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KritikenMecklenburgisches StaatstheaterOper

Schwerin, Mecklenburgisches Staatstheater, TANNHÄUSER – Richard Wagner, IOCO Kritik, 01.11.2022

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Wolfgang Schmitt
01. November 2022
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Mecklenburgisches Staatstheater

Mecklenburgisches Staatstheater Schwerin © Silke Winkler
Mecklenburgisches Staatstheater Schwerin © Silke Winkler

 TANNHÄUSER – Richard Wagner

– Tannhäuser bricht als Drag-Queen mit allen Traditionen –

von Wolfgang Schmitt

Richard Wagner - aber in Venedig © IOCO
Richard Wagner – aber in Venedig © IOCO

Eine Fahrt durch die schöne Mecklenburger Landschaft in die Landeshauptstadt Schwerin hat so ihre besonderen Reize. Das wunderschön restaurierte Schloß am See ist ein wahrer Prachtbau, der jeden Besucher fasziniert. Doch auch das gegenüber liegende neoklassizistische Staatstheater ist ein architektonisches Juwel, seit es aufwendig und liebevoll von innen und außen restauriert wurde.

Wenn das Mecklenburgische Staatstheater dann auch noch künstlerisch so einiges zu bieten hat, ist das Glück des Besuchers vollkommen. Und so geschah es am 25. Oktober 2022, als Wagners Tannhäuser auf dem Spielplan stand. Die Vorstellung  war das reinste Erlebnis. Natürlich muß man erst mal auf die Idee kommen, den Tannhäuser als Drag-Queen darzustellen und den Venusberg-Akt in ein einem Travestie-Club spielen zu lassen, aber dieses Experiment ist dem Regisseur Martin G. Berger durchaus gelungen und seine Inszenierung erwies sich als in sich schlüssig.

Mecklenburgisches Staatstheater / TANNHÄUSER hier Heiko Börner als Tannhäuser, Gala El Hadidi als Venus inmitten vonr Drag-Queens © Silke Winkler
Mecklenburgisches Staatstheater / TANNHÄUSER hier Heiko Börner als Tannhäuser, Gala El Hadidi als Venus inmitten vonr Drag-Queens © Silke Winkler

Während der Ouvertüre lief ein Schwarz-Weiss-Video (Daniel M.G. Weiß) und erzählte von Heinrich, 1972 geboren, der in seiner Kindheit auch schon mal mit Puppen spielte, in seiner Jugend das Kleid seiner Freundin Elisabeth anprobierte, sie später heiratete und Vater zweier Kinder wurde. Mit 50 brach er aus dieser Ehe aus und fand sein Heil und seine Berufung nunmehr in der sinnlichen Atmosphäre eines Travestie-Varietés bei Venus inmitten einer Gruppe von Drag-Queens. Dieses Lebens irgendwann überdrüssig kehrt er heim in den Kreis seiner alten Freunde und zu Elisabeth. Die „Teure Halle“ ist hier ein Ikea-Wohnzimmer mit Sitzgruppe und Esstisch (Bühnenbild Sarah-Katharina Karl). Nach seinem Coming-Out während des Sängerwettstreits, welcher hier eher wie ein dörfliches Volksfest wirkt, und der erfolglosen Pilgerreise nach Rom, wo er „Buß’ und Sühne“ zu finden hoffte, steht er am Ende wieder in seinem Drag-Queen-Kostüm da, um ihn herum sowohl die Freunde als auch die Drag-Queens, alle versammelt zum bombastischen Schlußchor, mit einem Appell ans Publikum zu einem friedlichen Miteinander und zur Toleranz gegenüber jeglicher Art des Lebensstils und der individuellen Lebensgestaltung.

Musikalisch war dieser Abend ein wahrer Hochgenuß. Levente Török leitete die Staatskapelle Schwerin hoch engagiert und konzentriert, war den Solisten ein aufmerksamer Begleiter, und es war einfach wunderbar mitzuerleben, wie herrlich er diese ungemein dramatische und packende Musik ebenso wie auch die beseelte, einfühlsame Melodienführung zu Gehör brachte, wie die Solisten, der Chor und das Orchester insgesamt zu einer Einheit verschmolzen. Mit differenziert musizierender Gestaltungskraft und akkuraten Tempi spannte Török farbenreich und ausdrucksvoll die Bögen über alle drei Akte. Der von Friedemann Braun und Aki Schmitt hervorragend einstudierte Opernchor und Extrachor des Staatstheaters sang wunderbar ausgewogen, präzise und klangschön, auch erfüllten die Choristen die ihnen von der Regie zugedachten Anweisungen, wie übrigens auch die acht Drag-Queens in ihren schrill-bunten Kostümierungen, aufreizend und raffiniert lasziv in ihren Bewegungen (Choreographie von Thomas Helmut Heep).

Geradezu sensationell war Heiko Börner als Tannhäuser. Sein robuster, in allen Lagen sicher geführter Heldentenor, klangvoll sowohl im lyrischen als auch im dramatischen Bereich zeigte bis zum Ende keinerlei Ermüdungserscheinungen, und darstellerisch war er einfach grandios in seiner weißen tief dekolletierten Abendrobe und der blonden Jayne-Mansfield-Perücke.

Camila Ribero-Souza gestaltete die Partie der Elisabeth facettenreich mit ihrem angenehm timbrierten dramatischen Sopran und fügte sich auch darstellerisch engagiert in ihre von der Regie vorgesehene Aufgaben.

Mecklenburgisches Staatstheater / TANNHÄUSER hier das Ensemble zum Schlussapplaus © Wolfgang Schmitt
Mecklenburgisches Staatstheater / TANNHÄUSER hier das Ensemble zum Schlussapplaus © Wolfgang Schmitt

Mit einem leuchtenden dramatischen Mezzosopran von irisierender erotischer Färbung wartete Gala El Hadidi auf und machte ihre Darstellung der Venus, in bunt schillerndem Kostüm mit kunstvollem Kopfschmuck, fast wie eine Josephine-Baker-Kopie, zu einem optischen wie stimmlichen Ereignis (Kostüme von Esther Bialas).

Als Wolfram von Eschenbach verströmte Brian Davis balsamischen Wohllaut mit einem elegant geführten Kavaliersbariton und schönen Phrasierungen, sowohl bei „Blick ich umher“ als auch insbesondere beim Lied an den Abendstern. Renatus Meszar war ein nobler Landgraf mit warm timbrierten Bassbariton und perfekter Diktion.

Aus dem Off klang der glasklare, funkelnde lyrische Sopran von Marie-Louise Tosheva. Ein pauschales Lob gilt den Sängern des Wettstreits, Markus Pallesen als Walther von der Vogelweide, Martin Gerke als Biterolf, Sebastian Köppl als Heinrich der Schreiber, und Young Kwon als Reinmar von Zweter, die sich in ihren Partien durch schönstimmigen Gesang und darstellerischem Einsatz bewährten.

Insgesamt gesehen war dieser Ausflug ans Schweriner Staatstheater ein überaus beglückendes Erlebnis. An diesem Tannhäuser in Martin G. Bergers fesselnder, faszinierender und auch nachdenklich stimmender Inszenierung könnten manche Regisseure, die an den sogenannten „großen Häusern“ inszenieren dürfen, sich ein Beispiel nehmen.

—| IOCO Kritik Mecklenburgisches Staatstheater |—


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