© Marcus_Meyer

Marko Letonja  © Marcus_Meyer

Um das hochkomplexe Finale zu verstehen, ist ein kurzer Exkurs in die Musikwissenschaft hilfreich: Brahms greift hier auf die barocke Form der Passacaglia zurück. Eine Passacaglia ist eine Folge von Variationen über ein gleichbleibendes Bassthema. Er benutzt dafür das Passacaglia-Thema aus Johann Sebastian Bachs Kantate ‚Nach Dir, Herr, verlanget mich.‘ Brahms verändert es geringfügig und schreibt 30 kurze Variationen, wobei er das Bassthema sehr wohl verändert, aber die Harmonien überwiegend beibehält. Es ist vermutlich der einzige Satz der klassischen Symphonik, in der sich ein melodisches Thema kein einziges Mal wiederholt. Das macht die Schwierigkeit für den Zuhörer aus und ich gestehe gerne, dass ich diesem Satz viele Jahre lang völlig ratlos gegenüber stand.

Johannes Brahms Büste in Walhalla © IOCO HGallee

Johannes Brahms Büste in Walhalla © IOCO HGallee

Was dieser kurze Exkurs natürlich nicht vermitteln kann, ist die unglaubliche Eindringlichkeit dieser Musik. Es ist, als ob eine Prozession in tiefer Düsterkeit und Trauer unerbittlich auf die Katastrophe zuschreitet. Trägt Brahms hier seine unerfüllte Liebe zu Clara Schumann zu Grabe? Blickt er seinem eigenen Tod ins Auge? Wir wissen es nicht, aber schon die Vorstellung des choralartigen Themas in den Posaunen ist wie eine Verkündung des Schicksals und lässt darauf schließen, dass es ab jetzt um existenzielle Dinge geht.

Letonja und seinen Musikern gelingt eine Wiedergabe von geradezu beängstigender Eindringlichkeit. Man kann die inneren Konflikte des Komponisten, das Ringen mit seinen Dämonen, förmlich mit Händen greifen. Die Verzweiflungsausbrüche in den Violinen, die Einsamkeit im wunderbar gespielten Solo der Flöte, die Angst, die Aufschreie, die Schmerzen, die tiefe Trauer, aus der es kein Entrinnen gibt, sie alle lassen den Zuhörer am Ende verzweifelt zurück.

Erstaunlich, dass der Applaus direkt nach dem Verklingen der letzten Note beginnt. Aber es ist ein verdienter Beifall für ein Konzert, das lange nachklingen wird.


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Düsseldorf, Düsseldorfer Schauspielhaus, ORPHEUS STEIGT HERAB – Tennessee Williams, IOCO Kritik, 15.09.2021

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Düsseldorfer Schauspielhaus © ingenhoven architects / HGEsch

Düsseldorfer Schauspielhaus © ingenhoven architects / HGEsch

Düsseldorfer Schauspielhaus

ORPHEUS STEIGT HERAB – Tennessee Williams

die Unterwelt – ist eine Kleinstadt der amerikanischen Südstaaten

von Rainer Maaß

Das Düsseldorfer Schauspielhaus zählt spätestens seit der Intendanz von Gustaf Gründgens von 1947 – 1955 zu den bedeutendsten Sprechtheatern im deutschen Sprachraum; aktuelle – vor Corona – Zahlen: 240.000 Besucher und 900 Vorstellungen pro Saison in verschiedenen Spielstätten. Dabei stellten die letzten Jahre alle Düsseldorfer Theaterfreunde, Akteure und Zuschauer, auf eine harte Probe. Als der neue Generalintendant Wilfried Schulz 2016 sein  Amt übernahm, war die Spielstätte, der spektakuläre Theaterbau von Bernhard Pfau aus den 60iger Jahren sanierungsbedürftig und konnte nur noch sehr selten bespielt werden. Dass für die folgenden Jahre nur  behelfsmäßige Räume nahe dem Hauptbahnhof zur Verfügung standen, stellte sich dennoch als Glückfall heraus. Die Inszenierungen waren vielfältig interessant. Viele Zuschauer nahmen das Theater neu wahr.

Dann setzte die  Covid 19 Pandemie dem Theaterleben ein Ende. Und erst jetzt kann der reguläre Spielbetrieb wieder beginnen. Vielleicht um die Freude an der Normalität nicht zu groß werden zu lassen, steht als erstes Stück ORPHEUS STEIGT HERAB von Tennessee Williams, 1911 – 1983, auf dem Programm. Ein pessimistisches Drama, in dem es nur Verlierer gibt.

