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Mannheim, Nationaltheater Mannheim, Das Rheingold – Richard Wagner, IOCO Kritik, 17.07.2022

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Uschi Reifenberg
17. July 2022
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Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim

NTM Nationaltheater Mannheim © Christian Kleiner
NTM Nationaltheater Mannheim © Christian Kleiner

DER RING DES NIBELUNGEN – Richard Wagner

– DAS RHEINGOLD – 9.7.2022 – Das Gold des Orchesters – Der Ring aus einem Guss –

von Uschi Reifenberg

In einem beispiellosen Kraftakt stemmen innerhalb von nur unglaublichen drei Wochen am Nationaltheater Mannheim Musiker, Dirigent, Regieteam, Solisten und viele weitere Beteiligte das Megaprojekt einer kompletten Neuinszenierung des Der Ring des Nibelungen von Richard Wagner.

Wagners opus der Superlative, das grenzensprengende Weltendrama, mit fast 16 Stunden Musik, verteilt auf 4 Abende, gilt bekanntlich als das größte Werk der Musik- und Theatergeschichte und stellt immense Ansprüche an Ausführende und Rezipienten, dessen Umsetzung immer höchsten Respekt abverlangt.

 

Richrad Wagner Berlin © IOCO / Rainer Maass
Richard Wagner Denkmal – Berlin Tiergarten © IOCO / Rainer Maass

Mit einem interessanten und in vielen Bereichen neuen Ansatz überzeugte nach nur etwa einem Monat Probenzeit im Vorabend des  Rheingold das Inszenierungskonzept der preisgekrönten südkoreanischen Regisseurin Yona Kim, die bereits mehrfach am NTM inszenierte.

Also blickt man diesen Sommer 2022 nicht nur gebannt zu den Wagner Festspielen nach Bayreuth, wo mit 2 Jahren Corona-Verspätung ebenfalls eine Neuinszenierung des Ring – Premiere feiern wird, auch in der traditionsreichen Wagner Stadt Mannheim wird ein neuer Ring geschmiedet, bevor man sich vom Haus am Goetheplatz aufgrund der Generalsanierung für 5 Jahre verabschieden muss.

Abschied nehmen heisst es auch von Generalmusikdirektor Alexander Soddy, der mit Wagners  Mammutwerk seine letzte große Premiere am NTM leitet und sich nach seiner sechsjährigen glanzvollen Mannheimer Ära „zu neuen Taten“ aufmacht.

Das Orchester, respektive die Musik, ist also der auktoriale Erzähler in dieser fast kammerspielartigen Ring-Inszenierung, das Konzept scheint geradezu maßgeschneidert für Alexander Soddy und das Nationaltheater Orchester, die sich auf höchstem Niveau präsentieren.

Der Focus wird sowohl auf das Orchester-Kollektiv als auch die einzelnen Instrumente gelegt, die teilweise den Figuren der Handlung zugeordnet werden.

Alexander Soddy ist ein klar strukturierender Erzähler, der leitmotivische Feinarbeit mit sinfonischer Opulenz verbindet, nie den großen Bogen verliert, viel Gespür für Übergänge und  variable Tempi beweist, die Ambivalenzen offenlegt und stets die Balance zwischen Bühne und Graben hält. Er trägt die Sänger einfühlsam durch die Partitur mit viel Sinn für die psychologischen Hintergründe, reizt die dynamischen Extreme aus, und schreckt auch vor Schroffheiten nicht zurück.

Nationaltheater Mannheim / Das Rheingold © Christian Kleiner
Nationaltheater Mannheim / Das Rheingold © Christian Kleiner

Im Wasser beginnt alles Leben und endet dort am Ende der Götterdämmerung. Im berühmten 136 Takte dauernden Vorspiel, in dem sich die Keimzelle allen Werdens, als „Es“ in den Kontrabässe allmählich aus dem Urschlamm herauslöst, lässt Soddy den Klang wie aus dem Nichts entstehen.