Düsseldorfer Schauspielhaus / ORPHEUS STEIGT HERAB hier Sonja Beißwenger und Sebastian Tessenow © Thomas Rabsch

Düsseldorfer Schauspielhaus / ORPHEUS STEIGT HERAB hier Sonja Beißwenger und Sebastian Tessenow © Thomas Rabsch

In der klassischen Vorlage steigt Orpheus hinab in die Unterwelt, um seine Frau Eurydike zu retten. Tennessee Williams, am Mississipi geboren und aufgewachsen, verlegt die Unterwelt dorthin, in eine Kleinstadt der amerikanischen Südstaaten. Obschon er das Stück in den fünfziger Jahren schrieb, kommt uns das Böse in dieser Hölle hochaktuell vor. Der primitive Rassismus gegenüber Schwarzen und jedem Fremden ist normal. Missgunst gehört ebenso zum Alltag wie Frömmelei und Lüge. Dafür dass es genauso bleibt, sorgt  die willkürliche Brutalität der Polizei. Andreas Grothgar als Sheriff Talbott krönt deren Auswüchse mit dem Satz: „Ich mag keine Gewalt.“

In der Inszenierung von David Bösch wird  Orpheus zu Val Xavier. Ein introvertierter Sänger, der auch auf der Gitarre die leisen Töne liebt. Sebastian Tessenow als Val Xavier nimmt man ab, dass er ein unstetes Leben hinter sich hat. Jetzt will er seine Ruhe und weicht jeder Provokation aus. Er sucht einen Job und eine feste Bleibe. Die Zeit der Abenteuer ist für ihn vorbei. Sein Pech: Val strandet in der Konditorei-Baustelle von Lady Torrance. Dieses kahle Ladengebilde, Foto oben, gibt dem Stück die Bühne. Es steht nicht nur für die kalte, lieblose Atmosphäre dieses Südstaaten Ortes. Auch Ladys Leben ist eine trostlose Baustelle. Sie leidet unter ihrem todkranken Ehemann Jabe Torrance (Thomas Wittmann) der sie terrorisiert. Außerdem weiß sie, dass er es war, der ihren Vater vor einiger Zeit ruiniert und in den Tod getrieben hatte. Nur die Aussicht auf das baldige Ableben ihres Ehemanns und der Wunsch nach einer florierenden neuen Konditorei geben Lady einen Funken Hoffnung.

Düsseldorfer Schauspielhaus / ORPHEUS STEIGT HERAB - hier: Lou Strenger als Carol Cutrere © Thomas Rabsch

Düsseldorfer Schauspielhaus / ORPHEUS STEIGT HERAB – hier: Lou Strenger als Carol Cutrere © Thomas Rabsch

Sonja Beißwenger als Lady Torrance spielt die Rolle der Außenseiterin mit vollem Einsatz. Ihr Gegenpol,Carol Cutrere (Lou Strenger) setzt das Klischee der integrierten und intriganten Südstaaten-Schönheit sehr lebendig um. Lady Torrance verzweifelt  zunehmend  an ihrer Situation. Der stille Val soll ihr helfen. Val zögert. Und wie der klassische Orpheus trifft er die falsche Entscheidung. Es geschieht, was der Zuschauer geahnt hat. In dieser Unterwelt gibt weder Mitleid noch Hoffnung. Nur am Ende ein fulminantes Feuerwerk an Grausamkeit.

Orpheus steigt herab am D´dorfer Schauspielhaus ist konventionell inszeniert,  Obwohl Tennessee Williams das Stück 1958 schrieb, kommt es einem heute wieder erschreckend aktuell vor. Und ist damit umso sehenswerter.

ORPHEUS STEIGT HERAB am Düsseldorfer Schauspielhaus; die folgenden Termine: 15.9.; 25.9.; 11.10.; 15.10.; 31.10.2021

—| IOCO Kritik Düsseldorfer Schauspielhaus |—


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Düsseldorf, Deutsche Oper am Rhein, Herzog Blaubarts Burg – Béla Bartók, IOCO Kritik, 14.09.2021

September 13, 2021  
Veröffentlicht unter Deutsche Oper am Rhein, Hervorheben, Kritiken, Oper

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Deutsche Oper am Rhein

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel - www.foto-drama.de

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein für alle Opernhaus © Hans Joerg Michel – www.foto-drama.de

Herzog Blaubarts Burg – Béla Bartók

Poetisches Seelendrama – Klangfarben in ungarischer Volksmusiktradition

von Hilli Hassemer

Drastischer, dichter, subtiler hat man  die Oper Herzog Blaubarts Burg von Béla Bartók selten erlebt. Eine Stunde, in welcher sich ein gewaltiges Beziehungsdrama mit seinen Abgründen vor uns entfaltet und keinen unberührt entlässt. Béla  Bartóks einzige Oper, 1918 uraufgeführt, behandelt die von Charles Perrault 1697 maßgeblich geprägte Sage um Herzog Blaubart, welcher in den Räumen seiner Burg fünf Frauen ermordete, versteckte. Judith hat, im Glauben Blaubart zu lieben, Eltern und Verlobten verlassen; sie dringt in Blaubarts Burg ein, einem inneren Drang folgend, um Licht in die Dunkelheit der Gerüchte um Herzog Blaubarts Burg bringen zu wollen.