Zum „Es“ intonieren die Fagotte in völliger Ruhe die Quinte, es regt sich „Leben und Weben“, dann kommen die Hörner dazu, die in weichen Piano-Linien, übergangslos in aufsteigenden Hornquinten das „Werde“ Motiv bilden, was in bester klanglicher Übereinstimmung gelingt. So entsteht nach und nach der vollständige Es-Dur Akkord, die Streicher gehen in eine immer bewegtere Wellenbewegung über, die im jubelnden lautmalerischen Gesang der Rheintöchter gipfelt.

Fein balanciert Soddy das Vorspiel in seiner natürlich ansteigenden Dynamik, mit vorwärtsdrängender Energie schichtet er die Ebenen übereinander und lässt einen schillernden Klang entstehen. In flüssigen Tempi gestaltet er die dichte Folge der Handlungsabläufe der 2. Szene, immer in sicherer Abstimmung mit dem Bühnengeschehen.

Die Verwandlungsmusiken zur 3. Szene, gewaltige sinfonische Zwischenspiele,  von den „Bergeshöhen“ nach „Nibelheim“ und wieder zurück, beeindrucken mit den plastischen, bis in die Tiefenschichten ausgeloteten Motiven und dissonanten Bläserakkorden aus deren „Schwefelgewölk“ sich der präzise hämmernde Rhythmus der Ambosse mächtig in den Vordergrund drängt.

Nationaltheater Mannheim / Das Rheingold © Christian Kleiner
Nationaltheater Mannheim / Das Rheingold © Christian Kleiner

Yona Kim und ihr Team erzählen Wagners Drama vom Werden und Vergehen einer Welt, vom Untergang der Götter im Kampf und Liebe und Macht, aus der Perspektive des Orchesters, dem eine „performative Qualität“ (Yona Kim) innewohnt und das im Spannungsfeld mit den Sängern zum komplexen epischen Erzähler, zum eigentlichen Protagonisten der Tetralogie wird. Eine neue  Sicht, die den Blick auf das Wagnerische Musikdrama mit seiner speziellen und einzigartigen Kompositionsweise der sinfonischen Leitmotivik ins Zentrum rückt.

Wagner selbst sprach vom „allwissenden Orchester“, das aufgrund seiner leitmotivischen  Funktion die szenische Ebene z.B. ergänzen, kontrapunktieren oder verstärken kann. Die Leitmotive, die Wagner im Ring vielfältig einsetzt, mutieren, entwickeln und verwandeln sich, werden Figuren oder Ideen beigeordnet, psychologisieren, erinnern Vergangenes oder kündigen Zukünftiges an und schaffen im Laufe der Handlung eine narrative Ebene, die einen eigenen semantischen Bezug neben dem dramatischen Verlauf bildet.

Der Bühnenraum ist bis zur Hinterbühne geöffnet, (Bühnenbild: Anna-Sofia Kirsch) aus deren Dunkel Orchester-Pultleuchten ihr fahles Licht senden (Licht: Florian Arnholdt). Wir befinden uns wohl in einem erweiterten Orchestergraben, ein Bühnenbild gibt es nicht, dafür jede Menge Instrumente, einen Flügel, Requisiten. Nichts lenkt ab von der Handlung, von der Musik, vom Agieren der Protagonisten, Theater als purer Spielort. Ein Kameramann schleicht ab und zu über die Bühne, der gezielt Filmisches beisteuert, mal wird mit Video das Backstage aufgenommen, das auf den Vorhang projiziert wird, oder ein Gesicht wird überdimensional abgebildet, eine sinnvolle Erweiterung zur dramatischen Handlung, (Video: Benjamin Jantzen), (Livekamera: Benjamin Lüdtke).

Der Projektions-Vorhang teilt, von oben herabhängend, den Bühnen-Vorderraum, auf welchen immer wieder wechselnde Projektionen zu sehen sind. Es entsteht eine kammerspielartige Szene, auf deren schwarzem Hintergrund sich die durchweg hell gekleideten Götter (Kostüme: Falk Bauer) wie Lichtgestalten (-Alben) ausmachen, aber weit gefehlt.

Die Regisseurin Yona Kim hat das Figurenarsenal einer sehr genauen Analyse unterzogen und heutige Menschen auf die Bühne gestellt, sie mit all ihren Schwächen gezeigt, und den Kampf um die ewig gleichen großen menschlichen Fragen in einen neuen Kontext gestellt.

Wagners Regieanweisungen zu den einzelnen Szenen werden eingeblendet, was nicht frei von Ironie ist.

Zuvor aber sehen wir die Rheintöchter, drei silbern ausstaffierte Glamour-Girls, die in Standmikrophone singen, bis Alberich, der aus dem Zuschauerraum auf die Bühne kommt und ihr selbstzufriedenes Treiben stört. Alberich ist eigentlich ein lieber Kerl, kein abstoßendes „schwarzes, schwieliges Schwefelgezwerg“. Er weint, da keines der Girls ihn lieben will, auch er hat eine empfindsame Seele. Deshalb verflucht Alberich die Liebe, die Goldbarren, die er raubt, um daraus den Ring der Macht zu schmieden, werden auf den Vorhang projiziert, der Kampf um die Weltherrschaft beginnt.

Vor Beginn der 2.Szene treten Orchestermusiker mit ihren goldglänzenden Blechblasinstrumenten vor den Vorhang und lassen Kondenswasser ab.

Die Götter zeigt Yona Kim als dekadente Sippschaft gelangweilter High Society Typen, die in einer Blase narzisstischer Selbstbespiegelung in den Tag hinein leben und keinerlei Interesse an den Problemen der Welt zeigen. Allen voran Wotan, ein eitler Geck mit hipper Sonnenbrille, Fricka, eine snobistische Modepuppe, Freia eine Art „männermordender“ Vamp, die sich lasziv auf dem Flügel räkelt und mit Fasolt rummacht. Donner und Froh sind coole, stylische Typen, die Riesen tragen Fräcke, sind wohl Musiker und führen später Kontrabässe mit sich, die mit Hemd und Krawatte ausstaffiert sind.

Loge ähnelt Wotan äußerlich, ein weißhaariger, aalglatter Opportunist, der während der ganzen Szene als stiller Beobachter anwesend ist und das böse Spiel längst durchschaut hat. Erst als Loge aktiv in die Handlung eingreift, kommt Leben in die Figuren, besticht das Konversationsstück mit seinem Witz und der Ironie, werden die dicht gedrängten Ereignisse zum spannenden Motor des Geschehens.

Stark wirkt die Wandlung des Alberich vom Underdog zum Neureichen, der nun, auch äußerlich aufgewertet, den Ring der Macht führt und seinen Bruder Mime ausbeutet.

Wenn Alberich sich in einen Riesenwurm verwandelt, werden Blechblasinstrumente hereingetragen, die zu Kontrabasstuba und Wagner Tuben auf dem Boden einen Wurm nachbilden. Allerdings bleibt das szenisch der einzige Hinweis auf Alberichs Metamorphose, er dreht sich bei „Krumm und grau, krieche Kröte“ einfach um und ergreift eine Flöte, was wie eine Verlegenheitslösung wirkt.

Alberich wird mit einer langen Leine am Flügel festgebunden, auf welchem er später stehend seinen verhängnisvollen Fluch ausstößt, eine eindrückliche Szene und absoluter Höhepunkte dieser Aufführung. Er verlässt die Bühne über den Zuschauerraum, so wie er gekommen ist. Die Riesen bringen sowohl Freia als auch jeweils einen seriös gekleideten Kontrabass, mit welchem Fafner seinen Bruder Fasolt erschlägt.

Freias Maß wird hinter Instrumentenkoffern genommen, den Schimmer von „Holdas Haar“ bedeckt eine Preußische Pickelhaube, die sich Freia sogleich modebewusst aufsetzt.

Die Urmutter Erda, eine reifere Dame im Kostüm mit toupierter Frisur, singt aus der Tiefe des realen „allwissenden“ Orchestergrabens, quasi „konzertant“, ihr „Weiche, Wotan, weiche“, was per Video auf den Vorhang gestreamt wird. Dem Kontrabass wird nach Fasolts Tod ein blutiges Hemd übergestreift, was einen fast mehr schmerzt als der Mord an dem Riesen. Der Einzug der Götter nach Walhall erfolgt über einen roten Teppich in den Bühnenraum, auf dem die mediengeile Götter-Mischpoke, Champagner schlürfend und Küsschen verteilend „ihrem Ende zueilt“, als wäre nichts gewesen.