Herzog Blaubarts Burg – an der Deutschen Oper am Rhein
youtube Trailer Deutsche Oper am Rhein
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Demis Volpi, Regie und Choreographie, vereint in seiner spartenübergreifenden Produktion erstmals Tanz und Gesang, entwickelt das Drama in einem wohltuend reduzierten Bühnenbild: ein Schwarzer Vorhang, der den gesamten Bühnenraum umspannt. Blaubart sitzt an einem Tisch, auf dem eine kleine Spielzeugburg (Foto unten)  steht. Er scheint daran zu basteln und nimmt kaum Notiz von Judith, die verloren wirkend in dem gewaltigen Schwarz die Bühne, die Burg betritt, mit Ihrem Koffer, mit ihren Erlösungsideen.

Blaubart und Judith, beide Akteure, verharren während der gesamten Aufführung in ihrer distanzierenden Isolation; singen, spielen aneinander vorbei. Der Zuschauer sehnt sich vergeblich danach, dass nur einmal die Blicke der beiden sich treffen, vertiefen. Judith erbittet sich die Schlüssel zu den verschlossenen Räumen der Burg; widerwillig, nach und nach gibt Blaubart ihr diese. So offenbaren sich dann der fordernden Judith die dunklen Geheimnisse der einzelnen Räume der Burg.

Bühnenbildnerisch von Markus Meyer bestechend gelöst: mit minimalistischen LED Leuchtelementen, die von der einer Zwischendecke schweben und den Eingang der jeweiligen Räume symbolisieren. Die reduzierte Bühnengestaltung bietet dem Zuschauer Raum, seine Phantasien walten zu lassen. Raum aber auch für die eindringliche Musik Bela Bartoks, die sich hier wundersam mit der Handlung verwebt, das psychologische Drama in großer dunkler Sinnlichkeit vertieft. Die von Eberhard Kloke bearbeitete Fassung verschlankte das Orchester, reduzierte u.a. die Streicher, setzte jedoch unter Hinzunahme von Holzbläsern auf die dunkle abgründige Klangfarbe des Stückes. Die Wirkung bleibt nicht aus: Inneres Schaudern und Mitbeben, auf diesen emotionalen Klängen, die ganze Aufführung lang.

Deutsche Oper am Rhein / Herzog Blaubarts Burg hier Bogdan Talos als Herzog Blaubart © Ingo Schaefer

Deutsche Oper am Rhein / Herzog Blaubarts Burg hier Bogdan Talos als Herzog Blaubart © Ingo Schaefer

Was sich hinter den Türen verbirgt entfaltet sich nun vor Judith: Fünf Tänzer, Otto Jendrek, Evan L’HIrondelle, Futaba Ishizaki, Sara Giovanelli und Mariana Dias stellen in der Abfolge die Inhalte der einzelnen Räume dar. In phantastische Kostüme gezwängt, die auf den ersten Blick schön, auf den zweiten jedoch einengend, bandagierend und verstörend wirkend, tanzen  sie in grotesken, fast parodiehaft wirkenden Bewegungsfetzen vor der immer kleinmütiger, verzweifelt, ja wahnhaft wirkenden Judith.
Dazu  gibt es helle, sehr poetische Momente in dieser Inszenierung: der Blütentanz, die hellen lichtflockenhaften Tränen des weißen Weihers, ein blauer Ballon schwebt wie ein anderer Stern umher…aber sie betonen so auch die Obskurität des Geschehens.

Verzweiflung und Kleinmut verstärkend, senkt sich die Bühnendecke unmerklich immer mehr herab, bis sie Blaubart und Judith fast erdrückt. So kommt es zum eisigen Finale, zur Offenbarung von Blaubarts tiefstem Abgrund, subtilsten Geheimnis. Diese Szene  erschüttert, berührt besonders und lässt den Besucher bis ins Mark gefrieren.  „Verschone mich mit Deiner Lösung, sie wär der Tod für mein Problem“: So lässt Blaubart Judith an seinen Abgründen scheitern; Judith erstarrt in einem stummen Schrei.

Bogdan Talos als  Blaubart und Dorottya Láng als Judith singen in ungarischer Sprache, tonal mit Bartoks Musik wunderbar harmonierend. Beiden Stimmen wird große Klangfülle abverlangt, oft muss auch in sehr hoher und sehr tiefer Stimmlage  gesungen werden. Talos und Làng meistern diese Herausforderungen mit Bravour. Großartig dazu auch die Düsseldorfer Symphoniker, unter Axel Kober, endlich wieder zu hören, und wie!

Demis Volpi zeigt in seiner Inzenierung, wie subtile, kraftvolle und ungeschwätzige Oper geht. Ein Muss, sie zu erleben. Das Publikum dankte mit großem Beifall.

Herzog Blaubarts Burg an der Deutschen Oper am Rhein; die nächsten Termine 17.9.; 19.9.; 02.10.;


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