Zurück bleiben drei verzweifelte Rheintöchter, übergroß auf den Vorhang gebannt, und ein toter Riese.

Das Sängerensemble präsentierte sich durchweg auf eindrucksvollem Niveau, bis auf Jürgen Sacher als Loge waren alle Rollen mit hauseigenen Solisten besetzt,

Nationaltheater Mannheim / Das Rheingold © Christian Kleiner
Nationaltheater Mannheim / Das Rheingold © Christian Kleiner

Kammersänger Thomas Jesatko als Wotan zeichnete einen in seiner Entwicklung zwischen Eitelkeit und Verantwortung hin-und her gerissenen ambivalenten Charakter mit vorbildlicher Deklamation, Bühnenpräsenz und Klangfarbenreichtum. Balsamischen Wohllaut verströmte sein Wagner-Bariton bei „Abendlich strahlt der Sonne Auge“, ergreifend klang die vermeintlich rettende Idee „So grüß ich die Burg“, unterstützt vom strahlenden Trompetenmotiv, mit deren Heldengedanken er das Prinzip Hoffnung in die Welt setzt.

Der Loge von Jürgen Sacher ist ein kluger Strippenzieher, er kommentierte dezent ironisch, hielt die nötige Distanz und agierte stets mit Weitblick. Sein klar fokussierter und mühelos geführter Tenor besticht in jeder Lage mit vielfältigen Nuancen, idealer Diktion und Textdurchleuchtung. Sein Monolog „Immer ist Undank Loges Lohn“ geriet zum brillanten Kabinettstück.

Joachim Goltz als Alberich ist schlichtweg großartig und erntete für seine Darbietung tosenden Beifall. Er entlockt seiner wandlungsfähigen Stimme alle nur erdenklichen Schattierungen, vom schmeichelnd-naiven Werben um die Rheintöchter bis zum dramatischen Aufbegehren in der Fluch Szene, sein Bariton verfügt über ein riesiges Reservoir an Ausdrucksmöglichkeiten und Farben. Dazu kommt beste Textverständlichkeit und große darstellerische Ausstrahlung.

Mit seinem klaren, hellen und durchschlagskräftigen Tenor gestaltete Uwe Eikötter den Mime, mit klarer Artikulation und anrührendem Spiel lieferte er eine stimmige Charakterstudie. Die Riesen überzeugten nicht nur als kultivierte Bauherren mit Frack und Kontrabass, sie sorgten auch mit bass-baritonalem Wohllaut für jede Menge vokalen Glanz.

Sung Ha als verliebter Fasolt gab mit wunderschönen anrührenden Kantilenen seiner Sehnsucht Ausdruck „Ein Weib zu gewinnen“, Patrik Zielke als berechnender Fafner beeindruckte mit seiner dramatischen und mühelos geführten Bass-Stimme und seiner Gier nach Reichtum und Macht.

Die drei Rheintöchter klangen absolut homogen und agierten glänzend, mit jubilierenden Spitzentönen ließen Rebecca Blanz, Mirella Hagen und Maria Polanska verführerisch ihr Stimm-Gold leuchten.

Die Fricka von Jelena Kordic war als attraktive First Lady eine Augenweide, mit ihrem weichen Mezzo gab sie der Göttergattin sinnliche Klangfarben. Astrid Kessler setzte als frivole Freia mit ihrem jugendlichen Sopran viele Glanzlichter und steuerte dramatische Hilferufe bei. Nikola Diskic gab als Donner ein kultiviertes und kraftvolles „Heda, heda, hedo“ zum Besten, Joshua Whitener als Froh sang mit tragfähigem und mühelosen Tenor „Zur Burg führt die Brücke“.

Julia Faylenbogen mit ihrer samtenen und bruchlosen Altstimme überzeugte als wissende Erda, aus dem Graben und setzte mit dreimaligen mächtig anschwellendem „Höre“  „Urwissend der Sorge Stachel in Wotans wagendes Herz“.

Sehr langer, einhelliger Jubel für Alexander Soddy, Orchestermusiker, Solisten und das gesamte  Regieteam.

Ein spannender und verheißungsvoller Auftakt, man darf auf die nächsten Ring-Premieren gespannt sein.

 

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